“Das wäre staatlich verordnete Ineffizienz”

“Das wäre staatlich verordnete Ineffizienz”

Am 25. Juli 2018 wird der Europäische Gerichtshof entscheiden, ob neue Züchtungstechnologien wie CRISPR/Cas unter das Gentechnik-Recht fallen sollen oder nicht. Grünen-Chef Robert Habeck hatte sich zuletzt dafür ausgesprochen, dass der Einsatz dieser Techniken auf jeden Fall reguliert werden muss. Die FDP-Bundestagsabgeordnete Carina Konrad plädiert für einen pragmatischen Ansatz im Umgang mit den neuen Technologien.

Frage: Frau Konrad, in Ihren Bundestagsreden ergreifen Sie Partei für die Landwirtinnen und Landwirte im Land. Welche Rückmeldungen haben Sie dazu bislang bekommen?

Antwort: Ich bin selbst Agraringenieurin, Landwirtin und Mutter. Diesem direkten Bezug zur Landwirtschaft verdanke ich meinen Antrieb und meine Motivation, mich in landwirtschaftliche Debatten einzubringen. Die Landwirtschaft ist viel besser als ihr Ruf. Auf meine Arbeit bekomme ich viel positive Resonanz aus der Landwirtschaft direkt und aus dem vor- und nachgelagerten Bereich. Besonders auch von Frauen, die mich für meinen Einsatz loben. Das freut mich sehr.

Frage: Gab es auch negative Resonanz?

Antwort: Klar. Wenn man eine Haltung hat, finden sich immer auch Menschen, die eine andere Haltung haben. Das ist ja auch gut so und ein wichtiger Bestandteil unserer Oppositionsarbeit. Als ich mich beispielsweise gegen einen nationalen Glyphosat-Ausstieg positioniert habe, gab es natürlich auch Gegenwind. Damit kann ich umgehen. Erschreckend finde ich aber die Verrohung der Sprache in sozialen Netzwerken. Wenn man mit Sprache konfrontiert wird, die weder sachlich noch an der Sache ist und die man, glaube ich, nie jemandem persönlich ins Gesicht sagen würde, schockiert das.

Frage: “Insektensterben”, “Nitrat-Klage”, “Glyphosat-Ausstieg”, “Massentierhaltung” – die öffentliche Debatte über Landwirtschaft wird von Schlagworten dominiert. Welche inhaltlichen Schwerpunkte setzen Sie in Ihrer Arbeit?

Antwort: Ich möchte meinen Teil dazu beitragen, die Abschaffung der Landwirtschaft in Deutschland aufzuhalten. Verbot von synthetischen Pflanzenschutzmitteln, Verschärfung der Düngeverordnung, das alles sind politische Forderungen, die sich aus diesen populistisch geführten Debatten ergeben. Diskutiert wird dabei von selbsternannten Experten, die das Thema Landwirtschaft missbrauchen, um in der Wählergunst der Nichtlandwirte zu steigen, indem sie mit falschen, vermeintlich wissenschaftlichen Studien, Angst und Panik verbreiten. Statt vor Ort die Probleme mit den Akteuren gezielt anzugehen und nach Lösungen zu suchen, wird regelmäßig eine neue Sau durchs Dorf getrieben. Das führt nicht zu Verbesserungen, sondern zerstört die Existenz der landwirtschaftlichen Familienbetriebe, genau die also, die wir doch eigentlich erhalten wollen. Junge, gut ausgebildete Landwirte gehen lieber woanders arbeiten, statt den Hof zu übernehmen. Damit wird sich die Produktion weiter ins Ausland verlagern, die Hühnerhaltung hat das bereits gezeigt. Für den Verbraucher verbessert sich nichts, für die Umwelt verbessert sich nichts.

Frage: Grünen-Chef Robert Habeck hat kürzlich im Interview mit der FAZ (€) behauptet, die anderen Parteien hätten sich zu den neuen Züchtungstechnologien wie CRISPR/Cas und Co noch gar nicht positioniert. Stimmt das? Hat die FDP dazu keine Meinung?

Antwort: Wir Freie Demokraten setzen auf einen vorurteilsfreien und transparenten Umgang mit neuen Technologien, so auch bei der Gentechnik und den neuen Züchtungsmethoden. So steht es auch in unserem Wahlprogramm. Interessant ist aber schon, dass diese Kritik ausgerechnet von den Grünen kommt. Ich erinnere daran, dass Herr Habeck, als er das Thema “neue Züchtungsmethoden” lautstark auf die Agenda gesetzt hat, umgehend von Herrn Häusling in die Schranken gewiesen wurde.

Frage: Herr Habeck will, dass die modernen Verfahren auch reguliert werden sollen wie die klassische Gentechnik. Wie sehen Sie das?

