Postfaktischer Adventskalender, Teil 4: “Satt ist nicht genug”

Postfaktischer Adventskalender, Teil 4: “Satt ist nicht genug”

Gestern trudelte die alljährliche Spendentüte von Brot für die Welt, dem Hilfswerks der evangelischen Kirchen, bei uns ein. Diese Tüte wird leer bleiben. Das liegt unter anderem daran, dass Brot für die Welt einen aus meiner Sicht postfaktischen Ansatz bei der Hilfe zur Selbsthilfe für Menschen in Entwicklungsländern verfolgt.

Die Kampagne “Satt ist nicht genug” wurde im Advent des vergangenen Jahres mit einem Gottesdienst eröffnet. Mit von der Partei war die indische Anti-Gentechnik-Aktivistin Vandana Shiva. Kern der Kampagne ist die Aussage, dass herkömmliches “altes” Saatgut, den Menschen helfe, sich gut zu ernähren. Aus der Pressemitteilung zum Kampagnenauftakt vor gut einem Jahr:

Einen wichtigen Beitrag zur Überwindung von Mangelernährung leisten traditionelle Getreide-, Obst- und Gemüsesorten. Sie sind reich an Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen. Weil alte Sorten auch an die Boden- und Klimaverhältnisse angepasst sind, halten sie Klimaschwankungen, Dürreperioden oder anhaltende Regenfälle besser aus. Brot für die Welt fördert deshalb den Erhalt und die Wiederbelebung traditioneller und nährstoffreicher Kulturpflanzen auf vielen Kontinenten.

“Cornelia Füllkrug-Weitzel, Präsidentin von Brot für die Welt, sagt: „Mangelernährung behindert Entwicklung genauso wie Hunger. Deshalb brauchen Kleinbauern, die den Großteil der Nahrung produzieren, freien Zugang zu traditionellem Saatgut. Sie müssen es bewahren, vermehren und weitergeben dürfen wie sie es immer getan haben.“ Das von den Konzernen entwickelte und mit Marktmacht global verbreitete Saatgut verdrängt die Sorten- und damit Nahrungsvielfalt und trägt zur Mangelernährung wie zur Verarmung vieler Kleinbauern bei.”

Wenn alte Sorten so toll sind, warum hungern Menschen dann überhaupt? Vandana Shiva behauptet, dass die Grüne Revolution und der Markteintritt großer Saatgut-Konzerne erst den Hunger in Indien verursacht hat. Sie empfiehlt daher traditionelle Sorten und betreibt eine Saatgutbank zum Erhalt derselben. Auch dieses Projekt wird von Brot für die Welt gefördert. Moderne Biotechnologie lehnt Vandana Shiva kategorisch ab und ist damit in der westlichen Welt nahezu zur Ikone der Anti-Gentechnik-Bewegung geworden. Aus meiner Sicht ist das ein Holzweg.

Zum einen haben u.a. der Göttinger Forscher Matin Qaim und sein Team mehrfach gezeigt, dass zum Beispiel der Einsatz gentechnisch verbesserter Baumwolle die Lebenssituation indischer Kleinbauern verbessert hat. Weitere Projekte wie die Einführung von Bt-Auberginen in Bangladesh lassen ähnliche Ergebnisse erwarten. Zum anderen bin ich der Meinung, dass Bauern durchaus selbst entscheiden können, welche Art von Saatgut ihnen am besten hilft.

Die Person Vandana Shiva ist noch ein ganz anderes Kapitel: Sie ist multifunktional einsetzbar, zum Beispiel als Testimonial für die Agrarwende beim Parteitag der Grünen oder zur Illustrierung der CRS (“Corporate Responsibility and Sustainability”) eines Edel-Einrichtungshauses in New York. Nur eines ist sie ganz bestimmt nicht: arm. Für einen Vortrag wird ein Honorar von 40.000 Dollar fällig plus Anreise in der Business-Klasse.

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Mahaletchumy Arujanan vom Malaysian Biotechnology Information Centre äußerte in diesem Herbst auf einer Konferenz im Europäischen Parlament ihre Verwunderung, warum Vandana Shiva in Europa so idealisiert wird.

In Asien habe Shiva kein Standing, keine Glaubwürdigkeit und kein Podium. Sie appellierte, damit aufzuhören, ihr soviel Aufmerksamkeit zu schenken.

Dr. Stephanie Franck, Vorsitzende des Bundesverbandes Deutscher Pflanzenzüchter e.V, hielt am 12. April dieses Jahres in der Universität Göttingen einen Vortrag “Mit dem Saatgut fängt es an – Idylle und Wirklichkeit in der Pflanzenzüchtung”.

