“Wir machen Euch satt!”

“Wir machen Euch satt!”

Am kommenden Samstag wird es in Berlin wieder zwei Demos zum Thema Landwirtschaft geben. Christina Annelies, selbst nicht Landwirtin wohlgemerkt, erklärt auf Facebook, welche Veranstaltung sie empfiehlt:

“Jetzt mache ich mal Reklame für die “Wir machen Euch satt- Kundgebung”!
Ich habe nämlich zahlreiche Gründe, warum ich nicht bei der „Wir haben es satt“-Kundgebung kommenden Samstag in Berlin mitlaufen werde. Warum ich mich nicht den Forderungen der Big Green an eine „neue“ Landwirtschaft anschließen kann und will.

Ich habe es nämlich auch satt. Ich kann den Ruf nach der bäuerlichen Landwirtschaft nicht mehr hören, denn es definiert keiner, was bäuerliche Landwirtschaft eigentlich ist. Wo es anfängt, wo es aufhört. Was oder wen genau die Satten im Land wollen. Jeder hat seine eigene Vorstellung und vertritt sie in voller Lautstärke. Bloß: Mit pauschalen Kampfbegriffen und entsprechendem Aktionismus machen sie höchstens kaputt, was sie erhalten wollen. Es häufen sich die Geschichten von potenziellen Hofnachfolgern, die die Betriebe ihrer Eltern nicht mehr bewirtschaften wollen, unter anderem weil sie die Nase gestrichen voll haben von diesem non-stop Bauernbashing in Politik, Öffentlichkeit und Medien.

Ich bin es satt, dass die, die die Landwirtschaft ökologisieren wollen, es nicht für notwendig erachten, belastbare Konzepte vorzulegen, wie denn eine für alle bezahlbare Lebensmittelversorgung nach der Agrarwende funktionieren soll. Vermutlich können sich die nur wohlhabendere Milieus leisten – unter anderem grüne Stammwähler. (Höfliche) Nachfragen per Facebook bei den Big Green (die Grünen, Greenpeace, BUND etc.) führt ins Nirwana – es herrscht lautes Schweigen. Oder, noch besser, man darf nicht mehr kommentieren (eine Spezialität von Grünen-Politiker).

Ich bin es ferner leid, dass so viele Menschen hierzulande behaupten, die moderne Landwirtschaft mache die Umwelt kaputt. Wo sie sich doch selber alle an die Nase packen müssten. Die Republik wird zubetoniert für die Allgemeinheit, fürs Eigenheim, Arbeiten und bequeme Shoppen auf der Grünen Wiese. Jeden Tag werden 70 Hektar Agrarland aus der Bewirtschaftung genommen und vieles davon versiegelt. Alle profitieren. So wie seit mehr als zwei Jahrzehnten massenmedial verbreitet wird, dass der globale Klimawandel menschengemacht ist und gerade der reiche Westen sowohl Mobilität als auch Stromverschwendung einschränken müsse. Das Gegenteil ist passiert. Aber die Landwirtschaft ist schuld? Es waren übrigens die Grünen, die die Förderung von Biogasanlagen initiiert haben. Und jetzt, wo ihnen die tatsächlichen bzw. vermeintlichen Konsequenzen nicht passen, schieben sie die Verantwortung in Richtung Landwirtschaft ab.

Ich bin es richtig leid, dass so viele nicht zu würdigen wissen, dass wir in dem reichsten Land der Welt leben und es zynisch ist, für gutes Essen auf die Straße zu gehen. Sämtliche Kontrollen der letzten Jahre sagen: Unser Essen ist sauber. So sauber wie vermutlich niemals zuvor in der Menschheitsgeschichte. Für jeden ist etwas dabei – für jeden Geldbeutel. Dagegen zu protestieren grenzt doch an Wohlstandsverwahrlosung.

Für endgültig wohlstandsverwahrlost halte ich den Widerstand gegen grüne Gentechnologie. In all den Jahrzehnten konnten null Negativauswirkungen nachgewiesen werden. Diabetiskranke Menschen hierzulande betrachten Insulin gar als einen Segen, und das ist es definitiv. Bloß: Bei der Herstellung von Insulin werden gentechnisch manipulierte Pilzen und Bakterien verwendet. Aber wenn’s um die eigene Gesundheit geht, nicht wahr? Bei Lebensmitteln scheinen wissenschaftliche Erkenntnisse nicht zu tangieren – vermutlich weil keiner die Auswirkungen ausbaden braucht. Was ist das Resultat eines vagen Unwohlseins des einflussreichen, satten Westens gegenüber den Ländern der 3. Welt? Wertvolle Lebensmittel wie der Goldene Reis werden flächendeckend NICHT eingesetzt und Millionen von Kindern NICHT vor dem sicheren Erblinden und dem Tod bewahrt.

Ich bin es satt, dass die Landwirte pauschal für Antibiotikaresistenzen verantwortlich gemacht werden. Wo doch die Humanmedizin das mit Abstand größere Sorgenkind ist. Resultat: Die Landwirte reduzieren Jahr für Jahr – wie sieht es in der Humanmedizin aus? Ganz schwierig. Bloß löst man so Probleme?

Ich bin es satt, dass sich Deutschlands Landwirte Jahr um Jahr um mehr Tierwohl in den Ställen bemühen und dafür höchstens einen Tritt in den Hintern bekommen.

Ich bin das unwissenschaftliche, undifferenzierte Pestizidbashing leid. Dass mit Emotionen statt mit Fakten hantiert wird. Dass mit zweierlei Maß gemessen wird, indem der Einsatz von Pestiziden im Ökolandbau unter den Tisch fällt.
Es wird nur noch draufgehauen. Kaum einer erzeugt noch Lebensmittel und hat eine Ahnung, wie man es anstellt. Die Meckerer machen niemanden satt, aber verurteilen pauschal diejenigen, die es jeden Tag tun.

Fangen Sie alle damit erst mal an! Beweisen Sie, dass Sie es besser können. Bevor Sie die Profis jeden Tag aufs Neue fertig machen!

Ich ziehe daher ganz klar diese Veranstaltung vor: Wir machen Euch satt, 21. Januar 2017, 09:00 Uhr, Washingtonplatz (am Hauptbahnhof), Berlin.”

