Insektensterben – alles Scheiße?

Insektensterben – alles Scheiße?

Nach dem Waldsterben jetzt das Insektensterben? Was ist dran am neuesten Endzeitszenario? Bereits in diesem Sommer kochte das Thema hoch als Reaktion auf eine Antwort der Bundesregierung zu einer Kleinen Anfrage der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen. Jetzt ist das Thema aufgrund einer neuen Veröffentlichung wieder aktuell.

Obwohl die Autoren der Studie keine Ursachen für den verzeichneten Insektenrückgang ausmachen konnten, haben die Medien einen klaren Verdächtigen auserkoren und spielen damit der Politik in die Hände: Wie so oft, sollen wieder die Landwirte schuld sein, diesmal – Überraaaaschung: die Pestizide, sprich: die Pflanzenschutzmittel.

Die Hannoversche Allgemeine zitierte im Juli 2017 Bundesumweltministerin Barbara Hendricks:

“Die heutige Landwirtschaft macht den Insekten das Überleben schwer: Es werden große Mengen von Pestiziden eingesetzt, und es gibt zu wenig Blühstreifen und Hecken“, sagt Hendricks. Ein wichtiger Grund für den Insektenschwund sei der „übertriebene Einsatz“ von Insektiziden und von Totalherbiziden wie Glyphosat. „Darum darf es keine Neuzulassung für Glyphosat ohne effektive Auflagen zum Schutz der Artenvielfalt geben“, fordert Hendricks. Der umstrittene Unkrautvernichter soll laut EU-Kommission für weitere zehn Jahre zugelassen werden.”

Seltsamerweise kommt das Wort “Glyphosat” in der Antwort der Bundesregierung aus diesem Sommer nicht einmal vor. Zu den Ursachen steht dort folgendes:

“15. Worin sieht die Bundesregierung die Ursachen für den Rückgang von Insekten?

Der Bestandrückgang von Insektenarten kann durch einen Komplex unterschiedlicher Faktoren verursacht werden. Dazu zählen u.a. das Vorhandensein von Habitaten, das Nahrungsangebot, die Veränderung und das Vorhandensein von Strukturen in der Landschaft, wie z.B. Säume, Hecken, oder gestufte Waldränder, die Art und Weise der Nutzung und Bewirtschaft der Landschaft (u.a. der Gewässer, Wiesen und Äcker), das Vorliegen von Schadstoffen (einschließlich Pflanzenschutzmittel) oder die Fragmentierung der Landschaft. Darüber hinaus haben die Jahreswitterung und Klimaänderungen einen wesentlichen Einfluss auf Insektenpopulationen.”

Ich fange heute mal bei den Ursachen an: Gesetzt, es gäbe heute weniger Insekten als vor 30 Jahren, und dafür spricht einiges, woran könnte das liegen?

3_abb_pflanzenschutzmittelabsatz_2017-03-21
Quelle: UBA

Als in der Landwirtschaft Tätige verblüfft mich stets die quasi reflexhafte Schuldzuweisung. Denn ich weiß, dass im Ackerbau eigentlich nur im Raps regulär Insektizide eingesetzt werden. Im Getreide wird manchmal gegen Blattläuse gespritzt, weil die Tiere bestimmte Viruserkrankungen verbreiten, aber auch nur wenn ein gewisser Befallsdruck vorliegt. Im Mais bekämpft man den Maiszünsler erst einmal biologisch mit Trichogramma-Schlupfwespen. Es ist also nicht der Fall, wie oft behauptet wird, dass flächendeckend Insektizide ausgebracht werden. Außerdem sind die Anforderungen an die Wirkstoffe mit der Zeit immer höher geworden. In der EU sind meines Wissens nur 16 Prozent der weltweit zugelassenen Wirkstoffe genehmigt. Kanister mit Totenköpfen als Warnsymbol drauf gibt es bei uns nicht mehr. Auch die Absatzzahlen, die das Umweltbundesamt (UBA) meldet (siehe Grafik), zeigt gerade bei den Insektiziden zwar Schwankungen, aber keine gravierenden Steigerungen seit den 90er Jahren. Was deutlich zugenommen hat, sind die inerten Gase im Vorratsschutz, doch die dürften draußen in der Natur keine Rolle spielen.

