Ein ungeschriebener Brief

Ein ungeschriebener Brief

Ein ungeschriebener Brief vom M.-Management an die Politiker*innen der SPD, der GRÜNEN und der Linkspartei

Vorbemerkung: Dies ist ein Dankesbrief, der in Wirklichkeit nie geschrieben wurde, der aber mit Sicherheit in den Hirnen der Konzernmanager schon häufig so oder so ähnlich gedacht wurde.

Liebe Frau Bundesministerin Dr. Hendricks, lieber Herr Dr. Hofreiter, liebe Frau Wagenknecht, liebe Mitglieder der Bundestagsfraktionen von SPD, GRÜNEN und Linkspartei, die sich gegen die grüne Gentechnik profiliert haben,

wir, die Manager des M.-Konzerns, der zu den sechs großen, auch „BIG-AG“ genannten Konzernen gehört, die rund 75% des globalen Agrarchemiemarktes und 60% des Saatgutmarktes beherrschen, möchten Ihnen mit diesem Brief für Ihre hilfreichen Aktivitäten sehr herzlich danken.

Wir richten dieses Dankesschreiben an Sie, weil Sie sich um unsere äußerst starke Stellung im Markt sehr verdient gemacht haben. Und Sie tun auch jetzt wieder alles Erdenkliche, um diese starke Marktstellung weiter auszubauen. Die Herstellung gentechnisch verbesserter gv-Pflanzen ist ja sehr aufwändig. Man braucht teure Laborausstattungen und gut ausgebildete Wissenschaftler, die in der Lage sind, relevante Gene aufzuspüren und diese im Bedarfsfall abzuschalten bzw. sie transgen (d. h. artübergreifend) oder auch cisgen (d. h. innerhalb der Art) zu transferieren. Das ist eine Aufgabe, die nur finanzstarke Unternehmen leisten können. Der M.-Konzern hat zwar in den letzten Jahren pro Jahr 1,5 Milliarden Dollar (4. 1 Millionen täglich) für Forschung und Entwicklung ausgegeben. Aber Geld macht keine Erfindungen. Das tun Wissenschaftler, die gute Arbeitsbedingungen vorfinden. Wir sind Ihnen deshalb sehr dankbar, dass Sie dafür sorgen, dass gut ausgebildete Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Deutschland in die USA emigrieren. Dank Ihrer Verbots- Politik haben diese in Deutschland keine Perspektive. Sie können keine Freilandversuche durchführen, die unverzichtbar sind, und sie haben keine Chance, dass ihre Produkte in Europa jemals angebaut werden dürfen. Wir nehmen deutsche Wissenschaftler, die unsere Dominanz weiter stärken, also sehr gerne auf.

Mehr noch als der Aufwand für die Entwicklung von gv-Pflanzen belasten die Kosten für deren Zulassung. Insbesondere auch dank des deutschen Gentechnikgesetzes. Da schlagen 3-stellige Millionenbeträge zu Buche. Wie gut, dass durch Ihre konsequente Politik die kleinen Saatgutbetriebe, die natürlich auch kreativ sind und bis in die 90iger Jahre des vergangenen Jahrhunderts auch diese Forschung betrieben haben, sofort in den Ruin getrieben würden, sollten sie sich erfrechen, gv-Pflanzen nicht nur zu entwickeln, sondern auch in den Verkehr zu bringen.. Das würde sich ändern, würde man die Zulassungsprozesse vereinfachen und sich auf Notwendiges beschränken. Aber Sie verhindern das! Danke!!!

Neuerdings droht unserem Saatgutkonzern eine neue Gefahr. Es gibt jetzt die Methoden der Genom-Editierung (GE) wie z. B. Crispr/Cas9 und die Oligo Directed Mutagenesis. Damit kann man ganz gezielt und genau so, wie es zufällig in der Natur immer wieder geschieht, in das Erbgut eingreifen und einzelne DNA-Bausteine herausschneiden, einfügen oder auswechseln. Tut man das an geeigneten Stellen, lassen sich ausgewählte Gene abschalten. Man erhält dann Pflanzen mit gewünschten Eigenschaften, z. B. Ölsaaten mit gesteigertem Omega-3-Fettsäuregehalt, Tomaten oder Erdbeeren mit Reifeverzögerung, trockenheitsresistenten Mais, Erdbeeren mit mehr Aroma, mehltauresistenten Weizen, Getreide, das zwar Gluten enthält (um eine hohe Backqualität zu gewährleisten), aber der allergenen Komponenten beraubt ist. Das Beängstigende für unser Unternehmen ist, dass jetzt alles ganz einfach durchzuführen ist. Man braucht unsere hochausgerüsteten Labors dafür gar nicht mehr. Vor einigen Jahren haben BASF-Wissenschaftler die Kartoffel „Amflora“ geschaffen, indem sie das Gen für die Produktion der Stärkekomponente Amylose abgeschaltet haben. Das machte die Kartoffel wertvoll für die Produktion von Industriestärke. An „Amflora“ haben viele Wissenschaftler gearbeitet und die Zulassung hat 14 Jahre gedauert. Mit den neuen GE-Verfahren kann man das Abschalten des entsprechenden Gens ganz schnell erreichen. Eine Kartoffel mit den Vorzügen der „Amflora“ könnten heute zwei Studenten innerhalb eines Jahres mit GE als Praktikumsarbeit herstellen.