Agrotopia

Agrotopia

Pünktlich zur Grünen Woche, die am 20. Januar in Berlin startet, legt Greenpeace ein “Kursbuch Agrarwende 2050” vor, in dem die Organisation beschreibt, wie sie sich die Landwirtschaft der Zukunft vorstellt. Verantwortlich für den fachlichen Input zeichnet das Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) in Frankfurt am Main. Bereits beim ersten Querlesen sind mir einige Punkte aufgefallen, die ich hier kurz anreißen möchte.

Der Verbraucher

Der gesamte Entwurf gilt nur unter der Prämisse, dass die Verbraucher ihren Fleischkonsum bis 2050 halbieren. Die Kurzfassung der Studie schließt (S. 15) mit den Worten:

“Auch der Verbraucher muss bei diesem Umbau aktiv werden. Der Fleischkonsum der Bevölkerung in Deutschland sollte sich bis 2050 halbieren und die Haltung von Nutzieren zur Erzeugung tierischer Lebensmittel (Milch, Fleisch) auf den heimischen Markt konzentrieren. Darüber hinaus sollten vermeidbare Lebensmittelverluste halbiert werden. Wenn dies gelingt, können 76 oder 80 Millionen Menschen weitgehend aus der heimischen Produktion ernährt und gleichzeitig die gesetzten Umweltziele erreicht werden. Zudem verbleiben Restflächen, die z.B. für die Biomasseproduktion zur Verfügung stehen. Bei einer Ernährung wie bisher („as usual“) reicht die verfügbare Fläche für eine ökologisierte Landwirtschaft nicht aus, um die deutsche Bevölkerung ohne erhebliche Importe an Lebensmitteln im Jahr 2050 zu ernähren.”

Es ist zumindest zweifelhaft, ob die Skizze, die Greenpeace hier vorlegt, gesellschaftlich akzeptiert wird. Das fängt beim Fleischkonsum an und hört bei dreimal Kohlsuppe in der Woche auf. Das haben die Veggie-Day-Bemühungen der Grünen, die ursprünglichen Klimaschutzpläne von Umweltministerin Dr. Barbara Hendricks und zuletzt der Mehrwertsteuer-Vorstoß vom Umweltbundesamt eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Auch Greenpeace zieht eine erhöhte Mehrwertsteuer als Maßnahme der Konsumsteuerung in Betracht.

Verzicht auf chemisch-synthetischen Pflanzenschutz

Das Agrarmodell von Greenpeace sieht vor, auf chemisch-synthetischen Pflanzenschutz zu verzichten. Man geht davon aus, dass der Verzicht einen Ertragsrückgang um durchschnittlich 40 Prozent bewirken wird. Das soll durch Maßnahmen wie die Reduzierung der Lebensmittelabfälle kompensiert werden. Dabei macht Greenpeace einen Denkfehler: Der Verzicht auf chemisch-synthetischen Pflanzenschutz erzeugt ja nicht gleichmäßig 40 Prozent weniger Ertrag, den man woanders leicht kompensieren kann. Der letzte Sommer hat gezeigt, dass zum Beispiel Winzer oder Kartoffelbauern, wenn Ihnen nicht die entsprechenden Mittel zur Verfügung stehen auch einmal ein Jahr gar nichts ernten. Weitgehend heimische Kartoffel-Produktion in einem feuchtwarmen Sommer ohne chemisch-synthetische Wirkstoffe bedeutet kiloweise bodenschädliches Kupfer auf die Felder fahren. Was ist damit gewonnen? In der Ankündigung zur Greenpeace-Veröffentlichung steht, dass alle bienenschädlichen Pestizide verboten werden sollen – dann bitteschön aber auch die für den Ökolandbau zugelassenen Wirkstoffe Spinosad und die Pyrethrine!

Verwurf reduzieren

Die Verluste, die aus dem Verzicht auf chemisch-synthetischen Pflanzenschutz resultieren (minus 40 Prozent Ertrag), sollen dadurch ausgeglichen werden, dass weniger weggeworfen wird. Wenn es so einfach wäre, Verwurf zu reduzieren, warum machen wir das nicht einfach schon? Aus krummen Kartoffeln lassen sich nicht gut Pommes schneiden. Warum sollen in 2050 die Kartoffeln weniger krumm sein? Gerade bei Bio-Kartoffeln gibt es viel Verwurf.

Noch ein Beispiel: In den Läden werden bis kurz vor Ladenschluss alle möglichen Brotsorten vorgehalten, damit der Kunde auch nach seiner Arbeit noch die maximale Auswahl hat. Da bleibt eine Menge übrig. Soll so eine Praxis verboten werden? Dazu würden massive Markteingriffe nötig werden und ein Berg an Bürokratie. Außerdem geht das übrige Brot auch heute schon nicht völlig verloren, sondern wird z.B. als Futter in der Schweinemast verwertet oder zur Energiegewinnung (Biogas). Die Abfälle bei den Lebensmitteln, die heute anfallen, tauchen eigentlich in der Versorgungsbilanz an anderer Stelle zum Beispiel als Futter für Nutztiere wieder auf. Das heißt: Wenn ich Abfälle vermeide, muss ich mehr Futter erzeugen.

Noch ein Aspekt: Welche Art der Produktion schafft es denn eigentlich, besonders wenig zu verwerfen? In Sachen Schweinefleisch ist z.B. der Großschlachter Tönnies führend: Das Unternehmen verwertet 99 Prozent des geschlachteten Tieres. Das geht soweit, dass aus der Darmschleimhaut der Schweine Heparin gewonnen wird. Solche effizienten Strukturen lassen sich oft nur in großen Einheiten abbilden. Ist das so gewollt, Greenpeace?

Apropos Schwein: Was soll mit den Teilen geschehen, die zurzeit vor allem in den Export gehen: Schweinefüße, Schweineohren, Schweineköpfe? Wer soll das essen, wenn der Export von Fleischprodukten wegfallen soll? Oder soll das alles zu Tiernahrung verwertet werden? Apropos Tiernahrung: Wie die rund 30 Millionen Haustiere in Deutschland ernährt werden sollen, dazu schweigt sich Greenpeace aus, bis auf den Hinweis, dass Abfälle als Tiernahrung dienen könnten.

