Wie Kommunikation gelingt – und wie nicht

Wie Kommunikation gelingt – und wie nicht

Kommunikation ist lebensnotwendig – für das Individuum genauso wie für Organisationen, öffentliche Einrichtungen und Unternehmen. “Man kann nicht nicht kommunizieren” – dieser berühmte Satz von Paul Watzlawick bringt es auf den Punkt: Auch wenn ich mich nicht äußere, kommuniziere ich. Doch wer daraus schließt, dass proaktive Unterrichtung der Öffentlichkeit immer gerne gesehen wird, ist auf dem falschen Dampfer – so scheint es. Der Kurznachrichtendienst Twitter gleicht zuweilen einer Operation am schlagenden Herzen der Netzkultur. Vergangene Woche meldete sich dort die Journalistin Silke Burmester zu Wort:

Spätestens seit Bayer das Vorhaben bekannt gemacht hat, den amerikanischen Agrarkonzern Monsanto übernehmen zu wollen, wird das Unternehmen in der Öffentlichkeit besonders kritisch beäugt. Jetzt, wo der Deal perfekt ist, scheint sich die Ungnade zu vervollkommnen. Es ist ein völlig normaler Vorgang, dass sich Unternehmen und/oder Organisationen Beilagen zu Zeitschriften kaufen. Auch bei Zeitschriften mit der Zielgruppe “Journalisten und Medienmenschen” ist das so. Man sollte gar meinen, dass gerade Journalistinnen und Journalisten besonders geeignet dafür sind, kruden Blödsinn, der manchmal PR-Broschüren nachgesagt wird, als solchen zu entlarven. Solch eine Arbeit entspricht schließlich deren Jobbeschreibung. Also, wo ist das Problem? Es entwickelte sich eine spannende Diskussion:

bayer vs burmester

Leider beantwortete Frau Burmester nicht alle meine Fragen, aber verstanden hatte ich bis hierhin, dass sie das Wort “Fakten” stört auf der Broschüre eines Unternehmens, das auch noch unter besonderer Beobachtung steht. Leider blieb sie die angefragten Beispiele schuldig. Mehrere Nutzer – darunter einige Journalisten und Wissenschaftler – klinkten sich in die Debatte ein. Es ging um die Aufgabe von Journalismus im allgemeinen oder auch um die Frage, ob NGOs nicht ebenso kritisch wie Konzerne betrachtet werden müssen.

Wie die Bayer-Pressestelle später auf Nachfrage twitterte, betreibt das Unternehmen eine Website hier-sind-die-fakten.de, auf der die Inhalte aus der Broschüre präsentiert werden. – Mon dieu, welch Affront: Da steht schon wieder “Fakten”. – Doch mal von dieser vermeintlichen Dreistigkeit abgesehen, hätte man mit der Website eine allseits zugängliche Grundlage, um zu diskutieren, ob es sich hier wirklich um Fakten oder um Fake-News handelt. Doch nichts davon geschah. Stattdessen sendete Silke Burmester nach einigen Tagen eine weitere Botschaft:

Das ließ mich ratlos zurück: War ich jetzt damit auch gemeint? Schließlich hatte ich ein paar Mal nachgefragt. Maskulinisten sind übrigens, Personen die sich für die Überlegenheit der Männer einsetzen. Ich – eine Maskulinistin? Nach ein paar Stunden fasste ich Mut und fragte nach:

Leider gab es darauf keine Antwort. Fürs Protokoll: Die Zuordnung zu den Rechten empfinde ich als blanke Unverschämtheit, falls ich auch gemeint gewesen sein sollte.

Verständnis für Frau Burmester gab es von Bernd Ziesemer, seines Zeichens ehemaliger Chefredakteur des Handelsblatts sowie Vorsitzender der Kölner Journalistenschule:

In der angesprochenen Kolumne entwickelt Ziesemer eine Verschwörungstheorie: Die Übernahme von Monsanto würde sich für Bayer nur dann lohnen, wenn der Herbizid-Wirkstoff Glyphosat nicht verboten würde. Deswegen würde der Konzern zu fragwürdigen verdeckten PR-Methoden greifen. Dabei versteigt sich Ziesemer und stellt Autoren der Website novo-argumente.com sowie des gleichnamigen Printproduktes unter Generalverdacht:

“Die Novo-Schreibkräfte bilden eine der heißesten Krawalltruppen der politischen Debatte – und sie veröffentlichen ihre Traktate mittelbar auch mit dem Geld von Bayer und anderen Konzernen.”

Zu dieser “heißen Krawalltruppe” darf ich mich übrigens auch zählen, denn von mir sind zwei Texte über Glyphosat dort erschienen – honorarfrei allerdings. Weiter schreibt Ziesemer:

“Bayer-Mitarbeiter verknüpfen ihre Thesen zur Bestätigung gern mit Pro-Glyphosat-Lobbyisten, die auf den ersten Blick nicht als solche zu erkennen sind, zum Beispiel mit Martin May (“Glyphosat ist weniger giftig als Kochsalz!”), Sprecher des Industrieverbands Agrar.”

Der Jobtitle von Martin May ist in seinem Twitter-Profil klar angegeben und die Angabe zur Giftigkeit von Glyphosat stimmt. Hier zeigt sich ein Phänomen: Vor lauter Interessen, die in der Kommunikation über Pflanzenschutzmittel gesehen werden, geraten die Sachinformationen – die Fakten (!) – völlig ins Hintertreffen. Nach internationalen Standards für akute Toxizität (LD 50 Ratte oral) ist Glyphosat weniger toxisch als Kochsalz. Und das ist nicht die Wahrheit von Monsanto oder die Wahrheit von Bayer, das ist einfach so und das kann man zum Beispiel hier oder hier nachschlagen.

Zurück zu Silke Burmester, ihr Fazit zur Diskussion lautet:

Erst maskulinistisch und rechts, jetzt “Anhänger*in des Bayer-Konzerns” – das nennt man heutzutage übrigens “Framing”: Äußerungen einer Person oder Geschehnisse in einem bestimmten Zusammenhang stellen und damit eine Deutung vorgeben. Wenn andere Autoren und Medienleute das zum Beispiel im Zusammenhang mit der Migrationsdebatte praktizieren, ist das verpönt, aber sich auf der guten Seite wähnend, erlaubt man sich das ganz ohne Scham.