Antwort: Das wäre staatlich verordnete Ineffizienz. Die neuen Züchtungsmethoden unterliegen bereits strengen Vorgaben und wir brauchen insbesondere in der Landwirtschaft Pflanzensorten, die sich schneller an Klimaveränderungen und Krankheiten anpassen können. Ich sehe hier also ganz konkret die Chancen: Ohne die von Herrn Habeck angestrebten Regulierungen könnten alle enorm von Züchtungsfortschritten profitieren. Im Ökolandbau könnte man vor allem beim Wein, aber auch in Kartoffeln und anderen Kulturen Pilzresistenzen enorme Kupfermengen einsparen, die derzeit dort nicht zu ersetzen sind und u. a. schädlich auf die Regenwürmer wirken. Und in der konventionellen Landwirtschaft könnten Pflanzenschutzmittel eingespart werden durch Resistenz gegen Schädlingsfraß bei Mais, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Mittels Genome Editing entwickelte Pflanzen unter die Definition für einen gentechnisch veränderten Organismus zu stellen, wäre ein herber Schlag für den Forschungs- und Wirtschaftsstandort Deutschland. Denken Sie an alle kleinen und mittleren Unternehmen, die kaum noch eine Chance hätten, mit den großen mitzuhalten, weil die Verfahren schlichtweg zu teuer würden. Da sie ihren Standort nicht mal eben ins Ausland verlagern können, wären sie von Zukunftstechnologien abgeschnitten. Neue Züchtungsmethoden mit den hohen bürokratischen Gentechnikauflagen zu belasten, hilft nur den großen Anbietern von Saatgut und koppelt die kleinen – oft noch von Familien geführten – Zuchtbetriebe vom Markt ab. Das kann meinem Verständnis nach nicht im Sinne der Zukunft deutscher Forschung und Innovation sein. Schließlich sind es besonders die regionalen Züchter, die schnell auf die Gegebenheiten vor Ort eingehen können und ihren Standort kennen.

Frage: Im Koalitionsvertrag schreiben die Regierungsparteien: “Im Anschluss an die noch ausstehende Entscheidung des Europäischen Gerichtshofes (EuGH) zu den neuen molekularbiologischen Züchtungstechnologien werden wir auf europäischer oder gegebenenfalls nationaler Ebene Regelungen vornehmen, die das Vorsorgeprinzip und die Wahlfreiheit gewährleisten.” Haben Sie schon einen Tipp, in welche Richtung sich die Bundesregierung bewegen wird?

Antwort: Die fehlende Absprache und die Disharmonie zwischen den zuständigen Ministerien sind offenbar. Sagt Klöckner “hüh”, sagt Schulze “hott” und umgekehrt. Durch die Vereinbarung im Koalitionsvertrag hält sich die SPD das Hintertürchen der nationalen Regelung offen und die Erfahrung aus der letzten Legislatur zeigt ja die Durchsetzungsstärke der SPD.

Frage: Was macht Sie da so sicher?

Antwort: Das Bundesumweltministerium hat ja bereits vorgesorgt. In puncto Wahlfreiheit wurden ja durch die Fachstelle für Gentechnik und Umwelt frühzeitig die Meinungen bestellt, die demnächst gebraucht werden. Das ist ein bisher einmaliger Vorgang in einer Bundesregierung. Ich bin entsetzt darüber, dass die Bundesregierung mit der Beauftragung einer sogenannten „Fachstelle für Gentechnik und Umwelt“ offiziell Forschungspolitik durch Meinungspolitik ersetzt. Wer hier Expertise und eine ausgewogene Darstellung von fachlich aufgearbeiteten Argumenten erwartet, wird leider maßlos enttäuscht. Hier werden keine Fachleute mit unabhängiger wissenschaftlicher Expertise benannt, stattdessen setzt man auf Meinungsbildung mit selbsternannten Experten, die bekannte Gentechnikgegner sind. Diese bekommen hierdurch einen offiziellen Anstrich, obwohl der so aussehen müsste, dass sie unabhängig und vor allem unvoreingenommen bewerten, ohne ihr Ergebnis zuvor schon zu kennen. Man muss sich das mal vorstellen: Hier soll ein Beirat, dem Aktivisten durchweg gentechnikkritischer NGOs angehören, beobachten, wie NGOs sich effektiv in die gesellschaftliche Meinungsbildung einbringen können. Das wäre so, als würde eine von der Bundesregierung eingerichtete Fachstelle für Kernenergie und Atomsicherheit mit dem Deutschen Atomforum besetzt. Der Aufschrei wäre – zu Recht – riesig und die Welle der Empörung groß. Genauso ist das hier. Das Ergebnis ihrer Beratung steht bereits heute fest, und schlimm daran ist, dass die Informationen, die Fachstelle und Beirat “dem öffentlichen Diskurs” zur Verfügung stellen werden, auch noch faktisch falsch sind.

Frage: Wenn Sie auf die vergangenen Monate zurückblicken, was hat Sie am meisten überrascht?

Antwort: Dass es so lange gedauert hat, bis die Menschen verstanden haben, warum Jamaika nicht funktionieren konnte.

Frage: Und am meisten gefreut?

Antwort: Dass meine Familie mich mit Rat und Tat und Verständnis unterstützt, denn ohne diese Unterstützung wäre das alles nicht möglich.

 

Zur Person:

DSC_8501

Carina Konrad wurde 1982 im Hunsrück geboren. Dort bewirtschaftet sie heute mit ihrer Familie einen landwirtschaftlichen Betrieb mit Ackerbau und Viehzucht. Sie ist verheiratet und hat drei Kinder. Die studierte Agraringenieurin (FH) wurde 2017 erstmals in den Deutschen Bundestag gewählt. Carina Konrad ist stellvertretende Vorsitzende des Ausschusses für Ernährung und Landwirtschaft.

Bildnachweis: Peter Dhein, pd Fotografie

 

 

Bildnachweis: Peter Dhein, pd Fotografie

Kommentar: Rolle rückwärts

Kommentar: Rolle rückwärts

“Wir dürfen uns nicht von Ängsten leiten lassen”, betitelt (€) die FAZ heute ein Interview mit dem Grünen-Vorsitzenden Robert Habeck. Doch wer sich angesichts dieser Headline Hoffnung gemacht hatte, dass Habeck hier die kürzlich angestoßene offene Debatte um Grüne Gentechnik weiterführt, wird bitter enttäuscht.

