Vandana Shiva geht es nicht darum, den Menschen vor Ort zu helfen. Ihr Programm ist der Verkauf einer Ideologie, dem Festhalten an der traditionellen Landwirtschaft. Für sie hat mit dem Einzug moderner Anbau-Methoden der Hunger in Indien erst begonnen. Martín Caparrós schildert in seinem Buch „Der Hunger“ eine Begegnung mit Vandana Shiva:

„ … und sie erklärt mir, bis 1990 habe Indien den Hunger erfolgreich bekämpft, doch 1991, mit der wirtschaftlichen Öffnung des Landes, habe sich das geändert. Ich hätte ihr zu gern zugestimmt, aber ich habe den Eindruck – nach dem, was ich gelesen, was ich gehört habe – , dass es in Indien immer Hunger gab, …“ (S. 224)

Die Schilderung des deutschen Volkwirts und Politikers Reimut Jochimsen von 1967 bestätigt den argentinischen Autor:

„Die Menschen in Binar, in Uttar Pradesh, in Westbengalen, Madya Pradesh, Kerala und anderswo in Indien leiden schon seit Generationen Hunger, ebenso in Pakistan, in Asiens anderen Teilen, in Lateinamerika und in Afrika. In den Ländern mit dem höchsten Anteil der Bauern an der Gesamtbevölkerung ist diese Not am größten: In Indien leben 85 Prozent auf dem Lande überwiegend von der Landwirtschaft, aus der über die Hälfte des Sozialprodukts stammt.“

Caparrós zitiert Shivas Antwort:

„Nein das stimmt nicht. Mit der Ankunft multinationaler Konzerne wie Monsanto mit ihrem Saatgut und ihrer unstillbaren Gier nach Land hat sich alles verändert.“ (S. 224)

Auch der Erfolg der Grünen Revolution wird von Shiva schlicht abgestritten. So sagt sie in einem aktuellen Interview mit der österreichischen Tageszeitung „Kurier“:

„Ich schaue als Wissenschaftlerin auf ganze Systeme, das tut die Lobby nicht. Die behauptet noch immer, die Grüne Revolution hat in Indien Wunder bewirkt. Aber sie hat den Boden und die Wirtschaft ruiniert, Gewalt gebracht und die Zukunft zerstört. Und trotzdem wird nicht mehr Nahrung produziert. Jeder vierte Inder hungert, jedes zweite Kind lebt an der Armutsgrenze. Natürlich steigere ich zum Beispiel die Weizenproduktion, wenn ich eine Weizen-Monokultur mache, aber das heißt nicht, dass ich mehr Essen produziere. Hülsenfrüchte für das Protein müssen wir heute zum Beispiel importieren.“

Laut Reimut Jochimsen musste Indien früher auch Getreide importieren. Martín Caparrós schreibt:

„1964 produzierte Indien 12 Millionen Tonnen Weizen auf 14 Millionen Hektar, 1995 waren es 57 Millionen auf 24 Millionen Hektar: der Ertrag pro Hektar hat sich mehr als verdoppelt.“ (S. 227)

Heute exportiert Indien Getreide.

Auch das von Shiva in die Welt gesetzte Gerücht, die Einführung von gentechnisch verbesserter Baumwolle hätte die Selbstmordrate unter indischen Bauern in die Höhe getrieben, ist schlichtweg falsch und wurde mehrfach widerlegt. Einen ausführlichen Bericht zum Erfolg von Bt-Baumwolle in Indien hat das Belgische  Vlaams Instituut voor Biotechnologie vorgelegt, aus der Zusammenfassung:

„In other words, Bt cotton in India is the story of a high-technology agricultural innovation that can also offer benefits to smaller farmers.

Research has also demonstrated that there is no link between the high number of suicides amongst Indian farmers and whether or not they cultivate Bt cotton. Such a link is repeatedly suggested by non-governmental organizations, lobby groups and the media.“

Kurzum: Shiva ignoriert den Stand der Technik, ignoriert die Erfolge moderner Technologien, beharrt auf einer Meinung von gestern und hat damit vor allem im Westen Erfolg: Die Menschen in den Industrienationen sehnen sich nach dieser Ideologisierung des Ursprünglichem: „Zurück zur Natur“, „Früher war alles besser“. Und so sammelt Shiva in kleinen Blechbüchsen ursprüngliches Saatgut für ihre Bio-Bauern. Ich weiß ja nicht, wieviel Hektar sie damit bestellen will. Der Ackerbau auf unserem Betrieb ist nicht groß, aber vor jeder Aussaat lagert das Saatgut in unserer Scheune in Säcken palettenweise sowie in großen Big Packs. Die Saatgutbank der Frau Shiva scheint mir eher ein Showroom für nichtsahnende Städter mit dickem Geldbeutel zu sein.

Diskussionen scheut Vandana Shiva. Fühlt man ihr auf den Zahn, weicht sie aus. Twitter-Accounts, die Studien über Grüne Gentechnik verbreiten, werden von ihrem Account einfach geblockt.

Am bittersten ist Shivas Opposition gegen den Goldenen Reis. Sie schreibt:

„Seed sovereignty and food sovereignty in women’s hands is the most effective way to get rid of deficiencies of Vit. A and other micronutrients. The biotech industry and Golden Rice promoters  are deliberatey blind to this alternative. Goden Rice for them is a Trojan Horse to introduce GMOs, and GMOs are a Trojan horse to introduce Intellectual property Rights on seeds of rice.“

Alle, die das “Trojanische Pferd”-Motiv anführen, wenn sie gegen den Goldenen Reis wettern, mögen sich bitte eins vor Augen führen: Der Etappensieg der Gentechnik-Unternehmen in der PR-Schlacht gegen die NGOs käme ja nur dann zustande, wenn der Reis erfolgreich ist. Und was heißt denn Erfolg hier? Wenn der Goldene Reis erfolgreich ist, bedeutet das die Rettung von Millionen von Kindern. Was wiegt ethisch denn jetzt schwerer? Hier geht doch wohl die Rettung von Menschenleben vor! Vandana Shiva – Big Green generell – hätte natürlich ein massives Glaubwürdigkeitsproblem, sollte der Reis die in ihn gesteckten Erwartungen erfüllen. Und es würden unangenehme Fragen gestellt werden, etwa: Warum man diese Technologie über Jahre bekämpft hat? Oder: Ob man eventuell sogar verantwortlich ist für die Unterernährung, die Krankheit und den Tod von Millionen von Kindern?

Und zum Schluss noch einmal Martín Caparrós (S. 235):

„Ich würde mich ja gerne eines Besseren belehren lassen, aber ich verstehe es nicht. Und so sage ich schließlich doch, dass die Menschen in Bihar, wo ich gerade herkomme seit Generationen unterernährt sind.
»Na ja, Bihar ist eine Ausnahme.«
Sagt sie, und ich erwidere, meines Wissens sei das nicht die einzige Gegend und es seien gerade Ausnahmen wie Bihar mit seinen hundert Millionen Einwohnern, die dazu beitragen, dass es so viel Hunger gibt.
Ihre dunklen Augen blitzen.“

One thought on “Wohlfühl-Ideologie statt Fakten

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