Die Meldung, dass Glyphosat-Gegner Christopher Portier mindestens 160.000 Dollar Honorar von U.S.-Anwaltskanzleien erhalten hat, ist erst wenige Tage alt, da erreicht uns die nächste Nachricht, die die Internationale Krebsforschungsagentur IARC ins Zwielicht rückt: Die Nachrichtenagentur Reuters meldet, dass ein früherer Entwurf des IARC-Abschlussberichts gravierend von der finalen Fassung der IARC-Bewertung von Glyphosat abweicht. Natürlich scheint es nicht ungewöhnlich, dass Entwürfe bearbeitet werden, doch der Teufel steckt hier im Detail.

Reuters hat sich Kapitel 3 “Cancer in Experimental Animals” des Entwurfs der Glyphosat-Monographie angesehen. Alle anderen Teile des Entwurfs sind vom Gericht noch nicht freigegeben. In dem Kapitel werden Tierversuche mit Glyphosat und Glyphosat-haltigen Formulierungen ausgewertet. Reuters hat u.a. entdeckt, dass mehrmals das Resümee der jeweiligen Studien-Autoren, dass sie keinen signifikanten Zusammenhang mit der Entstehung von Krebs feststellen konnten, entfernt worden war. Zum Teil wurden auch neue statistische Auswertungen hinzugefügt, die eine abweichende Deutung der Studien ermöglichten:

“Reuters found 10 significant changes that were made between the draft chapter on animal studies and the published version of IARC’s glyphosate assessment. In each case, a negative conclusion about glyphosate leading to tumours was either deleted or replaced with a neutral or positive one.”

Zehn Änderungen dieser Art hat Reuters ausgemacht. Es ließe sich nicht erkennen, wer die Änderungen vorgenommen habe, und weder die IARC noch Mitglieder der damaligen Arbeitsgruppe hätten auf Nachfrage reagiert, wie die Änderungen zustande gekommen waren. Statt dessen postete die Agentur eine Meldung auf ihrer Website, dass Entwürfe einen Beratungscharakter hätten und vertraulich seien:

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Andere Einrichtungen würden offener mit ihren Bewertungsunterlagen umgehen, berichtet Reuters und zitiert Jose Tarazona, Leiter der Abteilung Pestizide der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA:

“Anyone can go to EFSA’s website and review how the assessment evolved over time. So you can see clearly how experts … appraised each and every study and also how comments from the public consultation were incorporated into the scientific thinking.”

Im IARC-Bericht wurde sechsmal die Feststellung von Studien-Autoren, dass Glyphosat nicht kanzerogen wirke, durch den Satz ersetzt, dass die IARC-Arbeitsgruppe die Studie nicht auswerten konnte, weil nicht genug Datenmaterial vorhanden gewesen sei. Statt “The authors concluded that glyphosate was not carcinogenic in Sprague Dawley rats” oder “The authors concluded that glyphosate technical acid was not carcinogenic in Wistar rats” stand in der Endfassung der Satz:

“The Working Group was not able to evaluate this study because of the limited experimental data provided in the review article and supplemental information.”

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Quelle: The IARC monographs: critics and controversy

Zwei Mäusestudien waren ausschlaggebend dafür, dass die IARC “sufficient evidence”, also hinreichende Evidenz, dafür feststellen konnte, dass Glyphosat bei Tieren krebserregend wirken kann. Bei beiden Arbeiten stellten die Autoren selbst keinen Zusammenhang zur Entstehung von Tumoren fest. Die IARC ergänzte neue statistische Berechnungen und konnte dann doch einen signifikanten Zusammenhang vorweisen. Wenn die IARC im Bereich der Tierversuche weniger Evidenz festgestellt hätte, wäre eine Einordnung von Glyphosat in die Gruppe 2A (“wahrscheinlich krebserregend”) nicht möglich gewesen. Dann hätte die IARC Glyphosat nur in 2B (“möglicherweise krebserregend”) verorten können, so sehen es die Regularien in der Präambel der IARC-Monographien vor (siehe Schema).

Bereits im Sommer hatte Reuters über die IARC berichtet: Aaron Blair, der Vorsitzende der IARC-Arbeitsgruppe, die im Frühjahr 2015 Glyphosat als „wahrscheinlich krebserregend“ eingestuft hat, erklärte in seiner Aussage vor Gericht, dass bestimmte Forschungsergebnisse, an denen er selbst mitgearbeitet hatte, nicht von der IARC berücksichtigt worden waren. Blair, inzwischen pensioniert, hat jahrelang für das US-amerikanische Krebsforschungsinstitut (U.S. National Cancer Institute) gearbeitet. In dieser Funktion hat er auch an der sogenannten Agricultural Health Study (AHS) mitgewirkt, einer großangelegten Untersuchung mit 89.000 Teilnehmern – Farmarbeitern, Farmern und ihren Familien – in Iowa und North Carolina. Die AHS-Ergebnisse hätte nach dem eigenen Urteil von Aaron Blair die Entscheidung der IARC verändern müssen. Doch diese Informationen konnten für die Entscheidung der IARC nicht berücksichtigt werden, weil die Organisation nach der Präambel zu ihren Monographien nur öffentlich zugängliche Informationen nutzen darf. Das sind in der Regel Artikel aus wissenschaftlichen Fachzeitschriften. Die Ergebnisse zu Glyphosat aus dem Projekt des U.S. National Cancer Institute waren zum Zeitpunkt der IARC-Entscheidung noch nicht publiziert worden und sind es bis heute nicht.

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3 thoughts on “Rausredigiert

  1. Bravo Susanne, das läutet das Ende der manipulierten Pseudo-Diskussionen um Glyphosat ein – HOFFENTLICH… Hier noch das Original-Zitat des aussergewöhnlich ausführlichen Reuters-Reports:

    Kelland Kate (20170614) Cancer agency left in the dark over non-cancer glyphosate evidence, Reuters Investigate, Reuters London 13 pp http://www.reuters.com/article/us-glyphosate-cancer-data-specialreport-idUSKBN1951VZ AND http://www.ask-force.org/web/HerbizideTol/Kelland-Glyphosate-Battle-IARC-left-in-dark-over-noncanxer-evidence-20170614.docx AND http://www.ask-force.org/web/HerbizideTol/Kelland-Glyphosate-Battle-IARC-left-in-dark-over-noncanxer-evidence-20170614.pdf

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