Nuhr im Ersten vom 26. September 2019, Mitschrift

Hier ist das Video der Sendung:

 

Die relevanten Passagen zu Greta habe ich zum Nachlesen rausgeschrieben:

„Aber erst kommt der Herbst. Ich bin gespannt, was Greta macht, wenn es kalt wird. Heizen kann es ja wohl nicht sein.
[Tosender Applaus]

„How dare you?“, hat sie gesagt, „wie könnt Ihr es wagen?“ Ja, wir müssen diese Kritik ernst nehmen. Wir haben eine Welt geschaffen, in der siebeneinhalb Milliarden Menschen bei wachsendem Wohlstand und wachsender Gesundheit immer älter werden, – das ist beschämend – eine Welt, in der 90 Prozent der Kinder zur Schule gehen – Mädchen wie Jungen, aber der Klimawandel kommt. Und Greta will, dass wir in Panik geraten. Nun war Panik eigentlich noch nie ein guter Ratgeber, aber natürlich muss was passieren: Ich werde, weil meine Tochter zu den Freitagsdemos geht, im Kinderzimmer nicht mehr heizen. [Gelächter, Applaus] Bitte, irgendjemand muss anfangen. Und ich habe auch ein schlechtes Gewissen. Ich bin viel unterwegs, auch Flugzeug, auch Auto, weil: Ich bin Tourneekünstler. Sicher, ich könnte meine Tournee auch wie Greta mit dem Segelschiff machen. Von Ulm nach Rostock – das geht. Donau runter, Schwarzes Meer, Zypern links liegen lassen, Gibraltar, Ärmelkanal, Ostsee – schon ist man da! Das Klimapaket der Bundesregierung wird es nicht bringen. Es bringt, glaube ich, exakt – nichts. Es ist so eine Art Globuli, wo man hofft, die Erde glaubt, dass es wirkt. [Applaus] Ich glaube, wenn wir die 54 Milliarden, die das Paket kostet, in Forschung gesteckt hätten, das wäre was gewesen. Aber egal, manchmal habe ich so Anfälle, da denke ich ganz naiv, in der Politik ginge es darum, was zu erreichen. Wie dumm von mir. ‘Tschuldigung. Aber als älterer Herr sollte man sich wahrscheinlich sowieso in dieses Thema gar nicht einmischen, schon gar nicht mit Argumenten. Dass Mobilität Bedingung für die Grundversorgung der Bevölkerung sei oder solche Sachen. Als Schulkind interessiert mich doch die Grundversorgung nicht, das machen doch die Eltern. Und bei den Lehrern, die jeden Freitag mitlaufen, ist der Staat zuständig. Im gesamten Erziehungsapparat dieses Landes ist niemand, der wüsste, was Wirtschaft bedeutet. Und deshalb sagt Greta: „How dare you?“, bloß wegen der Wirtschaft, hat sie gesagt, also bloß wegen Nahrung, Kleidung, Heizung usw. Natürlich kann jeder was tun, mehr Bahn fahren usw. Die Bahn hat ja jetzt gemeldet, dass die ICEs schon heute zu 100 Prozent mit erneuerbaren Energien fahren: Wind, Sonne – und das finde ich schön! Und jetzt weiß ich auch, warum die Bahn nachts nicht fährt. Im Dunkeln ist häufig der Solarstrom alle. Ich freue mich, wenn dann zum ersten Mal im ICE die Durchsage kommt: „Sehr verehrte Fahrgäste, wir warten auf Wind.“ Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich finde es gut, dass es Greta gibt, ganz ehrlich, dass die Dringlichkeit des Problems deutlich wird, dass die Ingenieure und Techniker mal anfangen zu arbeiten, weil: Ohne CO2 aus der Luft ziehen und Geoengineering wird das nichts werden. Da kommt jetzt ein bisschen Zug rein und das ist gut – Dank Greta. Aber, wenn unsere Kinder meinen, wir könnten diese Welt mit ein Bisschen Sonne und Wind antreiben, dann sollten wir Eltern ihnen ein Hamsterrad mit Dynamo ins Kinderzimmer stellen, da können sie dann ihre Handys aufladen und dann im Kerzenschein Gedichte lesen. Rilke: „Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren und auf den Fluren lass die Winde los.“ Die Kinder werden kotzen, sage ich Ihnen, und rufen: „Scheiß auf das Klima. Ich will Netflix!“ Und dann werden wir sagen: „Streaming erzeugt doppelt so viele Emissionen wie der internationale Flugverkehr.“ Das ist kein Scherz, das ist Tatsache Ich finde es übrigens auch bedauerlich: Es ist alles schwierig geworden.“