Futteranbau

Greenpeace rechnet: Wenn weniger Tiere gehalten werden, brauche ich weniger Fläche, um Futter für die Tiere anzubauen. Diese Fläche wird dann frei für die Erzeugung von pflanzlichen Lebensmitteln. Das ist eine Milchmädchenrechnung: Viele Flächen, die heute als Weide für den Futteranbau genutzt werden, lassen sich nicht beackern. Um sinnvolle Fruchtfolgen zu haben, wird auch Futtergetreide wie Gerste oder Triticale angebaut. Weizen in Backqualität zu erzeugen, gelingt nur auf Gunststandorten wirklich zuverlässig. Viel von dem Weizen, der geerntet wird, ist nicht für die menschliche Ernährung geeignet. Beispiel Dänemark: Mit Änderungen im Düngerecht durfte weniger Stickstoff auf die Felder. Daraufhin sanken die Proteingehalte so stark, dass das Land Backweizen importieren musste. Das Düngerecht wurde daraufhin wieder geändert. Kurzum: Wenn weniger Flächen für den Futteranbau benötigt werden, werden diese nicht automatisch frei für den Anbau von Nahrungsmitteln, denn nicht jeder Standort ist für jede Kultur geeignet.

Ökonomische Aspekte

Grob gesagt beschäftigt sich die Studie mit der Frage, ob bei veränderter Produktionsweise die Bevölkerung in Deutschland mit den auf deutschen Agrarflächen erzeugten Lebensmitteln ernährt werden kann. Eine Ausnahme bilden Obst und Gemüse: Hier sollen 50 Prozent importiert werden. Es wird also nur untersucht, ob eine Agrarwende produktionstechnisch überhaupt möglich ist. Nicht untersucht wurden alle Implikationen für das Wirtschafts- und Sozialsystem, die eine solche Wende mit sich bringen würde. Die Autoren wenden sich in einer Vorbemerkung (S. 6) an ihre Leser:

“Es sind im Wesentlichen sozioökonomische Aspekte (betrieblich + volkswirtschaftlich), die in dieser Studie nicht modelliert und beschrieben wurden. Hierzu gehören: die Kosteneffekte bzw. Einsparungen eines Systemwandels der Landwirtschaft, die betriebswirtschaftlichen Auswirkungen unterschiedlicher Maßnahmen auf den Einzelbetrieb, Fruchtfolge-Änderungen durch die Erhöhung des Leguminosen-Anteils zur Produktion heimischer Eiweißfuttermittel oder eine Exportorientierung als wirtschaftliches Betriebsstandbein.”

Wie jetzt? Ob wir uns dieses Agrarsystem überhaupt leisten können und wie viele Betriebe diese Wende betriebswirtschaftlich überstehen werden, wurde nicht berücksichtigt? Ach was, kostet uns bestimmt nur eine Kugel Eis. Scherz beiseite: Die Machbarkeit und die Akzeptanz eines solchen Modells hängt entscheidend davon ab, ob und wie es finanzierbar ist.

Gentechnik

Verfahren der klassischen Gentechnik sowie die neuen Züchtungstechnologien wie Crispr/Cas werden in der Greenpeace-Studie nicht berücksichtigt. Die Begründung lautet:

“In der von uns beschriebenen ökologisierten konventionellen Landwirtschaft ist die „grüne Gentechnik“ verboten. Bei unseren Annahmen für die künftige Entwicklung hat dieses grundsätzliche Verbot keine kalkulatorische Berücksichtigung gefunden, weil wir potenzielle Veränderungen der Ist-Situation berechnen. Da derzeit (Stand 2016) die „grüne Gentechnik“ in Deutschland praktisch keine Relevanz hat, muss sie auch nicht einbezogen werden.”

Langsam zum Mitschreiben: Wir reden über einen Zeitraum bis 2050, das sind mehr als 30 Jahre. Genome Editing wird derzeit in den wissenschaftlichen Fachmagazinen als die Entdeckung der letzten Jahre gefeiert mit schier unerschöpflich vielen Möglichkeiten in den Bereichen Medizin, Pflanzen- und Tierzüchtung und Synthetische Biologie. Es gibt heute bereits gentechnisch verbesserte Kartoffelsorten, die resistent sind gegen Kartoffelfäule. Damit lassen sich schon heute tonnenweise Fungizide sparen und das soll keine Rolle spielen?

Selbstversorgung

Eine Anforderung des Modells ist, ohne nennenswerte Importe auszukommen. Das soll das Klima schonen. Ausnahme: Der Bedarf an Obst und Gemüse soll nur zu 50 Prozent aus heimischer Produktion stammen. (Bananen bleiben also erlaubt – puh, Glück gehabt.) Die Frage, die sich mir stellt, ist, ob so ein Ansatz in einer globalisierten Welt realistisch ist. Wie will ich denn vermeiden, dass der Handel im Ausland günstiger einkauft, weil dort die Produktion billiger ist? Etwa durch Zölle? Wie sehen eigentlich die rechtlichen Rahmenbedingungen in unserem EU-Binnenmarkt aus? Darf sich Deutschland da überhaupt so abschotten? Ich vermute mal, nein.

Welternährung

Eine ethische Frage schließt sich an diesen Aspekt der Selbstgenügsamkeit an: Wir leben in Mitteleuropa in einer günstigen Region für die Erzeugung von Lebensmitteln. Die klimatischen und geologischen Voraussetzungen sind ideal. Haben wir deshalb nicht auch eine gewisse Verantwortung, diese Voraussetzungen optimal zu nutzen? Schließlich hungern immer noch rund 800 Millionen Menschen auf der Erde und bis 2050 müssen nach Schätzungen wesentlich mehr Menschen ernährt werden, wobei die für Landwirtschaft zur Verfügung stehende Fläche sich nicht mehr nennenswert steigern lässt. Ist es vor diesem Hintergrund überhaupt moralisch zu rechtfertigen, dass wir in Deutschland die Produktion auch noch runterfahren? Börsenspekulanten wird häufig vorgeworfen, dass sie die Weltmarktpreise für landwirtschaftliche Güter künstlich verteuern. Mit einer Ökologisierung der Landwirtschaft wird zwangsläufig die Produktion verteuert und damit steigt der Preis für Lebensmittel. Ist das dann nicht genauso verwerflich?

