Auch Bio-Bauern spritzen Pestizide

Auch Bio-Bauern spritzen Pestizide

Hach, was war die Aufregung wieder groß gestern im Internet und speziell in den sozialen Netzwerken. Was war passiert? Die designierte neue Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner von der CDU hatte sich zum Thema Pestizideinsatz im Ökolandbau zu Wort gemeldet. “Klöckner will Ökolandwirten konventionelle Pflanzenschutzmittel erlauben” titelte das Fachportal topagrar.com. Das löste heftige Reaktionen aus. So echauffierte sich Gerald Wehde, Pressesprecher des Anbauverbandes Bioland, gegenüber dem Bayerischen Rundfunk:

“Der Verzicht auf Pestizide sei ein Grundprinzip des Ökolandbaus, das man nicht aushebeln dürfe.

Außerdem könne kein Nationalstaat bei diesem Thema einen Alleingang machen. In ganz Europa gelte nämlich die EU-Ökoverordnung.”

Dass der Ökolandbau auf Pestizide verzichtet, ist schlicht und ergreifend falsch. Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit veröffentlicht auf seiner Website eine mehr als 120 Seiten umfassende Liste mit Pflanzenschutzmitteln, die explizit nach der von Herrn Wehde erwähnten Ökoverordnung zugelassen sind. Auch die Bioland-Richtlinien erlauben den Einsatz dieser Mittel.

Selbst Robert Habeck, grüner Noch-Landwirtschaftsminister von Schleswig-Holstein, tut so, als wüsste er davon nichts:

 

Doch was hat Julia Klöckner eigentlich genau gesagt? Die entscheidende Passage in dem Interview mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland lautet:

“Um ihre Ernte zu sichern, würden viele Ökolandwirte gerne punktuell auf konventionelle Pflanzenschutzmittel zurückgreifen. Dürfen sie aber nicht. Manchen Bauern kostet das die Existenz – und viele hält es davon ab, den Weg in den Ökolandbau zu wagen. Wir müssen Ökolandwirten in schlechten Phasen den Gebrauch konventioneller Pflanzenschutzmittel erlauben können, aber dazu bedarf es weiterer Forschung. Aber natürlich auch der Zustimmung der Branche und Verbände. Das geht nur gemeinsam.”

Julia Klöckner hat hier vermutlich den Öko-Weinbau im Sinn – schließlich war sie mal Weinkönigin. Das Jahr 2016 war für die Öko-Winzer in Deutschland sehr schwierig, weil sie witterungsbedingt mit Falschem Mehltau zu kämpfen hatten. Bis 2012 konnten sie bei dieser Krankheit zusammen mit Kupferverbindungen Kaliumphosphonat einsetzen, was bis dahin als Pflanzenstärkungsmittel galt. Inzwischen ist Kaliumphosphonat als Pflanzenschutzmittel zugelassen und steht daher den Öko-Winzern nicht mehr zur Verfügung, weil es als “chemisch-synthetisch” gilt. Der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft e.V. (BÖLW) hatte zwar in 2012 mit einem Gutachten versucht nachzuweisen, dass Kaliumphosphonat einen “naturstofflichen Charakter” hat, aber offensichtlich hat das nicht überzeugt.

Die Grünen forderten 2016 in einer Pressemitteilung eigentlich etwas ganz ähnliches wie Frau Klöckner heute:

“Solange es keine Alternativen gibt, fordern wir die Bundesregierung auf, sich bei der EU für die Prüfung einer zeitlich und mengenmäßig begrenzten Zulassung von Kalium-Phosphonat im Öko-Weinbau einzusetzen. Wir unterstützen ausdrücklich die Forderungen der Fachministerien in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz.”

Ich finde: “zeitlich und mengenmäßig begrenzte Zulassung” ist so ziemlich das gleiche wie “punktuell auf konventionelle Pflanzenschutzmittel zurückgreifen”. Oder?

 

Das Foto zeigt übrigens einen kalifornischen Feldarbeiter beim Behandeln von Bio-Blumenkohl mit einer natürlichen Seifenlösung zur Bekämpfung von Insekten. Solche Wirkstoffe sind in Deutschland beim Anbau von Bio-Blumenkohl auch erlaubt. Man beachte die Schutzausrüstung des Arbeiters.

