Grüner Höhenflug


Die Partei Bündnis 90/Die Grünen erreicht in aktuellen bundesweiten Umfragen Zustimmungswerte von rund 20 Prozent. Mehr hat nur noch die Union. Wie kam es dazu? Und: Ist dieser Höhenflug von Dauer oder nur ein Strohfeuer? Ich habe mit dem PR-Experten Hasso Mansfeld jemanden gefragt, der sich mit so etwas auskennt.

Frage: Herr Mansfeld, was sagt der Kommunikationsexperte zum Höhenflug der Grünen?

Antwort: Das ist in der Tat ein erstaunliches Phänomen. Meine These dazu ist: Die Menschen sind durch die lange Wärmeperiode und den fehlenden Regen in diesem Jahr massiv in ihrer Bestimmtheit gestört. Der heiße Sommer hat ihnen Angst gemacht. Die Grünen sind die prominentesten Verfechter einer Klimaschutzpolitik. Angesichts der Ohnmacht gegenüber der Natur, wählt man eben „grün“, denn die sind ja dagegen, dass es so heiß wird. Ich denke, dass diese Motivation keinen langen Bestand hat: Bei den nächsten ergiebigen Niederschlägen fallen auch wieder die Umfragewerte der Grünen.

Frage: Warum profitiert die FDP nicht gleichermaßen von der chaotischen Vorstellung, die die GroKo in Berlin abliefert?

Antwort: CDU und Grünen ist es gelungen, die Schuld für das Scheitern der Jamaika-Verhandlungen den Liberalen in die Schuhe zu schieben. Das hängt der FDP jetzt nach. Auch fehlt der FDP ein Thema wie es für die Grünen der Klimaschutz ist. Zudem haben die Grünen zwei neue Köpfe an der Spitze. Die Menschen sehnen sich nach personellen Alternativen.

Frage: Während die Grünen im Hambacher Forst demonstrieren, befürwortet die Grüne Umweltministerin in Hessen, dass im Reinhardswald gerodet wird, um Windkraftanlagen zu bauen. Warum fällt den Grünen diese Inkonsequenz bei Wahlen nicht auf die Füße?

Antwort: Weil es den Grünen in den Medien viel zu leicht gemacht wird. Die Widersprüche werden von weiten Teilen der Medienlandschaft ignoriert. Es geht ja im Grunde um eine gute Sache: den Klimaschutz. Da schaut mal schon mal nicht so genau hin.

Frage: Wie nachhaltig ist der grüne Höhenflug denn? Sind Klimaschutz, Elektromobilität sowie die Energiewende wirklich die Themen, die eine breite Masse bewegen?

Antwort: Zurzeit ist das Klima ein sehr dominantes Thema. Davon leiten sich ja auch die anderen Themen Elektromobilität und Energiewende ab. Diese Sujets werden von einer Mehrheit als existenziell für den Fortbestand der Menschheit angesehen. Die Grünen profitieren immer von Weltuntergangsstimmungen. Doch der Umgang der Menschen mit Heilsbringern ist sehr ambivalent. Die Stimmung kann auch ins genaue Gegenteil kippen.

Frage: Die Stimmung könnte kippen, wenn die Grünen ihre Heilsversprechen nicht einlösen sollten. Wie beurteilen Sie denn die Lösungsansätze der Ökopartei? Sind die Vorschläge praktikabel?

Antwort: Na, gar nicht! Es werden zudem ständig neue Probleme definiert, die mit der Lösung bestehender Probleme kollidieren. Einerseits wird beklagt, dass die Mieten steigen, andererseits skandalisiert man die „Versiegelung“ von Städten und agitiert gegen Nachverdichtung. Die Mieten sollen bezahlbarer werden, aber immer neue Energievorschriften verteuern das Bauen. Man will saubere Energie, aber ohne Atomkraft. Man will CO2 einsparen, aber ohne Diesel, umweltschonende Landwirtschaft, aber ohne Gentechnik, weniger Feinstaub, aber ohne Holzfeuer zu messen, besseren ÖPNV, aber ohne Kostendeckung. Mit dieser Attitüde ist keines der drängenden Probleme lösbar.

Frage: Das sind viele Widersprüche. Lügen die Grünen?

Antwort: Ich glaube, dass der Selbstbetrug eine große Rolle spielt. Die neue Doktrin derer, die sich auf der Seite des Schönen, Wahren und Guten wähnen ist: „Der Zweck heiligt die Mittel.“ Das finde ich sehr beunruhigend. Im Sinne der guten Sache, braucht man es offenbar auch mit den Fakten nicht mehr so genau zu nehmen. So wurden die rund 16.000 Tsunami-Opfer von Fukushima kurzerhand zu Atomopfern umdefiniert. Oder es werden falsche Einstein-Zitate zur Dramatisierung benutzt. Wir können aber nur die richtigen Entscheidungen treffen, die helfen, diese Welt besser zu machen und unsere natürliche Umwelt erhalten, wenn wir bereit sind, Fakten zu akzeptieren. Ansonsten werden die Probleme nicht gelöst, sondern verschlimmert oder nur in andere Länder verlagert. So werden die Grünen ein Teil von jener Kraft, die stets das Gute will und doch das Böse schafft.

Frage: Warum wird den Grünen verziehen, wenn sie offensichtlich Blödsinn erzählen oder fordern? Im Januar erklärte die jetzige Partei-Chefin Annalena Baerbock, das Netz fungiere als Stromspeicher, um eine Dunkelflaute zu überbrücken. Eine breite öffentliche Reaktion auf diese eklatante Fehlleistung in Sachen Physik blieb aus.

Antwort: Das wäre Aufgabe der Medien gewesen. Die Reaktion blieb aber aus und die Menschen vergessen sehr schnell. Im Moment steht im Vordergrund, was man glauben möchte. Das indes führt zu einer kognitiven Dissonanz. Langfristig wird das ist das für die Grünen ein gravierendes Problem.

 

Zur Person:

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Hasso Mansfeld ist Kommunikationsberater. Der studierte Agrar-Ingenieur wurde bereits viermal mit dem Deutschen PR-Preis ausgezeichnet, unter anderem für eine Kampagne zu einem erfolgreichen Imagewechsel der Bio-Landwirtschaft. Mansfeld ist Mitglied der FDP.

 

 

Bildnachweis: Heike Rost

 

Bildnachweis: Bündnis 90/Die Grünen Nordrhein-Westfalen (CC BY-SA 2.0)

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