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Greenpeace et al. entdecken Spontanmutation

Groß war das Jubelgeschrei am Montagmorgen. Eine Gruppe verschiedener Akteure – von der Anti-Gentechnik-NGO Greenpeace bis zum Lebensmittelverkäufer Spar – verkündete, man habe eine neue Methode gefunden, um Pflanzen, die mit modernen Genome-Editing-Verfahren gezüchtet worden sind, von konventionellen Pflanzen per Labortest zu unterscheiden. „Verstecken unmöglich“, „Neue #Gentechnik ist nachweisbar“, jubilierte der Verband Lebensmittel ohne Gentechnik e.V. auf Twitter:

Hintergrund: Seit Jahren wird diskutiert, ob und inwieweit neue Züchtungsmethoden wie CRISPR-Cas oder Zinkfingernuklease ähnlich zu regulieren sind wie klassische Gentechnik. Der EuGH hat sich in einer viel diskutierten Entscheidung festgelegt, dass die neuen Methoden rechtlich wie die klassische Gentechnik zu behandeln seien. Seitdem wurde vor allem von Wissenschaftsorganisationen die Forderung nach einer Novellierung des EU-Gentechnikrechts geäußert. Ein Hauptargument gegen die Regulierung neuer Züchtungsmethoden ist, dass eine zum Beispiel via CRISPR-Cas erreichte Punktmutation an einem einzelnen Basenpaar nicht von einer natürlich vorkommenden Mutation unterschieden werden kann. Und wie soll man etwas regulieren, dass sich vom unregulierten Pendant nicht unterscheiden lässt? Die PR-Aussagen von Greenpeace und Co suggerieren, dass dieses Argument jetzt mit einer neuen Methode ausgehebelt wurde. Doch ist das wirklich der Fall?

Ein Blick in die vollmundig angekündigte Veröffentlichung „A Real-Time Quantitative PCR Method Specific for Detection and Quantification of the First Commercialized Genome-Edited Plant“ gibt Aufschluss: Die Forscher haben eine Standardmethode zur Erkennung bestimmter Gensequenzen angewandt: die quantitative PCR, wobei „PCR“ für „Polymerasekettenreaktion“ steht. Dieses Verfahren ist alles andere als neu. Neu ist lediglich die Anwendung des Verfahrens auf eine ganz bestimmte Eigenschaft, auch „Event“ genannt: Untersucht wurde die Herbizidtoleranz einer Rapssorte der Biotechnologie-Firma Cibus. Zielsequenz ist eine Punktmutation am Gen „AHAS1C“, die eben jene Toleranz gegen ein bestimmtes Herbizid bewirkt. Die Eigenschaft wird in der Veröffentlichung folgendermaßen beschrieben:

„Canola event BnALS-57 was generated by oligonucleotide directed G-to-T mutagenesis at base pair 1676 of the AHAS1C gene. Variety 5715 was created by crossing canola BnALS-57 with the commercial Clearfield canola variety SP Cougar CL [30,37,38], in which a G-to-T mutation at position 1667 of the AHAS3A gene was created by chemical mutagenesis, conferring herbicide tolerance on the AHAS3A gene product. The result was a canola variety in which both the AHAS3A and AHAS1C genes carried mutations conferring tolerance to both sulfonylurea and imidazolinone herbicides, AHAS3A (via chemical mutagenesis) and AHAS1C (via ODM).“

Kurz gefasst bedeutet das: Der Event BnALS-57 wurde erreicht, indem im Gen AHAS1C über ODM (Oligonukleotid gerichtete Mutagenese) eine Punktmutation induziert wurde. ODM wird dem Genome Editing zugerechnet.

In einem Dokument der kanadischen Zulassungsbehörde zum untersuchten Event wird die Genese von BnALS-57 komplett anders dargestellt :

„The petitioner hypothesized that the single nucleotide mutation was the result of a spontaneous somaclonal variation that occurred during the tissue culture process, and not due to the specific oligonucleotide used in the RTDS protocol.“

Euroseeds, der Verband der europäischen Saatgutunternehmen, schreibt in einer Stellungnahme:

„In addition, CIBUS, the developer of the respective varieties analysed in the publication, confirmed towards Euroseeds that the varieties were in fact developed from spontaneous somaclonal variation. With this the publication provides a method to detect a single point mutation originating from a non-gm mutagenesis method.“

Max-Planck-Direktor Detlef Weigel bestätigt dies in einem Facebook-Post:

„Der Vizepräsident von Cibus war Postdoc bei mir in den 1990ern. Er hat mir bestätigt, dass die angeblich „gentechnisch veränderte“ Rapssorte auf eine spontane Mutation zurückzuführen ist. Ich hatte genau das vermutet, dass die Mutation gar nicht die ursprünglich beabsichtigte war. Sie wurde gefunden, weil phänotypisch (nach Herbizidresistenz) und nicht molekular (nach einer bestimmten Mutation) gesucht wurde.“

Damit ist klar: Die Punktmutation, die in der von Greenpeace et al. finanzierten Auftragsstudie gefunden wurde, ist gar nicht durch Genome Editing entstanden, sondern spontan während des Zellkulturprozesses. Damit haben die Autoren der Auftragsstudie eben nicht sogenannte neue Gentechnik nachgewiesen, sondern „nur“ eine Spontanmutation und damit konventionelle Züchtung. Verwunderlich ist, dass die Autoren selbst als Quelle ein Dokument der kanadischen Zulassungsbehörde nennen und trotzdem falsche Angaben machen.

Hier wird deutlich, dass die vermeintlich neue Methode nur feststellen kann, ob eine bestimmte Mutation vorhanden ist. Sie kann nicht zeigen, auf welche Art und Weise die Veränderung hervorgerufen wurde. Diese Information muss zusätzlich von außen, zum Beispiel durch das Zuchtunternehmen, gegeben werden. Diese Einschränkungen räumen die Autoren selbst ein und verweisen darauf, dass bereits jetzt unerkannte GMOs auf dem Markt sein könnten:

„Consequently, many such GMOs have been commercialized, and it is quite possible that there are unapproved GMOs in the marketplace, even now, that have not been detected because they do not carry any common sequences. Thus, unauthorized genome-edited products represent just one new class of unauthorized genetically modified products, among others, that cannot be detected by using the existing screening strategy.“

Von wegen „Verstecken unmöglich“!

Nichtsdestotrotz hat die PR-Maschinerie funktioniert. Nachrichtenagenturen wie dpa oder AFP übernahmen die Headlines ungeprüft:

Bundesumweltministerin Svenja Schulze ließ vermelden, dass sie die neue Methode begrüße:

Wer sagt es ihr?

Bildnachweis: Christian-Albrechts-Universität zu Kiel: „Neue Züchtungstechniken für höhere Rapserträge“