Grossarths Furor

Grossarths Furor

Etwas ruhiger war es geworden ums Insektensterben, besser ums „Fluginsektensterben“, die mediale Aufregung über eine im Oktober veröffentlichte Studie hatte sich gelegt. Eine statistische Auswertung der Daten des Entomologischen Vereins Krefeld belegte nach Ansicht der Autoren einen Rückgang mehr als von 75 Prozent bei der Biomasse von Fluginsekten innerhalb von 27 Jahren. Das hatte sehr großes Medienecho ausgelöst, aber auch Kritik an der Methodik der Forscher sowie an den Reaktion der Presse. Diese Pressekritik wollte FAZ-Redakteur Jan Grossarth offensichtlich nicht auf sich sitzen lassen und deutete in einem Stück in der gestrigen Printausgabe die kritischen Reaktionen um als Gegenangriff der Agrarlobby.

Von “Immunisierung gegen Fakten” ist da die Rede, von einem “Extremfall des Relevanzverlustes der Wissenschaft”, von der “völligen Verdrehung der Wirklichkeit in der Filterblase der Farmer und Funktionäre”, dazu reiche “der Landwirtschaft” – wer auch immer das sein soll – ein “obskurer Blog-Beitrag”. Gemeint ist der Artikel “Das große Insektensterben – oder doch nicht?”, der gleich am Tag nach der Veröffentlichung der Studie auf der Website sciencefiles.org erschienen war. Schlichtweg der Umstand, dass dieser Blogbeitrag die erste öffentliche kritische Äußerung zur Krefelder Studie war, sorgte dafür, dass der Text über die sozialen Netzwerke fleißig verbreitet wurde. Die Seite hat kein Impressum. Etwas versteckt unter dem Text findet sich die Autorenzeile “Michael Klein”. Auch über den Autor finden sich keine weiteren Angaben auf der Seite. Aber Grossarth hat Google befragt und Google hat geantwortet: Klein lebe in Wales und vertrete “auf sarkastische Weise libertäre Positionen”: “Der Grundton ist scharf gegen politische Eliten und Medien gerichtet” und “mit Anknüpfungspunkten zur politischen Rechten”.

Nachdem sich Grossarth ausgiebig über Autor und Plattform ausgelassen hat, wendet er sich tatsächlich auch den Argumenten zu. Klein würde drei Kritikpunkte an der Studie anführen: Es hätte zu wenig Messstellen gegeben und generell zu wenig Messungen und die Ursache in der Landwirtschaft sei nicht nachgewiesen worden. Wenn man den Text auf sciencefiles.org genau liest, fällt auf, dass der FAZ-Redakteur die Kritik nicht exakt wiedergibt. Die Intention des Textes ist weniger eine Kritik an der Studie selbst als eine Untersuchung, ob die Studie die vollmundigen Behauptungen in der Presse sowie die der Grünen stützt. Klein reklamiert, dass die Daten nicht auf ganz Deutschland übertragbar sind, dass der prozentuale Rückgang so ausgewählt wurde, dass er möglichst dramatisch ausfällt, und dass die Studie, wie die Autoren selbst feststellen, keine Erkenntnisse hinsichtlich der Ursachen ermitteln konnte. Kleins Fazit lautet:

“Um nicht missverstanden zu werden: Wir würden auch einen Rückgang von Insekten-Biomasse auf Basis der Daten von Hallmann et al. feststellen, aber einen deutlich geringeren und einen auf die Orte, an denen die Beobachtung wiederholt gemacht wurde und das waren nur 26 Orte insgesamt, reduzierten. Damit ist natürlich die Verallgemeinerbarkeit der Ergebnisse nicht gegeben und die Dramatik beim Teufel. Dafür haben wir die wissenschaftliche Lauterkeit wiederbelebt. Unabhängig davon ist es in jedem Fall ein Verdienst dieser Studie, Fragen aufgeworfen zu haben.”

Grundsätzlich ist festzuhalten: Die Stärke von Insektenpopulationen ist sehr volatil, das heißt, sie schwankt – zum Teil witterungsbedingt, zum Teil bedingt durch Entwicklungszyklen bestimmter Arten – stark von Jahr zu Jahr. Wenn ich hier verlässliche Daten generieren will, das heißt u. a. einen Datenfluss, ohne statistische Ausreißer nach oben oder unten, dann brauche ich einfach eine gewaltige Menge an Messpunkten. Auch sollten die zeitlichen Abstände zwischen den Messpunkten einheitlich sein. Beides kann die Studie leider nicht leisten, die Messungen waren vermutlich auch gar nicht dafür konzipiert. Etwas unbeholfen wirkt etwa die Erklärung, warum man wechselnde Aufstellorte gewählt hat (S. 4):

“Prolonged trapping across years is in the present context (protected areas) deemed undesirable, as the sampling process itself can negatively impact local insect stocks.”