Statt nüchtern über Vor- und Nachteile klassischer Gentechnik und neuer Züchtungstechnologien zu diskutieren, entwickelt der Parteichef in seinen Antworten die übliche grüne Rhetorik: Bayer habe mit Monsanto auch den “extrem verstörenden” Ruf von Glyphosat erworben. Es sei weltweit genug Nahrung (“ausreichend Kalorien”) da, sie werde nur nicht gut verteilt. Direktzahlungen wirkten wie Exportsubventionen und schädigen afrikanische Märkte. Der Hunger in Mangelregionen mache Länder zwar politisch instabil, das sei aber kein Grund, “den industriellen Kreislauf der Landwirtschaft noch schneller” zu drehen. CRISPR/Cas und Co sei letztlich auch Gentechnik – was sonst? Konzerne brächten über Saatgut-Patente die Bauern in Abhängigkeit. Gentechnik werde immer nur in Kombination mit Pestiziden auf den Acker gebracht.

Zu den neuen Züchtungstechnologien positioniert sich Robert Habeck folgendermaßen:

“Diese neue Technik bringt kein artfremdes Gen ein, sondern simuliert einen natürlichen Prozess, im Schnellverfahren. Die Forscher sagen, es sei von natürlichen Verfahren nicht zu unterscheiden. Wenn es Saatgut gäbe, das mit weniger oder gar ohne Pestizide auskäme, wäre es für alle, auch meine Partei, eine echte Herausforderung, sich zu positionieren. In jedem Fall aber müssen solche Verfahren reguliert und kontrolliert werden.”

Selbst für den Fall, dass der EuGH in der kommenden Woche entscheidet, dass die neuen Züchtungstechnologien nicht unter die Gentechnik-Gesetzgebung fallen, fordert Habeck:

“Das Vorsorgeprinzip muss gelten. Zu sagen, das ist keine Gentechnik und deswegen regulieren wird das nicht, fände ich fatal. Es muss kontrollierte Anbauversuche und Testreihen geben. Bisher haben wir einen völlig unregulierten Zustand. Deshalb ist die Debatte zwingend.”

Was nützt es, wenn die Grünen nicht mehr “gegen” die neuen Züchtungstechnologien sind, aber eine Regulierung dieser Verfahren fordern? Gar nichts nützt das! Müssten etwa CRISPR-Pflanzen genauso reguliert werden wie mit klassischer Gentechnik entwickelte Nutzpflanzen, würden wieder nur die großen Konzerne von diesen Technologien profitieren. Denn die Technik ist nicht kostspielig, wohl aber die aufwendigen Auflagen der Gentechnik-Regulierung.

Die zitierten Statements zeigen zudem mehrere Missverständnisse und Inkonsquenzen auf:

• Bereits mit klassischer Gentechnik sind Pflanzen entwickelt worden, die mit weniger Pestiziden auskommen: Bt-Mais und Bt-Auberginen sind resistent gegen Schädlingsfraß, wodurch massiv Insektizide eingespart werden können. Dieser Vorteil wurde mehrfach wissenschaftlich bestätigt. Warum ist das für die Grünen nicht schon Anlass genug, das Thema Gentechnik ergebnisoffen neu aufzurollen?

• Wenn sich das Ergebnis nicht von den Ergebnissen “natürlicher Verfahren” unterscheidet, warum soll dann das eine Ergebnis (Genome Editing) kontrolliert und reguliert werden, das andere (“natürliche Verfahren”) aber nicht? Wenn ich hier das Vorsorgeprinzip anführe, muss ich doch in letzter Konsequenz das natürliche Produkt erst recht testen und regulieren, weil ich das mit all seinen Eigenschaften viel schlechter kenne. Und was ist überhaupt mit den Produkten chemischer und radioaktiver Mutagenese? Manche Ergebnisse dieser Verfahren sind so massiv verändert, dass sie gar nicht lebensfähig sind. Hier soll das Vorsorgeprinzip nicht greifen? Das ist inkonsequent.

• Auch konventionelle Züchtungen werden nicht “völlig unreguliert” und unkontrolliert auf den Markt gebracht. Basis für die Zulassung ist das Saatgutverkehrsgesetz. Nach diesem Gesetz kann die Zulassung versagt werden, “wenn hinreichende Gründe für die Annahme bestehen, dass die Sorte ein Risiko für die Gesundheit von Menschen, Tieren oder Pflanzen oder die Umwelt darstellt, insbesondere, wenn der Anbau die Gesundheit von Menschen, Tieren oder Pflanzen oder die Umwelt gefährdet.”

Als die Debatte um die Gentechnik von der grünen Parteispitze losgetreten wurde, gab es in den Sozialen Netzwerken unter dem Hashtag “#Gentechnikwende” unzählige Gesprächsangebote von Wissenschaftlern. Das wäre doch eine ideale Gelegenheit, seine Kenntnisse aufzufrischen und zu erweitern sowie offene Fragen zu klären, sollte man meinen. Nach diesem Interview habe ich den Eindruck, das ist gar nicht gewollt, und Robert Habeck sucht einen Weg zurück zu den üblichen ausgetretenen Pfaden.

