“Jeder Mensch hat das Recht, seine Perspektive darzustellen”

“Jeder Mensch hat das Recht, seine Perspektive darzustellen”

“Insektensterben”, “Massentierhaltung”, “Ackergifte” – die mediale Berichterstattung über moderne Landwirtschaft wird häufig durch solche Negativ-Schlagworte geprägt. Viele Landwirte und ihre Familien sind damit sehr unzufrieden und werden selbst aktiv in Sachen Öffentlichkeitsarbeit. Aber das wiederum wird auch nicht immer gerne gesehen. Ich habe den Kommunikationsexperten Hasso Mansfeld zum Thema befragt.  

Frage: Herr Mansfeld, kürzlich berichtete der NDR kritisch über die Initiative von Landwirten, eigene Stallvideos im Netz zu verbreiten. Sie hingegen plädieren dafür, PR als Menschenrecht anzusehen. Was würden Sie den NDR-Redakteuren entgegnen?

Antwort: Jeder Mensch hat das Recht, seine Perspektive in der Öffentlichkeit darzustellen. Das ist ein elementares Recht in freien Gesellschaften. Zudem ist es auch ein klares journalistisches Prinzip immer auch die andere Seite zu hören: Audiatur et altera pars. Das jemand sich besonders gut darstellen will, liegt doch in der Natur der Sache begründet. Das Recht der freien Meinungsäußerung deckt auch einseitige, manipulative und beschönigende Darstellungen ab. Einzelnen Beteiligten mit klaren Partikularinteressen, vorzuwerfen, sie wollen eine plurale Debatte dadurch unterbinden, dass sie eigene Videos posten, ist absurd. Gerade die Gegenperspektive ist doch elementarer Teil der Vielfalt von Meinungen innerhalb der Debatte. Wer lügen will, der darf natürlich auch lügen. Nur darf er sich nachher nicht beschweren, wenn er der Lüge bezichtigt wird.

Frage: Sie glauben also nicht, dass die Landwirte eine vielfältige Debatte blockieren wollen?

Antwort: Also ich glaube, dass niemand daran interessiert ist, dass er selber oder seine Branche in einem besonders schlechten Licht dargestellt wird. Insofern gibt es sicherlich Landwirte, die für sie negative Berichterstattung gerne verhindern würden. Das tun Sie aber nicht, indem sie ihre eigenen Videos und Textbeiträge veröffentlichen. Was jemand will oder nicht will, ist seine eigene Sache, solange er nicht wirklich etwas blockiert, die Berichterstattung von freien Medien beispielsweise.

Frage: Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass PR häufig die Glaubwürdigkeit abgesprochen wird, es sei denn sie kommt von NGOs?

Antwort: Die Ziele, um die es Greenpeace, Foodwatch & Co zu tun ist, klingen gerecht. Sie rühren an das menschliche Mitgefühl. Man rettet die Bienen, Wale oder den Wald, schützt süße Robbenbabys und verhindert, dass kleine Kinder Gift im Brei schlucken. Wer traut sich da schon, mit skeptischer Miene zu fragen: “Ist alles wirklich so schlimm?”, oder: “Welche Belege gibt es dafür denn?” Die Präferenz eines überproportional großen Anteils von Journalisten für die Grünen trägt sicher auch nicht zu einem kritischen Klima gegenüber NGOs bei.

Frage: Welche Tipps haben Sie für Landwirte, die gerne bei der Diskussion im Netz mitmischen wollen?

Antwort: Immer einen eigenen Weg, eine eigene Idee zu entwickeln, über sich und seine Tätigkeit zu berichten. Von sich aus das Spannungsfeld und offenbare Probleme ansprechen , wie man damit umgeht und wie man sie versucht zu lösen. Die möglichen Defizite und Dilemmata selber thematisieren. Sich immer vergegenwärtigen, dass es “nur” die eigene Perspektive ist, die man gerade vorträgt, dass man indes das Recht hat, sie vorzutragen und die anderen aber auch das Recht haben, diese Perspektive zu kritisieren. Der französische Aufklärer François de La Rochefoucauld hat einmal festgestellt: “Sich selbst zu betrügen, ohne es zu merken, ist ebenso leicht, wie es schwer ist, andere zu betrügen, ohne dass sie es merken.” Ich glaube es hilft, immer an Rochefoucauld zu denken, wenn man ein Video über sich selber und seine Tätigkeit macht.