 

 

 

Bildnachweis: Greenpeace

 

 

 

 

 

Postfaktischer Adventskalender, Teil 21: Patente und Nachbaugebühr

Postfaktischer Adventskalender, Teil 21: Patente und Nachbaugebühr

“Kein Patent auf Leben” oder wie jetzt beim Aufruf zur nächsten Ausgabe der “Wir-haben-es-satt”-Demo in Berlin: “Agrarkonzerne – Finger weg von unserem Essen” – so argumentiert Big Green dagegen, dass sich Saatgutunternehmen bestimmte Eigenschaften ihrer Produkte patentieren lassen. Patente werden häufig in einem Atemzug genannt mit Grüner Gentechnik. Doch es gibt auch für konventionell gezüchtete Nutzpflanzen Patente, zum Beispiel auf eine Brokkolisorte. agrarheute.com schreibt:

“Das 2002 erteilte und nun in letzter Instanz vom EPA bestätigte “Brokkoli-Patent” der Firma Plant Bioscience bezog sich auf ein Auswahlverfahren, mit dem bei der Zucht von Brokkoli ein Anteil eines bestimmten, vermutlich krebsvorbeugenden Inhaltsstoffs in den Pflanzen erhöht werden kann. Das verwendete Züchtungsverfahren umfasst sowohl konventionelle Schritte als auch genetische Marker zur Kennzeichnung der verantwortlichen Stellen im Erbgut der Pflanzen.”

Mit dem Slogan “Patente auf Leben” werden häufig Verschwörungstheorien verknüpft. So schreibt der Anti-Biotechnologie-Verein Testbiotech auf einer Themenseite:

“Das Patentrecht wird dazu missbraucht, die Kontrolle über die genetischen Ressourcen und die Lebensmittelherstellung zu erlangen. Drei Konzerne – Monsanto, Dupont und Syngenta – kontrollieren inzwischen schon mehr als 50% des internationalen Saatgutmarktes und entscheiden damit auch, welche Pflanzen in Zukunft gezüchtet und angebaut werden. In Europa wurden schon über 2000 Patente auf Nutzpflanzen und ihr Saatgut erteilt.”

Wenn ich mich so im Supermarkt umsehe, habe ich das Gefühl, dass immer noch der Verbraucher entscheidet, was er kaufen und essen möchte. Und für den Verbraucher wird letztlich produziert: Als Landwirt baue ich das an, was ich auch am Markt absetzen kann. Mein Eindruck ist zudem, dass die Vielfalt im Obst- und Gemüseregal in den letzten Jahren zugenommen hat: So gibt es neben Dattel-, Cherry, Roma- und Rispentomaten auch noch Fleischtomaten, die “Rinderherz” heißen, und neben roten Tomaten auch welche in den Farben gelb, orange und dunkelgrün.

Was vielen vielleicht nicht bewusst ist: Auch Zuchtunternehmen, die konventionelles Saatgut herstellen, nehmen Lizenzgebühren. Und: Wenn der Bauer etwas von der eigenen Ernte im kommenden Jahr wieder aussäen will, werden sogenannte Nachbaugebühren fällig. Diese Regelung hat der Europäische Gerichtshof im Juli 2015 bestätigt. Trotzdem sind diese Nachbaugebühren manchen Landwirten ein Dorn im Auge. Es gibt sogar einen Verein, der dagegen aktiv vorgeht: Die Interessengemeinschaft (IG) Nachbau hat sich Ende 1998 am Rande einer Mitgliederversammlung der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) gegründet. Die IG Nachbau schreibt auf ihrer Homepage:

“Säen und Ernten, von der Ernte etwas aufbewahren, um es im nächsten Jahr wieder auszusäen – dies uralte Grundprinzip der Landwirtschaft soll nun nicht mehr uneingeschränkt möglich sein. Die Pflanzenzüchter verlangen nicht nur die – berechtigten einmaligen – Lizenzgebühren, wenn sie neues Saatgut an die Bauern verkaufen, sondern wollen auch die nächsten 25 bis 30 Jahre Geld, wenn der Bauer einen Teil seiner Ernte wieder als Saatgut einsetzt – sogenannten Nachbau betreibt.”

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Bild von der diesjährigen “Wir-haben-es-satt”-Demo: Transparent der IG Nachbau

Es gibt viele kleine und mittelständische Saatgutunternehmen. Nachbaugebühren sind für diese Firmen eine wichtige Einnahmequelle, damit sie ihren enormen Aufwand bei der Züchtung neuer besserer Sorten auch vergütet bekommen. Damit helfen diese Gebühren eigentlich, Vielfalt zu bewahren und Fortschritt zu ermöglichen. Das sehen sogar manche Grünen Politiker so.

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Quelle: Facebook

Dieser Beitrag aus der “hessenschau” gibt einen Überblick über die verschiedenen Positionen:

Wie in dem “hessenschau”-Beitrag angeklungen, steht besonders Hybridsaatgut in der Kritik, denn hier macht der Nachbau keinen Sinn, weil der Ertrag in der folgenden Generation deutlich zurückgeht. Das ist nicht boshaft von den Zuchtunternehmen eingebaut, sondern liegt in der Natur der Sache. Denn die Vorteile der Hybridsorten entstehen durch den sogenannten Heterosis-Effekt. Das Foto in dem folgenden Tweet zeigt das sehr anschaulich: Ich kreuze zwei ingezüchtete Liniensorten und erhalte in der F1-Generation eine bemerkenswerte Steigerung in der Leistungsfähigkeit. Kreuze ich die F1-Pflanzen untereinander mendeln sich die guten Eigenschaften wieder raus.

Wie es eigentlich zu dem Heterosis-Effekt kommt, wird von den Wissenschaftlern immer noch nicht genau verstanden. Als Landwirt muss ich mir überlegen, mit welcher Strategie ich auf meinem Standort besser fahre: Den Mehrertrag durch das Hybridsaatgut mitnehmen und jedes Jahr neues Saatgut kaufen oder beim Saatgut sparen. Man kann das auch als Chance begreifen und nicht als Zwang.