Sie schilderte aktuelle Herausforderungen der Pflanzenzüchtung angesichts der wachsenden Weltbevölkerung und vermuteter klimatischer Veränderungen in den nächsten Jahren. Sie beschrieb, welche Chancen moderne Züchtungstechnologien vor diesem Hintergrund bieten und welchen Schwierigkeiten die Züchter begegnen. Ihr Vortrag endete mit der Betrachtung eines Plakates von Brot für die Welt, das sie in einer Hamburger U-Bahn-Station entdeckt hatte.

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Im “Kleingedruckten” steht:

“Helfen Sie den Menschen in Kenia und vielen anderen Ländern, lebenswichtige Nahrungspflanzen aus eigenem Saatgut anzubauen. Wer sich selbst versorgen kann, führt ein Leben in Würde.”

Dr. Franck schloss ihren Vortrag mit dem Fazit:

“Stünde hier statt “eigenem Saatgut” “optimales Saatgut”, dann hätte Brot für die Welt den Nagel auf den Kopf getroffen.”

 

Links:

Vandana Shiva, Anti-GMO Celebrity: ‘Eco Goddess’ Or Dangerous Fabulist?

“Eco-Warrior” Vandana Shiva, at $40,000 a Speech, Rejoins Hawaii Anti-GMO Crusade, But Truth Is the Victim

SEEDS OF DOUBT. An activist’s controversial crusade against genetically modified crops.

SEEDS OF TRUTH – A RESPONSE TO THE NEW YORKER

New Yorker editor David Remnick responds to Vandana Shiva criticism of Michael Specter’s profile

The myth of India’s ‘GM genocide’: Genetically modified cotton blamed for wave of farmer suicides

The GMO-Suicide Myth

Green killers and pseudo-science

Vandana Shiva Achieves Amazing Feat Of Appropriating Her Own Culture

Das Tribunal

Das Tribunal

Am kommenden Wochenende findet in Den Haag das „Monsanto-Tribunal“ statt. Veranstalter sind diverse Nicht-Regierungs-Organisationen, aber auch Vertreter politischer Parteien werben für diese Veranstaltung. Der Ort wurde wohl bewusst so gewählt, um eine gedankliche Nähe zum Sitz des Internationalen Gerichtshofes herzustellen.

Hier die Einführung auf der Homepage des Monsanto-Tribunals:

„Für eine wachsende Anzahl von BürgerInnen in der ganzen Welt ist der amerikanische Konzern Monsanto das Symbol für die industrielle Landwirtschaft: eine Produktionsform, welche durch den massiven Einsatz von Chemikalien die Umwelt verpestet, den Verlust der biologischen Vielfalt beschleunigt und massiv zur globalen Erwärmung beiträgt.

Monsanto fördert ein Modell von Industrielandwirtschaft, das weltweit mindestens ein Drittel der anthropogenen Treibhausgasemissionen verursacht. Die industrielle Landwirtschaft ist zu einem grossen Teil verantwortlich für die Abnahme von Bodenfruchtbarkeit und Grundwasserreserven, für Biodiversitätsverlust und Artensterben, sowie weltweit für die Verdrängung von Millionen von Kleinbauern. Mit der Patentierung von Lebewesen und Saatgut bedroht dieses Modell die Ernährungssouveränität von uns allen.“

Wer diese Zeilen aufmerksam liest, erkennt schnell, dass nicht nur Monsanto, sondern generell das Modell der „industriellen Landwirtschaft“ auf der Anklagebank sitzen. Es geht den Veranstaltern also nicht nur um Glyphosat, sondern um die derzeitige Wirtschaftsweise insgesamt.

Renate Künast, ehemalige Landwirtschaftsministerin und Vertreterin der Partei „Bündnis 90/Die Grünen“ bewirbt diese Veranstaltung auf ihrer Facebook-Seite. Auch hier ist an den Begriffen „Monokulturen“, „Gentechnik“ und „Agro-Landwirtschaft“ (Anmerkung: was ist Agro-Landwirtschaft?) klar zu erkennen, dass mit dieser Veranstaltung die Form der Landwirtschaft in Misskredit gebracht werden soll, die von der überwiegenden Zahl der Landwirte heute praktiziert wird. Interessant die Erläuterung, dass es sich beim Monsanto Tribunal um „eine zivilgesellschaftliche Gerichtssimulation“ handelt.

