Ein Gläschen in Ehren …

Ein Gläschen in Ehren …

Dem Jahrbuch Sucht 2018 zufolge, das Ende März erschienen ist, nimmt der Bundesbürger ab 15 Jahren im Jahr mehr als 10 Liter Reinalkohol zu sich. Doch wie gefährlich ist dieser Konsum eigentlich? Ich habe dazu mal einen Wissenschaftler befragt: Dr. Dirk Lachenmeier vom Chemischen und Veterinäruntersuchungsamt Karlsruhe.

Frage: Der Alkohol-Atlas des Deutschen Krebsforschungszentrums, der im vergangenen Herbst zum ersten Mal erschienen ist, meldet 20.000 durch Alkohol bedingte Todesfälle im Jahr. Warum findet diese Zahl in der Öffentlichkeit keine Resonanz?

Antwort: Das Trinken von Alkohol wird bereits seit 1988 von der Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation (WHO-IARC) als „krebserregend für den Menschen“ in Gruppe 1 eingestuft. Es liegt daher ein gesicherter wissenschaftlicher Nachweis für diesen Zusammenhang vor (im Gegensatz zu z.B. Glyphosat, das ja nur „wahrscheinlich krebserregend“ (Gruppe 2A) ist). Diese Bewertung wurde nachfolgend in den Jahren 2010 und 2012 durch die WHO-IARC bestätigt. Seit 2010 wurde auch der Stoff „Ethanol in alkoholhaltigen Getränken“ als „krebserregend für den Menschen“ eingestuft. Leider ist somit der Alkohol selber das krebserregende Element, und nicht vermeidbare Stoffe wie Nitrosamine, was man einige Zeit angenommen hatte. In Nachfolge zu den WHO-IARC-Bewertungen gab es regelmäßig eine Presseresonanz in allen namhaften Medien. Somit kann nicht von „keiner Resonanz“ gesprochen werden. Allerdings ist es auch nach meinen Beobachtungen richtig, dass das Thema bei den Verbrauchern kaum bekannt ist. Möglicherweise hängt das auch damit zusammen, dass die Verbraucher für bewusst in Kauf genommene Gefahrenquellen (wie eben Alkoholkonsum, aber denken Sie auch an sportliche Aktivitäten wie Skifahren oder Paragliding) ein höheres Risiko akzeptieren, als für Gefahrenquellen, denen sie unbewusst ausgesetzt sind, wie z.B. Glyphosatrückstände in Bier oder Schwermetalle im Trinkwasser (siehe z.B. unsere Arbeit in BMC Medicine zu diesem Thema).

Frage: Wie schädlich ist Alkohol denn aus Ihrer Sicht?

Antwort: Laut WHO kann Alkohol die Ursache für mehr als 200 gesundheitliche Störungen sein. Die Hauptursachen für Todesfälle im Zusammenhang mit Alkoholkonsum sind Leberzirrhose, Krebs und Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems, sowie Unfälle. Die WHO schätzt, dass 15 Prozent aller Todesursachen in Europa mit Alkohol in Verbindung stehen.

Frage: Welche Krebsarten werden durch Alkohol verursacht?

Antwort: Laut WHO-IARC besteht ein kausaler Zusammenhang zwischen Alkoholkonsum und dem Vorkommen von malignen Tumoren von Mundhöhle, Rachenhöhle, Kehlkopf, Speiseröhre, Leber, weiblicher Brust und Kolorektum.

Frage: Sind die Mengen, die von Natur aus in Lebensmitteln sind, zum Beispiel in Brot und reifen Früchten sowie in daraus gewonnenen Säften, auch schädlich?

Antwort: Nein, die Mengen sind sehr gering und werden unmittelbar verstoffwechselt.

Frage: Gibt es eine bestimmte Menge Alkohol, die bei täglichem Verzehr als unbedenklich gilt?

Antwort: Für alkoholische Getränke wurden Grenzwerte für risikoarmen Konsum definiert. Siehe: https://www.kenn-dein-limit.de/alkohol/risikoarmer-alkoholkonsum/. Danach sollten Frauen nicht mehr als 12 Gramm reinen Alkohol oder – anders gesagt – ein Standardglas pro Tag konsumieren. Für Männer gilt: nicht mehr als 24 Gramm reinen Alkohol pro Tag. Das sind maximal zwei Standardgläser. Beide – Männer wie Frauen – sollten an mindestens zwei Tagen pro Woche ganz auf Alkohol verzichten.