Worauf ich hinaus will: Kommunikation kann gelingen, wenn mit offenen Karten gespielt wird und wenn alle Beteiligten bei der Sache bleiben. Die Skepsis von Frau Burmester, dass Bayer in der Broschüre keine Fakten, sondern eigene Wahrheiten präsentiert, hätte sie ja mit Beispiel untermauern können. Hat sie aber nicht. Auch auf die Fragen und Hinweise, ob denn eine NGO-Broschüre gleichermaßen aufstoßen würde, hat sie nicht reagiert. Der Vergleich mit den Paintball-Spielern in der Dunkelheit ist letztlich eine Abwertung: Man hat es nicht nötig, auf die sachlichen Kommentare zu antworten, schließlich sind die ja eh nur von Interessen geleitet, sind gleichförmig und planlos. Jeder Mensch bezweckt etwas mit seiner Kommunikation und damit steckt auch hinter jeder Äußerung ein Interesse: Informieren, Verkaufen, Präsentieren, um Verständnis werben, Mitgefühl erbitten und auch einfach sagen, was ist. Und nur weil ein Unternehmensvertreter etwas behauptet, ist es deshalb nicht automatisch falsch. Wer auf Twitter unterwegs ist, dem unterstelle ich jetzt einmal grundsätzlich Dialogbereitschaft. Aber Dialog ist keine Einbahnstraße und funktioniert nur mit gegenseitigem Respekt. Eine dumpfe Ad-hominem-Replik mit herabwürdigenden Attributen, die sich aus dem Verlauf der Diskussion nicht erschließen, ist letztlich eine diskursive Bankrotterklärung.

Man könnte so ein Verhalten als handwerkliche Fehlleistung auf sich beruhen lassen, aber ich glaube, dieses persönliche Abqualifizieren in den Netzdebatten richtet gesamtgesellschaftlichen Schaden an. Nach der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten hat der britische Schauspieler Jonathan Pie (mit bürgerlichem Namen “Tom Walker”) eine Wutrede gehalten: “The left did this” – die Linke ist schuld an der Wahl von Trump und auch am Brexit. Sie argumentiere nicht mehr, sondern beschränke sich darauf, Andersdenkende zu etikettieren:

“The left is responsible for this result because the left have now decided that any other opinion, any other way of looking at the world is unacceptable. We don’t debate anymore because the left won the cultural war. So, if you’re on the right, you’re a freak, you’re evil, you’re racist, you are stupid, you are a basket of deplorables. How do you think people are going to vote if you talk to them like that? When has anyone been pursued by being insulted or labeled?”

Jemanden überzeugen, indem ich sie oder ihn beleidige, funktioniert nun einmal nicht. Nach der Trump-Wahl ist auch hierzulande viel über Eliten und Politikstil diskutiert worden. Leider verlief diese Debatte im Sande und daher gilt die Analyse von Jonathan Pie alias Tom Walker auch heute noch:

“Being offended doesn’t work anymore. Throwing insults doesn’t work anymore. The only thing that works is caring and doing something, and what we have to do is to engage in the debate. “

Bildnachweis: Jason Rosewell on Unsplash

“Jeder Mensch hat das Recht, seine Perspektive darzustellen”

“Jeder Mensch hat das Recht, seine Perspektive darzustellen”

“Insektensterben”, “Massentierhaltung”, “Ackergifte” – die mediale Berichterstattung über moderne Landwirtschaft wird häufig durch solche Negativ-Schlagworte geprägt. Viele Landwirte und ihre Familien sind damit sehr unzufrieden und werden selbst aktiv in Sachen Öffentlichkeitsarbeit. Aber das wiederum wird auch nicht immer gerne gesehen. Ich habe den Kommunikationsexperten Hasso Mansfeld zum Thema befragt.  

Frage: Herr Mansfeld, kürzlich berichtete der NDR kritisch über die Initiative von Landwirten, eigene Stallvideos im Netz zu verbreiten. Sie hingegen plädieren dafür, PR als Menschenrecht anzusehen. Was würden Sie den NDR-Redakteuren entgegnen?

Antwort: Jeder Mensch hat das Recht, seine Perspektive in der Öffentlichkeit darzustellen. Das ist ein elementares Recht in freien Gesellschaften. Zudem ist es auch ein klares journalistisches Prinzip immer auch die andere Seite zu hören: Audiatur et altera pars. Das jemand sich besonders gut darstellen will, liegt doch in der Natur der Sache begründet. Das Recht der freien Meinungsäußerung deckt auch einseitige, manipulative und beschönigende Darstellungen ab. Einzelnen Beteiligten mit klaren Partikularinteressen, vorzuwerfen, sie wollen eine plurale Debatte dadurch unterbinden, dass sie eigene Videos posten, ist absurd. Gerade die Gegenperspektive ist doch elementarer Teil der Vielfalt von Meinungen innerhalb der Debatte. Wer lügen will, der darf natürlich auch lügen. Nur darf er sich nachher nicht beschweren, wenn er der Lüge bezichtigt wird.

Frage: Sie glauben also nicht, dass die Landwirte eine vielfältige Debatte blockieren wollen?

Antwort: Also ich glaube, dass niemand daran interessiert ist, dass er selber oder seine Branche in einem besonders schlechten Licht dargestellt wird. Insofern gibt es sicherlich Landwirte, die für sie negative Berichterstattung gerne verhindern würden. Das tun Sie aber nicht, indem sie ihre eigenen Videos und Textbeiträge veröffentlichen. Was jemand will oder nicht will, ist seine eigene Sache, solange er nicht wirklich etwas blockiert, die Berichterstattung von freien Medien beispielsweise.

Frage: Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass PR häufig die Glaubwürdigkeit abgesprochen wird, es sei denn sie kommt von NGOs?

Antwort: Die Ziele, um die es Greenpeace, Foodwatch & Co zu tun ist, klingen gerecht. Sie rühren an das menschliche Mitgefühl. Man rettet die Bienen, Wale oder den Wald, schützt süße Robbenbabys und verhindert, dass kleine Kinder Gift im Brei schlucken. Wer traut sich da schon, mit skeptischer Miene zu fragen: “Ist alles wirklich so schlimm?”, oder: “Welche Belege gibt es dafür denn?” Die Präferenz eines überproportional großen Anteils von Journalisten für die Grünen trägt sicher auch nicht zu einem kritischen Klima gegenüber NGOs bei.

Frage: Welche Tipps haben Sie für Landwirte, die gerne bei der Diskussion im Netz mitmischen wollen?

Antwort: Immer einen eigenen Weg, eine eigene Idee zu entwickeln, über sich und seine Tätigkeit zu berichten. Von sich aus das Spannungsfeld und offenbare Probleme ansprechen , wie man damit umgeht und wie man sie versucht zu lösen. Die möglichen Defizite und Dilemmata selber thematisieren. Sich immer vergegenwärtigen, dass es “nur” die eigene Perspektive ist, die man gerade vorträgt, dass man indes das Recht hat, sie vorzutragen und die anderen aber auch das Recht haben, diese Perspektive zu kritisieren. Der französische Aufklärer François de La Rochefoucauld hat einmal festgestellt: “Sich selbst zu betrügen, ohne es zu merken, ist ebenso leicht, wie es schwer ist, andere zu betrügen, ohne dass sie es merken.” Ich glaube es hilft, immer an Rochefoucauld zu denken, wenn man ein Video über sich selber und seine Tätigkeit macht.

