“Das mit der Angst funktioniert immer”

“Das mit der Angst funktioniert immer”

Mehr als rund 744.000 Menschen haben bislang für die europaweite Bürgerinitiative “Stop Glyphosate” unterschrieben. Das Ziel der Initiative ist, bis zum 15. Juni 2017 mindestens 1 Million Unterstützer zu gewinnen. Dabei ist anscheinend jedes Mittel recht, um die Menschen zu motivieren. So steht im Abschnitt “Warum ist das wichtig?” des deutschsprachigen Aufrufes als Schlusssatz:

“Handeln Sie jetzt: Unterzeichnen Sie unsere Bürgerinitiative gegen Monsantos krebserregendes Gift.”

Die Europäische Chemikalienagentur ECHA (European Chemicals Agency) sieht das anders. Ihr Urteil vom März dieses Jahres lautet:

“ECHA’s Committee for Risk Assessment (RAC) agrees to maintain the current harmonised classification of glyphosate as a substance causing serious eye damage and being toxic to aquatic life with long-lasting effects. RAC concluded that the available scientific evidence did not meet the criteria to classify glyphosate as a carcinogen, as a mutagen or as toxic for reproduction.”

Danach ist Glyphosat weder krebserregend noch mutagen noch reproduktionstoxisch. Allein die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC), eine Unterorganisation der Weltgesundheitsorganisation (WHO), hatte den Herbizid-Wirkstoff Glyphosat im März 2015 als “wahrscheinlich krebserregend” (Gruppe 2A) klassifiziert. Was bedeutet diese Klassifizierung? Die IARC schreibt in der Pressemitteilung:

“Group 2A means that the agent is probably carcinogenic to humans. This category is used when there is limited evidence of carcinogenicity in humans and sufficient evidence of carcinogenicity in experimental animals. Limited evidence means that a positive association has been observed between exposure to the agent and cancer but that other explanations for the observations (called chance, bias, or confounding) could not be ruled out. This category is also used when there is limited evidence of carcinogenicity in humans and strong data on how the agent causes cancer.”

Hier wird deutlich, dass das IARC-Etikett “wahrscheinlich krebserregend” nichts mit der umgangssprachlichen Formulierung “Substanz xy ist wahrscheinlich krebserregend” zu tun hat. Es ist eine rein technische Festlegung, die den Grad der Evidenz beschreibt, den die Forscher in ihrem Studienmaterial vorfinden. Continue reading ““Das mit der Angst funktioniert immer””

Die Gen-Blume in Deinem Garten

Die Gen-Blume in Deinem Garten

Die Finnische Kontrollbehörde Evira hat in dieser Woche die Entdeckung gentechnisch veränderter Petunien gemeldet:

Die Pflanzen waren durch ihren besonderen Orange-Ton aufgefallen, den es natürlicherweise bei Petunien nicht gibt. Die Behörde meldet, dass sie bei den folgenden Sorten eine gentechnische Veränderung gefunden hat: African Sunset, Pegasus Orange Morn, Pegasus Orange, Pegasus Table Orange, Potunia Plus Papay, Go!Tunia Orange, Bonnie Orange, Sanguna Patio Salmon und Sanguna Salmon. Auch deutsche Behörden wurden daraufhin tätig. Das NRW-Umweltministerium suchte umgehend verschiedene Zuchtunternehmen auf, um Nachforschungen an- sowie Pflanzenmaterial sicherzustellen und meldete gestern:

“Nach der Feststellung, dass gentechnisch veränderte Pflanzen aus NRW in den Verkehr gebracht wurden, hat das Umweltministerium die Vernichtung bestimmter Produktlinien veranlasst.

Konkret handelt es sich dabei um folgende Produktlinien:

Pegasus Orange Morn (Produktname beim Züchter: Salmon Ray)
Pegasus Orange (Produktname beim Züchter: Bingo Mandarin)
Pegasus Table Orange (Produktname beim Züchter: Bingo Orange)”

Eine kurze Google-Recherche zeigt, dass die Sorten bereits länger im Handel sind. So wird in einer Publikation über eine Gartenpflanzenausstellung in 2011 die Sorte Bingo Orange als Neuheit erwähnt:

“Die durch kompakten Wuchs und sehr frühen Blühbeginn gekennzeichnete Petunienserie Bingo wird mit ‘Bingo Orange’ ergänzt. „Neben der besonde-
ren Farbe“ – so stellte Westhoff heraus – „wurde auf die guten Wuchseigenschaf-
ten geachtet.“”

Der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau gefiel die Sorte Salmon Ray besonders gut. In einem Bericht über den Versuchsanbau 2014 steht:

“Danziger aus Israel ergänzt die bewährte ‘Ray’-Serie der halbaufrecht bis kugelig wachsenden Petunien (“Patio-Typ”) mit einer ungewöhnlichen Farbsorte für die mittelgroßen Blüten: Lachsorange mit weißer Mitte. Die leuchtende Farbsorte stach bereits zu Ende der Anzuchtphase aufgrund ihres ungewöhnlichen Farbtons und des sehr homogenen Pflanzenaufbaus unter den vielen Petunien-Sorten hervor.”