Wenn man nun in Betracht zieht, dass zum Teil so viel Insektenmasse am Tag weggefangen wurde, wie auch von einem Vogel hätte verzehrt werden können, wirkt diese Begründung doch bemüht. Das haben die Krefelder Forscher der Rheinischen Post im Februar 2016 selbst so erklärt:

“Diese Fallen fangen, in Gramm gerechnet, heute im Jahresdurchschnitt pro Tag etwa die halbe Insekten-Mahlzeit einer einzigen Blaumeise oder Spitzmaus.”

Das vermeintliche Insektensterben wurde gleich zweimal zur „Unstatistik des Monats“ gekürt. Im Prinzip bestätigt der Statistiker Walter Krämer die Kritik aus dem “obskuren Blog-Beitrag”:

“Genauso wichtig für die Bewertung der „76 Prozent“ ist aber auch ein allgemeines Prinzip des kritischen Denkens: Jede berichtete Abnahme zwischen zwei Zeitpunkten hängt davon ab, welchen Anfangszeitpunkt man wählt. Dies gilt besonders bei drastisch schwankenden Werten, wie bei Börsenkursen und Biomassen von Insekten. Hätte man das Jahr 1991 statt 1989 als Anfangspunkt gewählt, dann wären es statt 76 Prozent weniger Insekten nur etwa 30 Prozent weniger gewesen.”

trend.pngGrossarth zitiert Krämer:

“doch, so Krämer, es gebe durchaus trotzdem „Anlass zum Nachdenken über die Ursachen“.”

So ist das Zitat völlig aus dem Zusammenhang gerissen. Es geht weiter:

” – eine Frage, worauf die Studie keine Antwort findet. Es ist aber auch ein Anlass darüber nachzudenken, warum man immer wieder versucht, uns mit möglichst erschreckenden Zahlen Panik zu machen.”

Grossarth redet sich die Krefelder Studie schön und verzerrt seinerseits Fakten: So ist die Angabe, die Messungen stammten “aus 63 verschieden Schutzgebieten” falsch. Richtig wäre “63 Standorte”, denn zum Teil standen in einem Schutzgebiet mehrere Fallen. Das Journal, in dem die Studie veröffentlicht worden ist, heißt “Plos One”, nicht bloß “Plos”.

Grossarth behauptet, die Messstellen seien repräsentativ gewesen. Repräsentativ wofür? In der Studie steht (S. 2):

“Here, we investigate total aerial insect biomass between 1989 and 2016 across 96 unique location-year combinations in Germany, representative of Western European low-altitude nature protection areas embedded in a human-dominated landscape.”

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Quelle: http://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0185809

Auf Deutsch: Die Standorte der Fallen sind repräsentativ für westeuropäische Schutzgebiete im Tiefland, die eingebettet sind in einer von Menschen dominierten Landschaft. – Auf extensiv genutzte Mittelgebirgswiesen oder Naturschutzgebiete an der See oder in großen Feuchtgebieten sowie große Gebiete wie ehemalige Truppenübungsplätze und viele andere Landschaftsformen lassen sich die Krefelder Erkenntnisse nicht übertragen.

Verbissen durchforstet Grossarth die Berichterstattung auf dem Fachportal topagrar.com zum Thema nach möglichst simplen Formulierungen. Den Agrarstatistiker Georg Keckl charakterisiert er folgendermaßen:

“Manche Landwirte sprechen ihn an wie einen Heiligen – der edle Ritter der reinen Wahrheit.”

Solch Polemik vermutete man bislang nicht in der FAZ.

Stets setzt sich Grossarth nicht mit den vorgetragenen Argumenten auseinander, sondern pickt sich möglichst fremd anmutende Formulierungen heraus, um den Autor zu diskreditieren. So greift er die Zwischenüberschrift „Landwirtschaft muss einfach schuld sein!“ völlig aus dem Zusammenhang: Die Zeile bezieht sich auf die im Folgeabsatz beschriebene Position des NABU. Dass die Studie selbst keinen Aufschluss über die Ursachen gibt, wird völlig richtig wiedergegeben:

“Was die Ursachen angeht, konnten die Naturschützer keine Gründe finden. Sie bedauern, dass es bei den Zählungen keine Daten zum Einfluss der Landwirtschaft gebe. Daher sei nicht klar, wie groß der Einfluss durch die intensive Landwirtschaft und den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln auf den Zustand der Insektenwelt tatsächlich ist.”