Frage: Im Moment werden Videos von Singvögeln mit dem Hashtag “#stummerFruehling” gepostet, um zu zeigen, dass bestimmte gesellschaftliche Gruppen in ihrer Kommunikation übertreiben. Was halten Sie davon?

Anwort: Super Idee. Der Hashtag “#stummerFruehling” soll doch den Menschen Angst machen und ihnen suggerieren, dass sich die Situation im Vergleich zu früher verschlechtert hat. Die Theorie zum “Stummen Frühling” ist ja, dass die Vögel alle sterben, weil sie keine Nahrung mehr finden. Da ist es doch ein schönes Zeichen der Aufklärung den Menschen zu zeigen, dass der Frühling alles andere als stumm ist.

 

Zur Person:

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Hasso Mansfeld ist Kommunikationsberater. Der studierte Agrar-Ingenieur wurde bereits viermal mit dem Deutschen PR-Preis ausgezeichnet, unter anderem für eine Kampagne zu einem erfolgreichen Imagewechsel der Bio-Landwirtschaft.

 

 

Bildnachweis: Heike Rost

 

Grüne Gentechnik: Den Grünen nicht grün

Grüne Gentechnik: Den Grünen nicht grün

Die neue Parteispitze der Partei Bündnis 90/Die Grünen hat am Wochenende mit einem Startkonvent in Berlin einen Erneuerungsprozess angestoßen. Das Ziel ist, bis 2020 ein neues Grundsatzprogramm zu entwickeln. Mit auf den Prüfstand: Die bislang pauschale Ablehnung der Grünen Gentechnik, das heißt: die Ablehnung des Einsatzes moderner molekularbiologischer Methoden in der Züchtung von Nutzpflanzen und -tieren. Denn die Grünen betrachten auch neue Züchtungstechnologien wie CRISPR/Cas, die unter dem Oberbegriff “Genome Editing” zusammengefasst werden, als Gentechnik und fordern, dass Pflanzen und Tiere, die mit Hilfe dieser Verfahren gezüchtet werden, genau so reguliert werden, wie die mit klassischer Gentechnik entwickelten Sorten.

Im Anschluss an die Veranstaltung in Berlin entwickelte sich auf Twitter eine intensive Diskussion, in die sich auch Wissenschaftler einklinkten. Gestern brachte Martin Häusling, Landwirt und für die Grünen im EU-Parlament, ein Positionspapier in die Debatte ein. Sein Ziel:

“Damit können wir unsere Mitglieder genauer und besser informieren und in die Lage versetzen, die klare Haltung gegen Gentechnik und die Risiken zu formulieren. Das ist dringend notwendig, denn inzwischen wird immer häufiger positiv über diese Methodik in den Medien berichtet und es bedarf einiges fachliches Hintergrundwissen, um die Nachteile sauber benennen und gut argumentieren zu können.”

Den ersten Aspekt, den sich Häusling vornimmt, ist die Aussage, dass CRISPR-Pflanzen nicht von den Produkten klassischer Züchtung zu unterscheiden sind, weil keine Fremd-DNA enthalten ist. Er kritisiert, dass die Folgen des Genscheren-Einsatzes aber völlig unbekannt seien. Hierzu ist jedoch zu sagen, dass die Folgen klassischer Züchtungsverfahren noch unbekannter sind: Während ich beim Genome Editing gezielt bestimmte Sequenzen im Code ändere, mische ich bei der Kreuzungszüchtung die Genome der Elternpflanzen mit unbekanntem Ausgang.

Erst recht unbekannt sind die Ergebnisse bei Strahlen- bzw. Chemikalien-induzierter Mutation. Ausgerechnet der Bericht des Wissenschaftlichen Beirats der EU-Kommission (High Level Group of Scientific Advisors), den Häusling selbst als Referenz anführt, bestätigt das (S. 89):

“The genome editing techniques (belonging to the NBT) may be accompanied by few unintended effects (section 3.3, in particular 3.3.1). However, in general the genome editing techniques show a much lower number or complete lack of unintended mutations as compared to organisms (plants, animals, microorganisms) obtained via CBT, in particular when compared to mutation breeding/ induced mutagenesis.”

Bei diesen Verfahren wird Radioaktivität bzw. Chemie eingesetzt, um Mutationen zu erzeugen, die in der Natur nicht vorkommen. Die Ergebnisse dieser Methoden sind zum Teil gar nicht lebensfähig. Die beliebte Pink-Grapefruit-Sorte Star Ruby ist zum Beispiel ein Ergebnis der Züchtung mit Strahlung.

Dann beschwert sich Martin Häusling, dass man in den USA Do-it-Yourself-Kits bestellen kann, mit denen sich das Erbgut von Bakterien verändern lässt, deren Einsatz in Europa aber nicht legal ist. “Ja, und?” möchte man fragen, was hat das mit der Ausgangsfrage zu tun? Häusling dramatisiert:

“Die Risiken werden zu Gunsten einer wissenschaftsoptimistischen Haltung für Jedermann und Jedefrau ausgeblendet. Bei einer Technologie mit einer derartig möglichen Eingriffstiefe (Beispiel: Ausrottung ganzer Arten durch die Züchtung unfruchtbarer Insekten).”

Von Veränderungen an Coli-Bakterien bis zu gentechnisch veränderten Mücken, die eine ganze Population zusammenbrechen lassen können, ist es ein weiter Weg. Hier wird hoffnungslos übertrieben. Der EU-Abgeordnete gesteht zu, dass Regulierung zur Stärkung großer Konzerne führt und wägt ab:

“In der Abwägung von „Alle-dürfen-Schöpfungen-basteln“ und „Förderung-GenTec-durch-Regelabbau“ spreche ich mich eindeutig für die strenge Regulierung aus – MIT einem Monitoring zum Verhalten des Organismus nach der Zulassung.”

Warum er die Regulierung jetzt vorzieht, bleibt sein Geheimnis. Als “Argument” präsentiert Häusling nur das für ihn grausige Bild, dass Jedefrau in ihrer Garage Gentec-Mücken züchtet. Ein Argument gegen Regulierung ist, dass der angesichts von Bevölkerungswachstum und Klimawandel dringend notwendige Fortschritt verzögert wird. Der EU-Abgeordnete behauptet, dass klassische Züchtung zum Beispiel bei Krankheitsresistenzen von Apfelsorten bessere Erfolge bringt:

“Fazit: Die klassische Resistenzzüchtung ist immer noch schneller sowie effizienter und dabei sicherer hinsichtlich der Effekte auf die Umwelt.”

