Atomobst

Atomobst

Die Entscheidung des Europäischen Gerichtshof (EuGH) zur Einordnung der modernen Züchtungstechnologien macht Schwächen und Unschärfen der GVO-Freisetzungs-Richtlinie von 2001 (2001/18/EG) deutlich:

Unter “1.” heißt es im Urteil:

“Art. 2 Nr. 2 der Richtlinie 2001/18/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 12. März 2001 über die absichtliche Freisetzung genetisch veränderter Organismen in die Umwelt und zur Aufhebung der Richtlinie 90/220/EWG des Rates ist dahin auszulegen, dass die mit Verfahren/Methoden der Mutagenese gewonnenen Organismen genetisch veränderte Organismen im Sinne dieser Bestimmung darstellen.”

Damit ist eindeutig festgelegt, dass auch Züchtungen, die auf chemischer oder physikalischer Mutation beruhen, genetisch veränderte Organismen (GVO) im Sinne der Richtlinie sind. Die Begründung für diese Festlegung liegt in der vom Gericht maximal weit gefassten Auslegung der Definition von “GVO”:

“Nach der Begriffsbestimmung in Art. 2 Nr. 2 der Richtlinie 2001/18 ist ein GVO ein Organismus mit Ausnahme des Menschen, dessen genetisches Material so verändert worden ist, wie es auf natürliche Weise durch Kreuzen und/oder natürliche Rekombination nicht möglich ist.

Damit sind im Grunde alle Züchtungen, bei denen im Labor nachgeholfen wurde, GVOs. In unserem Sprachgebrauch setzen wir “GVO” mit “Gentechnik” gleich, “GVO” wird in der Regel mit “gentechnisch veränderter Organismus” ausbuchstabiert. Das Gericht macht da einen Unterschied.

Ein Problem ist die Frage, was “natürlich” in dieser Definition bedeutet. Denn wie Ottoline Leyser, Direktor des Sainsbury Laboratory an der Universität Cambridge, in ihrer Stellungnahme zum Urteil feststellt, ist es in der Pflanzenzucht schwierig, eine Linie zwischen natürlich und künstlich zu ziehen:

“Yet drawing a line between the natural and artificial is difficult to say the least. After thousands of years of careful human intervention, most “natural” crops look nothing like their wild ancestor. They have many characteristics that mean they would not last more than a few generations if they had to compete in the wild.”

Unsere heutigen Nutzpflanzen haben mit ihren wilden Urahnen nicht mehr viel zu tun und sie wären ohne jahrhundertelange Auslese und Kombination nie entstanden.

Züchtungen, bei deren Entstehung Strahlung oder Chemikalien zum Einsatz kamen, sind dem EuGH-Urteil zufolge GVOs, aber von der Richtlinie ausgenommen, weil es die Verfahren bereits lange gibt und weil sie als sicher gelten. Viele Lebensmittel unseres täglichen Lebens basieren auf induzierter Mutation, zum Beispiel Hartweizen für Nudeln, Braugerste und Pink Grapefruit.

Die Welternährungsorganisation FAO und die Internationale Atomenergiebehörde IAEA führen eine gemeinsame Datenbank, in der bislang rund 3.200 Sorten aufgeführt sind. Es dürfte noch mehr Sorten geben, weil der Eintrag in diese Datenbank nicht verpflichtend ist.

Von der reinen Methode her betrachtet, gibt es keinen Grund anzunehmen, dass die Verfahren der induzierten Mutation sicherer seien als gerichtete Mutation mit Genome Editing. Die off-Target-Effekte, also die nicht-beabsichtigten Folgen, sind bei den ungerichteten Mutagenese-Verfahren viel zahlreicher und gravierender als bei der gerichteten Mutation. Zum Teil sind die Ergebnisse dieser Verfahren sogar gar nicht lebensfähig. Holger Puchta, Geschäftsführender Direktor des Botanischen Instituts am Karlsruhe Institute of Technology (KIT), erklärte gegenüber Spiegel Online:

“Das Urteil klingt so, als wenn die Richter eine Schrotflinte erlauben, aber ein Skalpell verbieten wollen.”

In Kanada werden neue Sorten ohne Ansehung des Zuchtverfahrens zugelassen. Die entscheidende Frage ist dort, wie neuartig das Produkt ist, egal ob es mit strahleninduzierter Mutation, mit klassischer Gentechnik oder mit Genome Editing  erreicht worden ist. Das ist auch konsequent, denn auch bei konventioneller Züchtung, selbst bei natürlicher Kreuzung, können Ergebnisse entstehen, die die Gesundheit von Menschen beeinträchtigen können. So machte vor ein paar Jahren ein Fall Schlagzeilen, bei dem ein Mann nach dem Genuss selbst gezogener Zucchini gestorben war. Das Gemüse enthielt den Bitterstoff Cucurbitacin, der normalerweise durch Züchtung aus den heutigen Kürbisgewächsen entfernt worden ist.

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Ist ein Bisschen Gentechnik o.k.? Vielen Dank an Twitter-User @5tanco für das Logo!

Vor diesem Hintergrund ist unverständlich, warum für die Schrotflinten-Züchtungen mit Chemikalien und Radioaktivität eine Ausnahme von der GVO-Richtlinie gemacht werden soll. Das sehen auch Grüne Politiker*innen so:

Harald Ebner bezeichnet die alte Mutagenese-Ausnahme also als Fehler. Nun, der Weg steht jetzt offen. Das EuGH-Urteil lässt den Mitgliedsstaaten explizit Möglichkeiten, nationale Sonderwege zu gehen. Im Urteilsspruch heißt es unter “3.”:

“Art. 3 Abs. 1 der Richtlinie 2001/18 ist in Verbindung mit Nr. 1 ihres Anhangs I B, da er die mit Verfahren/Methoden der Mutagenese, die herkömmlich bei einer Reihe von Anwendungen angewandt wurden und seit langem als sicher gelten, gewonnenen Organismen vom Anwendungsbereich der Richtlinie ausschließt, dahin auszulegen, dass den Mitgliedstaaten durch ihn nicht die Befugnis genommen wird, solche Organismen unter Beachtung des Unionsrechts, insbesondere der in den Art. 34 bis 36 AEUV aufgestellten Regeln über den freien Warenverkehr, den in der Richtlinie vorgesehenen Verpflichtungen oder anderen Verpflichtungen zu unterwerfen.”

Damit wäre es z. B. möglich, nationale Vorschriften für eine Kennzeichnungspflicht zu erlassen. Damit könnte man “GVOs durch die Hintertür” verhindern und Wahlfreiheit für die Verbraucher sicherstellen. Herr Ebner übernehmen Sie – oder ist etwa ein bisschen Gentechnik nicht so schlimm?

Harald Ebner schreibt in einem Gastkommentar für die Deutsche Welle:

“Bei der Regulierung nach der Freisetzungsrichtlinie geht es um die Sicherstellung von Transparenz, Rückverfolgbarkeit und Kennzeichnung auch für die, die sich – egal ob aus ethischen, gesundheitlichen oder ökologischen Gründen – gegen die Nutzung oder den Verzehr von Gentechnik-Produkten entscheiden.”

Und auf seiner Website schreibt der Grüne Bundestagsabgeordnete:

“Wer versucht, den Menschen heimlich Genfood unterzujubeln, verspielt wertvolles Vertrauen in Politik und Lebensmittelwirtschaft. Denn die Menschen wollen „wissen, was drin ist“.”

Ich meine ja nur: Wer will schon freiwillig Atomobst essen?

 

Die Entscheidung

Die Entscheidung

Heute hat der Europäische Gerichtshof (EuGH) entschieden, dass Pflanzen, die mit modernen Züchtungsmethoden wie CRISPR/Cas entwickelt worden sind, als gentechnisch veränderte Organismen (GVO) einzustufen sind. Diese Entscheidung ist so nicht erwartet worden, zumal der EU-Generalanwalt Michal Bobek im Januar ein anders lautendes Gutachten vorgelegt hatte.

Mein Kommentar:

In der Tat haben wir hier eine Entscheidung, die nicht auf der Höhe der Zeit ist. GVO ja oder nein wird eng ausgelegt: Alles, was nicht auf natürliche Weise – was auch immer hier “natürlich” bedeutet – oder durch Kreuzungszucht entstanden sein kann, ist ein GVO, also auch Mutagenesezüchtungen. In der Pressemitteilung heißt es:

“… dass durch Mutagenese gewonnene Organismen GVO im Sinne der GVO-Richtlinie sind, da durch die Verfahren und Methoden der Mutagenese eine auf natürliche Weise nicht mögliche Veränderung am genetischen Material eines Organismus vorgenommen wird.”

Aber die alten Verfahren der chemischen bzw. physikalischen Mutagenese sind ausgenommen, weil sie als sicher gelten:

“Aus der GVO-Richtlinie ergibt sich jedoch auch, dass sie nicht für die mit bestimmten Mutagenese-Verfahren, nämlich solchen, die herkömmlich bei einer Reihe von Anwendungen verwendet wurden und seit langem als sicher gelten, gewonnenen Organismen gilt.”