Frage: Im Moment werden Videos von Singvögeln mit dem Hashtag “#stummerFruehling” gepostet, um zu zeigen, dass bestimmte gesellschaftliche Gruppen in ihrer Kommunikation übertreiben. Was halten Sie davon?

Anwort: Super Idee. Der Hashtag “#stummerFruehling” soll doch den Menschen Angst machen und ihnen suggerieren, dass sich die Situation im Vergleich zu früher verschlechtert hat. Die Theorie zum “Stummen Frühling” ist ja, dass die Vögel alle sterben, weil sie keine Nahrung mehr finden. Da ist es doch ein schönes Zeichen der Aufklärung den Menschen zu zeigen, dass der Frühling alles andere als stumm ist.

 

Zur Person:

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Hasso Mansfeld ist Kommunikationsberater. Der studierte Agrar-Ingenieur wurde bereits viermal mit dem Deutschen PR-Preis ausgezeichnet, unter anderem für eine Kampagne zu einem erfolgreichen Imagewechsel der Bio-Landwirtschaft.

 

 

Bildnachweis: Heike Rost

 

Massentierhaltung ist abgeschafft

Massentierhaltung ist abgeschafft

Im September sind Bundestagswahlen, die Kanzlerkandidaten der beiden großen Parteien stehen fest. Damit ist für die Politik der Reigen eröffnet, um sich zu positionieren. Gestern Abend wurde bei Maybrit Illner im ZDF fleißig über mögliche Koalitionen diskutiert. Für Bündnis 90/Die Grünen war Spitzenkandidatin Kathrin Göring-Eckhardt mit dabei. Auf die Frage der Moderatorin, welche Bündnisse denn für die Grünen in Frage kämen, gab Göring-Eckhardt eine bemerkenswerte Antwort (bei Min. 41:00):

“Ich sage noch mal: Ich möchte, dass es eine grüne Regierung gibt, eine mit grün. Wir beweisen gerade in elf Ländern, was Mitte ist. Wir regieren nämlich mit unterschiedlichen Parteien, und zwar sehr erfolgreich. Und worum geht es immer? Es geht immer darum, dass es Veränderungen gibt, wo Leute von profitieren. Und da ist Umweltschutz eine zentrale Frage, eine andere Landwirtschaft. Zum Beispiel wie in Niedersachsen: Das war verdammt viel Zeit, die dahingegangen ist, bis mal diese Massentierhaltung endlich abgeschafft wurde.”

Ach so ist das: Die Grünen haben in Niedersachsen die Massentierhaltung abgeschafft? Dann ist ja alles wieder gut. Die einzige Frage, die mich jetzt noch beschäftigt ist, was mit dem Begriff “Massentierhaltung” eigentlich gemeint war.

 

Bildnachweis: Screenshot ZDF Mediathek

 

 

Postfaktischer Adventskalender, Teil 7: “Schnäbelschneiden”

Postfaktischer Adventskalender, Teil 7: “Schnäbelschneiden”

Gestern haben wir Putenküken aufgestallt. Die Tiere sind morgens in der Brüterei geschlüpft und dann mit einem Lkw zu uns gebracht worden.

Die landläufige Meinung, die ich häufig lese und höre, ist, dass Mastputen der Schnabel abgeschnitten wird, um übermäßiges Beißen in der Mast zu unterbinden. Das ist so nicht richtig: Die Schnäbel werden behandelt, und zwar mit einer Infrarotlampe, nicht abgeschnitten. Ich habe das Procedere hier im Blog schon einmal genauer erklärt: Auf den Punkt: Sinn und Zweck der Schnabelbehandlung bei Puten.