Die Petunie African Sunset war 2014 in den USA AAS-Gewinner in der Kategorie “Beetpflanzen”. In der Beurteilung heißt es:

“African Sunset wowed the judges with an attractive, “designer color” in shades of orange flowers that proved itself against other similarly colored petunias currently available. Gardeners are always looking for a petunia that grows evenly and uniformly in the garden while producing a prolific number of blooms all season-long and this beauty certainly fills that need.”

Der Vertrieb und Anbau nicht zugelassener gentechnisch veränderter Pflanzensorten ist bei uns verboten. Deshalb werden diese Sorten jetzt alle aus dem Handel genommen und vernichtet. Es ist egal, dass sie sich bewährt haben, und es ist auch egal, dass von ihnen keinerlei Gefahr ausgeht. Und es ist egal, dass sie wahrscheinlich jahrelang in unseren Gärten und Balkonkästen, in Grünanlagen und Parks gewachsen sind, ohne dass irgendetwas Relevantes vorgefallen wäre. Schade eigentlich.

Twittern wie Trump, äh Künast

 

Heute um 10 Uhr hat in Bonn die Hauptversammlung der Bayer-Aktionäre begonnen. Begleitet wird die Veranstaltung im Bonner World Conference Center von Protesten eines Bündnisses verschiedener NGOs. Medienberichten zufolge musste vor Gericht entschieden werden, wie nah die Protestler der Versammlung kommen dürfen. Die Grünen-Politikerin Renate Künast kommentierte auf Twitter den Auftakt der Protestkundgebung:

Auf diesem Bild hatte sich offensichtlich bereits eine stattliche Menge Menschen versammelt. Die Unternehmenskommunikation der Bayer AG konterte indes mit einer anderen Perspektive:

Angesichts dieser Menschenmassen ist es nur angemessen, dass das ZDF ein Filmteam vor Ort hat, um Bericht zu erstatten:

 

Nachtrag von 14:06 Uhr: Das ZDF hat rund 150 bis 200 Demonstranten gezählt.

 

Umerziehung vorerst gescheitert

Umerziehung vorerst gescheitert

Grüne Gentechnik werde von der Bevölkerung abgelehnt, heißt es häufig in politischen Debatten. Doch wenn man einmal genau hinsieht, ist das Meinungsbild weder einheitlich noch eindeutig.

Bei der letzten Naturbewusstseinsstudie von 2015 zum Beispiel zeigte sich ein interessanter Trend: Jüngere Menschen (18- bis 29-Jährige) sind der Gentechnik gegenüber weniger skeptisch eingestellt als ältere Bevölkerungsgruppen. So würden gerade einmal 36 Prozent der Befragten in der Gruppe der bis 29-Jährigen einem Verbot des Einsatzes von gentechnisch veränderten Organismen in der Landwirtschaft zustimmen. 41 Prozent der Befragten in dieser Gruppe denken sogar, dass Gentechnik einen Beitrag zur Bekämpfung des Hungers in der Welt leisten kann.

Zustimmung zum VerbotGT_folgen_LW_alterGT_folgen_alter

Prof. Dr. Andreas Graner, Geschäftsführender Direktor des Leibniz-Instituts für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung (IPK) in Gatersleben, freut sich über dieses Ergebnis:

“Die Naturbewusstseinsstudie deutet auf eine wichtige Veränderung in der Beurteilung der grünen und weißen Gentechnik hin. Wenn junge Menschen der Gentechnik in der Landwirtschaft heute weniger ablehnend als im Jahr 2009 gegenüberstehen könnte das einen Hinweis auf eine gestiegene Sachkompetenz dieser Bevölkerungsgruppe darstellen. Ich interpretiere diese Entwicklung dahingehend, dass junge Menschen in zunehmendem Maße Panikmeldungen aus den Medien auf ihren Wahrheitsgehalt recherchieren und in der Lage sind, weltanschauliche Positionen von wissenschaftlichen Fakten zu differenzieren.”