Der Vorwurf an Monsanto lautet „Ökozid“ – auch in diesem Wort verbirgt sich ein bewusstes Täuschungsmanöver: Die Ähnlichkeit zum Begriff „Genozid“ für Völkermord soll die Geschäftstätigkeit der Agrarkonzerne kriminalisieren.

Hier die Posts von Renate Künast:

29.7.2016: „Das Monsanto-Tribunal braucht unsere Unterstützung. Denn Engagement und Veranstaltungen kosten. #monsanto“
6.10.2016: „Das internationale Monsanto-Tribunal findet ab nächster Woche in Den Haag statt! Monsanto betreibt und fördert ein Modell der industriellen Landwirtschaft, das weltweit zu Umweltverschmutzung, Zerstörung und Hunger führt. Das prangern wir an und erstellen nebenbei noch unsere Vision einer gerechten Zukunft.“
11.10.2016: „Am Wochenende findet das so genannte Monsanto-Tribunal, eine zivilgesellschaftliche Gerichtssimulation in Den Haag statt. Monsanto zerstört mit seiner Agro-Landwirtschaft, Monokulturen und Gen-Technik die Menschenleben und den Planeten.“

Ergänzend sei noch gesagt, dass diese Veranstaltung keine rechtliche Relevanz hat. Es handelt sich um einen reinen Schauprozess, dessen Ausgang, eine „Verurteilung“ von Monsanto, vermutlich schon im Vorfeld feststeht.

 

Bernhard Barkmann, www.blogagrar.de
Susanne Günther, schillipaeppa.net
Willi Kremer-Schillings, www.bauerwilli.com
Marucs Holtkötter, www.holtkoetter-agrar.de

Wohlfühl-Ideologie statt Fakten

Wohlfühl-Ideologie statt Fakten

 

Vandana Shiva geht es nicht darum, den Menschen vor Ort zu helfen. Ihr Programm ist der Verkauf einer Ideologie, dem Festhalten an der traditionellen Landwirtschaft. Für sie hat mit dem Einzug moderner Anbau-Methoden der Hunger in Indien erst begonnen. Martín Caparrós schildert in seinem Buch „Der Hunger“ eine Begegnung mit Vandana Shiva:

„ … und sie erklärt mir, bis 1990 habe Indien den Hunger erfolgreich bekämpft, doch 1991, mit der wirtschaftlichen Öffnung des Landes, habe sich das geändert. Ich hätte ihr zu gern zugestimmt, aber ich habe den Eindruck – nach dem, was ich gelesen, was ich gehört habe – , dass es in Indien immer Hunger gab, …“ (S. 224)

Die Schilderung des deutschen Volkwirts und Politikers Reimut Jochimsen von 1967 bestätigt den argentinischen Autor:

„Die Menschen in Binar, in Uttar Pradesh, in Westbengalen, Madya Pradesh, Kerala und anderswo in Indien leiden schon seit Generationen Hunger, ebenso in Pakistan, in Asiens anderen Teilen, in Lateinamerika und in Afrika. In den Ländern mit dem höchsten Anteil der Bauern an der Gesamtbevölkerung ist diese Not am größten: In Indien leben 85 Prozent auf dem Lande überwiegend von der Landwirtschaft, aus der über die Hälfte des Sozialprodukts stammt.“

Caparrós zitiert Shivas Antwort:

„Nein das stimmt nicht. Mit der Ankunft multinationaler Konzerne wie Monsanto mit ihrem Saatgut und ihrer unstillbaren Gier nach Land hat sich alles verändert.“ (S. 224)

Auch der Erfolg der Grünen Revolution wird von Shiva schlicht abgestritten. So sagt sie in einem aktuellen Interview mit der österreichischen Tageszeitung „Kurier“:

„Ich schaue als Wissenschaftlerin auf ganze Systeme, das tut die Lobby nicht. Die behauptet noch immer, die Grüne Revolution hat in Indien Wunder bewirkt. Aber sie hat den Boden und die Wirtschaft ruiniert, Gewalt gebracht und die Zukunft zerstört. Und trotzdem wird nicht mehr Nahrung produziert. Jeder vierte Inder hungert, jedes zweite Kind lebt an der Armutsgrenze. Natürlich steigere ich zum Beispiel die Weizenproduktion, wenn ich eine Weizen-Monokultur mache, aber das heißt nicht, dass ich mehr Essen produziere. Hülsenfrüchte für das Protein müssen wir heute zum Beispiel importieren.“

Laut Reimut Jochimsen musste Indien früher auch Getreide importieren. Martín Caparrós schreibt:

„1964 produzierte Indien 12 Millionen Tonnen Weizen auf 14 Millionen Hektar, 1995 waren es 57 Millionen auf 24 Millionen Hektar: der Ertrag pro Hektar hat sich mehr als verdoppelt.“ (S. 227)

Heute exportiert Indien Getreide.