Grossarth hätte zur Ehrenrettung z.B. auch aus dem Kommentar von Gisbert Strotdrees vom Wochenblatt für Landwirtschaft und Landleben, auch ein Organ des Bauernverbandes, zitieren können:

“Das Thema Insektenschwund ist sehr ernst zu nehmen, gerade wegen der langfristigen Folgen für den Naturkreislauf. In diesem Zusammenhang muss über alles diskutiert werden: über Landwirtschaft, aber eben auch über Industrie, Auto- und Flugverkehr, Lichtverschmutzung und Flächenversiegelung.
Bei alledem ist vor allem eines wichtig: wissenschaftliche Präzision und genaues Hinschauen, aber auch saubere Recherche und Berichterstattung. Zum Abwiegeln taugt das Thema genauso wenig wie zur Weltuntergangs-Panikmache.”

Passte anscheinend nicht ins Konzept.

Aufschlussreich ist ein Zitat aus der Titelgeschichte, die Jan Grossarth für die aktuelle Ausgabe der Zeitung Das Parlament verfasst hat:

“Auf den Ungeist eines rücksichtslos auf Effizienz und kurzfristige Produktivität, eines der Komplexität des Lebens nicht gerecht werdenden, letztlich zynischen statt mitfühlenden Blickes hat die westliche Umweltbewegung erfolgreich hingewiesen. Dies gilt ungeachtet der vielen Hysterien und Fehlalarme, die sie verantwortete (“Waldsterben”).”

Daher weht also der Wind: Die Herangehensweise der modernen Landwirtschaft folgt nach Grossarth einem Ungeist. Hier würde Zynismus statt Empathie praktiziert.
Wenn das Fluginsektensterben wirklich ein Menschheitsthema ist, dann muss vernünftig ermittelt werden, wo die Ursachen sind. Denn wenn ich die Ursachen nicht kenne, kann ich das Problem nicht lösen. Als Kronzeuge für die Ursache Landwirtschaft zitiert Jan Grossarth den Göttinger Ökologen Teja Tscharntke. Landwirtschaft sei die Erklärung mit der “größten Plausibilität”, so Tscharntke. Es heißt:

“„Dass die umgebende Landschaft lokale Biodiversitätsmuster und Prozesse in Schutzgebieten elementar beeinflusst, haben wir in zahlreichen Publikationen nachgewiesen“, sagt der Professor der Uni Göttingen.”

Ist das jetzt eine überzeugende Begründung? Landschaft wird gerade in der Nähe von Städten nicht nur durch Landwirtschaft gestaltet. Tscharntke behauptet Grossarth zufolge:

“Man bekomme „exakt dasselbe Ergebnis, wenn nur die Gebiete berücksichtigt werden, die mehr als einmal beprobt wurden“.”

Diese Aussage halte ich für gewagt. Es gibt genau eine Messstelle, die viermal beprobt worden ist. Hier sind die Änderungen lang nicht so dramatisch wie die Gesamtaussage, wie diese Grafik zeigt:

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Kurzum: Der Text wirkt auf mich wie die Rache eines beleidigten Kindes mit geringer Frustrationstoleranz: Und ich habe doch Recht! Mit meiner Analyse, mit meiner Meinung und mit meiner Missgunst. Und: Wer sich jetzt beschwert, beweist, dass ich Recht habe. Kann man ja machen – selbstverliebt um sich selbst kreisen, Andersdenkende in Schubladen abfertigen und die Welt in schwarz und weiß malen. Ob sich dann noch jemand dauerhaft für diese Sicht der Dinge interessiert, ist eine andere Frage.

 

Bildnachweis: FAZ, 14.11.2017

Wie Kalifornien vor Krebs warnt

Wie Kalifornien vor Krebs warnt

“Kalifornien warnt vor Glyphosat” titelt die Süddeutsche Zeitung. Redakteurin Silvia Liebrich führt aus:

“Der umstrittene Pflanzenvernichter wird dort als krebserregend eingestuft. Am 7. Juli soll er auf eine Liste mit Chemikalien gesetzt werden, deren krebserregende Wirkungen bekannt sind. Das teilte die Behörde für die Einschätzung umweltbedingter Gesundheitsgefahren mit.”