Die Autoren der Studie sehen das etwas anders. Im Kapitel “Empfehlungen” findet sich der folgende Abschnitt (S. 9/10):

“Politik und Verbände haben die Aufgabe, weiterhin den gesellschaftlichen Diskurs zum Thema Gentechnik voranzutreiben und sachlich zu informieren. Dabei wäre es erstrebenswert, nicht nur naturwissenschaftliche Fakten in den Vordergrund zu stellen, sondern auch soziologische und ökonomische Aspekte transparent zu machen. Vor allem für die jüngere Generation, die einem Einsatz von Gentechnik und dem Konsum gentechnisch veränderter Lebensmittel weniger skeptisch gegenübersteht, ist es von großer Bedeutung, die ökologischen wie gesellschaftlichen Vor- und Nachteile der Gentechnik zu kennen und auch zu wissen, wer von dieser Technologie profitiert und wer die Lasten trägt.”

Da naturwissenschaftliche Fakten offensichtlich nicht ausreichen, um junge Menschen skeptisch werden zu lassen gegenüber Grüner Gentechnik, sollten Meinungsbildner in ihrer Argumentation vor allem auf ökologische und gesellschaftliche Aspekte abheben?

Dazu ist folgendes zu sagen: Ökologische Vor- und Nachteile einer Technologie wären für mich auch naturwissenschaftliche Fakten. Und: Auch unter diesem Aspekt spricht viel für den Einsatz Grüner Gentechnik. Auch bei der Frage, wem die Technologie nutzt, kann Grüne Gentechnik punkten. Es ist nämlich gar nicht so, wie häufig in den Medien transportiert, dass nur große Konzerne vom Einsatz Grüner Gentechnik profitieren. Leider wissen die Menschen noch viel zu wenig darüber, wie der Einsatz von gentechnisch verbesserten Nutzpflanzen gerade Kleinbauern hilft, ihr Einkommen zu verbessern. Traurig eigentlich, zumal wir mit Matin Qaim, Universität Göttingen, einen Forscher im eigenen Land haben, der sich mit diesem Thema bestens auskennt.

Richtig spannend wird es allerdings erst, wenn man sich das Fazit von Bundesumweltministerin Dr. Barbara Hendricks zum Thema Gentechnik im Vorwort der Studie durchliest (S. 4):

“79 Prozent sprechen sich gegen den Einsatz von gentechnisch veränderten Futtermitteln aus, und 76 Prozent halten es für wichtig, dass der Einsatz gentechnisch veränderter Organismen in der Landwirtschaft grundsätzlich verboten wird. Der Ausbau des Konsums regionaler Produkte sowie der Biolandwirtschaft wird dagegen stark befürwortet. Diese Zahlen sprechen für eine deutliche Haltung der Gesellschaft und bilden eine gute Grundlage für Verbote jeglichen Einsatzes von Gentechnik in der Lebensmittelproduktion.”

verbot_gtZum einen hat Dr. Hendricks hier eigenmächtig “sehr wichtig” und “eher wichtig” zu “wichtig” zusammengefasst, was die ursprüngliche Fragestellung grob verfälscht. Und zum anderen sind “Verbote jeglichen Einsatzes von Gentechnik in der Lebensmittelproduktion” nicht so einfach umsetzen, wie sie vielleicht glaubt. Denn Gentechnik ist in der Lebensmittelproduktion längst Alltag. Schätzungen zufolge sind 60 bis 80 Prozent aller Lebensmittel, während ihres Herstellungsprozesses mit Gentechnik in Berührung gekommen. Zusatzstoffe, Vitamine, Aromen und Enzyme in unserem Essen werden oft mit gentechnisch hergestellten Organismen hergestellt. Ohne diese Technologie wären die Supermarktregale relativ leer.

 

“Wir machen Euch satt!”

“Wir machen Euch satt!”

Am kommenden Samstag wird es in Berlin wieder zwei Demos zum Thema Landwirtschaft geben. Christina Annelies, selbst nicht Landwirtin wohlgemerkt, erklärt auf Facebook, welche Veranstaltung sie empfiehlt:

“Jetzt mache ich mal Reklame für die “Wir machen Euch satt- Kundgebung”!
Ich habe nämlich zahlreiche Gründe, warum ich nicht bei der „Wir haben es satt“-Kundgebung kommenden Samstag in Berlin mitlaufen werde. Warum ich mich nicht den Forderungen der Big Green an eine „neue“ Landwirtschaft anschließen kann und will.

Ich habe es nämlich auch satt. Ich kann den Ruf nach der bäuerlichen Landwirtschaft nicht mehr hören, denn es definiert keiner, was bäuerliche Landwirtschaft eigentlich ist. Wo es anfängt, wo es aufhört. Was oder wen genau die Satten im Land wollen. Jeder hat seine eigene Vorstellung und vertritt sie in voller Lautstärke. Bloß: Mit pauschalen Kampfbegriffen und entsprechendem Aktionismus machen sie höchstens kaputt, was sie erhalten wollen. Es häufen sich die Geschichten von potenziellen Hofnachfolgern, die die Betriebe ihrer Eltern nicht mehr bewirtschaften wollen, unter anderem weil sie die Nase gestrichen voll haben von diesem non-stop Bauernbashing in Politik, Öffentlichkeit und Medien.

