Doppelzüngigkeit

Doppelzüngigkeit

Die FAZ meldet heute einen Sinneswandel der Grünen im Umgang mit den Bauern. Niedersachsens Landwirtschaftsminister Christian Meyer wird mit folgenden Worten zitiert:

“Ich sehe es so, dass auch die Grünen verbal abrüsten müssen.”

Man habe den Fehler gemacht, zu oft mit dem erhobenen Zeigefinger anzukommen. Die Agrarwende könne schließlich nicht ohne die Bauern gelingen. Er lobt eine Reduktion des Antibiotika-Einsatzes in der Tierhaltung sowie den Ausbau von Freiland- und Biohaltung von Legehennen.

Die Botschaft hör’ ich wohl, allein mir fehlt der Glaube. Ausgerechnet Christian Meyer mahnt jetzt zu moderaten Tönen. Dabei nimmt er sich sonst wenig zurück, wenn es um eine Verschärfung der Debatte zum Beispiel zur Milchkrise geht. So fordert Christian Meyer derzeit lautstark eine Mengenregulierung im gebeutelten Milchmarkt, obwohl die Nachhaltigkeit einer solchen Maßnahme von Experten angezweifelt wird. Die Stimmung unter den Milchbauern beruhigt das freilich nicht.

Heute vor drei Wochen meldete Radio ffn, dass Meyer mit dem baldigen Rücktritt von Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt rechne. In einer Meldung vom 7. Juni 2016 zitiert der Sender den Minister:

“Es ist schon dramatisch, und ich glaube, dass ein Rücktritt von Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt nicht mehr fern ist. Ich glaube, wenn Schmidt nicht bald eine Umkehr macht und von seinem Wegschauen, Verzögern und Zaudern wegkommt, dann wird es für ihn ganz schwer werden. Dann wird er eben als Minister für das größte Höfesterben in der Geschichte der Milchwirtschaft in die Geschichtsbücher eingehen.”

Gehört das Streuen von Rücktrittsgerüchten etwa zum guten Umgangston unter Berufspolitikern?

Auch das Thema Glyphosat wird in der FAZ angesprochen:

“Meyer bemängelte in diesem Kontext auch die Kampagne seiner eigenen Partei gegen das Herbizid Glyphosat, das nun EU-weit womöglich nicht weiter zugelassen wird. Darüber soll in dieser Woche in Brüssel entschieden werden. […]

Die Kampagne gegen wie auch für Glyphosat sei ,,von beiden Seiten“ übertrieben gewesen, also auch von der Industrie. ,,Landwirte wollen natürlich auch nicht als Giftspritzer der Nation dargestellt werden“, erklärte Meyer.”

Leider verschweigt der Artikel, wie sich Christian Meyer inhaltlich in dieser Frage positioniert und welche Punkte er genau für übertrieben erachtet.

In einem Beitrag vom 6. Juni 2016 zitiert die Celler Presse den Minister jedenfalls so:

“In der EU muss das Vorsorgeprinzip zum Schutz von Verbrauchern und Umwelt uneingeschränkt gelten. Wirtschaftliche Lobbyinteressen dürfen keine Rolle spielen. Nicht nur, weil die Gefahr besteht, dass – wie von der Weltgesundheitsorganisation festgestellt – Glyphosat „für den Menschen wahrscheinlich krebserregend“ ist, muss dieses Pestizid vom Markt genommen werden. Auch die Folgen für die biologische Vielfalt sowie den Schutz von Flora und Fauna sind durch dieses Pflanzengift fatal. Die Kommission kann und darf sich daher nicht über die fehlende Zustimmung der Mitgliedstaaten hinwegsetzen und einen Kniefall vor den Interessen der Agrochemie machen. Eine durchgepeitschte Verlängerung der Glyphosat-Zulassung über die Köpfe der EU-Staaten hinweg darf es nicht geben.”

Hier kann ich keine verbale Mäßigung erkennen. Es ist genau das übliche von den Grünen bemühte Narrativ: Vorsorgeprinzip geht vor Lobbyinteressen und Glyphosat zerstört die Artenvielfalt. Sollte Christian Meyer etwa innerhalb der letzten drei Wochen seine Meinung geändert haben?

Die agrarzeitung meldet heute, dass die Kommission ohne Aussprache die Genehmigung für Glyphosat um weitere 18 Monate verlängern wird. Auf die verbale Abrüstung der Grünen in diesem Zusammenhang bin ich schon jetzt sehr gespannt.

 

 

 

Bildnachweis: http://www.fraktion.gruene-niedersachsen.de/presse/pressefotos.html, brauers.com

Nachgefragt

Nachgefragt

Wir erinnern uns: Vor rund einem Jahr meldete die Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, dass ein Labor in 16 Muttermilch-Stichproben Spuren von Glyphosat gefunden habe.

Priska Hinz, Hessische Ministerin für Umwelt, Klimaschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, nahm das damals zum Anlass, um per Erlass zu bestimmen, dass in Hessen künftig Anwendungen auf Nichtkulturland mit Glyphosat-haltigen Präparaten nicht mehr genehmigt werden sollen:

„In Hessen werden wir solche Anwendungen, soweit rechtlich möglich, künftig nicht mehr zulassen.“

Die Methodik der Grünen-Stichprobe wurde massiv kritisiert. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) stellte das Testverfahren in Frage und beauftragte eigene Untersuchungen. Im Februar dieses Jahres veröffentlichte das BfR die Ergebnisse: Es wurde kein Glyphosat in Muttermilch nachgewiesen.