Nun wundere ich mich, wo denn die wunderbaren resistenten Apfel- und Weinsorten zu finden sind? Der Grund, warum die neuen Züchtungstechnologien so vielversprechend sind, ist nämlich, dass mit CRISPR/Cas und Co Resistenzeigenschaften in bewährte Marktsorten eingebaut werden können. Bei Kreuzungszüchtung hingegen gehen zuweilen erwünschte Eigenschaften wie Lagerfähigkeit, Farbe und Reifezeitpunkt wieder verloren. In diesem Video erklärt Prof. Dr. Viola Hanke vom Julius Kühn-Institut in Dresden-Pillnitz die Vorteile:

Wenn denn nun die klassische Züchtung so erfolgreich ist, warum müssen Öko-Weinbauern immer noch Kupfer einsetzen? Und: Letztlich entscheidet der Markt, welche Sorten angebaut werden. Schorf-Resistenz gehört nicht zu den am häufigsten nachgefragten Apfel-Eigenschaften. So findet sich auf dem Portal oekolandbau.de der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung unter “Ökologischer Apfelanbau” der Vermerk:

“Die Sortenwahl wird wesentlich durch den Vermarktungsweg beeinflusst: Während in Direktvermarktungsbetrieben eine größere Sortenvielfalt möglich ist, muss man sich bei Abhängigkeit vom Großhandel auf die gängigen Marktsorten beschränken.

In den letzten Jahren an Bedeutung zugenommen haben Braeburn und Gala. Die Ursache hierfür liegt ausschließlich in der hohen Nachfrage am Markt, da beide Sorten aufgrund ihrer hohen Anfälligkeit gegenüber verschiedenen Schaderregern (Schorf, Krebs, Feuerbrand, Spinnmilben) für den Öko-Anbau kaum geeignet sind.”

Auch in Sachen Salz- und Trockenheitstoleranz solle sich die Züchtung an der Natur orientieren, findet Martin Häusling:

“Im Gegensatz zur Gentechnik bietet das Prinzip der Bionik (sich von der Natur
ausgetestete Techniken abschauen, anstatt sie selbst nur halb so perfekt zu
erfinden) deutlich mehr Effizienz und Sicherheit.”

Die Sinnhaftigkeit dieser These mal dahingestellt, der Witz ist: Gerade CRISPR/Cas ist eine Technik, die von der Natur abgeschaut ist. Sie beruht nämlich auf der Strategie von Bakterien, sich gegen den Angriff von Viren zur Wehr zu setzen. Der Wissenschaftsjournalist Andreas Sentker von der Zeit hat daher Verfahren dieser Art als “naturidentische Gentechnik” bezeichnet.

Bio-Landwirt Häusling resümiert:

“Fazit: Erst müssen die immer noch ungenutzten Potentiale von Landnutzung und Anbautechniken sowie Austausch von alten Sorten ausgeschöpft werden.”

Auch dieses Zwischenfazit hängt argumentativ im luftleeren Raum: Warum sollten diese traditionellen Methoden besser sein? Häusling setzt voraus, was er begründen will. Mein Eindruck ist: Die Gentechnik-Gegner sind so gewohnt, dass ihre geschwollenen Thesen voller Natürlichkeit und Ursprünglichkeit gar nicht hinterfragt werden, dass ihnen gar nicht bewusst ist, dass Natürlichkeit und Ursprünglichkeit keinen Wert an sich haben, solange Menschen unterernährt sind auf dieser Welt.

Das Potenzial agrarökologischer Methoden sei noch gar nicht ausgeschöpft, die Forschung werde zu wenig gefördert, so der EU-Abgeordnete. Das mag sein, aber hier ist auch im Gegensatz zur Biotechnologie kein großer Wurf in Sicht. Auf Basis des Wissens, das wir bereits haben, lässt sich ja abschätzen, wo Verbesserungspotenziale sind. Eine disruptive Technologie ist im Ökolandbau schlichtweg nicht in Sichtweite, in der auf Molekularbiologie basierenden Pflanzenzüchtung haben wir eine: Genome Editing.

Der Verbraucher wolle keine Gentechnik, führt Martin Häusling weiter aus, wenn die neuen Methoden nicht unter die Gentechnik-Regulierung fallen, könne man die Gentechnikfreiheit des Saatguts nicht mehr garantieren etc. Das sind alles Phrasen, die voraussetzen, dass die neuen Züchtungstechnologien überhaupt als Gentechnik anzusehen sind. In dieser Sache wird voraussichtlich in diesem Sommer der Europäische Gerichtshof eine Entscheidung fällen. Indem die Grünen bislang Genome Editing mit der klassischen Gentechnik gleichsetzen, versuchen sie alte Vorurteile auf CRISPR/Cas und Co zu übertragen. Aber auch die alten Vorurteile sind schon falsch. Der britische Autor und frühere Umweltaktivist Mark Lynas hat die Grünen-Fraktion im EU-Parlament massiv für ihre sture und unwissenschaftliche Haltung zur Gentechnik kritisiert:

“We don’t need farming by bureaucratic diktat – we need to do what works, producing most food at minimum environmental impact. There will of course be many ways to do this. The science is clear that in general GMO traits have contributed to sustainability (even the hated herbicide tolerance trait helps promote no-till and soil carbon retention).”

Die Datenlage ist klar – es wird Zeit, dass die Grünen, sie endlich zur Kenntnis nehmen.

 

Bildnachweis: Screenshot “POSITIONSPAPIER Zur Diskussion über neue Züchtungstechniken und CrisprCas im Grundsatzprogramm Bündnis90/Grüne”

 

 

 

 

 

Von Bauern und Bildern

Von Bauern und Bildern

 

Die Geschichte von Journalisten und Landwirten ist momentan eine Geschichte eines tiefen Missverständnisses. Beide Seiten sind stolz auf ihre Berufe und berufen sich auf einen gewissen Ethos, der in den jeweiligen Branchen praktiziert wird. Und beide Seiten fühlen sich zusehends von der anderen Seite missverstanden. Deutlich wurde das gestern zu später Stunde in einem Beitrag im NDR-Medienmagazin ZAPP.

FAZ-Wirtschafts-Redakteur Jan Grossarth findet es problematisch, wenn Landwirte wie Marcus Holtkötter Bilder aus ihren Ställen in den Sozialen Medien verbreiten. Bereits die Anmoderation von NDR-Redakteurin Oda Lambrecht lässt mich aufhorchen:

“Auch Jan Grossarth informiert seine Leser über Landwirtschaft. Der Redakteur der Frankfurter Allgemeinen sieht es äußerst kritisch, wenn Bauern nur ihre eigene Perspektive zulassen wollen.”

Stopp, wer sagt denn, dass die Landwirte mit ihren eigenen Informationsangeboten andere Sichtweisen automatisch zurückweisen? – Und nun der O-Ton Grossarth:

“Ich habe den Eindruck, dass dadurch eine vielstimmige und eine facettenreiche Diskussion über Landwirtschaft abgeblockt werden soll, unterbunden werden soll.”

