“Bittet, so wird euch gegeben” – Wie sich NGOs mit Steuergeld bereichern

“Bittet, so wird euch gegeben” – Wie sich NGOs mit Steuergeld bereichern

Sie kommen mit Ihrer 3-Mann-Umweltorganisation nicht so recht voran? Sie sehen in der öffentlichen Debatte bei Ihren Kernthemen die Felle wegschwimmen, weil Sie nicht genug Manpower haben, um die aktuelle Studienlage zu überblicken und auszuwerten? Sie kommen im allgemeinen Medien-Tohuwabohu mit Ihren Thesen nicht mehr durch? – Ihnen kann geholfen werden: Solange Sie sich inhaltlich mit dem passenden Bundesministerium einig sind, findet sich im Bundeshaushalt sicher noch ein Töpfchen für Sie, das man anzapfen kann.

Sie brauchen auch gar keine großartigen Qualifikationen mitbringen, Ihre Tätigkeit als mehr oder weniger selbst-ernannter NGO-Experte reicht da völlig aus. Natürlich wäre es sinnvoll, dass Sie auf die eine oder andere Veröffentlichung in einem Peer-Review-Journal verweisen könnten, falls mal jemand lästigerweise nachfragt. Aber es genügt, wenn Sie das glaubhaft versichern, so etwas Umständliches wie eine Publikationsliste brauchen Sie für Ihren Antrag nicht. Schauen Sie doch einfach mal in den Ressortforschungsplan 2018 des Bundesumweltministeriums (UFOPLAN): Der Rahmen ist so allgemein gehalten, mit ein wenig Phantasie bekommen Sie Ihre Projekte dort auch hineindefiniert. Wenn Sie eine Gentechnik-kritische Organisation verwalten, passt z. B. der Aspekt “Sicherung des Schutzes von Natur und Umwelt bei der weiteren Entwicklung und Nutzung der Gentechnik” (ebd. S. 47) ganz hervorragend zu Ihrem Portfolio. Das Tolle: Als offenes Förderinstrument ist der UFOPLAN nicht auf öffentliche Einrichtungen beschränkt, so dass Sie mit ihrem eingetragenen Verein antragsberechtigt sind. Nur Mut: Allein im Bereich Naturschutz sind in 2018 für den Titel “Forschung, Untersuchungen und Ähnliches” rund 16 Millionen Euro im Bundeshaushalt eingestellt. Ran an den Speck!

Das klingt nach Bananenrepublik? – Das ist Realität! Im Mai dieses Jahres gab die Anti-Gentechnik-NGO Testbiotech e.V. bekannt, dass eine neue Fachstelle Gentechnik und Umwelt (FGU) eingerichtet worden ist. Die Liste der im Wissenschaftlichen (!) Beirat dieser sogenannten Fachstelle vertretenen Organisation liest sich wie das Who-is-Who der Anti-Gentechnik-Szene in Deutschland: Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) e.V.Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND)Bund Naturschutz (BN)Gen-ethisches Netzwerk (GeN), Interessengemeinschaft für gentechnikfreie Saatgutarbeit (IG Saatgut)Save our Seeds (SOS) und Testbiotech.

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Quelle: https://fachstelle-gentechnik-umwelt.de/ueber-uns/

Der Sinn des Beirates ist es, eine “Einflussnahme von Akteuren, die ein wirtschaftliches Interesse an der Verwertung der Technologien haben,” auszuschließen. Die Aufgabe der Fachstelle wird auf deren Website folgendermaßen beschrieben:

“Als Fachstelle beobachtet und bewertet die FGU – unter Einbezug der Zivilgesellschaft – systematisch aktuelle wissenschaftliche und regulatorische Entwicklungen. Ihre Analysen haben vorausschauenden Charakter und geben dem Vorsorgeprinzip besonderes Gewicht. Auf diesen Seiten veröffentlicht die FGU regelmäßig wissenschaftliche Informationen zu Fragestellungen im Zusammenhang mit den neuen gentechnischen Verfahren.”

Mit “neuen gentechnischen Verfahren” sind die Techniken des Genome Editing wie CRISPR/Cas und Co gemeint. Und nun kommt es: Diese offensichtlich nicht wirklich neutrale Fachstelle wird zu 100 Prozent aus Steuermitteln finanziert. Im Rahmen einer Anfrage nach dem Informationsfreiheitsgesetz gibt das Bundesamt für Naturschutz (BfN) einen groben Überblick über die Projektförderung:

“Das Projekt “Systematische Vorschau Gentechnik” hat ein Budget von 203.580 € und eine Laufzeit vom 01.10.2017 bis zum 28.02.2020. Es wurde als Zuwendung bewilligt, nachdem Testbiotech e.V. mit einem entsprechenden Antrag an das BfN herangetreten war. Als offenes Förderinstrument ist der UFOPLAN nicht auf öffentliche Einrichtungen beschränkt, so dass Testbiotech als eingetragener Verein antragsberechtigt war.

Testbiotech e.V. hat bereits wissenschaftlich gearbeitet und dies beispielsweise durch in Peer Reviews überprüfte Veröffentlichungen in Fachzeitschriften belegt. Generell haben Zuwendungsempfänger wissenschaftliche Standards einzuhalten und dies auch zu belegen.”

Offensichtlich handelt es sich bei der Fachstelle um kein ausgeschriebenes Projekt, sondern um eines, das auf Antrag bewilligt wurde. Gut 200.000 € für knapp zweieinhalb Jahre entspricht ungefähr einer Vollzeitstelle für einen Wissenschaftler. Das einzige, was Testbiotech beisteuern muss, ist der Schreibtisch für die neue Kollegin, Räumlichkeiten und ein wenig Infrastruktur.

Auf Nachfrage teilt das BfN mit, dass der komplette Förderantrag von Testbiotech online abrufbar sei. Auf die Frage, wie der Verein nachgewiesen habe, dass er wissenschaftlich arbeitet, antwortet das BfN:

“Testbiotech wurde 2008 als Institut zur unabhängigen Folgenabschätzung im Bereich der Biotechnologie gegründet. Die Institutsmitarbeiterinnen und -mitarbeiter sind Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus unterschiedlichen Disziplinen, darunter zwei promovierte Naturwissenschaftler, eine promovierte Philosophin und ein Agraringenieur. Von Testbiotech durchgeführte oder unterstützte Projekte wurden bereits mehrfach in wissenschaftlichen Magazinen nach einem entsprechenden peer review-Prozess veröffentlicht. Testbiotech arbeitet gemeinsam mit verschiedenen Universitäten an internationalen Forschungsprojekten, u.a. an dem Projekt “GeneTip”, das mit Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung finanziert wird (www.genetip.de)

Dr. med. vet. Christoph Then (Geschäftsführer und wissenschaftlicher Direktor von Testbiotech) wird regelmäßig in seiner Eigenschaft als Gentechnik-Experte zu fachlichen und politischen Veranstaltungen als Redner eingeladen. Darüber hinaus wurde er u.a. vom Deutschen Bundestag und dem EU-Parlament als Experte angefragt.”

Die Umschreibung “Institut zur unabhängigen Folgenabschätzung im Bereich der Biotechnologie” entspricht der Selbstbeschreibung des Vereins im Antrag. Studiert haben reicht anscheinend, um als “Wissenschaftler” angesehen zu werden. Selbst die taz führt Testbiotech-Front-Mann Christoph Then nicht als Experten, sondern als “Anti-Gentechnik-Aktivisten“. Das scheint beim BfN allerdings niemanden zu irritieren. Unter den Antragsunterlagen ist jedenfalls keine Publikationsliste zu entdecken, mit der der Antragsteller seine wissenschaftliche Tätigkeit nachgewiesen hätte.

Laut BfN sehe der Titel “Forschung, Untersuchungen und Ähnliches” (Kapitel 1604 Titel 544 01) des Bundeshaushaltes “bei Bestehen der allgemeinen Voraussetzungen der §§ 23, 44 der Bundeshaushaltsordnung – die Bewilligung von Zuwendungen ausdrücklich vor”.

§ 23 der Bundeshaushaltsordnung (BHO) lautet:

“Ausgaben und Verpflichtungsermächtigungen für Leistungen an Stellen außerhalb der Bundesverwaltung zur Erfüllung bestimmter Zwecke (Zuwendungen) dürfen nur veranschlagt werden, wenn der Bund an der Erfüllung durch solche Stellen ein erhebliches Interesse hat, das ohne die Zuwendungen nicht oder nicht im notwendigen Umfang befriedigt werden kann.”

Nun, welches erhebliche Interesse hat der Staat daran, eine NGO bei ihrer Arbeit zu unterstützen? Der Förderantrag sieht nicht vor, dass neue Erkenntnisse in der Risikobewertung von Genome Editing generiert werden sollen. Es ist einzig und allein geplant, den öffentlichen Diskurs zu gestalten, und zwar so, wie die beteiligten zivilgesellschaftlichen Organisationen das gerne hätten.

Aktiv geworden ist die FUG Anfang Juni mit einem Parlamentarischen Frühstück. Die Thesen, die dort präsentiert worden sind, entsprachen im wesentlichen dem, was Testbiotech auf der vereinseigenen Website zum Thema Genome Editing veröffentlicht hat. Man hat sich auch gar nicht erst die Mühe gemacht, das Thesenpapier mit einem FUG-eigenen Branding zu versehen, sondern verwendet einfach das von Testbiotech:

Laut Finanzplan sind mehrere Workshops (“insbesondere einmal im Jahr”) der Fachgruppe mit Vertretern von Bundesumweltministerium (BMU) und BfN sowie des Beirats geplant:

“Die Workshops dienen dem Austausch mit dem Beirat des Projektes (NGOs) sowie mit BfN und BMUB. Bezahlt werden Tagungs- und Reisekosten für je etwa 6 Personen inklusive Übernachtung (je 300 €).”

Na prima, da werden dann vermutlich die nächsten Anti-Gentechnik-Kampagnen gemeinsam vorbereitet – auf Staatskosten.

