Monsanto vor Gericht

Monsanto vor Gericht

Kürzlich im Bundestag sagte die Abgeordnete Renate Künast (Bündnis 90/Die Grünen) in einer Zwischenfrage folgendes:

“Wir haben immer mehr Hinweise darauf, dass die Anwendung von Glyphosat Krebs auslöst. (…) Zum Beispiel gibt es in Kalifornien eine große Gruppe von Landwirten, die das Non-Hodgkin-Syndrom haben. (…) Sie sagen, dass es durch Glyphosat ausgelöst wurde, und klagen. Es ist ein großes Gerichtsverfahren, das da läuft. (…) An der Stelle wird Monsanto – davon gehe ich einmal aus – wahrscheinlich verlieren.”

Monsanto steht derzeit vor Gericht. Das ist korrekt. Rund 300 Klagen werden in San Francisco in einem Musterprozess behandelt. Doch an welcher Stelle steht das Verfahren eigentlich momentan?

Anfang März gaben die Experten beider Seiten ihre Gutachten ab. Während dieser sogenannten Daubert Anhörung gab es auch für die Anwälte der jeweiligen Gegenseite, Gelegenheit, Fragen zu den Gutachten zu stellen. Der Richter Vince Chhabria hat an dieser Stelle des Verfahrens die Aufgabe, zu entscheiden, ob die Anklage nach wissenschaftlichen Kriterien arbeitet bei dem Versuch, nachzuweisen, dass ein kausaler Zusammenhang zwischen der Exposition mit dem Glyphosat-haltigen Herbizid Roundup und der Entstehung von Non-Hodgkin-Lymphomen besteht. Er muss dabei den sogenannten Daubert Standard anwenden, das heißt, überprüfen, ob die Gutachten bestimmten wissenschaftlichen Standards genügen. Nur mit einem positivem Urteil werden die jeweiligen Gutachter für einen Geschworenen-Prozess zugelassen.

Nach Ende der Daubert Anhörung trafen sich die Parteien am 14. März 2018 im Gericht, um das Resümee des Richters zur Anhörung zu besprechen. Das Protokoll dieser Sitzung ist auf den Seiten der Anti-Gentechnik NGO U.S. Right to know abrufbar. Demnach haben die Experten der Anklage Richter Vince Chhabria bislang nicht überzeugt. Chhabria machte deutlich, dass die Einstufung der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC), die Glyphosat als “wahrscheinlich krebserregend” klassifiziert hatte, nicht ausreicht:

“The problem is, of course, that although the IARC’s conclusion is not entirely untethered from human experience, the IARC makes it very clear that what it is doing is reaching a conclusion about whether the chemical is capable of causing cancer; and that they — that it will conclude that a chemical is a probable carcinogen or even a known carcinogen, even if human beings are not currently being exposed to the chemical at levels high enough to give them cancer. Right? So the IARC’s conclusion is not enough.”

Die IARC macht Chhabria zur Folge eine allgemeine Aussage, dass Glyphosat grundsätzlich krebserregend sein könnte, selbst wenn Menschen derzeit nicht dieser Substanz in so hohen Dosen ausgesetzt sind, die für sie krebserregend wären. Das ist nach Richter Chhabria darauf zurückzuführen, dass die IARC Gefahren untersucht und keine Risiken:

“What the IARC says is that the distinction between a hazard and risk when the monographs identify cancer hazards — excuse me. And the monographs identify cancer hazards, even when the risks are very low at current exposure levels, because new uses or unforeseen exposures could engender risks that are significantly higher.”

Auch die übrigen Argumente der Anklage fand Richter Chhabria bislang nicht überzeugend:

“Number two. I think that the plaintiffs’ experts’ opinions are shaky. I think that the evidence that glyphosate is currently causing non-Hodgkin’s lymphoma in human beings at the levels of exposure they are currently experiencing is pretty sparse.”

Der Richter findet die dargestellte Evidenz dafür, dass Glyphosat Non-Hodgkin-Lymphome verursache, “ziemlich spärlich”.