Die Meldung brachte mich auf die Idee, mal in Hessen nachzufragen, ob der Erlass nun wieder zurückgenommen werde, wo doch jetzt der Anlass nicht mehr bestünde. Der Einfachheit halber tat ich dies via Twitter:

Um der Frage, Nachdruck zu verleihen, fügte ich noch den Hinweis hinzu, dass bestimmte Alternativen zu Glyphosat gesundheitliche Nachteile mit sich brächten:

Die Antwort erreichte mich wenige Stunden später:

… und löste Verwunderung aus. Schließlich bezog sich der Erlass, den ich meinte, auf Anwendungen von Glyphosat auf Nichtkulturland, also in der Regel versiegelte Flächen wie Wege, Einfahrten, Straßen, Plätze etc. Der einzige Sinn einer Unkrautbekämpfung dort ist nun mal die Reduzierung von Artenvielfalt. Auch nicht chemische Maßnahmen wie Abflämmen oder Jäten dienen hier nicht wirklich dem Artenschutz. Ich fasste Mut und fragte nach (zur Illustration fügte ich ein paar Bilder hinzu):

Leider endet hier der kurze Dialog, denn ich bekam keine weiteren Antworten.

Kommentar: Ist Rot jetzt das neue Grün?

Kommentar: Ist Rot jetzt das neue Grün?

Bundesumweltministerin Barbara Hendricks verblüffte gestern die Öffentlichkeit mit einem Alleingang in Sachen Glyphosat. Sie ließ verlautbaren:

“Vor dem Hintergrund nach wie vor bestehender Unsicherheiten über die gesundheitlichen Risiken von Glyphosat werden die SPD-geführten Ressorts einer Verlängerung für die Zulassung von Glyphosat nicht zustimmen.”

 

Noch Ende Februar hatte die SPD-Bundestagsfraktion nahezu geschlossen einen Antrag der Grünen abgelehnt, die Wiederzulassung zu stoppen. Es fragt sich, was die SPD zu dem jetzigen Meinungsumschwung veranlasst hat. An der gesundheitlichen Bewertung von Glyphosat durch Institutionen wie BfR oder EFSA hat sich in der Zwischenzeit nichts geändert. Im Gegenteil: Anfang Mai wurde die Glyphosat-Bewertung der amerikanischen Umweltbehörde EPA im Internet veröffentlicht. In diesem Papier wird die IARC-Bewertung von Glyphosat als „wahrscheinlich krebserregend“ ausführlich kritisiert. Die EPA bemängelt vor allem, dass die IARC, zahlreiche Studien, die keinen Zusammenhang von Glyphosat zu Krebs herstellen, nicht berücksichtigt hat.
Es gibt keine Sachgründe, die jetzt diesen Umschwung rechtfertigen würden. Dies macht auch Landwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) in seiner Stellungnahme deutlich:

“Ich habe überhaupt kein Verständnis für die „Rolle rückwärts“ der Kollegen Gabriel und Hendricks bei der Zulassungsverlängerung von Glyphosat.
Es gab längst eine (zwischen BMEL, BMUB und BMWi) abgestimmte Regierungsposition mit dem Ziel einer Zulassung. Zuverlässiges und belastbares Regierungshandeln sieht anders aus.
Die Begründung von Frau Ministerin Hendricks ist umso weniger verständlich, da alle Forderungen des Bundesumweltministeriums für eine Zulassungsverlängerung der EU-Kommission übermittelt und in den neuen Verordnungsentwurf aufgenommen wurden.
Hier geht es grundsätzlich um die Frage, dass wir uns gezielt über das gesetzliche Verfahren hinwegsetzen, auf Grundlage von wissenschaftlichen Erkenntnissen zu entscheiden. Nach der Wissenschaftlichen Bewertung aller zuständigen Behörden in der EU kann der Wirkstoff genehmigt werden. Alles andere wäre Politik nach Beliebigkeit.”

Der Verdacht liegt nahe, dass die SPD ihr – sich in allmählicher Auflösung befindendes – Profil schärfen will, oder Frau Hendricks wittert Morgenluft und will Sigmar Gabriels vermeintliche momentane Schwäche nutzen, um sich für den Parteivorsitz zu positionieren. Es ist mehr als bedauerlich, dass richtungsweisende Entscheidungen in der Politik zu einem politischen Kasperletheater verkommen sind. Hier geht es nicht um die sachlich beste Lösung, sondern wieder einmal nur um parteipolitisches Kalkül. Das nützt niemandem, auch der SPD nicht: Wenn sie als klassische Arbeiterpartei auf den Ökozug aufspringt, verfehlt sie ihre Klientel. Denn bereits jetzt ist die massive Subventionierung des Bio-Anbaus alles andere als sozial gerecht. Wer von der Hand in den Mund lebt, ohne relevantes Vermögen, dem ist egal, wie wohl sich sein Schweineschnitzel im Leben vor der Schlachtung gefühlt hat. Das ist einfach so.
Dieser parteipolitischen Kuhhandel schadet uns allen, indem er das Vertrauen in die politischen Institutionen sowie die handelnden Personen untergräbt. So ein Verhalten schadet der Demokratie.

 

 

 

 

 

 

 

Es brennt

Es brennt

Michel Friedman hat es im Fernsehen einmal so formuliert:

“Ich halte das im Rahmen eines demokratisch politischen Diskurses für eine der destruktivsten politischen Szenarien, die Parteien machen können. Ob das jetzt rechts oder links ist, ist mir dabei egal: Ich finde, man macht keine Politik mit Ängsten der Leute auf Kosten anderer Menschen.”