Warum? Mit Bildern und Beiträgen aus dem Stall, die online in Sozialen Netzwerken veröffentlicht werden, ist immer auch ein Dialog-Angebot verbunden. Das ist keine Einbahnstraße.

Der Redakteur verweist auf Gesundheitsprobleme in der Schweinehaltung, die sich in den Bildern vom Hof nicht wiederfänden. Moderation Lambrecht:

“Probleme der Schweinehaltung, die Marcus Holtkötter gar nicht sieht.”

Landwirt Holtkötter erklärt im folgenden, dass es bei den vielen Schweinen, die in Deutschland gehalten werden nun einmal auch kranke gäbe. In einer Großstadt gäbe es schließlich auch nicht nur gesunde Menschen:

“Wenn ich einen großen Stall habe, dann habe ich auch ein paar Tiere, die krank sind.”

Klinkt einleuchtend. “Eine problemorientierte Haltung ist das nicht”, kommentiert allerdings die NDR-Redakteurin. Leider erwähnt Oda Lambrecht nicht, dass es in den Netzwerken auch eine Menge Beiträge gibt, die heiße Eisen, wie den Glyphosat-Einsatz, Gülle-Ausbringung oder die Nottötung von Nutztieren behandeln oder auch kranke oder tote Tiere zeigen. Diese Bilder gibt es auch.

“Über Probleme diskutiert die Branche nicht so gern”, weiß die Redakteurin später zu ergänzen. Wer ist mit “die Branche” eigentlich gemeint? Mich persönlich stören Formulierungen wie “Die Branche spricht von Schutzkörben.” etc. Hier werden alle in einen Topf geworfen: Landwirte, Verbände, Lieferanten, Verarbeiter, Vermarkter. Ich als Landwirtin bin mit denen aber nicht immer einer Meinung: Ich bin nicht “die Branche”!

Wie wäre das eigentlich, wenn wir Landwirte nur noch von der Medienbranche reden würden, als ob das ein homogener Komplex ohne Individuen wäre? Die Medienbranche wird derzeit einem gewaltigen Wandel unterzogen. Die Printauflagen befinden sich im Sinkflug. Der Journalismus sieht sich angesichts einer Vielzahl neuer Online-Angebote unter Druck. Gerade junge Menschen konsumieren heute Medien ganz anders: youtube, Instagram und Snapchat sind die entscheidenden Kanäle. Fernsehen und Zeitung verlieren zusehends an Bedeutung und damit auch an Deutungshoheit. Die gute alte “Gatekeeper”-Funktion der Presse ist aus den Angeln gehoben. Die Branche hechelt häufig nur noch Twitter und Facebook hinterher.

Hinzu kommt, dass die bessere Zugänglichkeit zu Informationen im Online-Zeitalter dafür sorgt, dass die Glaubwürdigkeit der Presse hinterfragt wird. Der Ausdruck “Lügenpresse” ist zwar als Kampfruf der rechten Szene stigmatisiert, drückt aber auch ein allgemeines Unbehagen im Umgang mit Medien aus: Seit 2005 hat sich die Zahl der pro Jahr beim Presserat eingegangen Beschwerden mehr als verdoppelt (2005: 746, 2017: 1788) und erreichte im Jahr 2015 ein Allzeit-Hoch von 2358 Überprüfungsgesuchen.

Hat die Medienbranche da eventuell ein Transparenzproblem? Nach welchen Kriterien suchen sich Journalistinnen und Journalisten ihre Themen aus? Welche Grundsätze wenden sie bei Recherche und Darstellung an? Wer bestimmt, was gedruckt und gesendet wird? Der Anzeigenkunde, der Verleger, der Rundfunkrat oder keiner von denen? Warum kann die Medienbranche nicht einmal zeigen, wie man das richtig macht? Redaktionskonferenzen live im Web übertragen zum Beispiel oder zumindest davon berichten – damit ließe sich doch verloren gegangenes Vertrauen in die “Black Box Redaktion” zurückgewinnen. Auch in Sachen Selbstreflektion und Selbstkritik ist immer Bedarf für gute Vorbilder. Bauern und Journalisten haben bestimmt viel gemeinsam …

Bildnachweis: Screenshot NDR-Mediathek, ZAPP vom 11. April 2018

Hier der ZAPP-Beitrag auf youtube:

“Es wird immer mehr gespritzt …”

“Es wird immer mehr gespritzt …”

“Es wird immer mehr gespritzt”, ist oft in den Medien zu hören und zu lesen. Heute etwa schreibt die FAZ, dass der Deutsche Bauernverband (DBV) sich den Einsatz von Pestiziden schönrechnen würde:

“Der Deutsche Bauernverband rühmt sich daher eines Erfolgs: „Beim Pflanzenschutz“, so meldete der Verband erstmals wenige Wochen vor Messebeginn, sei „der Einsatz von Herbiziden seit 1988 halbiert“ worden.”

Das sei bestenfalls ein Teil der Geschichte, heißt es in der Zeitung, der Rückgang sei vor allem auf das Verbot des Wirkstoffs Atrazin zurückzuführen, neuere Wirkstoffe kämen mit geringen Aufwandmengen aus. Wurde der Bauernverband hier etwa bei der Schönfärberei erwischt? Nun, das Original-Zitat aus der Pressemitteilung des Bauerverbandes lautet folgendermaßen:

“Beim Pflanzenschutz konnten durch neue Wirkstoffe und Ausbringungstechniken sowie das Schadschwellenprinzip der Einsatz von Herbiziden seit 1988 halbiert, der von Fungiziden um 15 Prozent reduziert werden.”

Dort wird als Ursache für den Rückgang u.a. “neue Wirkstoffe” genannt. Im aktuellen Situationsbericht des DBV werden die abgesetzten Wirkstoffmengen in Bezug zur behandelten Fläche dargestellt:

PSMabsatz1988Hier ist der deutliche Rückgang bei den Herbiziden klar zu erkennen. Dass der Rückgang u.a. auf Änderungen bei den Wirkstoffen zurückgeht, wird auch erwähnt. Also, wo wird hier schön gerechnet?

In dem FAZ-Artikel heißt es weiter:

“Jenseits dieser Sondereffekte brauchen die Bauern seit den Jahren nach der Wiedervereinigung aber: deutlich mehr Herbizide und Fungizide. Zum Beispiel geht das aus den amtlichen Zahlen des Umweltbundesamts für 1994 bis 2014 hervor. In dieser Zeit sei der Absatz zugelassener Pflanzenschutzwirkstoffe in Deutschland von rund 29800 auf 46100 Tonnen gestiegen.”