Immerhin rechnet er der Expertin Dr. Beate Ritz an, dass sie eine eigene Analyse präsentiert und nicht allein auf der IARC-Schlussfolgerung aufsattelt. Letztlich findet der Richter ihre Schlussfolgerung allerdings “dubious”. Chhabia wird recht deutlich:

“You’ve got all of these numbers, the vast majority of which are statistically insignificant. And how can you focus on that one number and conclude that, to a reasonable degree of scientific certainty, glyphosate is causing non-Hodgkin’s lymphoma in human beings? That sounds highly questionable at best, highly shaky at best, and may be junk science.”

In der kommenden Woche wird die Daubert Anhörung fortgesetzt werden: Am 4. April wird Dr. Beate Ritz noch einmal vor Gericht auftreten und am 6. April Dr. Christopher Portier. Es bleibt spannend.

 

Links

Monsanto Judge Says Expert Testimony Against Roundup Is ‘Shaky’

Monsanto’s Cancer Fight Judge Pictures Weed Killer Showers

Videomitschnitte der Daubert Anhörung

Law and Science in Glyphosate Litigation

 

 

Bildnachweis: Screenshot des Videomitschnitts mit Christopher Portier

 

 

Post aus Amerika

Post aus Amerika

Christopher Wild, Direktor der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC) mit Sitz in Lyon, hat kürzlich Post aus den USA bekommen: Zwei Kongressabgeordnete schrieben ihm, dass der Wissenschafts- und Technologie-Ausschuss des Hauses überprüfen wolle, ob US-Steuergelder bei der IARC gut angelegt seien. Seit 1985 habe die IARC rund 48 Millionen US-Dollar von der Einrichtung National Institutes of Health (NIH) erhalten, einer Behörde, die dem Gesundheitsministerium untergeordnet ist. Anlass für den Brief war die jüngste Medienberichterstattung über nicht transparente Änderungen im IARC-Bewertungsbericht zu Glyphosat, der in 2015 für Aufsehen sorgte, weil die Agentur das Herbizid als “wahrscheinlich krebserregend” einstufte. Die Kongressabgeordneten schreiben:

“The Committee is concerned about the scientific integrity of the IMO assessment of glyphosate and of IARC in general. With United States’ taxpayer dollars funding a portion of IMO, it is this Committee’s duty to ensure sound science and transparency within the agency. As such, the Committee may soon hold a hearing to receive testimony from IARC on how it conducts itsIMO reviews and to learn more about who is responsible for the editing of Monograph 112 on glyphosate.”

Jetzt bereitet der US Kongress eine Anhörung vor. Christopher Wild wird aufgefordert, Namen und Kontaktdaten von Personen anzugeben, die bei dieser Anhörung als Zeugen auftreten könnten.

Parallel zu dem Brief an den IARC-Direktor erging ein Schreiben zum selben Thema an den US-Gesundheitsminister Eric Hargan. Der Minister wird gebeten, entsprechende Unterlagen zusammenzustellen, die das Verhältnis seiner Behörde zur IARC betreffen:

“The Committee has a responsibility to ensure that the federal government funds and bases policy decisions on the best available science. To understand the relationship between NIEHS/NIH and IARC, please provide all documents and communications between or among members of the IARC monograph program and any research institutes or agencies within HHS, including but not limited to NIEHS and NIH. We ask that you provide this information no later than November 15, 2017.”

Diese Anhörung darf mit Spannung erwartet werden: Denn einer der prominentesten Glyphosat-Gegner Christopher Portier hat jahrelang bei einer US-Gesundheitsbehörde, dem National Institute of Environmental Health Sciences (NIEHS), gearbeitet und ist intensiv in die Arbeit der IARC eingebunden, wie u.a. aktuelle Gerichtsdokumente belegen. Portier machte zuletzt Schlagzeilen, als öffentlich wurde, dass er im Rahmen eines Vertrag mit einer US-Anwaltskanzlei, die Kläger in einem Gerichtsprozess gegen Monsanto vertritt, ein Honorar von bislang 160.000 US-Dollar erhalten hatte.