Postfaktischer Adventskalender, Teil 18: Anbauverbot für Gentechnik

Postfaktischer Adventskalender, Teil 18: Anbauverbot für Gentechnik

Am letzten Freitag hat der Bundesrat seine Stellungnahme zu den Plänen der Bundesregierung zur Änderung des Gentechnikgesetzes beschlossen. Der vom Bundeslandwirtschaftsministerium (BMEL) erarbeitete Gesetzentwurf geht der Länderkammer nicht weit genug. Die Hürden in dem entworfenen Verfahren für ein bundesweites Anbauverbot für gentechnisch veränderte Nutzpflanzen seien zu hoch:

“Es ist zu erwarten, dass es ein bundeseinheitliches Anbauverbot mit dieser Regelung nicht geben wird. Vielmehr werden zusätzliche bürokratische Hürden errichtet und die Begründungslast trotz der vordergründig beim Bund liegenden Federführung wieder auf die Länder verlagert. Eine einvernehmliche Regelung für ein Anbauverbot wird damit stark erschwert, was im Ergebnis zu einem Scheitern bundeseinheitlicher Opt out-Maßnahmen und einem Flickenteppich beim Anbau gentechnisch veränderter Organismen führen kann. Der Bundesrat hält eine Nachbesserung des Gesetzentwurfs deshalb für dringend geboten.”

Auch missfallen dem Bundesrat die Regelungen, die die Bundesregierung in ihrem Entwurf zu den neuen Züchtungstechnologien eingefügt hatte. Solange die EU keine anderweitige Entscheidung fällt, sollten die mit neuen Züchtungstechnologien gezüchteten Pflanzen nicht grundsätzlich wie Gentechnik-Pflanzen behandelt werden, sondern einer Einzelfallprüfung unterzogen werden.

“Die Bundesregierung geht davon aus, dass auch bei der Freisetzung und dem Inverkehrbringen von Organismen, die mittels neuer Züchtungstechniken wie CRISPR/Cas9 erzeugt worden sind, unter Zugrundelegung des Vorsorgeprinzips und des Innovationsprinzips ein hohes Maß an Sicherheit gewährleistet wird. Vorbehaltlich einer anderweitig bindenden Entscheidung auf EU-Ebene wird zu diesem Zweck im Rahmen von Einzelfallprüfungen im Gentechnikrecht eine prozess- und produktbezogene Betrachtung und Bewertung zu Grunde gelegt.”

Die Länderkammer hat dazu folgende Stellungnahme verabschiedet:

“Der Bundesrat teilt die in der Begründung zum Gesetzentwurf auf Seite 11, zweiter Absatz, dargelegte Auffassung der Bundesregierung zu den neuen Gentechniken nicht. Er hält es auch nicht für sachgerecht, in die Begründung zum Gesetzentwurf Auslegungsvorgaben zu den neuen Gentechniken aufzunehmen, die keinerlei Bezug zum Regelungsteil des Entwurfs haben. Inhaltlich ist der Bundesrat der Ansicht, dass dem Vorsorgeprinzip im Umgang mit den neuen Gentechniken oberste Priorität eingeräumt werden sollte. Dessen Gleichsetzung mit einem nicht näher definierten Innovationsprinzip wird abgelehnt. Der Bundesrat vertritt die Auffassung, dass unter Einsatz der neuen Gentechniken erzeugte Organismen so lange einer prozessbezogenen Bewertung unterzogen werden müssen, solange es keine europäische Entscheidung darüber gibt, ob einzelne dieser Techniken aus dem Regelungsbereich des Gentechnikrechts herausfallen. Demzufolge sollten alle Organismen, die mit Hilfe der neuen Gentechniken erzeugt werden, zunächst dem Gentechnikgesetz unterfallen.”

 

genmais_spanienFür mich stellt sich die Frage, warum wir in Deutschland überhaupt ein bundesweites Anbauverbot für gentechnisch verbesserte Nutzpflanzen haben sollten. Die EU räumt den Mitgliedstaaten die Möglichkeit ein, ein solches Verbot zu erheben, es besteht aber von seiten der EU keine Verpflichtung dazu, das auch zu tun. Faktisch ist derzeit in Deutschland verboten, Gentechnik-Pflanzen anzubauen. Die einzige in der EU zugelassene gentechnisch veränderte Sorte ist der Mais Mon810, und der Anbau dieser Sorte wurde in Deutschland verboten. In der EU haben wir somit den bemäkelten Flickenteppich: In Spanien und Portugal wird nämlich gentechnisch verbesserter Mais angebaut.

Die Wissenschaft reagiert kritisch auf das Gesetzgebungsvorhaben. Der Verband Biologie, Biowissenschaften und Biomedizin in Deutschland (VBIO e. V.) hat gemeinsam mit Fachgesellschaften aus den Bereichen Molekularbiologie und Pflanzenwissenschaften eine Stellungnahme formuliert, die auf vier kritische Aspekte hinweist:

“1. Von der vorgeschlagenen „Opt-out-Regelung“ geht eine Signalwirkung auf die Forschung aus. Dies wird mittelbar auch die wissenschaftliche Beschäftigung mit modernen Züchtungstechnologien beeinträchtigen.

2. Die „zwingenden Gründe“, mit denen künftig ein Anbauverbot erlassen werden kann, unterliegen nur teilweise wissenschaftlicher Rationalität. Dies ist politisch legitim, muss aber transparent gemacht werden. Stattdessen wird häufig suggeriert, die zukünftig möglichen Anbauverbote stünden in Zusammenhang mit einer Gefährdung, die von den gentechnisch veränderten Pflanzen ausginge.

3. Ein von den Kritikern des Kabinettsentwurfs gefordertes, weitergehendes nationales Anbauverbot ist fachlich nicht zu begründen und sowohl politisch wie juristisch zweifelhaft.

4. Die Opt-out-Regelung benachteiligt Anbau und Entwicklung gentechnisch veränderter Pflanzen in einem Maße, wie dies für andere Branchen – wie beispielsweise die Automobilbranche – kaum vorstellbar ist.”

Punkt 3 trifft auf die Kritik aus der Länderkammer zu. Nach den Vorgaben der EU kann ein Anbauverbot nicht mit Sicherheitsbedenken begründet werden, weil die Sicherheit des Anbaus zuvor bei der Zulassung auf EU-Ebene geprüft worden ist. Es müssen politische Gründe vorgebracht werden:

“Kritiker verlangen darüber hinaus ein pauschales nationales Anbauverbot ohne spezifische Begründung und Verantwortung, aber auch ohne Entscheidungsfreiheit der einzelnen Bundesländer. Allerdings ist eine unisono länderübergreifende Formulierung gar nicht möglich, da die vorzubringenden „zwingenden Gründe“ in der Regel nur regionalen oder lokalen Charakter haben können – etwa kleinflächige landwirtschaftliche Strukturen oder Naturschutzgebiete.”