Was sonst könnte noch eine Rolle spielen? Mir fällt da einiges ein:

1. Flächenversiegelung

Täglich werden in Deutschland etwa 66 Hektar Fläche zu Siedlungs- und Verkehrsfläche umgenutzt. Ungefähr die Hälfte davon wird versiegelt, das heißt, bebaut, zubetoniert gepflastert oder asphaltiert.

2. Veränderungen bei der Tierhaltung

viehbestaende
Quelle: DBV

Es gibt weniger Nutztiere und die, die es gibt, leben häufiger im Stall. Und: Die Ställe müssen heute viel strengere Emissions- und Hygieneauflagen erfüllen als früher. Es gibt kaum noch offene Misthaufen in den Dörfern. Größere Betriebe haben häufig die Auflage, ihren Mist sowie ihr Fahrsilo abdecken zu müssen. Güllelager werden aus Gründen des Emissionsschutzes auch oft abgedeckt. Die Haltung von typischen Weidetieren wie Schafen und Ziegen ist stark zurückgegangen. Kurzum: Es liegen weniger tierische Exkremente in der Landschaft rum, die für viele Insekten Nahrungsgrundlage und Lebensraum bilden.

3. Mülllagerung

Müll wird nicht mehr offen deponiert. Seit 2005 muss Hausmüll vorbehandelt werden, bevor er deponiert wird, dass heißt, Abfälle werden erst in einer Müllverbrennungsanlage thermisch verwertet. Nur die Asche wird noch deponiert. In den 90er Jahren wurde mit dem Dualen System eine extra Verwertungsschiene für Verpackungsmüll eingerichtet. Zur gleichen Zeit wurde die Biotonne für kompostierbare Abfälle eingeführt. Ich habe einen Thermokomposter im Garten, in dem ich Garten- und Küchenabfälle sammele. Da ist im Sommer einiges los: jede Menge Insektennachwuchs.

Dadurch, dass unser Hausmüll nicht mehr offen deponiert wird, entgeht den Insekten tonnenweise Nahrung.

4. Lichtverschmutzung

Die Erleuchtung der Nacht durch künstliches Licht ist nicht nur ein ästhetisches Problem, weil man in Städten kaum noch Sterne sieht, sondern bedeutet für die Tierwelt eine echte Belastung. Nach Schätzungen von Wissenschaftlern sterben allein an Deutschlands Straßenlaternen täglich mehr als 1 Milliarde Insekten. Durch den Einsatz moderner Leuchtmittel könnte man die Situation hier verbessern.

5. Zunahme des Lieferverkehrs auf den Straßen

Während der Personenverkehr nur leicht zunimmt, steigt der Transport von Gütern rasant – mit der Folge: Es fahren immer mehr LkWs auf unseren Straßen und Autobahnen. Diesen LkWs fallen auch entsprechend Fluginsekten zum Opfer.

6. Gartengestaltung

In den letzten Jahren sind pflegeleichte Kiesbeete in Mode gekommen: Eingefasst von gepflasterten und betonierten Flächen gibt es dort allenfalls wenige nicht blühende Grünpflanzen und perfekt getrimmten Rasen. Hier findet keine Biene etwas zum Honig-Sammeln und da hilft auch kein Insektenhotel.

7. Öffentliche Sauberkeit

Unsere Dörfer und Städte wirken in der Regel sauber und aufgeräumt. Fürs Auge mag das erfreulich sein, der Tierwelt bringt das nichts. Spatzen freuen sich zum Beispiel, wenn auf dem Hof auch einmal etwas Dreck liegen bleibt:

Auch im Garten kann man bewusst Dreckecken einrichten: Einfach mal einen Haufen abgeschnittener Äste und Laub liegen lassen. Das bringt mehr als ein gekauftes Insektenhotel aus dem Baumarkt.

