Dialog fortsetzen

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Anfang September hatte Horst Rehberger einen Offenen Brief an die Evangelische Kirche Deutschlands (EKD) gerichtet. Der frühere Wirtschaftsminister von Sachsen-Anhalt und Vorsitzende des Forums Grüne Vernunft forderte darin den EKD-Ratsvorsitzenden Prof. Bedford-Strohm auf, sich an einen Tisch zu setzen, um über Grüne Gentechnik zu sprechen. Rehberger sieht Gesprächsbedarf und fragt, warum angesichts eines Aufrufes von inzwischen 126 Nobelpreisträgern zur unverzüglichen Nutzung der Grünen Gentechnik im Allgemeinen und des Goldenen Reises im Besonderen, die EKD Gentechnik in der Landwirtschaft weiterhin ablehne. Sollte die EKD nicht reagieren, wollte Horst Rehberger einen Hungerstreik vor der EKD-Zentrale in Hannover antreten. Wir wollten wissen, wie die Sache ausgegangen ist.

Frage: Herr Rehberger, hat die EKD auf Ihren Brief reagiert?

Rehberger: Einen Tag vor Ablauf der Frist erreichte mich ein Brief der EKD-Leitung. Darin wurde mir Folgendes mitgeteilt: “Auch wenn grundsätzlich auf “Offene Briefe” seitens der EKD nicht reagiert wird, hat der Ratsvorsitzende anlässlich Ihres als Anzeige veröffentlichten Offenen Briefes den theologischen Vizepräsidenten des Kirchenamtes der EKD, Herrn Dr. Horst Gorski, gebeten, Ihnen ein Gespräch anzubieten. Herr Dr. Gorski schlägt vor, dieses Gespräch aus fachlichen Gründen gemeinsam mit der stellvertretenden Vorsitzenden der “Kammer für nachhaltige Entwicklung” der EKD, Frau Dr. Gudrun Kordecki, zu führen” Dieses Gesprächsangebot habe ich gerne angenommen und gemeinsam mit Prof. Reinhard Szibor, der sowohl in der evangelischen Kirche als auch für die Grüne Gentechnik sehr engagiert ist, dieser Tage in Hannover ein Gespräch geführt.

Frage: Und was ist bei diesem Gespräch herausgekommen?

Rehberger: Erwartungsgemäß war es ein sehr schwieriges Gespräch und mir drängte sich der Eindruck auf, dass die beiden Gesprächspartner von der EKD von der Entscheidung des Ratsvorsitzenden, ein solches Gespräch zu führen, alles andere als begeistert waren. So haben sie von Anfang an meinen Vorschlag strikt abgelehnt, in einer gemeinsamen Mitteilung darüber zu informieren, dass dieses Gespräch stattgefunden hat und was die wesentlichen Inhalte waren. Mein Hinweis, dass es eine ganze Reihe von Rückfragen gebe, ob und wie die EKD-Führung auf meinen Offenen Brief reagiert hat, und ich infolgedessen die Tatsache unseres Gesprächs nicht verschweigen könne – sollte ich etwa lügen? – hat dann dazu geführt, dass wir uns zu viert rund eine Stunde lang über den Aufruf der Nobelpreisträger und deren Plädoyer für die unverzügliche Nutzung der Grünen Gentechnik unterhalten haben.

Frage: Wie ist die aktuelle Haltung der EKD-Leitung zur Grünen Gentechnik?

Rehberger: Es wurde sehr deutlich, dass der Widerstand der EKD gegen die moderne Biotechnologie nicht theologisch begründet wird, sondern ideologisch. Nicht Theologen, sondern vor allem Verantwortliche der “Kammer für nachhaltige Entwicklung” sind für die bisher ablehnende Haltung der EKD verantwortlich. Auf die Frage, wie es ethisch zu verantworten ist, dass auch die evangelischen Christen in Deutschland täglich Lebensmittel essen, in denen Gentechnik steckt, dies den Menschen in Asien und Afrika etwa in Gestalt des Goldenen Reises aber vorenthalten werden soll, blieb Frau Kordecki jede Antwort schuldig.

Frage: Welche Gründe für die Ablehnung Grüner Gentechnik haben die Vertreter der EKD-Leitung denn vorgetragen?