Andere Zeitungen erwecken in ihrer Berichterstattung den Anschein, als hätte hier eine neue Risikobewertung stattgefunden. So reiht Spiegel Online die Einordnung ein in die Reihe von Glyphosat-Bewertungen durch die internationale Krebsforschungsagentur der WHO (IARC), die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) sowie die Europäische Chemikalienagentur (ECHA). Dabei hat die die zuständige Kalifornische Behörde, das California Environmental Protection Agency’s Office of Environmental Health Hazard Assessment (OEHHA), gar keine eigene Beurteilung vorgenommen. Die Faz schreibt gar von einer “schwarzen Liste”.

Worum geht es? Im September 2015 hatte das OEHHA angekündigt, Glyphosat auf die sogenannte Proposition-65-Liste zu setzen. Damit folgt die Behörde schlichtweg ihren Regeln, die vorsehen, eine Substanz auf dieser Liste aufzuführen, sobald die IARC feststellt, dass die Substanz im Tierversuch und/oder beim Menschen Krebs erzeugt. Die IARC hatte im März 2015 in ihrem Bericht festgestellt, dass Glyphosat im Tierversuch krebserregend sei. Somit muss das OEHHA den Herbizid-Wirkstoff  in die Proposition-65-Liste aufnehmen. Monsanto hatte dagegen geklagt, jedoch vor Gericht verloren. Obwohl Monsanto angekündigt hatte, Berufung einlegen zu wollen, meldete das OEHHA jetzt, Glyphosat zum 7. Juli 2017 in die Proposition-65-Liste aufzunehmen.

Die Konsequenz des Listeneintrags ist, dass Hersteller bzw. Verkäufer der Produkte, die gelistete Substanzen enthalten, Warnhinweise veröffentlichen müssen, und zwar direkt auf dem Produkt oder durch Hinweise an der Verkaufsstelle. Auf der Proposition-65-Liste stehen übrigens auch Stoffe wie Acrylamid, Aspirin, die Anti-Baby-Pille, Kaffeesäure, Ruß, Estragol (z.B. enthalten in Basilikum), Östrogene in Präparaten gegen Wechseljahresbeschwerden, Aloe Vera Extrakt, Testosteron, Tabakrauch, Holzstaub, Alkohol aber auch Vitamin A ab einer bestimmten Dosis. Bei alkoholischen Getränken muss der Warnhinweis folgende Sprachregelung enthalten:

“WARNING: Drinking Distilled Spirits, Beer, Coolers, Wine and Other Alcoholic Beverages May Increase Cancer Risk, and, During Pregnancy, Can Cause Birth Defects”

Da die Liste sehr umfangreich ist und nahezu überall Spuren von Substanzen zu finden sind, die im Tierversuch krebserregend sein können, finden wir in Kalifornien einen wahren Schilderwald mit Proposition-65-Warnhinweisen. In jedem Starbucks-Laden sowie in jeder McDonalds-Filiale in Kalifornien müssen Aufsteller vorhanden sein, auf denen vor Acrylamid gewarnt wird, das in Pommes und Kaffee enthalten ist. Beim Betreten von Disneyland, Parkplätzen und anderen Einrichtungen wird gewarnt. Beim Verkauf von Keramik und Brennholz muss – per Gesetz – ebenfalls gewarnt werden.

Auch Bio-Produkte sind zum Teil mit Warnhinweisen ausgestattet, weil sie von Natur aus Stoffe wie Arsen, Blei, Kadmium, Quecksilber oder Nickel enthalten. Das bringt die Hersteller oft in Erklärungsnot. So schreibt Now, ein Hersteller von Bio-Lebensmitteln und Nahrungsergänzungsmitteln auf seiner Website:

“The listing of a chemical under Prop 65 could be the result of tests on laboratory animals. Prop 65 standards for warnings are often very stringent. For example, for reproductive toxicants, the level for warnings is 1000 times lower than the lowest level at which animal studies reported no reproductive health effect. A Prop 65 warning does not automatically mean that the product is unsafe.”

Eine Warnung nach Prosposition 65 auf der Packung bedeutet danach nicht, dass der Verzehr des Produktes wohlmöglich unsicher ist.

Die Süddeutsche schreibt:

“Kalifornien könnte damit der erste Staat in den USA werden, in dem das häufig verkaufte Mittel Roundup, das auf Glyphosat basiert, einen entsprechenden Warnhinweis zur krebserregenden Wirkung auf der Packung trägt.”

Tja, aber wirklich vom Hocker reißen würde das in Kalifornien wahrscheinlich niemanden.

 

Links:

• Proposition-65-Liste

What does warning label from California really mean?