Wenn man wissenschaftliche Gesichtspunkte zugrunde legt, müsste das Produkt auch nicht besonders reguliert werden, weil ja nur ein einziger DNA-Baustein entfernt wird. In der sogenannten konventionellen Züchtung werden in einem Behandlungsschritt einer Pflanze mittels Radioaktivität oder giftigen Chemikalien 30- bis 50-Tausend Mutationen zugefügt und Sie, verehrte Damen und Herren, schlussfolgern daraus nicht, dass mutationsbasierte Züchtungen nach dem Gentechnikgesetz reguliert werden müssen. Also gibt es für die Züchtung mittels Gen-Editierung eigentlich keine rational begründbaren Hürden. Jeder auch noch so kleine Saatgut -Betrieb könnte an effektiver Züchtung teilnehmen. Damit wäre allerdings unsere starke Marktstellung für gv-Pflanzen gebrochen. Aber Gottseidank werden Sie, sehr geehrte Damen und Herren, durchsetzen, dass auch für Produkte des GE die Regulierungen des Gentechnikgesetzes mit den millionenschweren Zulassungskosten zum Tragen kommen. Damit ist der Wettbewerb zerschlagen und für uns lästige mittelständische Züchter werden vom Markt gefegt.

Es ist übrigens eine atemberaubende Demagogie-Leistung, die Sie da vollbringen! Sie reden den Menschen ein, dass das gezielte Einfügen einer einzigen Mutation durch GE-Verfahren gefährlich, das Erzeugen von 30.000 Mutationen mittels Radioaktivität oder Chemikalien aber unbedenklich sei, weil es ungezielt erfolgt. „Eins ist mehr als 30 000“ (1 > 30000) lautet Ihre Mathematik und die Menschen wählen sie dafür. Chapeau!

Was mehr Wettbewerb bei der Züchtung bedeutet, kann man sich am Bespiel der Aubergine in Asien anschauen. In Indien und Bangladesch werden mit dieser Frucht ca. 30% des Gemüsebedarfs gedeckt. Sie wird aber derart stark von dem Auberginenfruchtbohrer angegriffen, dass die Farmer dort in einer Saison 80- bis 120mal Gifte spritzen müssen. Da ist es natürlich schlecht, dass dortige Wissenschaftler gentechnisch eine Bt-Aubergine entwickelt haben, die man nur noch einmal gegen Blattläuse spritzen muss und sonst nicht. Was für ein Unglück, dass der Anbau von Bt-Auberginen in Bangladesch inzwischen in großem Umfang stattfindet und unser Giftverkauf dort eingebrochen ist. In Indien hatten wir mehr Glück. Dort haben Greenpeace und die heimischen Pestizidhersteller gemeinsam ein Anbauverbot für die Bt-Aubergine erreicht. Sie sehen, wir verdienen nicht mehr ordentlich, wenn wir die Entscheidungshoheit darüber verlieren, was gezüchtet wird und was nicht.

Bei so viel Lob von uns mögen Sie sich fragen, ob es uns nicht stört, dass Sie den Anbau von gv-Pflanzen in Deutschland durch eine Art „Morgenthauplan-Umsetzungsgesetz“ verhindern. Ja, wir würden schon gern gv-Saatgut wie MON810 in Deutschland verkaufen. Aber unser Marktanteil am Saatgut in Deutschland ist auch ohne Gentechnik hoch. Und außerdem hat ja die EU-Kommission gerade wieder sechs Genehmigungen für den Import von gv-Pflanzen erteilt. Dann verkaufen wir eben unser Saatgut in Südamerika, wo für die Versorgung Europas immer mehr Urwälder durch Felder ersetzt werden. Die Produkte werden dann in die EU exportiert. Da läuft unser Geschäft also auch gut.

Höchstes Lob verdient nicht zuletzt Ihr Einsatz für immer mehr Ökolandbau in Deutschland. Schon heute ist die EU (und damit auch Deutschland) der größte Netto-Importeur von Saatgut und Lebensmitteln weltweit. Die Erträge des Ökolandbaus liegen aber bis zu 50% unter denen der konventionellen Landwirtschaft. Mit anderen Worten: Je umfangreicher der Ökolandbau wird, umso stärker steigt der Importbedarf Deutschlands. Wir sind gerne bereit, diesen zusätzlichen Bedarf zu decken. Schließlich gibt es nach wie vor in Südamerika, z.B. im Amazonas-Gebiet, noch viele Waldflächen, die in Felder umgewandelt werden können. Steigern Sie also bitte durch die Ausdehnung der Ökolandwirtschaft weiter kräftig den Importbedarf Deutschlands und der EU – wir werden ihn gerne und zuverlässig decken!

Dürfen wir noch ein eher persönliches Anliegen von uns M.-Managern anfügen? Mit sehr gemischten Gefühlen haben wir zur Kenntnis genommen, dass unser Unternehmen von einem deutschen Konzern übernommen werden soll. Denn nach unseren Erfahrungen sind die deutschen Konzerne in sozialen und ökologischen Fragen oft wesentlich sensibler als wir in den USA. Das kostet dann aber viel Geld! Mit großer Freude haben wir deshalb zur Kenntnis genommen, dass Sie diese Übernahme ablehnen. Bitte tun Sie alles, um die Übernahme in letzter Minute noch zu verhindern. Wir werden dann gerne das Notwendige in die Wege leiten, damit Sie, liebe Frau Hendricks, liebe Frau Wagenknecht und lieber Herr Hofreiter von unserem großartigen America-first-Präsidenten Donald Trump mit den höchsten Orden der USA öffentlich geehrt werden. Außerdem würden wir sehr gerne in Anbetracht Ihres heroischen Kampfes gegen jede für uns lästige Konkurrenz und für viel mehr Saatgut- und Lebensmittel-Importe in die EU Ihre Parteien mit Spenden in beachtlicher Höhe unterstützen. Wir müssten allerdings gemeinsam einen legalen Weg finden, dass wir solche Spenden nicht offen legen
müssen. Denn das könnte unserer Symbiose, bei der wir das große Geld verdienen und Sie viele Wählerstimmen gewinnen, schwer schaden. Auf Ihre Vorschläge sind wir gespannt.

Wir wünschen Ihnen in diesem Sinne eine sehr erfolgreiche Legislaturperiode, die uns weiterhin gute Geschäftsjahre garantiert.

Mit freundlichen Grüßen
N. N.
(Stellvertretend für N.N wurde der Brief von Prof. Dr. Reinhard Szibor verfasst)

Dieser Brief wurde an alle Angeordneten des 19. Deutschen Bundestags verschickt. Der Bundestag hat den Eingang der Briefe am 21. Februar 2018 bestätigt.