Pflanzen, die mit den modernen Verfahren des Genome Editing gezüchtet worden sind, werden hingegen als GVO eingestuft, weil sie nach Ansicht des Gerichts die gleichen Gefahren mitbringen wie die Produkte der klassischen Gentechnik:

“Denn mit der unmittelbaren Veränderung des genetischen Materials eines Organismus durch Mutagenese lassen sich die gleichen Wirkungen erzielen wie mit der Einführung eines fremden Gens in diesen Organismus, und die neuen Verfahren ermöglichen die Erzeugung genetisch veränderter Sorten in einem ungleich größeren Tempo und Ausmaß als bei der Anwendung herkömmlicher Methoden der Mutagenese. In Anbetracht dieser gemeinsamen Gefahren würde durch den Ausschluss der mit den neuen Mutagenese-Verfahren gewonnenen Organismen aus dem Anwendungsbereich der GVO-Richtlinie deren Ziel beeinträchtigt, schädliche Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit und die Umwelt zu verhindern.”

Gerade diese Passage sorgt bei Forschern und wissenschaftlichen Institutionen für Unverständnis. Denn auch institutionell geförderte Sicherheitsforschung in der EU hat längst gezeigt, dass es per se bei gentechnisch optimierten Pflanzen keine größeren Risiken gibt als bei konventioneller Züchtung. Die schon klassische Formulierung dazu findet sich in der Veröffentlichung “A decade of EU-funded GMO research (2001 – 2010)” der EU-Kommission aus dem Jahre 2010 (S. 16):

“The main conclusion to be drawn from the efforts of more than 130 research projects, covering a period of more than 25 years of research, and involving more than 500 independent research groups, is that biotechnology, and in particular GMOs, are not per se more risky than e.g. conventional plant breeding technologies.”

Grüne Gentechnik ist seit mehr als 20 Jahren auf den Feldern und in den Supermärkten, und zwar ohne Super-Gau. Reicht das nicht, um als sicher zu gelten?

Dass es bei chemischer und physikalischer Mutagenese bisher zu keinen größeren Zwischenfällen gekommen ist, ist purer Zufall, weil diese Techniken eine noch viel größere Eingriffstiefe mitbringen – viel unnatürlicher sind – als klassische Gentechnik oder als Genome Editing.

Aus meiner Sicht steht jetzt die alte GVO-Richtlinie zur Diskussion, und zwar schnellstmöglich, wenn man international nicht den Anschluss verlieren will.

Einige Reaktionen:

 

Links

• Urteil

• Pressemitteilung zum Urteil

• Stellungnahme des BMEL

Stellungnahme des VBIO

Stellungnahme des Bundesverbandes Deutscher Pflanzenzüchter

Stellungnahme des DBV

• Stellungnahme der Deutschen Industrievereinigung Biotechnologie e.V.

 

Bildnachweis: EC – Audiovisual Service / Photo: G. Fessy

 

“Das wäre staatlich verordnete Ineffizienz”

“Das wäre staatlich verordnete Ineffizienz”

Am 25. Juli 2018 wird der Europäische Gerichtshof entscheiden, ob neue Züchtungstechnologien wie CRISPR/Cas unter das Gentechnik-Recht fallen sollen oder nicht. Grünen-Chef Robert Habeck hatte sich zuletzt dafür ausgesprochen, dass der Einsatz dieser Techniken auf jeden Fall reguliert werden muss. Die FDP-Bundestagsabgeordnete Carina Konrad plädiert für einen pragmatischen Ansatz im Umgang mit den neuen Technologien.

Frage: Frau Konrad, in Ihren Bundestagsreden ergreifen Sie Partei für die Landwirtinnen und Landwirte im Land. Welche Rückmeldungen haben Sie dazu bislang bekommen?

Antwort: Ich bin selbst Agraringenieurin, Landwirtin und Mutter. Diesem direkten Bezug zur Landwirtschaft verdanke ich meinen Antrieb und meine Motivation, mich in landwirtschaftliche Debatten einzubringen. Die Landwirtschaft ist viel besser als ihr Ruf. Auf meine Arbeit bekomme ich viel positive Resonanz aus der Landwirtschaft direkt und aus dem vor- und nachgelagerten Bereich. Besonders auch von Frauen, die mich für meinen Einsatz loben. Das freut mich sehr.

Frage: Gab es auch negative Resonanz?

Antwort: Klar. Wenn man eine Haltung hat, finden sich immer auch Menschen, die eine andere Haltung haben. Das ist ja auch gut so und ein wichtiger Bestandteil unserer Oppositionsarbeit. Als ich mich beispielsweise gegen einen nationalen Glyphosat-Ausstieg positioniert habe, gab es natürlich auch Gegenwind. Damit kann ich umgehen. Erschreckend finde ich aber die Verrohung der Sprache in sozialen Netzwerken. Wenn man mit Sprache konfrontiert wird, die weder sachlich noch an der Sache ist und die man, glaube ich, nie jemandem persönlich ins Gesicht sagen würde, schockiert das.

Frage: “Insektensterben”, “Nitrat-Klage”, “Glyphosat-Ausstieg”, “Massentierhaltung” – die öffentliche Debatte über Landwirtschaft wird von Schlagworten dominiert. Welche inhaltlichen Schwerpunkte setzen Sie in Ihrer Arbeit?

Antwort: Ich möchte meinen Teil dazu beitragen, die Abschaffung der Landwirtschaft in Deutschland aufzuhalten. Verbot von synthetischen Pflanzenschutzmitteln, Verschärfung der Düngeverordnung, das alles sind politische Forderungen, die sich aus diesen populistisch geführten Debatten ergeben. Diskutiert wird dabei von selbsternannten Experten, die das Thema Landwirtschaft missbrauchen, um in der Wählergunst der Nichtlandwirte zu steigen, indem sie mit falschen, vermeintlich wissenschaftlichen Studien, Angst und Panik verbreiten. Statt vor Ort die Probleme mit den Akteuren gezielt anzugehen und nach Lösungen zu suchen, wird regelmäßig eine neue Sau durchs Dorf getrieben. Das führt nicht zu Verbesserungen, sondern zerstört die Existenz der landwirtschaftlichen Familienbetriebe, genau die also, die wir doch eigentlich erhalten wollen. Junge, gut ausgebildete Landwirte gehen lieber woanders arbeiten, statt den Hof zu übernehmen. Damit wird sich die Produktion weiter ins Ausland verlagern, die Hühnerhaltung hat das bereits gezeigt. Für den Verbraucher verbessert sich nichts, für die Umwelt verbessert sich nichts.

Frage: Grünen-Chef Robert Habeck hat kürzlich im Interview mit der FAZ (€) behauptet, die anderen Parteien hätten sich zu den neuen Züchtungstechnologien wie CRISPR/Cas und Co noch gar nicht positioniert. Stimmt das? Hat die FDP dazu keine Meinung?

Antwort: Wir Freie Demokraten setzen auf einen vorurteilsfreien und transparenten Umgang mit neuen Technologien, so auch bei der Gentechnik und den neuen Züchtungsmethoden. So steht es auch in unserem Wahlprogramm. Interessant ist aber schon, dass diese Kritik ausgerechnet von den Grünen kommt. Ich erinnere daran, dass Herr Habeck, als er das Thema “neue Züchtungsmethoden” lautstark auf die Agenda gesetzt hat, umgehend von Herrn Häusling in die Schranken gewiesen wurde.

Frage: Herr Habeck will, dass die modernen Verfahren auch reguliert werden sollen wie die klassische Gentechnik. Wie sehen Sie das?

Antwort: Das wäre staatlich verordnete Ineffizienz. Die neuen Züchtungsmethoden unterliegen bereits strengen Vorgaben und wir brauchen insbesondere in der Landwirtschaft Pflanzensorten, die sich schneller an Klimaveränderungen und Krankheiten anpassen können. Ich sehe hier also ganz konkret die Chancen: Ohne die von Herrn Habeck angestrebten Regulierungen könnten alle enorm von Züchtungsfortschritten profitieren. Im Ökolandbau könnte man vor allem beim Wein, aber auch in Kartoffeln und anderen Kulturen Pilzresistenzen enorme Kupfermengen einsparen, die derzeit dort nicht zu ersetzen sind und u. a. schädlich auf die Regenwürmer wirken. Und in der konventionellen Landwirtschaft könnten Pflanzenschutzmittel eingespart werden durch Resistenz gegen Schädlingsfraß bei Mais, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Mittels Genome Editing entwickelte Pflanzen unter die Definition für einen gentechnisch veränderten Organismus zu stellen, wäre ein herber Schlag für den Forschungs- und Wirtschaftsstandort Deutschland. Denken Sie an alle kleinen und mittleren Unternehmen, die kaum noch eine Chance hätten, mit den großen mitzuhalten, weil die Verfahren schlichtweg zu teuer würden. Da sie ihren Standort nicht mal eben ins Ausland verlagern können, wären sie von Zukunftstechnologien abgeschnitten. Neue Züchtungsmethoden mit den hohen bürokratischen Gentechnikauflagen zu belasten, hilft nur den großen Anbietern von Saatgut und koppelt die kleinen – oft noch von Familien geführten – Zuchtbetriebe vom Markt ab. Das kann meinem Verständnis nach nicht im Sinne der Zukunft deutscher Forschung und Innovation sein. Schließlich sind es besonders die regionalen Züchter, die schnell auf die Gegebenheiten vor Ort eingehen können und ihren Standort kennen.