Rehberger: Unsere Gesprächspartner erklärten, dass die wissenschaftliche Diskussion über die Chancen und Risiken der Grünen Gentechnik noch nicht abgeschlossen sei und deshalb ihr Einsatz nur aus der Perspektive des Vorsorgeprinzips beurteilt werde. Meine Frage, welche Wissenschaftler heute noch die Grüne Gentechnik ablehnten, schließlich sei die Meinung der 126 Nobelpreisträger identisch mit der Auffassung aller anerkannten wissenschaftlichen Organisationen und Institutionen weltweit, wurde nicht beantwortet. Auch meine weitere Frage, wie man von einem Vorsorgeprinzip sprechen könne, wenn man in Deutschland täglich “Genfood” esse, blieb unbeantwortet.

Frage: War damit das vom Ratsvorsitzenden Bedford-Strohm veranlasste Gespräch mit führenden EKD-Vertretern “für die Katz”?

Rehberger: Keinesfalls! Zum einen konnten Reinhard Szibor und ich die Gesprächspartner über den weltweit neuesten Stand in Sachen Grüne Gentechnik informieren. Dass z.B. Papst Franziskus, der bekanntlich schon vor Jahren das humanitäre Golden-Rice-Projekt gesegnet hat, vor wenigen Wochen Gluten-freie Hostien verboten, gentechnisch veränderte Hostien dagegen ausdrücklich erlaubt hat, war ihnen wohl nicht bekannt. Sonst hätte sich Frau Kordecki nicht auf eine angebliche Übereinstimmung mit der Katholischen Kirche berufen. Zum anderen dürften sich, und dies ist für den weiteren Dialog noch wichtiger, insbesondere die evangelischen Akademien erneut mit dem Thema Biotechnologie beschäftigen. Jedenfalls haben die EKD-Vertreter wiederholt auf diese Akademien als Plattform für einen wissenschaftsbasierten Dialog über die Gentechnik verwiesen. Das lässt hoffen. Die Dialog-Initiative des EKD-Ratsvorsitzenden war ein schwieriger Anfang. Aber dieser Dialog wird auf breiter Basis fortgesetzt werden.

Zum Bild: Christel Happach-Kasan und Horst Rehberger auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag 2017 in der Lutherstadt Wittenberg

Bildnachweis: Forum Grüne Vernunft

Warten auf Godot

Warten auf Godot

Am 19. September 2017 läuft das Ultimatum ab: Wenn Horst Rehberger bis dahin keine Antwort von der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) erhält, will der frühere Wirtschaftsminister von Sachsen-Anhalt und Vorsitzende des Forums Grüne Vernunft vor der EKD-Zentrale in Hannover einen Hungerstreik beginnen. Rehberger ist mit seiner Geduld am Ende. Seit Jahren fordert er die EKD zum Dialog über Grüne Gentechnik auf und wird mit unbefriedigenden Absagen (“keine Zeit”) vertröstet. Er schreibt in seinem Offenen Brief an den EKD-Ratsvorsitzenden Prof. Dr. Heinrich Bedford-Strohm:

“Über 120 Nobelpreisträger bezeichnen das, was Sie propagieren, als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“, also das schlimmste Kapitalverbrechen, das die Menschheit kennt, den Massenmord. Mit Totschweigen werden Sie Ihrer Verantwortung nicht gerecht! Sollten Sie bis 19.09.2017, drei Monate nach der Einladung, keinen Dialog-Termin nennen, werde ich einen unbefristeten Hungerstreik beginnen. Vor dem EKD-Gebäude in Hannover.
Im Interesse von Millionen Kindern, die ohne Gentechnik zum Tode verurteilt sind.”

Der Offene Brief des früheren Politikers (FDP) reiht sich ein in eine jahrelange Serie von Adressen an die Evangelische Kirche, Risiken und Chancen der Grünen Gentechnik neu zu bewerten.

Bereits Ende 2013 hat der Agrarökonom und Vizepräsident der Welthungerhilfe Prof. Dr. Joachim von Braun bei der 6. Tagung der 11. Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland ein Referat zum Thema Welternährung gehalten. Daraus ein Zitat:

“Wir brauchen dazu meines Erachtens auch eine Neubewertung der grünen Gentechnik. Dazu fordere ich Sie auf. Es geht mir nicht um eine dogmatische grundlegende Ablehnung der sogenannten transgenen Pflanzen, sondern um die Entwicklung einer armutsorientierten sicherheitsbewussten Checkliste, die solche transgenen Produkte, die Armen helfen und dem Sicherheitscheck standhalten, aktiv fördert. Das ist etwas anderes als Ja oder Nein zu grüner Gentechnik, sondern da muss man ganz genau hinschauen.”