Links:

• SST Committee Investigates Potential Conflicts of Interest at IARC on Glyphosate

Brief an Christopher Wild

Brief an Eric Hargan

Rausredigiert

• Verfilzt

• Infofluss: Panta rhei

• Networking

• Portier Papers

 

 

Infofluss: Panta rhei

Infofluss: Panta rhei

Die jetzt veröffentlichte E-Mail-Korrespondenz von Christopher Portier wirft interessante Fragen auf. In dem Schreiben vom 11. November 2015, in dem Portier nach eigenen Angaben mehrere Hundert Wissenschaftler (“several hundred colleagues”) auffordert, seinen Offenen Brief an EU-Gesundheitskommissar mit zu unterzeichnen, bezieht er sich auf ein Dokument (“Addendum”) des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR). In diesem Addendum legt das BfR seine Auswertung der IARC-Bewertung von Glyphosat da.

Dieses BfR-Dokument war zum Zeitpunkt der E-Mail Portiers noch nicht offiziell veröffentlicht worden. Die EFSA hat das Schriftstück erst am 19. November 2015 hochgeladen. Daher verweist Portier in seinem Schreiben auf einen Download-Link auf dem Server des MDR. Der alte Link funktioniert aufgrund eines Website-Redesigns nicht mehr, dafür aber dieser hier: http://www.mdr.de/investigativ/rueckblick/fakt/fakt-glyphosat-bfr-bewertung100.html.

Wie kommt ein nicht offizielles Dokument dorthin? Am 28. September 2015 fand im Deutschen Bundestag eine Anhörung des Ausschusses für Ernährung und Landwirtschaft zum Thema Glyphosat statt. Laut Protokoll wurde den Teilnehmern eine Fassung des Addendums ausgehändigt. So sagt der Ausschussvorsitzende Alois Gerig in seiner Sitzungseröffnung:

“Wir haben erhalten vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft
(BMEL) ein noch nicht öffentliches Addendum, das uns auf Anforderung aus dem Ausschuss heute Vormittag zur Verfügung gestellt wurde.”

Die PDF-Fassung des Addendums, die unter mdr.de abrufbar ist, ist deutlich erkennbar aus einer Hardcopy hervorgegangen. Lochungen sind zu erkennen und die Qualität lässt darauf schließen, dass es ggf. sogar mehrfach kopiert bzw. gefaxt worden ist.

Der MDR war mit einem Kamerateam zur Anhörung vor Ort, wie aus einem Bericht hervorgeht, der online abrufbar ist. Spätestens dort wird der Sender Kenntnis von dem Dokument bekommen haben. Wie kommt das noch nicht veröffentlichte Addendum nun zum MDR? Der Verdacht liegt nahe: Irgendwer, der bei der Anhörung im Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft anwesend war und/oder Zugriff auf das Papier hatte, hat das Addendum geleakt, aber wer?

In dem MDR-Bericht wird behauptet, dass das BfR die krebserregende Wirkung von Glyphosat in bestimmten Nagerstudien übersehen hat. Damit folgt der MDR im wesentlichen der Kritik, die Christopher Portier in der Anhörung vortrug:

“Zudem erschwert die Tatsache, dass sie [gemeint ist das BfR, Anm. d. Red.] sich weigern, die Tierstudien anzuschauen, und dass sie alle Krebsstudien zu Tieren als negativ bewerten, eine Beurteilung der Risikobewertung, die sie für Krebs vorgenommen haben, denn sie haben keine Risikobewertung für Krebs vorgenommen. Da die IARC die Krebsstudien als gentoxisch bewertet, wäre die Risikobewertung für Krebs deutlich anders als die Risikobewertung für die Nicht-Krebs-Endpunkte, und die Methode müsste auch eine andere sein – falls ich die europäischen Verfahren für den Umgang mit diesen Arten von Chemikalien richtig verstehe. Ich kann die BfR-Risikobewertung also nicht beurteilen, weil sich meine Meinung, der gemäß Glyphosat gentoxisch und die Epidemiologie wichtig ist, gänzlich von der BfR-Meinung unterscheidet. Und daher hat das BfR keine Risikobewertung erstellt, die ich evaluieren könnte.”