 

Links:

• ECOVIN: 2016 – Herausforderungen beim Pflanzenschutz im Bioweinbau

BÖLW: Öko-Weinbau und Kaliumphosphonat 

• Nur Bio-Pestizide dürfen Bienen töten!

• Zwei-Klassen-Chemie

Mythenjagd (1): Bio bedeutet ungespritzt

 

Bildnachweis: Screenshot von Cauliflower: How Does it Grow?

“Es wird immer mehr gespritzt …”

“Es wird immer mehr gespritzt …”

“Es wird immer mehr gespritzt”, ist oft in den Medien zu hören und zu lesen. Heute etwa schreibt die FAZ, dass der Deutsche Bauernverband (DBV) sich den Einsatz von Pestiziden schönrechnen würde:

“Der Deutsche Bauernverband rühmt sich daher eines Erfolgs: „Beim Pflanzenschutz“, so meldete der Verband erstmals wenige Wochen vor Messebeginn, sei „der Einsatz von Herbiziden seit 1988 halbiert“ worden.”

Das sei bestenfalls ein Teil der Geschichte, heißt es in der Zeitung, der Rückgang sei vor allem auf das Verbot des Wirkstoffs Atrazin zurückzuführen, neuere Wirkstoffe kämen mit geringen Aufwandmengen aus. Wurde der Bauernverband hier etwa bei der Schönfärberei erwischt? Nun, das Original-Zitat aus der Pressemitteilung des Bauerverbandes lautet folgendermaßen:

“Beim Pflanzenschutz konnten durch neue Wirkstoffe und Ausbringungstechniken sowie das Schadschwellenprinzip der Einsatz von Herbiziden seit 1988 halbiert, der von Fungiziden um 15 Prozent reduziert werden.”

Dort wird als Ursache für den Rückgang u.a. “neue Wirkstoffe” genannt. Im aktuellen Situationsbericht des DBV werden die abgesetzten Wirkstoffmengen in Bezug zur behandelten Fläche dargestellt:

PSMabsatz1988Hier ist der deutliche Rückgang bei den Herbiziden klar zu erkennen. Dass der Rückgang u.a. auf Änderungen bei den Wirkstoffen zurückgeht, wird auch erwähnt. Also, wo wird hier schön gerechnet?

In dem FAZ-Artikel heißt es weiter:

“Jenseits dieser Sondereffekte brauchen die Bauern seit den Jahren nach der Wiedervereinigung aber: deutlich mehr Herbizide und Fungizide. Zum Beispiel geht das aus den amtlichen Zahlen des Umweltbundesamts für 1994 bis 2014 hervor. In dieser Zeit sei der Absatz zugelassener Pflanzenschutzwirkstoffe in Deutschland von rund 29800 auf 46100 Tonnen gestiegen.”

Schauen wir uns die Zahlen des Umweltbundesamtes (UBA) doch einmal an:

3_abb_pflanzenschutzmittelabsatz_2017-03-21
Quelle: UBA

Anhand der Grafik ist leicht zu erkennen, dass die Steigerung der Absatzzahlen im wesentlichen auf die Zunahme bei der Gruppe der Inerten Gase im Vorratsschutz zurückzuführen ist. Die hier eingesetzten Mittel (CO2, Stickstoff) werden aber nicht auf dem Feld, sondern in geschlossenen Silos angewendet, um Nachernteverluste zu vermeiden. Die Gase haben zugenommen, weil es auch beim Vorratsschutz immer weniger zugelassene chemische Wirkstoffe gibt.

Bereitet man die Daten des UBA einmal in Excel auf, ergibt sich folgendes Bild:

Bei den Wirkstoffgruppen Herbizide und Fungizide schwanken die Mengen sehr stark. Das kann zum einen an den Witterungsbedingungen liegen – so begünstigen milde Winter Pilzerkrankungen wie Gelbrost im Getreide – und zum anderen an der zunehmenden Beliebtheit von pflugloser Bodenbearbeitung. Weil Pflanzenreste auf der Boden-Oberfläche liegen bleiben und sich dort Pilzsporen leichter halten können, wird manchmal eine zusätzliche Fungizidbehandlung notwendig. Die einzige Wirkstoffgruppe, bei der die Absatzmengen eindeutig ansteigen, ist die der Inerten Gase.