Bildnachweis: Bündnis 90/Die Grünen Nordrhein-Westfalen (CC BY-SA 2.0)

SPD will CRISPR/Cas und Co regulieren wie Gentechnik

SPD will CRISPR/Cas und Co regulieren wie Gentechnik

Wie ich an anderer Stelle bereits schilderte, bleibt der GroKo-Koalitionsvertrag nebulös in der Frage, ob die neue Bundesregierung vorhat, die Anwendung neuer Züchtungstechnologien wie CRISPR/Cas zum Beispiel in der Nutzpflanzenzüchtung einzuschränken. Eine klare Sprache dagegen spricht die Antwort, die Prof. Dr. Reinhard Szibor auf seinen Offenen Brief an die Bundestagsabgeordneten vom SPD-Landesvorsitzenden Sachsen-Anhalt, Burkhard Lischka, erhalten hat. Dort heißt es:

“Wir stehen uneingeschränkt zum Vorsorgeprinzip. So wollen wir auch bei den so genannten Neuen Gentechniken nicht, dass mithilfe dieser Technologien erzeugte Pflanzen und Tiere unreguliert auf den Markt gelangen. Für uns sind Sicherheitsüberprüfungen und Kennzeichnung unverzichtbar, um den Vorsorgeprinzip gerecht zu werden und um Wahlfreiheit und Rückverfolgbarkeit zu gewährleisten.”

Damit ist es raus: Die SPD hat sich zum Ziel gesetzt, dass CRISPR/Cas und Co rechtlich genauso behandelt werden sollen wie die klassische Gentechnik. Das würde bedeuten, dass Pflanzensorten, die etwa mit CRISPR/Cas gezüchtet worden sind, einen aufwendigen und kostspieligen Zulassungsprozess durchlaufen müssten. Damit würden diese Techniken für kleinere und mittlere Zuchtunternehmen unerschwinglich werden. Außerdem müssen Lebensmittel gekennzeichnet werden, bei denen pflanzliche Produkte verarbeitet worden sind, bei denen in der Zucht neue Technologien zum Einsatz kamen. Wie das kontrolliert werden soll, ist völlig unklar, weil sich die Ergebnisse der neuen Züchtungstechnologien nicht von denen klassischer Zuchtverfahren unterscheiden lassen.

Schon die Wortwahl ist bemerkenswert: “bei den so genannten Neuen Gentechniken”. Die Fachwelt spricht von “neuen Züchtungstechnologien” oder “Genome Editing” und eben nicht von “Gentechnik”.

Auf europäischer Ebene gab es bereits eine Vorentscheidung in der Frage, wie die neuen Züchtungstechnologien rechtlich einsortiert werden sollen. Mitte Januar wurde der Schlussantrag von EU-Generalanwalt Michal Bobek veröffentlicht. Bobek zählt die neuen Züchtungstechnologien zu den Mutagenese-Verfahren  und kommt zu dem Schluss, dass Pflanzensorten, die mit neuen Züchtungstechnologien gezüchtet worden sind, nicht so reguliert werden sollen wie Sorten, die mit klassischer Gentechnik hergestellt worden sind, solange sie keine transgenen Anteile enthalten. Es wird erwartet, dass der Europäische Gerichtshof bei seinem Urteil dieser Einschätzung folgen wird.

Der Schlussantrag stellt auch klar, wie in dieser Sache das Vorsorgeprinzip anzuwenden ist:

“Maßgebend ist in allen diesen Fällen indes, dass zumindest erkennbare, auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhende Risiken bestehen müssen (22). Anders als bei dauerhaften Maßnahmen liegt die Schwelle für die Anwendung des Vorsorgegrundsatzes bei vorläufigen Maßnahmen niedriger. Es müssen jedoch jedenfalls eindeutige Daten zu dem oder den behaupteten Risiken vorliegen, die durch ein Mindestmaß an wissenschaftlichen Daten untermauert werden müssen, die aus einer Mindestanzahl verschiedener zuverlässiger, unabhängiger nationaler oder internationaler Quellen stammen. Die bloße Befürchtung eines durch etwas Neues ausgelösten Risikos oder ein vage und allgemein behauptetes Risiko eines Risikos, soweit nicht abschließend festgestellt werden kann, dass das Neue sicher ist, stellen keine ausreichende Grundlage für eine Anwendung des Vorsorgegrundsatzes dar.”

Der Verweis auf hypothetische Risiken, die ggf. momentan noch nicht abzuschätzen sind, genügt danach nicht, um sich auf das Vorsorgeprinzip zu berufen.

Auch in Sachen EU-Zulassung gentechnisch optimierter Sorten enthält der Brief Lischkas Bemerkenswertes:

“Wir wollen in der Zulassungsdebatte eine stärkere Gewichtung der gentechnikkritischen Forschungen, um dem Vorsorgegrundsatz der Umwelt- und Naturschutzpolitik gerecht zu werden.”

Die SPD will eine “stärkere Gewichtung der gentechnikkritischen Forschungen“? Ich dachte immer, eine wissenschaftliche Bewertung sollte unvoreingenommen sein? Anscheinend nicht bei der SPD. Die weiß vorher schon, welche Ergebnisse relevant sind.

Zirkulär ist auch die Argumentation, warum man auf Grüne Gentechnik verzichten will:

“Die Auskreuzung von GVO in die Natur und die Durchdringung von Saatgut- und Warenströmen ist nur zuverlässig zu vermeiden, wenn möglichst großräumig auf grüne Gentechnik verzichtet wird.”

Eine Vermischung ist doch nur dann problematisch, wenn die Komponente, die sich untermischt, selbst als problematisch erachtet wird. Die SPD ignoriert hier Jahrzehnte – auch öffentlich finanzierter – Bio-Sicherheitsforschung, die bei gentechnisch veränderten Organismen keine besonderen Risiken feststellen konnte, die aus dem Züchtungsverfahren an sich resultieren. Stattdessen bemüht Burkhard Lischka Parolen:

“Deshalb haben wir uns für eine Novellierung des Gentechnikgesetzes eingesetzt, die praktikable und rechtssichere bundesweite GVO-Anbauverbote regelt und dafür sorgt, dass unsere Felder weiterhin gentechnikfrei bleiben.”