Seitdem ist nichts passiert in der EKD. Im Gegenteil: Noch Ende 2015 hat die EKD die Brot für die WeltAdventsaktion mit der Anti-Gentechnik Aktivistin Vandana Shiva gestartet.

 

Mein Resümee: Die EKD sowie der Kirche angeschlossene Einrichtungen wie Brot für die Welt entziehen sich seit Jahren einer ergebnisoffenen Debatte über die Grüne Gentechnik. Diese Vermeidungstaktik ist symptomatisch für die gesamte Haltung der EKD der modernen Landwirtschaft gegenüber: Die Kirche orientiert sich lieber am Gutmenschen-Zeitgeist, anstatt sich eine pragmatische und lösungsorientierte Position zu erarbeiten und diese zu verteidigen. Auf der Strecke bleiben dabei u.a. arme Menschen in Entwicklungsländern, denen nicht zuletzt durch das Engagement kirchlicher Einrichtungen modernes Saatgut vorenthalten bleibt. Diese Doppelmoral ist das eigentliche Pharisäertum der EKD.

Links

Gentechnik-Streit: Rehberger droht Evangelischer Kirche mit Hungerstreik

“Grüne Gentechnik: Folgen die Entwicklungsländer der deutschen Paranoia?” Vortrag von Prof. Dr. Hans-Jörg Jacobsen beim 16. Innoplanta-Forum am 06.09.2017 in Gatersleben

Die Kirche und der Goldene Reis

 

Bildnachweis: Forum Grüne Vernunft

#Nobels4GMOs: Die Antwort

#Nobels4GMOs: Die Antwort

Inzwischen haben 110 Nobelpreisträger einen Aufruf unterzeichnet, in dem Greenpeace aufgefordert wird, die ablehnende Haltung gegenüber Grüner Gentechnik im allgemeinen und dem Goldenen Reis im speziellem aufzugeben.

Und wie reagiert die finanzkräftige Nichtregierungsorganisation? Greenpeace gibt sich ahnungslos, der Goldene Reis sei nach 20 Jahren immer noch nicht marktreif, heißt es in einer Stellungnahme von Greenpeace-Kampaigner Dirk Zimmermann:

“Das Problem: Es gibt den Reis gar nicht. Auch nach 20 Jahren Entwicklung wird er bisher nur auf Versuchsfeldern getestet und erfüllt längst nicht die in ihn gesteckten Hoffnungen.”

Doch warum ist der Reis wohl nicht marktreif? Das ist ja genau das Problem und daran hat Greenpeace entscheidend mitgewirkt, indem die Organisation vor Ort Stimmung gemacht hat gegen die Innovation. In einer Spiegel-Reportage von 2008 findet sich folgende Schilderung:

“Am Anfang gab es beim Goldenen Reis Streit darüber, wie viel Betacarotin tatsächlich im Reis vorhanden sei und wie viel davon der Körper aufnehmen könne. 2001 lud Greenpeace deshalb auf den Philippinen zu einer Pressekonferenz ein. Man habe ausgerechnet, sagte ein Greenpeace-Sprecher in die versammelten Mikrofone und Kameras, wie viel Goldenen Reis ein Kind am Tag essen müsse, um seinen Tagesbedarf an Vitamin A zu decken. Dann stand er auf und schüttete neun Kilo Reis auf den Tisch.”

Dieses Problem ist züchterisch längst gelöst und trotzdem hält sich das Argument des zu geringen Gehalts an Betacarotin nachhaltig in der Debatte.

Die aggressive Propaganda von Nicht-Regierungsorganisation hat durchaus Auswirkungen auf die Entscheidungsträger in den Entwicklungsländern. Auch die in Europa vorherrschende skeptische Haltung gegenüber Gentechnik wird in Entwicklungsländern rezipiert.

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Bildnachweis: Luis Liwanag/Greenpeace)

Zimmermann behauptet, die Wirksamkeit vom Goldenen Reis sei nicht nachgewiesen. Dem widerspricht der langjährige Projektleiter Adrian Dubock entscheiden. Bereits in 2009 wurde das in in einer Studie bestätigt:

Conclusion: b-Carotene derived from Golden Rice is effectively converted
to vitamin A in humans.”