Die Süddeutsche Zeitung griff die Kritik des MDR auf und zitiert Harald Ebner, Bundestagsabgeordneter von Bündnis 90/Die Grünen:

“Harald Ebner, Agrarexperte der Grünen im Bundestag, hat für die Geheimniskrämerei kein Verständnis. Es müsse geklärt werden, ob das Bundesinstitut so weiterarbeiten könne, verlangt er.”

studien_glyphosat.pngDabei ist das BfR nicht das einzige Institut, das aus den Nagerstudien keine Evidenz für Krebsentstehung ableitet. Eigentlich ist es genau andersherum: Die IARC ist die einzige Organisation, die das tut, alle anderen internationalen Einrichtungen sind derselben Meinung wie das BfR (siehe Tabelle). Vor diesem Hintergrund wirkt der O-Ton von Harald Ebner im MDR-Bericht geradezu ignorant:

“Die Studien sind ja nicht neu. Das sind ja Studien, die sind schon einige Jahre alt. Da frage ich mich schon: Wie konnte man das bislang übersehen? Warum ist das BfR bislang zu dem Schluss gekommen: Keine Signifikanz, keine Kanzerogenität?”

Der MDR verweist an dieser Stelle auf das Addendum, in dem das BfR die unterschiedlichen Herangehensweisen von IARC und BfR erklärt:

“Due to the application of different statistical approaches selected for evaluation, IARC and RMS came to diverging conclusions when evaluating cancer incidences in animal studies. IARC included a trend test (generally according to Cochran-Armitage) for statistical evaluation of the data (IARC, 2015, ASB2015-8421). In contrast, initially, the RMS relied on the statistical evaluation provided with the study reports, which was performed and documented as foreseen in the individual study plans (RAR, April 2015, ASB2015-1194).”

Das BfR habe sich auf die Berechnungen der Studienautoren und damit der Herstellerfirmen verlassen, lautet das Resümee der MDR-Reporter. Sie lassen den Toxikologen Peter Clausing zu Wort kommen, der das “ihm exklusiv zugespielte” Addendum für die NGOs Pestizid Aktions-Netzwerk (PAN) und Campact ausgewertet hatte:

“Die Tatsache, dass Industriestudien blind übernommen wurden und einfach nur wieder gegeben wurden, das ist einfach skandalös.”

Liest man an der entsprechende Stelle im Addendum weiter, erfährt man jedoch, dass das BfR sehr wohl eigene statistische Berechnungen vorgenommen hat:

“In order to systematically assess the impact of choice of statistical method, a number of neoplastic endpoints in key-studies were re-evaluated by the RMS for this Addendum using the Fishers exact test and the Cochran-Armitage test, as both are explicitly recommended in the OECD guidance documents cited above. The Cochran-Armitage Test was performed using BMDS version 2.4.0.70. The Fisher-Yates test (Fisher´s exact test) was done using SigmaPlot version 11.2.0.5. The Fisher exact test was replaced by the Chi-square test if N was >50 for all groups.”

Auch das BfR hat in einer Studie eine Signifikanz für Tumorentstehung entdeckt, allerdings gewichtet das BfR die Studie anders, weil es sich um eine Hochdosis-Studie handelt und andere Studien den Zusammenhang nicht bestätigen, und wendet schließlich andere Kriterien für die Einordnung an:

“Overall, based on the study results and the CLP criteria RMS concluded that the evidence of carcinogenicity is conclusive but not sufficient for classification.”

Dass die IARC-Bewertung auch in den eigenen Reihen nicht ganz unumstritten ist, zeigt eine Reaktion auf das Schreiben von Christopher Portier an seine “mehrere Hundert” Kollegen. Ellen Silbergeld, Expertin für Umweltgesundheit an der Johns Hopkins Universität in Baltimore, wendet ein, sie habe Bedenken:

“Ich denke, dass ist ein Beispiel, wie wir uns alle auf dünnem Eis bewegen, wenn jede Gruppe eine Bewertung vornimmt mit einem nicht vollständigen Überblick über die Literatur.”