Fazit

Nicht falsch verstehen: Das soll jetzt kein Ablenkungsmanöver sein. Die Landwirtschaft trägt sicher auch zur Veränderung der Insektenpopulationen bei, aber eben die ganzen anderen genannten Lebensbereiche auch. Vieles davon wie die Mülllagerung lässt sich auch sicher nicht mehr zurückdrehen, aber es sollte zumindest zur Kenntnis genommen werden. Ich würde mir wünschen, dass in der öffentlichen Debatte der Horizont auch einmal entsprechend erweitert wird.

 

 

 

 

Nachgehakt: Glyphosat und Biodiversität

Nachgehakt: Glyphosat und Biodiversität

Die Empörungsindustrie fährt ihre Maschinen wieder an: In der vergangenen Woche ging eine Europäische Bürgerinitiative gegen die Verlängerung der EU-Genehmigung für den Herbizid-Wirkstoff Glyphosat an den Start. Wir erinnern uns: Die EU-Kommission hatte in 2016 die Genehmigung erst einmal bis Ende dieses Jahres verlängert. Man wolle die Risikobewertung durch die Europäische Chemikalienbehörde ECHA (European Chemicals Agency) abwarten. Der Abschlussbericht des ECHA-Gremiums soll bis Ende November 2017 fertig sein:

Während die Wissenschaftler noch Daten zusammentragen und auswerten, ist die Meinungsbildung von NGOs, bestimmten Parteien und manchen Regierungsbehörden bereits abgeschlossen. Bei der Diskussion im vergangenen Jahr waren mir ein paar Tweets von Maria Krautzberger aufgefallen, der Präsidentin des Umweltbundesamtes (UBA). Sie behauptete damals, dass  Glyphosat dramatische Auswirkungen auf die Biodiversität habe. Ich wollte wissen, ob sie dafür Belege hätte:

Und es kam auch eine Antwort:

Das genannte Dokument “Conclusion on the peer review of the pesticide risk assessment of the active substance glyphosate” ist der Abschlussbericht der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA zur Bewertung von Glyphosat. Dort steht auf Seite 18 im Abschnitt “Ecotoxicology”:

“The new proposed reference specification as proposed by the RMS (Germany, 2015) is not supported by the specifications of all applicants. Therefore a critical area of concern was identified.

Some aspects of the risk assessment of glyphosate were discussed at the Pesticides Peer Review Meeting 128 (3–5 March 2015). The RMS raised concerns regarding the indirect effects (biodiversity) on non-target organisms via trophic interaction of extensively used herbicides such as glyphosate. At the meeting there was also an exchange of views on this issue. The experts considered this as an important risk management issue.

For the risk assessment to birds and mammals, it is acknowledged that no specific scenarios are available in the Guidance Document on Risk Assessment for Birds and Mammals (EFSA, 2009) for the spraying applications against emerged annual, perennial and biennial weeds for the representative use ‘all crops pre-planting and post planting’. The RMS used, as surrogate, the worst case scenarios related to the early stage of several crops for the representative uses ‘all crops’ (pre and post-planting). Although it is not clearly indicated in the guidance document (EFSA, 2009), likely the most suitable scenarios might have been those related to ‘not crop directed applications’, which were specifically developed for herbicides applied in orchards. However, the RMS’s approach covered both the latter scenarios and other more conservative ones. Therefore the RMS’s approach was considered acceptable.”

“RMS” steht für “Rapporteur Member State”, also für den Mitgliedsstaat, der die ursprüngliche Risikobewertung erstellt hat. Das ist im Fall von Glyphosat Deutschland. Und nun dürfen wir dreimal raten, welche Bundesbehörde wohl den Abschnitt über Auswirkungen auf den Naturhaushalt erarbeitet hat: Richtig, das Umweltbundesamt. Aufschluss gibt hier eine Meldung des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) von 2014. Dort heißt es:

“Bedenken bestehen allerdings in Hinsicht auf den Schutz der biologischen Vielfalt. Zwar ist Glyphosat für Vögel, Säugetiere und Insekten nicht unmittelbar schädlich. Breitbandherbizide wie Glyphosat töten jedoch auf den behandelten Kulturflächen auch diejenigen Pflanzen ab, die Insekten wie Schmetterlingen und Wildbienen Nahrung bieten. Damit kann auch Feldvogelarten wie dem Rebhuhn und der Feldlerche die Nahrungsgrundlage beeinträchtigt werden. Der Bericht empfiehlt deshalb der Europäischen Kommission, die Genehmigung für Glyphosat mit der Maßgabe zu verbinden, dass die Mitgliedstaaten Maßnahmen ergreifen, um solche Effekte und nachteilige Auswirkungen auf die biologische Vielfalt zu reduzieren.”