Schauen wir uns die Zahlen des Umweltbundesamtes (UBA) doch einmal an:

3_abb_pflanzenschutzmittelabsatz_2017-03-21
Quelle: UBA

Anhand der Grafik ist leicht zu erkennen, dass die Steigerung der Absatzzahlen im wesentlichen auf die Zunahme bei der Gruppe der Inerten Gase im Vorratsschutz zurückzuführen ist. Die hier eingesetzten Mittel (CO2, Stickstoff) werden aber nicht auf dem Feld, sondern in geschlossenen Silos angewendet, um Nachernteverluste zu vermeiden. Die Gase haben zugenommen, weil es auch beim Vorratsschutz immer weniger zugelassene chemische Wirkstoffe gibt.

Bereitet man die Daten des UBA einmal in Excel auf, ergibt sich folgendes Bild:

Bei den Wirkstoffgruppen Herbizide und Fungizide schwanken die Mengen sehr stark. Das kann zum einen an den Witterungsbedingungen liegen – so begünstigen milde Winter Pilzerkrankungen wie Gelbrost im Getreide – und zum anderen an der zunehmenden Beliebtheit von pflugloser Bodenbearbeitung. Weil Pflanzenreste auf der Boden-Oberfläche liegen bleiben und sich dort Pilzsporen leichter halten können, wird manchmal eine zusätzliche Fungizidbehandlung notwendig. Die einzige Wirkstoffgruppe, bei der die Absatzmengen eindeutig ansteigen, ist die der Inerten Gase.

Als Datenquelle geben sowohl das UBA als auch der DBV die Statistischen Jahrbücher des Bundesministeriums für Landwirtschaft und Ernährung (BMEL) an. Hätte das UBA einen größeren zeitlichen Rahmen abgebildet, würde der starke Rückgang gegen Ende der 80er Jahre hier auch vorkommen. Aber die Behörde startet mit der Statistik im Jahr 1994, wo die Absatzmengen wieder anziehen.

In einem hat die Zeitung natürlich Recht: Wie stark der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln zu- oder abnimmt, hängt entscheidend von dem Zeitraum ab, den ich betrachte. Aus genau diesem Grund sind im vergangenen Jahr Meldungen über steigenden Spritzmitteleinsatz als Unstatistik des Monats betitelt worden.

Bei all dem gilt zu beachten, dass wir bis hierhin nur Absatzzahlen betrachtet haben. Das heißt, die Zahlen geben an, wieviel Pflanzenschutzmittelwirkstoffe verkauft worden sind. Da der Landwirt die Präparate eine Weile lagern darf, bedeutet das nicht automatisch, dass all die Mittel, die in einem Jahr gekauft worden sind, auch im selben Jahr zum Einsatz kommen.

Um einen realistischen Einblick in die Pflanzenschutzpraxis hierzulande zu gewinnen, gibt es beim Julius Kühn-Institut (JKI) Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen das Projekt PAPA (PAPA = Panel Pflanzenschutzmittel-Anwendungen). Bei mindestens 100 Erhebungsbetrieben je Kulturart (Ausnahme Hopfen, da sind es 80) werden die jährlichen Pflanzenschutz-Behandlungen erfasst und ausgewertet.  Aufschlussreich ist der ermittelte Behandlungsindex für verschiedene Kulturen, der laut JKI “als quantitatives Maß zur Beschreibung der Intensität der Anwendung von zugelassenen Pflanzenschutzmitteln” dient:

12_BI_gesamt_bis_2016.jpg
Tabelle: JKI

Nach diesen Zahlen hat sich in den letzten Jahren wenig verändert. Der höhere Index bei Wintergerste und Winterweizen ist auf einen höheren Einsatz von Fungiziden zurückzuführen, wie die Auswertungen für die beiden Kulturen zeigen (größere Darstellung durch Click auf die Tabelle):

Die möglichen Gründe dafür hatte ich bereits weiter oben genannt: Witterung und Änderungen bei der Bodenbearbeitung. An den Indizes ist sehr gut zu erkennen, wie unterschiedlich intensiv die einzelnen Kulturarten behandelt werden. So kommt der in der Öffentlichkeit oft verteufelte Mais mit recht wenig Pflanzenschutz zurecht.

 

Windschutzscheiben-Psychologie

Windschutzscheiben-Psychologie

“Dass die Insekten sterben, sehe ich an meiner Windschutzscheibe – die ist heute nämlich sauber, früher klebte sie voller Insekten.” – Mehr Beweis braucht es nicht: Nahezu in jedem Artikel sowie in jedem zweiten Internet-Post, der sich irgendwie mit dem Thema Insektensterben und der Krefelder Studie dazu befasst, kommt dieses Beispiel zur Veranschaulichung zum Tragen. Doch wie plausibel ist dieser “Beweis” eigentlich?

Ich fange mal bei mir selbst an: Vor dreißig Jahren hatte ich noch keinen Führerschein. Damals hat mich der Verdreckungsgrad von Windschutzscheiben somit nicht interessiert. Meine erste längere Autofahrt als Fahrerin liegt rund 25 Jahre zurück. Die Tour ging vom Münsterland bis nach Lüneburg. Ich kann mich daran erinnern, dass ich gegen Ende der Fahrt wirklich müde wahr und die schöne Landschaft rund um Uelzen hat sich mir auch eingeprägt, aber wie die Windschutzscheibe meines Ford Fiesta damals aussah, weiß ich auf Gedeih und Verderb nicht mehr. Ich kann mich jedenfalls nicht an einen Tankstellen-Stopp erinnern, bei dem ich die Scheibe hätte sauber machen müssen.

Generell habe ich keine Erinnerung an eine mit Insekten verklebte Scheibe. Und selbst wenn ich eine hätte: Wäre das dann wohl eine Erinnerung an eine durchschnittlich verdreckte Scheibe oder eher eine Erinnerung an eine außergewöhnlich verdreckte Scheibe? Ich vermute mal, dass sich eher die außergewöhnlichen Dinge ins Gedächtnis einprägen.

Die Rückschau ist trügerisch. Die Sicht auf vergangene Zeiten verklärt nicht nur die Vergangenheit (“Früher war alles besser”), sondern sie ist einfach nicht verlässlich. Psychologen konnten nachweisen, dass man Menschen Erinnerungen regelrecht einpflanzen kann, so dass sie glauben, sich an etwas zu erinnern, was sie nie erlebt haben.

Nicht falsch verstehen: Ich gönne jedem seine Erinnerung an mit Insekten verschmierte Windschutzscheiben – egal ob eingebildet oder echt. Nur ich habe eine Bitte: Bitte nicht versuchen, daraus irgendeine Evidenz für was auch immer abzuleiten! Das funktioniert nämlich nicht. Die Aussage “Früher klebten mehr Insekten an der Scheibe” ist heute weder verifizier- noch falsifizierbar. Es ist einfach nur eine Anekdote – nicht mehr und nicht weniger. Ich verstehe daher nicht, dass auch Wissenschaftsjournalisten diese Anekdote bemühen. Wenn über die Wirksamkeit von Homöopathie diskutiert wird, werden diese anekdotischen Beweisführungen müde belächelt, in Sachen Insektensterben dienen sie dem guten Zweck.