Juhu, “unsere Felder bleiben gentechnikfrei” – als ob das ein Wert an sich sei. Unsere Unis sind bald fortschrittsfrei, wenn sich solche Denkmuster durchsetzen sollten. Als einzige Rechtfertigung für diese Blockadehaltung führt der SPD-Abgeordnete die Bedenken der Bevölkerung an:

“Nicht nur in Deutschland – auch in ganz Europa lehnt die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger gentechnisch veränderte Pflanzen ab.”

Dazu ist zu sagen, dass diese Skepsis wahrscheinlich aus mangelndem Hintergrundwissen gepaart mit einseitiger Information durch NGOs und Medien resultiert. Umfragen wie die Naturbewusstseinsstudie 2015 zeigen, dass gerade jüngere Menschen mit einer besseren naturwissenschaftlichen Schulbildung der Gentechnik aufgeschlossener gegenüber stehen.

Bei einer Umfrage in den USA gaben rund 80 Prozent der Befragten an, dass sie begrüßen würden, wenn Lebensmittel obligatorisch gekennzeichnet sind, wenn sie DNA enthalten. Rund 82 Prozent unterstützen eine Kennzeichnung, wenn Lebensmittel mit Gentechnik erzeugt worden sind. Das heißt, hier wird gar nicht differenziert: DNA – Gene – Gentechnik – das ist alles irgendwie suspekt.

dna Labels.png
Quelle: http://agecon.okstate.edu/faculty/publications/4975.pdf

Ein ähnliches Zerrbild zeigt eine Umfrage von YouGov aus dem Jahr 2016: Nur 7 Prozent der Befragten geben an, überhaupt zu wissen, was sich hinter “Crispr/Cas9” verbirgt, aber 84 Prozent fühlen sich trotzdem kompetent genug, eine Einordnung vorzunehmen:

crispr meinen.png

Da gibt es noch viel zu tun – in Sachen Bildung und Aufklärung! Und Politik, die solche Stimmungsbilder als Grundlage für Positionen und Entscheidungen bemüht, öffnet dem Populismus Tür und Tor.

 

 

Ein ungeschriebener Brief

Ein ungeschriebener Brief

Ein ungeschriebener Brief vom M.-Management an die Politiker*innen der SPD, der GRÜNEN und der Linkspartei

Vorbemerkung: Dies ist ein Dankesbrief, der in Wirklichkeit nie geschrieben wurde, der aber mit Sicherheit in den Hirnen der Konzernmanager schon häufig so oder so ähnlich gedacht wurde.

Liebe Frau Bundesministerin Dr. Hendricks, lieber Herr Dr. Hofreiter, liebe Frau Wagenknecht, liebe Mitglieder der Bundestagsfraktionen von SPD, GRÜNEN und Linkspartei, die sich gegen die grüne Gentechnik profiliert haben,

wir, die Manager des M.-Konzerns, der zu den sechs großen, auch „BIG-AG“ genannten Konzernen gehört, die rund 75% des globalen Agrarchemiemarktes und 60% des Saatgutmarktes beherrschen, möchten Ihnen mit diesem Brief für Ihre hilfreichen Aktivitäten sehr herzlich danken.

Wir richten dieses Dankesschreiben an Sie, weil Sie sich um unsere äußerst starke Stellung im Markt sehr verdient gemacht haben. Und Sie tun auch jetzt wieder alles Erdenkliche, um diese starke Marktstellung weiter auszubauen. Die Herstellung gentechnisch verbesserter gv-Pflanzen ist ja sehr aufwändig. Man braucht teure Laborausstattungen und gut ausgebildete Wissenschaftler, die in der Lage sind, relevante Gene aufzuspüren und diese im Bedarfsfall abzuschalten bzw. sie transgen (d. h. artübergreifend) oder auch cisgen (d. h. innerhalb der Art) zu transferieren. Das ist eine Aufgabe, die nur finanzstarke Unternehmen leisten können. Der M.-Konzern hat zwar in den letzten Jahren pro Jahr 1,5 Milliarden Dollar (4. 1 Millionen täglich) für Forschung und Entwicklung ausgegeben. Aber Geld macht keine Erfindungen. Das tun Wissenschaftler, die gute Arbeitsbedingungen vorfinden. Wir sind Ihnen deshalb sehr dankbar, dass Sie dafür sorgen, dass gut ausgebildete Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Deutschland in die USA emigrieren. Dank Ihrer Verbots- Politik haben diese in Deutschland keine Perspektive. Sie können keine Freilandversuche durchführen, die unverzichtbar sind, und sie haben keine Chance, dass ihre Produkte in Europa jemals angebaut werden dürfen. Wir nehmen deutsche Wissenschaftler, die unsere Dominanz weiter stärken, also sehr gerne auf.

Mehr noch als der Aufwand für die Entwicklung von gv-Pflanzen belasten die Kosten für deren Zulassung. Insbesondere auch dank des deutschen Gentechnikgesetzes. Da schlagen 3-stellige Millionenbeträge zu Buche. Wie gut, dass durch Ihre konsequente Politik die kleinen Saatgutbetriebe, die natürlich auch kreativ sind und bis in die 90iger Jahre des vergangenen Jahrhunderts auch diese Forschung betrieben haben, sofort in den Ruin getrieben würden, sollten sie sich erfrechen, gv-Pflanzen nicht nur zu entwickeln, sondern auch in den Verkehr zu bringen.. Das würde sich ändern, würde man die Zulassungsprozesse vereinfachen und sich auf Notwendiges beschränken. Aber Sie verhindern das! Danke!!!