 

Bildnachweis: Christian Dubovan on Unsplash

Atomobst

Atomobst

Die Entscheidung des Europäischen Gerichtshof (EuGH) zur Einordnung der modernen Züchtungstechnologien macht Schwächen und Unschärfen der GVO-Freisetzungs-Richtlinie von 2001 (2001/18/EG) deutlich:

Unter “1.” heißt es im Urteil:

“Art. 2 Nr. 2 der Richtlinie 2001/18/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 12. März 2001 über die absichtliche Freisetzung genetisch veränderter Organismen in die Umwelt und zur Aufhebung der Richtlinie 90/220/EWG des Rates ist dahin auszulegen, dass die mit Verfahren/Methoden der Mutagenese gewonnenen Organismen genetisch veränderte Organismen im Sinne dieser Bestimmung darstellen.”

Damit ist eindeutig festgelegt, dass auch Züchtungen, die auf chemischer oder physikalischer Mutation beruhen, genetisch veränderte Organismen (GVO) im Sinne der Richtlinie sind. Die Begründung für diese Festlegung liegt in der vom Gericht maximal weit gefassten Auslegung der Definition von “GVO”:

“Nach der Begriffsbestimmung in Art. 2 Nr. 2 der Richtlinie 2001/18 ist ein GVO ein Organismus mit Ausnahme des Menschen, dessen genetisches Material so verändert worden ist, wie es auf natürliche Weise durch Kreuzen und/oder natürliche Rekombination nicht möglich ist.

Damit sind im Grunde alle Züchtungen, bei denen im Labor nachgeholfen wurde, GVOs. In unserem Sprachgebrauch setzen wir “GVO” mit “Gentechnik” gleich, “GVO” wird in der Regel mit “gentechnisch veränderter Organismus” ausbuchstabiert. Das Gericht macht da einen Unterschied.

Ein Problem ist die Frage, was “natürlich” in dieser Definition bedeutet. Denn wie Ottoline Leyser, Direktor des Sainsbury Laboratory an der Universität Cambridge, in ihrer Stellungnahme zum Urteil feststellt, ist es in der Pflanzenzucht schwierig, eine Linie zwischen natürlich und künstlich zu ziehen:

“Yet drawing a line between the natural and artificial is difficult to say the least. After thousands of years of careful human intervention, most “natural” crops look nothing like their wild ancestor. They have many characteristics that mean they would not last more than a few generations if they had to compete in the wild.”

Unsere heutigen Nutzpflanzen haben mit ihren wilden Urahnen nicht mehr viel zu tun und sie wären ohne jahrhundertelange Auslese und Kombination nie entstanden.

Züchtungen, bei deren Entstehung Strahlung oder Chemikalien zum Einsatz kamen, sind dem EuGH-Urteil zufolge GVOs, aber von der Richtlinie ausgenommen, weil es die Verfahren bereits lange gibt und weil sie als sicher gelten. Viele Lebensmittel unseres täglichen Lebens basieren auf induzierter Mutation, zum Beispiel Hartweizen für Nudeln, Braugerste und Pink Grapefruit.

Die Welternährungsorganisation FAO und die Internationale Atomenergiebehörde IAEA führen eine gemeinsame Datenbank, in der bislang rund 3.200 Sorten aufgeführt sind. Es dürfte noch mehr Sorten geben, weil der Eintrag in diese Datenbank nicht verpflichtend ist.

Von der reinen Methode her betrachtet, gibt es keinen Grund anzunehmen, dass die Verfahren der induzierten Mutation sicherer seien als gerichtete Mutation mit Genome Editing. Die off-Target-Effekte, also die nicht-beabsichtigten Folgen, sind bei den ungerichteten Mutagenese-Verfahren viel zahlreicher und gravierender als bei der gerichteten Mutation. Zum Teil sind die Ergebnisse dieser Verfahren sogar gar nicht lebensfähig. Holger Puchta, Geschäftsführender Direktor des Botanischen Instituts am Karlsruhe Institute of Technology (KIT), erklärte gegenüber Spiegel Online:

“Das Urteil klingt so, als wenn die Richter eine Schrotflinte erlauben, aber ein Skalpell verbieten wollen.”

In Kanada werden neue Sorten ohne Ansehung des Zuchtverfahrens zugelassen. Die entscheidende Frage ist dort, wie neuartig das Produkt ist, egal ob es mit strahleninduzierter Mutation, mit klassischer Gentechnik oder mit Genome Editing  erreicht worden ist. Das ist auch konsequent, denn auch bei konventioneller Züchtung, selbst bei natürlicher Kreuzung, können Ergebnisse entstehen, die die Gesundheit von Menschen beeinträchtigen können. So machte vor ein paar Jahren ein Fall Schlagzeilen, bei dem ein Mann nach dem Genuss selbst gezogener Zucchini gestorben war. Das Gemüse enthielt den Bitterstoff Cucurbitacin, der normalerweise durch Züchtung aus den heutigen Kürbisgewächsen entfernt worden ist.

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Ist ein Bisschen Gentechnik o.k.? Vielen Dank an Twitter-User @5tanco für das Logo!

Vor diesem Hintergrund ist unverständlich, warum für die Schrotflinten-Züchtungen mit Chemikalien und Radioaktivität eine Ausnahme von der GVO-Richtlinie gemacht werden soll. Das sehen auch Grüne Politiker*innen so:

Harald Ebner bezeichnet die alte Mutagenese-Ausnahme also als Fehler. Nun, der Weg steht jetzt offen. Das EuGH-Urteil lässt den Mitgliedsstaaten explizit Möglichkeiten, nationale Sonderwege zu gehen. Im Urteilsspruch heißt es unter “3.”:

“Art. 3 Abs. 1 der Richtlinie 2001/18 ist in Verbindung mit Nr. 1 ihres Anhangs I B, da er die mit Verfahren/Methoden der Mutagenese, die herkömmlich bei einer Reihe von Anwendungen angewandt wurden und seit langem als sicher gelten, gewonnenen Organismen vom Anwendungsbereich der Richtlinie ausschließt, dahin auszulegen, dass den Mitgliedstaaten durch ihn nicht die Befugnis genommen wird, solche Organismen unter Beachtung des Unionsrechts, insbesondere der in den Art. 34 bis 36 AEUV aufgestellten Regeln über den freien Warenverkehr, den in der Richtlinie vorgesehenen Verpflichtungen oder anderen Verpflichtungen zu unterwerfen.”

Damit wäre es z. B. möglich, nationale Vorschriften für eine Kennzeichnungspflicht zu erlassen. Damit könnte man “GVOs durch die Hintertür” verhindern und Wahlfreiheit für die Verbraucher sicherstellen. Herr Ebner übernehmen Sie – oder ist etwa ein bisschen Gentechnik nicht so schlimm?

Harald Ebner schreibt in einem Gastkommentar für die Deutsche Welle:

“Bei der Regulierung nach der Freisetzungsrichtlinie geht es um die Sicherstellung von Transparenz, Rückverfolgbarkeit und Kennzeichnung auch für die, die sich – egal ob aus ethischen, gesundheitlichen oder ökologischen Gründen – gegen die Nutzung oder den Verzehr von Gentechnik-Produkten entscheiden.”

Und auf seiner Website schreibt der Grüne Bundestagsabgeordnete:

“Wer versucht, den Menschen heimlich Genfood unterzujubeln, verspielt wertvolles Vertrauen in Politik und Lebensmittelwirtschaft. Denn die Menschen wollen „wissen, was drin ist“.”

Ich meine ja nur: Wer will schon freiwillig Atomobst essen?

 

Die Entscheidung

Die Entscheidung

Heute hat der Europäische Gerichtshof (EuGH) entschieden, dass Pflanzen, die mit modernen Züchtungsmethoden wie CRISPR/Cas entwickelt worden sind, als gentechnisch veränderte Organismen (GVO) einzustufen sind. Diese Entscheidung ist so nicht erwartet worden, zumal der EU-Generalanwalt Michal Bobek im Januar ein anders lautendes Gutachten vorgelegt hatte.

Mein Kommentar:

In der Tat haben wir hier eine Entscheidung, die nicht auf der Höhe der Zeit ist. GVO ja oder nein wird eng ausgelegt: Alles, was nicht auf natürliche Weise – was auch immer hier “natürlich” bedeutet – oder durch Kreuzungszucht entstanden sein kann, ist ein GVO, also auch Mutagenesezüchtungen. In der Pressemitteilung heißt es:

“… dass durch Mutagenese gewonnene Organismen GVO im Sinne der GVO-Richtlinie sind, da durch die Verfahren und Methoden der Mutagenese eine auf natürliche Weise nicht mögliche Veränderung am genetischen Material eines Organismus vorgenommen wird.”

Aber die alten Verfahren der chemischen bzw. physikalischen Mutagenese sind ausgenommen, weil sie als sicher gelten:

“Aus der GVO-Richtlinie ergibt sich jedoch auch, dass sie nicht für die mit bestimmten Mutagenese-Verfahren, nämlich solchen, die herkömmlich bei einer Reihe von Anwendungen verwendet wurden und seit langem als sicher gelten, gewonnenen Organismen gilt.”

Pflanzen, die mit den modernen Verfahren des Genome Editing gezüchtet worden sind, werden hingegen als GVO eingestuft, weil sie nach Ansicht des Gerichts die gleichen Gefahren mitbringen wie die Produkte der klassischen Gentechnik:

“Denn mit der unmittelbaren Veränderung des genetischen Materials eines Organismus durch Mutagenese lassen sich die gleichen Wirkungen erzielen wie mit der Einführung eines fremden Gens in diesen Organismus, und die neuen Verfahren ermöglichen die Erzeugung genetisch veränderter Sorten in einem ungleich größeren Tempo und Ausmaß als bei der Anwendung herkömmlicher Methoden der Mutagenese. In Anbetracht dieser gemeinsamen Gefahren würde durch den Ausschluss der mit den neuen Mutagenese-Verfahren gewonnenen Organismen aus dem Anwendungsbereich der GVO-Richtlinie deren Ziel beeinträchtigt, schädliche Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit und die Umwelt zu verhindern.”