Als Datenquelle geben sowohl das UBA als auch der DBV die Statistischen Jahrbücher des Bundesministeriums für Landwirtschaft und Ernährung (BMEL) an. Hätte das UBA einen größeren zeitlichen Rahmen abgebildet, würde der starke Rückgang gegen Ende der 80er Jahre hier auch vorkommen. Aber die Behörde startet mit der Statistik im Jahr 1994, wo die Absatzmengen wieder anziehen.

In einem hat die Zeitung natürlich Recht: Wie stark der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln zu- oder abnimmt, hängt entscheidend von dem Zeitraum ab, den ich betrachte. Aus genau diesem Grund sind im vergangenen Jahr Meldungen über steigenden Spritzmitteleinsatz als Unstatistik des Monats betitelt worden.

Bei all dem gilt zu beachten, dass wir bis hierhin nur Absatzzahlen betrachtet haben. Das heißt, die Zahlen geben an, wieviel Pflanzenschutzmittelwirkstoffe verkauft worden sind. Da der Landwirt die Präparate eine Weile lagern darf, bedeutet das nicht automatisch, dass all die Mittel, die in einem Jahr gekauft worden sind, auch im selben Jahr zum Einsatz kommen.

Um einen realistischen Einblick in die Pflanzenschutzpraxis hierzulande zu gewinnen, gibt es beim Julius Kühn-Institut (JKI) Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen das Projekt PAPA (PAPA = Panel Pflanzenschutzmittel-Anwendungen). Bei mindestens 100 Erhebungsbetrieben je Kulturart (Ausnahme Hopfen, da sind es 80) werden die jährlichen Pflanzenschutz-Behandlungen erfasst und ausgewertet.  Aufschlussreich ist der ermittelte Behandlungsindex für verschiedene Kulturen, der laut JKI “als quantitatives Maß zur Beschreibung der Intensität der Anwendung von zugelassenen Pflanzenschutzmitteln” dient:

12_BI_gesamt_bis_2016.jpg
Tabelle: JKI

Nach diesen Zahlen hat sich in den letzten Jahren wenig verändert. Der höhere Index bei Wintergerste und Winterweizen ist auf einen höheren Einsatz von Fungiziden zurückzuführen, wie die Auswertungen für die beiden Kulturen zeigen (größere Darstellung durch Click auf die Tabelle):

Die möglichen Gründe dafür hatte ich bereits weiter oben genannt: Witterung und Änderungen bei der Bodenbearbeitung. An den Indizes ist sehr gut zu erkennen, wie unterschiedlich intensiv die einzelnen Kulturarten behandelt werden. So kommt der in der Öffentlichkeit oft verteufelte Mais mit recht wenig Pflanzenschutz zurecht.

 

Bienenverluste: “Der Fehler steht hinter dem Kasten”

Bienenverluste: “Der Fehler steht hinter dem Kasten”

Die medialen Alarmglocken tönen laut: Bienensterben, Insektensterben – wenn man die Schlagzeilen konsequent zu Ende denkt, steht das Ende der Zivilisation kurz bevor. Ich habe dazu mal einen Bienenexperten gefragt: Dr. Gerhard Liebig.

Frage: Herr Dr. Liebig, wie lange beschäftigen Sie sich schon mit Bienen?

Antwort: Ich habe von 1970 bis 1975 an der Universität Hohenheim in Stuttgart Agrarbiologie studiert. Am Institut für Phytomedizin habe ich mich in meiner Diplomarbeit und Doktorarbeit mit Blattläusen beschäftigt. Über diese Blattläuse bin ich zu den Bienen gekommen, denn es gibt auch bienenwirtschaftlich wichtige Läuse auf Waldbäumen wie Fichte und Tanne. Nur wenn diese an der Rinde saugenden Blattläuse in Massen auftreten und dann viel Honigtau produzieren, gibt es Wald- und Tannenhonig. Dieser ist besonders begehrt. Ich erhielt einen Forschungsauftrag, die Populationsdynamik dieser Insekten zu untersuchen. Das habe ich dann 37 Jahre lang gemacht und in den 1980er Jahren auch den Hype um das „Waldsterben“ vor Ort miterlebt. „Nebenbei“ habe ich mich mit der Honigbiene und ihrer Haltung beschäftigt. Daraus ist dann eine weitere Langzeitstudie entstanden, in der ich 22 Jahre lang untersucht habe, wie sich Bienenvölker entwickeln und welchen Einfluss die Umwelt auf die Volksentwicklung hat. Dabei bin ich selbst zum Bienenhalter geworden.