Noch einmal langsam zum Mitschreiben: Die UBA-Präsidentin führt als Beleg für eine Behauptung eine Stelle in einem Bericht an, die ihre eigenes Haus dort reinverhandelt hat. 

Maria Krautzberger nennt eine weitere Quelle:

Dieses Dokument ist eine mehr als 500 Seiten umfassende Untersuchung, die u.a. von Mitarbeitern eines NABU-Instituts verfasst worden ist. Interessanterweise ist das Papier offiziell nach der Abgabe der Glyphosat-Bewertung an die EFSA erschienen. Um direkt zu den für mich interessanten Informationen vorzustoßen, habe ich einfach meinen Computer nach dem Wort “glyphosate” suchen lassen. Es gab 15 Treffer: je einen im Inhalts- und Abbildungsverzeichnis, zwei im Literaturverzeichnis und 11 (in Worten: “elf”) im Fließtext. Außerdem gab es noch zwei Treffer für das deutsche Wort “Glyphosat” im Literaturverzeichnis. Hier die elf Treffer aus dem Fließtext:

S. 20: “The most sold herbicide agent group are the
organophosphorous herbicides (32 %) to which glyphosate belongs.”

S. 22: “2.3.2  Digression – glyphosate as most used herbicide

The use of glyphosate has increased since 2000 (Fig. 2.3.3). In 2007 and 2008 particularly large amounts were used, and in 2011 its use reached the third highest level since 2000. The main area of application of glyphosate in arable farming in Germany is stubble treatment in the first instance, followed by pre-sowing application and desiccation (e.g. for accelerated maturation) according to Dickeduisberg et al. (2012). (…) The use of broad-band herbicides such as glyphosate for stubble treatment and desiccation is economical to the farmer, but not in compliance with the Plant Protection Act (Haffmanns 2007).”

S. 23: “Fig. 2.3.3: Annual domestic use (in t) of Glyphosate in Germany since 2000 (Source: German Parliament brochure 17/7168, 2011).

S. 116: “For example glyphosate has toxic effects on amphibians and causes serious population declines (Relyea 2005) and can lead to cell damage and cancer growth in humans (Marc et al. 2002; Eriksson et al. 2008; Benachour & Séralini
2009; Gasnier et al. 2009). (…) Amphibians could profit in particular, as it has been proved that these are also affected by direct toxic effects of glyphosate, the most widely used broad-spectrum herbicide (see above).”

S. 117: “The most widely used herbicides in Germany are the selective isoproturone (for winter wheat, winter barley, rye, spring barley and spring wheat) followed by the non-selective glyphosate (Eurostat 2007). Broad spectrum herbicides such as glyphosate are frequently applied as pre-emergence herbicides, but also for pre-sowing and post-harvest weed repression, and for desiccation (acceleration of maturation) in the pre-harvest period for instance in cereals and rape (see digression on glyphosate in chapter 2.3).”

Was erfahren wir hier über Glyphosat und die Auswirkungen des Wirkstoffs auf die Biodiversität? Nicht viel: Wir erfahren etwas über Anwendungsweise und -häufigkeit und dass Glyphosat giftig auf Amphibien wirken kann. Letzteres ist lange bekannt und deswegen gibt es auch Abstandsregelungen zum Einsatz des Wirkstoffs in der Nähe von Gewässern. Aber zu den behaupteten indirekten dramatischen Auswirkungen auf die Biodiversität durch Glyphosat finde ich nichts außer Mutmaßungen.

Natürlich reduziert Glyphosat den Pflanzenaufwuchs auf einer Fläche – zum Beispiel vor der Neuaussaat – das macht der Pflug aber auch. Und auch der Biobauer reduziert Biodiversität, wenn er zwischen seinen Maisreihen hackt. Und das muss er tun, wenn er nicht nur Kamille ernten will, sondern Mais.

Mein Eindruck ist, dass hier ein neues Paradigma installiert werden soll, um den Einsatz von Pflanzenschutzmittel generell in Frage zu stellen.

psm_bmub
Bildnachweis: BMUB

Kommentar: Ist Rot jetzt das neue Grün?

Kommentar: Ist Rot jetzt das neue Grün?

Bundesumweltministerin Barbara Hendricks verblüffte gestern die Öffentlichkeit mit einem Alleingang in Sachen Glyphosat. Sie ließ verlautbaren:

“Vor dem Hintergrund nach wie vor bestehender Unsicherheiten über die gesundheitlichen Risiken von Glyphosat werden die SPD-geführten Ressorts einer Verlängerung für die Zulassung von Glyphosat nicht zustimmen.”

 

Noch Ende Februar hatte die SPD-Bundestagsfraktion nahezu geschlossen einen Antrag der Grünen abgelehnt, die Wiederzulassung zu stoppen. Es fragt sich, was die SPD zu dem jetzigen Meinungsumschwung veranlasst hat. An der gesundheitlichen Bewertung von Glyphosat durch Institutionen wie BfR oder EFSA hat sich in der Zwischenzeit nichts geändert. Im Gegenteil: Anfang Mai wurde die Glyphosat-Bewertung der amerikanischen Umweltbehörde EPA im Internet veröffentlicht. In diesem Papier wird die IARC-Bewertung von Glyphosat als „wahrscheinlich krebserregend“ ausführlich kritisiert. Die EPA bemängelt vor allem, dass die IARC, zahlreiche Studien, die keinen Zusammenhang von Glyphosat zu Krebs herstellen, nicht berücksichtigt hat.
Es gibt keine Sachgründe, die jetzt diesen Umschwung rechtfertigen würden. Dies macht auch Landwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) in seiner Stellungnahme deutlich:

“Ich habe überhaupt kein Verständnis für die „Rolle rückwärts“ der Kollegen Gabriel und Hendricks bei der Zulassungsverlängerung von Glyphosat.
Es gab längst eine (zwischen BMEL, BMUB und BMWi) abgestimmte Regierungsposition mit dem Ziel einer Zulassung. Zuverlässiges und belastbares Regierungshandeln sieht anders aus.
Die Begründung von Frau Ministerin Hendricks ist umso weniger verständlich, da alle Forderungen des Bundesumweltministeriums für eine Zulassungsverlängerung der EU-Kommission übermittelt und in den neuen Verordnungsentwurf aufgenommen wurden.
Hier geht es grundsätzlich um die Frage, dass wir uns gezielt über das gesetzliche Verfahren hinwegsetzen, auf Grundlage von wissenschaftlichen Erkenntnissen zu entscheiden. Nach der Wissenschaftlichen Bewertung aller zuständigen Behörden in der EU kann der Wirkstoff genehmigt werden. Alles andere wäre Politik nach Beliebigkeit.”

Der Verdacht liegt nahe, dass die SPD ihr – sich in allmählicher Auflösung befindendes – Profil schärfen will, oder Frau Hendricks wittert Morgenluft und will Sigmar Gabriels vermeintliche momentane Schwäche nutzen, um sich für den Parteivorsitz zu positionieren. Es ist mehr als bedauerlich, dass richtungsweisende Entscheidungen in der Politik zu einem politischen Kasperletheater verkommen sind. Hier geht es nicht um die sachlich beste Lösung, sondern wieder einmal nur um parteipolitisches Kalkül. Das nützt niemandem, auch der SPD nicht: Wenn sie als klassische Arbeiterpartei auf den Ökozug aufspringt, verfehlt sie ihre Klientel. Denn bereits jetzt ist die massive Subventionierung des Bio-Anbaus alles andere als sozial gerecht. Wer von der Hand in den Mund lebt, ohne relevantes Vermögen, dem ist egal, wie wohl sich sein Schweineschnitzel im Leben vor der Schlachtung gefühlt hat. Das ist einfach so.
Dieser parteipolitischen Kuhhandel schadet uns allen, indem er das Vertrauen in die politischen Institutionen sowie die handelnden Personen untergräbt. So ein Verhalten schadet der Demokratie.

 

 

 

 

 

 

 

Faktencheck

Faktencheck

Eigentlich sollten diese Woche die EU-Mitgliedstaaten über die Neuzulassung von Glyphosat entscheiden. Die Abstimmung wurde verschoben.

Im Vorfeld der entscheidenden Sitzungen in Brüssel lief die PR-Maschinerie von BIG GREEN auf Hochtouren. Dabei wurde zum Teil auch kräftig übertrieben. Hier stelle ich ein paar Beispiele vor.

Am Montagabend beschäftigte sich die ZDF-Sendung WISO mit Glyphosat. Die verwegene Idee, Glyphosat-Spuren in Wattestäbchen mit Trinkwasser-Grenzwerten zu vergleichen, werde ich hier jetzt nicht kommentieren. Mir ist vor allem ein O-Ton aufgefallen, den WISO am frühen Montagmorgen getwittert hat:

Dr. Andreas Gies leitet die Abteilung Umwelthygiene im Umweltbundesamt. In dem Ausschnitt sagt er wörtlich: “Die Weltgesundheitsorganisation hat Glyphosat als krebserregend eingestuft, das sollte man nicht ignorieren.”

Die Aussage enthält zwei Fehler:

  1. Nicht die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat eine Einstufung vorgenommen, sondern die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC ), eine Unterorganisation der WHO. Es gibt eine weitere Unterorganisation innerhalb der WHO, die eine andere Meinung vertritt. So geht das Joint FAO/WHO Meeting on Pesticide Residues (JMPR) bislang davon aus, dass Glyphosat nicht krebserregend ist. Eine Neubewertung soll im Mai dieses Jahres stattfinden.
  2. Die IARC hat Glyphosat nicht als “krebserregend” eingestuft, sondern als “wahrscheinlich krebserregend”. Im Moderationstext der Sendung wird das vorher richtig wiedergegeben. Erschreckend ist, dass ausgerechnet der Experte die entscheidenden Details nicht korrekt erklärt.

Die ehemalige Bundeslandwirtschaftsministerin Renate Künast von den Grünen erklärt am Montag im Morgenmagazin, worum es ihrer Ansicht nach geht. Sie schildert den vermeintlichen Wirkmechanismus von Glyphosat (bei Min. 3:00):

“Man muss auch wissen, dass dieses Glyphosat alles an Pflanzen rundum abtötet – außer der Hauptnutzpflanze, die genau so gezüchtet ist, dass sie resistent ist gegenüber diesem Glyphosat. Das heißt, diesen natürlichen Kreislauf stören wir auch.”

kuenast_momo

Bitte: Wer sagt der ehemaligen Ministerin, dass in der EU nicht eine einzige Glyphosat-resistente Nutzpflanze zugelassen ist? Bitte: Freiwillige vor!

Auch folgende Aussage (bei Min. 1:00) gibt zu denken:

“Ich persönlich sage nur, wenn im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation das internationale Krebsinstitut sagt: ‘wahrscheinlich krebserregend’, erwarte ich, dass man uns vorsorgend schützt, und nicht die Einnahmequellen von Monsanto.”

Die IARC listet zum Beispiel in der höchsten Kategorie 1 als (definitiv) krebserregend:

alkoholische Getränke, Abgase von Diesel-Motoren, Emissionen von Kohleöfen, die im Haus betrieben werden, bestimmte Östrogen-betonte Wechseljahres-Therapien, Sonneneinstrahlung, Holzstaub, Tabak und Tabakrauch, Sonnenbänke, Ruß, nach chinesischer Art gesalzenen Fisch und neuerdings auch verarbeitetes Fleisch, also Wurst und Schinken.

Bevor wir die zweithöchste Kategorie 2A angehen, in der Glyphosat einsortiert ist, sollten wir doch erst einmal die nach IARC gefährlichsten Stoffe aus unserer Umwelt verbannen? Oder stehen hier etwa die Industrie-Interessen im Vordergrund? Kurzum: Hier das Vorsorgeprinzip zu bemühen, ist absurd. Eine IARC-Einordnung bedeutet nicht automatisch, dass für die Bevölkerung auch ein gesundheitliches Risiko besteht.