Gerade diese Passage sorgt bei Forschern und wissenschaftlichen Institutionen für Unverständnis. Denn auch institutionell geförderte Sicherheitsforschung in der EU hat längst gezeigt, dass es per se bei gentechnisch optimierten Pflanzen keine größeren Risiken gibt als bei konventioneller Züchtung. Die schon klassische Formulierung dazu findet sich in der Veröffentlichung “A decade of EU-funded GMO research (2001 – 2010)” der EU-Kommission aus dem Jahre 2010 (S. 16):

“The main conclusion to be drawn from the efforts of more than 130 research projects, covering a period of more than 25 years of research, and involving more than 500 independent research groups, is that biotechnology, and in particular GMOs, are not per se more risky than e.g. conventional plant breeding technologies.”

Grüne Gentechnik ist seit mehr als 20 Jahren auf den Feldern und in den Supermärkten, und zwar ohne Super-Gau. Reicht das nicht, um als sicher zu gelten?

Dass es bei chemischer und physikalischer Mutagenese bisher zu keinen größeren Zwischenfällen gekommen ist, ist purer Zufall, weil diese Techniken eine noch viel größere Eingriffstiefe mitbringen – viel unnatürlicher sind – als klassische Gentechnik oder als Genome Editing.

Aus meiner Sicht steht jetzt die alte GVO-Richtlinie zur Diskussion, und zwar schnellstmöglich, wenn man international nicht den Anschluss verlieren will.

Einige Reaktionen:

 

Links

• Urteil

• Pressemitteilung zum Urteil

• Stellungnahme des BMEL

Stellungnahme des VBIO

Stellungnahme des Bundesverbandes Deutscher Pflanzenzüchter

Stellungnahme des DBV

• Stellungnahme der Deutschen Industrievereinigung Biotechnologie e.V.

 

Bildnachweis: EC – Audiovisual Service / Photo: G. Fessy

 

Kommentar: Rolle rückwärts

Kommentar: Rolle rückwärts

“Wir dürfen uns nicht von Ängsten leiten lassen”, betitelt (€) die FAZ heute ein Interview mit dem Grünen-Vorsitzenden Robert Habeck. Doch wer sich angesichts dieser Headline Hoffnung gemacht hatte, dass Habeck hier die kürzlich angestoßene offene Debatte um Grüne Gentechnik weiterführt, wird bitter enttäuscht.

Statt nüchtern über Vor- und Nachteile klassischer Gentechnik und neuer Züchtungstechnologien zu diskutieren, entwickelt der Parteichef in seinen Antworten die übliche grüne Rhetorik: Bayer habe mit Monsanto auch den “extrem verstörenden” Ruf von Glyphosat erworben. Es sei weltweit genug Nahrung (“ausreichend Kalorien”) da, sie werde nur nicht gut verteilt. Direktzahlungen wirkten wie Exportsubventionen und schädigen afrikanische Märkte. Der Hunger in Mangelregionen mache Länder zwar politisch instabil, das sei aber kein Grund, “den industriellen Kreislauf der Landwirtschaft noch schneller” zu drehen. CRISPR/Cas und Co sei letztlich auch Gentechnik – was sonst? Konzerne brächten über Saatgut-Patente die Bauern in Abhängigkeit. Gentechnik werde immer nur in Kombination mit Pestiziden auf den Acker gebracht.

Zu den neuen Züchtungstechnologien positioniert sich Robert Habeck folgendermaßen:

“Diese neue Technik bringt kein artfremdes Gen ein, sondern simuliert einen natürlichen Prozess, im Schnellverfahren. Die Forscher sagen, es sei von natürlichen Verfahren nicht zu unterscheiden. Wenn es Saatgut gäbe, das mit weniger oder gar ohne Pestizide auskäme, wäre es für alle, auch meine Partei, eine echte Herausforderung, sich zu positionieren. In jedem Fall aber müssen solche Verfahren reguliert und kontrolliert werden.”

Selbst für den Fall, dass der EuGH in der kommenden Woche entscheidet, dass die neuen Züchtungstechnologien nicht unter die Gentechnik-Gesetzgebung fallen, fordert Habeck:

“Das Vorsorgeprinzip muss gelten. Zu sagen, das ist keine Gentechnik und deswegen regulieren wird das nicht, fände ich fatal. Es muss kontrollierte Anbauversuche und Testreihen geben. Bisher haben wir einen völlig unregulierten Zustand. Deshalb ist die Debatte zwingend.”

Was nützt es, wenn die Grünen nicht mehr “gegen” die neuen Züchtungstechnologien sind, aber eine Regulierung dieser Verfahren fordern? Gar nichts nützt das! Müssten etwa CRISPR-Pflanzen genauso reguliert werden wie mit klassischer Gentechnik entwickelte Nutzpflanzen, würden wieder nur die großen Konzerne von diesen Technologien profitieren. Denn die Technik ist nicht kostspielig, wohl aber die aufwendigen Auflagen der Gentechnik-Regulierung.

Die zitierten Statements zeigen zudem mehrere Missverständnisse und Inkonsquenzen auf:

• Bereits mit klassischer Gentechnik sind Pflanzen entwickelt worden, die mit weniger Pestiziden auskommen: Bt-Mais und Bt-Auberginen sind resistent gegen Schädlingsfraß, wodurch massiv Insektizide eingespart werden können. Dieser Vorteil wurde mehrfach wissenschaftlich bestätigt. Warum ist das für die Grünen nicht schon Anlass genug, das Thema Gentechnik ergebnisoffen neu aufzurollen?

• Wenn sich das Ergebnis nicht von den Ergebnissen “natürlicher Verfahren” unterscheidet, warum soll dann das eine Ergebnis (Genome Editing) kontrolliert und reguliert werden, das andere (“natürliche Verfahren”) aber nicht? Wenn ich hier das Vorsorgeprinzip anführe, muss ich doch in letzter Konsequenz das natürliche Produkt erst recht testen und regulieren, weil ich das mit all seinen Eigenschaften viel schlechter kenne. Und was ist überhaupt mit den Produkten chemischer und radioaktiver Mutagenese? Manche Ergebnisse dieser Verfahren sind so massiv verändert, dass sie gar nicht lebensfähig sind. Hier soll das Vorsorgeprinzip nicht greifen? Das ist inkonsequent.

• Auch konventionelle Züchtungen werden nicht “völlig unreguliert” und unkontrolliert auf den Markt gebracht. Basis für die Zulassung ist das Saatgutverkehrsgesetz. Nach diesem Gesetz kann die Zulassung versagt werden, “wenn hinreichende Gründe für die Annahme bestehen, dass die Sorte ein Risiko für die Gesundheit von Menschen, Tieren oder Pflanzen oder die Umwelt darstellt, insbesondere, wenn der Anbau die Gesundheit von Menschen, Tieren oder Pflanzen oder die Umwelt gefährdet.”

Als die Debatte um die Gentechnik von der grünen Parteispitze losgetreten wurde, gab es in den Sozialen Netzwerken unter dem Hashtag “#Gentechnikwende” unzählige Gesprächsangebote von Wissenschaftlern. Das wäre doch eine ideale Gelegenheit, seine Kenntnisse aufzufrischen und zu erweitern sowie offene Fragen zu klären, sollte man meinen. Nach diesem Interview habe ich den Eindruck, das ist gar nicht gewollt, und Robert Habeck sucht einen Weg zurück zu den üblichen ausgetretenen Pfaden.

Bildnachweis: Bündnis 90/Die Grünen Nordrhein-Westfalen (CC BY-SA 2.0)

Antwort auf die – unveröffentlichte – Antwort

Antwort auf die – unveröffentlichte – Antwort

Auf den ungeschriebenen Dankesbrief vom M.-Konzern aus der Feder von Prof. Dr. Reinhard Szibor gab es zwischenzeitlich eine Antwort von dem SPD-Bundestagsabgeordneten und SPD-Landesvorsitzenden von Sachsen-Anhalt Burkhard Lischka. Leider erlaubt Herr Lischka nicht, dass sein Brief hier im Blog veröffentlicht wird. Begründung: Das Schreiben sei an Herrn Prof. Szibor persönlich gerichtet gewesen. Zum Glück ist die Antwort von Prof. Szibor auf die unveröffentlichte Antwort seinerseits sehr lesenswert:

Sehr geehrter Herr Lischka,

haben Sie vielen Dank für Ihre Antwort auf mein Schreiben und auch dafür, dass Sie meine Meinung zur Grünen Gentechnik und zum Verhalten der meisten Parteien im Bundestag akzeptieren. Leider kann ich Ihre Freundlichkeit nicht in gleicher Weise erwidern. Ich akzeptiere Ihre Meinung, die ja auch die Meinung der SPD ist, überhaupt nicht, und zwar deshalb, weil Sie diese ja in Politik umsetzen und damit Deutschland, Europa und besonders auch unserem Bundesland Sachsen-Anhalt schweren Schaden zufügen. Mein Ihnen zugegangener Brief ist ja in satirischer Form geschrieben worden, um Sie darauf aufmerksam zu machen, wie realitätsfern und kontraproduktiv sich die angesprochenen Parteien verhalten: Sie geben vor, vermeintliche Risiken, aus der Genom-Editierung abwenden zu wollen. Das ist ein Verfahren, bei dem ganz gezielt und gut kontrolliert nur einige wenige DNA-Bausteine ausgetauscht werden. Hingegen fördern Sie damit die eher gefährliche Alternative der Mutationszüchtung, bei der durch den Einsatz von ionisierenden Strahlen (Radioaktivität) und DNA-verändernden Chemikalien viele tausend Veränderungen mit unkalkulierbaren Folgen entstehen. Die Produkte, wie z.B. Spaghetti aus bestrahltem Hartweizen kommen dann ohne jegliche Prüfung auf die Teller unserer Kleinkinder. Das nennen Sie Vorsorgeprinzip! Auch Sie könnten wissen, dass die bei Kindern und Jugendlichen so beliebten Pommes und Kartoffelchips krebserregendes Acrylamid enthalten, das beim Erhitzungsprozess entsteht. Bei der gentechnisch veränderten (gv) Innate-Kartoffel, die in den USA zugelassen wurde, werden die für die Bildung von Acrylamid nötigen Ausgangsstoffe in den Knollen reduziert. Weniger Kanzerogene in der Kartoffel heißt weniger krebskranke Konsumenten! Ihre Haltung bedeutet „lieber mehr Krebserkrankungen als Gentechnik auf dem Teller“, und das lasse ich Ihnen nicht als Vorsorgeprinzip durchgehen. Und noch eins zur Kartoffel. Gewerbsmäßiger Kartoffelanbau ist in Deutschland praktisch nicht möglich, ohne die Kraut- und Knollenfäule (Phytophthora) zu bekämpfen. Konventionelle Landwirte tun das mit modernen synthetischen Fungiziden, Biobauern mit Kupferspritzmitteln. Beide Verfahren zeitigen nur mäßigen Erfolg, die Kupferspritzungen bedeuten aber, dass jährlich hunderte Tonnen des wertvollen Metalls vergeudet werden. Auch das ist das Gegenteil eines Vorsorgeprinzips. Es widerspricht auch dem von Ihnen zitierten Artikel 20a GG in Verantwortung für die künftigen Generationen, weil mit dem Kupfer die Böden nachhaltig vergiftet werden!

