Postfaktischer Adventskalender, Teil 7: “Schnäbelschneiden”

Postfaktischer Adventskalender, Teil 7: “Schnäbelschneiden”

Gestern haben wir Putenküken aufgestallt. Die Tiere sind morgens in der Brüterei geschlüpft und dann mit einem Lkw zu uns gebracht worden.

Die landläufige Meinung, die ich häufig lese und höre, ist, dass Mastputen der Schnabel abgeschnitten wird, um übermäßiges Beißen in der Mast zu unterbinden. Das ist so nicht richtig: Die Schnäbel werden behandelt, und zwar mit einer Infrarotlampe, nicht abgeschnitten. Ich habe das Procedere hier im Blog schon einmal genauer erklärt: Auf den Punkt: Sinn und Zweck der Schnabelbehandlung bei Puten.

Behandelt wird auch nur der Oberschnabel, weil der beim erwachsenen Tier einen Widerhaken ausbildet, mit dem sich die Tiere – vor allem bei Rangordnungskämpfen – beträchtliche Verletzungen zufügen können. Das Rivalitätsverhalten tritt – vor allem bei den männlichen Tieren – unabhängig von der Bestandsgröße auf: Uns hat vor ein paar Wochen ein Hobbyhalter um Rat gefragt, weil sich seine 20 (!) Putenhähne mit Einsetzen der Geschlechtsreife angefangen haben zu beißen.

Im neuen Stall angekommen, erkunden die Tiere ihre neue Umgebung sehr emsig. Alles, was optisch hervorsticht, wird vehement bepickt. Auf mich machen die Tiere nicht den Eindruck, dass sie durch die Behandlung beeinträchtigt wären. Man sieht deutlich, dass der Schnabel nicht kupiert worden ist. Das weiße Stippchen an der Schnabelspitze ist der Eizahn, mit dem das Küken die Eierschale geöffnet hat.

Postfaktischer Adventskalender, Teil 2: “Löchrige Gesetze”

Postfaktischer Adventskalender, Teil 2: “Löchrige Gesetze”

Auch heute dient das Buch “Fleischfabrik Deutschland” von Dr. Anton Hofreiter als Vorlage. Dr. Hofreiter, Vorsitzender der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, benötigt nicht einmal eine Buchseite, um zu erklären, warum die Haltung von Mastputen so fürchterlich ist (S. 160):

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“löchrige Gesetze” – Was soll das heißen? Ich sehe bei diesem Wort vor meinem inneren Auge so angefressene Paragraphenzeichen, aber das meint Dr. Hofreiter hier sicher nicht, eher sowas wie “Gesetzeslücke”. Es gibt in Deutschland für die Haltung von Puten keine Haltungsverordnung. Das ist richtig. Es ist aber auch nicht so, dass die Geflügelwirtschaft sich allein ein Regelwerk ausgedacht hätte. Und es ist auch nicht so, dass sich an dem Regelwerk seit 1999 nichts mehr geändert hat. Die aktuelle Fassung heißt “Bundeseinheitliche Eckwerte für eine freiwillige Vereinbarung zur Haltung von Mastputen” und ist von 2013. Mitgearbeitet an diesem Papier haben u.a. das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, eine Reihe von Wissenschaftlern mit ausgewiesener Expertise im Geflügelbereich, Tierschutz-Verbände und die Landwirtschaftsministerien einiger Bundesländer, darunter auch welche, die von Grünen Ministern geführt werden.

Hofreiter schreibt:

“Hält sich da irgendein Unternehmen dran? Nein.”

Ach so, und woher will Dr. Hofreiter das wissen? Er behauptet das einfach und das ist für ihn der Beleg, warum Selbstverpflichtungen nicht ausreichen. Es ist im Gegenteil sogar so, dass alle Discounter und alle großen Supermarkt-Ketten  hierzulande diese Standards erwarten. Sie setzen nämlich voraus, dass ihre Lieferanten QS-zertifiziert sind. “QS” steht für “Qualität und Sicherheit” und ist eine Zertifizierungsstelle, die die Einhaltung ihrer Standards durch jährliche Audits überprüft. Der QS-Leitfaden für Geflügelmast nennt explizit das Eckwerte-Papier als “mitgeltend”.

Interessant auch diese Passage aus Dr. Hofreiters Buch:

“Es werden völlig überzüchtete Tiere eingesetzt, sogenannte Big-6-Puten. Die Tiere haben ein so enormes Muskelwachstum, dass sie im letzten Drittel der Mast ihr eigenes Gewicht nicht mehr tragen können. Qualzucht ist laut Tierschutzgesetz verboten, wird allerdings von der Bundesregierung geduldet.”

