Gentechnik für Kenia

Gentechnik für Kenia

In diesem Blog habe ich einmal einen Offenen Brief von Gilbert Arap Bor veröffentlicht. In dem Schreiben plädiert der Kenianische Bauer an die EU-Parlamentarier, eine Resolution zum Programm New Alliance for Food Security and Nutrition der G8-Staaten nicht anzunehmen.

Jetzt schrieb mich Gilbert über Facebook an: Er hat wieder einen Artikel veröffentlicht und das Deutsche Fernsehen war auf seiner Farm und hat ihn interviewt. Am 23. Juni 2017 werde eine Dokumentation gesendet, freute er sich. Die Dokumentation läuft heute Abend um 19:30 Uhr im Weltspiegel in der ARD und ist bereits online abrufbar:

Leider kommt Gilbert Arap Bor mit seinem Plädoyer für gentechnisch verbesserte Maissorten in dem Film nicht vor. Das ist sehr schade. Daher veröffentliche ich an dieser Stelle seinen Artikel auf Deutsch:

“Ein Bauer aus Kenia fordert die Anbauerlaubnis für Gentechnik-Mais

In diesem Jahr habe ich die Verwüstung der Gegenwart gesehen und war Zeuge der Hoffnung für die Zukunft.

Leider ist derzeit Wahlkampf und alle scheinen am meisten darüber besorgt zu sein, wer am 8. August auf welche Position gewählt werden wird.

Kenia steht vor einer wichtigen Entscheidung für seine Bauern und seine Ernährungssicherheit: Will unsere Regierung weitermachen, sich mit Trockenheit und Schaderregern abzukämpfen oder will sie die Wissenschaft aufgreifen, die unsere Zwangslage mildern und unsere Menschen ernähren kann?

In diesem März habe ich auf meiner kleinen Farm in der Nähe von Eldoret in West-Kenia sechs Hektar Mais als Viehfutter gepflanzt. Aufgrund einer langen Dürre keimte und wuchs der Mais nicht. Daher musste ich im April abermals Mais säen und die zusätzlichen Kosten für das zusätzliche Saatgut tragen. Die meisten meiner Nachbarn teilten dieses leidige Schicksal mit mir.

Für kleine Familienbetriebe wie uns ist das eine gravierende Aufwendung – und damit die Art von Frustration, die uns hinterfragen lässt, warum wir überhaupt Landwirtschaft betreiben.

Die gute Nachricht ist, dass der Regen schließlich kam. Die schlechte Nachricht ist, dass dann ein anderes Problem auftauchte: ein ausufernder Befall mit dem Herbst-Heerwurm, der jeden grünen Aufwuchs verschlingt, einer invasiven Art die eine der am schwierigsten zu kontrollierenden Schädlinge überhaupt ist. Diese Raupen feierten Festmahl auf Pflanzen in meinem ganzen County Uasin Gishu und zwei Dutzend anderer Distrikte, einschließlich die Counties Bungoma, Kakamega, Nandi und Trans Nzoia in Kenias traditioneller Brotkorb-Region.

Ein aktueller Bericht an den Sekretär des Ministeriums für Ackerbau, Nutztierhaltung und Fischerei, Dr. Tuimur, stellt fest, das von 1,92 Millionen Hektar Mais, die durch Kenianische Bauern in diesem Jahr gepflanzt worden sind, mehr als 800.000 bedroht und 200.000 Hektar befallen sind.

Bauern müssen sich ständig Herausforderungen stellen, insbesondere durch Wetter und Schädlinge. So ist das vielleicht unser Los und wir sollten uns nicht beschweren.

Aber das ist nicht das, was ich glaube – zumindest nicht im Zeitalter der Biotechnologie, wenn bewährte Forschung Abhilfe schaffen kann durch ein verbessertes Verständnis von Saatgut-Genetik.

Leider hat Kenia den Anbau gentechnisch verbesserter Nutzpflanzen noch nicht eingeführt. Wir haben gesehen, wie diese Pflanzen den Ackerbau in Nord-und Süd-Amerika und sogar in den Sub-Sahara-Staaten Burkina Faso und Südafrika revolutioniert haben. Dort kommen die Landwirte in den Genuss von Rekordernten, die sie zu einem großen Teil der Biotechnologie verdanken.

