Derzeit sucht das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft Putenhalter, die bereit sind, an einem Modellvorhaben teilzunehmen. Es geht darum, herauszufinden, wie man das sogenannte Federpicken in der Putenhaltung unterbinden kann. Ziel ist, mittel- bis langfristig auf das sogenannte Schnabelkürzen zu verzichten. Dieser Verzicht wird der Bevölkerung als Gewinn für den Tierschutz in der Geflügelhaltung verkauft, aber ist das wirklich so?

Erst einmal: Der Begriff “Schnabelkürzen” ist falsch. Bei der bei Mastputen eingesetzten Methode wird der Oberschnabel noch in der Brüterei mit Infrarot behandelt, aber nicht abgeschnitten oder sonstwie eingekürzt. Das Küken bezieht also seinen neuen Stall beim Aufzüchter mit intaktem Schnabel (siehe Foto oben). Bei der Schnabelbehandlung mit dem Lichtimpuls werden Blutgefäße und Nerven verödet. Dies führt dazu, dass sich der Oberschnabel nicht voll ausbildet. Der Vorgang vollzieht sich blitzschnell: Die Küken werden in eine Art Karussell fixiert, fahren einmal herum und bekommen dabei den Lichtimpuls auf die Schnabelspitze gesetzt sowie bei Bedarf noch eine Impfung. Das alles passiert innerhalb weniger Sekunden und die Tieren zeigen dabei keine Reaktion wie Quieken oder offensichtliche Panik. Im Stall angekommen geben sich die Küken unbeeinträchtigt durch die Behandlung: Sie fangen sofort an, zu fressen und zu trinken.

Würde die Schnabelspitze auswachsen, dann bildet sich am Oberschnabel ein Widerhaken, der bei Rangeleien schnell zu blutenden Wunden führt. Am Hals haben die ausgewachsenen Tiere keine Federn, die Haut ist dort sehr lose und verletzlich. Blutet ein Tier erst einmal, zieht allein dieser Farbkontrast sofort die Aufmerksamkeit der anderen Puten auf sich. Und Interessantes wird nun einmal mit dem Schnabel bepickt, um es zu erkunden. Daher werden verletzte Tiere unverzüglich von der Herde getrennt und in ein separates Abteil gesetzt.

Um die Puten zu beschäftigen, lässt sich der Halter einiges einfallen: Bunte Ketten hängen zwischen den Töpfen an der Futterbahn, Picksteine werden aufgehängt und Strohballen in den Stall gesetzt. Auch Aufsitzmöglichkeiten wie Bretter an den Stallwänden leisten gute Dienste. Doch das Problem ist, dass die Tiere nun einmal neugierig sind und alles wird – wie bei kleinen Kindern – schnell uninteressant. Das Staubkorn am Hals vom Kumpel war aber gestern noch nicht da. So, und wenn da einer pickt mit unbehandeltem Schnabel blutet es und dann wird es erst richtig interessant …

Die Tiere bepicken sich nicht nur zur Erkundung. Mit Einsetzen der Geschlechtsreife kommt es zu Rivalitäten. Auch vermeintliche Eindringlinge werden bedroht oder gar angegriffen, wie dieses Video zeigt. Kurzum: Das Picken ist keine Verhaltensstörung, die etwa durch das Halten vieler Tiere in einem Stall entsteht. Das Picken wird auch nicht durch eine Stoffwechselstörung oder durch einen Nährstoffmangel verursacht. Das Picken basiert m.E. zum größten Teil auf dem natürlichen Erkundungsverhalten oder passiert bei Rangordnungskämpfen. Es ist sicher sinnvoll, den Tieren Abwechslung in ihrer Stallumgebung anzubieten, aber ich glaube nicht, dass sich das sogenannte “Federpicken” durch weitere Haltungsverbesserungen vermeiden lässt. Sicher, eine Ultima Ratio gibt es: den Stall abdunkeln. Aber das bedeutet, dass ich den Puten ihren natürlichen Tagesrhythmus nehme und alle normalen Aktivitäten unterbinde. Das kann es nicht sein! Zumindest nicht, wenn es eine Alternative wie die Schnabelbehandlung per Infrarot gibt.

4 thoughts on “Auf den Punkt: Sinn und Zweck der Schnabelbehandlung bei Puten

  1. Gibt es kein Foto, dass das Ergebnis dieser Behandlung beim ausgewachsenen Schnabel respektive Tier zeigt? Oder möchte man das Niemandem zumuten?

  2. Wow, Danke für die schnelle Reaktion. Ich denke, das rundet den Artikel ab und belegt außerdem, dass die Schnabel-Deformation am (fast) erwachsenen Tier nicht dramatisch aussieht und wahrscheinlich bei der Nahrungsaufnahme kein nennenswertes Manko darstellt. Genau wüsste man das eh nur, wenn man selbst eine Pute in der Lage wär.

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