Dazu möchte ich ein Video zeigen aus unserem Stall. Die Protagonisten sind Putenhähne der Rasse Big-6 — rund zwei Wochen vor dem Schlachttermin:

Noch Fragen?

Auf den Punkt: Sinn und Zweck der Schnabelbehandlung bei Puten

Auf den Punkt: Sinn und Zweck der Schnabelbehandlung bei Puten

Derzeit sucht das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft Putenhalter, die bereit sind, an einem Modellvorhaben teilzunehmen. Es geht darum, herauszufinden, wie man das sogenannte Federpicken in der Putenhaltung unterbinden kann. Ziel ist, mittel- bis langfristig auf das sogenannte Schnabelkürzen zu verzichten. Dieser Verzicht wird der Bevölkerung als Gewinn für den Tierschutz in der Geflügelhaltung verkauft, aber ist das wirklich so?

Erst einmal: Der Begriff “Schnabelkürzen” ist falsch. Bei der bei Mastputen eingesetzten Methode wird der Oberschnabel noch in der Brüterei mit Infrarot behandelt, aber nicht abgeschnitten oder sonstwie eingekürzt. Das Küken bezieht also seinen neuen Stall beim Aufzüchter mit intaktem Schnabel (siehe Foto oben). Bei der Schnabelbehandlung mit dem Lichtimpuls werden Blutgefäße und Nerven verödet. Dies führt dazu, dass sich der Oberschnabel nicht voll ausbildet. Der Vorgang vollzieht sich blitzschnell: Die Küken werden in eine Art Karussell fixiert, fahren einmal herum und bekommen dabei den Lichtimpuls auf die Schnabelspitze gesetzt sowie bei Bedarf noch eine Impfung. Das alles passiert innerhalb weniger Sekunden und die Tieren zeigen dabei keine Reaktion wie Quieken oder offensichtliche Panik. Im Stall angekommen geben sich die Küken unbeeinträchtigt durch die Behandlung: Sie fangen sofort an, zu fressen und zu trinken.

Würde die Schnabelspitze auswachsen, dann bildet sich am Oberschnabel ein Widerhaken, der bei Rangeleien schnell zu blutenden Wunden führt. Am Hals haben die ausgewachsenen Tiere keine Federn, die Haut ist dort sehr lose und verletzlich. Blutet ein Tier erst einmal, zieht allein dieser Farbkontrast sofort die Aufmerksamkeit der anderen Puten auf sich. Und Interessantes wird nun einmal mit dem Schnabel bepickt, um es zu erkunden. Daher werden verletzte Tiere unverzüglich von der Herde getrennt und in ein separates Abteil gesetzt.

Um die Puten zu beschäftigen, lässt sich der Halter einiges einfallen: Bunte Ketten hängen zwischen den Töpfen an der Futterbahn, Picksteine werden aufgehängt und Strohballen in den Stall gesetzt. Auch Aufsitzmöglichkeiten wie Bretter an den Stallwänden leisten gute Dienste. Doch das Problem ist, dass die Tiere nun einmal neugierig sind und alles wird – wie bei kleinen Kindern – schnell uninteressant. Das Staubkorn am Hals vom Kumpel war aber gestern noch nicht da. So, und wenn da einer pickt mit unbehandeltem Schnabel blutet es und dann wird es erst richtig interessant …

Die Tiere bepicken sich nicht nur zur Erkundung. Mit Einsetzen der Geschlechtsreife kommt es zu Rivalitäten. Auch vermeintliche Eindringlinge werden bedroht oder gar angegriffen, wie dieses Video zeigt. Kurzum: Das Picken ist keine Verhaltensstörung, die etwa durch das Halten vieler Tiere in einem Stall entsteht. Das Picken wird auch nicht durch eine Stoffwechselstörung oder durch einen Nährstoffmangel verursacht. Das Picken basiert m.E. zum größten Teil auf dem natürlichen Erkundungsverhalten oder passiert bei Rangordnungskämpfen. Es ist sicher sinnvoll, den Tieren Abwechslung in ihrer Stallumgebung anzubieten, aber ich glaube nicht, dass sich das sogenannte “Federpicken” durch weitere Haltungsverbesserungen vermeiden lässt. Sicher, eine Ultima Ratio gibt es: den Stall abdunkeln. Aber das bedeutet, dass ich den Puten ihren natürlichen Tagesrhythmus nehme und alle normalen Aktivitäten unterbinde. Das kann es nicht sein! Zumindest nicht, wenn es eine Alternative wie die Schnabelbehandlung per Infrarot gibt.