Auch das von Shiva in die Welt gesetzte Gerücht, die Einführung von gentechnisch verbesserter Baumwolle hätte die Selbstmordrate unter indischen Bauern in die Höhe getrieben, ist schlichtweg falsch und wurde mehrfach widerlegt. Einen ausführlichen Bericht zum Erfolg von Bt-Baumwolle in Indien hat das Belgische  Vlaams Instituut voor Biotechnologie vorgelegt, aus der Zusammenfassung:

„In other words, Bt cotton in India is the story of a high-technology agricultural innovation that can also offer benefits to smaller farmers.

Research has also demonstrated that there is no link between the high number of suicides amongst Indian farmers and whether or not they cultivate Bt cotton. Such a link is repeatedly suggested by non-governmental organizations, lobby groups and the media.“

Kurzum: Shiva ignoriert den Stand der Technik, ignoriert die Erfolge moderner Technologien, beharrt auf einer Meinung von gestern und hat damit vor allem im Westen Erfolg: Die Menschen in den Industrienationen sehnen sich nach dieser Ideologisierung des Ursprünglichem: „Zurück zur Natur“, „Früher war alles besser“. Und so sammelt Shiva in kleinen Blechbüchsen ursprüngliches Saatgut für ihre Bio-Bauern. Ich weiß ja nicht, wieviel Hektar sie damit bestellen will. Der Ackerbau auf unserem Betrieb ist nicht groß, aber vor jeder Aussaat lagert das Saatgut in unserer Scheune in Säcken palettenweise sowie in großen Big Packs. Die Saatgutbank der Frau Shiva scheint mir eher ein Showroom für nichtsahnende Städter mit dickem Geldbeutel zu sein.

Diskussionen scheut Vandana Shiva. Fühlt man ihr auf den Zahn, weicht sie aus. Twitter-Accounts, die Studien über Grüne Gentechnik verbreiten, werden von ihrem Account einfach geblockt.

Am bittersten ist Shivas Opposition gegen den Goldenen Reis. Sie schreibt:

„Seed sovereignty and food sovereignty in women’s hands is the most effective way to get rid of deficiencies of Vit. A and other micronutrients. The biotech industry and Golden Rice promoters  are deliberatey blind to this alternative. Goden Rice for them is a Trojan Horse to introduce GMOs, and GMOs are a Trojan horse to introduce Intellectual property Rights on seeds of rice.“

Alle, die das “Trojanische Pferd”-Motiv anführen, wenn sie gegen den Goldenen Reis wettern, mögen sich bitte eins vor Augen führen: Der Etappensieg der Gentechnik-Unternehmen in der PR-Schlacht gegen die NGOs käme ja nur dann zustande, wenn der Reis erfolgreich ist. Und was heißt denn Erfolg hier? Wenn der Goldene Reis erfolgreich ist, bedeutet das die Rettung von Millionen von Kindern. Was wiegt ethisch denn jetzt schwerer? Hier geht doch wohl die Rettung von Menschenleben vor! Vandana Shiva – Big Green generell – hätte natürlich ein massives Glaubwürdigkeitsproblem, sollte der Reis die in ihn gesteckten Erwartungen erfüllen. Und es würden unangenehme Fragen gestellt werden, etwa: Warum man diese Technologie über Jahre bekämpft hat? Oder: Ob man eventuell sogar verantwortlich ist für die Unterernährung, die Krankheit und den Tod von Millionen von Kindern?

Und zum Schluss noch einmal Martín Caparrós (S. 235):

„Ich würde mich ja gerne eines Besseren belehren lassen, aber ich verstehe es nicht. Und so sage ich schließlich doch, dass die Menschen in Bihar, wo ich gerade herkomme seit Generationen unterernährt sind.
»Na ja, Bihar ist eine Ausnahme.«
Sagt sie, und ich erwidere, meines Wissens sei das nicht die einzige Gegend und es seien gerade Ausnahmen wie Bihar mit seinen hundert Millionen Einwohnern, die dazu beitragen, dass es so viel Hunger gibt.
Ihre dunklen Augen blitzen.“

Gentechnik? Ja, bitte!