Sie schreiben, dass Verbraucherinnen und Verbrauchern das Recht darauf hätten, zu wissen, wo gv-Pflanzen eingesetzt wurden und fordern eine Ausweitung der Kennzeichnungspflicht, beschränken diese aber auf die Tierfütterung. Wo war das Engagement der SPD, als per Petition 58757 der Bundestag aufgefordert wurde, zur Transparenz und besseren Verbraucherinformation ein Gesetz zu veranlassen, dass alle Lebens-, Arznei-, Futter-, Reinigungs- und Waschmittel, Textilien und andere Produkte, bei deren Herstellung und Weiterverarbeitung gentechnologische Verfahren eingesetzt wurden, auf der Verpackung zu kennzeichnen sind. Das haben Sie verhindert! Sie wollten nicht, dass die Bevölkerung erfährt, dass mehr als 70% der verarbeiteten Lebensmittel Gentechnikprodukte enthalten. Sie wollen keine Transparenz!

Sie, verehrter Herr Lischka, haben sich nicht in einem einzigen Punkt mit denen in meinem Brief aufgeworfenen Themen auseinander gesetzt. Stattdessen wiederholen Sie Behauptungen, die seit mehr als 15 Jahren widerlegt sind, wie z.B. „dass die Ausbreitung von gv-Material, einmal in die Umwelt ausgebracht, schwer oder gar nicht begrenzbar ist“. Es hat in Deutschland den kommerziellen Anbau von Mon810 Mais und der Kartoffel Amflora gegeben, darüber hinaus in Üplingen (Börde) und an anderen Orten Forschungsfreisetzungen mehrerer gv-Kulturen, aber nirgends kam es zu Auskreuzungen. Alles ist nach der Einstellung des Anbaus wieder verschwunden. Gv-Pflanzen mit einem Auskreuzungsrisiko in Wildarten würden schon durch die EFSA nie eine Unbedenklichkeitsempfehlung und damit von der EU nie eine Zulassung bekommen! Auch hat in der ganzen Welt noch nie ein Mensch durch den Genuss von gv-Nahrung auch nur einen Pickel bekommen, geschweige denn einen gesundheitlichen Schaden erlitten. Das trifft (außer für Zielinsekten, die selektiv bekämpft werden sollen) auch auf Tiere zu.
Sie beziehen sich in Ihren Aussagen auf das Urteil des BVerfG vom 24. Nov. 2010. Das kann ich nachvollziehen. Es wäre sicher ungehörig, wollte ich als einfacher Bürger, noch dazu ohne juristische Ausbildung, dieses Urteil kritisieren. Aber bitte erlauben Sie mir, Ihnen im Anhang die Einschätzung des Lehrstuhlinhabers für öffentliches Recht an der MLU Halle-Wittenberg (zum damaligen Zeitpunkt gleichzeitig Verfassungsrichter des LSA) Prof. Winfried Kluth zur Kenntnis zu geben. Ebenso enthält dieser Anhang eine Einschätzung von Prof. Dr. Hans-Georg Dederer, Mitglied der Ständigen Senatskommission der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der ständigen Senatskommission für Grundsatzfragen der Genforschung.
Die von Ihnen zitierte Position von Dr. Barbara Hendricks „Wir wollen in der Zulassungsdebatte eine stärkere Gewichtung der gentechnikkritischen Forschung“ ist ein Widerspruch in sich. Forschung ist ergebnisoffen, und wenn das Ergebnis von vornherein gentechnikkritisch sein soll, geht es um Ideologie und nicht um Forschung.
Sie schreiben: „Nicht nur in Deutschland- auch in ganz Europa lehnt die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger gv.-Pflanzen ab.“ Ob Mehrheiten Fortschritte ablehnen oder nicht, hängt weniger von der Faktenlage ab, sondern es ist auch immer ein Ergebnis der Informationspolitik und der Bildung. Es ist noch nicht lange her, da lehnte die Mehrheit der Menschen ab, dass Frauen Auto fahren und qualifizierte Berufe ausüben. Nach der Mehrheitsmeinung war es deren Aufgabe, für ihre Männer zu kochen und ihnen die Hemden zu bügeln. Homosexuelle gehörten nach der Meinung von Mehrheiten am ehesten ins Gefängnis, auf keinen Fall aber als Lehrer in die Schulen oder als Generäle in die Bundeswehr (Kießling-Affäre!). Mehrheiten waren sogar dazu zu gewinnen, den Eintritt in den ersten und zweiten Weltkrieg zu bejubeln und die Verbrechen an den Juden gut zu heißen. Aber in den guten Zeiten der Sozialdemokratie waren es Ihre politischen Vorfahren, die aufgeklärt und gegen verhängnisvolle Mehrheitsmeinungen angekämpft haben. Oft sogar unter Lebensgefahr! „Es kann nicht die Aufgabe eines Politikers sein, die öffentliche Meinung abzuklopfen und dann das Populäre zu tun. Aufgabe des Politikers ist es, das Richtige zu tun und es populär zu machen.“ (Walter Scheel, Koalitionspartner von Willy Brandt). Um in einer wissenschaftlichen Problematik, wie der Grünen Gentechnik, zu erfahren, was das Richtige ist, müsste man mit den Wissenschaftlern sprechen. Aber die von mir kritisierten Parteien behandeln die weltweit prominenteste Wissenschaftsgesellschaft „Leopoldina“ mit Sitz in Halle, die ebenfalls renommierte „Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften“ und die „Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)“ und andere wie Schmuddelkinder, mit denen man nicht spricht, geschweige denn sich beraten lässt.
Stattdessen orientiert man sich an Organisationen wie Greenpeace, deren sogenannte „Gentechnikexperten“ in vielen Fällen nichts vorzuweisen haben, als ein Studium an einer Schauspielschule bzw. einen vergleichbaren Unwissensstand. NGOs wie Greenpeace, der BUND und leider auch die angesprochenen Parteien überschütten unsere Gesellschaft mit Falschinformationen zur Gentechnik, weswegen man sich über eine breite Ablehnung nicht wundern muss. Dabei wäre es so einfach, etwas gegen die Desinformationen und irrationale Gentechnik-Phobie zu tun! Warum ist es eigentlich nicht möglich, dass eine Volkspartei, wie die SPD, ein Gremium schafft, das fähig und willens ist, einen ergebnisoffenen Dialog mit denen auf dem Gebiet der Biotechnologien ausgewiesenen Wissenschaftlern zu führen? In Ihrem Bundesland Sachsen-Anhalt, verehrter Herr Lischka, gibt es neben der schon genannten „Leopoldina“ das weltweit anerkannte „Leibniz-Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung“ sowie einschlägige Institute an der Martin Luther Universität Halle. Auch von Ihrer Wirkungsstätte Berlin ist es nur ein Katzensprung zum Max-Planck-Institut für molekulare Pflanzenphysiologie in Potsdam in Golm, wo so bedeutende Persönlichkeiten wie Prof. Müller-Röber, Experte für Sicherheitsfragen in der (grünen) Gentechnik, forschen und lehren. Weitere wissenschaftliche Leuchttürme gibt es überall in Deutschland, in Köln, Hannover, Rostock, Gießen, München, Freiburg usw. Die kosten viel Geld. Alle Parteien reden davon, die Wissenschaft fördern zu wollen, aber die grandiosen Ergebnisse kommen dem Land und seinen Menschen nicht zu Gute! Das ist Ihrer Politik geschuldet!
Erlauben Sie mir bitte noch ein paar persönliche Worte, verehrter Herr Lischka. Sie und ich sind im Jahr 1989 in die SPD (bzw. in deren östliche Schwester SDP) eingetreten. Damals war das für uns in der DDR noch gefährlich. Ich erinnere mich noch gut, dass wir mit Reinhard Höppner darüber diskutiert haben, ob wir die Wende wirklich schaffen oder ob wir im Arbeitslager landen, sollte es der STASI doch noch gelingen, das Rad der Geschichte zurückzudrehen. Ich bin damals in die SPD-Schwesterpartei eingetreten, weil die SPD die aus meiner Sicht progressivste Kraft in der deutschen Parteienlandschaft war. Inzwischen erkennt man die SPD nicht mehr wieder: Rückwärtsgewandt, wissenschaftsfeindlich und ängstlich. Ich wünsche Ihnen, dass Sie in dem jetzt angestrebten Erneuerungsprozess zu den alten Werten zurückfinden und für den Rat von Klaus von Dohnanyi offen sind: “Die SPD muss nach vorne schauen und eine zukunftsorientierte Politik machen”.