Frage: Im Koalitionsvertrag schreiben die Regierungsparteien: “Im Anschluss an die noch ausstehende Entscheidung des Europäischen Gerichtshofes (EuGH) zu den neuen molekularbiologischen Züchtungstechnologien werden wir auf europäischer oder gegebenenfalls nationaler Ebene Regelungen vornehmen, die das Vorsorgeprinzip und die Wahlfreiheit gewährleisten.” Haben Sie schon einen Tipp, in welche Richtung sich die Bundesregierung bewegen wird?

Antwort: Die fehlende Absprache und die Disharmonie zwischen den zuständigen Ministerien sind offenbar. Sagt Klöckner “hüh”, sagt Schulze “hott” und umgekehrt. Durch die Vereinbarung im Koalitionsvertrag hält sich die SPD das Hintertürchen der nationalen Regelung offen und die Erfahrung aus der letzten Legislatur zeigt ja die Durchsetzungsstärke der SPD.

Frage: Was macht Sie da so sicher?

Antwort: Das Bundesumweltministerium hat ja bereits vorgesorgt. In puncto Wahlfreiheit wurden ja durch die Fachstelle für Gentechnik und Umwelt frühzeitig die Meinungen bestellt, die demnächst gebraucht werden. Das ist ein bisher einmaliger Vorgang in einer Bundesregierung. Ich bin entsetzt darüber, dass die Bundesregierung mit der Beauftragung einer sogenannten „Fachstelle für Gentechnik und Umwelt“ offiziell Forschungspolitik durch Meinungspolitik ersetzt. Wer hier Expertise und eine ausgewogene Darstellung von fachlich aufgearbeiteten Argumenten erwartet, wird leider maßlos enttäuscht. Hier werden keine Fachleute mit unabhängiger wissenschaftlicher Expertise benannt, stattdessen setzt man auf Meinungsbildung mit selbsternannten Experten, die bekannte Gentechnikgegner sind. Diese bekommen hierdurch einen offiziellen Anstrich, obwohl der so aussehen müsste, dass sie unabhängig und vor allem unvoreingenommen bewerten, ohne ihr Ergebnis zuvor schon zu kennen. Man muss sich das mal vorstellen: Hier soll ein Beirat, dem Aktivisten durchweg gentechnikkritischer NGOs angehören, beobachten, wie NGOs sich effektiv in die gesellschaftliche Meinungsbildung einbringen können. Das wäre so, als würde eine von der Bundesregierung eingerichtete Fachstelle für Kernenergie und Atomsicherheit mit dem Deutschen Atomforum besetzt. Der Aufschrei wäre – zu Recht – riesig und die Welle der Empörung groß. Genauso ist das hier. Das Ergebnis ihrer Beratung steht bereits heute fest, und schlimm daran ist, dass die Informationen, die Fachstelle und Beirat “dem öffentlichen Diskurs” zur Verfügung stellen werden, auch noch faktisch falsch sind.

Frage: Wenn Sie auf die vergangenen Monate zurückblicken, was hat Sie am meisten überrascht?

Antwort: Dass es so lange gedauert hat, bis die Menschen verstanden haben, warum Jamaika nicht funktionieren konnte.

Frage: Und am meisten gefreut?

Antwort: Dass meine Familie mich mit Rat und Tat und Verständnis unterstützt, denn ohne diese Unterstützung wäre das alles nicht möglich.

 

Zur Person:

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Carina Konrad wurde 1982 im Hunsrück geboren. Dort bewirtschaftet sie heute mit ihrer Familie einen landwirtschaftlichen Betrieb mit Ackerbau und Viehzucht. Sie ist verheiratet und hat drei Kinder. Die studierte Agraringenieurin (FH) wurde 2017 erstmals in den Deutschen Bundestag gewählt. Carina Konrad ist stellvertretende Vorsitzende des Ausschusses für Ernährung und Landwirtschaft.

Bildnachweis: Peter Dhein, pd Fotografie

 

 

Bildnachweis: Peter Dhein, pd Fotografie

Kommentar: Rolle rückwärts

Kommentar: Rolle rückwärts

“Wir dürfen uns nicht von Ängsten leiten lassen”, betitelt (€) die FAZ heute ein Interview mit dem Grünen-Vorsitzenden Robert Habeck. Doch wer sich angesichts dieser Headline Hoffnung gemacht hatte, dass Habeck hier die kürzlich angestoßene offene Debatte um Grüne Gentechnik weiterführt, wird bitter enttäuscht.

Statt nüchtern über Vor- und Nachteile klassischer Gentechnik und neuer Züchtungstechnologien zu diskutieren, entwickelt der Parteichef in seinen Antworten die übliche grüne Rhetorik: Bayer habe mit Monsanto auch den “extrem verstörenden” Ruf von Glyphosat erworben. Es sei weltweit genug Nahrung (“ausreichend Kalorien”) da, sie werde nur nicht gut verteilt. Direktzahlungen wirkten wie Exportsubventionen und schädigen afrikanische Märkte. Der Hunger in Mangelregionen mache Länder zwar politisch instabil, das sei aber kein Grund, “den industriellen Kreislauf der Landwirtschaft noch schneller” zu drehen. CRISPR/Cas und Co sei letztlich auch Gentechnik – was sonst? Konzerne brächten über Saatgut-Patente die Bauern in Abhängigkeit. Gentechnik werde immer nur in Kombination mit Pestiziden auf den Acker gebracht.

Zu den neuen Züchtungstechnologien positioniert sich Robert Habeck folgendermaßen:

“Diese neue Technik bringt kein artfremdes Gen ein, sondern simuliert einen natürlichen Prozess, im Schnellverfahren. Die Forscher sagen, es sei von natürlichen Verfahren nicht zu unterscheiden. Wenn es Saatgut gäbe, das mit weniger oder gar ohne Pestizide auskäme, wäre es für alle, auch meine Partei, eine echte Herausforderung, sich zu positionieren. In jedem Fall aber müssen solche Verfahren reguliert und kontrolliert werden.”

Selbst für den Fall, dass der EuGH in der kommenden Woche entscheidet, dass die neuen Züchtungstechnologien nicht unter die Gentechnik-Gesetzgebung fallen, fordert Habeck:

“Das Vorsorgeprinzip muss gelten. Zu sagen, das ist keine Gentechnik und deswegen regulieren wird das nicht, fände ich fatal. Es muss kontrollierte Anbauversuche und Testreihen geben. Bisher haben wir einen völlig unregulierten Zustand. Deshalb ist die Debatte zwingend.”

Was nützt es, wenn die Grünen nicht mehr “gegen” die neuen Züchtungstechnologien sind, aber eine Regulierung dieser Verfahren fordern? Gar nichts nützt das! Müssten etwa CRISPR-Pflanzen genauso reguliert werden wie mit klassischer Gentechnik entwickelte Nutzpflanzen, würden wieder nur die großen Konzerne von diesen Technologien profitieren. Denn die Technik ist nicht kostspielig, wohl aber die aufwendigen Auflagen der Gentechnik-Regulierung.

Die zitierten Statements zeigen zudem mehrere Missverständnisse und Inkonsquenzen auf:

• Bereits mit klassischer Gentechnik sind Pflanzen entwickelt worden, die mit weniger Pestiziden auskommen: Bt-Mais und Bt-Auberginen sind resistent gegen Schädlingsfraß, wodurch massiv Insektizide eingespart werden können. Dieser Vorteil wurde mehrfach wissenschaftlich bestätigt. Warum ist das für die Grünen nicht schon Anlass genug, das Thema Gentechnik ergebnisoffen neu aufzurollen?

• Wenn sich das Ergebnis nicht von den Ergebnissen “natürlicher Verfahren” unterscheidet, warum soll dann das eine Ergebnis (Genome Editing) kontrolliert und reguliert werden, das andere (“natürliche Verfahren”) aber nicht? Wenn ich hier das Vorsorgeprinzip anführe, muss ich doch in letzter Konsequenz das natürliche Produkt erst recht testen und regulieren, weil ich das mit all seinen Eigenschaften viel schlechter kenne. Und was ist überhaupt mit den Produkten chemischer und radioaktiver Mutagenese? Manche Ergebnisse dieser Verfahren sind so massiv verändert, dass sie gar nicht lebensfähig sind. Hier soll das Vorsorgeprinzip nicht greifen? Das ist inkonsequent.

• Auch konventionelle Züchtungen werden nicht “völlig unreguliert” und unkontrolliert auf den Markt gebracht. Basis für die Zulassung ist das Saatgutverkehrsgesetz. Nach diesem Gesetz kann die Zulassung versagt werden, “wenn hinreichende Gründe für die Annahme bestehen, dass die Sorte ein Risiko für die Gesundheit von Menschen, Tieren oder Pflanzen oder die Umwelt darstellt, insbesondere, wenn der Anbau die Gesundheit von Menschen, Tieren oder Pflanzen oder die Umwelt gefährdet.”

