Postfaktischer Adventskalender, Teil 7: “Schnäbelschneiden”

Postfaktischer Adventskalender, Teil 7: “Schnäbelschneiden”

Gestern haben wir Putenküken aufgestallt. Die Tiere sind morgens in der Brüterei geschlüpft und dann mit einem Lkw zu uns gebracht worden.

Die landläufige Meinung, die ich häufig lese und höre, ist, dass Mastputen der Schnabel abgeschnitten wird, um übermäßiges Beißen in der Mast zu unterbinden. Das ist so nicht richtig: Die Schnäbel werden behandelt, und zwar mit einer Infrarotlampe, nicht abgeschnitten. Ich habe das Procedere hier im Blog schon einmal genauer erklärt: Auf den Punkt: Sinn und Zweck der Schnabelbehandlung bei Puten.

Behandelt wird auch nur der Oberschnabel, weil der beim erwachsenen Tier einen Widerhaken ausbildet, mit dem sich die Tiere – vor allem bei Rangordnungskämpfen – beträchtliche Verletzungen zufügen können. Das Rivalitätsverhalten tritt – vor allem bei den männlichen Tieren – unabhängig von der Bestandsgröße auf: Uns hat vor ein paar Wochen ein Hobbyhalter um Rat gefragt, weil sich seine 20 (!) Putenhähne mit Einsetzen der Geschlechtsreife angefangen haben zu beißen.

Im neuen Stall angekommen, erkunden die Tiere ihre neue Umgebung sehr emsig. Alles, was optisch hervorsticht, wird vehement bepickt. Auf mich machen die Tiere nicht den Eindruck, dass sie durch die Behandlung beeinträchtigt wären. Man sieht deutlich, dass der Schnabel nicht kupiert worden ist. Das weiße Stippchen an der Schnabelspitze ist der Eizahn, mit dem das Küken die Eierschale geöffnet hat.

Doppelzüngigkeit

Doppelzüngigkeit

Die FAZ meldet heute einen Sinneswandel der Grünen im Umgang mit den Bauern. Niedersachsens Landwirtschaftsminister Christian Meyer wird mit folgenden Worten zitiert:

“Ich sehe es so, dass auch die Grünen verbal abrüsten müssen.”

Man habe den Fehler gemacht, zu oft mit dem erhobenen Zeigefinger anzukommen. Die Agrarwende könne schließlich nicht ohne die Bauern gelingen. Er lobt eine Reduktion des Antibiotika-Einsatzes in der Tierhaltung sowie den Ausbau von Freiland- und Biohaltung von Legehennen.

Die Botschaft hör’ ich wohl, allein mir fehlt der Glaube. Ausgerechnet Christian Meyer mahnt jetzt zu moderaten Tönen. Dabei nimmt er sich sonst wenig zurück, wenn es um eine Verschärfung der Debatte zum Beispiel zur Milchkrise geht. So fordert Christian Meyer derzeit lautstark eine Mengenregulierung im gebeutelten Milchmarkt, obwohl die Nachhaltigkeit einer solchen Maßnahme von Experten angezweifelt wird. Die Stimmung unter den Milchbauern beruhigt das freilich nicht.

Heute vor drei Wochen meldete Radio ffn, dass Meyer mit dem baldigen Rücktritt von Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt rechne. In einer Meldung vom 7. Juni 2016 zitiert der Sender den Minister:

“Es ist schon dramatisch, und ich glaube, dass ein Rücktritt von Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt nicht mehr fern ist. Ich glaube, wenn Schmidt nicht bald eine Umkehr macht und von seinem Wegschauen, Verzögern und Zaudern wegkommt, dann wird es für ihn ganz schwer werden. Dann wird er eben als Minister für das größte Höfesterben in der Geschichte der Milchwirtschaft in die Geschichtsbücher eingehen.”

Gehört das Streuen von Rücktrittsgerüchten etwa zum guten Umgangston unter Berufspolitikern?

Auch das Thema Glyphosat wird in der FAZ angesprochen:

“Meyer bemängelte in diesem Kontext auch die Kampagne seiner eigenen Partei gegen das Herbizid Glyphosat, das nun EU-weit womöglich nicht weiter zugelassen wird. Darüber soll in dieser Woche in Brüssel entschieden werden. […]

Die Kampagne gegen wie auch für Glyphosat sei ,,von beiden Seiten“ übertrieben gewesen, also auch von der Industrie. ,,Landwirte wollen natürlich auch nicht als Giftspritzer der Nation dargestellt werden“, erklärte Meyer.”

Leider verschweigt der Artikel, wie sich Christian Meyer inhaltlich in dieser Frage positioniert und welche Punkte er genau für übertrieben erachtet.

In einem Beitrag vom 6. Juni 2016 zitiert die Celler Presse den Minister jedenfalls so:

“In der EU muss das Vorsorgeprinzip zum Schutz von Verbrauchern und Umwelt uneingeschränkt gelten. Wirtschaftliche Lobbyinteressen dürfen keine Rolle spielen. Nicht nur, weil die Gefahr besteht, dass – wie von der Weltgesundheitsorganisation festgestellt – Glyphosat „für den Menschen wahrscheinlich krebserregend“ ist, muss dieses Pestizid vom Markt genommen werden. Auch die Folgen für die biologische Vielfalt sowie den Schutz von Flora und Fauna sind durch dieses Pflanzengift fatal. Die Kommission kann und darf sich daher nicht über die fehlende Zustimmung der Mitgliedstaaten hinwegsetzen und einen Kniefall vor den Interessen der Agrochemie machen. Eine durchgepeitschte Verlängerung der Glyphosat-Zulassung über die Köpfe der EU-Staaten hinweg darf es nicht geben.”