Wie auch immer das Drama um Glyphosat ausgehen wird, ein Verlierer steht bereits jetzt fest: die Wissenschaft. Die E-Mail-Korrespondenz von Christopher Portier weist zahlreiche Kontakte zu Medien und NGOs in Europa und in den USA auf. Es entsteht der Eindruck, dass hier weniger die Suche nach der Wahrheit im Vordergrund stand, als der Versuch, möglichst viel Aufmerksamkeit zu generieren, Eitelkeiten zu pflegen und seine Mission zu erfüllen. In einer E-Mail vom 21. Oktober 2015 an seine frühere Vorgesetzte Linda Birnbaum, Direktorin des National Institute of Environmental Health Sciences und Direktorin des National Toxicology Program, beschreibt Portier seine Aktivitäten folgendermaßen:

“Ich habe auch etwas Spaß daran, die IARC-Ergebnisse zu Glyphosat in die europäischen Entscheidungsprozess um die Neuzulassung zu drücken. Ich bin mir nicht sicher, ob das mehr Einfluss haben wird, als es für die EFSA etwas ungemütlich zu machen, aber ich versuche es.”

Jo, mit einem Stundenlohn von 450$ macht das bestimmt Spaß.

 

Bildnachweis: Screenshots MDR

Networking

Networking

Die US-amerikanische Anti-Gentechnik-NGO U.S. Right to know hat auf ihrer Website weitere Unterlagen aus der Schadenersatzklage gegen Monsanto veröffentlicht. Unter den Unterlagen sind neben den Rechnungen, die Glyphosat-Gegner Christopher Portier an die Anwaltskanzlei schrieb, die die Kläger vertritt, auch Teile der E-Mail-Korrespondenz von Portier mit Kolleginnen und Kollegen der Internationalen Agentur für Krebsforschung IARC und/oder mit Vertretern der Medien.

Ende November 2015 schrieb Christopher Portier zusammen mit rund 95 weiteren Wissenschaftlern einen Offenen Brief an EU-Gesundheitskommissar Vytenis Andriukaitis. In diesem Brief kritisiert Portier die Risikobewertung für Glyphosat des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR). Wie eine der jetzt veröffentlichten E-Mails nahelegt, hat Portier für die mediale Verbreitung seines Briefes Schützenhilfe aus der bundesdeutschen Politik bekommen. Ein Mitarbeiter aus dem Büro des Bundestagsabgeordneten Harald Ebner, Bündnis 90/Die Grünen, quittiert Portiers Nachricht, dass der Brief verschickt sei, mit den Worten “Thank you! Then I will start sending now.” Anscheinend hat man hier im Vorfeld etwas abgesprochen. Was genau, geht aus der E-Mail nicht hervor.

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Quelle: https://usrtk.org/wp-content/uploads/2017/10/Portier-and-IARC-related-documents.pdf

Aus einer weiteren E-Mail vom selben Tag lässt sich schließen, dass Christopher Portier die Nachricht von dem Brief an Andriukaitis mit einer Sperrfrist versehen hat. Portier leitete die an den Gesundheitskommissar verschickte E-Mail weiter an IARC-Mitarbeiterin Kate Guyton mit dem Kommentar “Embargoed until monday”. Montag ist in diesem Fall der 30. November 2015.

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Quelle: https://usrtk.org/wp-content/uploads/2017/10/Portier-and-IARC-related-documents.pdf

Pünktlich am Montagmorgen noch vor 8:00 Uhr Ortszeit wartete die Süddeutsche Zeitung mit ihrer Schlagzeile auf: “Wissenschaftler protestieren gegen Glyphosat-Bewertung“. Bereits am Wochenende hatten die Autoren Silvia Liebrich und Andreas Rummel die Stellungnahme vom BfR eingeholt. Man war also bestens vorbereitet. Die Pressemitteilung von MdB Harald Ebner vom gleichem Tag zum gleichen Thema fällt im Vergleich zur Berichterstattung recht schmal aus. Ohne groß auf die Inhalte des Briefes einzugehen, wird gefordert:

“Nächste Woche tagt der auch für Pestizide zuständige Ausschuss der EU-Kommission für Pflanzen, Tiere, Lebens- und Futtermittel mit Regierungsvertretern aller EU-Staaten. Auf der Tagesordnung steht die EFSA-Empfehlung für Glyphosat. Die Bundesregierung muss sich dafür einsetzen, die EFSA-Empfehlung nach Parma zurückzugeben und neu aufzurollen.”