Als die Debatte um die Gentechnik von der grünen Parteispitze losgetreten wurde, gab es in den Sozialen Netzwerken unter dem Hashtag “#Gentechnikwende” unzählige Gesprächsangebote von Wissenschaftlern. Das wäre doch eine ideale Gelegenheit, seine Kenntnisse aufzufrischen und zu erweitern sowie offene Fragen zu klären, sollte man meinen. Nach diesem Interview habe ich den Eindruck, das ist gar nicht gewollt, und Robert Habeck sucht einen Weg zurück zu den üblichen ausgetretenen Pfaden.

Bildnachweis: Bündnis 90/Die Grünen Nordrhein-Westfalen (CC BY-SA 2.0)

Grüne Gentechnik: Den Grünen nicht grün

Grüne Gentechnik: Den Grünen nicht grün

Die neue Parteispitze der Partei Bündnis 90/Die Grünen hat am Wochenende mit einem Startkonvent in Berlin einen Erneuerungsprozess angestoßen. Das Ziel ist, bis 2020 ein neues Grundsatzprogramm zu entwickeln. Mit auf den Prüfstand: Die bislang pauschale Ablehnung der Grünen Gentechnik, das heißt: die Ablehnung des Einsatzes moderner molekularbiologischer Methoden in der Züchtung von Nutzpflanzen und -tieren. Denn die Grünen betrachten auch neue Züchtungstechnologien wie CRISPR/Cas, die unter dem Oberbegriff “Genome Editing” zusammengefasst werden, als Gentechnik und fordern, dass Pflanzen und Tiere, die mit Hilfe dieser Verfahren gezüchtet werden, genau so reguliert werden, wie die mit klassischer Gentechnik entwickelten Sorten.

Im Anschluss an die Veranstaltung in Berlin entwickelte sich auf Twitter eine intensive Diskussion, in die sich auch Wissenschaftler einklinkten. Gestern brachte Martin Häusling, Landwirt und für die Grünen im EU-Parlament, ein Positionspapier in die Debatte ein. Sein Ziel:

“Damit können wir unsere Mitglieder genauer und besser informieren und in die Lage versetzen, die klare Haltung gegen Gentechnik und die Risiken zu formulieren. Das ist dringend notwendig, denn inzwischen wird immer häufiger positiv über diese Methodik in den Medien berichtet und es bedarf einiges fachliches Hintergrundwissen, um die Nachteile sauber benennen und gut argumentieren zu können.”

Den ersten Aspekt, den sich Häusling vornimmt, ist die Aussage, dass CRISPR-Pflanzen nicht von den Produkten klassischer Züchtung zu unterscheiden sind, weil keine Fremd-DNA enthalten ist. Er kritisiert, dass die Folgen des Genscheren-Einsatzes aber völlig unbekannt seien. Hierzu ist jedoch zu sagen, dass die Folgen klassischer Züchtungsverfahren noch unbekannter sind: Während ich beim Genome Editing gezielt bestimmte Sequenzen im Code ändere, mische ich bei der Kreuzungszüchtung die Genome der Elternpflanzen mit unbekanntem Ausgang.

Erst recht unbekannt sind die Ergebnisse bei Strahlen- bzw. Chemikalien-induzierter Mutation. Ausgerechnet der Bericht des Wissenschaftlichen Beirats der EU-Kommission (High Level Group of Scientific Advisors), den Häusling selbst als Referenz anführt, bestätigt das (S. 89):

“The genome editing techniques (belonging to the NBT) may be accompanied by few unintended effects (section 3.3, in particular 3.3.1). However, in general the genome editing techniques show a much lower number or complete lack of unintended mutations as compared to organisms (plants, animals, microorganisms) obtained via CBT, in particular when compared to mutation breeding/ induced mutagenesis.”

Bei diesen Verfahren wird Radioaktivität bzw. Chemie eingesetzt, um Mutationen zu erzeugen, die in der Natur nicht vorkommen. Die Ergebnisse dieser Methoden sind zum Teil gar nicht lebensfähig. Die beliebte Pink-Grapefruit-Sorte Star Ruby ist zum Beispiel ein Ergebnis der Züchtung mit Strahlung.

Dann beschwert sich Martin Häusling, dass man in den USA Do-it-Yourself-Kits bestellen kann, mit denen sich das Erbgut von Bakterien verändern lässt, deren Einsatz in Europa aber nicht legal ist. “Ja, und?” möchte man fragen, was hat das mit der Ausgangsfrage zu tun? Häusling dramatisiert:

“Die Risiken werden zu Gunsten einer wissenschaftsoptimistischen Haltung für Jedermann und Jedefrau ausgeblendet. Bei einer Technologie mit einer derartig möglichen Eingriffstiefe (Beispiel: Ausrottung ganzer Arten durch die Züchtung unfruchtbarer Insekten).”

Von Veränderungen an Coli-Bakterien bis zu gentechnisch veränderten Mücken, die eine ganze Population zusammenbrechen lassen können, ist es ein weiter Weg. Hier wird hoffnungslos übertrieben. Der EU-Abgeordnete gesteht zu, dass Regulierung zur Stärkung großer Konzerne führt und wägt ab:

“In der Abwägung von „Alle-dürfen-Schöpfungen-basteln“ und „Förderung-GenTec-durch-Regelabbau“ spreche ich mich eindeutig für die strenge Regulierung aus – MIT einem Monitoring zum Verhalten des Organismus nach der Zulassung.”

Warum er die Regulierung jetzt vorzieht, bleibt sein Geheimnis. Als “Argument” präsentiert Häusling nur das für ihn grausige Bild, dass Jedefrau in ihrer Garage Gentec-Mücken züchtet. Ein Argument gegen Regulierung ist, dass der angesichts von Bevölkerungswachstum und Klimawandel dringend notwendige Fortschritt verzögert wird. Der EU-Abgeordnete behauptet, dass klassische Züchtung zum Beispiel bei Krankheitsresistenzen von Apfelsorten bessere Erfolge bringt:

“Fazit: Die klassische Resistenzzüchtung ist immer noch schneller sowie effizienter und dabei sicherer hinsichtlich der Effekte auf die Umwelt.”

Nun wundere ich mich, wo denn die wunderbaren resistenten Apfel- und Weinsorten zu finden sind? Der Grund, warum die neuen Züchtungstechnologien so vielversprechend sind, ist nämlich, dass mit CRISPR/Cas und Co Resistenzeigenschaften in bewährte Marktsorten eingebaut werden können. Bei Kreuzungszüchtung hingegen gehen zuweilen erwünschte Eigenschaften wie Lagerfähigkeit, Farbe und Reifezeitpunkt wieder verloren. In diesem Video erklärt Prof. Dr. Viola Hanke vom Julius Kühn-Institut in Dresden-Pillnitz die Vorteile:

Wenn denn nun die klassische Züchtung so erfolgreich ist, warum müssen Öko-Weinbauern immer noch Kupfer einsetzen? Und: Letztlich entscheidet der Markt, welche Sorten angebaut werden. Schorf-Resistenz gehört nicht zu den am häufigsten nachgefragten Apfel-Eigenschaften. So findet sich auf dem Portal oekolandbau.de der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung unter “Ökologischer Apfelanbau” der Vermerk:

“Die Sortenwahl wird wesentlich durch den Vermarktungsweg beeinflusst: Während in Direktvermarktungsbetrieben eine größere Sortenvielfalt möglich ist, muss man sich bei Abhängigkeit vom Großhandel auf die gängigen Marktsorten beschränken.

In den letzten Jahren an Bedeutung zugenommen haben Braeburn und Gala. Die Ursache hierfür liegt ausschließlich in der hohen Nachfrage am Markt, da beide Sorten aufgrund ihrer hohen Anfälligkeit gegenüber verschiedenen Schaderregern (Schorf, Krebs, Feuerbrand, Spinnmilben) für den Öko-Anbau kaum geeignet sind.”

Auch in Sachen Salz- und Trockenheitstoleranz solle sich die Züchtung an der Natur orientieren, findet Martin Häusling:

“Im Gegensatz zur Gentechnik bietet das Prinzip der Bionik (sich von der Natur
ausgetestete Techniken abschauen, anstatt sie selbst nur halb so perfekt zu
erfinden) deutlich mehr Effizienz und Sicherheit.”

Die Sinnhaftigkeit dieser These mal dahingestellt, der Witz ist: Gerade CRISPR/Cas ist eine Technik, die von der Natur abgeschaut ist. Sie beruht nämlich auf der Strategie von Bakterien, sich gegen den Angriff von Viren zur Wehr zu setzen. Der Wissenschaftsjournalist Andreas Sentker von der Zeit hat daher Verfahren dieser Art als “naturidentische Gentechnik” bezeichnet.

Bio-Landwirt Häusling resümiert:

“Fazit: Erst müssen die immer noch ungenutzten Potentiale von Landnutzung und Anbautechniken sowie Austausch von alten Sorten ausgeschöpft werden.”

Auch dieses Zwischenfazit hängt argumentativ im luftleeren Raum: Warum sollten diese traditionellen Methoden besser sein? Häusling setzt voraus, was er begründen will. Mein Eindruck ist: Die Gentechnik-Gegner sind so gewohnt, dass ihre geschwollenen Thesen voller Natürlichkeit und Ursprünglichkeit gar nicht hinterfragt werden, dass ihnen gar nicht bewusst ist, dass Natürlichkeit und Ursprünglichkeit keinen Wert an sich haben, solange Menschen unterernährt sind auf dieser Welt.