 

Populisten aller Farben, vereinigt Euch!

Populisten aller Farben, vereinigt Euch!

Nach Minister Schmidts Alleingang in Sachen Glyphosat kochen die Emotionen hoch, auch in den sozialen Netzwerken. Die AfD hatte sich bislang zu Glyphosat nicht eindeutig geäußert, nutzte jetzt aber die allgemeine Empörung, um sich festzulegen:

Die Grünen probieren es wieder mit Desinformation und zeigen eine Pflanzenschutz-Anwendung, bei der sicherlich kein Glyphosat zum Einsatz kommt:

Ähnlich kommuniziert die Linke: Schockbild (sicher wird da auch kein Glyphosat versprüht) plus antikapitalistische Botschaft, wobei die Aussage, dass Minister Schmidt die Gesundheit der Bürger gefährde, grenzwertig ist. Das Label ist dem Design der Warnungen auf Zigarettenpackungen nachempfunden.

Geradezu reflektiert mutet dagegen die Meldung der Rote Fahne News an, dem Nachrichtenportal der MLPD. Schmidts Alleingang sei Ausdruck einer politischen Krise:

Das Sahnehäubchen setzte heute SPD-Chef Martin Schulz, indem er sich für ein deutschlandweites Verbot von Glyphosat ausspricht:

Nur zu, Herr Schulz, die Mehrheit im Bundestag hätten Sie. Kleiner Schönheitsfehler: Dafür nötig wären die Stimmen der AfD. Übrigens: Auch die NPD ist gegen Glyphosat. Willkommen bei den Populisten!

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Quelle: tagesschau.de

 

Links

Es brennt

• Links, linker, am linksten

• Parteien schreiben voneinander ab! – Eine Polemik

 

 

Bildnachweis: Screenshot tagesschau.de

Grossarths Furor

Grossarths Furor

Etwas ruhiger war es geworden ums Insektensterben, besser ums „Fluginsektensterben“, die mediale Aufregung über eine im Oktober veröffentlichte Studie hatte sich gelegt. Eine statistische Auswertung der Daten des Entomologischen Vereins Krefeld belegte nach Ansicht der Autoren einen Rückgang mehr als von 75 Prozent bei der Biomasse von Fluginsekten innerhalb von 27 Jahren. Das hatte sehr großes Medienecho ausgelöst, aber auch Kritik an der Methodik der Forscher sowie an den Reaktion der Presse. Diese Pressekritik wollte FAZ-Redakteur Jan Grossarth offensichtlich nicht auf sich sitzen lassen und deutete in einem Stück in der gestrigen Printausgabe die kritischen Reaktionen um als Gegenangriff der Agrarlobby.

Von “Immunisierung gegen Fakten” ist da die Rede, von einem “Extremfall des Relevanzverlustes der Wissenschaft”, von der “völligen Verdrehung der Wirklichkeit in der Filterblase der Farmer und Funktionäre”, dazu reiche “der Landwirtschaft” – wer auch immer das sein soll – ein “obskurer Blog-Beitrag”. Gemeint ist der Artikel “Das große Insektensterben – oder doch nicht?”, der gleich am Tag nach der Veröffentlichung der Studie auf der Website sciencefiles.org erschienen war. Schlichtweg der Umstand, dass dieser Blogbeitrag die erste öffentliche kritische Äußerung zur Krefelder Studie war, sorgte dafür, dass der Text über die sozialen Netzwerke fleißig verbreitet wurde. Die Seite hat kein Impressum. Etwas versteckt unter dem Text findet sich die Autorenzeile “Michael Klein”. Auch über den Autor finden sich keine weiteren Angaben auf der Seite. Aber Grossarth hat Google befragt und Google hat geantwortet: Klein lebe in Wales und vertrete “auf sarkastische Weise libertäre Positionen”: “Der Grundton ist scharf gegen politische Eliten und Medien gerichtet” und “mit Anknüpfungspunkten zur politischen Rechten”.

Nachdem sich Grossarth ausgiebig über Autor und Plattform ausgelassen hat, wendet er sich tatsächlich auch den Argumenten zu. Klein würde drei Kritikpunkte an der Studie anführen: Es hätte zu wenig Messstellen gegeben und generell zu wenig Messungen und die Ursache in der Landwirtschaft sei nicht nachgewiesen worden. Wenn man den Text auf sciencefiles.org genau liest, fällt auf, dass der FAZ-Redakteur die Kritik nicht exakt wiedergibt. Die Intention des Textes ist weniger eine Kritik an der Studie selbst als eine Untersuchung, ob die Studie die vollmundigen Behauptungen in der Presse sowie die der Grünen stützt. Klein reklamiert, dass die Daten nicht auf ganz Deutschland übertragbar sind, dass der prozentuale Rückgang so ausgewählt wurde, dass er möglichst dramatisch ausfällt, und dass die Studie, wie die Autoren selbst feststellen, keine Erkenntnisse hinsichtlich der Ursachen ermitteln konnte. Kleins Fazit lautet:

“Um nicht missverstanden zu werden: Wir würden auch einen Rückgang von Insekten-Biomasse auf Basis der Daten von Hallmann et al. feststellen, aber einen deutlich geringeren und einen auf die Orte, an denen die Beobachtung wiederholt gemacht wurde und das waren nur 26 Orte insgesamt, reduzierten. Damit ist natürlich die Verallgemeinerbarkeit der Ergebnisse nicht gegeben und die Dramatik beim Teufel. Dafür haben wir die wissenschaftliche Lauterkeit wiederbelebt. Unabhängig davon ist es in jedem Fall ein Verdienst dieser Studie, Fragen aufgeworfen zu haben.”

Grundsätzlich ist festzuhalten: Die Stärke von Insektenpopulationen ist sehr volatil, das heißt, sie schwankt – zum Teil witterungsbedingt, zum Teil bedingt durch Entwicklungszyklen bestimmter Arten – stark von Jahr zu Jahr. Wenn ich hier verlässliche Daten generieren will, das heißt u. a. einen Datenfluss, ohne statistische Ausreißer nach oben oder unten, dann brauche ich einfach eine gewaltige Menge an Messpunkten. Auch sollten die zeitlichen Abstände zwischen den Messpunkten einheitlich sein. Beides kann die Studie leider nicht leisten, die Messungen waren vermutlich auch gar nicht dafür konzipiert. Etwas unbeholfen wirkt etwa die Erklärung, warum man wechselnde Aufstellorte gewählt hat (S. 4):

“Prolonged trapping across years is in the present context (protected areas) deemed undesirable, as the sampling process itself can negatively impact local insect stocks.”