Thema der “hart aber fair”-Sendung war damals die letzte Europawahl und dabei speziell die AfD, aber die Aussage lässt sich auch durchaus auf die Machart grüner Politik übertragen. Welches sind die beherrschenden Themen, die derzeit von Bündnis 90/Die Grünen – die Asylpolitik außen vorgelassen – bespielt werden?  Es sind vor allem drei Aspekte:

• Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung
• Verschlechterung des Verbraucherschutzes durch TTIP
• Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft

Bei allen drei Themen wird den Menschen suggeriert: Hier geht es Dir an den Kragen, sprich: an die Gesundheit! Die Bedrohungen werden symbolträchtig beschworen: Antibiotika oder resistente Keime, Glyphosat und Chlor im Essen – mehr muss man nicht wissen. NGOs und Partei wechseln sich ab mit den Alarmmeldungen. Der eine lässt Muttermilch auf Glyphosat testen, der andere Bier, der nächste Urin. Der eine findet Keime in der Mettwurst, der nächste in Grillsteaks, ein anderer in Putenfleisch. Für Abwechslung ist gesorgt im Panikorchester und nach Skandalen heischende Medien machen fleißig mit, indem sie die Schock-Headlines ungeprüft in die Welt posaunen. Die Folgen für die Gesellschaft sind katastrophal.

Das Vertrauen in öffentliche Einrichtungen wird untergraben

Grüne und NGOs werfen in der Glyphosat-Debatte dem Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) vor, nicht richtig zu arbeiten, und unterstellen der Institution Industrienähe. Das BfR wurde im Zuge der BSE-Krise gerade für den Zweck eingerichtet, unabhängige wissenschaftliche Expertise in Gesundheitsfragen zu leisten. Es ist letztlich die Instanz, die sachlich Klarheit schaffen soll. Pauschale Unterstellungen nach einem Muster so, dass sie weder bewiesen noch widerlegt werden können, sollen die Glaubwürdigkeit untergraben, sollen verunsichern. Für alle zukünftigen Themen, die durch das BfR abzuklären sind, ist das fatal.

Auch wird den Menschen glaubhaft gemacht, dass etwa Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt quasi sorglos mit der Gesundheit der Bürger umgeht. Welche grotesken Formen das annimmt, zeigt eine Auswahl von Aussagen, die Bundestagsmitglied Harald Ebner auf Twitter kundtut:

“Hinterzimmer-Zulassung für Pflanzengift #Glyphosat stoppen!”

“EU-KOM will uneingeschränkte #Glyphosat-Neuzulassung heimlich durchdrücken. Wo bleibt Ihr Veto, Herr #Schmidt @bmel?”

“Heimliche Schnell-Zulassung für Pflanzengift #Glyphosat? Das müssen Sie stoppen, Herr Minister #Schmidt @bmel!”

“Heute verhandeln EU-Staaten in Brüssel nicht-öffentlich über #Glyphosat-Zulassung. Überlegen Sie, was Sie tun, Herr Minister #Schmidt @bmel!”

“Das @Umweltbundesamt warnt vor #Glyphosat-Gefahren, das Bundesinstitut für Risikobewertung @BfRde verharmlost weiter”

Der Europa-Abgeordnete Sven Giegold polemisiert derweil auf Facebook:

giegold“Monsantos Interessen über unserer Gesundheit: Die EU-Kommission will das gesundheitsschädliche Pestizid Glyphosat für weitere 15 Jahre zulassen. Die Kommission ignoriert damit alle Bedenken von Wissenschaftlern. Die Weltgesundheitsorganisation hält das Pestizid für wahrscheinlich krebserregend. Die EU-Regierungen müssen der Verlängerung der Zulassung noch zustimmen. Bitte teilt das Bild und wendet Euch gegen diesen Skandal für Mensch und Umwelt!”

Es wird bewusst desinformiert, die Entwarnungen und Richtigstellungen vom BfR ignoriert. Die gleiche Message findet sich beim Kollegen Martin Häusling, auch eindringlich illustriert:

haeusling“Die EU-Kommission verstößt gegen das Vorsorge-Prinzip. Sie wirft alle Bedenken von Wissenschaftlern über Bord und schlägt eine uneingeschränkte Verlängerung der Zulassung für die kommenden 15 Jahre vor. Das meist verwendete Pestizid gilt als gesundheitsschädlich und steht im Verdacht, krebserregend zu sein. Die EU-Kommission hat offenbar nicht die Gesundheit der Bürgerinnen und Bürger im Blick, sondern die Interessen der Agrarindustrie wie die des Herstellers des Pestizids Monsanto.”

Die Diskussion wird emotionalisiert

Durch die zum Teil persönlichen Vorwürfe gegen Einrichtungen und deren Leitungsfiguren sowie durch schmissige Slogans wie “Keine Geschenke für Monsanto” wird die Debatte auf eine emotionale Ebene verlagert. Angst und Ärger schalten den Verstand aus: Mit Gefühlen lassen sich Menschen besser steuern. Neben der gezielten Panikmache muss auch noch ein Feindbild aufgebaut werden, wo sich die negativen Gefühle kumulieren können. Im Fall von Glyphosat ist das schnell gefunden: Monsanto – stellvertretend für die gesamte böse Agrochemie-Industrie.

Die Menschen entwickeln Ohnmachtsgefühle und Hass

Das heraufbeschworene Gefühlschaos „Die da oben bestimmen über meine Gesundheit, die unterstützen die eh schon Reichen und Mächtigen und ich kann nichts dagegen tun“ kondensiert in einem Gefühl tiefer Ohnmacht und daraus entwickeln sich als Abwehrmechanismen Wut und Hass.

Jeder Journalist, Blogger oder User sozialer Netzwerke wird das kennen: Ein Post oder Text, der sich sachlich mit Glyphosat oder Gentechnik auseinandergesetzt, und schon kommt die Lobbykeule wie ein Automatismus. Die Kommentare strotzen nicht selten vor Verachtung. Eine sachliche Diskussion dazu im Internet zu führen, ist nahezu unmöglich, so vergiftet ist die Diskussionskultur. Jüngstes Beispiel sind die Reaktionen auf die ausnahmslos kritischen Kommentare v.a. von Wissenschaftsjournalisten zu den Glyphosat-Funden in Bier, hier ein Twitter-Kommentar eines Lesers an die Süddeutsche Zeitung:

“Was für ein Lügen-Dreckspack ihr doch seid. Ohne Versprühung des US-DRECKS #Glyphosat wäre auch kein Glyphosat im Bier.”