 

 

08/15-Journalismus

08/15-Journalismus

Die Europäische Chemikalienbehörde ECHA (European Chemicals Agency) hat in dieser Woche das Ergebnis ihrer Risikobewertung für den Herbizid-Wirkstoff-Glyphosat vorgestellt. Hier noch einmal die zentralen Aussagen der ECHA aus der Pressemitteilung:

“ECHA’s Committee for Risk Assessment (RAC) agrees to maintain the current harmonised classification of glyphosate as a substance causing serious eye damage and being toxic to aquatic life with long-lasting effects. RAC concluded that the available scientific evidence did not meet the criteria to classify glyphosate as a carcinogen, as a mutagen or as toxic for reproduction.”

Glyphosat ist nicht krebserregend, nicht mutagen und nicht reproduktionstoxisch. Die bisherige Einstufung des Wirkstoffs in die Gefahrengruppen “Schwere Augenschädigung, Kategorie 1; H318” und “Gewässergefährdend, Chronisch Kategorie 2; H411” wurde durch die ECHA bestätigt.

Ausführlich kommentiert wurde die ECHA-Entscheidung im folgenden Media Briefing mit Tim Bowmer, dem Vorsitzenden des Komitees für Risikobewertung:

Jetzt, wo der Krebsverdacht aus der Welt geräumt ist, zaubert die Front der Glyphosat-Gegner ein anderes Kriterium aus dem Hut: Der Wirkstoff schädige die Artenvielfalt. Hier die Aussagen verschiedener Stakeholder aus dem Umweltbereich: BUND, Harald Ebner von den Grünen, sowie Bundesumweltministerin Dr. Barbara Hendricks:

synopse_pm.png

Weder in der Pressemitteilung noch im Online-Briefing äußert sich die ECHA zu den Auswirkungen von Glyphosat auf die Artenvielfalt. Daher verwundert es, dass die Berichterstattung in den sogenannten Qualitätsmedien zum Teil andere Informationen transportiert. Hier ein Überblick über die zentralen Aussagen von überregionalen Medien: dpa (shz.de), reuters.com, Spiegel Online, Faz.net sowie tagesschau:

synopse_berichte.pngWie kommt der Satz “Unstrittig sind massive negative Einflüsse der Chemikalie auf die Artenvielfalt” bzw. seine Varianten in die Abschnitte, wo die ECHA-Entscheidung skizziert wird? Der Leser bekommt den Eindruck, dass hier Tim Bowmer zitiert wird. Auch das Social Media Team von Faz.net hat den Artikel so verstanden und antwortet auf Facebook einem Kommentator:

“Dass es umstritten ist wird auch erläutert: “Unstrittig sind massive negative Einflüsse der Chemikalie auf die Artenvielfalt.”, erklärt der Vorsitzende der Abteilung für Risikobewertung der ECHA, Tim Bowmer.
Wir empfehlen stets die Beiträge komplett zu lesen, nicht nur die Überschriften. Wichtige Faktoren können dabei verloren gehen. Beste Grüße aus Frankfurt”

Tim Bowmer hat das aber nicht gesagt. Irgendein Journalist hat beim Zusammenbasteln seines Artikels bestimmte Aussagen durcheinander geworfen bzw. vermischt. Oder er oder sie hat versucht, eine Brücke zu bauen zwischen den ECHA-Feststellungen auf der einen Seite und den Äußerungen der Umwelt-Stakeholder auf der anderen. Grundsätzlich ist gegen hermeneutische Nächstenliebe nichts einzuwenden, um eine Sache zu verstehen, aber im obigen Fall wird die Darstellung des Sachverhalts falsch. Die Einordnung in die Gruppe  “Gewässergefährdend, Chronisch Kategorie 2; H411” hat Auswirkungen auf die Zulassung von Präparaten mit dem Wirkstoff. Es werden nämlich bestimmte Auflagen für die Anwendung vorgeschrieben.

roundupturbo
UBA-Bewertungsbericht für Roundup TURBO, S. 81

Aber diese Einordnung hat nicht zu Folge, dass Glyphosat forthin als schädlich für die Artenvielfalt anzusehen ist. Die Auflagen sollen ja genau das verhindern.

Tja, und die anderen Medienkollegen haben einfach vom Urheber des Missverständnisses abgeschrieben, ohne einen Blick in die Original-Pressemitteilung der ECHA zu werfen. Unter dem Begriff “Qualitätsmedien” stelle ich mir etwas anderes vor – Copy & Paste ohne eigene Recherche wird durch “08/15-Journalismus” besser umschrieben.

 

Update, 17.03.2017, 16:22 Uhr: