Nach dem Waldsterben jetzt das Insektensterben? Was ist dran am neuesten Endzeitszenario? Bereits in diesem Sommer kochte das Thema hoch als Reaktion auf eine Antwort der Bundesregierung zu einer Kleinen Anfrage der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen. Jetzt ist das Thema aufgrund einer neuen Veröffentlichung wieder aktuell.

Obwohl die Autoren der Studie keine Ursachen für den verzeichneten Insektenrückgang ausmachen konnten, haben die Medien einen klaren Verdächtigen auserkoren und spielen damit der Politik in die Hände: Wie so oft, sollen wieder die Landwirte schuld sein, diesmal – Überraaaaschung: die Pestizide, sprich: die Pflanzenschutzmittel.

Die Hannoversche Allgemeine zitierte im Juli 2017 Bundesumweltministerin Barbara Hendricks:

“Die heutige Landwirtschaft macht den Insekten das Überleben schwer: Es werden große Mengen von Pestiziden eingesetzt, und es gibt zu wenig Blühstreifen und Hecken“, sagt Hendricks. Ein wichtiger Grund für den Insektenschwund sei der „übertriebene Einsatz“ von Insektiziden und von Totalherbiziden wie Glyphosat. „Darum darf es keine Neuzulassung für Glyphosat ohne effektive Auflagen zum Schutz der Artenvielfalt geben“, fordert Hendricks. Der umstrittene Unkrautvernichter soll laut EU-Kommission für weitere zehn Jahre zugelassen werden.”

Seltsamerweise kommt das Wort “Glyphosat” in der Antwort der Bundesregierung aus diesem Sommer nicht einmal vor. Zu den Ursachen steht dort folgendes:

“15. Worin sieht die Bundesregierung die Ursachen für den Rückgang von Insekten?

Der Bestandrückgang von Insektenarten kann durch einen Komplex unterschiedlicher Faktoren verursacht werden. Dazu zählen u.a. das Vorhandensein von Habitaten, das Nahrungsangebot, die Veränderung und das Vorhandensein von Strukturen in der Landschaft, wie z.B. Säume, Hecken, oder gestufte Waldränder, die Art und Weise der Nutzung und Bewirtschaft der Landschaft (u.a. der Gewässer, Wiesen und Äcker), das Vorliegen von Schadstoffen (einschließlich Pflanzenschutzmittel) oder die Fragmentierung der Landschaft. Darüber hinaus haben die Jahreswitterung und Klimaänderungen einen wesentlichen Einfluss auf Insektenpopulationen.”

Ich fange heute mal bei den Ursachen an: Gesetzt, es gäbe heute weniger Insekten als vor 30 Jahren, und dafür spricht einiges, woran könnte das liegen?

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Quelle: UBA

Als in der Landwirtschaft Tätige verblüfft mich stets die quasi reflexhafte Schuldzuweisung. Denn ich weiß, dass im Ackerbau eigentlich nur im Raps regulär Insektizide eingesetzt werden. Im Getreide wird manchmal gegen Blattläuse gespritzt, weil die Tiere bestimmte Viruserkrankungen verbreiten, aber auch nur wenn ein gewisser Befallsdruck vorliegt. Im Mais bekämpft man den Maiszünsler erst einmal biologisch mit Trichogramma-Schlupfwespen. Es ist also nicht der Fall, wie oft behauptet wird, dass flächendeckend Insektizide ausgebracht werden. Außerdem sind die Anforderungen an die Wirkstoffe mit der Zeit immer höher geworden. In der EU sind meines Wissens nur 16 Prozent der weltweit zugelassenen Wirkstoffe genehmigt. Kanister mit Totenköpfen als Warnsymbol drauf gibt es bei uns nicht mehr. Auch die Absatzzahlen, die das Umweltbundesamt (UBA) meldet (siehe Grafik), zeigt gerade bei den Insektiziden zwar Schwankungen, aber keine gravierenden Steigerungen seit den 90er Jahren. Was deutlich zugenommen hat, sind die inerten Gase im Vorratsschutz, doch die dürften draußen in der Natur keine Rolle spielen.

Was sonst könnte noch eine Rolle spielen? Mir fällt da einiges ein:

1. Flächenversiegelung

Täglich werden in Deutschland etwa 66 Hektar Fläche zu Siedlungs- und Verkehrsfläche umgenutzt. Ungefähr die Hälfte davon wird versiegelt, das heißt, bebaut, zubetoniert gepflastert oder asphaltiert.

2. Veränderungen bei der Tierhaltung

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Quelle: DBV

Es gibt weniger Nutztiere und die, die es gibt, leben häufiger im Stall. Und: Die Ställe müssen heute viel strengere Emissions- und Hygieneauflagen erfüllen als früher. Es gibt kaum noch offene Misthaufen in den Dörfern. Größere Betriebe haben häufig die Auflage, ihren Mist sowie ihr Fahrsilo abdecken zu müssen. Güllelager werden aus Gründen des Emissionsschutzes auch oft abgedeckt. Die Haltung von typischen Weidetieren wie Schafen und Ziegen ist stark zurückgegangen. Kurzum: Es liegen weniger tierische Exkremente in der Landschaft rum, die für viele Insekten Nahrungsgrundlage und Lebensraum bilden.

3. Mülllagerung

Müll wird nicht mehr offen deponiert. Seit 2005 muss Hausmüll vorbehandelt werden, bevor er deponiert wird, dass heißt, Abfälle werden erst in einer Müllverbrennungsanlage thermisch verwertet. Nur die Asche wird noch deponiert. In den 90er Jahren wurde mit dem Dualen System eine extra Verwertungsschiene für Verpackungsmüll eingerichtet. Zur gleichen Zeit wurde die Biotonne für kompostierbare Abfälle eingeführt. Ich habe einen Thermokomposter im Garten, in dem ich Garten- und Küchenabfälle sammele. Da ist im Sommer einiges los: jede Menge Insektennachwuchs.

Dadurch, dass unser Hausmüll nicht mehr offen deponiert wird, entgeht den Insekten tonnenweise Nahrung.

4. Lichtverschmutzung

Die Erleuchtung der Nacht durch künstliches Licht ist nicht nur ein ästhetisches Problem, weil man in Städten kaum noch Sterne sieht, sondern bedeutet für die Tierwelt eine echte Belastung. Nach Schätzungen von Wissenschaftlern sterben allein an Deutschlands Straßenlaternen täglich mehr als 1 Milliarde Insekten. Durch den Einsatz moderner Leuchtmittel könnte man die Situation hier verbessern.

5. Zunahme des Lieferverkehrs auf den Straßen

Während der Personenverkehr nur leicht zunimmt, steigt der Transport von Gütern rasant – mit der Folge: Es fahren immer mehr LkWs auf unseren Straßen und Autobahnen. Diesen LkWs fallen auch entsprechend Fluginsekten zum Opfer.

6. Gartengestaltung

In den letzten Jahren sind pflegeleichte Kiesbeete in Mode gekommen: Eingefasst von gepflasterten und betonierten Flächen gibt es dort allenfalls wenige nicht blühende Grünpflanzen und perfekt getrimmten Rasen. Hier findet keine Biene etwas zum Honig-Sammeln und da hilft auch kein Insektenhotel.

7. Öffentliche Sauberkeit

Unsere Dörfer und Städte wirken in der Regel sauber und aufgeräumt. Fürs Auge mag das erfreulich sein, der Tierwelt bringt das nichts. Spatzen freuen sich zum Beispiel, wenn auf dem Hof auch einmal etwas Dreck liegen bleibt:

Auch im Garten kann man bewusst Dreckecken einrichten: Einfach mal einen Haufen abgeschnittener Äste und Laub liegen lassen. Das bringt mehr als ein gekauftes Insektenhotel aus dem Baumarkt.

Fazit

Nicht falsch verstehen: Das soll jetzt kein Ablenkungsmanöver sein. Die Landwirtschaft trägt sicher auch zur Veränderung der Insektenpopulationen bei, aber eben die ganzen anderen genannten Lebensbereiche auch. Vieles davon wie die Mülllagerung lässt sich auch sicher nicht mehr zurückdrehen, aber es sollte zumindest zur Kenntnis genommen werden. Ich würde mir wünschen, dass in der öffentlichen Debatte der Horizont auch einmal entsprechend erweitert wird.

 

 

 

 

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12 thoughts on “Insektensterben – alles Scheiße?

  1. Jetzt doch Landwirtin? Wo haben Sie denn Ihren Abschluss gemacht Frau Günther? Und was ist mit Stickstoffeintrag, Überdüngung und Flurbereinigung, etc.Die lese ich nicht bei Ihrer nicht ganz so falschen Aufzählung… Frau Dipl. Landwirtin

    1. Ich hab es präzisiert. An der Sache ändert es nichts. Die Liste lässt sich sicher noch erweitern, ich erhebe da keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

    1. Auch wenn dieses Portal grundsätzlich etwas zwielichtig erscheinen mag, sind doch die Argumente einleuchtend. Es gibt noch mehr methodische Kritik an der Studie und vor allem an der Berichterstattung dazu:
      -der Blogbeitrag einer australischen Ökologin: https://ecologyisnotadirtyword.com/2017/10/20/insects-in-decline-why-we-need-more-studies-like-this/
      -eine Analyse von Statistiker Georg Keckl: http://www.keckl.de/texte/Insekten%20Studie%20Junk%20Science%20okt17.pdf

    2. Sehr geehrter Herr Müller,
      ob Sciencefiles im allgemeinen “unfachlich und tendenziös” ist, kann ich nicht beurteilen, dafür besuche ich die Adresse zu selten. In diesem Fall aber, stimmt deren AnaIyse. Beim Lesen von Hallmann et al. (leicht zu finden im Netz) fiel auch mir auf, dass der Titel “More than 75 percent decline over 27 years in total flying insect biomass in protected Areas” nicht überein stimmt mit den Daten.

  2. Ich stimme ihnen zu, dass die Gründe für den Rückgang der insekten multifaktoriell sind und einige Ihrer oben angeführten Beobachtungen kann ich bestätigen, insbesondere was die Flächenversiegelung und Gartengestaltung anbetrifft. Ergänzen möchte ich hier noch den Wildwuchs an Gewächshäusern, der insbesondere im Knoblauchsland Vögeln wie Rebhühnern und kiebitz Lebensraum nimmt.

    In Ihrer Aufzählung vermisse ich allerdings den Punkt Einsatz von Pestiziden, der ebenfalls als Grund für den Rückgang von Insekten von fachlicher Seite als wesentlicher Faktor angenommen wird.

    1. Die Liste lässt sich sicher noch fortführen. Ich bin im Text auf den Pestizideinsatz eingegangen: Der Einsatz von Pflanzenschutzmittel hat seit den 90er Jahren nicht zugenommen. Zum Einsatz von Neonicotinoiden liegen für Deutschland leider keine genauen Zahlen für einen längeren Zeitraum vor, die man sich mal ansehen könnte. Für Großbritannien gibt es Statistiken die zeigen, dass der Einsatz dort erst ab 2000 richtig zugenommen hat (https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4284386/). Es gibt ein Insekten-Langzeit-Monitoring in Großbritannien (https://farmlandbirds.net/sites/default/files/Decline%20flying%20insects.pdf), das bei einem von vier Standorten einen Rückgang in der Insektenbiomasse verzeichnet, allerdings vor 2000. Man müsste einfach noch viel mehr Daten haben, so wie es jetzt ist, fischen wir im Trüben.

  3. Bei Reinhard Mey heißt es: “Der Mörder ist immer der Gärtner.” Analog gilt bei Problemen in der Umwelt: “Verursacher ist die Landwirtschaft”. Das wird allmählich langweilig. Niemand macht sich noch die Mühe der Frage nachzugehen, stimmt das, was genau ist die Ursache. Genauso ist es bei der Beobachtung vom Rückgang des Insektenbestandes.

    Herzlichen Dank für den Hinweis auf den Text von Keckl, dem ich viele Leserinnen und Leser wünsche. Er macht deutlich, dass wir in solchen Fragen ein eklatantes Wissenschaftsdefizit haben. Die Briten sind da deutlich besser.

    Wir haben ein UBA, ein BfN, die Ressortforschung im Bereich des Landwirtschaftsministeriums, Universitäten …. Warum werden dort solche Fragen nicht untersucht? Warum wird nicht untersucht, welche Form des Unkrautmanagements bei bestimmten standörtlichen Gegebenheiten die geringsten Auswirkungen auf die Natur hat?

    Im Übrigen vermisse ich eine Stellungnahme des BfN, in der über Erfolge des Insektenschutzes berichtet wird. Die gibt es. Beispiel Libellen. Die Zahl der gefährdeten Libellenarten hat sich in den letzten 20 Jahren halbiert. “Von den aktuell vorkommenden 79 Arten werden 30 Arten in einer Gefährdungskategorie und 5 Arten in der Vorwarnliste geführt. Gegenüber der RL von 1998 haben sich die Bestände vieler Arten deutlich erholt und konnten somit entweder von der Roten Liste gestrichen werden oder der Status in eine geringere Gefährdungsklasse eingestuft werden.” http://www.libellenwissen.de/tag/rote-liste-libellen-deutschland

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