Frage: Was meinen Sie, wird man bei uns die Obstbäume bald auch per Hand bestäuben müssen wie in China?

Antwort: Das ist ein Beispiel, wie durch ständige Wiederholung die Lüge – wenn nicht zur Wahrheit – aber zur Tatsache wird. Mit dem Kinofilm „More than honey“ wurde diese Behauptung im November 2012 in die Welt gesetzt. Im Fernsehen wurde dieser preisgekrönte Film mehrmals ausgestrahlt. China ist Honigexportland! Die Völkerdichte liegt in China höher als in den USA. Die Apfelproduktion hat sich in China seit den 1990er Jahren bei nahezu konstanter Anbaufläche mehr als verfünffacht. Die Handbestäubung in China wird praktiziert, wenn es darum geht, neue Apfelsorten zu züchten, die auch für den Export geeignet sind.

Frage: Gibt es Ihrer Meinung nach also gar kein Bienensterben?

Antwort: Es kommt darauf an, wie man „Bienensterben“ definiert. In einem Bienenvolk sterben jährlich etwa eine Viertelmillion Bienen eines natürlichen Todes, im Sommer sind es etwa 2.000 täglich, im Winter im Durchschnitt nur 30. Das Volk bleibt dennoch am Leben, denn es kommen auch Bienen zur Welt. Im Frühjahr schlüpfen mehr Bienen als Bienen sterben, die Völker wachsen dann. Im Winter werden keine Bienen erbrütet, die Völker schrumpfen dann. Wenn alle Bienen eines Volkes im Winter abgehen, stirbt das Volk. Wenn das vielerorts passiert, gibt es ein „Völkersterben“, das in der medialen Berichterstattung als „Bienensterben“ bezeichnet wird.

Im Durchschnitt gehen in Deutschland etwa 10 Prozent der Völker im Winter ein, wobei in jedem Winter bei den etwa 100.000 Bienenhaltern in Deutschland die Schwankungsbreite der Verlustrate zwischen 0 und 100 Prozent liegt. Auch das ist nichts Besonderes. Die Imker, die verlustfrei imkern, bilden die schweigende Mehrheit. Nur die Betroffenen klagen und werden gehört. Hinzu kommt die Einstellung vieler Berichterstatter in den Medien: „Only bad news are good news“. Zuschauer, Zuhörer und Leser bekommen ständig und stetig den Eindruck vermittelt, dass es immer schlimmer wird. Völkerverluste im Winter werden durch die im Frühjahr übliche Völkervermehrung ausgeglichen, so dass die Völkerzahl in Deutschland stabil bleibt oder auch zunimmt – wie in China, wie in den USA und anderswo. Völker sterben im Winter nur, wenn der Bienenhalter Fehler macht. Die Hauptursache für Völkerverluste im Winter ist eine unzureichende Varroabehandlung. Der Fehler steht also hinter dem Kasten.

Frage: Seit wann gibt es die Varroamilbe in Deutschland?

Antwort: Die Varroamilbe wurde in Westdeutschland in den 1970er Jahren beim Import von Bienenvölkern aus Pakistan eingeschleppt. In die damalige DDR kam sie aus dem Osten Europas. Die Varroamilbe war ursprünglich nur ein Parasit der Asiatischen Honigbiene. Diese Art hatte früher keinen Kontakt zur Europäischen Honigbiene, die in Europa und in Afrika lebte. Die Europäer haben bei der Kolonisierung Asiens Völker der Europäischen Honigbiene in ihre Kolonien verbracht. Dann ist die Varroamilbe auf die Europäische Honigbiene übergewechselt. Das ist auch nach dem Import von Bienenvölkern der Asiatischen Honigbiene im Taunus geschehen. Von dort hat sich die Varroamilbe innerhalb eines Jahrzehntes in ganz Deutschland verbreitet.