[…]

„Monika Gruber. Habe ich das richtig gehört? Hat Sie was gegen Greta gesagt? Oh Gott, das gibt wieder einen Shitstorm … „Das ist die heilige Greta“, hat sie gesagt mit so einem ironischen Unterton. Einige halten sie ja sogar für den neuen Jesus, also nicht Monika, sondern Greta. Aber das stimmt nicht, dann wäre sie nicht nach Amerika gesegelt, sondern zu Fuß rübergelaufen. Greta ist sakrosankt, wie man früher sagte. Darf man überhaupt Witze über Greta machen? Ich meine, sie meint es doch gut, sie ist ein Mädchen. Ein Mädchen, das allerdings fordert, dass die ganze Welt ihr folgt, und ich finde, da darf man schon mal ein Witzchen machen, oder? Es ist gut, dass sie da ist, aber man sollte sie nicht mit dem Messias verwechseln, das tun viele. Wenn das, was Greta fordert, also nur noch öko, regional usw., wenn das kommt, dann ist das der geforderte Systemwechsel, keine Frachtschiffe mehr, keine Flüge, das Ende der globalisierten Wirtschaft, wer so etwas Einschneidendes knallhart einfordert, sollte selbst nicht zu sensibel sein und weinen und aufstampfen, wenn nicht alle sofort mitmachen. Sie sagt, es geht um Menschenleben. Da hat sie Recht. Die Frage ist nämlich: Wie viele Menschen kann man in regionaler Bio-Wirtschaft ernähren? Eine Milliarde, zwei vielleicht drei? Und die Frage ist, wo finden wir dann vier oder fünf Milliarden Freiwillige zum Ableben? Und wer sucht die aus? Macht Greta das selbst. Ich traue es ihr zu: Den Blick dafür hat sie. [Gelächter, Applaus] Natürlich bitte, sie ist ein pubertierender Teenager und da darf man auch radikal sein, auch mal richtig fanatisch. Wenn sie sagt: „How dare you“ – „Wie könnt Ihr es wagen?“ hat sie gefragt. Gute Frage: Wie konnten wir das wagen, ihr die Welt so hinzustellen, wie sie ist. Das kann ich ihr erklären: Weil wir die Welt, so wie sie ist, nicht einfach hingestellt haben, sondern weil sie über Jahrhunderte entstanden ist. Diesen Vorgang nennt man „Geschichte“. Vor 250 Jahren haben wir angefangen, eine Industriegesellschaft zu entwickeln, und als alles damals mit der Dampfmaschine anfing, wussten die Leute noch nicht, wo es enden wird. Und wenn wir jetzt das, was sich historisch über Generationen entwickelt hat, einfach abschalten, dann wird es Kriege geben Bürgerkriege, Flucht, Vertreibung, und nicht Millionen, sondern Milliarden Menschen werden sterben, weit mehr als durch einen Klimawandel. That‘s why we dare – weil wir nicht zurück können, sondern neue Technologien entwickeln müssen, CO2-Speicher, Algen, Plankton, Wälder, Pflanzen – das ist die einzige Chance, die wir haben. Deshalb!“

 

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