 

Bildnachweis: Deutscher Bundestag/Achim Melde

 

Postfaktischer Adventskalender, Teil 18: Anbauverbot für Gentechnik

Postfaktischer Adventskalender, Teil 18: Anbauverbot für Gentechnik

Am letzten Freitag hat der Bundesrat seine Stellungnahme zu den Plänen der Bundesregierung zur Änderung des Gentechnikgesetzes beschlossen. Der vom Bundeslandwirtschaftsministerium (BMEL) erarbeitete Gesetzentwurf geht der Länderkammer nicht weit genug. Die Hürden in dem entworfenen Verfahren für ein bundesweites Anbauverbot für gentechnisch veränderte Nutzpflanzen seien zu hoch:

“Es ist zu erwarten, dass es ein bundeseinheitliches Anbauverbot mit dieser Regelung nicht geben wird. Vielmehr werden zusätzliche bürokratische Hürden errichtet und die Begründungslast trotz der vordergründig beim Bund liegenden Federführung wieder auf die Länder verlagert. Eine einvernehmliche Regelung für ein Anbauverbot wird damit stark erschwert, was im Ergebnis zu einem Scheitern bundeseinheitlicher Opt out-Maßnahmen und einem Flickenteppich beim Anbau gentechnisch veränderter Organismen führen kann. Der Bundesrat hält eine Nachbesserung des Gesetzentwurfs deshalb für dringend geboten.”

Auch missfallen dem Bundesrat die Regelungen, die die Bundesregierung in ihrem Entwurf zu den neuen Züchtungstechnologien eingefügt hatte. Solange die EU keine anderweitige Entscheidung fällt, sollten die mit neuen Züchtungstechnologien gezüchteten Pflanzen nicht grundsätzlich wie Gentechnik-Pflanzen behandelt werden, sondern einer Einzelfallprüfung unterzogen werden.

“Die Bundesregierung geht davon aus, dass auch bei der Freisetzung und dem Inverkehrbringen von Organismen, die mittels neuer Züchtungstechniken wie CRISPR/Cas9 erzeugt worden sind, unter Zugrundelegung des Vorsorgeprinzips und des Innovationsprinzips ein hohes Maß an Sicherheit gewährleistet wird. Vorbehaltlich einer anderweitig bindenden Entscheidung auf EU-Ebene wird zu diesem Zweck im Rahmen von Einzelfallprüfungen im Gentechnikrecht eine prozess- und produktbezogene Betrachtung und Bewertung zu Grunde gelegt.”

Die Länderkammer hat dazu folgende Stellungnahme verabschiedet:

“Der Bundesrat teilt die in der Begründung zum Gesetzentwurf auf Seite 11, zweiter Absatz, dargelegte Auffassung der Bundesregierung zu den neuen Gentechniken nicht. Er hält es auch nicht für sachgerecht, in die Begründung zum Gesetzentwurf Auslegungsvorgaben zu den neuen Gentechniken aufzunehmen, die keinerlei Bezug zum Regelungsteil des Entwurfs haben. Inhaltlich ist der Bundesrat der Ansicht, dass dem Vorsorgeprinzip im Umgang mit den neuen Gentechniken oberste Priorität eingeräumt werden sollte. Dessen Gleichsetzung mit einem nicht näher definierten Innovationsprinzip wird abgelehnt. Der Bundesrat vertritt die Auffassung, dass unter Einsatz der neuen Gentechniken erzeugte Organismen so lange einer prozessbezogenen Bewertung unterzogen werden müssen, solange es keine europäische Entscheidung darüber gibt, ob einzelne dieser Techniken aus dem Regelungsbereich des Gentechnikrechts herausfallen. Demzufolge sollten alle Organismen, die mit Hilfe der neuen Gentechniken erzeugt werden, zunächst dem Gentechnikgesetz unterfallen.”

 

genmais_spanienFür mich stellt sich die Frage, warum wir in Deutschland überhaupt ein bundesweites Anbauverbot für gentechnisch verbesserte Nutzpflanzen haben sollten. Die EU räumt den Mitgliedstaaten die Möglichkeit ein, ein solches Verbot zu erheben, es besteht aber von seiten der EU keine Verpflichtung dazu, das auch zu tun. Faktisch ist derzeit in Deutschland verboten, Gentechnik-Pflanzen anzubauen. Die einzige in der EU zugelassene gentechnisch veränderte Sorte ist der Mais Mon810, und der Anbau dieser Sorte wurde in Deutschland verboten. In der EU haben wir somit den bemäkelten Flickenteppich: In Spanien und Portugal wird nämlich gentechnisch verbesserter Mais angebaut.

Die Wissenschaft reagiert kritisch auf das Gesetzgebungsvorhaben. Der Verband Biologie, Biowissenschaften und Biomedizin in Deutschland (VBIO e. V.) hat gemeinsam mit Fachgesellschaften aus den Bereichen Molekularbiologie und Pflanzenwissenschaften eine Stellungnahme formuliert, die auf vier kritische Aspekte hinweist:

“1. Von der vorgeschlagenen „Opt-out-Regelung“ geht eine Signalwirkung auf die Forschung aus. Dies wird mittelbar auch die wissenschaftliche Beschäftigung mit modernen Züchtungstechnologien beeinträchtigen.

2. Die „zwingenden Gründe“, mit denen künftig ein Anbauverbot erlassen werden kann, unterliegen nur teilweise wissenschaftlicher Rationalität. Dies ist politisch legitim, muss aber transparent gemacht werden. Stattdessen wird häufig suggeriert, die zukünftig möglichen Anbauverbote stünden in Zusammenhang mit einer Gefährdung, die von den gentechnisch veränderten Pflanzen ausginge.

3. Ein von den Kritikern des Kabinettsentwurfs gefordertes, weitergehendes nationales Anbauverbot ist fachlich nicht zu begründen und sowohl politisch wie juristisch zweifelhaft.