Die Asiatische Honigbiene ist resistent gegen die Varroamilbe, die Europäische Honigbiene ist es nicht. In ihren Völkern vermehrt sich die Varroamilbe während der Brutperiode -von März bis Oktober- ungehemmt. Wenn der Varroabefall die Schadenschwelle überschreitet, erkranken die Völker und sterben an “Varroose”. So nennt man die Krankheit, die ausbricht, wenn die Völker zu viele Milben haben. Die Völker fliegen sich kahl, ihre Bienen gehen ab. In den USA wird sie „CCD“ genannt (Colony Collapse Disorder). Die Schadensschwelle liegt im Herbst und Winter deutlich niedriger als im Frühjahr und Sommer.

Frage: Was kann der Imker denn gegen Milbenbefall tun?

Antwort: Der Imker muss alljährlich seine Völker gegen die Varroamilbe behandeln. Dafür gibt es inzwischen eine große Anzahl zugelassener Medikamente. Die meisten Imker behandeln ihre Völker mit Ameisensäure und Oxalsäure. Diese Säuren werden nur nach der Honigernte angewendet, sodass keine Rückstände in den Bienenprodukten entstehen können.

Frage: Sie haben jahrzehntelange Erfahrung mit Bienen: Geht es den Tieren heute schlechter als früher – von der Milbe einmal abgesehen? Es heißt, die Bienen sind wegen der Pestizide aus der Landwirtschaft und aufgrund von Nahrungsmangel anfälliger als früher.

Antwort: Diese Behauptung ist ähnlich zu bewerten wie die bereits erwähnte Handbestäubung in China. Sie wurde öffentlich gemacht von der Stiftung Warentest in ihrem Augustheft 2013 mit dem Artikel „Wenn das Summen verstummt“. An der Verbreitung dieser Behauptungen haben sich auch der BUND mit dem Flyer „Bienensterben stoppen! Pestizide – Gift für Mensch und Umwelt“ und Greenpeace mit der Broschüre „Bye, Bye Biene?“ beteiligt. Das Ganze gipfelte in einer Studie der Freien Universität Berlin, die von der Bundestagsfraktion der Grünen in Auftrag gegeben wurde und die zu dem Ergebnis gekommen ist, dass es den Bienen in der Stadt besser gehe als den Bienen auf dem Land. Schuld sei die „Intensive Landwirtschaft“ mit ihren Monokulturen, durch ihren übermäßigen Pestizideinsatz und durch Düngung. Das ist schlichtweg falsch. Die Honigproduktion in Deutschland und auch die durchschnittliche Honigleistung pro Volk ist seit Ende des Zweiten Weltkrieges stetig angestiegen. Das liegt in erster Linie an der Ausdehnung des Rapsanbaus. Dank Züchtung, Pflanzenschutz und Düngung ist nicht nur der Kornertrag gestiegen, der Raps honigt heutzutage besser als vor 40 Jahren, als ich mit meinen Langzeitstudien begonnen habe.

Frage: Experimente zeigen, dass sogenannte Neonicotinoide Bienen orientierungslos machen. Wenn es solche Indizien gibt, dass diese Insektizide den Bienen schaden, wäre es dann nicht besser, die Anwendung dieser Substanzen sofort zu verbieten?

