Massentierhaltung ist abgeschafft

Massentierhaltung ist abgeschafft

Im September sind Bundestagswahlen, die Kanzlerkandidaten der beiden großen Parteien stehen fest. Damit ist für die Politik der Reigen eröffnet, um sich zu positionieren. Gestern Abend wurde bei Maybrit Illner im ZDF fleißig über mögliche Koalitionen diskutiert. Für Bündnis 90/Die Grünen war Spitzenkandidatin Kathrin Göring-Eckhardt mit dabei. Auf die Frage der Moderatorin, welche Bündnisse denn für die Grünen in Frage kämen, gab Göring-Eckhardt eine bemerkenswerte Antwort (bei Min. 41:00):

“Ich sage noch mal: Ich möchte, dass es eine grüne Regierung gibt, eine mit grün. Wir beweisen gerade in elf Ländern, was Mitte ist. Wir regieren nämlich mit unterschiedlichen Parteien, und zwar sehr erfolgreich. Und worum geht es immer? Es geht immer darum, dass es Veränderungen gibt, wo Leute von profitieren. Und da ist Umweltschutz eine zentrale Frage, eine andere Landwirtschaft. Zum Beispiel wie in Niedersachsen: Das war verdammt viel Zeit, die dahingegangen ist, bis mal diese Massentierhaltung endlich abgeschafft wurde.”

Ach so ist das: Die Grünen haben in Niedersachsen die Massentierhaltung abgeschafft? Dann ist ja alles wieder gut. Die einzige Frage, die mich jetzt noch beschäftigt ist, was mit dem Begriff “Massentierhaltung” eigentlich gemeint war.

 

Bildnachweis: Screenshot ZDF Mediathek

 

 

Postfaktischer Adventskalender, Teil 7: “Schnäbelschneiden”

Postfaktischer Adventskalender, Teil 7: “Schnäbelschneiden”

Gestern haben wir Putenküken aufgestallt. Die Tiere sind morgens in der Brüterei geschlüpft und dann mit einem Lkw zu uns gebracht worden.

Die landläufige Meinung, die ich häufig lese und höre, ist, dass Mastputen der Schnabel abgeschnitten wird, um übermäßiges Beißen in der Mast zu unterbinden. Das ist so nicht richtig: Die Schnäbel werden behandelt, und zwar mit einer Infrarotlampe, nicht abgeschnitten. Ich habe das Procedere hier im Blog schon einmal genauer erklärt: Auf den Punkt: Sinn und Zweck der Schnabelbehandlung bei Puten.

Behandelt wird auch nur der Oberschnabel, weil der beim erwachsenen Tier einen Widerhaken ausbildet, mit dem sich die Tiere – vor allem bei Rangordnungskämpfen – beträchtliche Verletzungen zufügen können. Das Rivalitätsverhalten tritt – vor allem bei den männlichen Tieren – unabhängig von der Bestandsgröße auf: Uns hat vor ein paar Wochen ein Hobbyhalter um Rat gefragt, weil sich seine 20 (!) Putenhähne mit Einsetzen der Geschlechtsreife angefangen haben zu beißen.

Im neuen Stall angekommen, erkunden die Tiere ihre neue Umgebung sehr emsig. Alles, was optisch hervorsticht, wird vehement bepickt. Auf mich machen die Tiere nicht den Eindruck, dass sie durch die Behandlung beeinträchtigt wären. Man sieht deutlich, dass der Schnabel nicht kupiert worden ist. Das weiße Stippchen an der Schnabelspitze ist der Eizahn, mit dem das Küken die Eierschale geöffnet hat.

Postfaktischer Adventskalender, Teil 2: “Löchrige Gesetze”

Postfaktischer Adventskalender, Teil 2: “Löchrige Gesetze”

Auch heute dient das Buch “Fleischfabrik Deutschland” von Dr. Anton Hofreiter als Vorlage. Dr. Hofreiter, Vorsitzender der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, benötigt nicht einmal eine Buchseite, um zu erklären, warum die Haltung von Mastputen so fürchterlich ist (S. 160):

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“löchrige Gesetze” – Was soll das heißen? Ich sehe bei diesem Wort vor meinem inneren Auge so angefressene Paragraphenzeichen, aber das meint Dr. Hofreiter hier sicher nicht, eher sowas wie “Gesetzeslücke”. Es gibt in Deutschland für die Haltung von Puten keine Haltungsverordnung. Das ist richtig. Es ist aber auch nicht so, dass die Geflügelwirtschaft sich allein ein Regelwerk ausgedacht hätte. Und es ist auch nicht so, dass sich an dem Regelwerk seit 1999 nichts mehr geändert hat. Die aktuelle Fassung heißt “Bundeseinheitliche Eckwerte für eine freiwillige Vereinbarung zur Haltung von Mastputen” und ist von 2013. Mitgearbeitet an diesem Papier haben u.a. das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, eine Reihe von Wissenschaftlern mit ausgewiesener Expertise im Geflügelbereich, Tierschutz-Verbände und die Landwirtschaftsministerien einiger Bundesländer, darunter auch welche, die von Grünen Ministern geführt werden.

Hofreiter schreibt:

“Hält sich da irgendein Unternehmen dran? Nein.”

Ach so, und woher will Dr. Hofreiter das wissen? Er behauptet das einfach und das ist für ihn der Beleg, warum Selbstverpflichtungen nicht ausreichen. Es ist im Gegenteil sogar so, dass alle Discounter und alle großen Supermarkt-Ketten  hierzulande diese Standards erwarten. Sie setzen nämlich voraus, dass ihre Lieferanten QS-zertifiziert sind. “QS” steht für “Qualität und Sicherheit” und ist eine Zertifizierungsstelle, die die Einhaltung ihrer Standards durch jährliche Audits überprüft. Der QS-Leitfaden für Geflügelmast nennt explizit das Eckwerte-Papier als “mitgeltend”.

Interessant auch diese Passage aus Dr. Hofreiters Buch:

“Es werden völlig überzüchtete Tiere eingesetzt, sogenannte Big-6-Puten. Die Tiere haben ein so enormes Muskelwachstum, dass sie im letzten Drittel der Mast ihr eigenes Gewicht nicht mehr tragen können. Qualzucht ist laut Tierschutzgesetz verboten, wird allerdings von der Bundesregierung geduldet.”

Dazu möchte ich ein Video zeigen aus unserem Stall. Die Protagonisten sind Putenhähne der Rasse Big-6 — rund zwei Wochen vor dem Schlachttermin:

Noch Fragen?