Eine weitere Studie des gleichen Forschers Guangwen Tang musste auf Betreiben von Greenpeace zurückgezogen werden.

Ein weiteres Argument, dass Zimmermann bemüht ist, dass der Goldene Reis nicht die Ursachen der Mangelernährung bekämpft:

“Neben all diesen Unwägbarkeiten ignoriert die Golden Rice-„Lösung“ völlig die Ursachen von Mangelernährung – nämlich Armut und daraus resultierend einseitige Ernährung. Diesen Missstand mit einem einzigen Lebensmittel zu bekämpfen, ist völlig absurd. Die Gefahr ist, dass „Golden Rice“ das Problem einseitiger Ernährung sogar noch verschärfen würde.”

Genau so gut könnte man sagen, “Ich gebe Dir die Polio-Impfung nicht, denn Du bleibst ja trotzdem arm und denkst nachher noch, Du müsstest jetzt seltener zum Arzt gehen.” Geht’s noch?

Nicht fehlen darf in Dirk Zimmermanns Argumentation natürlich das Trojanische Pferd:

“Zuverlässig („funktioniert“ wäre zu viel gesagt) ist Golden Rice nur als PR-Instrument: Immer wieder wird er von Konzernen und Gentechnik-Befürwortern als Wunderpflanze gepriesen, um so den Weg für andere gentechnisch veränderte Pflanzen zu ebnen, mit denen Monsanto und andere Agro-Unternehmen Profite einstreichen können.”

Die Reissorte solle den Weg ebnen für den Vormarsch der Agrarkonzerne. Alle, die das “Trojanische Pferd”-Motiv anführen, wenn sie gegen den Goldenen Reis wettern, mögen sich bitte eins vor Augen führen: Der Etappensieg der Gentechnik-Unternehmen in der PR-Schlacht gegen die NGOs kommt ja nur dann zustande, wenn der Reis erfolgreich ist. Und wenn er erfolgreich ist, bedeutet das die Rettung von Millionen von Kindern. Was wiegt ethisch denn jetzt schwerer? Im Klartext: Ist es für Greenpeace wichtiger, dass die Gentechnik-Konzerne diesen PR-Trumpf nicht bekommen, als dass diese Millionen Kinder gerettet werden? Tamar Haspel,  Autorin der Washington Post, fragte jetzt auf Twitter:

Wollen wir wirklich, dass der Goldene Reis kein Erfolg wird? Nein, natürlich nicht! Für Greenpeace indes ginge ein Erfolg der Reissorte mit einem enormen Glaubwürdigkeitsverlust einher. Jahrzehntelange Propaganda würde sich als haltlos erweisen.

Die Stellungnahme von Greenpeace International ist an Dreistigkeit kaum zu überbieten. Zitiert wird Wilhelmina Pelegrina, Kampaignerin von Greenpeace Südost Asien:

““Accusations that anyone is blocking genetically engineered ‘Golden’ rice are false. ‘Golden’ rice has failed as a solution and isn’t currently available for sale, even after more than 20 years of research.”

Niemand hat also den Goldenen Reis blockiert? Im August 2013 zerstörten Aktivisten Versuchsfelder auf den Philippinen. Ende 2015 war eine Klage von Greenpeace und anderen Gruppen vor dem Obersten Gerichtshof auf den Philippinen erfolgreich: Alle Feldversuche von genetisch verbesserten Pflanzen waren danach zu stoppen, bis die Regierung eine neue gesetzliche Grundlage schafft. Basis dieser Entscheidung war u.a. eine Studie, die Greenpeace finanziert hatGreenpeace meldet triumphierend, dass auch die Weiterentwicklung vom Goldenen Reis von der Entscheidung betroffen sein wird:

“The temporary ban is in place until a new ‘administrative order’ takes effect, and includes the highly controversial ‘Golden’ rice, an experimental project by International Rice Research Institute (IRRI) that is currently back at the laboratory stage due to poor performance.”

Auch mit kriminellen Aktionen will Greenpeace nichts zu tun haben. Der Tagesspiegel hat mit Dirk Zimmermann gesprochen:

“Dass Versuchsfelder von Anti-GMO-Aktivisten zerstört wurden, seien “Ausnahmen”, mit denen Greenpeace nichts zu tun habe. “Das waren lokale Gruppen vor Ort”, sagt Zimmermann.”