4. Die Opt-out-Regelung benachteiligt Anbau und Entwicklung gentechnisch veränderter Pflanzen in einem Maße, wie dies für andere Branchen – wie beispielsweise die Automobilbranche – kaum vorstellbar ist.”

Punkt 3 trifft auf die Kritik aus der Länderkammer zu. Nach den Vorgaben der EU kann ein Anbauverbot nicht mit Sicherheitsbedenken begründet werden, weil die Sicherheit des Anbaus zuvor bei der Zulassung auf EU-Ebene geprüft worden ist. Es müssen politische Gründe vorgebracht werden:

“Kritiker verlangen darüber hinaus ein pauschales nationales Anbauverbot ohne spezifische Begründung und Verantwortung, aber auch ohne Entscheidungsfreiheit der einzelnen Bundesländer. Allerdings ist eine unisono länderübergreifende Formulierung gar nicht möglich, da die vorzubringenden „zwingenden Gründe“ in der Regel nur regionalen oder lokalen Charakter haben können – etwa kleinflächige landwirtschaftliche Strukturen oder Naturschutzgebiete.”

Generell stellt der VBIO in Frage, wie sinnvoll ein Verbot von Produkten sei, die “nach eingehender fachlicher Prüfung als sicher für Mensch und Umwelt eingestuft wurden”.

In diesem Zusammenhang wird häufig auf den Koalitionsvertrag der Großen Koalition verwiesen. Dort steht unter dem Punkt “Grüne Gentechnik”:

“Wir erkennen die Vorbehalte des Großteils der Bevölkerung gegenüber der grünen Gentechnik an.

Wir treten für eine EU-Kennzeichnungspflicht für Produkte von Tieren, die mit genveränderten Pflanzen gefüttert wurden, ein. An der Nulltoleranz gegenüber nicht
zugelassenen gentechnisch veränderten Bestandteilen in Lebensmitteln halten wir fest – ebenso wie an der Saatgutreinheit.”

Aus “Vorbehalte anerkennen” folgt m.E. nicht, dass ich grundsätzlich verbieten muss, wogegen Vorbehalte bestehen. Und: Der Koalitionsvertrag ist jetzt drei Jahre alt. Ende 2013 war außerhalb der Fachwelt noch nicht greifbar, welche Möglichkeiten Genome Editing auch in der Pflanzenzüchtung zu bieten hat. Es muss doch auch in der Politik möglich sein, zu sagen: “Wir sind jetzt klüger als vor drei Jahren und können jetzt weiter sehen.” Oder?

 

Links:

• Bundesweites Anbauverbot für genetisch veränderte Pflanzen gefordert

• Biowissenschaftler zur Debatte um die Änderung des Gentechnikgesetzes

• Biotech-Industrie fordert Folgenabschätzung für neues Gentechnikgesetz

 

 

Bildnachweis: Facebook-Eintrag der Bundesregierung

Postfaktischer Adventskalender, Teil 9: Gene Drive

Postfaktischer Adventskalender, Teil 9: Gene Drive

Derzeit tagt in Cancun (Mexiko) die Weltbiodiversitätskonferenz (CBD COP 13). Bis zum 17. Dezember werden die Vertreter der Mitgliedsstaaten der Konvention über die Biodiversität beraten, wie die Übereinkunft umgesetzt werden soll. Für Deutschland sitzt Bundesumweltministerin Dr. Barbara Hendricks mit am Verhandlungstisch.

Im Vorfeld der Veranstaltung hatten verschiedene Umweltverbände und Anti-Gentechnik-Aktivisten einen Offenen Brief an Frau Dr. Hendricks geschrieben. Darin heißt es u.a.:

“Während bisher Kulturpflanzen oder Nutztiere im Zentrum der gentechnischen Anwendungen stehen, geht es jetzt darum, natürliche Populationen gentechnisch zu verändern. Freisetzungen gentechnisch veränderter Organismen, die dazu führen, dass sich deren Gene in natürlichen Populationen ausbreiten können, sind nicht zu verantworten. Wenn wir zulassen und gar anstreben, dass gentechnisch veränderte Organismen ihr Erbgut in natürlichen Populationen verbreiten, gleicht dies einem Eingriff in die „Keimbahn“ der biologischen Vielfalt, dessen Auswirkungen alle künftigen Generationen und deren Ökosysteme betreffen.”

Die Organisationen kritisieren die mögliche Anwendung von Organismen die via Gene Drive genetisch verändert worden sind. Eine mögliche Anwendung, die derzeit diskutiert wird, ist die Aussetzung gezielt veränderter Mücken. Diese sollen dazu beitragen, natürliche Vorkommen von Mücken zu einzudämmen, die Krankheiten wie Gelbfieber  und Denguefieber oder den Zika-Virus übertragen.

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Das Wirkprinzip ist einfach: Die veränderten Mückenmännchen, die in die Umwelt entlassen werden, vererben genetische Eigenschaften, die ihre Nachkommen im Larvenstadium absterben lassen.

Die Ministerin hat geantwortet und stimmt den NGOs in wesentlichen Punkten zu:

“Ich teile Ihre Bedenken, dass “Gene Drive” erhebliche Auswirkungen auf Ökosysteme haben kann und dass daher besondere Vorsicht bei der Forschung  und Risikobewertung walten sollte. Eine Freisetzung von Organismen, bei denen “Gene Drive” verwendet wird, halte ich aus ökologischer Sicht zurzeit für nicht vertretbar.”