Neuerdings droht unserem Saatgutkonzern eine neue Gefahr. Es gibt jetzt die Methoden der Genom-Editierung (GE) wie z. B. Crispr/Cas9 und die Oligo Directed Mutagenesis. Damit kann man ganz gezielt und genau so, wie es zufällig in der Natur immer wieder geschieht, in das Erbgut eingreifen und einzelne DNA-Bausteine herausschneiden, einfügen oder auswechseln. Tut man das an geeigneten Stellen, lassen sich ausgewählte Gene abschalten. Man erhält dann Pflanzen mit gewünschten Eigenschaften, z. B. Ölsaaten mit gesteigertem Omega-3-Fettsäuregehalt, Tomaten oder Erdbeeren mit Reifeverzögerung, trockenheitsresistenten Mais, Erdbeeren mit mehr Aroma, mehltauresistenten Weizen, Getreide, das zwar Gluten enthält (um eine hohe Backqualität zu gewährleisten), aber der allergenen Komponenten beraubt ist. Das Beängstigende für unser Unternehmen ist, dass jetzt alles ganz einfach durchzuführen ist. Man braucht unsere hochausgerüsteten Labors dafür gar nicht mehr. Vor einigen Jahren haben BASF-Wissenschaftler die Kartoffel „Amflora“ geschaffen, indem sie das Gen für die Produktion der Stärkekomponente Amylose abgeschaltet haben. Das machte die Kartoffel wertvoll für die Produktion von Industriestärke. An „Amflora“ haben viele Wissenschaftler gearbeitet und die Zulassung hat 14 Jahre gedauert. Mit den neuen GE-Verfahren kann man das Abschalten des entsprechenden Gens ganz schnell erreichen. Eine Kartoffel mit den Vorzügen der „Amflora“ könnten heute zwei Studenten innerhalb eines Jahres mit GE als Praktikumsarbeit herstellen.

Wenn man wissenschaftliche Gesichtspunkte zugrunde legt, müsste das Produkt auch nicht besonders reguliert werden, weil ja nur ein einziger DNA-Baustein entfernt wird. In der sogenannten konventionellen Züchtung werden in einem Behandlungsschritt einer Pflanze mittels Radioaktivität oder giftigen Chemikalien 30- bis 50-Tausend Mutationen zugefügt und Sie, verehrte Damen und Herren, schlussfolgern daraus nicht, dass mutationsbasierte Züchtungen nach dem Gentechnikgesetz reguliert werden müssen. Also gibt es für die Züchtung mittels Gen-Editierung eigentlich keine rational begründbaren Hürden. Jeder auch noch so kleine Saatgut -Betrieb könnte an effektiver Züchtung teilnehmen. Damit wäre allerdings unsere starke Marktstellung für gv-Pflanzen gebrochen. Aber Gottseidank werden Sie, sehr geehrte Damen und Herren, durchsetzen, dass auch für Produkte des GE die Regulierungen des Gentechnikgesetzes mit den millionenschweren Zulassungskosten zum Tragen kommen. Damit ist der Wettbewerb zerschlagen und für uns lästige mittelständische Züchter werden vom Markt gefegt.

Es ist übrigens eine atemberaubende Demagogie-Leistung, die Sie da vollbringen! Sie reden den Menschen ein, dass das gezielte Einfügen einer einzigen Mutation durch GE-Verfahren gefährlich, das Erzeugen von 30.000 Mutationen mittels Radioaktivität oder Chemikalien aber unbedenklich sei, weil es ungezielt erfolgt. „Eins ist mehr als 30 000“ (1 > 30000) lautet Ihre Mathematik und die Menschen wählen sie dafür. Chapeau!

Was mehr Wettbewerb bei der Züchtung bedeutet, kann man sich am Bespiel der Aubergine in Asien anschauen. In Indien und Bangladesch werden mit dieser Frucht ca. 30% des Gemüsebedarfs gedeckt. Sie wird aber derart stark von dem Auberginenfruchtbohrer angegriffen, dass die Farmer dort in einer Saison 80- bis 120mal Gifte spritzen müssen. Da ist es natürlich schlecht, dass dortige Wissenschaftler gentechnisch eine Bt-Aubergine entwickelt haben, die man nur noch einmal gegen Blattläuse spritzen muss und sonst nicht. Was für ein Unglück, dass der Anbau von Bt-Auberginen in Bangladesch inzwischen in großem Umfang stattfindet und unser Giftverkauf dort eingebrochen ist. In Indien hatten wir mehr Glück. Dort haben Greenpeace und die heimischen Pestizidhersteller gemeinsam ein Anbauverbot für die Bt-Aubergine erreicht. Sie sehen, wir verdienen nicht mehr ordentlich, wenn wir die Entscheidungshoheit darüber verlieren, was gezüchtet wird und was nicht.

Bei so viel Lob von uns mögen Sie sich fragen, ob es uns nicht stört, dass Sie den Anbau von gv-Pflanzen in Deutschland durch eine Art „Morgenthauplan-Umsetzungsgesetz“ verhindern. Ja, wir würden schon gern gv-Saatgut wie MON810 in Deutschland verkaufen. Aber unser Marktanteil am Saatgut in Deutschland ist auch ohne Gentechnik hoch. Und außerdem hat ja die EU-Kommission gerade wieder sechs Genehmigungen für den Import von gv-Pflanzen erteilt. Dann verkaufen wir eben unser Saatgut in Südamerika, wo für die Versorgung Europas immer mehr Urwälder durch Felder ersetzt werden. Die Produkte werden dann in die EU exportiert. Da läuft unser Geschäft also auch gut.