Das ist so auch einfach nicht wahr: In Australien sind Greenpeace-Aktivisten rechtskräftig verurteilt worden, weil sie in 2011 Versuchsfelder mit gentechnisch verbesserten Weizen zerstört haben.

Kurzum: Die Antworten von Greenpeace zeigen, dass die Nobelpreisträger schlichtweg Recht haben. Greenpeace ignoriert öffentliche Forschung und wiederholt Glaubenssätze und Dogmen, so wie dieser Satz aus Dirk Zimmermanns Erklärung:

“Mögliche Gesundheitsgefahren sind nach wie vor nicht ausreichend untersucht und auch unter Wissenschaftlern umstritten.”

Er verweist auf einen Beitrag bekannter Gentechnik-Gegner, der von rund 300 Personen unterstützt wurde. Ich verweise hier mal auf eine Liste mit mehr als 275 internationalen Organisationen, die Gentechnik für sicher halten:

“The update shows that 276 scientific institutions and organizations recognize the safety of GM crops and their potential benefits.”

Wieviele Personen mögen wohl dahinter stehen?

Und zum Schluss noch der Klassiker: das Argumentum ad Monsantium, eingebracht in einer Diskussion auf Facebook. Noch Fragen?

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Quelle: Facebook

Bildnachweis: Karl Haro von Mogel, https://www.biofortified.org/2016/07/110-nobel-laureates-greenpeace-gmos/

Wohlfühl-Ideologie statt Fakten

Wohlfühl-Ideologie statt Fakten

 

Vandana Shiva geht es nicht darum, den Menschen vor Ort zu helfen. Ihr Programm ist der Verkauf einer Ideologie, dem Festhalten an der traditionellen Landwirtschaft. Für sie hat mit dem Einzug moderner Anbau-Methoden der Hunger in Indien erst begonnen. Martín Caparrós schildert in seinem Buch „Der Hunger“ eine Begegnung mit Vandana Shiva:

„ … und sie erklärt mir, bis 1990 habe Indien den Hunger erfolgreich bekämpft, doch 1991, mit der wirtschaftlichen Öffnung des Landes, habe sich das geändert. Ich hätte ihr zu gern zugestimmt, aber ich habe den Eindruck – nach dem, was ich gelesen, was ich gehört habe – , dass es in Indien immer Hunger gab, …“ (S. 224)

Die Schilderung des deutschen Volkwirts und Politikers Reimut Jochimsen von 1967 bestätigt den argentinischen Autor:

„Die Menschen in Binar, in Uttar Pradesh, in Westbengalen, Madya Pradesh, Kerala und anderswo in Indien leiden schon seit Generationen Hunger, ebenso in Pakistan, in Asiens anderen Teilen, in Lateinamerika und in Afrika. In den Ländern mit dem höchsten Anteil der Bauern an der Gesamtbevölkerung ist diese Not am größten: In Indien leben 85 Prozent auf dem Lande überwiegend von der Landwirtschaft, aus der über die Hälfte des Sozialprodukts stammt.“

Caparrós zitiert Shivas Antwort:

„Nein das stimmt nicht. Mit der Ankunft multinationaler Konzerne wie Monsanto mit ihrem Saatgut und ihrer unstillbaren Gier nach Land hat sich alles verändert.“ (S. 224)

Auch der Erfolg der Grünen Revolution wird von Shiva schlicht abgestritten. So sagt sie in einem aktuellen Interview mit der österreichischen Tageszeitung „Kurier“:

„Ich schaue als Wissenschaftlerin auf ganze Systeme, das tut die Lobby nicht. Die behauptet noch immer, die Grüne Revolution hat in Indien Wunder bewirkt. Aber sie hat den Boden und die Wirtschaft ruiniert, Gewalt gebracht und die Zukunft zerstört. Und trotzdem wird nicht mehr Nahrung produziert. Jeder vierte Inder hungert, jedes zweite Kind lebt an der Armutsgrenze. Natürlich steigere ich zum Beispiel die Weizenproduktion, wenn ich eine Weizen-Monokultur mache, aber das heißt nicht, dass ich mehr Essen produziere. Hülsenfrüchte für das Protein müssen wir heute zum Beispiel importieren.“

Laut Reimut Jochimsen musste Indien früher auch Getreide importieren. Martín Caparrós schreibt:

„1964 produzierte Indien 12 Millionen Tonnen Weizen auf 14 Millionen Hektar, 1995 waren es 57 Millionen auf 24 Millionen Hektar: der Ertrag pro Hektar hat sich mehr als verdoppelt.“ (S. 227)

Heute exportiert Indien Getreide.