Hier soll also Druck aufgebaut werden, die Entscheidung der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA, die Glyphosat für unproblematisch hält, zurückzuweisen.

Pikant ist, dass Christopher Portier zu diesem Zeitpunkt bereits bei der Kanzlei  Lundy, Lundy, Soileau & South unter Vertrag stand. In dem Offenen Brief an Vytenis Andriukaitis steht davon nichts und seinen Kollegen verrät Portier auch nichts von dem Engagement. Das wiederum ist nachzulesen in dem Schreiben, mit dem er aufruft, seinen Brief mit zu unterzeichnen.

Ob den Wissenschaftlern, die damals unterschrieben haben, bewusst war, worum es hier eigentlich geht?

Rausredigiert

Rausredigiert

Die Meldung, dass Glyphosat-Gegner Christopher Portier mindestens 160.000 Dollar Honorar von U.S.-Anwaltskanzleien erhalten hat, ist erst wenige Tage alt, da erreicht uns die nächste Nachricht, die die Internationale Krebsforschungsagentur IARC ins Zwielicht rückt: Die Nachrichtenagentur Reuters meldet, dass ein früherer Entwurf des IARC-Abschlussberichts gravierend von der finalen Fassung der IARC-Bewertung von Glyphosat abweicht. Natürlich scheint es nicht ungewöhnlich, dass Entwürfe bearbeitet werden, doch der Teufel steckt hier im Detail.

Reuters hat sich Kapitel 3 “Cancer in Experimental Animals” des Entwurfs der Glyphosat-Monographie angesehen. Alle anderen Teile des Entwurfs sind vom Gericht noch nicht freigegeben. In dem Kapitel werden Tierversuche mit Glyphosat und Glyphosat-haltigen Formulierungen ausgewertet. Reuters hat u.a. entdeckt, dass mehrmals das Resümee der jeweiligen Studien-Autoren, dass sie keinen signifikanten Zusammenhang mit der Entstehung von Krebs feststellen konnten, entfernt worden war. Zum Teil wurden auch neue statistische Auswertungen hinzugefügt, die eine abweichende Deutung der Studien ermöglichten:

“Reuters found 10 significant changes that were made between the draft chapter on animal studies and the published version of IARC’s glyphosate assessment. In each case, a negative conclusion about glyphosate leading to tumours was either deleted or replaced with a neutral or positive one.”

Zehn Änderungen dieser Art hat Reuters ausgemacht. Es ließe sich nicht erkennen, wer die Änderungen vorgenommen habe, und weder die IARC noch Mitglieder der damaligen Arbeitsgruppe hätten auf Nachfrage reagiert, wie die Änderungen zustande gekommen waren. Statt dessen postete die Agentur eine Meldung auf ihrer Website, dass Entwürfe einen Beratungscharakter hätten und vertraulich seien:

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Andere Einrichtungen würden offener mit ihren Bewertungsunterlagen umgehen, berichtet Reuters und zitiert Jose Tarazona, Leiter der Abteilung Pestizide der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA:

“Anyone can go to EFSA’s website and review how the assessment evolved over time. So you can see clearly how experts … appraised each and every study and also how comments from the public consultation were incorporated into the scientific thinking.”

Im IARC-Bericht wurde sechsmal die Feststellung von Studien-Autoren, dass Glyphosat nicht kanzerogen wirke, durch den Satz ersetzt, dass die IARC-Arbeitsgruppe die Studie nicht auswerten konnte, weil nicht genug Datenmaterial vorhanden gewesen sei. Statt “The authors concluded that glyphosate was not carcinogenic in Sprague Dawley rats” oder “The authors concluded that glyphosate technical acid was not carcinogenic in Wistar rats” stand in der Endfassung der Satz:

“The Working Group was not able to evaluate this study because of the limited experimental data provided in the review article and supplemental information.”