Dass der Einsatz von Gene Drive auf Ökosysteme wirkt, ist trivial: Das ist schließlich der Sinn der Sache. Die eigentliche Frage ist doch, ob man mit unerwünschten Folgen rechnen muss. Unerwünschte Folgen hat aber auch der Einsatz anderer Technologien. So hat 2010 ein Forscherteam gezeigt, dass der breite Einsatz des im Bio-Landbau verwendeten Insektizids Bacillus thuringiensis zur Moskito-Bekämpfung zu einer signifikanten Verschlechterung des Bruterfolgs bei Mehlschwalben in der Camarque (Südfrankreich) geführt hat. Dadurch dass das Öko-Insektizid wahllos auch Nicht-Zielorganismen dezimiert, verschlechterte sich die Nahrungsgrundlage der Vögel massiv. Es muss also abgewogen werden, in welchem Maße die Folgen, mit denen ich rechnen muss, im Verhältnis zum erwarteten Nutzen stehen.

Die Verwaltung der Florida Keys hat abgewogen und jetzt einen Versuchseinsatz der gentechnisch veränderten Mücke beschlossen. Zuvor hatte die Bevölkerung in einem Referendum mehrheitlich dem Einsatz der Gentec-Mücken zugestimmt. Die Behörde US Food and Drug Administration (FDA) hatte den geplanten Versuch bereits im Sommer genehmigt. Die FDA sieht keine Risiken, die dem Einsatz entgegenstehen:

“FDA has carefully considered the potential environmental impact of the proposed trial and the no action alternative, as described and evaluated in the EA. The consequences of escape, survival, and establishment of OX513A in the environment have been extensively studied: data and information from those studies indicate that the proposed investigational use of OX513A Ae. aegypti mosquitoes is not expected to cause any significant adverse impacts on the environment or human and non-target animal health beyond those caused by wild-type mosquitoes.”

Die Gelbfiebermücke (Aedes aegypti, auch “Denguemücke” oder “Ägyptische Tigermücke”), die als Hauptübeträger des Zika-Virus gilt, ist in Florida ein Einwanderer, gehört dort also nicht zu den heimischen Arten. Der Eingriff ins dortige Ökosystem ist also überschaubar. Ein deutlicher Vorteil der Gentec-Mücke im Vergleich zu gesprühten Insektiziden jeder Art ist, dass Nicht-Zielorganismen nicht durch den Einsatz betroffen sind. Ich finde: Auch in Deutschland sollten wir neue Technologien nicht kategorisch ablehnen, sondern uns stets eine Einzelfallprüfung vorbehalten.

 

Bildnachweis: James Gathany, Centers for Disease Control

 

Der weiße Rabe

Der weiße Rabe

Bei neuen Technologien wird häufig nach der Sicherheit gefragt: Wie sicher ist die Anwendung für Mensch, Tier und Umwelt? Welche Risiken bestehen jetzt, mittelfristig und auf lange Sicht? Viele Aspekte sind zu berücksichtigen: Gesundheit, Umweltwirkungen wie Reinhaltung von Luft, Gewässern und Boden, Artenvielfalt in Flora und Fauna, Klimawandel, Nachhaltigkeit.

Dabei gibt es ein grundsätzliches Problem: Letztlich kann die Unbedenklichkeit einer Technologie nie erschöpfend bewiesen werden. Der Philosoph Karl R. Popper hat dies mit einem berühmten Beispiel illustriert: Die Aussage „Alle Raben sind schwarz“ lässt sich nicht beweisen. Dazu müsste man die ganze Welt bis in den letzten Winkel nach möglichen nicht-schwarzen, z.B. weißen Raben absuchen. Das ist praktisch unmöglich. Ein Forscher kann sich auch nie sicher sein, nicht doch den einen weißen Raben übersehen zu haben. Die Aussage „Alle Raben sind schwarz“ lässt sich also nicht verifizieren. Sie lässt sich aber falsifizieren, das heißt, ich kann sie widerlegen, indem ich die Existenz eines weißen Rabens nachweise.

Daraus folgert Popper als Grundregel für die Wissenschaft, dass sie ihre Erkenntnisse in falsifizierbaren Aussagen formulieren muss. Wissenschaft ist ein Prozess von Versuch und Irrtum („Trial and Error“): Forscher formulieren aufgrund von Evidenz ihre Hypothesen und diese gelten solange, bis sie empirisch widerlegt werden.

Es gibt zum Beispiel bis heute keinen Nachweis, dass der Einsatz von Mikrowellen oder die permanente Aussetzung von Mobilfunkstrahlung völlig unbedenklich ist. Beide Technologien wurden zur gleichen Zeit kommerzialisiert wie die Grüne Gentechnik – etwa Mitte der 90er Jahre des vorherigen Jahrhunderts. Mikrowelle und Mobilfunk sind etabliert und akzeptiert – bei der Grünen Gentechnik werden von NGOs und Öko-Parteien nach wie vor Sicherheitsbedenken angeführt. Grundsätzlich geht das aber bei jeder Technologie: Überall könnte sich ein weißer Rabe verstecken, ausschließen lässt sich seine Existenz nie. Eine Risikoabschätzung ist immer nur eine durch Evidenz gestützte Annäherung an die Wahrheit – nicht mehr und nicht weniger.

Die typische Journalistenfrage „Können Sie ausschließen, dass …?“ ist daher auch nur ein rhetorischer Taschenspielertrick. Niemand kann auf so eine Frage ehrlicherweise und ohne Einschränkung mit „Ja“ antworten. Ob eine Gesellschaft eine Technologie akzeptiert, ist somit keine Frage der Sicherheit sondern des offensichtlichen Nutzens. Wichtig ist hier das Wort „offensichtlich“, denn auch für die Grüne Gentechnik lässt sich in der Landwirtschaft durchaus ein möglicher Nutzen ausmachen, wie die Einsparung von Insektiziden durch Bt-Mais oder die Einsparung von tonnenweise Fungiziden durch Krautfäule-resistente Kartoffeln. Dieser Nutzen ist aber bislang nur Praktikern und Wissenschaftlern evident. Und NGOs, Ökopolitiker und Bioverbände („Big Green“) arbeiten täglich mit Angst-Propaganda daran, dass das so bleibt.