Generell stellt der VBIO in Frage, wie sinnvoll ein Verbot von Produkten sei, die “nach eingehender fachlicher Prüfung als sicher für Mensch und Umwelt eingestuft wurden”.

In diesem Zusammenhang wird häufig auf den Koalitionsvertrag der Großen Koalition verwiesen. Dort steht unter dem Punkt “Grüne Gentechnik”:

“Wir erkennen die Vorbehalte des Großteils der Bevölkerung gegenüber der grünen Gentechnik an.

Wir treten für eine EU-Kennzeichnungspflicht für Produkte von Tieren, die mit genveränderten Pflanzen gefüttert wurden, ein. An der Nulltoleranz gegenüber nicht
zugelassenen gentechnisch veränderten Bestandteilen in Lebensmitteln halten wir fest – ebenso wie an der Saatgutreinheit.”

Aus “Vorbehalte anerkennen” folgt m.E. nicht, dass ich grundsätzlich verbieten muss, wogegen Vorbehalte bestehen. Und: Der Koalitionsvertrag ist jetzt drei Jahre alt. Ende 2013 war außerhalb der Fachwelt noch nicht greifbar, welche Möglichkeiten Genome Editing auch in der Pflanzenzüchtung zu bieten hat. Es muss doch auch in der Politik möglich sein, zu sagen: “Wir sind jetzt klüger als vor drei Jahren und können jetzt weiter sehen.” Oder?

 

Links:

• Bundesweites Anbauverbot für genetisch veränderte Pflanzen gefordert

• Biowissenschaftler zur Debatte um die Änderung des Gentechnikgesetzes

• Biotech-Industrie fordert Folgenabschätzung für neues Gentechnikgesetz

 

 

Bildnachweis: Facebook-Eintrag der Bundesregierung

Postfaktischer Adventskalender, Teil 17: Campact, Chlorhuhn und Co

Postfaktischer Adventskalender, Teil 17: Campact, Chlorhuhn und Co

Als Wappentier des postfaktischen Zeitalters könnte man das Chlorhuhn bezeichnen. Zum Symbol des Anti-TTIP-Protestes hochstilisiert, wurde damit gegen das Freihandelsabkommen agitiert. Dabei ist ein Chlorhuhn keinesfalls ungesünder als ein in Europa verkauftes Masthuhn. Prof. Lüppo Ellerbroek vom Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) wies in der ARD-Sendung “Report Mainz” darauf hin, dass auch deutsche Hähnchen mit Keimen belastet seien und erklärte:

“Es gibt keinen Grund, warum man dem Verbraucher diese Maßnahme vorenthalten sollte oder müsste. Sondern es gibt vielmehr gewichtige Gründe, dass man dieses Verfahren auch anwendet, denn wir dürfen kein geeignetes Mittel auslassen, um den Verbraucher vor gesundheitlichen Risiken zu schützen.”

Aber um Fakten und gute Gründe geht es leider häufig nicht, wenn man Menschen bewegen will, eine bestimmte Meinung anzunehmen und bestimmte Parteien zu wählen. So sagt Friedrich Ostendorff, Bundestagsabgeordneter von Bündnis 90/Die Grünen, in der gleichen Sendung:

“Das Chlorhühnchen war für uns Grüne in den letzten Tagen und Wochen des Wahlkampfes der Bringer an den Wahlkampfständen. Die Menschen kamen offensiv auf die Stände zu und sagten: ‘Wir wollen das nicht’. (…) Chlor assoziiert bei uns brennende Schleimhäute, brennende Augen, das kennen wir aus dem Schwimmbad, und dass wir das freiwillig unnötig zu uns nehmen sollen – als Zusatznahrung -, das will keiner.”

So einfach ist das also und auf diese Weise kann man komplizierte Freihandelsabkommen auf einfache Formeln runterbrechen, so wie hier auf der Facebook-Seite von Rebecca Harms, die für die Grünen im Europa-Parlament sitzt:

Der Spiegel-Autor Alexander Neubacher wollte es genau wissen und hat bei Rebecca Harms mal nachgefragt. Sehen Sie selbst:

Warum dieses populistische Werben um Wähler, Unterstützer und letztlich auch Spendengelder letztlich unserer Gesellschaft schadet, zeigt dieser Bericht der ARD-Sendung “plusminus“:

 

Links:

• BfR sieht keine Gesundheitsgefahr für Verbraucher durch US-Chlor-hühnchen
“Report Mainz”, heute, 10. Juni 2014, um 21.45 Uhr im Ersten

• Freihandel: So schüren Gegner Ängste

• Europäer nehmen Globalisierungsängste mit in die Wahlkabine

• Verhaltensökonomik und Wirtschaftsethik

Postfaktischer Adventskalender, Teil 16: Baysanto

Postfaktischer Adventskalender, Teil 16: Baysanto

In dieser Woche haben die Aktionäre von Monsanto der Fusion mit Bayer zugestimmt. Damit stehen jetzt nur noch die Genehmigungen der Kartellbehörden aus. Bayer schreibt, man erwarte, dass die Transaktion bis Ende 2017 vollzogen sein wird.

Nach Ansicht von Bündnis 90/Die Grünen und diversen Umweltverbänden sprechen kartellrechtliche Probleme gegen die Fusion. Die Grünen schreiben in einem Parteitagsbeschluss:

“Zum Schutz von Erzeuger*innen und Verbraucher*innen, der Umwelt und des Wettbewerbs lehnen BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN die Übernahme des US-Monsanto-Konzerns durch die deutsche Bayer AG ab. Wir fordern die EU-Kommission auf, die Übernahme aus wettbewerbsrechtlichen Gründen zu untersagen.”

In dieser Woche richteten zudem mehrere Grüne Bundestagsabgeordnete einen Offenen Brief an die EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager:

“Die Fusion ist der jüngste von drei Fällen, in denen global agierende Saatguthersteller mit Produzenten von Pflanzenschutzmitteln fusionieren wollen. Als Mitglieder der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Deutschen Bundestag appellieren wir an Sie, die Spirale der Hochfusionierung im Agrochemiemarkt zu stoppen und alle drei Übernahmen zu untersagen.”