Ich bin es satt, dass die, die die Landwirtschaft ökologisieren wollen, es nicht für notwendig erachten, belastbare Konzepte vorzulegen, wie denn eine für alle bezahlbare Lebensmittelversorgung nach der Agrarwende funktionieren soll. Vermutlich können sich die nur wohlhabendere Milieus leisten – unter anderem grüne Stammwähler. (Höfliche) Nachfragen per Facebook bei den Big Green (die Grünen, Greenpeace, BUND etc.) führt ins Nirwana – es herrscht lautes Schweigen. Oder, noch besser, man darf nicht mehr kommentieren (eine Spezialität von Grünen-Politiker).

Ich bin es ferner leid, dass so viele Menschen hierzulande behaupten, die moderne Landwirtschaft mache die Umwelt kaputt. Wo sie sich doch selber alle an die Nase packen müssten. Die Republik wird zubetoniert für die Allgemeinheit, fürs Eigenheim, Arbeiten und bequeme Shoppen auf der Grünen Wiese. Jeden Tag werden 70 Hektar Agrarland aus der Bewirtschaftung genommen und vieles davon versiegelt. Alle profitieren. So wie seit mehr als zwei Jahrzehnten massenmedial verbreitet wird, dass der globale Klimawandel menschengemacht ist und gerade der reiche Westen sowohl Mobilität als auch Stromverschwendung einschränken müsse. Das Gegenteil ist passiert. Aber die Landwirtschaft ist schuld? Es waren übrigens die Grünen, die die Förderung von Biogasanlagen initiiert haben. Und jetzt, wo ihnen die tatsächlichen bzw. vermeintlichen Konsequenzen nicht passen, schieben sie die Verantwortung in Richtung Landwirtschaft ab.

Ich bin es richtig leid, dass so viele nicht zu würdigen wissen, dass wir in dem reichsten Land der Welt leben und es zynisch ist, für gutes Essen auf die Straße zu gehen. Sämtliche Kontrollen der letzten Jahre sagen: Unser Essen ist sauber. So sauber wie vermutlich niemals zuvor in der Menschheitsgeschichte. Für jeden ist etwas dabei – für jeden Geldbeutel. Dagegen zu protestieren grenzt doch an Wohlstandsverwahrlosung.

Für endgültig wohlstandsverwahrlost halte ich den Widerstand gegen grüne Gentechnologie. In all den Jahrzehnten konnten null Negativauswirkungen nachgewiesen werden. Diabetiskranke Menschen hierzulande betrachten Insulin gar als einen Segen, und das ist es definitiv. Bloß: Bei der Herstellung von Insulin werden gentechnisch manipulierte Pilzen und Bakterien verwendet. Aber wenn’s um die eigene Gesundheit geht, nicht wahr? Bei Lebensmitteln scheinen wissenschaftliche Erkenntnisse nicht zu tangieren – vermutlich weil keiner die Auswirkungen ausbaden braucht. Was ist das Resultat eines vagen Unwohlseins des einflussreichen, satten Westens gegenüber den Ländern der 3. Welt? Wertvolle Lebensmittel wie der Goldene Reis werden flächendeckend NICHT eingesetzt und Millionen von Kindern NICHT vor dem sicheren Erblinden und dem Tod bewahrt.

Ich bin es satt, dass die Landwirte pauschal für Antibiotikaresistenzen verantwortlich gemacht werden. Wo doch die Humanmedizin das mit Abstand größere Sorgenkind ist. Resultat: Die Landwirte reduzieren Jahr für Jahr – wie sieht es in der Humanmedizin aus? Ganz schwierig. Bloß löst man so Probleme?

Ich bin es satt, dass sich Deutschlands Landwirte Jahr um Jahr um mehr Tierwohl in den Ställen bemühen und dafür höchstens einen Tritt in den Hintern bekommen.

Ich bin das unwissenschaftliche, undifferenzierte Pestizidbashing leid. Dass mit Emotionen statt mit Fakten hantiert wird. Dass mit zweierlei Maß gemessen wird, indem der Einsatz von Pestiziden im Ökolandbau unter den Tisch fällt.
Es wird nur noch draufgehauen. Kaum einer erzeugt noch Lebensmittel und hat eine Ahnung, wie man es anstellt. Die Meckerer machen niemanden satt, aber verurteilen pauschal diejenigen, die es jeden Tag tun.

Fangen Sie alle damit erst mal an! Beweisen Sie, dass Sie es besser können. Bevor Sie die Profis jeden Tag aufs Neue fertig machen!