Frage: Warum vertragen Frauen Alkohol wesentlich schlechter als Männer?

Antwort: Laut WHO hat Alkohol bei Frauen generell eine schädlichere Wirkung. Aufgrund des im Vergleich zu Männern niedrigeren Wasseranteils erreicht der Alkohol im weiblichen Körper eine höhere Konzentration – und damit eine höhere Toxizität. Außerdem wird das Enzym, das den Alkohol abbaut, vom weiblichen Körper in geringeren Mengen produziert, so dass der Alkoholabbau hier länger braucht.

Frage: Es gibt Studien, die angeblich zeigen, dass moderater Alkoholkonsum günstiger für die Gesundheit ist als Abstinenz. Was ist davon zu halten?

Antwort: Diese Studien sind in der Wissenschaft stark umstritten. Insbesondere in älteren Studien wurde der sogenannte Sick-Quitter-Effekt nicht ausreichend berücksichtigt, dabei wurden frühere Trinker, die zumeist aus gesundheitlichen Gründen mit dem Trinken aufgehört haben in die Gruppe der Lebenszeit-Abstinenzler gemischt und zusammen als Referenzgruppe definiert, die dann ein höheres Risiko aufwies als die Gruppe der leichten oder moderaten Trinker. Neuere Studien mit ausgefeilteren statistischen Modellen konnten den Effekt nicht mehr belegen.

Frage: Es gibt Meldungen, dass bestimmte Inhaltsstoffe im Rotwein, die Flavonoide, vor Herz-Kreislauf-Krankheiten schützen sollen. Würden Sie dem zustimmen?

Antwort: Es ist wahrscheinlich richtig, dass die isoliert untersuchten Substanzen solche Effekte haben können. Die Konzentrationen im Rotwein sind allerdings so gering, dass eine protektive Wirkung auszuschließen ist (siehe z.B. unsere Arbeit im International journal of cancer).

Frage: Gibt es aus Ihrer Sicht des Wissenschaftlers Wünsche an die Politik, etwas eine bessere Aufklärung oder Beschränkungen beim Verkauf von Alkohol an Jugendliche? Derzeit wird ja viel über Ampeln auf Lebensmitteln diskutiert, aber über Alkohol redet niemand.

Antwort: Laut WHO gibt es einige wirksame und kosteneffektive Maßnahmen für die Alkoholpolitik. Diese beinhalten die Anhebung der Preise über Besteuerung, Einschränkung der Verfügbarkeit, sowie Werbeverbote.

 

Zur Person:

dirk lachenmeier

Dr. Dirk Lachenmeier studierte Lebensmittelchemie an der Universität Bonn, promovierte 2003 in Toxikologie und arbeitet als Leiter der Abteilung für pflanzliche Lebensmittel am Chemischen und Veterinäruntersuchungsamt Karlsruhe (CVUA). Er ist Träger des Bruno-Rossmann-Preises der Lebensmittelchemischen Gesellschaft. Lachenmeier hat bereits bei verschiedenen IARC-Arbeitsgruppen mitgearbeitet, darunter 2007 zu Alkohol und 2016 zu Kaffee, Mate-Tee und anderen sehr heißen Getränken.

 

Links

Rehm, J., Lachenmeier, D. W., & Room, R. (2014). Why does society accept a higher risk for alcohol than for other voluntary or involuntary risks?

• WHO Fact Sheet – Alcohol

• WHO Q&A – Wie sieht unbedenklicher Alkoholkonsum aus?

• Lachenmeier, D. W., Godelmann, R., Witt, B., Riedel, K., & Rehm, J. (2014). Can resveratrol in wine protect against the carcinogenicity of ethanol? A probabilistic dose‐response assessment.

Alkoholatlas Deutschland 2017

Jahrbuch Sucht 2018

• Alkoholkonsum und Alkoholmissbrauch – Antwort der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Dr. Wieland Schinnenburg, Michael Theurer, Christine Aschenberg-Dugnus, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der FDP, 15.03.2018

 

Bildnachweis: Kelsey Knight on Unsplash