Für Rücksprachen stehe ich gern zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen

Ihr
Prof. Reinhard Szibor

 

Anhang:

Prof. Dr. Winfried Kluth (Lehrstuhl für Öffentliches Recht an der MLU Halle-Wittenberg (zum damaligen Zeitpunkt auch Verfassungsrichter des LSA): Rechtsgutachten zum Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 24.11.2010 über die Verfassungsmäßigkeit des Gentechnikneuordnungsgesetzes der rot-grünen Koalition aus dem Jahre 2004:

“Die Zulassung von Freiheitsbeschränkungen ohne jede empirische und fachwissenschaftliche Grundlage ist nichts anderes als ein Deckmantel für schlecht kaschierte Willkür, die vor einer gesellschaftlichen Mehrheitsmeinung kapituliert” Und weiter: “Wo Fundamente fehlen, kann der Hausbau nicht tragfähig sein.” Abschließend kommt der Verfassungsrechtler u.a. zu folgendem Ergebnis: “Das Gericht verkennt und ignoriert mit seiner Vorgehensweise den wissenschaftlichen Meinungsstand und verletzt das rechtsstaatliche Verteilungsprinzip, das für freiheitsbeschränkende Regelungen eine tragfähige sachliche Begründung verlangt.”

Prof. Dr. Hans-Georg Dederer, Mitglied der Ständigen Senatskommission der Deutschen Forschungsgemeinschaft und Ständige Senatskommission für Grundsatzfragen der Genforschung.
Lehrstuhl für Staats- und Verwaltungsrecht, Europäisches und Internationales Wirtschaftsrecht an der Universität Passau, Dekan der Juristischen Fakultät der Universität.

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Quelle: Rechtsgutachten zum Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 24.11.2010 über die Verfassungsmäßigkeit des Gentechnikneuordnungsgesetzes der rot-grünen Koalition aus dem Jahre 2004, S. 63

 

 

 

Bildnachweis: Deutscher Bundestag / Stephan Erfurt

Ein ungeschriebener Brief

Ein ungeschriebener Brief

Ein ungeschriebener Brief vom M.-Management an die Politiker*innen der SPD, der GRÜNEN und der Linkspartei

Vorbemerkung: Dies ist ein Dankesbrief, der in Wirklichkeit nie geschrieben wurde, der aber mit Sicherheit in den Hirnen der Konzernmanager schon häufig so oder so ähnlich gedacht wurde.

Liebe Frau Bundesministerin Dr. Hendricks, lieber Herr Dr. Hofreiter, liebe Frau Wagenknecht, liebe Mitglieder der Bundestagsfraktionen von SPD, GRÜNEN und Linkspartei, die sich gegen die grüne Gentechnik profiliert haben,

wir, die Manager des M.-Konzerns, der zu den sechs großen, auch „BIG-AG“ genannten Konzernen gehört, die rund 75% des globalen Agrarchemiemarktes und 60% des Saatgutmarktes beherrschen, möchten Ihnen mit diesem Brief für Ihre hilfreichen Aktivitäten sehr herzlich danken.

Wir richten dieses Dankesschreiben an Sie, weil Sie sich um unsere äußerst starke Stellung im Markt sehr verdient gemacht haben. Und Sie tun auch jetzt wieder alles Erdenkliche, um diese starke Marktstellung weiter auszubauen. Die Herstellung gentechnisch verbesserter gv-Pflanzen ist ja sehr aufwändig. Man braucht teure Laborausstattungen und gut ausgebildete Wissenschaftler, die in der Lage sind, relevante Gene aufzuspüren und diese im Bedarfsfall abzuschalten bzw. sie transgen (d. h. artübergreifend) oder auch cisgen (d. h. innerhalb der Art) zu transferieren. Das ist eine Aufgabe, die nur finanzstarke Unternehmen leisten können. Der M.-Konzern hat zwar in den letzten Jahren pro Jahr 1,5 Milliarden Dollar (4. 1 Millionen täglich) für Forschung und Entwicklung ausgegeben. Aber Geld macht keine Erfindungen. Das tun Wissenschaftler, die gute Arbeitsbedingungen vorfinden. Wir sind Ihnen deshalb sehr dankbar, dass Sie dafür sorgen, dass gut ausgebildete Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Deutschland in die USA emigrieren. Dank Ihrer Verbots- Politik haben diese in Deutschland keine Perspektive. Sie können keine Freilandversuche durchführen, die unverzichtbar sind, und sie haben keine Chance, dass ihre Produkte in Europa jemals angebaut werden dürfen. Wir nehmen deutsche Wissenschaftler, die unsere Dominanz weiter stärken, also sehr gerne auf.

Mehr noch als der Aufwand für die Entwicklung von gv-Pflanzen belasten die Kosten für deren Zulassung. Insbesondere auch dank des deutschen Gentechnikgesetzes. Da schlagen 3-stellige Millionenbeträge zu Buche. Wie gut, dass durch Ihre konsequente Politik die kleinen Saatgutbetriebe, die natürlich auch kreativ sind und bis in die 90iger Jahre des vergangenen Jahrhunderts auch diese Forschung betrieben haben, sofort in den Ruin getrieben würden, sollten sie sich erfrechen, gv-Pflanzen nicht nur zu entwickeln, sondern auch in den Verkehr zu bringen.. Das würde sich ändern, würde man die Zulassungsprozesse vereinfachen und sich auf Notwendiges beschränken. Aber Sie verhindern das! Danke!!!

Neuerdings droht unserem Saatgutkonzern eine neue Gefahr. Es gibt jetzt die Methoden der Genom-Editierung (GE) wie z. B. Crispr/Cas9 und die Oligo Directed Mutagenesis. Damit kann man ganz gezielt und genau so, wie es zufällig in der Natur immer wieder geschieht, in das Erbgut eingreifen und einzelne DNA-Bausteine herausschneiden, einfügen oder auswechseln. Tut man das an geeigneten Stellen, lassen sich ausgewählte Gene abschalten. Man erhält dann Pflanzen mit gewünschten Eigenschaften, z. B. Ölsaaten mit gesteigertem Omega-3-Fettsäuregehalt, Tomaten oder Erdbeeren mit Reifeverzögerung, trockenheitsresistenten Mais, Erdbeeren mit mehr Aroma, mehltauresistenten Weizen, Getreide, das zwar Gluten enthält (um eine hohe Backqualität zu gewährleisten), aber der allergenen Komponenten beraubt ist. Das Beängstigende für unser Unternehmen ist, dass jetzt alles ganz einfach durchzuführen ist. Man braucht unsere hochausgerüsteten Labors dafür gar nicht mehr. Vor einigen Jahren haben BASF-Wissenschaftler die Kartoffel „Amflora“ geschaffen, indem sie das Gen für die Produktion der Stärkekomponente Amylose abgeschaltet haben. Das machte die Kartoffel wertvoll für die Produktion von Industriestärke. An „Amflora“ haben viele Wissenschaftler gearbeitet und die Zulassung hat 14 Jahre gedauert. Mit den neuen GE-Verfahren kann man das Abschalten des entsprechenden Gens ganz schnell erreichen. Eine Kartoffel mit den Vorzügen der „Amflora“ könnten heute zwei Studenten innerhalb eines Jahres mit GE als Praktikumsarbeit herstellen.

Wenn man wissenschaftliche Gesichtspunkte zugrunde legt, müsste das Produkt auch nicht besonders reguliert werden, weil ja nur ein einziger DNA-Baustein entfernt wird. In der sogenannten konventionellen Züchtung werden in einem Behandlungsschritt einer Pflanze mittels Radioaktivität oder giftigen Chemikalien 30- bis 50-Tausend Mutationen zugefügt und Sie, verehrte Damen und Herren, schlussfolgern daraus nicht, dass mutationsbasierte Züchtungen nach dem Gentechnikgesetz reguliert werden müssen. Also gibt es für die Züchtung mittels Gen-Editierung eigentlich keine rational begründbaren Hürden. Jeder auch noch so kleine Saatgut -Betrieb könnte an effektiver Züchtung teilnehmen. Damit wäre allerdings unsere starke Marktstellung für gv-Pflanzen gebrochen. Aber Gottseidank werden Sie, sehr geehrte Damen und Herren, durchsetzen, dass auch für Produkte des GE die Regulierungen des Gentechnikgesetzes mit den millionenschweren Zulassungskosten zum Tragen kommen. Damit ist der Wettbewerb zerschlagen und für uns lästige mittelständische Züchter werden vom Markt gefegt.

Es ist übrigens eine atemberaubende Demagogie-Leistung, die Sie da vollbringen! Sie reden den Menschen ein, dass das gezielte Einfügen einer einzigen Mutation durch GE-Verfahren gefährlich, das Erzeugen von 30.000 Mutationen mittels Radioaktivität oder Chemikalien aber unbedenklich sei, weil es ungezielt erfolgt. „Eins ist mehr als 30 000“ (1 > 30000) lautet Ihre Mathematik und die Menschen wählen sie dafür. Chapeau!

Was mehr Wettbewerb bei der Züchtung bedeutet, kann man sich am Bespiel der Aubergine in Asien anschauen. In Indien und Bangladesch werden mit dieser Frucht ca. 30% des Gemüsebedarfs gedeckt. Sie wird aber derart stark von dem Auberginenfruchtbohrer angegriffen, dass die Farmer dort in einer Saison 80- bis 120mal Gifte spritzen müssen. Da ist es natürlich schlecht, dass dortige Wissenschaftler gentechnisch eine Bt-Aubergine entwickelt haben, die man nur noch einmal gegen Blattläuse spritzen muss und sonst nicht. Was für ein Unglück, dass der Anbau von Bt-Auberginen in Bangladesch inzwischen in großem Umfang stattfindet und unser Giftverkauf dort eingebrochen ist. In Indien hatten wir mehr Glück. Dort haben Greenpeace und die heimischen Pestizidhersteller gemeinsam ein Anbauverbot für die Bt-Aubergine erreicht. Sie sehen, wir verdienen nicht mehr ordentlich, wenn wir die Entscheidungshoheit darüber verlieren, was gezüchtet wird und was nicht.