Ich ziehe daher ganz klar diese Veranstaltung vor: Wir machen Euch satt, 21. Januar 2017, 09:00 Uhr, Washingtonplatz (am Hauptbahnhof), Berlin.”

Agrotopia

Agrotopia

Pünktlich zur Grünen Woche, die am 20. Januar in Berlin startet, legt Greenpeace ein “Kursbuch Agrarwende 2050” vor, in dem die Organisation beschreibt, wie sie sich die Landwirtschaft der Zukunft vorstellt. Verantwortlich für den fachlichen Input zeichnet das Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) in Frankfurt am Main. Bereits beim ersten Querlesen sind mir einige Punkte aufgefallen, die ich hier kurz anreißen möchte.

Der Verbraucher

Der gesamte Entwurf gilt nur unter der Prämisse, dass die Verbraucher ihren Fleischkonsum bis 2050 halbieren. Die Kurzfassung der Studie schließt (S. 15) mit den Worten:

“Auch der Verbraucher muss bei diesem Umbau aktiv werden. Der Fleischkonsum der Bevölkerung in Deutschland sollte sich bis 2050 halbieren und die Haltung von Nutzieren zur Erzeugung tierischer Lebensmittel (Milch, Fleisch) auf den heimischen Markt konzentrieren. Darüber hinaus sollten vermeidbare Lebensmittelverluste halbiert werden. Wenn dies gelingt, können 76 oder 80 Millionen Menschen weitgehend aus der heimischen Produktion ernährt und gleichzeitig die gesetzten Umweltziele erreicht werden. Zudem verbleiben Restflächen, die z.B. für die Biomasseproduktion zur Verfügung stehen. Bei einer Ernährung wie bisher („as usual“) reicht die verfügbare Fläche für eine ökologisierte Landwirtschaft nicht aus, um die deutsche Bevölkerung ohne erhebliche Importe an Lebensmitteln im Jahr 2050 zu ernähren.”

Es ist zumindest zweifelhaft, ob die Skizze, die Greenpeace hier vorlegt, gesellschaftlich akzeptiert wird. Das fängt beim Fleischkonsum an und hört bei dreimal Kohlsuppe in der Woche auf. Das haben die Veggie-Day-Bemühungen der Grünen, die ursprünglichen Klimaschutzpläne von Umweltministerin Dr. Barbara Hendricks und zuletzt der Mehrwertsteuer-Vorstoß vom Umweltbundesamt eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Auch Greenpeace zieht eine erhöhte Mehrwertsteuer als Maßnahme der Konsumsteuerung in Betracht.

Verzicht auf chemisch-synthetischen Pflanzenschutz

Das Agrarmodell von Greenpeace sieht vor, auf chemisch-synthetischen Pflanzenschutz zu verzichten. Man geht davon aus, dass der Verzicht einen Ertragsrückgang um durchschnittlich 40 Prozent bewirken wird. Das soll durch Maßnahmen wie die Reduzierung der Lebensmittelabfälle kompensiert werden. Dabei macht Greenpeace einen Denkfehler: Der Verzicht auf chemisch-synthetischen Pflanzenschutz erzeugt ja nicht gleichmäßig 40 Prozent weniger Ertrag, den man woanders leicht kompensieren kann. Der letzte Sommer hat gezeigt, dass zum Beispiel Winzer oder Kartoffelbauern, wenn Ihnen nicht die entsprechenden Mittel zur Verfügung stehen auch einmal ein Jahr gar nichts ernten. Weitgehend heimische Kartoffel-Produktion in einem feuchtwarmen Sommer ohne chemisch-synthetische Wirkstoffe bedeutet kiloweise bodenschädliches Kupfer auf die Felder fahren. Was ist damit gewonnen? In der Ankündigung zur Greenpeace-Veröffentlichung steht, dass alle bienenschädlichen Pestizide verboten werden sollen – dann bitteschön aber auch die für den Ökolandbau zugelassenen Wirkstoffe Spinosad und die Pyrethrine!

Verwurf reduzieren

Die Verluste, die aus dem Verzicht auf chemisch-synthetischen Pflanzenschutz resultieren (minus 40 Prozent Ertrag), sollen dadurch ausgeglichen werden, dass weniger weggeworfen wird. Wenn es so einfach wäre, Verwurf zu reduzieren, warum machen wir das nicht einfach schon? Aus krummen Kartoffeln lassen sich nicht gut Pommes schneiden. Warum sollen in 2050 die Kartoffeln weniger krumm sein? Gerade bei Bio-Kartoffeln gibt es viel Verwurf.