In Frankreich wurde im letzten Herbst eine Forschungseinrichtung von Monsanto vermutlich vorsätzlich in Brand gesetzt. Die eigentliche Brandstiftung hat zuvor in den Köpfen stattgefunden.

Die Grünen in der Pestizid-Sackgasse: Kein Glyphosat in Muttermilch nachweisbar

Die Grünen in der Pestizid-Sackgasse: Kein Glyphosat in Muttermilch nachweisbar

Im vergangenen Sommer ließ die Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen 16 Muttermilch-Stichproben auf Glyphosat untersuchen. Bei der Analyse, die man von einem tiermedizinischen Labor  durchführen ließ, wurden die Grünen fündig und schlugen Alarm:

“Als Bundestagsfraktion haben wir lange überlegt, ob wir Muttermilch auf Glyphosat testen und in Kauf nehmen sollen, damit stillende Mütter möglicherweise zu verunsichern, obwohl Muttermilch so wichtig für Säuglinge ist. Letztendlich haben wir uns für die Veröffentlichung entschieden, weil bei einem so wichtigen Thema wie Muttermilch und Gesundheit von Säuglingen mögliche Risiken nicht vom Tisch gewischt oder kleingeredet werden dürfen.”

Die Methodik der Stichprobe wurde damals massiv kritisiert. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) stellte das Testverfahren in Frage und beauftragte eigene Untersuchungen. Die Ergebnisse liegen jetzt vor: Es wurde kein Glyphosat in Muttermilch gefunden.

Und wie reagieren die Grünen nun darauf? Sie loben sich selbst und feiern in einer Verlautbarung „Endlich amtliche Muttermilch-Tests“:

“Es gab zu diesem Zeitpunkt noch keine validierte Testmethode mit ausreichender Empfindlichkeit. Erst nach unserer Untersuchung ist das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) selbst aktiv geworden.”

Das stimmt nicht: Im Juli letzten Jahres – rund vier Wochen nach der Veröffentlichung der Grünen – meldet die Washington State University, dass ihre Forscherin Michelle McGuire mit einem hoch-sensiblen Verfahren kein Glyphosat in Muttermilch gefunden hat und reagierte damit auf eine Veröffentlichung aus 2014 von Moms Across America, einer Anti-Gentechnik-Organisation.

Doch selbst wenn die Aussage zutreffen würde, dass es zum Zeitpunkt der Grünen-Stichprobe keine validierte Testmethode für Glyphosat in Muttermilch gab, stellt sich die folgende Frage: Wenn die Grünen-Abgeordneten davon ausgingen, dass es keine validierte Testmethode gibt, warum haben sie dann überhaupt eine Analyse in Auftrag gegeben – wohl-wissend, dass die Ergebnisse eigentlich nicht aussagekräftig sein können? Die Pressemitteilung vom letzten Sommer lässt keine Zweifel daran aufkommen, dass man an die Wahrhaftigkeit der eigenen Ergebnisse glaubt:

“Bärbel Höhn, Vorsitzende des Umweltausschusses, findet die Werte beunruhigend: „Offensichtlich findet ein Übergang in die Muttermilch statt. Zwar können die Frauen auch selbst etwas tun, um die Belastung gering zu halten. Aber es können und wollen nicht alle komplett auf Biokost umsteigen. Die Bundesregierung muss Glyphosat aus dem Verkehr ziehen, bis die Frage der krebsauslösenden Wirkung geklärt ist.“”

oder

“Harald Ebner, Mitglied im Agrarausschuss des Bundestages fordert deshalb: „Die Ergebnisse zeigen vor allem eines: Glyphosat ist allgegenwärtig. Dass in jeder untersuchten Muttermilchprobe mehr Glyphosat gemessen wurde, als für Trinkwasser zulässig ist, macht den dringenden Handlungsbedarf deutlich.“”

Haben die Grünen also ganz bewusst die Öffentlichkeit getäuscht? Haben sie in Kauf genommen, Tausende von Müttern zu verunsichern?

Heute überrascht die Bundestagsabgeordnete Bärbel Höhn mit einer Twitter-Meldung:

hohn_tweet_160216

Auf einmal ist das vom BfR entwickelte Testverfahren nicht so sensibel wie die damals bei der Grünen-Stichprobe verwendete Methode? Ja, was denn nun?

Die Grünen schreiben:

“Die Politik braucht zuverlässige wissenschaftliche Ergebnisse, auf die sie ihre Entscheidungen stützen kann.”

Liebe Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen: Es gibt diese zuverlässigen wissenschaftlichen Ergebnisse! Würden Sie die doch bitte endlich zu Kenntnis nehmen?