 

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Bildnachweis: Mike Yip. Weitere tolle Aufnahmen von weißen Raben finden sich auf seiner Website unter http://vancouverislandbirds.com/Journal255.html und http://www.vancouverislandbirds.com/Journal353.html

 

 

 

Wohlfühl-Ideologie statt Fakten

Wohlfühl-Ideologie statt Fakten

 

Vandana Shiva geht es nicht darum, den Menschen vor Ort zu helfen. Ihr Programm ist der Verkauf einer Ideologie, dem Festhalten an der traditionellen Landwirtschaft. Für sie hat mit dem Einzug moderner Anbau-Methoden der Hunger in Indien erst begonnen. Martín Caparrós schildert in seinem Buch „Der Hunger“ eine Begegnung mit Vandana Shiva:

„ … und sie erklärt mir, bis 1990 habe Indien den Hunger erfolgreich bekämpft, doch 1991, mit der wirtschaftlichen Öffnung des Landes, habe sich das geändert. Ich hätte ihr zu gern zugestimmt, aber ich habe den Eindruck – nach dem, was ich gelesen, was ich gehört habe – , dass es in Indien immer Hunger gab, …“ (S. 224)

Die Schilderung des deutschen Volkwirts und Politikers Reimut Jochimsen von 1967 bestätigt den argentinischen Autor:

„Die Menschen in Binar, in Uttar Pradesh, in Westbengalen, Madya Pradesh, Kerala und anderswo in Indien leiden schon seit Generationen Hunger, ebenso in Pakistan, in Asiens anderen Teilen, in Lateinamerika und in Afrika. In den Ländern mit dem höchsten Anteil der Bauern an der Gesamtbevölkerung ist diese Not am größten: In Indien leben 85 Prozent auf dem Lande überwiegend von der Landwirtschaft, aus der über die Hälfte des Sozialprodukts stammt.“

Caparrós zitiert Shivas Antwort:

„Nein das stimmt nicht. Mit der Ankunft multinationaler Konzerne wie Monsanto mit ihrem Saatgut und ihrer unstillbaren Gier nach Land hat sich alles verändert.“ (S. 224)

Auch der Erfolg der Grünen Revolution wird von Shiva schlicht abgestritten. So sagt sie in einem aktuellen Interview mit der österreichischen Tageszeitung „Kurier“:

„Ich schaue als Wissenschaftlerin auf ganze Systeme, das tut die Lobby nicht. Die behauptet noch immer, die Grüne Revolution hat in Indien Wunder bewirkt. Aber sie hat den Boden und die Wirtschaft ruiniert, Gewalt gebracht und die Zukunft zerstört. Und trotzdem wird nicht mehr Nahrung produziert. Jeder vierte Inder hungert, jedes zweite Kind lebt an der Armutsgrenze. Natürlich steigere ich zum Beispiel die Weizenproduktion, wenn ich eine Weizen-Monokultur mache, aber das heißt nicht, dass ich mehr Essen produziere. Hülsenfrüchte für das Protein müssen wir heute zum Beispiel importieren.“

Laut Reimut Jochimsen musste Indien früher auch Getreide importieren. Martín Caparrós schreibt:

„1964 produzierte Indien 12 Millionen Tonnen Weizen auf 14 Millionen Hektar, 1995 waren es 57 Millionen auf 24 Millionen Hektar: der Ertrag pro Hektar hat sich mehr als verdoppelt.“ (S. 227)

Heute exportiert Indien Getreide.

Auch das von Shiva in die Welt gesetzte Gerücht, die Einführung von gentechnisch verbesserter Baumwolle hätte die Selbstmordrate unter indischen Bauern in die Höhe getrieben, ist schlichtweg falsch und wurde mehrfach widerlegt. Einen ausführlichen Bericht zum Erfolg von Bt-Baumwolle in Indien hat das Belgische  Vlaams Instituut voor Biotechnologie vorgelegt, aus der Zusammenfassung:

„In other words, Bt cotton in India is the story of a high-technology agricultural innovation that can also offer benefits to smaller farmers.

Research has also demonstrated that there is no link between the high number of suicides amongst Indian farmers and whether or not they cultivate Bt cotton. Such a link is repeatedly suggested by non-governmental organizations, lobby groups and the media.“

Kurzum: Shiva ignoriert den Stand der Technik, ignoriert die Erfolge moderner Technologien, beharrt auf einer Meinung von gestern und hat damit vor allem im Westen Erfolg: Die Menschen in den Industrienationen sehnen sich nach dieser Ideologisierung des Ursprünglichem: „Zurück zur Natur“, „Früher war alles besser“. Und so sammelt Shiva in kleinen Blechbüchsen ursprüngliches Saatgut für ihre Bio-Bauern. Ich weiß ja nicht, wieviel Hektar sie damit bestellen will. Der Ackerbau auf unserem Betrieb ist nicht groß, aber vor jeder Aussaat lagert das Saatgut in unserer Scheune in Säcken palettenweise sowie in großen Big Packs. Die Saatgutbank der Frau Shiva scheint mir eher ein Showroom für nichtsahnende Städter mit dickem Geldbeutel zu sein.

Diskussionen scheut Vandana Shiva. Fühlt man ihr auf den Zahn, weicht sie aus. Twitter-Accounts, die Studien über Grüne Gentechnik verbreiten, werden von ihrem Account einfach geblockt.