Bei so viel Lob von uns mögen Sie sich fragen, ob es uns nicht stört, dass Sie den Anbau von gv-Pflanzen in Deutschland durch eine Art „Morgenthauplan-Umsetzungsgesetz“ verhindern. Ja, wir würden schon gern gv-Saatgut wie MON810 in Deutschland verkaufen. Aber unser Marktanteil am Saatgut in Deutschland ist auch ohne Gentechnik hoch. Und außerdem hat ja die EU-Kommission gerade wieder sechs Genehmigungen für den Import von gv-Pflanzen erteilt. Dann verkaufen wir eben unser Saatgut in Südamerika, wo für die Versorgung Europas immer mehr Urwälder durch Felder ersetzt werden. Die Produkte werden dann in die EU exportiert. Da läuft unser Geschäft also auch gut.

Höchstes Lob verdient nicht zuletzt Ihr Einsatz für immer mehr Ökolandbau in Deutschland. Schon heute ist die EU (und damit auch Deutschland) der größte Netto-Importeur von Saatgut und Lebensmitteln weltweit. Die Erträge des Ökolandbaus liegen aber bis zu 50% unter denen der konventionellen Landwirtschaft. Mit anderen Worten: Je umfangreicher der Ökolandbau wird, umso stärker steigt der Importbedarf Deutschlands. Wir sind gerne bereit, diesen zusätzlichen Bedarf zu decken. Schließlich gibt es nach wie vor in Südamerika, z.B. im Amazonas-Gebiet, noch viele Waldflächen, die in Felder umgewandelt werden können. Steigern Sie also bitte durch die Ausdehnung der Ökolandwirtschaft weiter kräftig den Importbedarf Deutschlands und der EU – wir werden ihn gerne und zuverlässig decken!

Dürfen wir noch ein eher persönliches Anliegen von uns M.-Managern anfügen? Mit sehr gemischten Gefühlen haben wir zur Kenntnis genommen, dass unser Unternehmen von einem deutschen Konzern übernommen werden soll. Denn nach unseren Erfahrungen sind die deutschen Konzerne in sozialen und ökologischen Fragen oft wesentlich sensibler als wir in den USA. Das kostet dann aber viel Geld! Mit großer Freude haben wir deshalb zur Kenntnis genommen, dass Sie diese Übernahme ablehnen. Bitte tun Sie alles, um die Übernahme in letzter Minute noch zu verhindern. Wir werden dann gerne das Notwendige in die Wege leiten, damit Sie, liebe Frau Hendricks, liebe Frau Wagenknecht und lieber Herr Hofreiter von unserem großartigen America-first-Präsidenten Donald Trump mit den höchsten Orden der USA öffentlich geehrt werden. Außerdem würden wir sehr gerne in Anbetracht Ihres heroischen Kampfes gegen jede für uns lästige Konkurrenz und für viel mehr Saatgut- und Lebensmittel-Importe in die EU Ihre Parteien mit Spenden in beachtlicher Höhe unterstützen. Wir müssten allerdings gemeinsam einen legalen Weg finden, dass wir solche Spenden nicht offen legen
müssen. Denn das könnte unserer Symbiose, bei der wir das große Geld verdienen und Sie viele Wählerstimmen gewinnen, schwer schaden. Auf Ihre Vorschläge sind wir gespannt.

Wir wünschen Ihnen in diesem Sinne eine sehr erfolgreiche Legislaturperiode, die uns weiterhin gute Geschäftsjahre garantiert.

Mit freundlichen Grüßen
N. N.
(Stellvertretend für N.N wurde der Brief von Prof. Dr. Reinhard Szibor verfasst)

Dieser Brief wurde an alle Angeordneten des 19. Deutschen Bundestags verschickt. Der Bundestag hat den Eingang der Briefe am 21. Februar 2018 bestätigt.

 

Bildnachweis: Deutscher Bundestag/Achim Melde

 

Dialog fortsetzen

Dialog fortsetzen

Anfang September hatte Horst Rehberger einen Offenen Brief an die Evangelische Kirche Deutschlands (EKD) gerichtet. Der frühere Wirtschaftsminister von Sachsen-Anhalt und Vorsitzende des Forums Grüne Vernunft forderte darin den EKD-Ratsvorsitzenden Prof. Bedford-Strohm auf, sich an einen Tisch zu setzen, um über Grüne Gentechnik zu sprechen. Rehberger sieht Gesprächsbedarf und fragt, warum angesichts eines Aufrufes von inzwischen 126 Nobelpreisträgern zur unverzüglichen Nutzung der Grünen Gentechnik im Allgemeinen und des Goldenen Reises im Besonderen, die EKD Gentechnik in der Landwirtschaft weiterhin ablehne. Sollte die EKD nicht reagieren, wollte Horst Rehberger einen Hungerstreik vor der EKD-Zentrale in Hannover antreten. Wir wollten wissen, wie die Sache ausgegangen ist.

Frage: Herr Rehberger, hat die EKD auf Ihren Brief reagiert?

Rehberger: Einen Tag vor Ablauf der Frist erreichte mich ein Brief der EKD-Leitung. Darin wurde mir Folgendes mitgeteilt: “Auch wenn grundsätzlich auf “Offene Briefe” seitens der EKD nicht reagiert wird, hat der Ratsvorsitzende anlässlich Ihres als Anzeige veröffentlichten Offenen Briefes den theologischen Vizepräsidenten des Kirchenamtes der EKD, Herrn Dr. Horst Gorski, gebeten, Ihnen ein Gespräch anzubieten. Herr Dr. Gorski schlägt vor, dieses Gespräch aus fachlichen Gründen gemeinsam mit der stellvertretenden Vorsitzenden der “Kammer für nachhaltige Entwicklung” der EKD, Frau Dr. Gudrun Kordecki, zu führen” Dieses Gesprächsangebot habe ich gerne angenommen und gemeinsam mit Prof. Reinhard Szibor, der sowohl in der evangelischen Kirche als auch für die Grüne Gentechnik sehr engagiert ist, dieser Tage in Hannover ein Gespräch geführt.

Frage: Und was ist bei diesem Gespräch herausgekommen?

Rehberger: Erwartungsgemäß war es ein sehr schwieriges Gespräch und mir drängte sich der Eindruck auf, dass die beiden Gesprächspartner von der EKD von der Entscheidung des Ratsvorsitzenden, ein solches Gespräch zu führen, alles andere als begeistert waren. So haben sie von Anfang an meinen Vorschlag strikt abgelehnt, in einer gemeinsamen Mitteilung darüber zu informieren, dass dieses Gespräch stattgefunden hat und was die wesentlichen Inhalte waren. Mein Hinweis, dass es eine ganze Reihe von Rückfragen gebe, ob und wie die EKD-Führung auf meinen Offenen Brief reagiert hat, und ich infolgedessen die Tatsache unseres Gesprächs nicht verschweigen könne – sollte ich etwa lügen? – hat dann dazu geführt, dass wir uns zu viert rund eine Stunde lang über den Aufruf der Nobelpreisträger und deren Plädoyer für die unverzügliche Nutzung der Grünen Gentechnik unterhalten haben.

Frage: Wie ist die aktuelle Haltung der EKD-Leitung zur Grünen Gentechnik?

Rehberger: Es wurde sehr deutlich, dass der Widerstand der EKD gegen die moderne Biotechnologie nicht theologisch begründet wird, sondern ideologisch. Nicht Theologen, sondern vor allem Verantwortliche der “Kammer für nachhaltige Entwicklung” sind für die bisher ablehnende Haltung der EKD verantwortlich. Auf die Frage, wie es ethisch zu verantworten ist, dass auch die evangelischen Christen in Deutschland täglich Lebensmittel essen, in denen Gentechnik steckt, dies den Menschen in Asien und Afrika etwa in Gestalt des Goldenen Reises aber vorenthalten werden soll, blieb Frau Kordecki jede Antwort schuldig.

Frage: Welche Gründe für die Ablehnung Grüner Gentechnik haben die Vertreter der EKD-Leitung denn vorgetragen?

Rehberger: Unsere Gesprächspartner erklärten, dass die wissenschaftliche Diskussion über die Chancen und Risiken der Grünen Gentechnik noch nicht abgeschlossen sei und deshalb ihr Einsatz nur aus der Perspektive des Vorsorgeprinzips beurteilt werde. Meine Frage, welche Wissenschaftler heute noch die Grüne Gentechnik ablehnten, schließlich sei die Meinung der 126 Nobelpreisträger identisch mit der Auffassung aller anerkannten wissenschaftlichen Organisationen und Institutionen weltweit, wurde nicht beantwortet. Auch meine weitere Frage, wie man von einem Vorsorgeprinzip sprechen könne, wenn man in Deutschland täglich “Genfood” esse, blieb unbeantwortet.

Frage: War damit das vom Ratsvorsitzenden Bedford-Strohm veranlasste Gespräch mit führenden EKD-Vertretern “für die Katz”?

Rehberger: Keinesfalls! Zum einen konnten Reinhard Szibor und ich die Gesprächspartner über den weltweit neuesten Stand in Sachen Grüne Gentechnik informieren. Dass z.B. Papst Franziskus, der bekanntlich schon vor Jahren das humanitäre Golden-Rice-Projekt gesegnet hat, vor wenigen Wochen Gluten-freie Hostien verboten, gentechnisch veränderte Hostien dagegen ausdrücklich erlaubt hat, war ihnen wohl nicht bekannt. Sonst hätte sich Frau Kordecki nicht auf eine angebliche Übereinstimmung mit der Katholischen Kirche berufen. Zum anderen dürften sich, und dies ist für den weiteren Dialog noch wichtiger, insbesondere die evangelischen Akademien erneut mit dem Thema Biotechnologie beschäftigen. Jedenfalls haben die EKD-Vertreter wiederholt auf diese Akademien als Plattform für einen wissenschaftsbasierten Dialog über die Gentechnik verwiesen. Das lässt hoffen. Die Dialog-Initiative des EKD-Ratsvorsitzenden war ein schwieriger Anfang. Aber dieser Dialog wird auf breiter Basis fortgesetzt werden.