 

 

 

UmweltBUNDesamt: eine Behörde mit politischer Mission

UmweltBUNDesamt: eine Behörde mit politischer Mission

Das Umweltbundesamt (UBA) verkündet diese Woche die aus seiner Sicht besorgniserregende Feststellung, dass sich Glyphosat im menschlichen Urin anreichere. Der einzige Grund zur Besorgnis, den ich hier erkennen kann, ist, dass das Umweltbundesamt offensichtlich bewusst die Politik der Grünen flankiert, die derzeit den Ausstieg aus der „Sackgasse Pestizide“ vorantreiben wollen. Es ist gar nicht Aufgabe des Umweltbundesamtes, Gesundheitsrisiken zu bewerten. Das macht das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). Das Umweltbundesamt forscht an Folgen für die Umwelt und sollte eigentlich öffentliche Äußerungen auf diesen Kompetenzbereich beschränken.

umweltbundesamt_glyphosatnachweis_in_urinprobenBereits 2013 hatte das BfR auf eine ähnliche Studie des BUND umfassend Entwarnung gegeben:

„Da bereits die Rückstandsgehalte als sicher gelten, weisen die im Urin gefundenen Werte nicht auf eine gesundheitlich bedenkliche Belastung der Verbraucher mit Glyphosat hin. Auch die AMPA-Konzentrationen stellen aufgrund der geringen Toxizität des Metaboliten keinen Grund zur Besorgnis dar.“

Die Untersuchung des BUND wurde damals als Unstatistik des Monats ausgezeichnet. Der wesentliche Kritikpunkt ist der gleiche, wie er heute für die UBA-Untersuchung gilt: Aus der Tatsache, dass eine Substanz im Urin nachweisbar ist, ergibt sich noch lange nicht, dass hier auch eine Gefahr für die Bevölkerung vorliegt. Immerhin hat der BUND im Gegensatz zum UBA einen detaillierten Bericht veröffentlicht, in dem die Methodik beschrieben wird und die Messergebnisse aufgeführt sind. Vermutlich wird die Methodik der UBA-Untersuchung ähnlich sein: Die Messungen wurden nämlich vom selben Labor vorgenommen: dem Medizinischen Labor Bremen  – ein Zufall?

In den Baumärkten gibt es als Alternative zu Glyphosat fast nur noch Produkte mit Pelargonsäure. Bei diesem Wirkstoff gibt es keine Erfahrungen, wie er auf Dauer auf Menschen wirkt. Ob Pelargonsäure krebserregend ist, wissen wir nicht. Alle Hobbygärtner dürfen jetzt Versuchskaninchen spielen. Wer hat das eigentlich zu verantworten? Pelargonsäure reizt die Schleimhäute und steht in Verdacht, das Bodenleben zu schädigen.

Die Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat 2013 einen Bericht zur Risikobewertung von verschiedenen Fettsäuren, darunter auch Pelargonsäure verfasst. Unter dem Punkt „Kanzerogenität“ steht der Hinweis „Vorliegende Daten von begrenzter Validität“, sprich: Es liegen zur Frage, ob der Wikrstoff Pelargonsäure krebserregend ist, keine auswertbaren Daten vor. Weiter heißt es, der Wirkstoff schädige Nützlinge wie Regenwürmer. Generell wird angemahnt, dass zu wenig Informationen vorliegen, um die Umweltrisiken abschließend einschätzen zu können:

„Für Pelargonsäure wurden Datenlücken für die folgenden Aspekte der ökotoxikologischen Risikoeinschätzung identifiziert: Wasserorganismen, Bienen, Populationen von Gliederfüßern im Feld, die nicht geschädigt werden sollten, Erdwürmer, Boden-Mikroorganismen, Pflanzen, die nicht geschädigt werden sollten (Keimung). Es wurde ein geringes Risiko für Vögel, Säugetiere und Organismen in der Abwasseraufbereitung festgestellt. Für Erdwürmer und Populationen von Gliederfüßern im Feld, die nicht geschädigt werden sollten, besteht ein Risiko.“

Die EFSA weist also auf „Datenlücken“ hin – sprich: fehlende Informationen. Die EFSA-Bewertung müsste dem Umweltbundesamt bekannt sein. Ginge es hier um einen neu zuzulassenden synthetischen Wirkstoff, dürften wir mit Vertuschungs- und Vernebelungsvorwürfen aus dem grünen Lager rechnen, aber die Alternative zum verhassten Glyphosat darf anscheinend unbekannte (Langzeit)Folgen haben.

Wird hier mit zweierlei Maß gemessen? Testet das Umweltbundesamt Urin auch auf Bio-Pestizide wie Pyrethrine, Spinosad und Azadirachtin? Alle drei werden im Biolandbau eingesetzt, sind zum Teil bienenschädigend und nützlingsschädigend sowie als Insektizide wesentlich giftiger als Glyphosat. Und trotzdem dürfen diese Mittel im Hausgarten eingesetzt werden. Kann das sein, dass es hier nicht wirklich um die Sache, sondern um eine politische Mission geht?

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Als Beamtin hat sich Behördenleiterin Maria Krautzberger in ihren privaten Äußerungen in der Öffentlichkeit neutral zu verhalten. Das interessiert sie anscheinend nicht. Am vergangenen Wochenende bewarb sie via Twitter die “Wir haben es satt!“-Demonstration in Berlin.

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Auch Maria Krautzbergers Tweets vom gestrigen Tage zur Glyphosat-Untersuchung des UBAs lassen eine gewisse professionelle Distanz vermissen. Wünschenswert wären zumindest jeweils Links gewesen zu entsprechenden Studien aus ihrem Hause. Aber hier werden einfach Glaubenssätze verbreitet – von einem wissenschaftlichen Ansatz keine Spur.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

BIG GREEN: der politisch-ökologische Komplex

BIG GREEN: der politisch-ökologische Komplex

Nicht-Regierungs-Organisationen oder NGOs (für “Non-Government-Organisations”) genießen eine hohe Glaubwürdigkeit bei Journalisten. Es wird Ihnen unterstellt, dass sie keine monetären, sondern allein – oder zumindest auch – ideelle Ziele haben und deswegen bestimmt nicht lügen. Doch ist dieses Urvertrauen gerechtfertigt? Woher rührt der Glaube, dass Menschen, die sich z.B. den Umwelt- und Naturschutz auf die Fahne geschrieben haben, selbstlos sind?