Das Potenzial agrarökologischer Methoden sei noch gar nicht ausgeschöpft, die Forschung werde zu wenig gefördert, so der EU-Abgeordnete. Das mag sein, aber hier ist auch im Gegensatz zur Biotechnologie kein großer Wurf in Sicht. Auf Basis des Wissens, das wir bereits haben, lässt sich ja abschätzen, wo Verbesserungspotenziale sind. Eine disruptive Technologie ist im Ökolandbau schlichtweg nicht in Sichtweite, in der auf Molekularbiologie basierenden Pflanzenzüchtung haben wir eine: Genome Editing.

Der Verbraucher wolle keine Gentechnik, führt Martin Häusling weiter aus, wenn die neuen Methoden nicht unter die Gentechnik-Regulierung fallen, könne man die Gentechnikfreiheit des Saatguts nicht mehr garantieren etc. Das sind alles Phrasen, die voraussetzen, dass die neuen Züchtungstechnologien überhaupt als Gentechnik anzusehen sind. In dieser Sache wird voraussichtlich in diesem Sommer der Europäische Gerichtshof eine Entscheidung fällen. Indem die Grünen bislang Genome Editing mit der klassischen Gentechnik gleichsetzen, versuchen sie alte Vorurteile auf CRISPR/Cas und Co zu übertragen. Aber auch die alten Vorurteile sind schon falsch. Der britische Autor und frühere Umweltaktivist Mark Lynas hat die Grünen-Fraktion im EU-Parlament massiv für ihre sture und unwissenschaftliche Haltung zur Gentechnik kritisiert:

“We don’t need farming by bureaucratic diktat – we need to do what works, producing most food at minimum environmental impact. There will of course be many ways to do this. The science is clear that in general GMO traits have contributed to sustainability (even the hated herbicide tolerance trait helps promote no-till and soil carbon retention).”

Die Datenlage ist klar – es wird Zeit, dass die Grünen, sie endlich zur Kenntnis nehmen.

 

Bildnachweis: Screenshot “POSITIONSPAPIER Zur Diskussion über neue Züchtungstechniken und CrisprCas im Grundsatzprogramm Bündnis90/Grüne”

 

 

 

 

 

Ein Gläschen in Ehren …

Ein Gläschen in Ehren …

Dem Jahrbuch Sucht 2018 zufolge, das Ende März erschienen ist, nimmt der Bundesbürger ab 15 Jahren im Jahr mehr als 10 Liter Reinalkohol zu sich. Doch wie gefährlich ist dieser Konsum eigentlich? Ich habe dazu mal einen Wissenschaftler befragt: Dr. Dirk Lachenmeier vom Chemischen und Veterinäruntersuchungsamt Karlsruhe.

Frage: Der Alkohol-Atlas des Deutschen Krebsforschungszentrums, der im vergangenen Herbst zum ersten Mal erschienen ist, meldet 20.000 durch Alkohol bedingte Todesfälle im Jahr. Warum findet diese Zahl in der Öffentlichkeit keine Resonanz?

Antwort: Das Trinken von Alkohol wird bereits seit 1988 von der Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation (WHO-IARC) als „krebserregend für den Menschen“ in Gruppe 1 eingestuft. Es liegt daher ein gesicherter wissenschaftlicher Nachweis für diesen Zusammenhang vor (im Gegensatz zu z.B. Glyphosat, das ja nur „wahrscheinlich krebserregend“ (Gruppe 2A) ist). Diese Bewertung wurde nachfolgend in den Jahren 2010 und 2012 durch die WHO-IARC bestätigt. Seit 2010 wurde auch der Stoff „Ethanol in alkoholhaltigen Getränken“ als „krebserregend für den Menschen“ eingestuft. Leider ist somit der Alkohol selber das krebserregende Element, und nicht vermeidbare Stoffe wie Nitrosamine, was man einige Zeit angenommen hatte. In Nachfolge zu den WHO-IARC-Bewertungen gab es regelmäßig eine Presseresonanz in allen namhaften Medien. Somit kann nicht von „keiner Resonanz“ gesprochen werden. Allerdings ist es auch nach meinen Beobachtungen richtig, dass das Thema bei den Verbrauchern kaum bekannt ist. Möglicherweise hängt das auch damit zusammen, dass die Verbraucher für bewusst in Kauf genommene Gefahrenquellen (wie eben Alkoholkonsum, aber denken Sie auch an sportliche Aktivitäten wie Skifahren oder Paragliding) ein höheres Risiko akzeptieren, als für Gefahrenquellen, denen sie unbewusst ausgesetzt sind, wie z.B. Glyphosatrückstände in Bier oder Schwermetalle im Trinkwasser (siehe z.B. unsere Arbeit in BMC Medicine zu diesem Thema).

Frage: Wie schädlich ist Alkohol denn aus Ihrer Sicht?

Antwort: Laut WHO kann Alkohol die Ursache für mehr als 200 gesundheitliche Störungen sein. Die Hauptursachen für Todesfälle im Zusammenhang mit Alkoholkonsum sind Leberzirrhose, Krebs und Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems, sowie Unfälle. Die WHO schätzt, dass 15 Prozent aller Todesursachen in Europa mit Alkohol in Verbindung stehen.

Frage: Welche Krebsarten werden durch Alkohol verursacht?

Antwort: Laut WHO-IARC besteht ein kausaler Zusammenhang zwischen Alkoholkonsum und dem Vorkommen von malignen Tumoren von Mundhöhle, Rachenhöhle, Kehlkopf, Speiseröhre, Leber, weiblicher Brust und Kolorektum.

Frage: Sind die Mengen, die von Natur aus in Lebensmitteln sind, zum Beispiel in Brot und reifen Früchten sowie in daraus gewonnenen Säften, auch schädlich?

Antwort: Nein, die Mengen sind sehr gering und werden unmittelbar verstoffwechselt.

Frage: Gibt es eine bestimmte Menge Alkohol, die bei täglichem Verzehr als unbedenklich gilt?

Antwort: Für alkoholische Getränke wurden Grenzwerte für risikoarmen Konsum definiert. Siehe: https://www.kenn-dein-limit.de/alkohol/risikoarmer-alkoholkonsum/. Danach sollten Frauen nicht mehr als 12 Gramm reinen Alkohol oder – anders gesagt – ein Standardglas pro Tag konsumieren. Für Männer gilt: nicht mehr als 24 Gramm reinen Alkohol pro Tag. Das sind maximal zwei Standardgläser. Beide – Männer wie Frauen – sollten an mindestens zwei Tagen pro Woche ganz auf Alkohol verzichten.

Frage: Warum vertragen Frauen Alkohol wesentlich schlechter als Männer?

Antwort: Laut WHO hat Alkohol bei Frauen generell eine schädlichere Wirkung. Aufgrund des im Vergleich zu Männern niedrigeren Wasseranteils erreicht der Alkohol im weiblichen Körper eine höhere Konzentration – und damit eine höhere Toxizität. Außerdem wird das Enzym, das den Alkohol abbaut, vom weiblichen Körper in geringeren Mengen produziert, so dass der Alkoholabbau hier länger braucht.

Frage: Es gibt Studien, die angeblich zeigen, dass moderater Alkoholkonsum günstiger für die Gesundheit ist als Abstinenz. Was ist davon zu halten?

Antwort: Diese Studien sind in der Wissenschaft stark umstritten. Insbesondere in älteren Studien wurde der sogenannte Sick-Quitter-Effekt nicht ausreichend berücksichtigt, dabei wurden frühere Trinker, die zumeist aus gesundheitlichen Gründen mit dem Trinken aufgehört haben in die Gruppe der Lebenszeit-Abstinenzler gemischt und zusammen als Referenzgruppe definiert, die dann ein höheres Risiko aufwies als die Gruppe der leichten oder moderaten Trinker. Neuere Studien mit ausgefeilteren statistischen Modellen konnten den Effekt nicht mehr belegen.

Frage: Es gibt Meldungen, dass bestimmte Inhaltsstoffe im Rotwein, die Flavonoide, vor Herz-Kreislauf-Krankheiten schützen sollen. Würden Sie dem zustimmen?

Antwort: Es ist wahrscheinlich richtig, dass die isoliert untersuchten Substanzen solche Effekte haben können. Die Konzentrationen im Rotwein sind allerdings so gering, dass eine protektive Wirkung auszuschließen ist (siehe z.B. unsere Arbeit im International journal of cancer).

Frage: Gibt es aus Ihrer Sicht des Wissenschaftlers Wünsche an die Politik, etwas eine bessere Aufklärung oder Beschränkungen beim Verkauf von Alkohol an Jugendliche? Derzeit wird ja viel über Ampeln auf Lebensmitteln diskutiert, aber über Alkohol redet niemand.

Antwort: Laut WHO gibt es einige wirksame und kosteneffektive Maßnahmen für die Alkoholpolitik. Diese beinhalten die Anhebung der Preise über Besteuerung, Einschränkung der Verfügbarkeit, sowie Werbeverbote.