Ein aktueller Bericht der Organisation International Service for the Acquisition of Agri-biotech Applications (ISAAA) stellt fest, dass in 2016 die Landwirte rund um den Globus mehr Gentechnikpflanzen angebaut haben als jemals zuvor. Die größte Mehrheit von ihnen sind Kleinbauern in Entwicklungsländern – genau die Art Bauern, die auch die Landwirtschaft in Kenia prägen.

Währenddessen schauen wir in Kenia zu und leiden.

Die Tragödie ist, dass wir wissen, was wir tun müssen, und dies ist, die Gentechnik-Pflanzen anzubauen, die Kenianische Forscher in den letzten Jahren entwickelt und getestet haben. Am 11. Mai begann die Kenianische Organisation KALRO (Kenya Agricultural and Livestock Research Organization) das zweite Jahr mit beschränkten Feldtests, um eine Maissorte zu untersuchen, die den Heerwurm abwehrt.

Ich nahm an der wegweisenden Zeremonie in Kitale teil und war davon beeindruckt, die akribische Planung hinter den Feldversuchen zu erleben. Forscher pflanzten Gentechnik und Nicht-Gentechnik-Mais nebeneinander und sorgten dafür, dass die Pollen nicht bis zu anderen Farmen abdrifteten.

Das ist ein bedeutender Meilenstein, aber genauso gut eine Erinnerung, dass wir uns zu langsam bewegt haben. Wenn diese Gentechnik-Technologie für die Bauern in Kenia in diesem Jahr bereits verfügbar gewesen wäre, hätten wir nicht diese Verluste erleiden müssen, die wir jetzt schon haben, und wären bewahrt worden vor diesen lähmenden Effekten des Herbst-Heerwurmes – und wir wären in einer viel besseren Ausgangslage, um unsere Familien und unser Land zu ernähren.

Stattdessen importierte die Kenianische Regierung, um der akuten Knappheit an Nahrung zu begegnen, Hunderte Tonnen Mais aus Südafrika und Mexiko sowie gelben Mais aus Russland und der Ukraine, genau wissend, dass diese Länder BT-Mais anbauen. Im Prinzip bezahlen sie ausländische Bauern für das, was Bauern in Kenia in der Lage sein sollten zu ernten, wenn sie denn Zugang zu den richtigen Werkzeugen hätten. Außerdem mussten wir nationale Agrar-Fördermittel umverteilen, damit Bauern zusätzliche Pflanzenschutzmittel kaufen konnten. Das ist der einzige Weg, den uns unsere Regierung gewährt, um unsere Pflanzen vor den verheerenden Schäden durch den Heerwurm zu schützen.

Gentechnik-Pflanzen werden nicht alle unsere Probleme lösen, aber sie sind ein klarer Fortschritt, wenn wir versuchen unsere drei Ziele zu erreichen: ein Einkommen für die Bauern, Nachhaltigkeit für die Umwelt durch Reduktion des Pestizideinsatzes sowie Ernährungssicherheit für die Kenianer im ganzen Land.

In diesem Anbaujahr haben wir durch die Schwierigkeiten gelitten und unseren Preis gezahlt. Wir haben auch das Potenzial einer sicheren Lösung gesehen. Nun, um unser Kenia willen, müssen wir moderne Wissenschaft annehmen und uns in Richtung Zukunft bewegen. Die Regierung muss den Anbau der Gentechnik-Maissorten, die durch KALRO entwickelt worden sind, erlauben.”

Dieser Artikel erschien zuerst am 26. Juni 2017 in Daily Nation (Nairobi, Kenia).

 

Bildnachweis: Gilbert Arap Bor

 

 

Wie Kalifornien vor Krebs warnt

Wie Kalifornien vor Krebs warnt

“Kalifornien warnt vor Glyphosat” titelt die Süddeutsche Zeitung. Redakteurin Silvia Liebrich führt aus:

“Der umstrittene Pflanzenvernichter wird dort als krebserregend eingestuft. Am 7. Juli soll er auf eine Liste mit Chemikalien gesetzt werden, deren krebserregende Wirkungen bekannt sind. Das teilte die Behörde für die Einschätzung umweltbedingter Gesundheitsgefahren mit.”