Problematisch wird es spätestens, wenn sich politische Ziele von NGOs mit denen von politischen Parteien decken. Denn die Parteien spielen, sobald sie Regierungs­ver­antwortung übernehmen, in einem System mit, dass eine demokratische Legitimation erfordert. NGOs haben diese Legitimation nicht. Sie wirken aber trotzdem massiv bei der Meinungsbildung mit, und zwar gerade weil sie bei den Journalisten so hoch im Kurs stehen. In Deutschland lässt sich beobachten, dass sich die Kampagnen von Bündnis 90/Die Grünen und Naturschutz-Organisationen wie Greenpeace, BUND, NABU und Campact gegenseitig flankieren und verstärken. Man könnte den Eindruck gewinnen, dass hier Absprachen getroffen werden.

Insofern die Kampagnen von NGOs und Partei die Landwirtschaft und ihre Produkte betreffen, kommt noch ein weiterer Player hinzu: Bio-Einkaufs- und Anbauverbände oder Zusammenschlüsse wie „Lebensmittel ohne Gentechnik“ (VLOG), die ihr Allein­stellungs­merkmal vor allem aus der Negation der konventionellen Landwirtschaft speisen: ohne Gift, ohne Gentechnik, ohne Massentierhaltung etc. Hier ist meines Erachtens in den letzten beiden Jahrzehnten ein politisch-ökologischer Komplex zusammengewachsen, der in der Lage ist, anders lautende Meinungen im öffentlichen Diskurs zu unterdrücken, und zwar gegen den Konsens der Wissenschaft, dass etwa Grüne Gentechnik sicher ist, und gegen das Interesse der meisten Konsumenten, denn nach wie vor ist das Bio-Segment im Lebensmittelhandel eine Nische.

Die Themen der Kampagnen werden oft so gewählt, dass den Menschen Angst gemacht wird. Zum Beispiel werden regelmäßig Stichproben veröffentlicht, bei denen in Fleisch- und Fleischprodukten antibiotikaresistente Keime gefunden werden. Hier eine Übersicht aus den letzten Jahren:

2012
09.01.12, BUND: “Hähnchenfleisch in Supermärkten mit antibiotikaresistenten Krankheitskeimen belastet

2013
14.01.13, Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen: “Resistente Keime breiten sich aus

2014
21.05.14, Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen: “Antibiotikaresistenzen in der Wurst

11.08.2014, Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen: “Keime im Grillfleisch

November 2014, Peta: “Schockierende Ergebnisse

2015
12.01.2015, BUND: “Putenfleisch aus Discountern mit antibiotikaresistenten Keimen belastet

Juli 2015, ÖKO-TEST: “Grillfleisch: Unter aller Sau

Das liest sich fast wie ein Marketingplan. Verdächtig ist, dass keine Dopplungen vorkommen. Da das Thema viele berührt, könnten doch Grüne und BUND gleichzeitig mal auf die Idee kommen, Grillfleisch zu testen. Das passiert aber nicht. Honi soit qui mal y pense.

In den Medien wird die Ursache für Infektionen mit antibiotikaresistenten Keimen beim Menschen gerne in der sogenannten Massentierhaltung angesiedelt. Ein Beispiel ist dafür die Serie “Die Rache aus dem Stall” im November 2014 in der Wochenzeitung “Die Zeit”. Genetische Analysen der gefundenen Bakterienstämme sprechen jedoch eine andere Sprache. So stammen nach Angaben des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) 95 Prozent der problematischen Keime aus der Humanmedizin.

Währenddessen tut Dr. Felix Prinz zu Löwenstein, seines Zeichens Vorsitzender des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW), gerade so, als ob Antibiotika in der Bio-Tierhaltung kein Thema wären. Das ist falsch, nur die Wartezeiten sind hierzulande im Biobereich länger. So verkündet er im Deutschlandfunk:

“Bei der Haltungsart, die zu Hühnern führt, die Sie tiefgefroren im Supermarkt für drei Euro das Stück erwerben können, ist es systemimmanent, dass auch diese Art von Medikamentenmissbrauch stattfindet. Da gibt es keinen Kompromiss.”

Das Thema antibiotikaresistenter Keime eignet sich hervorragend für eine konzertierte Kampagne:

  • Es werden Ängste, Ohnmachtsgefühle und Wut erzeugt: Mit Emotionen lassen sich Menschen am besten steuern.
  • Der Verbraucher soll misstrauisch werden gegenüber Fleisch aus der konventionellen Produktion. Am besten, der Konsument reduziert seinen Fleischkonsum oder stellt ihn ganz ein.
  • Politische Ziele wie die Verhinderung von Stallbauten lassen sich mit emotionalisierten Bürgerinitiativen leichter erreichen. Durch öffentlichen Druck lassen sich neue Auflagen leichter durchsetzen.
  • Bio-Ware erscheint sicherer und attraktiver.
  • Um die Bedrohung realistisch einschätzen zu können, muss ich mich informieren. Dafür nehmen sich die wenigsten Menschen Zeit. Außerdem besetzen die NGOs die Medienkanäle.

Andere Themen wie Pestizide in Obst und Gemüse, TTIP, Gentechnik oder Nitrat im Grundwasser funktionieren nach dem gleichen Schema und werden ebenfalls konzertiert bespielt. Als Road-Show kann man diesen Cocktail alljährlich auf der “Wir haben es satt“-Demonstration in Berlin bewundern, die parallel zur Grünen Woche abgehalten wird. Hier sind sie dann auch alle versammelt von Bioland, Demeter über die Grünen und Greenpeace bis zur taz – vereint im Kampf für gemeinsame Ziele: Wähler, Spenden und Umsatz.