Hier kann ich keine verbale Mäßigung erkennen. Es ist genau das übliche von den Grünen bemühte Narrativ: Vorsorgeprinzip geht vor Lobbyinteressen und Glyphosat zerstört die Artenvielfalt. Sollte Christian Meyer etwa innerhalb der letzten drei Wochen seine Meinung geändert haben?

Die agrarzeitung meldet heute, dass die Kommission ohne Aussprache die Genehmigung für Glyphosat um weitere 18 Monate verlängern wird. Auf die verbale Abrüstung der Grünen in diesem Zusammenhang bin ich schon jetzt sehr gespannt.

 

 

 

Bildnachweis: http://www.fraktion.gruene-niedersachsen.de/presse/pressefotos.html, brauers.com

Auf den Punkt: Sinn und Zweck der Schnabelbehandlung bei Puten

Auf den Punkt: Sinn und Zweck der Schnabelbehandlung bei Puten

Derzeit sucht das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft Putenhalter, die bereit sind, an einem Modellvorhaben teilzunehmen. Es geht darum, herauszufinden, wie man das sogenannte Federpicken in der Putenhaltung unterbinden kann. Ziel ist, mittel- bis langfristig auf das sogenannte Schnabelkürzen zu verzichten. Dieser Verzicht wird der Bevölkerung als Gewinn für den Tierschutz in der Geflügelhaltung verkauft, aber ist das wirklich so?

Erst einmal: Der Begriff “Schnabelkürzen” ist falsch. Bei der bei Mastputen eingesetzten Methode wird der Oberschnabel noch in der Brüterei mit Infrarot behandelt, aber nicht abgeschnitten oder sonstwie eingekürzt. Das Küken bezieht also seinen neuen Stall beim Aufzüchter mit intaktem Schnabel (siehe Foto oben). Bei der Schnabelbehandlung mit dem Lichtimpuls werden Blutgefäße und Nerven verödet. Dies führt dazu, dass sich der Oberschnabel nicht voll ausbildet. Der Vorgang vollzieht sich blitzschnell: Die Küken werden in eine Art Karussell fixiert, fahren einmal herum und bekommen dabei den Lichtimpuls auf die Schnabelspitze gesetzt sowie bei Bedarf noch eine Impfung. Das alles passiert innerhalb weniger Sekunden und die Tieren zeigen dabei keine Reaktion wie Quieken oder offensichtliche Panik. Im Stall angekommen geben sich die Küken unbeeinträchtigt durch die Behandlung: Sie fangen sofort an, zu fressen und zu trinken.

Würde die Schnabelspitze auswachsen, dann bildet sich am Oberschnabel ein Widerhaken, der bei Rangeleien schnell zu blutenden Wunden führt. Am Hals haben die ausgewachsenen Tiere keine Federn, die Haut ist dort sehr lose und verletzlich. Blutet ein Tier erst einmal, zieht allein dieser Farbkontrast sofort die Aufmerksamkeit der anderen Puten auf sich. Und Interessantes wird nun einmal mit dem Schnabel bepickt, um es zu erkunden. Daher werden verletzte Tiere unverzüglich von der Herde getrennt und in ein separates Abteil gesetzt.

Um die Puten zu beschäftigen, lässt sich der Halter einiges einfallen: Bunte Ketten hängen zwischen den Töpfen an der Futterbahn, Picksteine werden aufgehängt und Strohballen in den Stall gesetzt. Auch Aufsitzmöglichkeiten wie Bretter an den Stallwänden leisten gute Dienste. Doch das Problem ist, dass die Tiere nun einmal neugierig sind und alles wird – wie bei kleinen Kindern – schnell uninteressant. Das Staubkorn am Hals vom Kumpel war aber gestern noch nicht da. So, und wenn da einer pickt mit unbehandeltem Schnabel blutet es und dann wird es erst richtig interessant …

Die Tiere bepicken sich nicht nur zur Erkundung. Mit Einsetzen der Geschlechtsreife kommt es zu Rivalitäten. Auch vermeintliche Eindringlinge werden bedroht oder gar angegriffen, wie dieses Video zeigt. Kurzum: Das Picken ist keine Verhaltensstörung, die etwa durch das Halten vieler Tiere in einem Stall entsteht. Das Picken wird auch nicht durch eine Stoffwechselstörung oder durch einen Nährstoffmangel verursacht. Das Picken basiert m.E. zum größten Teil auf dem natürlichen Erkundungsverhalten oder passiert bei Rangordnungskämpfen. Es ist sicher sinnvoll, den Tieren Abwechslung in ihrer Stallumgebung anzubieten, aber ich glaube nicht, dass sich das sogenannte “Federpicken” durch weitere Haltungsverbesserungen vermeiden lässt. Sicher, eine Ultima Ratio gibt es: den Stall abdunkeln. Aber das bedeutet, dass ich den Puten ihren natürlichen Tagesrhythmus nehme und alle normalen Aktivitäten unterbinde. Das kann es nicht sein! Zumindest nicht, wenn es eine Alternative wie die Schnabelbehandlung per Infrarot gibt.