Gentechnik? Ja, bitte!

Wer auf Facebook, Twitter und Co über meinen Namen stolpert, wird sich eventuell wundern, warum ich mich zum Teil so vehement für eine sachliche Auseinandersetzung mit Grüner Gentechnik einsetze. Hier folgt ein Erklärungsversuch.

Bevor ich mich intensiv mit Landwirtschaft beschäftigt und bevor ich selbst im eigenen Garten u.a. Kartoffeln angebaut habe, entsprach meine Meinung über Gentechnik vermutlich dem Mainstream: Wenn große Konzerne die Macht haben, kleine Bauern zu unterdrücken, ist das bestimmt nicht gut. Genmanipulation? Irgendwie unnatürlich. Patente auf Leben? Verursacht so unbestimmtes Unbehagen. Im Nachhinein würde ich das noch nicht einmal als Halbwissen bezeichnen, sondern eher als eine Art diffuse Unkenntnis, die aber emotional durchaus aufgeladen war.

Über die Jahre bekam ich dann mit, wie schwer es ist, der Natur eine Ernte abzugewinnen: Weizen wird von Fusarien befallen, Raps vom Rapsglanzkäfer aufgefressen, wenn der Bauer nichts dagegen unternimmt. Und wo eine Kornblume wächst, so schön sie ist, steht keine Gerste mehr. Ich muss mich entscheiden: Wenn ich was ernten will, muss ich die Natur – zumindest in Teilen – zurückdrängen. Dann Anbauversuche mit Erdbeeren und Kartoffeln im eigenen Garten: Die Erdbeeren schimmelten, bevor sie erntereif waren, und die Kartoffeln brachten im zweiten Jahr nahezu keinen Ertrag mehr, weil die Krautfäule Pflanze und auch Knolle in matschige, stinkende Pampe verwandelte.

Irgendwann stieß ich auf einen Text über Goldenen Reis: Cool, war meine erste Reaktion. So eine einfache smarte Lösung für ein schlimmes Problem: Ich sorge einfach dafür, dass das Hauptnahrungsmittel die nötige Dosis Provitamin A enthält und vermeide damit komplizierte logistische Verteilprobleme. Zudem ganz klassisch: Hilfe zur Selbsthilfe – das Mantra der Entwicklungshilfe. Tausende Kinder könnten Jahr für Jahr vorm Erblinden und vorm Tod gerettet werden. Für mich war völlig selbstverständlich, dass so eine Errungenschaft unverzüglich zum Wohle der Menschheit eingesetzt wird.

Und was ist mit den armen Kleinbauern, die von Monsanto unterjocht werden? Mein Mann hat in Göttingen studiert und bezieht die Zeitschrift für Absolventen. Dort erschien mal ein Artikel von Matin Qaim, der intensiv über die Auswirkungen des Anbaus von gentechnisch veränderten Pflanzen in Entwicklungsländern forscht. Der Artikel belegte, dass es den indischen Kleinbauern durch die Einführung von Bt-Baumwolle besser geht als vorher: Sie verdienen mehr und müssen weniger Pestizide einsetzen. Aha, also genau andersherum, wie öffentlich – und medienwirksam – von Aktivisten wie Vandana Shiva propagiert.

So, und dann erschien auf Spiegel Online ein Artikel mit der Überschrift “Letzte Rettung für den Goldenen Reis”. Wie letzte Rettung? Diesen Reis gibt es noch gar nicht für den Anbau? Seit diesem Zeitpunkt ist meine Empörung grenzenlos.

Aus ideologischen Gründen wird eine Entwicklung abgelehnt, die Tausenden Menschen helfen kann? Das ist Mittelalter! Leute, wir Leben im Zeitalter der Aufklärung. Es gibt einen internationalen wissenschaftlichen Konsens, dass gentechnisch verbesserte Pflanzen genauso sicher sind wie konventionelle Züchtungen. Interessengruppen und Parteien nutzen die diffuse, emotional aufgeladene Unwissenheit der Menschen, um das Thema Grüne Gentechnik für ihre Zwecke auszuschlachten. Das moralische Verwerfliche daran ist, dass sich Entscheidungsträger in Entwicklungsländern durchaus am Diskurs und an den politischen Entscheidungen in Europa orientieren – zum Leidwesen ihrer Bevölkerung.

Wie gesagt: Meine Empörung ist grenzenlos. Also bitte nicht wundern, wenn ich irgendwo im Web wieder einmal einem grünen Politiker seinen Populismus um die Ohren hauen sollte.