Antwort: Diese Ergebnisse wurden im Freiland mit präparierten Einzelbienen erzielt, spiegeln aber nicht die Verhältnisse im Freiland wider. Die Versuche beeindrucken durch den Einsatz von „Hightech“, liefern aber nur „hot air“. Wenn man einer Biene einen Chip oder einen Transponder auf den Rücken klebt, um ihren Flug verfolgen zu können, dann verändert bereits das ihr Verhalten. Wenn man die so präparierten Tiere zusätzlich mit einer Zuckerlösung füttert und dieser den Wirkstoff eines Pestizids beimischt, ist diese Verhaltensänderung noch stärker ausgeprägt, wobei es dabei auch auf die Dosis ankommt. Häufig wurde zum Nachweis einer Giftwirkung überdosiert.
Mit einem Neonicotinoid gebeizte Raps- oder Maisfelder werden von Bienen während der Blüte beflogen. Die Bienen sammeln dort Pollen und Nektar. Pollen und Nektar sind in subletalen Dosen mit dem bienengiftigen Wirkstoff kontaminiert. Doch wirkt sich der Eintrag von kontaminierten Pollen und Nektar weder auf das Sammelverhalten noch auf die Volksentwicklung aus. Das wird im Rahmen jedes Zulassungsverfahrens geprüft und später auch überprüft. Die Rückkehrquote der Sammlerinnen liegt bei 99 Prozent, egal ob die Völker gebeizten oder nicht gebeizten Raps oder Mais befliegen. In Versuchen mit der oben beschriebenen „Hightech“ zeigten selbst die unbehandelten Kontrollbienen eine auf weniger als 90 Prozent geminderte Rückkehrquote. Wenn das normal wäre und für alle Sammlerinnen gelten würde, wäre ein Volk nach einem Trachttag, an dem die 20.000 Sammlerinnen eines normalstarken Volkes etwa 10-mal zum Sammeln ausfliegen, bereits nach einem Tag „kahlgeflogen“ – auch wenn keine Pestizide im Spiel sind. Der Pflanzenschutz über Saatgutbeizung ist ökologisch sinnvoller als der Pflanzenschutz über Spritzen. Deshalb sollte man die Saatgutbeizung nicht verteufeln und abschaffen, sondern gut heißen und wieder anwenden.

Frage: Wie geht es denn den wilden Verwandten unserer Honigbiene, den Wildbienen aus Ihrer Sicht?

Antwort: Das ist auch so ein Ding. Es gibt sehr wenige Untersuchungen über Vorkommen und Auftreten von Wildbienen. Die „Hohe Zeit“ der Wildbienenforschung liegt etwa 20 Jahre zurück. Um die Jahrtausendwende sind mehr Wildbienenfunde gemeldet worden als vorher und nachher. Die Fachleute von damals sind inzwischen im Ruhestand. Der immer wieder gemeldete Rückgang an Wildbienenarten kann auch dadurch bedingt sein, dass es immer weniger Menschen gibt, die die Arten kennen. Nur wer sucht findet sie. Wenn man nicht sucht, findet man keine. Dieser Gedankengang bietet sich auch als Erklärung an für den allgemein beklagten Rückgang der Biodiversität. Von vielen wird nur dort und wenn überhaupt nur so geguckt, dass sie sich in ihrer Haltung bestätigt fühlen. Von einigen Naturschützern und Wildbienenexperten wird die Meinung vertreten, dass Wildbienen auch unter der Konkurrenz der Honigbiene leiden und betrachten die aktuelle Entwicklung der Honigbienenhaltung – die Anzahl von Bienenhaltern und Bienenvölkern wächst stetig – sehr kritisch. Das sollte vor allem von den Imkern beachtet werden, die vorgeben, „ökologisch“ zu imkern und deswegen die besseren Imker zu sein. Man findet sie bei Demeter und Bioland.

Frage: Sind Sie mit Ihrer Ansicht schon angeeckt – quasi als „Bienensterben-Leugner“ betitelt worden oder ähnliches?

Antwort: Das kam und kommt immer wieder vor. Es gehört dazu, wenn man gegen den „Mainstream“ schwimmt. Wenn Andersdenkende keine Argumente haben, aber fest an ihrem Glauben festhalten wollen, reagieren sie häufig polemisch. Häufig wird mir unterstellt, ich würde von einem Pharmakonzern bezahlt.

Frage: In den Medien wird das Bienensterben oft als Faktum dargestellt – zuletzt in der Talkrunde „hart aber fair“ Anfang Dezember im Ersten. Was halten Sie davon?