Auch das von Shiva in die Welt gesetzte Gerücht, die Einführung von gentechnisch verbesserter Baumwolle hätte die Selbstmordrate unter indischen Bauern in die Höhe getrieben, ist schlichtweg falsch und wurde mehrfach widerlegt. Einen ausführlichen Bericht zum Erfolg von Bt-Baumwolle in Indien hat das Belgische  Vlaams Instituut voor Biotechnologie vorgelegt, aus der Zusammenfassung:

„In other words, Bt cotton in India is the story of a high-technology agricultural innovation that can also offer benefits to smaller farmers.

Research has also demonstrated that there is no link between the high number of suicides amongst Indian farmers and whether or not they cultivate Bt cotton. Such a link is repeatedly suggested by non-governmental organizations, lobby groups and the media.“

Kurzum: Shiva ignoriert den Stand der Technik, ignoriert die Erfolge moderner Technologien, beharrt auf einer Meinung von gestern und hat damit vor allem im Westen Erfolg: Die Menschen in den Industrienationen sehnen sich nach dieser Ideologisierung des Ursprünglichem: „Zurück zur Natur“, „Früher war alles besser“. Und so sammelt Shiva in kleinen Blechbüchsen ursprüngliches Saatgut für ihre Bio-Bauern. Ich weiß ja nicht, wieviel Hektar sie damit bestellen will. Der Ackerbau auf unserem Betrieb ist nicht groß, aber vor jeder Aussaat lagert das Saatgut in unserer Scheune in Säcken palettenweise sowie in großen Big Packs. Die Saatgutbank der Frau Shiva scheint mir eher ein Showroom für nichtsahnende Städter mit dickem Geldbeutel zu sein.

Diskussionen scheut Vandana Shiva. Fühlt man ihr auf den Zahn, weicht sie aus. Twitter-Accounts, die Studien über Grüne Gentechnik verbreiten, werden von ihrem Account einfach geblockt.

Am bittersten ist Shivas Opposition gegen den Goldenen Reis. Sie schreibt:

„Seed sovereignty and food sovereignty in women’s hands is the most effective way to get rid of deficiencies of Vit. A and other micronutrients. The biotech industry and Golden Rice promoters  are deliberatey blind to this alternative. Goden Rice for them is a Trojan Horse to introduce GMOs, and GMOs are a Trojan horse to introduce Intellectual property Rights on seeds of rice.“

Alle, die das “Trojanische Pferd”-Motiv anführen, wenn sie gegen den Goldenen Reis wettern, mögen sich bitte eins vor Augen führen: Der Etappensieg der Gentechnik-Unternehmen in der PR-Schlacht gegen die NGOs käme ja nur dann zustande, wenn der Reis erfolgreich ist. Und was heißt denn Erfolg hier? Wenn der Goldene Reis erfolgreich ist, bedeutet das die Rettung von Millionen von Kindern. Was wiegt ethisch denn jetzt schwerer? Hier geht doch wohl die Rettung von Menschenleben vor! Vandana Shiva – Big Green generell – hätte natürlich ein massives Glaubwürdigkeitsproblem, sollte der Reis die in ihn gesteckten Erwartungen erfüllen. Und es würden unangenehme Fragen gestellt werden, etwa: Warum man diese Technologie über Jahre bekämpft hat? Oder: Ob man eventuell sogar verantwortlich ist für die Unterernährung, die Krankheit und den Tod von Millionen von Kindern?

Und zum Schluss noch einmal Martín Caparrós (S. 235):

„Ich würde mich ja gerne eines Besseren belehren lassen, aber ich verstehe es nicht. Und so sage ich schließlich doch, dass die Menschen in Bihar, wo ich gerade herkomme seit Generationen unterernährt sind.
»Na ja, Bihar ist eine Ausnahme.«
Sagt sie, und ich erwidere, meines Wissens sei das nicht die einzige Gegend und es seien gerade Ausnahmen wie Bihar mit seinen hundert Millionen Einwohnern, die dazu beitragen, dass es so viel Hunger gibt.
Ihre dunklen Augen blitzen.“

Gentechnik? Ja, bitte!

Gentechnik? Ja, bitte!