Künast behauptet, dass das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) “in einer schnellen Überprüfung gesagt hat, wir sehen nicht, dass das Krebs auslöst”. Wenn einer schnell geprüft hat, dann die IARC. Hier handelt es sich um eine Arbeitsgruppe von Wissenschaftlern, die sich speziell zu den IARC-Meetings zusammenfinden, sich aber ansonsten mit anderen Dingen beschäftigen. Die Mitarbeiter des BfR hingegen machen den ganzen Tag nichts anderes, als Studien zu den zu überprüfenden Substanzen zu sichten und zu bewerten. Das BfR hat für die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) die Neubewertung von Glyphosat vorgenommen und dabei mehr als 1.000 Arbeiten geprüft. Es gibt wahrscheinlich momentan weltweit keine Einrichtung, die sich besser mit dem Herbizid-Wirkstoff auskennt. Bereits als Renate Künast noch Landwirtschaftsministerin war und damit oberste Dienstherrin des BfR hat das Institut für die WHO eine Risikobewertung für Glyphosat vorgenommen. Auch damals lautete die Einschätzung, dass Glyphosat nicht krebserregend ist. Die Mitarbeiter, die zu diesem Schluss gekommen sind, arbeiten übrigens auch heute noch an selber Stelle im BfR.

Am Dienstag feiert der EU-Abgeordnete Martin Häusling von den Grünen auf seiner Website die Verschiebung der Abstimmung zur Glyphosat-Neuzulassung. Zur Erläuterung, warum die Verschiebung der Entscheidung ein Erfolg ist, fällt der Satz: “Die WHO hat Glyphosat als krebserregend eingestuft.” Für die Erläuterung, warum diese Aussage doppelt falsch ist, verweise ich auf meine Ausführungen zu dem O-Ton aus der WISO-Sendung. Auch wenn der Satz jetzt immer wieder von verschiedenen Interessenvertretern wiederholt wird, wird er dadurch nicht wahr. Eigentlich müsste Herr Häusling es besser wissen.

haeusling_luege

Und last but not least triumphiert der grüne Bundestagsabgeordnete Harald Ebner auf Twitter:

Nein, Herr Ebner, soweit ist es noch nicht: Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Und ich werde die Diskussion mit weiteren Faktenchecks begleiten. Versprochen!

 

 

UmweltBUNDesamt: eine Behörde mit politischer Mission

UmweltBUNDesamt: eine Behörde mit politischer Mission

Das Umweltbundesamt (UBA) verkündet diese Woche die aus seiner Sicht besorgniserregende Feststellung, dass sich Glyphosat im menschlichen Urin anreichere. Der einzige Grund zur Besorgnis, den ich hier erkennen kann, ist, dass das Umweltbundesamt offensichtlich bewusst die Politik der Grünen flankiert, die derzeit den Ausstieg aus der „Sackgasse Pestizide“ vorantreiben wollen. Es ist gar nicht Aufgabe des Umweltbundesamtes, Gesundheitsrisiken zu bewerten. Das macht das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). Das Umweltbundesamt forscht an Folgen für die Umwelt und sollte eigentlich öffentliche Äußerungen auf diesen Kompetenzbereich beschränken.

umweltbundesamt_glyphosatnachweis_in_urinprobenBereits 2013 hatte das BfR auf eine ähnliche Studie des BUND umfassend Entwarnung gegeben:

„Da bereits die Rückstandsgehalte als sicher gelten, weisen die im Urin gefundenen Werte nicht auf eine gesundheitlich bedenkliche Belastung der Verbraucher mit Glyphosat hin. Auch die AMPA-Konzentrationen stellen aufgrund der geringen Toxizität des Metaboliten keinen Grund zur Besorgnis dar.“

Die Untersuchung des BUND wurde damals als Unstatistik des Monats ausgezeichnet. Der wesentliche Kritikpunkt ist der gleiche, wie er heute für die UBA-Untersuchung gilt: Aus der Tatsache, dass eine Substanz im Urin nachweisbar ist, ergibt sich noch lange nicht, dass hier auch eine Gefahr für die Bevölkerung vorliegt. Immerhin hat der BUND im Gegensatz zum UBA einen detaillierten Bericht veröffentlicht, in dem die Methodik beschrieben wird und die Messergebnisse aufgeführt sind. Vermutlich wird die Methodik der UBA-Untersuchung ähnlich sein: Die Messungen wurden nämlich vom selben Labor vorgenommen: dem Medizinischen Labor Bremen  – ein Zufall?