Zum Bild: Christel Happach-Kasan und Horst Rehberger auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag 2017 in der Lutherstadt Wittenberg

Bildnachweis: Forum Grüne Vernunft

Transparenz

Transparenz

Die Kontakte von Politikern mit Interessenvertretern, den sogenannten Lobbyisten, werden in der Öffentlichkeit kritisch gesehen. Die Menschen wollen wissen, mit wem sich ihre gewählten Parlamentarier treffen und von wem sie ggf. auch beeinflusst werden. Daher ist es erst einmal lobenswert, dass die Fraktion der Grünen im Europaparlament eine Website eingerichtet hat, wo die eigenen Europaabgeordneten ihre Lobby-Termine veröffentlichen sollen. Offensichtlich wird die “lobbyCal Terminliste” allerdings noch nicht vollumfänglich genutzt.

Der schwedische Abgeordnete Christofer Fjellner, Mitglied der Fraktion der Europäischen Volkspartei (Christdemokraten), kritisiert in seinem Blog, dass die Zahl der eingetragenen Termine unplausibel niedrig ist.

Vor ein paar Wochen wurde das brisante Protokoll eines sogenannten International Baysanto Meetings geleakt. Das Ziel des Treffens verschiedener NGOs und anderer Interessenvertreter war, sich auszutauschen, wie man gemeinsam eine internationale Kampagne gegen den Zusammenschluss von Bayer und Monsanto sowie gegen weitere Merger in der Agrarbranche organisieren kann. Laut Teilnehmerliste mit dabei war Maria Heubuch, EU-Parlamentarierin von Bündnis 90/Die Grünen.

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Protokoll “International Baysanto Meeting”, Seite 1

Ein kurzer Blick ins Lobbyregister zeigt, dass Frau Heubuch diesen Termin nicht eingetragen hat:

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Screenshot vom Lobbykalender der Grünen (Abruf: 17.06.2017), Einträge für “Heubuch”

Am 22. Januar 2017 ist nur ein Treffen mit Veronika Juch vom FAO Verbindungsbüro vermerkt aber kein “International Baysanto Meeting“.

Dabei wären viele einzelne der Akteure, die laut Protokoll mit am Tisch saßen, für sich allein schon einen Eintrag in den Lobby-Kalender wert gewesen: Antje Kölling von Demeter, Annemarie Volling von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) – so eine Art kleiner Bauernverband, Stig Tanzmann von Brot für die Welt oder Heike Moldenhauer vom BUND. Aber vermutlich wollte Maria Heubuch nicht bekannt machen, dass so ein multilaterales Lobby-Treffen überhaupt stattgefunden hat – nach dem Motto: Transparenz ist gut und schön, aber wir wollen auch nicht gleich übertreiben.

Wenn nämlich öffentlich wird, dass sich Parteien, NGOs, Anbauverbände und kirchliche Organisationen absprechen bei der Gestaltung ihrer Kampagnen, hinterlässt das doch einen faden Nachgeschmack. Allein die Abgekartetheit, wie – ganz professionell – die weiteren Maßnahmen eingestilt werden, stößt bitter auf: Hier geht es nicht um heere Ziele, sondern um Marketing. So soll die globale Kampagnenaussage (“statement”) für internationale Maßnahmen möglichst einfach sein:

“-> should be a simple, not very specific statement, which can reach out to many people beyond development and environmental organisations”

Falls Sie Interesse an dem Fortgang der Aktivitäten haben, es gibt einen internationalen E-Mail-Verteiler (agri-mergers@foeeurope.org), über den alle Akteure auf dem laufenden gehalten werden sollen. Schreiben Sie doch einfach an Adrian Bebb von Friends of the Earth Europe (adrian.bebb@foeeurope.org). Vielleicht nimmt er Sie ja in den Verteiler auf.

Die Gen-Blume in Deinem Garten

Die Gen-Blume in Deinem Garten

Die Finnische Kontrollbehörde Evira hat in dieser Woche die Entdeckung gentechnisch veränderter Petunien gemeldet:

Die Pflanzen waren durch ihren besonderen Orange-Ton aufgefallen, den es natürlicherweise bei Petunien nicht gibt. Die Behörde meldet, dass sie bei den folgenden Sorten eine gentechnische Veränderung gefunden hat: African Sunset, Pegasus Orange Morn, Pegasus Orange, Pegasus Table Orange, Potunia Plus Papay, Go!Tunia Orange, Bonnie Orange, Sanguna Patio Salmon und Sanguna Salmon. Auch deutsche Behörden wurden daraufhin tätig. Das NRW-Umweltministerium suchte umgehend verschiedene Zuchtunternehmen auf, um Nachforschungen an- sowie Pflanzenmaterial sicherzustellen und meldete gestern:

“Nach der Feststellung, dass gentechnisch veränderte Pflanzen aus NRW in den Verkehr gebracht wurden, hat das Umweltministerium die Vernichtung bestimmter Produktlinien veranlasst.

Konkret handelt es sich dabei um folgende Produktlinien:

Pegasus Orange Morn (Produktname beim Züchter: Salmon Ray)
Pegasus Orange (Produktname beim Züchter: Bingo Mandarin)
Pegasus Table Orange (Produktname beim Züchter: Bingo Orange)”

Eine kurze Google-Recherche zeigt, dass die Sorten bereits länger im Handel sind. So wird in einer Publikation über eine Gartenpflanzenausstellung in 2011 die Sorte Bingo Orange als Neuheit erwähnt:

“Die durch kompakten Wuchs und sehr frühen Blühbeginn gekennzeichnete Petunienserie Bingo wird mit ‘Bingo Orange’ ergänzt. „Neben der besonde-
ren Farbe“ – so stellte Westhoff heraus – „wurde auf die guten Wuchseigenschaf-
ten geachtet.“”

Der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau gefiel die Sorte Salmon Ray besonders gut. In einem Bericht über den Versuchsanbau 2014 steht:

“Danziger aus Israel ergänzt die bewährte ‘Ray’-Serie der halbaufrecht bis kugelig wachsenden Petunien (“Patio-Typ”) mit einer ungewöhnlichen Farbsorte für die mittelgroßen Blüten: Lachsorange mit weißer Mitte. Die leuchtende Farbsorte stach bereits zu Ende der Anzuchtphase aufgrund ihres ungewöhnlichen Farbtons und des sehr homogenen Pflanzenaufbaus unter den vielen Petunien-Sorten hervor.”

Die Petunie African Sunset war 2014 in den USA AAS-Gewinner in der Kategorie “Beetpflanzen”. In der Beurteilung heißt es:

“African Sunset wowed the judges with an attractive, “designer color” in shades of orange flowers that proved itself against other similarly colored petunias currently available. Gardeners are always looking for a petunia that grows evenly and uniformly in the garden while producing a prolific number of blooms all season-long and this beauty certainly fills that need.”

Der Vertrieb und Anbau nicht zugelassener gentechnisch veränderter Pflanzensorten ist bei uns verboten. Deshalb werden diese Sorten jetzt alle aus dem Handel genommen und vernichtet. Es ist egal, dass sie sich bewährt haben, und es ist auch egal, dass von ihnen keinerlei Gefahr ausgeht. Und es ist egal, dass sie wahrscheinlich jahrelang in unseren Gärten und Balkonkästen, in Grünanlagen und Parks gewachsen sind, ohne dass irgendetwas Relevantes vorgefallen wäre. Schade eigentlich.

Agrotopia

Agrotopia

Pünktlich zur Grünen Woche, die am 20. Januar in Berlin startet, legt Greenpeace ein “Kursbuch Agrarwende 2050” vor, in dem die Organisation beschreibt, wie sie sich die Landwirtschaft der Zukunft vorstellt. Verantwortlich für den fachlichen Input zeichnet das Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) in Frankfurt am Main. Bereits beim ersten Querlesen sind mir einige Punkte aufgefallen, die ich hier kurz anreißen möchte.

Der Verbraucher

Der gesamte Entwurf gilt nur unter der Prämisse, dass die Verbraucher ihren Fleischkonsum bis 2050 halbieren. Die Kurzfassung der Studie schließt (S. 15) mit den Worten:

“Auch der Verbraucher muss bei diesem Umbau aktiv werden. Der Fleischkonsum der Bevölkerung in Deutschland sollte sich bis 2050 halbieren und die Haltung von Nutzieren zur Erzeugung tierischer Lebensmittel (Milch, Fleisch) auf den heimischen Markt konzentrieren. Darüber hinaus sollten vermeidbare Lebensmittelverluste halbiert werden. Wenn dies gelingt, können 76 oder 80 Millionen Menschen weitgehend aus der heimischen Produktion ernährt und gleichzeitig die gesetzten Umweltziele erreicht werden. Zudem verbleiben Restflächen, die z.B. für die Biomasseproduktion zur Verfügung stehen. Bei einer Ernährung wie bisher („as usual“) reicht die verfügbare Fläche für eine ökologisierte Landwirtschaft nicht aus, um die deutsche Bevölkerung ohne erhebliche Importe an Lebensmitteln im Jahr 2050 zu ernähren.”

Es ist zumindest zweifelhaft, ob die Skizze, die Greenpeace hier vorlegt, gesellschaftlich akzeptiert wird. Das fängt beim Fleischkonsum an und hört bei dreimal Kohlsuppe in der Woche auf. Das haben die Veggie-Day-Bemühungen der Grünen, die ursprünglichen Klimaschutzpläne von Umweltministerin Dr. Barbara Hendricks und zuletzt der Mehrwertsteuer-Vorstoß vom Umweltbundesamt eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Auch Greenpeace zieht eine erhöhte Mehrwertsteuer als Maßnahme der Konsumsteuerung in Betracht.