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Quelle: The IARC monographs: critics and controversy

Zwei Mäusestudien waren ausschlaggebend dafür, dass die IARC “sufficient evidence”, also hinreichende Evidenz, dafür feststellen konnte, dass Glyphosat bei Tieren krebserregend wirken kann. Bei beiden Arbeiten stellten die Autoren selbst keinen Zusammenhang zur Entstehung von Tumoren fest. Die IARC ergänzte neue statistische Berechnungen und konnte dann doch einen signifikanten Zusammenhang vorweisen. Wenn die IARC im Bereich der Tierversuche weniger Evidenz festgestellt hätte, wäre eine Einordnung von Glyphosat in die Gruppe 2A (“wahrscheinlich krebserregend”) nicht möglich gewesen. Dann hätte die IARC Glyphosat nur in 2B (“möglicherweise krebserregend”) verorten können, so sehen es die Regularien in der Präambel der IARC-Monographien vor (siehe Schema).

Bereits im Sommer hatte Reuters über die IARC berichtet: Aaron Blair, der Vorsitzende der IARC-Arbeitsgruppe, die im Frühjahr 2015 Glyphosat als „wahrscheinlich krebserregend“ eingestuft hat, erklärte in seiner Aussage vor Gericht, dass bestimmte Forschungsergebnisse, an denen er selbst mitgearbeitet hatte, nicht von der IARC berücksichtigt worden waren. Blair, inzwischen pensioniert, hat jahrelang für das US-amerikanische Krebsforschungsinstitut (U.S. National Cancer Institute) gearbeitet. In dieser Funktion hat er auch an der sogenannten Agricultural Health Study (AHS) mitgewirkt, einer großangelegten Untersuchung mit 89.000 Teilnehmern – Farmarbeitern, Farmern und ihren Familien – in Iowa und North Carolina. Die AHS-Ergebnisse hätte nach dem eigenen Urteil von Aaron Blair die Entscheidung der IARC verändern müssen. Doch diese Informationen konnten für die Entscheidung der IARC nicht berücksichtigt werden, weil die Organisation nach der Präambel zu ihren Monographien nur öffentlich zugängliche Informationen nutzen darf. Das sind in der Regel Artikel aus wissenschaftlichen Fachzeitschriften. Die Ergebnisse zu Glyphosat aus dem Projekt des U.S. National Cancer Institute waren zum Zeitpunkt der IARC-Entscheidung noch nicht publiziert worden und sind es bis heute nicht.

Portier Papers

Portier Papers

“Fight for the compensation you deserve” – “Kämpfen Sie für die Entschädigung, die Ihnen zusteht” – sagt die freundliche Dame im Fernsehspot der Kanzlei Weitz and Luxenberg. Die Kanzlei hat diverse solche Spots on Air und spricht mögliche Betroffene an, die zum Beispiel ein neues Hüftgelenk bekommen haben, mit Asbest in Kontakt gekommen sind oder bestimmte Medikamente genommen haben (z.B. Invokana, Zoloft, Prilosec, Nexium, Prevacid, Protonix, Xarelto). Ein Spot beschäftigt sich mit dem Unkrautbekämpfungsmittel Roundup von Monsanto: Die WHO habe festgestellt, dass Glyphosat, der Wirkstoff aus Roundup, möglicherweise Krebs erzeugen könnte. Wenn man die Krebsarten “Non-Hodgin’s Lymphoma”, “Hairy Cell Leukemia” oder “Chronic Lymphocytic Leukemia” habe und mit Roundup Kontakt hatte, solle man anrufen: “CALL NOW”. Unter http://weedkillercancer.com/ betreibt Weitz and Luxenberg eine eigene Website, wo sich Betroffene melden können.