Noch ein Beispiel: In den Läden werden bis kurz vor Ladenschluss alle möglichen Brotsorten vorgehalten, damit der Kunde auch nach seiner Arbeit noch die maximale Auswahl hat. Da bleibt eine Menge übrig. Soll so eine Praxis verboten werden? Dazu würden massive Markteingriffe nötig werden und ein Berg an Bürokratie. Außerdem geht das übrige Brot auch heute schon nicht völlig verloren, sondern wird z.B. als Futter in der Schweinemast verwertet oder zur Energiegewinnung (Biogas). Die Abfälle bei den Lebensmitteln, die heute anfallen, tauchen eigentlich in der Versorgungsbilanz an anderer Stelle zum Beispiel als Futter für Nutztiere wieder auf. Das heißt: Wenn ich Abfälle vermeide, muss ich mehr Futter erzeugen.

Noch ein Aspekt: Welche Art der Produktion schafft es denn eigentlich, besonders wenig zu verwerfen? In Sachen Schweinefleisch ist z.B. der Großschlachter Tönnies führend: Das Unternehmen verwertet 99 Prozent des geschlachteten Tieres. Das geht soweit, dass aus der Darmschleimhaut der Schweine Heparin gewonnen wird. Solche effizienten Strukturen lassen sich oft nur in großen Einheiten abbilden. Ist das so gewollt, Greenpeace?

Apropos Schwein: Was soll mit den Teilen geschehen, die zurzeit vor allem in den Export gehen: Schweinefüße, Schweineohren, Schweineköpfe? Wer soll das essen, wenn der Export von Fleischprodukten wegfallen soll? Oder soll das alles zu Tiernahrung verwertet werden? Apropos Tiernahrung: Wie die rund 30 Millionen Haustiere in Deutschland ernährt werden sollen, dazu schweigt sich Greenpeace aus, bis auf den Hinweis, dass Abfälle als Tiernahrung dienen könnten.

Futteranbau

Greenpeace rechnet: Wenn weniger Tiere gehalten werden, brauche ich weniger Fläche, um Futter für die Tiere anzubauen. Diese Fläche wird dann frei für die Erzeugung von pflanzlichen Lebensmitteln. Das ist eine Milchmädchenrechnung: Viele Flächen, die heute als Weide für den Futteranbau genutzt werden, lassen sich nicht beackern. Um sinnvolle Fruchtfolgen zu haben, wird auch Futtergetreide wie Gerste oder Triticale angebaut. Weizen in Backqualität zu erzeugen, gelingt nur auf Gunststandorten wirklich zuverlässig. Viel von dem Weizen, der geerntet wird, ist nicht für die menschliche Ernährung geeignet. Beispiel Dänemark: Mit Änderungen im Düngerecht durfte weniger Stickstoff auf die Felder. Daraufhin sanken die Proteingehalte so stark, dass das Land Backweizen importieren musste. Das Düngerecht wurde daraufhin wieder geändert. Kurzum: Wenn weniger Flächen für den Futteranbau benötigt werden, werden diese nicht automatisch frei für den Anbau von Nahrungsmitteln, denn nicht jeder Standort ist für jede Kultur geeignet.

Ökonomische Aspekte

Grob gesagt beschäftigt sich die Studie mit der Frage, ob bei veränderter Produktionsweise die Bevölkerung in Deutschland mit den auf deutschen Agrarflächen erzeugten Lebensmitteln ernährt werden kann. Eine Ausnahme bilden Obst und Gemüse: Hier sollen 50 Prozent importiert werden. Es wird also nur untersucht, ob eine Agrarwende produktionstechnisch überhaupt möglich ist. Nicht untersucht wurden alle Implikationen für das Wirtschafts- und Sozialsystem, die eine solche Wende mit sich bringen würde. Die Autoren wenden sich in einer Vorbemerkung (S. 6) an ihre Leser:

“Es sind im Wesentlichen sozioökonomische Aspekte (betrieblich + volkswirtschaftlich), die in dieser Studie nicht modelliert und beschrieben wurden. Hierzu gehören: die Kosteneffekte bzw. Einsparungen eines Systemwandels der Landwirtschaft, die betriebswirtschaftlichen Auswirkungen unterschiedlicher Maßnahmen auf den Einzelbetrieb, Fruchtfolge-Änderungen durch die Erhöhung des Leguminosen-Anteils zur Produktion heimischer Eiweißfuttermittel oder eine Exportorientierung als wirtschaftliches Betriebsstandbein.”

Wie jetzt? Ob wir uns dieses Agrarsystem überhaupt leisten können und wie viele Betriebe diese Wende betriebswirtschaftlich überstehen werden, wurde nicht berücksichtigt? Ach was, kostet uns bestimmt nur eine Kugel Eis. Scherz beiseite: Die Machbarkeit und die Akzeptanz eines solchen Modells hängt entscheidend davon ab, ob und wie es finanzierbar ist.