Behandelt wird auch nur der Oberschnabel, weil der beim erwachsenen Tier einen Widerhaken ausbildet, mit dem sich die Tiere – vor allem bei Rangordnungskämpfen – beträchtliche Verletzungen zufügen können. Das Rivalitätsverhalten tritt – vor allem bei den männlichen Tieren – unabhängig von der Bestandsgröße auf: Uns hat vor ein paar Wochen ein Hobbyhalter um Rat gefragt, weil sich seine 20 (!) Putenhähne mit Einsetzen der Geschlechtsreife angefangen haben zu beißen.

Im neuen Stall angekommen, erkunden die Tiere ihre neue Umgebung sehr emsig. Alles, was optisch hervorsticht, wird vehement bepickt. Auf mich machen die Tiere nicht den Eindruck, dass sie durch die Behandlung beeinträchtigt wären. Man sieht deutlich, dass der Schnabel nicht kupiert worden ist. Das weiße Stippchen an der Schnabelspitze ist der Eizahn, mit dem das Küken die Eierschale geöffnet hat.

Postfaktischer Adventskalender, Teil 2: “Löchrige Gesetze”

Postfaktischer Adventskalender, Teil 2: “Löchrige Gesetze”

Auch heute dient das Buch “Fleischfabrik Deutschland” von Dr. Anton Hofreiter als Vorlage. Dr. Hofreiter, Vorsitzender der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, benötigt nicht einmal eine Buchseite, um zu erklären, warum die Haltung von Mastputen so fürchterlich ist (S. 160):

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“löchrige Gesetze” – Was soll das heißen? Ich sehe bei diesem Wort vor meinem inneren Auge so angefressene Paragraphenzeichen, aber das meint Dr. Hofreiter hier sicher nicht, eher sowas wie “Gesetzeslücke”. Es gibt in Deutschland für die Haltung von Puten keine Haltungsverordnung. Das ist richtig. Es ist aber auch nicht so, dass die Geflügelwirtschaft sich allein ein Regelwerk ausgedacht hätte. Und es ist auch nicht so, dass sich an dem Regelwerk seit 1999 nichts mehr geändert hat. Die aktuelle Fassung heißt “Bundeseinheitliche Eckwerte für eine freiwillige Vereinbarung zur Haltung von Mastputen” und ist von 2013. Mitgearbeitet an diesem Papier haben u.a. das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, eine Reihe von Wissenschaftlern mit ausgewiesener Expertise im Geflügelbereich, Tierschutz-Verbände und die Landwirtschaftsministerien einiger Bundesländer, darunter auch welche, die von Grünen Ministern geführt werden.

Hofreiter schreibt:

“Hält sich da irgendein Unternehmen dran? Nein.”

Ach so, und woher will Dr. Hofreiter das wissen? Er behauptet das einfach und das ist für ihn der Beleg, warum Selbstverpflichtungen nicht ausreichen. Es ist im Gegenteil sogar so, dass alle Discounter und alle großen Supermarkt-Ketten  hierzulande diese Standards erwarten. Sie setzen nämlich voraus, dass ihre Lieferanten QS-zertifiziert sind. “QS” steht für “Qualität und Sicherheit” und ist eine Zertifizierungsstelle, die die Einhaltung ihrer Standards durch jährliche Audits überprüft. Der QS-Leitfaden für Geflügelmast nennt explizit das Eckwerte-Papier als “mitgeltend”.

Interessant auch diese Passage aus Dr. Hofreiters Buch:

“Es werden völlig überzüchtete Tiere eingesetzt, sogenannte Big-6-Puten. Die Tiere haben ein so enormes Muskelwachstum, dass sie im letzten Drittel der Mast ihr eigenes Gewicht nicht mehr tragen können. Qualzucht ist laut Tierschutzgesetz verboten, wird allerdings von der Bundesregierung geduldet.”

Dazu möchte ich ein Video zeigen aus unserem Stall. Die Protagonisten sind Putenhähne der Rasse Big-6 — rund zwei Wochen vor dem Schlachttermin:

Noch Fragen?