Antwort: Durch ständige Wiederholung wird die Lüge nicht zur Wahrheit, aber zur Tatsache. Das ist jetzt auch eine Wiederholung. Ich habe die Sendung gesehen und zwar zweimal, das erste Mal live und dann ein zweites Mal per Mediathek. Beim zweiten Angucken habe ich die Sendung auch mit einer Kamera aufgenommen. Ich will den Film bearbeiten, mit anderen Medienberichten über das Bienensterben – ich sammele sie seit 2006 – kombinieren, um zu dokumentieren, wie die Reise bisher verlaufen ist und wohin die Reise geht. Als Schlusspunkt dieser Reise bietet sich das Jahr 2020 an. In einem bei Phoenix gesendeten Beitrag des Bayerischen Rundfunks über „Das Sterben der Bienen“ wurde vorhergesagt, dass es „in 10 Jahren keine Bienen mehr“ geben würde. Der Dokumentarfilm wurde 2010 hergestellt. Im April 2006 wurde in „Bild am Sonntag“ der damalige Präsident des Verbandes der Berufsimker Deutschlands mit den Worten zitiert: „Der Todeskampf der Honigbiene und der Imkerei in Deutschland hat begonnen.“ Die Honigbiene galt damals laut „BamS“ als das viertwichtigste Nutztier. Es ist auf Platz 3 gerückt. In diesem „BamS“-Artikel findet man auch das „Einstein-Zitat“, das von vielen Kommentatoren erwähnt wird. Es ist eindeutig unsinnig und es stammt nicht von Einstein.

Ich habe inzwischen auch alle 1.604 Kommentare, die vor, während und nach der Sendung ins Gästebuch der Sendung „hart aber fair“ eingetragen wurden, gelesen und bin dabei, sie auszuwerten. Das wird etwas länger dauern.

Frage: Welchen Eindruck haben Sie bisher von den Kommentaren?

Antwort: Die meisten Kommentare sind emotional und polemisch formuliert. Sie geben den „Mainstream“ wieder, laut dem die „Intensive“ Landwirtschaft an der Misere schuld ist und der Zusammenbruch des „Ökosystems“ bevorsteht. Diese Meinung haben auch vier Teilnehmer der Talkrunde „hart aber fair“, hart und nicht fair mit Nachdruck vertreten, der Moderator und drei der fünf eingeladenen Studiogäste, die Imkerin, der Wissenschaftsjournalist und der Grünen-Politiker.

Im Gästebuch haben sich auch einige Zuschauer zu Wort gemeldet, die sowohl beim Thema „Bienensterben“ und auch beim Thema „Insektensterben“ Sachkunde erkennen lassen und die Problematik differenziert betrachten. Diese differenzierte Betrachtung hätte eigentlich im Vorfeld der Sendung passieren müssen. Das ist unterblieben. Den Machern der Sendung kann man somit unterstellen, dass sie sich von einer Erkenntnis haben leiten lassen, die das Handeln vieler Journalisten bestimmt, nach der dem Publikum die einfache Lüge leichter beizubringen ist als die komplizierte Wahrheit. In dieser Hinsicht war es eine gelungene Sendung.

 

Zur Person:

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Bild: www.immelieb.de

Dr. Gerhard Liebig hat 37 Jahre lang im Dienste der Landesanstalt für Bienenkunde in Stuttgart-Hohenheim an Bienen geforscht. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit lag darauf, Konzepte zur Bekämpfung der Varroamilbe zu entwickeln. Auch im Unruhestand (seit 2011) beschäftigt er sich mit Bienen, verfasst Fachartikel und betreibt die Website www.immelieb.de, auf der sich alles um die Biene dreht und um ihren größten Feind, die Varroamilbe. Liebig ist Autor des beliebten Standardwerks “Einfach Imkern”, dessen 3. Auflage momentan vergriffen ist. Eine 4. Auflage ist für Frühjahr 2018 geplant.

 

Bildnachweis: Universität Hohenheim

Die Rückkehr des Rebhuhns

Die Rückkehr des Rebhuhns

Die Umweltschutzorganisation WWF Deutschland hat das Thema Landwirtschaft für sich entdeckt. Heute wird uns folgendes Filmchen auf Facebook präsentiert:

Die dazugehörige Message: Das Rebhuhn stehe kurz vor dem Aussterben, schuld sei vor allem die intensive Landwirtschaft, die vielen Pestizide würden das Futter für die Küken vernichten.