Am bittersten ist Shivas Opposition gegen den Goldenen Reis. Sie schreibt:

„Seed sovereignty and food sovereignty in women’s hands is the most effective way to get rid of deficiencies of Vit. A and other micronutrients. The biotech industry and Golden Rice promoters  are deliberatey blind to this alternative. Goden Rice for them is a Trojan Horse to introduce GMOs, and GMOs are a Trojan horse to introduce Intellectual property Rights on seeds of rice.“

Alle, die das “Trojanische Pferd”-Motiv anführen, wenn sie gegen den Goldenen Reis wettern, mögen sich bitte eins vor Augen führen: Der Etappensieg der Gentechnik-Unternehmen in der PR-Schlacht gegen die NGOs käme ja nur dann zustande, wenn der Reis erfolgreich ist. Und was heißt denn Erfolg hier? Wenn der Goldene Reis erfolgreich ist, bedeutet das die Rettung von Millionen von Kindern. Was wiegt ethisch denn jetzt schwerer? Hier geht doch wohl die Rettung von Menschenleben vor! Vandana Shiva – Big Green generell – hätte natürlich ein massives Glaubwürdigkeitsproblem, sollte der Reis die in ihn gesteckten Erwartungen erfüllen. Und es würden unangenehme Fragen gestellt werden, etwa: Warum man diese Technologie über Jahre bekämpft hat? Oder: Ob man eventuell sogar verantwortlich ist für die Unterernährung, die Krankheit und den Tod von Millionen von Kindern?

Und zum Schluss noch einmal Martín Caparrós (S. 235):

„Ich würde mich ja gerne eines Besseren belehren lassen, aber ich verstehe es nicht. Und so sage ich schließlich doch, dass die Menschen in Bihar, wo ich gerade herkomme seit Generationen unterernährt sind.
»Na ja, Bihar ist eine Ausnahme.«
Sagt sie, und ich erwidere, meines Wissens sei das nicht die einzige Gegend und es seien gerade Ausnahmen wie Bihar mit seinen hundert Millionen Einwohnern, die dazu beitragen, dass es so viel Hunger gibt.
Ihre dunklen Augen blitzen.“

Gentechnik? Ja, bitte!

Gentechnik? Ja, bitte!

Wer auf Facebook, Twitter und Co über meinen Namen stolpert, wird sich eventuell wundern, warum ich mich zum Teil so vehement für eine sachliche Auseinandersetzung mit Grüner Gentechnik einsetze. Hier folgt ein Erklärungsversuch.

Bevor ich mich intensiv mit Landwirtschaft beschäftigt und bevor ich selbst im eigenen Garten u.a. Kartoffeln angebaut habe, entsprach meine Meinung über Gentechnik vermutlich dem Mainstream: Wenn große Konzerne die Macht haben, kleine Bauern zu unterdrücken, ist das bestimmt nicht gut. Genmanipulation? Irgendwie unnatürlich. Patente auf Leben? Verursacht so unbestimmtes Unbehagen. Im Nachhinein würde ich das noch nicht einmal als Halbwissen bezeichnen, sondern eher als eine Art diffuse Unkenntnis, die aber emotional durchaus aufgeladen war.

Über die Jahre bekam ich dann mit, wie schwer es ist, der Natur eine Ernte abzugewinnen: Weizen wird von Fusarien befallen, Raps vom Rapsglanzkäfer aufgefressen, wenn der Bauer nichts dagegen unternimmt. Und wo eine Kornblume wächst, so schön sie ist, steht keine Gerste mehr. Ich muss mich entscheiden: Wenn ich was ernten will, muss ich die Natur – zumindest in Teilen – zurückdrängen. Dann Anbauversuche mit Erdbeeren und Kartoffeln im eigenen Garten: Die Erdbeeren schimmelten, bevor sie erntereif waren, und die Kartoffeln brachten im zweiten Jahr nahezu keinen Ertrag mehr, weil die Krautfäule Pflanze und auch Knolle in matschige, stinkende Pampe verwandelte.

Irgendwann stieß ich auf einen Text über Goldenen Reis: Cool, war meine erste Reaktion. So eine einfache smarte Lösung für ein schlimmes Problem: Ich sorge einfach dafür, dass das Hauptnahrungsmittel die nötige Dosis Provitamin A enthält und vermeide damit komplizierte logistische Verteilprobleme. Zudem ganz klassisch: Hilfe zur Selbsthilfe – das Mantra der Entwicklungshilfe. Tausende Kinder könnten Jahr für Jahr vorm Erblinden und vorm Tod gerettet werden. Für mich war völlig selbstverständlich, dass so eine Errungenschaft unverzüglich zum Wohle der Menschheit eingesetzt wird.

Und was ist mit den armen Kleinbauern, die von Monsanto unterjocht werden? Mein Mann hat in Göttingen studiert und bezieht die Zeitschrift für Absolventen. Dort erschien mal ein Artikel von Matin Qaim, der intensiv über die Auswirkungen des Anbaus von gentechnisch veränderten Pflanzen in Entwicklungsländern forscht. Der Artikel belegte, dass es den indischen Kleinbauern durch die Einführung von Bt-Baumwolle besser geht als vorher: Sie verdienen mehr und müssen weniger Pestizide einsetzen. Aha, also genau andersherum, wie öffentlich – und medienwirksam – von Aktivisten wie Vandana Shiva propagiert.

So, und dann erschien auf Spiegel Online ein Artikel mit der Überschrift “Letzte Rettung für den Goldenen Reis”. Wie letzte Rettung? Diesen Reis gibt es noch gar nicht für den Anbau? Seit diesem Zeitpunkt ist meine Empörung grenzenlos.

Aus ideologischen Gründen wird eine Entwicklung abgelehnt, die Tausenden Menschen helfen kann? Das ist Mittelalter! Leute, wir Leben im Zeitalter der Aufklärung. Es gibt einen internationalen wissenschaftlichen Konsens, dass gentechnisch verbesserte Pflanzen genauso sicher sind wie konventionelle Züchtungen. Interessengruppen und Parteien nutzen die diffuse, emotional aufgeladene Unwissenheit der Menschen, um das Thema Grüne Gentechnik für ihre Zwecke auszuschlachten. Das moralische Verwerfliche daran ist, dass sich Entscheidungsträger in Entwicklungsländern durchaus am Diskurs und an den politischen Entscheidungen in Europa orientieren – zum Leidwesen ihrer Bevölkerung.

Wie gesagt: Meine Empörung ist grenzenlos. Also bitte nicht wundern, wenn ich irgendwo im Web wieder einmal einem grünen Politiker seinen Populismus um die Ohren hauen sollte.

Meinungsfreiheit? Nein, Danke!