Seit der Bekanntgabe, dass Bayer und Monsanto sich einig geworden sind, wird gegen diesen Zusammenschluss agitiert, u.a. auch mit Social Media Kampagnen:

Auch die NGOs rühren kräftig die Werbetrommel und fordern zum Mitmachen auf. So hält der Verein Umweltinstitut München e.V. unter dem Motto “Schluss mit dem Agrar-Monopoly!” einen vorformulierten Brief (an EU-Kommissarin Margrethe Vestager, Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel und an den Präsidenten des Bundeskartellamts Andreas Mundt) bereit, bei dem man nur seine persönlichen Angaben ergänzen muss.

Die Unterschriftenaktion von Campact ist dagegen bereits beendet. Auf der Themenseite “Gentechnik” wird nur noch die eigene Meinungsumfrage beworben, bei der herauskam, dass 70 Prozent der Befragten glauben, dass die Fusion negative Auswirkungen auf Umwelt und Verbraucher haben wird – welch’ Überraschung. Hand aufs Herz: Wie hätten Sie geantwortet? Hier die Frage:

“Der deutsche Agrar- und Pharma-Konzern Bayer möchte das US-Unternehmen Monsanto übernehmen, einen Hersteller von gentechnisch verändertem Saatgut und Pflanzenschutzmitteln. Wie würde sich die Monsanto-Übernahme Ihrer Meinung nach für Umwelt und Verbraucher auswirken?”

Und hier die Antwortoptionen:

• Die Übernahme hätte positive Auswirkungen für Umwelt und Verbraucher
• Die Übernahme hätte negative Auswirkungen für Umwelt und Verbraucher
• weiß nicht, keine Angabe

Wo doch jeder weiß, dass Pflanzenschutz und Gentechnik böse ist – und die USA sowieso …

Nur: Was sollen diese ganzen Mitmach-Aktionen und Petitions-Aufrufe eigentlich bewirken? Nach der Fusionskontrollverordnung der EU  beschränkt sich der Zuständigkeitsbereich der EU-Kommission auf den Europäischen Wirtschaftsraum. Der Hinweis auf globale Marktverhältnisse läuft da ins Leere. Wer hier suggeriert, bloße Meinungsäußerung würde was ändern, hat das Prinzip der Rechtsstaatlichkeit nicht verstanden. Die Behörden sind angehalten zu überprüfen, ob die Fusion geltende Gesetze verletzt oder nicht, sprich: ob die Regeln eingehalten werden. Es kann auch sein, dass die Fusion unter der Auflage, bestimmte Geschäfte zu veräußern, genehmigt wird. Aber eins ist das hier garantiert nicht: eine politische Entscheidung.

Sollte sich die EU-Kommission nicht an die Rechtsgrundlagen halten, kann ihre Entscheidung vor dem Europäischen Gerichtshof überprüft werden. Bayer hat Monsanto eine Zahlung von 2 Milliarden US-Dollar zugesichert für den Fall, dass die Fusion aus wettbewerbsrechtlichen Gründen nicht zustande kommen sollte. Ich gehe mal davon aus, dass der Konzern aus Leverkusen im Vorfeld genauestens geprüft hat bzw. hat prüfen lassen, wie hoch das Risiko ist, dass die Genehmigungen der Kartellwächter ausbleiben.

Hier den Eindruck zu erwecken, dass man mit öffentlichen Druck etwas ändern könnte, ist gewissenlos. Denn wenn, die Fusion genehmigt werden sollte, bekommen die Menschen wieder den Eindruck, dass über ihre Köpfe hinweg entschieden worden ist. Dabei geht es hier nicht um die Umsetzung einer öffentlichen Meinung, sondern um geltendes Recht. Vertrauensverlust in öffentliche Einrichtungen und die fortschreitende Destabilisierung der Gesellschaft sind die Folgen von solchen effekthascherischen Kampagnen.

 

Bildnachweis: Campact

 

Postfaktischer Adventskalender, Teil 15: Genome Editing

Postfaktischer Adventskalender, Teil 15: Genome Editing

Als eine der bahnbrechendsten Entdeckungen der Wissenschaft in den letzten Jahren gilt die Entwicklung von Crispr/Cas 9. Diese neue Züchtungsmethode ahmt einen natürlichen Vorgang nach – nämlich wie sich Bakterien gegen Virenangriffe wehren. Neben Crispr/Cas 9 gibt es weitere Züchtungstechnologien, die man unter dem Begriff “Genome Editing ” zusammenfasst, u.a.: Zinkfinger-Nukleasen, TALEN (Transcription activator-like effector nucleas) sowie ODM (Oligonucleotide-directed mutagenesis).

In der EU ist bislang nicht geregelt, wie mit Nutzpflanzen, die mit diesen neuen Methoden gezüchtet worden sind, umgegangen werden soll. Sprich: Es ist bislang nicht entschieden, ob die Produkte der neuen Züchtungstechnologien, so reguliert werden müssen, wie klassische Gentechnik-Pflanzen oder nicht. In Kanada, den USA und Argentinien etwa will man diese Pflanzen nicht regulieren, in der EU zeichnen sich – mal wieder – klare Fronten ab: NGOs und Grüne sagen “Ja”, die Forschung sagt “Nein” bzw. “Jein” und schlägt einen Kompromiss vor, jede Neuzüchtung differenziert zu betrachten.

Die Grünen im Europaparlament haben offensichtlich in eine Glaskugel geschaut und wissen ganz genau, wie Genome Editing wirken wird:

“Die neuen Techniken werden und sollen die Industrialisierung der Landwirtschaft weiter vorantreiben, trotz aller negativen Folgen für die Artenvielfalt, die Bodenfruchtbarkeit, das Klima, das Wasser und die Rechte der Bäuerinnen und Bauern. Werden sie in der Landwirtschaft eingesetzt, so ist der Teufel aus dem Sack und kann nicht mehr eingefangen werden.”