Gentechnik

Verfahren der klassischen Gentechnik sowie die neuen Züchtungstechnologien wie Crispr/Cas werden in der Greenpeace-Studie nicht berücksichtigt. Die Begründung lautet:

“In der von uns beschriebenen ökologisierten konventionellen Landwirtschaft ist die „grüne Gentechnik“ verboten. Bei unseren Annahmen für die künftige Entwicklung hat dieses grundsätzliche Verbot keine kalkulatorische Berücksichtigung gefunden, weil wir potenzielle Veränderungen der Ist-Situation berechnen. Da derzeit (Stand 2016) die „grüne Gentechnik“ in Deutschland praktisch keine Relevanz hat, muss sie auch nicht einbezogen werden.”

Langsam zum Mitschreiben: Wir reden über einen Zeitraum bis 2050, das sind mehr als 30 Jahre. Genome Editing wird derzeit in den wissenschaftlichen Fachmagazinen als die Entdeckung der letzten Jahre gefeiert mit schier unerschöpflich vielen Möglichkeiten in den Bereichen Medizin, Pflanzen- und Tierzüchtung und Synthetische Biologie. Es gibt heute bereits gentechnisch verbesserte Kartoffelsorten, die resistent sind gegen Kartoffelfäule. Damit lassen sich schon heute tonnenweise Fungizide sparen und das soll keine Rolle spielen?

Selbstversorgung

Eine Anforderung des Modells ist, ohne nennenswerte Importe auszukommen. Das soll das Klima schonen. Ausnahme: Der Bedarf an Obst und Gemüse soll nur zu 50 Prozent aus heimischer Produktion stammen. (Bananen bleiben also erlaubt – puh, Glück gehabt.) Die Frage, die sich mir stellt, ist, ob so ein Ansatz in einer globalisierten Welt realistisch ist. Wie will ich denn vermeiden, dass der Handel im Ausland günstiger einkauft, weil dort die Produktion billiger ist? Etwa durch Zölle? Wie sehen eigentlich die rechtlichen Rahmenbedingungen in unserem EU-Binnenmarkt aus? Darf sich Deutschland da überhaupt so abschotten? Ich vermute mal, nein.

Welternährung

Eine ethische Frage schließt sich an diesen Aspekt der Selbstgenügsamkeit an: Wir leben in Mitteleuropa in einer günstigen Region für die Erzeugung von Lebensmitteln. Die klimatischen und geologischen Voraussetzungen sind ideal. Haben wir deshalb nicht auch eine gewisse Verantwortung, diese Voraussetzungen optimal zu nutzen? Schließlich hungern immer noch rund 800 Millionen Menschen auf der Erde und bis 2050 müssen nach Schätzungen wesentlich mehr Menschen ernährt werden, wobei die für Landwirtschaft zur Verfügung stehende Fläche sich nicht mehr nennenswert steigern lässt. Ist es vor diesem Hintergrund überhaupt moralisch zu rechtfertigen, dass wir in Deutschland die Produktion auch noch runterfahren? Börsenspekulanten wird häufig vorgeworfen, dass sie die Weltmarktpreise für landwirtschaftliche Güter künstlich verteuern. Mit einer Ökologisierung der Landwirtschaft wird zwangsläufig die Produktion verteuert und damit steigt der Preis für Lebensmittel. Ist das dann nicht genauso verwerflich?

 

 

 

Bildnachweis: Greenpeace

 

 

 

 

 

Postfaktischer Adventskalender, Teil 21: Patente und Nachbaugebühr

Postfaktischer Adventskalender, Teil 21: Patente und Nachbaugebühr

“Kein Patent auf Leben” oder wie jetzt beim Aufruf zur nächsten Ausgabe der “Wir-haben-es-satt”-Demo in Berlin: “Agrarkonzerne – Finger weg von unserem Essen” – so argumentiert Big Green dagegen, dass sich Saatgutunternehmen bestimmte Eigenschaften ihrer Produkte patentieren lassen. Patente werden häufig in einem Atemzug genannt mit Grüner Gentechnik. Doch es gibt auch für konventionell gezüchtete Nutzpflanzen Patente, zum Beispiel auf eine Brokkolisorte. agrarheute.com schreibt:

“Das 2002 erteilte und nun in letzter Instanz vom EPA bestätigte “Brokkoli-Patent” der Firma Plant Bioscience bezog sich auf ein Auswahlverfahren, mit dem bei der Zucht von Brokkoli ein Anteil eines bestimmten, vermutlich krebsvorbeugenden Inhaltsstoffs in den Pflanzen erhöht werden kann. Das verwendete Züchtungsverfahren umfasst sowohl konventionelle Schritte als auch genetische Marker zur Kennzeichnung der verantwortlichen Stellen im Erbgut der Pflanzen.”