totalrecall_buntWeitz and Luxenberg vertritt zurzeit zusammen mit der Kanzlei Lundy, Lundy, Soileau & South Kläger bei einem Schadenersatzklage gegen Monsanto. Ausgerechnet aus Gerichtsunterlagen aus diesem Verfahren geht hervor, dass mit Christopher Portier ein prominenter Glyphosat-Gegner seit dem 29. März 2015 bei diesen beiden Firmen als Berater für genau diesen Prozess gegen Monsanto unter Vertrag steht. Das Pikante: Portier hatte bislang bei all seinen öffentlichen Auftritten nichts von diesem Engagement verlauten lassen. Laut Vertrag durfte er das auch gar nicht. Erst als er am vergangenen Dienstag im Europaparlament auftrat, erwähnte er die Beratertätigkeit mit dem Zusatz, dass er in der Anhörung allerdings als Privatperson (“private citizen”) auftreten würde. Ihm blieb aber auch nichts anderes übrig, weil zu diesem Zeitpunkt das Protokoll seiner eidesstattlichen Aussage online auf dem Server der NGO U.S. Right to Know zur Verfügung stand. Und: Am 20. März 2015 hatte die Internationale Krebsforschungsagentur IARC verkündet, dass sie Glyphosat als “wahrscheinlich krebserregend” eingestuft hat. Portier war als “Invited Specialist” Mitglied der Arbeitsgruppe, die diese Einstufung beschlossen hat. Leider kann sich Christopher Portier nicht mehr daran erinnern, wann genau er sich mit seinem Auftraggeber Lundy, Lundy, Soileau & South das erste Mal traf, um über den Prozess gegen Monsanto zu sprechen.

Portier ist in den letzten Monaten offensiv als Kritiker der Europäischen Regulierungsbehörden  EFSA und ECHA aufgetreten, die Glyphosat nicht als krebserregend einordnen. So hat er zuletzt im Mai dieses Jahres einen Offenen Brief an Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker verfasst. Weder in diesem Brief noch bei seinem Auftritt in einer Öffentlichen Anhörung im Deutschen Bundestag hat er von seinem Engagement im Prozess gegen Monsanto berichtet.

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Weiter geht aus der eidesstattlichen Aussage Portiers hervor, dass er bereits vor der IARC-Entscheidung über Glyphosat für die Kanzlei Lundy, Lundy, Soileau & South gearbeitet hat, und zwar zu einem anderen Thema. Portier darf das Thema nicht nennen, aber er gibt zu, dass es auch um Expositionen geht, bei deren Bewertung durch die IARC er als Mitglied der Arbeitsgruppe mitgearbeitet hat. Eigentlich müssen Interessenkonflikte angegeben werden, wenn man als Mitglied einer IARC-Arbeitsgruppe fungiert. Weil Portier für die US-amerikanische NGO Environmental Defense Fund (EDF) gearbeitet hat, wurde er bei der Glyphosat-Arbeitsgruppe auch nur als “Invited Specialist” geführt und nicht als ordentliches Mitglied.

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IARC-Angestellte Kate Guyton sagte diese Woche bei der Anhörung im Europaparlament: “Bei finanziellen Interessen fehlt oft die Objektivität.” Das ist eine interessante Aussage! Neben Christopher Portier hat mit Charles W. Jameson ein weiteres Mitglied der Glyphosat-IARC-Arbeitsgruppe ein bezahltes Gutachten (Stundenlohn: 400 US Dollar) für die Klägerseite im Prozess gegen Monsanto verfasst. Jameson hat bisher zweimal im Prozess ausgesagt. Bei der Anhörung des Vorsitzenden der Glyphosat-IARC-Arbeitsgruppe, Aaron Blair, wurde bekannt, dass bei der IARC-Bewertung bedeutende Ergebnisse aus der American Health Studie nicht berücksichtigt worden sind, weil diese “aus Platzgründen” noch nicht veröffentlicht worden waren. Es bleibt spannend.

Letzte Aktualisierung: 15.10.2017, 9:45 Uhr. In einer älteren Fassung hieß es, dass Portier seine Beratertätigkeit noch nie öffentlich erwähnt hatte. Das wurde korrigiert. 

 

Links:

Greed, Lies and Glyphosate: The Portier Papers

Europäische Glyphosatbewertung erfolgte qualitätsgesichert und unabhängig

«Die Zulassungsbehörden haben ihren Job nicht gemacht» Interview mit Christopher Portier

Aussage Christopher Portier

1. Aussage Charles W. Jameson

2. Aussage Charles W. Jameson

Aus Platzgründen weggelassen

 

Bildnachweis: Screenshot https://www.ispot.tv/brands/dJB/weitz-and-luxenberg