Warum werden die Nachrichten der NGOs häufig so unreflektiert weiterverbreitet? Es ist sicher auch eine Frage, aus welcher Generation die jetzt schreibende Zunft stammt. In den siebziger Jahren geboren etwa ist man mit Maulwurf Grabowski, Karl dem Käfer, dem Waldsterben sowie dem Reaktorunglück in Tschernobyl aufgewachsen. Umweltthemen bekamen in dieser Zeit in der Öffentlichkeit Gewicht, wurden aber bei den großen Parteien zuerst nicht entsprechend gewürdigt. Damals war Umweltschutz innovativ, heute bremst er Innovationen, weil das Vorsorgeprinzip wie ein Automatismus zuschnappt.

Diese Sensibilität für Umweltthemen schlägt sich auch politisch nieder. Bei der Studie “Politikjournalistinnen und -journalisten” im Auftrag des Deutschen Fachjournalisten-Verbandes wurde u.a. eine etwaige Parteipräferenz abgefragt. Mehr als ein Viertel der 743 interviewten Journalisten erklärten, die Grünen zu bevorzugen. Andere Untersuchungen bestätigen dieses Phänomen. So stellt die Studie “Journalismus in Deutschland 2005”   fest, dass 35,5 Prozent der Befragten die Grünen bevorzugen. Medienforscher Prof. Dr. Hans Mathias Kepplinger resümiert 2011 im Focus, nachdem die Ökopartei als Sieger der Landtagswahlen in Baden-Württemberg hervorgegangen war:

“Der Höhenflug der Grünen ist auch ein Triumph der im Journalismus dominierenden Weltsicht.”

Es muss einen also nicht überraschen, wenn in Fernsehberichten oder Zeitungen sogenannte Experten befragt werden, deren Expertise allein darin besteht, in einer bestimmten Organisation oder Partei zu eben jenem Themenkomplex zu sprechen. Es muss einen nicht wundern, aber es darf einen ärgern.

Besser Gift im Acker als Gift im Kopf – eine Filmkritik

Besser Gift im Acker als Gift im Kopf – eine Filmkritik

Am Montag Abend sendete der WDR die Dokumentation “Gift im Acker. Glyphosat, die unterschätzte Gefahr?” Dieser Film reiht sich ein in eine Serie von Filmen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, die die Debatte um Glyphosat ganz im Sinne von Big Green (Bündnis 90/Die Grünen, Greenpeace, BUND, Umweltinstitut München e.V. etc.) ausleuchten. Ich habe mal auf die Schnelle ein paar Informationen und Anregungen zusammen getragen:

Gleich zu Anfang ein paar Formfehler: Eingangs übersetzen die Filmemacher im gesprochenen Kommentar „BfR“ mit „Bundesanstalt für Risikoforschung“, die Bundesbehörde heißt aber „Bundesinstitut für Risikobewertung“. Es wird behauptet, dass das BfR bereits im Jahr 2000 eine Risikobewertung für Glyphosat vorgenommen habe. Das kann aber nicht sein, weil das BfR erst am 01.11.2002 gegründet wurde.

Die Darstellung der Arbeit von Prof. Dr. Günter Neumann von der Universität Hohenheim schafft den Eindruck, dass der Wissenschaftler ein erklärter Glyphosat-Gegner sei. Das ist aber nicht der Fall, er plädiert lediglich für begrenzten Einsatz des Wirkstoffs. In der Oktoberausgabe der Agrar-Fachzeitschrift dlz ist ein Interview mit Prof. Neumann abgedruckt. Ein Auszug ist online abrufbar. Dort wird gefragt:

„Sind aus Ihrer Sicht weitere Einschränkungen für den Wirkstoff nötig?“

und Prof. Neumann antwortet:

„Nein, weitere Einschränkungen für Glyphosat im Ackerbau über die jetzt schon bestehenden Regeln hinaus würde ich sogar eher als problematisch erachten. Damit wird zunehmend die Flexibilität eingeschränkt, um gezielt auf Problemsituationen bei der Unkrautbekämpfung reagieren zu können.“

Eine solche Aussage in dem Film und der Gesamteindruck für den Zuschauer wäre ein völlig anderer gewesen, oder?

Die Probleme, die Bauer Pedersen bei seinen Schweinen auf Glyphosat zurückführt, können Dutzende anderer Gründe haben: Schimmelpilzgifte im Futter, Genetik, mangelnde Hygiene. Beim Anblick von Tierkadavern in dem Kühlschrank, wo offensichtlich auch die Medikamente gelagert werden, würde jedem Amtsveterinär der Atem stocken. Mein Mann und ich halten Mastputen und wir dürfen die Impfstoffe für die Tiere noch nicht einmal neben unseren Lebensmitteln lagern, sondern haben einen extra Kühlschrank angeschafft, wo die Impfstoffe aufbewahrt werden und sonst gar nichts.

Warum wurde zur Absicherung von Pedersens Thesen nicht ein Tierarzt oder ein anderer Sauenhalter gefragt? Häufig sehe ich in den TV-Dokuformaten die Vorgehensweise, Bildmaterial einem Experten zu zeigen, der dann vor laufender Kamera Stellung bezieht. Ein Tierarzt hätte den Mann mit seiner Hypothese in drei Sätzen zerlegt. Warum wurde hier nicht eine solche Vorgehensweise praktiziert? Faktisch wird in der Sauenhaltung nicht diskutiert, ob Missbildungen auf Glyphosat zurückzuführen sind. Das ist ein Privatthema von Herrn Pedersen und Prof. Dr. Monika Krüger. Weder in der Wissenschaft noch bei den Praktikern wird diese Hypothese überhaupt in Betracht gezogen. Gleiches gilt für die Fruchtbarkeitsprobleme bei Milchvieh. Aber so haben die Protagonisten der Dokumentation quasi ein Alleinstellungsmerkmal, das den regelmäßigen Besuch von Filmteams garantiert.