Mit dem Slogan “Patente auf Leben” werden häufig Verschwörungstheorien verknüpft. So schreibt der Anti-Biotechnologie-Verein Testbiotech auf einer Themenseite:

“Das Patentrecht wird dazu missbraucht, die Kontrolle über die genetischen Ressourcen und die Lebensmittelherstellung zu erlangen. Drei Konzerne – Monsanto, Dupont und Syngenta – kontrollieren inzwischen schon mehr als 50% des internationalen Saatgutmarktes und entscheiden damit auch, welche Pflanzen in Zukunft gezüchtet und angebaut werden. In Europa wurden schon über 2000 Patente auf Nutzpflanzen und ihr Saatgut erteilt.”

Wenn ich mich so im Supermarkt umsehe, habe ich das Gefühl, dass immer noch der Verbraucher entscheidet, was er kaufen und essen möchte. Und für den Verbraucher wird letztlich produziert: Als Landwirt baue ich das an, was ich auch am Markt absetzen kann. Mein Eindruck ist zudem, dass die Vielfalt im Obst- und Gemüseregal in den letzten Jahren zugenommen hat: So gibt es neben Dattel-, Cherry, Roma- und Rispentomaten auch noch Fleischtomaten, die “Rinderherz” heißen, und neben roten Tomaten auch welche in den Farben gelb, orange und dunkelgrün.

Was vielen vielleicht nicht bewusst ist: Auch Zuchtunternehmen, die konventionelles Saatgut herstellen, nehmen Lizenzgebühren. Und: Wenn der Bauer etwas von der eigenen Ernte im kommenden Jahr wieder aussäen will, werden sogenannte Nachbaugebühren fällig. Diese Regelung hat der Europäische Gerichtshof im Juli 2015 bestätigt. Trotzdem sind diese Nachbaugebühren manchen Landwirten ein Dorn im Auge. Es gibt sogar einen Verein, der dagegen aktiv vorgeht: Die Interessengemeinschaft (IG) Nachbau hat sich Ende 1998 am Rande einer Mitgliederversammlung der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) gegründet. Die IG Nachbau schreibt auf ihrer Homepage:

“Säen und Ernten, von der Ernte etwas aufbewahren, um es im nächsten Jahr wieder auszusäen – dies uralte Grundprinzip der Landwirtschaft soll nun nicht mehr uneingeschränkt möglich sein. Die Pflanzenzüchter verlangen nicht nur die – berechtigten einmaligen – Lizenzgebühren, wenn sie neues Saatgut an die Bauern verkaufen, sondern wollen auch die nächsten 25 bis 30 Jahre Geld, wenn der Bauer einen Teil seiner Ernte wieder als Saatgut einsetzt – sogenannten Nachbau betreibt.”

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Bild von der diesjährigen “Wir-haben-es-satt”-Demo: Transparent der IG Nachbau

Es gibt viele kleine und mittelständische Saatgutunternehmen. Nachbaugebühren sind für diese Firmen eine wichtige Einnahmequelle, damit sie ihren enormen Aufwand bei der Züchtung neuer besserer Sorten auch vergütet bekommen. Damit helfen diese Gebühren eigentlich, Vielfalt zu bewahren und Fortschritt zu ermöglichen. Das sehen sogar manche Grünen Politiker so.

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Quelle: Facebook

Dieser Beitrag aus der “hessenschau” gibt einen Überblick über die verschiedenen Positionen:

Wie in dem “hessenschau”-Beitrag angeklungen, steht besonders Hybridsaatgut in der Kritik, denn hier macht der Nachbau keinen Sinn, weil der Ertrag in der folgenden Generation deutlich zurückgeht. Das ist nicht boshaft von den Zuchtunternehmen eingebaut, sondern liegt in der Natur der Sache. Denn die Vorteile der Hybridsorten entstehen durch den sogenannten Heterosis-Effekt. Das Foto in dem folgenden Tweet zeigt das sehr anschaulich: Ich kreuze zwei ingezüchtete Liniensorten und erhalte in der F1-Generation eine bemerkenswerte Steigerung in der Leistungsfähigkeit. Kreuze ich die F1-Pflanzen untereinander mendeln sich die guten Eigenschaften wieder raus.

Wie es eigentlich zu dem Heterosis-Effekt kommt, wird von den Wissenschaftlern immer noch nicht genau verstanden. Als Landwirt muss ich mir überlegen, mit welcher Strategie ich auf meinem Standort besser fahre: Den Mehrertrag durch das Hybridsaatgut mitnehmen und jedes Jahr neues Saatgut kaufen oder beim Saatgut sparen. Man kann das auch als Chance begreifen und nicht als Zwang.