Höchstes Lob verdient nicht zuletzt Ihr Einsatz für immer mehr Ökolandbau in Deutschland. Schon heute ist die EU (und damit auch Deutschland) der größte Netto-Importeur von Saatgut und Lebensmitteln weltweit. Die Erträge des Ökolandbaus liegen aber bis zu 50% unter denen der konventionellen Landwirtschaft. Mit anderen Worten: Je umfangreicher der Ökolandbau wird, umso stärker steigt der Importbedarf Deutschlands. Wir sind gerne bereit, diesen zusätzlichen Bedarf zu decken. Schließlich gibt es nach wie vor in Südamerika, z.B. im Amazonas-Gebiet, noch viele Waldflächen, die in Felder umgewandelt werden können. Steigern Sie also bitte durch die Ausdehnung der Ökolandwirtschaft weiter kräftig den Importbedarf Deutschlands und der EU – wir werden ihn gerne und zuverlässig decken!

Dürfen wir noch ein eher persönliches Anliegen von uns M.-Managern anfügen? Mit sehr gemischten Gefühlen haben wir zur Kenntnis genommen, dass unser Unternehmen von einem deutschen Konzern übernommen werden soll. Denn nach unseren Erfahrungen sind die deutschen Konzerne in sozialen und ökologischen Fragen oft wesentlich sensibler als wir in den USA. Das kostet dann aber viel Geld! Mit großer Freude haben wir deshalb zur Kenntnis genommen, dass Sie diese Übernahme ablehnen. Bitte tun Sie alles, um die Übernahme in letzter Minute noch zu verhindern. Wir werden dann gerne das Notwendige in die Wege leiten, damit Sie, liebe Frau Hendricks, liebe Frau Wagenknecht und lieber Herr Hofreiter von unserem großartigen America-first-Präsidenten Donald Trump mit den höchsten Orden der USA öffentlich geehrt werden. Außerdem würden wir sehr gerne in Anbetracht Ihres heroischen Kampfes gegen jede für uns lästige Konkurrenz und für viel mehr Saatgut- und Lebensmittel-Importe in die EU Ihre Parteien mit Spenden in beachtlicher Höhe unterstützen. Wir müssten allerdings gemeinsam einen legalen Weg finden, dass wir solche Spenden nicht offen legen
müssen. Denn das könnte unserer Symbiose, bei der wir das große Geld verdienen und Sie viele Wählerstimmen gewinnen, schwer schaden. Auf Ihre Vorschläge sind wir gespannt.

Wir wünschen Ihnen in diesem Sinne eine sehr erfolgreiche Legislaturperiode, die uns weiterhin gute Geschäftsjahre garantiert.

Mit freundlichen Grüßen
N. N.
(Stellvertretend für N.N wurde der Brief von Prof. Dr. Reinhard Szibor verfasst)

Dieser Brief wurde an alle Angeordneten des 19. Deutschen Bundestags verschickt. Der Bundestag hat den Eingang der Briefe am 21. Februar 2018 bestätigt.

 

Bildnachweis: Deutscher Bundestag/Achim Melde

 

Wie geht es weiter mit CRISPR/Cas und Co?

Wie geht es weiter mit CRISPR/Cas und Co?

Der neue Koalitionsvertrag zwischen den Unionsparteien und der SPD ist beschlossen und damit wurden auch für die Landwirtschaft wichtige Weichen gestellt. Viele Formulierungen geben nur eine Ahnung, wohin die Reise gehen soll, und lassen viel Interpretationsspielraum. Das hat Vor- und Nachteile: Einerseits ist es gut, dass man sich nicht konkret festlegt, weil auch in nicht mehr ganz vier Jahren viel passieren kann. Andererseits könnte eine Seite auf eine bestimmte Interpretation pochen, um ihre Ziele durchzusetzen. Dann wird sich vermutlich niemand mehr daran erinnern, dass das Papier notdürftig in Nachtsitzungen zusammen gezimmert worden ist.

Zu den neuen Züchtungsverfahren wie CRISPR/Cas und Co gibt es im Vertrag auch eine kurze Passage (S. 84/85):

“Im Anschluss an die noch ausstehende Entscheidung des Europäischen Gerichtshofes (EuGH) zu den neuen molekularbiologischen Züchtungstechnologien werden wir auf europäischer oder gegebenenfalls nationaler Ebene Regelungen vornehmen, die das Vorsorgeprinzip und die Wahlfreiheit gewährleisten.”

Allein die Wörter “Vorsorgeprinzip” und “Wahlfreiheit” wecken ungute Erinnerungen an die Behandlung der klassischen Gentechnik in der Pflanzenzüchtung durch den Gesetzgeber. Diese ist nämlich inzwischen so scharf reglementiert hinsichtlich der Zulassungshürden, der Haftungsfragen beim Anbau und der Kennzeichnung der Produkte, dass eine konkrete Anwendung hierzulande praktisch ausgeschlossen wird.

Dabei zeichnet sich auf europäischer Ebene eine Vorentscheidung ab in der Frage, wie die neuen Züchtungstechnologien rechtlich einsortiert werden sollen. Mitte Januar wurde der Schlussantrag von EU-Generalanwalt Michal Bobek veröffentlicht. Es geht um die Frage, ob Pflanzensorten, die mit neuen Züchtungstechnologien gezüchtet worden sind, so reguliert werden sollen wie Sorten, die mit klassischer Gentechnik hergestellt worden sind. Bobek sagt (verkürzt): Nein, wenn keine transgenen Anteile in der neuen Sorte sind. Es wird erwartet, dass der Europäische Gerichtshof bei seinem Urteil dieser Einschätzung folgen wird.