In den Baumärkten gibt es als Alternative zu Glyphosat fast nur noch Produkte mit Pelargonsäure. Bei diesem Wirkstoff gibt es keine Erfahrungen, wie er auf Dauer auf Menschen wirkt. Ob Pelargonsäure krebserregend ist, wissen wir nicht. Alle Hobbygärtner dürfen jetzt Versuchskaninchen spielen. Wer hat das eigentlich zu verantworten? Pelargonsäure reizt die Schleimhäute und steht in Verdacht, das Bodenleben zu schädigen.

Die Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat 2013 einen Bericht zur Risikobewertung von verschiedenen Fettsäuren, darunter auch Pelargonsäure verfasst. Unter dem Punkt „Kanzerogenität“ steht der Hinweis „Vorliegende Daten von begrenzter Validität“, sprich: Es liegen zur Frage, ob der Wikrstoff Pelargonsäure krebserregend ist, keine auswertbaren Daten vor. Weiter heißt es, der Wirkstoff schädige Nützlinge wie Regenwürmer. Generell wird angemahnt, dass zu wenig Informationen vorliegen, um die Umweltrisiken abschließend einschätzen zu können:

„Für Pelargonsäure wurden Datenlücken für die folgenden Aspekte der ökotoxikologischen Risikoeinschätzung identifiziert: Wasserorganismen, Bienen, Populationen von Gliederfüßern im Feld, die nicht geschädigt werden sollten, Erdwürmer, Boden-Mikroorganismen, Pflanzen, die nicht geschädigt werden sollten (Keimung). Es wurde ein geringes Risiko für Vögel, Säugetiere und Organismen in der Abwasseraufbereitung festgestellt. Für Erdwürmer und Populationen von Gliederfüßern im Feld, die nicht geschädigt werden sollten, besteht ein Risiko.“

Die EFSA weist also auf „Datenlücken“ hin – sprich: fehlende Informationen. Die EFSA-Bewertung müsste dem Umweltbundesamt bekannt sein. Ginge es hier um einen neu zuzulassenden synthetischen Wirkstoff, dürften wir mit Vertuschungs- und Vernebelungsvorwürfen aus dem grünen Lager rechnen, aber die Alternative zum verhassten Glyphosat darf anscheinend unbekannte (Langzeit)Folgen haben.

Wird hier mit zweierlei Maß gemessen? Testet das Umweltbundesamt Urin auch auf Bio-Pestizide wie Pyrethrine, Spinosad und Azadirachtin? Alle drei werden im Biolandbau eingesetzt, sind zum Teil bienenschädigend und nützlingsschädigend sowie als Insektizide wesentlich giftiger als Glyphosat. Und trotzdem dürfen diese Mittel im Hausgarten eingesetzt werden. Kann das sein, dass es hier nicht wirklich um die Sache, sondern um eine politische Mission geht?

krautz_fedup_screen

Als Beamtin hat sich Behördenleiterin Maria Krautzberger in ihren privaten Äußerungen in der Öffentlichkeit neutral zu verhalten. Das interessiert sie anscheinend nicht. Am vergangenen Wochenende bewarb sie via Twitter die “Wir haben es satt!“-Demonstration in Berlin.

krautz_glyph_screen

Auch Maria Krautzbergers Tweets vom gestrigen Tage zur Glyphosat-Untersuchung des UBAs lassen eine gewisse professionelle Distanz vermissen. Wünschenswert wären zumindest jeweils Links gewesen zu entsprechenden Studien aus ihrem Hause. Aber hier werden einfach Glaubenssätze verbreitet – von einem wissenschaftlichen Ansatz keine Spur.