Bei neuen Technologien wird häufig nach der Sicherheit gefragt: Wie sicher ist die Anwendung für Mensch, Tier und Umwelt? Welche Risiken bestehen jetzt, mittelfristig und auf lange Sicht? Viele Aspekte sind zu berücksichtigen: Gesundheit, Umweltwirkungen wie Reinhaltung von Luft, Gewässern und Boden, Artenvielfalt in Flora und Fauna, Klimawandel, Nachhaltigkeit.

Dabei gibt es ein grundsätzliches Problem: Letztlich kann die Unbedenklichkeit einer Technologie nie erschöpfend bewiesen werden. Der Philosoph Karl R. Popper hat dies mit einem berühmten Beispiel illustriert: Die Aussage „Alle Raben sind schwarz“ lässt sich nicht beweisen. Dazu müsste man die ganze Welt bis in den letzten Winkel nach möglichen nicht-schwarzen, z.B. weißen Raben absuchen. Das ist praktisch unmöglich. Ein Forscher kann sich auch nie sicher sein, nicht doch den einen weißen Raben übersehen zu haben. Die Aussage „Alle Raben sind schwarz“ lässt sich also nicht verifizieren. Sie lässt sich aber falsifizieren, das heißt, ich kann sie widerlegen, indem ich die Existenz eines weißen Rabens nachweise.

Daraus folgert Popper als Grundregel für die Wissenschaft, dass sie ihre Erkenntnisse in falsifizierbaren Aussagen formulieren muss. Wissenschaft ist ein Prozess von Versuch und Irrtum („Trial and Error“): Forscher formulieren aufgrund von Evidenz ihre Hypothesen und diese gelten solange, bis sie empirisch widerlegt werden.

Es gibt zum Beispiel bis heute keinen Nachweis, dass der Einsatz von Mikrowellen oder die permanente Aussetzung von Mobilfunkstrahlung völlig unbedenklich ist. Beide Technologien wurden zur gleichen Zeit kommerzialisiert wie die Grüne Gentechnik – etwa Mitte der 90er Jahre des vorherigen Jahrhunderts. Mikrowelle und Mobilfunk sind etabliert und akzeptiert – bei der Grünen Gentechnik werden von NGOs und Öko-Parteien nach wie vor Sicherheitsbedenken angeführt. Grundsätzlich geht das aber bei jeder Technologie: Überall könnte sich ein weißer Rabe verstecken, ausschließen lässt sich seine Existenz nie. Eine Risikoabschätzung ist immer nur eine durch Evidenz gestützte Annäherung an die Wahrheit – nicht mehr und nicht weniger.

Die typische Journalistenfrage „Können Sie ausschließen, dass …?“ ist daher auch nur ein rhetorischer Taschenspielertrick. Niemand kann auf so eine Frage ehrlicherweise und ohne Einschränkung mit „Ja“ antworten. Ob eine Gesellschaft eine Technologie akzeptiert, ist somit keine Frage der Sicherheit sondern des offensichtlichen Nutzens. Wichtig ist hier das Wort „offensichtlich“, denn auch für die Grüne Gentechnik lässt sich in der Landwirtschaft durchaus ein möglicher Nutzen ausmachen, wie die Einsparung von Insektiziden durch Bt-Mais oder die Einsparung von tonnenweise Fungiziden durch Krautfäule-resistente Kartoffeln. Dieser Nutzen ist aber bislang nur Praktikern und Wissenschaftlern evident. Und NGOs, Ökopolitiker und Bioverbände („Big Green“) arbeiten täglich mit Angst-Propaganda daran, dass das so bleibt.

 

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Bildnachweis: Mike Yip. Weitere tolle Aufnahmen von weißen Raben finden sich auf seiner Website unter http://vancouverislandbirds.com/Journal255.html und http://www.vancouverislandbirds.com/Journal353.html

 

 

 

3 thoughts on “Der weiße Rabe

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