Wer auf Facebook, Twitter und Co über meinen Namen stolpert, wird sich eventuell wundern, warum ich mich zum Teil so vehement für eine sachliche Auseinandersetzung mit Grüner Gentechnik einsetze. Hier folgt ein Erklärungsversuch.

Bevor ich mich intensiv mit Landwirtschaft beschäftigt und bevor ich selbst im eigenen Garten u.a. Kartoffeln angebaut habe, entsprach meine Meinung über Gentechnik vermutlich dem Mainstream: Wenn große Konzerne die Macht haben, kleine Bauern zu unterdrücken, ist das bestimmt nicht gut. Genmanipulation? Irgendwie unnatürlich. Patente auf Leben? Verursacht so unbestimmtes Unbehagen. Im Nachhinein würde ich das noch nicht einmal als Halbwissen bezeichnen, sondern eher als eine Art diffuse Unkenntnis, die aber emotional durchaus aufgeladen war.

Über die Jahre bekam ich dann mit, wie schwer es ist, der Natur eine Ernte abzugewinnen: Weizen wird von Fusarien befallen, Raps vom Rapsglanzkäfer aufgefressen, wenn der Bauer nichts dagegen unternimmt. Und wo eine Kornblume wächst, so schön sie ist, steht keine Gerste mehr. Ich muss mich entscheiden: Wenn ich was ernten will, muss ich die Natur – zumindest in Teilen – zurückdrängen. Dann Anbauversuche mit Erdbeeren und Kartoffeln im eigenen Garten: Die Erdbeeren schimmelten, bevor sie erntereif waren, und die Kartoffeln brachten im zweiten Jahr nahezu keinen Ertrag mehr, weil die Krautfäule Pflanze und auch Knolle in matschige, stinkende Pampe verwandelte.

Irgendwann stieß ich auf einen Text über Goldenen Reis: Cool, war meine erste Reaktion. So eine einfache smarte Lösung für ein schlimmes Problem: Ich sorge einfach dafür, dass das Hauptnahrungsmittel die nötige Dosis Provitamin A enthält und vermeide damit komplizierte logistische Verteilprobleme. Zudem ganz klassisch: Hilfe zur Selbsthilfe – das Mantra der Entwicklungshilfe. Tausende Kinder könnten Jahr für Jahr vorm Erblinden und vorm Tod gerettet werden. Für mich war völlig selbstverständlich, dass so eine Errungenschaft unverzüglich zum Wohle der Menschheit eingesetzt wird.

Und was ist mit den armen Kleinbauern, die von Monsanto unterjocht werden? Mein Mann hat in Göttingen studiert und bezieht die Zeitschrift für Absolventen. Dort erschien mal ein Artikel von Matin Qaim, der intensiv über die Auswirkungen des Anbaus von gentechnisch veränderten Pflanzen in Entwicklungsländern forscht. Der Artikel belegte, dass es den indischen Kleinbauern durch die Einführung von Bt-Baumwolle besser geht als vorher: Sie verdienen mehr und müssen weniger Pestizide einsetzen. Aha, also genau andersherum, wie öffentlich – und medienwirksam – von Aktivisten wie Vandana Shiva propagiert.

So, und dann erschien auf Spiegel Online ein Artikel mit der Überschrift “Letzte Rettung für den Goldenen Reis”. Wie letzte Rettung? Diesen Reis gibt es noch gar nicht für den Anbau? Seit diesem Zeitpunkt ist meine Empörung grenzenlos.

Aus ideologischen Gründen wird eine Entwicklung abgelehnt, die Tausenden Menschen helfen kann? Das ist Mittelalter! Leute, wir Leben im Zeitalter der Aufklärung. Es gibt einen internationalen wissenschaftlichen Konsens, dass gentechnisch verbesserte Pflanzen genauso sicher sind wie konventionelle Züchtungen. Interessengruppen und Parteien nutzen die diffuse, emotional aufgeladene Unwissenheit der Menschen, um das Thema Grüne Gentechnik für ihre Zwecke auszuschlachten. Das moralische Verwerfliche daran ist, dass sich Entscheidungsträger in Entwicklungsländern durchaus am Diskurs und an den politischen Entscheidungen in Europa orientieren – zum Leidwesen ihrer Bevölkerung.

Wie gesagt: Meine Empörung ist grenzenlos. Also bitte nicht wundern, wenn ich irgendwo im Web wieder einmal einem grünen Politiker seinen Populismus um die Ohren hauen sollte.