 

Zur Person:

dirk lachenmeier

Dr. Dirk Lachenmeier studierte Lebensmittelchemie an der Universität Bonn, promovierte 2003 in Toxikologie und arbeitet als Leiter der Abteilung für pflanzliche Lebensmittel am Chemischen und Veterinäruntersuchungsamt Karlsruhe (CVUA). Er ist Träger des Bruno-Rossmann-Preises der Lebensmittelchemischen Gesellschaft. Lachenmeier hat bereits bei verschiedenen IARC-Arbeitsgruppen mitgearbeitet, darunter 2007 zu Alkohol und 2016 zu Kaffee, Mate-Tee und anderen sehr heißen Getränken.

 

Links

Rehm, J., Lachenmeier, D. W., & Room, R. (2014). Why does society accept a higher risk for alcohol than for other voluntary or involuntary risks?

• WHO Fact Sheet – Alcohol

• WHO Q&A – Wie sieht unbedenklicher Alkoholkonsum aus?

• Lachenmeier, D. W., Godelmann, R., Witt, B., Riedel, K., & Rehm, J. (2014). Can resveratrol in wine protect against the carcinogenicity of ethanol? A probabilistic dose‐response assessment.

Alkoholatlas Deutschland 2017

Jahrbuch Sucht 2018

• Alkoholkonsum und Alkoholmissbrauch – Antwort der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Dr. Wieland Schinnenburg, Michael Theurer, Christine Aschenberg-Dugnus, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der FDP, 15.03.2018

 

Bildnachweis: Kelsey Knight on Unsplash

Wie geht es weiter mit CRISPR/Cas und Co?

Wie geht es weiter mit CRISPR/Cas und Co?

Der neue Koalitionsvertrag zwischen den Unionsparteien und der SPD ist beschlossen und damit wurden auch für die Landwirtschaft wichtige Weichen gestellt. Viele Formulierungen geben nur eine Ahnung, wohin die Reise gehen soll, und lassen viel Interpretationsspielraum. Das hat Vor- und Nachteile: Einerseits ist es gut, dass man sich nicht konkret festlegt, weil auch in nicht mehr ganz vier Jahren viel passieren kann. Andererseits könnte eine Seite auf eine bestimmte Interpretation pochen, um ihre Ziele durchzusetzen. Dann wird sich vermutlich niemand mehr daran erinnern, dass das Papier notdürftig in Nachtsitzungen zusammen gezimmert worden ist.

Zu den neuen Züchtungsverfahren wie CRISPR/Cas und Co gibt es im Vertrag auch eine kurze Passage (S. 84/85):

“Im Anschluss an die noch ausstehende Entscheidung des Europäischen Gerichtshofes (EuGH) zu den neuen molekularbiologischen Züchtungstechnologien werden wir auf europäischer oder gegebenenfalls nationaler Ebene Regelungen vornehmen, die das Vorsorgeprinzip und die Wahlfreiheit gewährleisten.”

Allein die Wörter “Vorsorgeprinzip” und “Wahlfreiheit” wecken ungute Erinnerungen an die Behandlung der klassischen Gentechnik in der Pflanzenzüchtung durch den Gesetzgeber. Diese ist nämlich inzwischen so scharf reglementiert hinsichtlich der Zulassungshürden, der Haftungsfragen beim Anbau und der Kennzeichnung der Produkte, dass eine konkrete Anwendung hierzulande praktisch ausgeschlossen wird.

Dabei zeichnet sich auf europäischer Ebene eine Vorentscheidung ab in der Frage, wie die neuen Züchtungstechnologien rechtlich einsortiert werden sollen. Mitte Januar wurde der Schlussantrag von EU-Generalanwalt Michal Bobek veröffentlicht. Es geht um die Frage, ob Pflanzensorten, die mit neuen Züchtungstechnologien gezüchtet worden sind, so reguliert werden sollen wie Sorten, die mit klassischer Gentechnik hergestellt worden sind. Bobek sagt (verkürzt): Nein, wenn keine transgenen Anteile in der neuen Sorte sind. Es wird erwartet, dass der Europäische Gerichtshof bei seinem Urteil dieser Einschätzung folgen wird.

Jürgen Robienski und Martin Wasmer vom Centre for Ethics and Law in the Life Sciences der Universität Hannover bestätigen diese Einschätzung in einer aktuellen Veröffentlichung:

“Unserer Analyse gemäß sind durch Mutagenese gewonnene Organismen von allen Regelungen der Richtlinie ausgenommen und fallen auch nicht in den Anwendungsbereich der Legaldefinition des Begriffs des genetisch veränderten Organismus im Sinne der Richtlinie. Der Begriff Mutagenese ist zudem dynamisch auszulegen, nach dessen naturwissenschaftlicher Bedeutung, welche auch gezielte Mutagenese umfasst. Dies bedeutet, dass Produkte gezielter Mutagenese keine GVOs im Sinne der Richtlinie sind.”

Bereits im Jahr 2016 hatte das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) auch klar Stellung bezogen in dieser Frage:

“Im Ergebnis gilt daher, dass Pflanzen, die durch ODM- und CRISPR-Cas9-Techniken hervorgerufene Punktmutationen aufweisen, keine GVO im Sinne der Richtlinie sind. Denn maßgebend für die Einordnung als GVO ist nicht allein der Einsatz eines gentechnischen Verfahrens, sondern auch das dadurch entstehende Produkt. Dieses muss sich von Pflanzen unterscheiden, die auch durch herkömmliche Züchtungsmethoden entstehen könnten. Bei den hier einschlägigen Punktmutationen ist dies gerade nicht der Fall. Die genetischen Veränderungen könnten auch durch andere Mutagenese-Verfahren entstehen.”

Andere Bundesbehörden weichen von dieser vorherrschenden Meinung ab. So hat das Bundesamt für Naturschutz (BfN) inzwischen zwei Rechtsgutachten vorgelegt, auf deren Basis eine Regulierung der neuen Züchtungstechnologien empfohlen wird. In 2015 kam Professor Dr. Dr. Tade Matthias Spranger, Universität Bonn, im Auftrag des BfN zu dem Schluss, dass die neuen Züchtungsverfahren gar nicht erst als Mutagenese anzusehen seien. In 2017 legte Prof. Spranger nach und argumentierte, dass die Instrumentarien unseres Rechtssystems nicht ausreichen würden, um mögliche Umweltwirkungen der mit neuen Technologien gezüchteten Sorten zu regulieren. Diese Argumentation wurde vom BfN übernommen in einem Hintergrundpapier zum selben Thema:

“Für die Neuen Techniken besteht aus Sicht des Naturschutzes auch in Zukunft
Regelungsbedarf: Notwendig ist eine angemessene, am Vorsorgeprinzip orientierte Risikobewertung und ein Monitoring. Wesentlicher Grund ist das Potential dieser Techniken, Organismen zu erzeugen, die ein Risiko für Mensch, Natur und Umwelt darstellen können. Auch zukünftige technische Entwicklungen im Bereich der Neuen Techniken lassen sich nicht ausreichend genug abschätzen, um eine Vorhersage über mögliche zukünftige Risiken lediglich aufgrund der heute zugrundeliegenden Technologie zu treffen.”

Das BfN sieht die neuen Züchtungstechnologien als besonders riskant an und bemüht das Vorsorgeprinzip. Vor dem Hintergrund, dass die SPD das Umweltministerium behalten wird und damit auch die untergeordneten Behörden, sollten spätestens jetzt in der Pflanzenzucht-Branche und in den Forschungseinrichtungen alle Alarmglocken angehen. Für die mittelständischen Pflanzenzuchtbetriebe ist es essentiell, dass mit CRISPR/Cas und Co gezüchtete Sorten nicht wie Gentechnik reguliert werden müssen. Diese neuen Techniken sind bislang auch für kleinere Unternehmen erschwinglich. Das würde sich schlagartig ändern, wenn diese Sorten den anspruchsvollen Zulassungsprozess der EU durchlaufen müssten.

Von einer Naturschutzbehörde sollte man eigentlich erwarten, dass sie prüft, ob Innovationen auch das Potenzial haben, zum Umwelt- und Naturschutz beizutragen. Statt dessen wird offensichtlich Expertise zur Innovationsverhinderung generiert. Beispiel: In 2009 – das war Jahre vor der Entdeckung von CRISPR/Cas – veröffentlichte das BfN einen Abschlussbericht zum Forschungsvorhaben “Potenziale der Gentechnik bei Energiepflanzen”. Hier wurde geprüft wird, ob Gentechnik für die Züchtung von Energiepflanzen einen Beitrag leisten kann. Mit den neuen Möglichkeiten der Pflanzenzüchtung steht hier eine Neubewertung an. Auch konnte man bereits mit klassischer Gentechnik Kartoffeln züchten, die aufgrund eines Gens aus einer Wildkartoffel resistent sind gegen Krautfäule. Mit so einer Sorte ließen sich tonnenweise Fungizide einsparen. Wo bleiben die Machbarkeitsstudien von offizieller Seite? Angesichts der Glyphosat-Debatte scheint doch die Pestizidreduktion im Ackerbau derzeit höchste Priorität zu haben.

 

Bildnachweis: Christian-Albrechts-Universität zu Kiel: “Neue Züchtungstechniken für höhere Rapserträge”

Insektensterben – alles Scheiße?

Insektensterben – alles Scheiße?