Andere Zeitungen erwecken in ihrer Berichterstattung den Anschein, als hätte hier eine neue Risikobewertung stattgefunden. So reiht Spiegel Online die Einordnung ein in die Reihe von Glyphosat-Bewertungen durch die internationale Krebsforschungsagentur der WHO (IARC), die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) sowie die Europäische Chemikalienagentur (ECHA). Dabei hat die die zuständige Kalifornische Behörde, das California Environmental Protection Agency’s Office of Environmental Health Hazard Assessment (OEHHA), gar keine eigene Beurteilung vorgenommen. Die Faz schreibt gar von einer “schwarzen Liste”.

Worum geht es? Im September 2015 hatte das OEHHA angekündigt, Glyphosat auf die sogenannte Proposition-65-Liste zu setzen. Damit folgt die Behörde schlichtweg ihren Regeln, die vorsehen, eine Substanz auf dieser Liste aufzuführen, sobald die IARC feststellt, dass die Substanz im Tierversuch und/oder beim Menschen Krebs erzeugt. Die IARC hatte im März 2015 in ihrem Bericht festgestellt, dass Glyphosat im Tierversuch krebserregend sei. Somit muss das OEHHA den Herbizid-Wirkstoff  in die Proposition-65-Liste aufnehmen. Monsanto hatte dagegen geklagt, jedoch vor Gericht verloren. Obwohl Monsanto angekündigt hatte, Berufung einlegen zu wollen, meldete das OEHHA jetzt, Glyphosat zum 7. Juli 2017 in die Proposition-65-Liste aufzunehmen.

Die Konsequenz des Listeneintrags ist, dass Hersteller bzw. Verkäufer der Produkte, die gelistete Substanzen enthalten, Warnhinweise veröffentlichen müssen, und zwar direkt auf dem Produkt oder durch Hinweise an der Verkaufsstelle. Auf der Proposition-65-Liste stehen übrigens auch Stoffe wie Acrylamid, Aspirin, die Anti-Baby-Pille, Kaffeesäure, Ruß, Estragol (z.B. enthalten in Basilikum), Östrogene in Präparaten gegen Wechseljahresbeschwerden, Aloe Vera Extrakt, Testosteron, Tabakrauch, Holzstaub, Alkohol aber auch Vitamin A ab einer bestimmten Dosis. Bei alkoholischen Getränken muss der Warnhinweis folgende Sprachregelung enthalten:

“WARNING: Drinking Distilled Spirits, Beer, Coolers, Wine and Other Alcoholic Beverages May Increase Cancer Risk, and, During Pregnancy, Can Cause Birth Defects”

Da die Liste sehr umfangreich ist und nahezu überall Spuren von Substanzen zu finden sind, die im Tierversuch krebserregend sein können, finden wir in Kalifornien einen wahren Schilderwald mit Proposition-65-Warnhinweisen. In jedem Starbucks-Laden sowie in jeder McDonalds-Filiale in Kalifornien müssen Aufsteller vorhanden sein, auf denen vor Acrylamid gewarnt wird, das in Pommes und Kaffee enthalten ist. Beim Betreten von Disneyland, Parkplätzen und anderen Einrichtungen wird gewarnt. Beim Verkauf von Keramik und Brennholz muss – per Gesetz – ebenfalls gewarnt werden.

Auch Bio-Produkte sind zum Teil mit Warnhinweisen ausgestattet, weil sie von Natur aus Stoffe wie Arsen, Blei, Kadmium, Quecksilber oder Nickel enthalten. Das bringt die Hersteller oft in Erklärungsnot. So schreibt Now, ein Hersteller von Bio-Lebensmitteln und Nahrungsergänzungsmitteln auf seiner Website:

“The listing of a chemical under Prop 65 could be the result of tests on laboratory animals. Prop 65 standards for warnings are often very stringent. For example, for reproductive toxicants, the level for warnings is 1000 times lower than the lowest level at which animal studies reported no reproductive health effect. A Prop 65 warning does not automatically mean that the product is unsafe.”

Eine Warnung nach Prosposition 65 auf der Packung bedeutet danach nicht, dass der Verzehr des Produktes wohlmöglich unsicher ist.

Die Süddeutsche schreibt:

“Kalifornien könnte damit der erste Staat in den USA werden, in dem das häufig verkaufte Mittel Roundup, das auf Glyphosat basiert, einen entsprechenden Warnhinweis zur krebserregenden Wirkung auf der Packung trägt.”

Tja, aber wirklich vom Hocker reißen würde das in Kalifornien wahrscheinlich niemanden.

 

Links:

• Proposition-65-Liste

What does warning label from California really mean?