Verzicht auf chemisch-synthetischen Pflanzenschutz

Das Agrarmodell von Greenpeace sieht vor, auf chemisch-synthetischen Pflanzenschutz zu verzichten. Man geht davon aus, dass der Verzicht einen Ertragsrückgang um durchschnittlich 40 Prozent bewirken wird. Das soll durch Maßnahmen wie die Reduzierung der Lebensmittelabfälle kompensiert werden. Dabei macht Greenpeace einen Denkfehler: Der Verzicht auf chemisch-synthetischen Pflanzenschutz erzeugt ja nicht gleichmäßig 40 Prozent weniger Ertrag, den man woanders leicht kompensieren kann. Der letzte Sommer hat gezeigt, dass zum Beispiel Winzer oder Kartoffelbauern, wenn Ihnen nicht die entsprechenden Mittel zur Verfügung stehen auch einmal ein Jahr gar nichts ernten. Weitgehend heimische Kartoffel-Produktion in einem feuchtwarmen Sommer ohne chemisch-synthetische Wirkstoffe bedeutet kiloweise bodenschädliches Kupfer auf die Felder fahren. Was ist damit gewonnen? In der Ankündigung zur Greenpeace-Veröffentlichung steht, dass alle bienenschädlichen Pestizide verboten werden sollen – dann bitteschön aber auch die für den Ökolandbau zugelassenen Wirkstoffe Spinosad und die Pyrethrine!

Verwurf reduzieren

Die Verluste, die aus dem Verzicht auf chemisch-synthetischen Pflanzenschutz resultieren (minus 40 Prozent Ertrag), sollen dadurch ausgeglichen werden, dass weniger weggeworfen wird. Wenn es so einfach wäre, Verwurf zu reduzieren, warum machen wir das nicht einfach schon? Aus krummen Kartoffeln lassen sich nicht gut Pommes schneiden. Warum sollen in 2050 die Kartoffeln weniger krumm sein? Gerade bei Bio-Kartoffeln gibt es viel Verwurf.

Noch ein Beispiel: In den Läden werden bis kurz vor Ladenschluss alle möglichen Brotsorten vorgehalten, damit der Kunde auch nach seiner Arbeit noch die maximale Auswahl hat. Da bleibt eine Menge übrig. Soll so eine Praxis verboten werden? Dazu würden massive Markteingriffe nötig werden und ein Berg an Bürokratie. Außerdem geht das übrige Brot auch heute schon nicht völlig verloren, sondern wird z.B. als Futter in der Schweinemast verwertet oder zur Energiegewinnung (Biogas). Die Abfälle bei den Lebensmitteln, die heute anfallen, tauchen eigentlich in der Versorgungsbilanz an anderer Stelle zum Beispiel als Futter für Nutztiere wieder auf. Das heißt: Wenn ich Abfälle vermeide, muss ich mehr Futter erzeugen.

Noch ein Aspekt: Welche Art der Produktion schafft es denn eigentlich, besonders wenig zu verwerfen? In Sachen Schweinefleisch ist z.B. der Großschlachter Tönnies führend: Das Unternehmen verwertet 99 Prozent des geschlachteten Tieres. Das geht soweit, dass aus der Darmschleimhaut der Schweine Heparin gewonnen wird. Solche effizienten Strukturen lassen sich oft nur in großen Einheiten abbilden. Ist das so gewollt, Greenpeace?

Apropos Schwein: Was soll mit den Teilen geschehen, die zurzeit vor allem in den Export gehen: Schweinefüße, Schweineohren, Schweineköpfe? Wer soll das essen, wenn der Export von Fleischprodukten wegfallen soll? Oder soll das alles zu Tiernahrung verwertet werden? Apropos Tiernahrung: Wie die rund 30 Millionen Haustiere in Deutschland ernährt werden sollen, dazu schweigt sich Greenpeace aus, bis auf den Hinweis, dass Abfälle als Tiernahrung dienen könnten.

Futteranbau

Greenpeace rechnet: Wenn weniger Tiere gehalten werden, brauche ich weniger Fläche, um Futter für die Tiere anzubauen. Diese Fläche wird dann frei für die Erzeugung von pflanzlichen Lebensmitteln. Das ist eine Milchmädchenrechnung: Viele Flächen, die heute als Weide für den Futteranbau genutzt werden, lassen sich nicht beackern. Um sinnvolle Fruchtfolgen zu haben, wird auch Futtergetreide wie Gerste oder Triticale angebaut. Weizen in Backqualität zu erzeugen, gelingt nur auf Gunststandorten wirklich zuverlässig. Viel von dem Weizen, der geerntet wird, ist nicht für die menschliche Ernährung geeignet. Beispiel Dänemark: Mit Änderungen im Düngerecht durfte weniger Stickstoff auf die Felder. Daraufhin sanken die Proteingehalte so stark, dass das Land Backweizen importieren musste. Das Düngerecht wurde daraufhin wieder geändert. Kurzum: Wenn weniger Flächen für den Futteranbau benötigt werden, werden diese nicht automatisch frei für den Anbau von Nahrungsmitteln, denn nicht jeder Standort ist für jede Kultur geeignet.

Ökonomische Aspekte

Grob gesagt beschäftigt sich die Studie mit der Frage, ob bei veränderter Produktionsweise die Bevölkerung in Deutschland mit den auf deutschen Agrarflächen erzeugten Lebensmitteln ernährt werden kann. Eine Ausnahme bilden Obst und Gemüse: Hier sollen 50 Prozent importiert werden. Es wird also nur untersucht, ob eine Agrarwende produktionstechnisch überhaupt möglich ist. Nicht untersucht wurden alle Implikationen für das Wirtschafts- und Sozialsystem, die eine solche Wende mit sich bringen würde. Die Autoren wenden sich in einer Vorbemerkung (S. 6) an ihre Leser:

“Es sind im Wesentlichen sozioökonomische Aspekte (betrieblich + volkswirtschaftlich), die in dieser Studie nicht modelliert und beschrieben wurden. Hierzu gehören: die Kosteneffekte bzw. Einsparungen eines Systemwandels der Landwirtschaft, die betriebswirtschaftlichen Auswirkungen unterschiedlicher Maßnahmen auf den Einzelbetrieb, Fruchtfolge-Änderungen durch die Erhöhung des Leguminosen-Anteils zur Produktion heimischer Eiweißfuttermittel oder eine Exportorientierung als wirtschaftliches Betriebsstandbein.”

Wie jetzt? Ob wir uns dieses Agrarsystem überhaupt leisten können und wie viele Betriebe diese Wende betriebswirtschaftlich überstehen werden, wurde nicht berücksichtigt? Ach was, kostet uns bestimmt nur eine Kugel Eis. Scherz beiseite: Die Machbarkeit und die Akzeptanz eines solchen Modells hängt entscheidend davon ab, ob und wie es finanzierbar ist.

Gentechnik

Verfahren der klassischen Gentechnik sowie die neuen Züchtungstechnologien wie Crispr/Cas werden in der Greenpeace-Studie nicht berücksichtigt. Die Begründung lautet:

“In der von uns beschriebenen ökologisierten konventionellen Landwirtschaft ist die „grüne Gentechnik“ verboten. Bei unseren Annahmen für die künftige Entwicklung hat dieses grundsätzliche Verbot keine kalkulatorische Berücksichtigung gefunden, weil wir potenzielle Veränderungen der Ist-Situation berechnen. Da derzeit (Stand 2016) die „grüne Gentechnik“ in Deutschland praktisch keine Relevanz hat, muss sie auch nicht einbezogen werden.”

Langsam zum Mitschreiben: Wir reden über einen Zeitraum bis 2050, das sind mehr als 30 Jahre. Genome Editing wird derzeit in den wissenschaftlichen Fachmagazinen als die Entdeckung der letzten Jahre gefeiert mit schier unerschöpflich vielen Möglichkeiten in den Bereichen Medizin, Pflanzen- und Tierzüchtung und Synthetische Biologie. Es gibt heute bereits gentechnisch verbesserte Kartoffelsorten, die resistent sind gegen Kartoffelfäule. Damit lassen sich schon heute tonnenweise Fungizide sparen und das soll keine Rolle spielen?

Selbstversorgung

Eine Anforderung des Modells ist, ohne nennenswerte Importe auszukommen. Das soll das Klima schonen. Ausnahme: Der Bedarf an Obst und Gemüse soll nur zu 50 Prozent aus heimischer Produktion stammen. (Bananen bleiben also erlaubt – puh, Glück gehabt.) Die Frage, die sich mir stellt, ist, ob so ein Ansatz in einer globalisierten Welt realistisch ist. Wie will ich denn vermeiden, dass der Handel im Ausland günstiger einkauft, weil dort die Produktion billiger ist? Etwa durch Zölle? Wie sehen eigentlich die rechtlichen Rahmenbedingungen in unserem EU-Binnenmarkt aus? Darf sich Deutschland da überhaupt so abschotten? Ich vermute mal, nein.

Welternährung

Eine ethische Frage schließt sich an diesen Aspekt der Selbstgenügsamkeit an: Wir leben in Mitteleuropa in einer günstigen Region für die Erzeugung von Lebensmitteln. Die klimatischen und geologischen Voraussetzungen sind ideal. Haben wir deshalb nicht auch eine gewisse Verantwortung, diese Voraussetzungen optimal zu nutzen? Schließlich hungern immer noch rund 800 Millionen Menschen auf der Erde und bis 2050 müssen nach Schätzungen wesentlich mehr Menschen ernährt werden, wobei die für Landwirtschaft zur Verfügung stehende Fläche sich nicht mehr nennenswert steigern lässt. Ist es vor diesem Hintergrund überhaupt moralisch zu rechtfertigen, dass wir in Deutschland die Produktion auch noch runterfahren? Börsenspekulanten wird häufig vorgeworfen, dass sie die Weltmarktpreise für landwirtschaftliche Güter künstlich verteuern. Mit einer Ökologisierung der Landwirtschaft wird zwangsläufig die Produktion verteuert und damit steigt der Preis für Lebensmittel. Ist das dann nicht genauso verwerflich?

 

 

 

Bildnachweis: Greenpeace