Das Titelblatt des Faltblatts macht deutlich, wohin die Reise geht: ein zur Handgranate stilisierter Maiskolben. Bewusst verwenden die Grünen und die NGOs das Wort “Gentechnik” für die neuen Züchtungsverfahren, obwohl letztlich noch gar nicht entschieden ist, ob Genome Editing als Gentechnik im Sinne der Regulierung anzusehen ist. Das führt unwiederbringlich zu Zirkelschlüssen. So sagte Harald Ebner, Sprecher für Gentechnik- und Bioökonomie-Politik der Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag, gegenüber dem Deutschlandfunk:

“Wenn es sich um Gentechnik handelt, dann muss das auch draufstehen und dann muss auch entsprechend geregelt werden. Nehmen Sie doch einfach mal als Beispiel, wenn jemand täuschend echtes Falschgeld druckt, das von echtem nicht zu unterscheiden ist, dann würde man auch nicht sagen: Ja dann ist es ja auch egal, sieht ja aus wie das echte”

Ebner spielt darauf an, dass sich per Genome Editing gezüchtete Pflanzen nicht von mit herkömmlichen Züchtungsverfahren gezüchteten Pflanzen unterscheiden lassen. Es werden ja keine artfremden Gene eingefügt. Wenn man also eine Regulierung einführen würde, könnte man die Einhaltung derselben gar nicht kontrollieren. Das hindert ihn aber nicht daran, eine Unterscheidbarkeit zu fordern:

“Wir haben allerdings ein Problem. Das Monitoring funktioniert da nicht mehr wie in der bisherigen Form. Das heißt, wir müssen frühzeitig eine Regulierung haben, dass uns das nicht komplett aus dem Ruder läuft. Die Folge darf eben nicht sein, dass wir nicht regulieren, sondern ganz im Gegenteil: Dort, wo die neuen Verfahren angewendet werden, dass die nur angewendet werden dürfen, wenn eine Identifizierbarkeit sichergestellt werden kann.”

Die Motivation hinter der Pauschalablehnung dürfte klar sein: Weder die NGOs noch die Grünen haben ein Interesse daran, dass es so eine Art “Gentechnik light” gibt, deren Nutzen auch für den Otto-Normalverbraucher evident wird. Das würde die eigene Glaubwürdigkeit stark untergraben, wo man doch seit Jahrzehnten das Mantra pflegt, dass allein der Ökolandbau die alleinseligmachende Heilslehre ist. Also heißt es: Blockieren und Dämonisieren auf Teufel komm raus. Solange die Forscher nicht wissen, ob und, wenn ja, wie sie ihre Entwicklungen zur Marktreife bringen können, solange wird es auch kaum Erfolge geben, die auch den Verbraucher vom Nutzen der Technologie überzeugen könnten. Diese Marketingstrategie hat auch bei der klassischen Gentechnik schon hervorragend funktioniert.

Wissenschaftler sehen in Crispr/Cas 9 vor allem Chancen. So kam in diesem Frühjahr Bewegung in die Debatte, als Prof. Dr. Urs Niggli, der akademische Vorreiter des Ökolandbaus, der taz ein Interview gab und sich geradezu euphorisch zu den neuen Methoden äußerte. Auch auf die Frage, ob Chrispr/Cas-Pflanzen genauso reguliert werden sollen wie die “alte Gentechnik” bezog er Position:

“Nein. Ich plädiere für ein neues, sehr differenziertes Prüfverfahren. Es wird Eigenschaften wie Krankheitsresistenzen geben, die sich durch kleinste Änderungen des Genoms etwa von einer amerikanischen Rebsorte auf eine europäische übertragen lassen und vermutlich risikoarm sind. Da sollten die Anforderungen nicht so streng sein, wie wenn zum Beispiel artfremde Gene eingeführt werden.”

Andere Forscher sehen das ähnlich: Der Verband Biologie, Biowissenschaften und Biomedizin in Deutschland (VBIO) hat ein Impulspapier veröffentlicht, in der die Dachorganisation der biowissenschaftlichen Fachgesellschaften einen pragmatischen Umgang mit den neuen Züchtungstechnologien empfiehlt. Es wird angeregt, zu betrachten, ob die Veränderungen im Genom auch auf natürliche Weise hätten entstehen können:

“Pflanzen, die aus GE-1 und GE-2-Verfahren hervor gehen, lassen sich nicht von Pflanzen unterscheiden, die auf Basis herkömmlicher Verfahren der Mutagenese oder durch spontane Mutation entstanden sind. In der Natur kommen derlei Mutationen ständig vor. Sie sind der Motor der Evolution. Nur bei GE-3-Methoden wird ein längeres DNA-Fragment eingefügt, das dann auch leicht mittels molekulardiagnostischer Verfahren (z.B. PCR) nachgewiesen werden kann.”

Der VBIO rät, nur die mit GE-3-Methoden erzeugten Nutzpflanzen, bei denen ein längeres DNA-Fragment (mehr als 20 Basen) oder ein Transgen eingefügt wurde, zu regulieren.

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Bildnachweis: http://www.blogg.umu.se

Ein schwedischer Pflanzenforscher schuf indes Fakten: Stefan Jansson tauschte sich mit den Behörden in seinem Land aus und bekam die schriftliche Bestätigung, dass seine Züchtungen solange nicht als gentechnisch veränderter Organismus gelten, solange sie keine fremde DNA enthalten. Gesagt, getan: Jansson baute in seinem Garten eine mit Crispr/Cas 9 veränderte Kohlsorte an. Zur Ernte und zum Verzehr der angebauten Pflanzen (Tagliatelle with CRISPRy fried vegetables) lud er einen Radioreporter ein, um die vermutlich weltweit erste Crispr-Mahlzeit auch würdig zu dokumentieren.

Dieses Video hier zeigt die Ankündigung seines Anbauversuchs:

 

Links:

• Akademien nehmen Stellung zu Fortschritten der molekularen Züchtung und zum erwogenen nationalen Anbauverbot gentechnisch veränderter Pflanzen

• Crop genetic improvement technologies for a sustainable and productive agriculture
addressing food and nutritional security, climate change and human health

• BfR Symposium „Neue Technologien zur Modifikation des Genoms – Möglichkeiten, Grenzen und gesellschaftliche Herausforderungen“

• US-Behörden: Mit CRISPR gezüchtete Pflanzen sind keine Gentechnik – Erste Produkte bald auf dem Markt

VBIO Impulspapier: Genome Editing bei Pflanzen: Vorschlag für einen pragmatischen Umgang im aktuellen Rechtsrahmen

• Future garden plants are here!

• “GREEN LIGHT IN THE TUNNEL”! SWEDISH BOARD OF AGRICULTURE: A CRISPR-CAS9-MUTANT BUT NOT A GMO

• Genome Editing: Große Bedeutung für die Biotechnologie

 

Bildnachweis: Die Grünen im Europäischen Parlament