Meinungsfreiheit? Nein, Danke!

Im Ausrufen persönlicher Freiheiten sind gerade die linksgerichteten Medien in unserem Lande ganz groß. Allen voran Meinungs- und Pressefreiheit sind die Aushängeschilder unserer Demokratie und höchstmöglicher Ausdruck unserer ureigenen persönlichen Freiheit. Jeder denke, was er will. Aber wehe, auf der Website taucht ein Kommentar auf, der unserem Weltbild nun so gar nicht mehr entspricht. Das wird ausgeblendet. Sie meinen, das ist nur gängige Praxis auf Facebook-Seiten von Spendensammelvereinen wie Peta etc.? Nein, auch unsere deutsche Presselandschaft sieht es nicht so eng mit der Freiheit der Andersdenkenden. So ging es mir jetzt jedenfalls mit der taz.

Gut, meine Kommentare in Sachen Gentechnik und moderne Landwirtschaft sind sicher aus mancher Sicht eine Zumutung. Aber so ist das halt im Meinungspluralismus: Ich mute mir die taz-Artikel ja auch zu und äußere mich dann dazu. Bisher ging alles gut, bis die taz gestern einen meiner Kommentare nicht veröffentlichen wollte.

Die taz schreibt über ‪‎Gentechnik-Anbauverbote. Dazu wollte ich auf der Seite der taz kommentieren:

“Dass die Grünen eine föderale Regelung ablehnen müssen, liegt auf der Hand: Wenn bei uns wirklich einmal gentechnisch verbesserter Mais wächst und nichts passiert, außer dass sich Feldzerstörer den Knöchel verstauchen, dann wäre nach der Atomkraft auch dieses wichtige Propaganda-Thema für die Grünen gestorben. Daher verteidigen sie ihre Gentechnikphobie wie der Hund seinen Knochen. Für die Wissenschaft ist es längst Konsens, dass Gentechnik sicher ist, und zwar sowohl der Verzehr von gentechnisch veränderten Nahrungsmitteln als auch der Anbau gentechnisch verbesserter Pflanzen. Aber wissenschaftliche Zusammenhänge sind nicht in zwei Sätzen erklärt, alles Technische und Fremde macht Angst – daraus lässt sich Kapital schlagen. So kommt es zu solchen Stilblüten, dass Harald Ebner, Gentechnik-“Experte” von den Grünen, auf seiner Homepage Genfreiheit für Europa fordert, was ich in letzter Konsequenz nicht zu Ende denken möchte, und niemand regt sich drüber auf.

In der internationalen Diskussion werden Gentechnik-Gegner in eine Schublade gesteckt mit Impf-Verweigerern, Kreationisten und Klimaleugnern (siehe etwa den aktuellen Titel von “National Geografic”: “The War on Science”), doch im früheren Land der “Dichter und Denker” gehört es zum guten Ton, Grüne Gentechnik abzulehnen. Für mich bedeutet das den Anfang vom Ende vom Hochtechnologie-Standort und vom gesunden Menschenverstand.”

Nachdem der Kommentar auch nach Stunden einfach nicht erscheinen wollte, habe ich die taz per E-Mail angeschrieben:

“Sehr geehrte Damen und Herren,

bitte schalten Sie doch meinen Kommentar frei zu http://taz.de/Anbauverbote-fuer-Gentech-Pflanzen/!155158/ oder ist er etwa nicht angekommen?

Ich habe niemanden beleidigt und mich auch politisch korrekt ausgedrückt.

Früher waren die Texte immer innerhalb von Minuten da, derzeit dauert es Stunden – das verdirbt einem irgendwie den Spaß an der Sache.

Danke und Gruß

Susanne Günther”

und habe wenig später folgende Antwort erhalten:

“Hallo Frau Günther,

Ihr Kommentar wurde von uns gelöscht. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir keine Begründung dazu abgeben.

Mit freundlichen Grüßen
taz.kommune “

Habt Ihr eine Idee, was ich falsch gemacht habe oder habe ich nach Meinung des taz-Redaktion wohl einfach das Thema verfehlt? Welches Demokratie-Verständnis steckt da wohl hinter?

Und nein, ich habe kein Verständnis dafür, dass die taz keine Begründung abgeben will.

Heute kommentiert die taz dann zum Masernausbruch in Berlin: Sie plädiert für eine pragmatische Lösung, in öffentlichen Schulen und Kitas nur geimpfte Kinder zuzulassen. So weit so gut, mein Kommentar dazu auf Facebook:

“Wenn ein Ding geschehet ist, sind alle Gräben voll Weisheit. – Jetzt plädiert die taz für eine pragmatische Lösung, aber wer hat denn jahrelang mitgeholfen, ein fortschritts- und wissenschaftsfeindliches Klima zu schaffen, in dem Impfverweigerung erst salonfähig wird? Ob sich die taz über Impfkampagnen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung lustig macht oder die Empfehlungspraxis der WHO in Frage stellt: Überall wurden und werden Zweifel gestreut. Auch die generelle Ablehnung von TTIP und Gentechnik stehen für eine antikapitalistische Haltung, die den Menschen letztlich mehr schaden als nützen wird. Lest doch mal selbst die Kommentare zu dem obigen Text hier sowie auf Eurer Website: Dann könnt Ihr die Ernte einfahren, die Ihr gesät habt.”

O.k., ist gemein. Ich bin aber auch noch ein bisschen sauer wegen gestern. Auf Facebook steht der Kommentar immer noch, wahrscheinlich ist er im Shitstorm der Impfgegner total untergegangen. Auf taz.de gepostet wurde er wieder nicht veröffentlicht. Anscheinend stehe ich da jetzt auf dem Index.

So taz, Du bist schuld, dass ich meinen Blog jetzt in Betrieb nehme, denn auf irgendwas muss ich von Twitter aus ja verlinken, denn in 140 Zeichen bekomme ich meinen Unmut nicht gebannt. Das hast Du nun davon!