Jürgen Robienski und Martin Wasmer vom Centre for Ethics and Law in the Life Sciences der Universität Hannover bestätigen diese Einschätzung in einer aktuellen Veröffentlichung:

“Unserer Analyse gemäß sind durch Mutagenese gewonnene Organismen von allen Regelungen der Richtlinie ausgenommen und fallen auch nicht in den Anwendungsbereich der Legaldefinition des Begriffs des genetisch veränderten Organismus im Sinne der Richtlinie. Der Begriff Mutagenese ist zudem dynamisch auszulegen, nach dessen naturwissenschaftlicher Bedeutung, welche auch gezielte Mutagenese umfasst. Dies bedeutet, dass Produkte gezielter Mutagenese keine GVOs im Sinne der Richtlinie sind.”

Bereits im Jahr 2016 hatte das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) auch klar Stellung bezogen in dieser Frage:

“Im Ergebnis gilt daher, dass Pflanzen, die durch ODM- und CRISPR-Cas9-Techniken hervorgerufene Punktmutationen aufweisen, keine GVO im Sinne der Richtlinie sind. Denn maßgebend für die Einordnung als GVO ist nicht allein der Einsatz eines gentechnischen Verfahrens, sondern auch das dadurch entstehende Produkt. Dieses muss sich von Pflanzen unterscheiden, die auch durch herkömmliche Züchtungsmethoden entstehen könnten. Bei den hier einschlägigen Punktmutationen ist dies gerade nicht der Fall. Die genetischen Veränderungen könnten auch durch andere Mutagenese-Verfahren entstehen.”

Andere Bundesbehörden weichen von dieser vorherrschenden Meinung ab. So hat das Bundesamt für Naturschutz (BfN) inzwischen zwei Rechtsgutachten vorgelegt, auf deren Basis eine Regulierung der neuen Züchtungstechnologien empfohlen wird. In 2015 kam Professor Dr. Dr. Tade Matthias Spranger, Universität Bonn, im Auftrag des BfN zu dem Schluss, dass die neuen Züchtungsverfahren gar nicht erst als Mutagenese anzusehen seien. In 2017 legte Prof. Spranger nach und argumentierte, dass die Instrumentarien unseres Rechtssystems nicht ausreichen würden, um mögliche Umweltwirkungen der mit neuen Technologien gezüchteten Sorten zu regulieren. Diese Argumentation wurde vom BfN übernommen in einem Hintergrundpapier zum selben Thema:

“Für die Neuen Techniken besteht aus Sicht des Naturschutzes auch in Zukunft
Regelungsbedarf: Notwendig ist eine angemessene, am Vorsorgeprinzip orientierte Risikobewertung und ein Monitoring. Wesentlicher Grund ist das Potential dieser Techniken, Organismen zu erzeugen, die ein Risiko für Mensch, Natur und Umwelt darstellen können. Auch zukünftige technische Entwicklungen im Bereich der Neuen Techniken lassen sich nicht ausreichend genug abschätzen, um eine Vorhersage über mögliche zukünftige Risiken lediglich aufgrund der heute zugrundeliegenden Technologie zu treffen.”

Das BfN sieht die neuen Züchtungstechnologien als besonders riskant an und bemüht das Vorsorgeprinzip. Vor dem Hintergrund, dass die SPD das Umweltministerium behalten wird und damit auch die untergeordneten Behörden, sollten spätestens jetzt in der Pflanzenzucht-Branche und in den Forschungseinrichtungen alle Alarmglocken angehen. Für die mittelständischen Pflanzenzuchtbetriebe ist es essentiell, dass mit CRISPR/Cas und Co gezüchtete Sorten nicht wie Gentechnik reguliert werden müssen. Diese neuen Techniken sind bislang auch für kleinere Unternehmen erschwinglich. Das würde sich schlagartig ändern, wenn diese Sorten den anspruchsvollen Zulassungsprozess der EU durchlaufen müssten.

Von einer Naturschutzbehörde sollte man eigentlich erwarten, dass sie prüft, ob Innovationen auch das Potenzial haben, zum Umwelt- und Naturschutz beizutragen. Statt dessen wird offensichtlich Expertise zur Innovationsverhinderung generiert. Beispiel: In 2009 – das war Jahre vor der Entdeckung von CRISPR/Cas – veröffentlichte das BfN einen Abschlussbericht zum Forschungsvorhaben “Potenziale der Gentechnik bei Energiepflanzen”. Hier wurde geprüft wird, ob Gentechnik für die Züchtung von Energiepflanzen einen Beitrag leisten kann. Mit den neuen Möglichkeiten der Pflanzenzüchtung steht hier eine Neubewertung an. Auch konnte man bereits mit klassischer Gentechnik Kartoffeln züchten, die aufgrund eines Gens aus einer Wildkartoffel resistent sind gegen Krautfäule. Mit so einer Sorte ließen sich tonnenweise Fungizide einsparen. Wo bleiben die Machbarkeitsstudien von offizieller Seite? Angesichts der Glyphosat-Debatte scheint doch die Pestizidreduktion im Ackerbau derzeit höchste Priorität zu haben.

 

Bildnachweis: Christian-Albrechts-Universität zu Kiel: “Neue Züchtungstechniken für höhere Rapserträge”