Nach dem Waldsterben jetzt das Insektensterben? Was ist dran am neuesten Endzeitszenario? Bereits in diesem Sommer kochte das Thema hoch als Reaktion auf eine Antwort der Bundesregierung zu einer Kleinen Anfrage der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen. Jetzt ist das Thema aufgrund einer neuen Veröffentlichung wieder aktuell.

Obwohl die Autoren der Studie keine Ursachen für den verzeichneten Insektenrückgang ausmachen konnten, haben die Medien einen klaren Verdächtigen auserkoren und spielen damit der Politik in die Hände: Wie so oft, sollen wieder die Landwirte schuld sein, diesmal – Überraaaaschung: die Pestizide, sprich: die Pflanzenschutzmittel.

Die Hannoversche Allgemeine zitierte im Juli 2017 Bundesumweltministerin Barbara Hendricks:

“Die heutige Landwirtschaft macht den Insekten das Überleben schwer: Es werden große Mengen von Pestiziden eingesetzt, und es gibt zu wenig Blühstreifen und Hecken“, sagt Hendricks. Ein wichtiger Grund für den Insektenschwund sei der „übertriebene Einsatz“ von Insektiziden und von Totalherbiziden wie Glyphosat. „Darum darf es keine Neuzulassung für Glyphosat ohne effektive Auflagen zum Schutz der Artenvielfalt geben“, fordert Hendricks. Der umstrittene Unkrautvernichter soll laut EU-Kommission für weitere zehn Jahre zugelassen werden.”

Seltsamerweise kommt das Wort “Glyphosat” in der Antwort der Bundesregierung aus diesem Sommer nicht einmal vor. Zu den Ursachen steht dort folgendes:

“15. Worin sieht die Bundesregierung die Ursachen für den Rückgang von Insekten?

Der Bestandrückgang von Insektenarten kann durch einen Komplex unterschiedlicher Faktoren verursacht werden. Dazu zählen u.a. das Vorhandensein von Habitaten, das Nahrungsangebot, die Veränderung und das Vorhandensein von Strukturen in der Landschaft, wie z.B. Säume, Hecken, oder gestufte Waldränder, die Art und Weise der Nutzung und Bewirtschaft der Landschaft (u.a. der Gewässer, Wiesen und Äcker), das Vorliegen von Schadstoffen (einschließlich Pflanzenschutzmittel) oder die Fragmentierung der Landschaft. Darüber hinaus haben die Jahreswitterung und Klimaänderungen einen wesentlichen Einfluss auf Insektenpopulationen.”

Ich fange heute mal bei den Ursachen an: Gesetzt, es gäbe heute weniger Insekten als vor 30 Jahren, und dafür spricht einiges, woran könnte das liegen?

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Quelle: UBA

Als in der Landwirtschaft Tätige verblüfft mich stets die quasi reflexhafte Schuldzuweisung. Denn ich weiß, dass im Ackerbau eigentlich nur im Raps regulär Insektizide eingesetzt werden. Im Getreide wird manchmal gegen Blattläuse gespritzt, weil die Tiere bestimmte Viruserkrankungen verbreiten, aber auch nur wenn ein gewisser Befallsdruck vorliegt. Im Mais bekämpft man den Maiszünsler erst einmal biologisch mit Trichogramma-Schlupfwespen. Es ist also nicht der Fall, wie oft behauptet wird, dass flächendeckend Insektizide ausgebracht werden. Außerdem sind die Anforderungen an die Wirkstoffe mit der Zeit immer höher geworden. In der EU sind meines Wissens nur 16 Prozent der weltweit zugelassenen Wirkstoffe genehmigt. Kanister mit Totenköpfen als Warnsymbol drauf gibt es bei uns nicht mehr. Auch die Absatzzahlen, die das Umweltbundesamt (UBA) meldet (siehe Grafik), zeigt gerade bei den Insektiziden zwar Schwankungen, aber keine gravierenden Steigerungen seit den 90er Jahren. Was deutlich zugenommen hat, sind die inerten Gase im Vorratsschutz, doch die dürften draußen in der Natur keine Rolle spielen.

Was sonst könnte noch eine Rolle spielen? Mir fällt da einiges ein:

1. Flächenversiegelung

Täglich werden in Deutschland etwa 66 Hektar Fläche zu Siedlungs- und Verkehrsfläche umgenutzt. Ungefähr die Hälfte davon wird versiegelt, das heißt, bebaut, zubetoniert gepflastert oder asphaltiert.

2. Veränderungen bei der Tierhaltung

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Quelle: DBV

Es gibt weniger Nutztiere und die, die es gibt, leben häufiger im Stall. Und: Die Ställe müssen heute viel strengere Emissions- und Hygieneauflagen erfüllen als früher. Es gibt kaum noch offene Misthaufen in den Dörfern. Größere Betriebe haben häufig die Auflage, ihren Mist sowie ihr Fahrsilo abdecken zu müssen. Güllelager werden aus Gründen des Emissionsschutzes auch oft abgedeckt. Die Haltung von typischen Weidetieren wie Schafen und Ziegen ist stark zurückgegangen. Kurzum: Es liegen weniger tierische Exkremente in der Landschaft rum, die für viele Insekten Nahrungsgrundlage und Lebensraum bilden.

3. Mülllagerung

Müll wird nicht mehr offen deponiert. Seit 2005 muss Hausmüll vorbehandelt werden, bevor er deponiert wird, dass heißt, Abfälle werden erst in einer Müllverbrennungsanlage thermisch verwertet. Nur die Asche wird noch deponiert. In den 90er Jahren wurde mit dem Dualen System eine extra Verwertungsschiene für Verpackungsmüll eingerichtet. Zur gleichen Zeit wurde die Biotonne für kompostierbare Abfälle eingeführt. Ich habe einen Thermokomposter im Garten, in dem ich Garten- und Küchenabfälle sammele. Da ist im Sommer einiges los: jede Menge Insektennachwuchs.

Dadurch, dass unser Hausmüll nicht mehr offen deponiert wird, entgeht den Insekten tonnenweise Nahrung.

4. Lichtverschmutzung

Die Erleuchtung der Nacht durch künstliches Licht ist nicht nur ein ästhetisches Problem, weil man in Städten kaum noch Sterne sieht, sondern bedeutet für die Tierwelt eine echte Belastung. Nach Schätzungen von Wissenschaftlern sterben allein an Deutschlands Straßenlaternen täglich mehr als 1 Milliarde Insekten. Durch den Einsatz moderner Leuchtmittel könnte man die Situation hier verbessern.

5. Zunahme des Lieferverkehrs auf den Straßen

Während der Personenverkehr nur leicht zunimmt, steigt der Transport von Gütern rasant – mit der Folge: Es fahren immer mehr LkWs auf unseren Straßen und Autobahnen. Diesen LkWs fallen auch entsprechend Fluginsekten zum Opfer.

6. Gartengestaltung

In den letzten Jahren sind pflegeleichte Kiesbeete in Mode gekommen: Eingefasst von gepflasterten und betonierten Flächen gibt es dort allenfalls wenige nicht blühende Grünpflanzen und perfekt getrimmten Rasen. Hier findet keine Biene etwas zum Honig-Sammeln und da hilft auch kein Insektenhotel.

7. Öffentliche Sauberkeit

Unsere Dörfer und Städte wirken in der Regel sauber und aufgeräumt. Fürs Auge mag das erfreulich sein, der Tierwelt bringt das nichts. Spatzen freuen sich zum Beispiel, wenn auf dem Hof auch einmal etwas Dreck liegen bleibt:

Auch im Garten kann man bewusst Dreckecken einrichten: Einfach mal einen Haufen abgeschnittener Äste und Laub liegen lassen. Das bringt mehr als ein gekauftes Insektenhotel aus dem Baumarkt.

Fazit

Nicht falsch verstehen: Das soll jetzt kein Ablenkungsmanöver sein. Die Landwirtschaft trägt sicher auch zur Veränderung der Insektenpopulationen bei, aber eben die ganzen anderen genannten Lebensbereiche auch. Vieles davon wie die Mülllagerung lässt sich auch sicher nicht mehr zurückdrehen, aber es sollte zumindest zur Kenntnis genommen werden. Ich würde mir wünschen, dass in der öffentlichen Debatte der Horizont auch einmal entsprechend erweitert wird.

 

 

 

 

Dialog fortsetzen

Dialog fortsetzen

Anfang September hatte Horst Rehberger einen Offenen Brief an die Evangelische Kirche Deutschlands (EKD) gerichtet. Der frühere Wirtschaftsminister von Sachsen-Anhalt und Vorsitzende des Forums Grüne Vernunft forderte darin den EKD-Ratsvorsitzenden Prof. Bedford-Strohm auf, sich an einen Tisch zu setzen, um über Grüne Gentechnik zu sprechen. Rehberger sieht Gesprächsbedarf und fragt, warum angesichts eines Aufrufes von inzwischen 126 Nobelpreisträgern zur unverzüglichen Nutzung der Grünen Gentechnik im Allgemeinen und des Goldenen Reises im Besonderen, die EKD Gentechnik in der Landwirtschaft weiterhin ablehne. Sollte die EKD nicht reagieren, wollte Horst Rehberger einen Hungerstreik vor der EKD-Zentrale in Hannover antreten. Wir wollten wissen, wie die Sache ausgegangen ist.

Frage: Herr Rehberger, hat die EKD auf Ihren Brief reagiert?