Der US-amerikanische Biologe Kevin Folta hat Prof. Krügers Untersuchung zu Pedersens Schweinen in seinem Blog folgendermaßen bewertet:

„This is likely one of the worst papers ever to be published.“

Andreas Rummel zitiert Prof. Krüger in einem Beitrag für das Format FAKT:

„In allen untersuchten Organen jeden Tieres haben wir Glyphosat nachgewiesen. Und wir haben in diesen Organen sowie in der Muskulatur und in den Darmwänden dieser Tiere keine signifikanten Unterschiede zwischen den Konzentrationen gefunden. Das heißt also, dass die Tiere über die Plazenta der Muttertiere mit dem Glyphosat in Kontakt gekommen sind.“

Doch was ist das für ein Argument? Zu sagen, „in den Kadavern wurde Glyphosat nachgewiesen, also ist Glyphosat verantwortlich für die Missbildungen“, kommt der Schlussfolgerung gleich „in diesem Tumor ist Wasser nachgewiesen worden, also hat das Wasser den Tumor verursacht“.

Auch Prof. Krügers These, dass Darmbakterien unter Glyphosat leiden, konnte bislang nicht bestätigt werden. So schreibt das BfR in einer Stellungnahme:

“Dem BfR liegen keine Studien vor, die einen adversen Einfluss von Glyphosat auf Bakteriendes Magen-Darm-Traktes belegen. In Langzeitstudien an Nagern, an Hunden oder aber auch in Fütterungsstudien an Kühen oder Ziegen hätten sich nach Kenntnis des BfR Krankheitssymptome wie Gewichtsverlust, Durchfall oder Erbrechen manifestiert. Das war nicht aber der Fall.”

Auch der Verband Biologie, Biowissenschaften und Biomedizin in Deutschland (vbio) sah sich genötigt, eine Stellungnahme zu veröffentlichen, und kritisiert darin v.a. die Vorgehensweise von Prof. Krüger, mit einer These an die Öffentlichkeit zu gehen, bevor die zugrunde liegende wissenschaftliche Veröffentlichung überhaupt erschienen ist. Eine wissenschaftliche Diskussion basiert schließlich nicht auf Pressemitteilungen. Wissenschaftler äußern sich erst zur Arbeit eines Kollegen, wenn sie die entsprechende Veröffentlichung gesichtet haben. Die Vorgehensweise hat Kalkül: Die Headlines sind um die Welt, bevor das Dementi aus der Fachwelt kommt. Prof. Gilles-Eric Séralini geht übrigens genauso vor. Beide verbindet zudem, dass sie Ihre „Erkenntnisse“ mit einem Geschäftsmodell verquicken. Prof Krüger liefert das Testimonial für Effektive Mikroorganismen, die die vermeintlich gepeinigte Darmflora von Kühen wieder aufbauen sollen, und Prof. Séralini wirbt für Entgiftungsprodukte von Sevene Pharma.

Die IARC hat die im Film dargestellte Langzeit-Rattenstudie von Séralini genauso abgelehnt wie das BfR. So schreibt die IARC in ihrer ausführlichen Begründung der Glyphosat-Bewertung:

„The Working Group concluded that this study conducted on a glyphosate-based formulation was inadequate for evaluation because the number of animals per group was small, the histopathological description of tumours was poor, and incidences of tumours for individual animals were not provided.“

Das sind im Prinzip dieselben Punkte, die Dr. Solecki im Film anführt, das heißt: BfR und IARC sind in Sachen Séralini derselben Meinung. Ob die Autoren der Dokumentation das nicht wussten oder wollten sie das etwa nicht erwähnen?

Prof. Gilles-Eric Séralini ist in diesem Jahr mit dem „Whistleblower Preis“ der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler ausgezeichnet worden. Die führenden Wissen(schafts)-Ressorts der deutschen Tagespresse haben diese Auszeichnung geschlossen kritisiert. Hier mal eine kurze Aufstellung:

-Süddeutsche Zeitung: Aktivist statt Whistleblower

-Die Zeit: Ausgezeichnete Pfeife

-FAZ: Die falschen Helden

-Scilogs (Blogportal von Spektrum): Von Pfeifen und heißer Luft – Whistleblowerpreis für Gentechnikkritiker

Angelika Hilbecks Äußerungen, das BfR sei um Gesichtswahrung bemüht, finde ich sehr gewagt. So sagt BfR-Präsident Prof. Dr. Dr. Hensel in der Bundestagsanhörung:

„Ihre zweite Frage ging so weit zu fragen, wie wir damit umgehen, dass jetzt hier solche wissenschaftliche Divergenzen auftreten. Also Sie sehen mich da eigentlich völlig entspannt, weil die Frage der wissenschaftlichen Divergenz in Risikobewertungsverfahren ist völlig normal. Das haben wir jeden Tag. Das wird geklärt. Dafür gibt es wissenschaftliche Gremien, in denen eben Argumente gewogen werden, so wie sich jetzt auch das JMPR mit der IARC auseinandersetzen wird und versuchen wird, die gleichen Studien heranzuziehen und auch die zukünftigen Bewertungen des JMPR dann eben auch zu verbessern. So werden wir uns, und haben wir uns, auch mit den Argumenten des IARC auseinandergesetzt.“

Hilbecks Organisation positioniert sich ganz klar gegen Gentechnik und damit ist sie – quasi a priori – auch gegen Glyphosat.

Bundesminister Christian Schmidt sagte gestern Abend im ZDF bei „Pelzig hält sich“ zur Glyphosatdebatte:

„Ich werde nicht wissenschaftliche Entscheidungen mit politischer Mauschelei machen, nein, wenn die Wissenschaft das so entscheidet, und wenn die das entscheidet so, dass nicht jeder Grüner damit einverstanden ist, dann tut es mir leid für die Grünen, aber nicht leid für die Wissenschaft.“

Recht hat er! Continue reading “Besser Gift im Acker als Gift im Kopf – eine Filmkritik”