Mal abgesehen davon, dass der dargestellte Vogel eher an eine Bronze-Pute als an ein Rebhuhn erinnert und da “Rephühner” steht, stimmt diese Aussage so einfach nicht. Die Gründe für den Bestandsrückgang bei den Rebhühnern sind vielfältig und dürften auch regional variieren. In diesem Film über ein Wiederansiedlungsprojekt in Großbritannien wird deutlich, welche Bedürfnisse Rebhühner haben und welche Aspekte beachtet werden müssen, um ihren Bestand zu sichern:

Drei Dinge sind danach wichtig:

• Deckung und Winterquartier: Hecken sowie Bestände mit langen Gräsern bieten den Tieren auch in der kalten Jahreszeit Schutz

• Nahrung: Randstreifen als Unterschlupf für Insekten, Zufüttern mit Weizen im Frühjahr

• Schutz gegen natürliche Feinde: Prädatorenmanagement. Der Bestand von Fuchs, Wiesel, Ratte, Krähe und Elster muss reguliert werden.

Dr. Thomas Gehle von der Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildschadenverhütung im Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW (LANUV), bringt diese Aspekte im Interview mit der “Wild und Hund” in einem Satz auf den Punkt:

“Die erste Option aber, dem Rebhuhn zu helfen, besteht darin, die Beutegreifer in Schach zu halten und dort, wo das Huhn vorkommt, für optimale Nistmöglichkeiten und ganzjährig verfügbare Nahrung zu sorgen.”

Bei einem Rebhuhnschutzprojekt im Landkreis Göttingen versucht man es bislang ohne spezielles Prädatorenmanagement – mit entsprechenden Ergebnissen:

“Fünf Jahre lang haben wir die Lebensläufe von 139 besenderten Rebhühnern mittels Telemetrie verfolgt und Daten zur Habitatnutzung, zur Mortalität, zum Reproduktionserfolg und zur Mobilität gesammelt. Die Nester lagen fast ausschließlich in Bereichen mit mehrjähriger Vegetation. Ein Viertel der Nester wurde in Blühstreifen angelegt. Die Sterblichkeit der Rebhühner war hoch, fast alle Todesfälle waren auf Prädation zurückzuführen. Bei Hennen war die Mortalität zur Brutzeit am höchsten: nur 50% der Hennen überlebten den Sommer. Im Herbst war die Sterblichkeit der Rebhühner am geringsten. Im Winter bei Schneelage war das Risiko gefressen zu werden fünfmal höher als an Tagen ohne Schnee. 82% der Todesfälle bei Hennen wurden Raubsäugern zugeschrieben. Auch Gelegeverluste traten häufig auf. Hennenverluste auf dem Nest und Gelegeverluste bedingten, dass nur 30% der Gelege zum Schlupf kamen.”

Das LANUV in NRW hat ein Faltblatt für Jäger und Landwirte herausgebracht mit Tipps, wie dem Rebhuhn geholfen werden kann. Betont wird die Bedeutung der Zusammenarbeit beider Gruppen:

“Eine solch umfassende Hilfe für das Rebhuhn wird erfolgreich, wenn Landwirte und Jäger Hand in Hand zusammen aktiv werden. Fangen Sie gleich damit an!”

Dem kann ich mich nur anschließen: Fangen Sie gleich damit an!

 

Links

• The Return of the Grey Partridge (Originalvideo vom Game & Wildlife Conservation Trust)

• Rebhuhnschutzprojekt im Landkreis Göttingen

• Wie ist der drastische Rückgang des Rebhuhns (Perdix perdix) aufzuhalten? Erfahrungen aus zehn Jahren mit dem Rebhuhnschutzprojekt im Landkreis Göttingen

• Beschreibung des Projektes “Wildtiermanagement und Naturschutz in der Fehmarnbeltregion”

• Hilfe für das Rebhuhn – Tipps für Jäger und Landwirte

• Rebhuhnschutzprojekt der Stiftung Lebensraum Thüringen e.V.

• Wild und Hund: Rebhuhn Interview Dr. Thomas Gehle 

• Game & Wildlife Conservation Trust

• Restoration of a wild grey partridge shoot: a major development in the Sussex study, UK

Bildnachweis: Robert Kreinz, http://www.photograph-austria.at/