Rehberger: Einen Tag vor Ablauf der Frist erreichte mich ein Brief der EKD-Leitung. Darin wurde mir Folgendes mitgeteilt: “Auch wenn grundsätzlich auf “Offene Briefe” seitens der EKD nicht reagiert wird, hat der Ratsvorsitzende anlässlich Ihres als Anzeige veröffentlichten Offenen Briefes den theologischen Vizepräsidenten des Kirchenamtes der EKD, Herrn Dr. Horst Gorski, gebeten, Ihnen ein Gespräch anzubieten. Herr Dr. Gorski schlägt vor, dieses Gespräch aus fachlichen Gründen gemeinsam mit der stellvertretenden Vorsitzenden der “Kammer für nachhaltige Entwicklung” der EKD, Frau Dr. Gudrun Kordecki, zu führen” Dieses Gesprächsangebot habe ich gerne angenommen und gemeinsam mit Prof. Reinhard Szibor, der sowohl in der evangelischen Kirche als auch für die Grüne Gentechnik sehr engagiert ist, dieser Tage in Hannover ein Gespräch geführt.

Frage: Und was ist bei diesem Gespräch herausgekommen?

Rehberger: Erwartungsgemäß war es ein sehr schwieriges Gespräch und mir drängte sich der Eindruck auf, dass die beiden Gesprächspartner von der EKD von der Entscheidung des Ratsvorsitzenden, ein solches Gespräch zu führen, alles andere als begeistert waren. So haben sie von Anfang an meinen Vorschlag strikt abgelehnt, in einer gemeinsamen Mitteilung darüber zu informieren, dass dieses Gespräch stattgefunden hat und was die wesentlichen Inhalte waren. Mein Hinweis, dass es eine ganze Reihe von Rückfragen gebe, ob und wie die EKD-Führung auf meinen Offenen Brief reagiert hat, und ich infolgedessen die Tatsache unseres Gesprächs nicht verschweigen könne – sollte ich etwa lügen? – hat dann dazu geführt, dass wir uns zu viert rund eine Stunde lang über den Aufruf der Nobelpreisträger und deren Plädoyer für die unverzügliche Nutzung der Grünen Gentechnik unterhalten haben.

Frage: Wie ist die aktuelle Haltung der EKD-Leitung zur Grünen Gentechnik?

Rehberger: Es wurde sehr deutlich, dass der Widerstand der EKD gegen die moderne Biotechnologie nicht theologisch begründet wird, sondern ideologisch. Nicht Theologen, sondern vor allem Verantwortliche der “Kammer für nachhaltige Entwicklung” sind für die bisher ablehnende Haltung der EKD verantwortlich. Auf die Frage, wie es ethisch zu verantworten ist, dass auch die evangelischen Christen in Deutschland täglich Lebensmittel essen, in denen Gentechnik steckt, dies den Menschen in Asien und Afrika etwa in Gestalt des Goldenen Reises aber vorenthalten werden soll, blieb Frau Kordecki jede Antwort schuldig.

Frage: Welche Gründe für die Ablehnung Grüner Gentechnik haben die Vertreter der EKD-Leitung denn vorgetragen?

Rehberger: Unsere Gesprächspartner erklärten, dass die wissenschaftliche Diskussion über die Chancen und Risiken der Grünen Gentechnik noch nicht abgeschlossen sei und deshalb ihr Einsatz nur aus der Perspektive des Vorsorgeprinzips beurteilt werde. Meine Frage, welche Wissenschaftler heute noch die Grüne Gentechnik ablehnten, schließlich sei die Meinung der 126 Nobelpreisträger identisch mit der Auffassung aller anerkannten wissenschaftlichen Organisationen und Institutionen weltweit, wurde nicht beantwortet. Auch meine weitere Frage, wie man von einem Vorsorgeprinzip sprechen könne, wenn man in Deutschland täglich “Genfood” esse, blieb unbeantwortet.

Frage: War damit das vom Ratsvorsitzenden Bedford-Strohm veranlasste Gespräch mit führenden EKD-Vertretern “für die Katz”?

Rehberger: Keinesfalls! Zum einen konnten Reinhard Szibor und ich die Gesprächspartner über den weltweit neuesten Stand in Sachen Grüne Gentechnik informieren. Dass z.B. Papst Franziskus, der bekanntlich schon vor Jahren das humanitäre Golden-Rice-Projekt gesegnet hat, vor wenigen Wochen Gluten-freie Hostien verboten, gentechnisch veränderte Hostien dagegen ausdrücklich erlaubt hat, war ihnen wohl nicht bekannt. Sonst hätte sich Frau Kordecki nicht auf eine angebliche Übereinstimmung mit der Katholischen Kirche berufen. Zum anderen dürften sich, und dies ist für den weiteren Dialog noch wichtiger, insbesondere die evangelischen Akademien erneut mit dem Thema Biotechnologie beschäftigen. Jedenfalls haben die EKD-Vertreter wiederholt auf diese Akademien als Plattform für einen wissenschaftsbasierten Dialog über die Gentechnik verwiesen. Das lässt hoffen. Die Dialog-Initiative des EKD-Ratsvorsitzenden war ein schwieriger Anfang. Aber dieser Dialog wird auf breiter Basis fortgesetzt werden.

Zum Bild: Christel Happach-Kasan und Horst Rehberger auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag 2017 in der Lutherstadt Wittenberg

Bildnachweis: Forum Grüne Vernunft

Warten auf Godot

Warten auf Godot

Am 19. September 2017 läuft das Ultimatum ab: Wenn Horst Rehberger bis dahin keine Antwort von der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) erhält, will der frühere Wirtschaftsminister von Sachsen-Anhalt und Vorsitzende des Forums Grüne Vernunft vor der EKD-Zentrale in Hannover einen Hungerstreik beginnen. Rehberger ist mit seiner Geduld am Ende. Seit Jahren fordert er die EKD zum Dialog über Grüne Gentechnik auf und wird mit unbefriedigenden Absagen (“keine Zeit”) vertröstet. Er schreibt in seinem Offenen Brief an den EKD-Ratsvorsitzenden Prof. Dr. Heinrich Bedford-Strohm:

“Über 120 Nobelpreisträger bezeichnen das, was Sie propagieren, als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“, also das schlimmste Kapitalverbrechen, das die Menschheit kennt, den Massenmord. Mit Totschweigen werden Sie Ihrer Verantwortung nicht gerecht! Sollten Sie bis 19.09.2017, drei Monate nach der Einladung, keinen Dialog-Termin nennen, werde ich einen unbefristeten Hungerstreik beginnen. Vor dem EKD-Gebäude in Hannover.
Im Interesse von Millionen Kindern, die ohne Gentechnik zum Tode verurteilt sind.”

Der Offene Brief des früheren Politikers (FDP) reiht sich ein in eine jahrelange Serie von Adressen an die Evangelische Kirche, Risiken und Chancen der Grünen Gentechnik neu zu bewerten.

Bereits Ende 2013 hat der Agrarökonom und Vizepräsident der Welthungerhilfe Prof. Dr. Joachim von Braun bei der 6. Tagung der 11. Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland ein Referat zum Thema Welternährung gehalten. Daraus ein Zitat:

“Wir brauchen dazu meines Erachtens auch eine Neubewertung der grünen Gentechnik. Dazu fordere ich Sie auf. Es geht mir nicht um eine dogmatische grundlegende Ablehnung der sogenannten transgenen Pflanzen, sondern um die Entwicklung einer armutsorientierten sicherheitsbewussten Checkliste, die solche transgenen Produkte, die Armen helfen und dem Sicherheitscheck standhalten, aktiv fördert. Das ist etwas anderes als Ja oder Nein zu grüner Gentechnik, sondern da muss man ganz genau hinschauen.”

Seitdem ist nichts passiert in der EKD. Im Gegenteil: Noch Ende 2015 hat die EKD die Brot für die WeltAdventsaktion mit der Anti-Gentechnik Aktivistin Vandana Shiva gestartet.

 

Mein Resümee: Die EKD sowie der Kirche angeschlossene Einrichtungen wie Brot für die Welt entziehen sich seit Jahren einer ergebnisoffenen Debatte über die Grüne Gentechnik. Diese Vermeidungstaktik ist symptomatisch für die gesamte Haltung der EKD der modernen Landwirtschaft gegenüber: Die Kirche orientiert sich lieber am Gutmenschen-Zeitgeist, anstatt sich eine pragmatische und lösungsorientierte Position zu erarbeiten und diese zu verteidigen. Auf der Strecke bleiben dabei u.a. arme Menschen in Entwicklungsländern, denen nicht zuletzt durch das Engagement kirchlicher Einrichtungen modernes Saatgut vorenthalten bleibt. Diese Doppelmoral ist das eigentliche Pharisäertum der EKD.

Links

Gentechnik-Streit: Rehberger droht Evangelischer Kirche mit Hungerstreik

“Grüne Gentechnik: Folgen die Entwicklungsländer der deutschen Paranoia?” Vortrag von Prof. Dr. Hans-Jörg Jacobsen beim 16. Innoplanta-Forum am 06.09.2017 in Gatersleben

Die Kirche und der Goldene Reis

 

Bildnachweis: Forum Grüne Vernunft