Wenn man nun in Betracht zieht, dass zum Teil so viel Insektenmasse am Tag weggefangen wurde, wie auch von einem Vogel hätte verzehrt werden können, wirkt diese Begründung doch bemüht. Das haben die Krefelder Forscher der Rheinischen Post im Februar 2016 selbst so erklärt:

“Diese Fallen fangen, in Gramm gerechnet, heute im Jahresdurchschnitt pro Tag etwa die halbe Insekten-Mahlzeit einer einzigen Blaumeise oder Spitzmaus.”

Das vermeintliche Insektensterben wurde gleich zweimal zur „Unstatistik des Monats“ gekürt. Im Prinzip bestätigt der Statistiker Walter Krämer die Kritik aus dem “obskuren Blog-Beitrag”:

“Genauso wichtig für die Bewertung der „76 Prozent“ ist aber auch ein allgemeines Prinzip des kritischen Denkens: Jede berichtete Abnahme zwischen zwei Zeitpunkten hängt davon ab, welchen Anfangszeitpunkt man wählt. Dies gilt besonders bei drastisch schwankenden Werten, wie bei Börsenkursen und Biomassen von Insekten. Hätte man das Jahr 1991 statt 1989 als Anfangspunkt gewählt, dann wären es statt 76 Prozent weniger Insekten nur etwa 30 Prozent weniger gewesen.”

trend.pngGrossarth zitiert Krämer:

“doch, so Krämer, es gebe durchaus trotzdem „Anlass zum Nachdenken über die Ursachen“.”

So ist das Zitat völlig aus dem Zusammenhang gerissen. Es geht weiter:

” – eine Frage, worauf die Studie keine Antwort findet. Es ist aber auch ein Anlass darüber nachzudenken, warum man immer wieder versucht, uns mit möglichst erschreckenden Zahlen Panik zu machen.”

Grossarth redet sich die Krefelder Studie schön und verzerrt seinerseits Fakten: So ist die Angabe, die Messungen stammten “aus 63 verschieden Schutzgebieten” falsch. Richtig wäre “63 Standorte”, denn zum Teil standen in einem Schutzgebiet mehrere Fallen. Das Journal, in dem die Studie veröffentlicht worden ist, heißt “Plos One”, nicht bloß “Plos”.

Grossarth behauptet, die Messstellen seien repräsentativ gewesen. Repräsentativ wofür? In der Studie steht (S. 2):

“Here, we investigate total aerial insect biomass between 1989 and 2016 across 96 unique location-year combinations in Germany, representative of Western European low-altitude nature protection areas embedded in a human-dominated landscape.”

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Quelle: http://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0185809

Auf Deutsch: Die Standorte der Fallen sind repräsentativ für westeuropäische Schutzgebiete im Tiefland, die eingebettet sind in einer von Menschen dominierten Landschaft. – Auf extensiv genutzte Mittelgebirgswiesen oder Naturschutzgebiete an der See oder in großen Feuchtgebieten sowie große Gebiete wie ehemalige Truppenübungsplätze und viele andere Landschaftsformen lassen sich die Krefelder Erkenntnisse nicht übertragen.

Verbissen durchforstet Grossarth die Berichterstattung auf dem Fachportal topagrar.com zum Thema nach möglichst simplen Formulierungen. Den Agrarstatistiker Georg Keckl charakterisiert er folgendermaßen:

“Manche Landwirte sprechen ihn an wie einen Heiligen – der edle Ritter der reinen Wahrheit.”

Solch Polemik vermutete man bislang nicht in der FAZ.

Stets setzt sich Grossarth nicht mit den vorgetragenen Argumenten auseinander, sondern pickt sich möglichst fremd anmutende Formulierungen heraus, um den Autor zu diskreditieren. So greift er die Zwischenüberschrift „Landwirtschaft muss einfach schuld sein!“ völlig aus dem Zusammenhang: Die Zeile bezieht sich auf die im Folgeabsatz beschriebene Position des NABU. Dass die Studie selbst keinen Aufschluss über die Ursachen gibt, wird völlig richtig wiedergegeben:

“Was die Ursachen angeht, konnten die Naturschützer keine Gründe finden. Sie bedauern, dass es bei den Zählungen keine Daten zum Einfluss der Landwirtschaft gebe. Daher sei nicht klar, wie groß der Einfluss durch die intensive Landwirtschaft und den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln auf den Zustand der Insektenwelt tatsächlich ist.”

Grossarth hätte zur Ehrenrettung z.B. auch aus dem Kommentar von Gisbert Strotdrees vom Wochenblatt für Landwirtschaft und Landleben, auch ein Organ des Bauernverbandes, zitieren können:

“Das Thema Insektenschwund ist sehr ernst zu nehmen, gerade wegen der langfristigen Folgen für den Naturkreislauf. In diesem Zusammenhang muss über alles diskutiert werden: über Landwirtschaft, aber eben auch über Industrie, Auto- und Flugverkehr, Lichtverschmutzung und Flächenversiegelung.
Bei alledem ist vor allem eines wichtig: wissenschaftliche Präzision und genaues Hinschauen, aber auch saubere Recherche und Berichterstattung. Zum Abwiegeln taugt das Thema genauso wenig wie zur Weltuntergangs-Panikmache.”

Passte anscheinend nicht ins Konzept.

Aufschlussreich ist ein Zitat aus der Titelgeschichte, die Jan Grossarth für die aktuelle Ausgabe der Zeitung Das Parlament verfasst hat:

“Auf den Ungeist eines rücksichtslos auf Effizienz und kurzfristige Produktivität, eines der Komplexität des Lebens nicht gerecht werdenden, letztlich zynischen statt mitfühlenden Blickes hat die westliche Umweltbewegung erfolgreich hingewiesen. Dies gilt ungeachtet der vielen Hysterien und Fehlalarme, die sie verantwortete (“Waldsterben”).”

Daher weht also der Wind: Die Herangehensweise der modernen Landwirtschaft folgt nach Grossarth einem Ungeist. Hier würde Zynismus statt Empathie praktiziert.
Wenn das Fluginsektensterben wirklich ein Menschheitsthema ist, dann muss vernünftig ermittelt werden, wo die Ursachen sind. Denn wenn ich die Ursachen nicht kenne, kann ich das Problem nicht lösen. Als Kronzeuge für die Ursache Landwirtschaft zitiert Jan Grossarth den Göttinger Ökologen Teja Tscharntke. Landwirtschaft sei die Erklärung mit der “größten Plausibilität”, so Tscharntke. Es heißt:

“„Dass die umgebende Landschaft lokale Biodiversitätsmuster und Prozesse in Schutzgebieten elementar beeinflusst, haben wir in zahlreichen Publikationen nachgewiesen“, sagt der Professor der Uni Göttingen.”

Ist das jetzt eine überzeugende Begründung? Landschaft wird gerade in der Nähe von Städten nicht nur durch Landwirtschaft gestaltet. Tscharntke behauptet Grossarth zufolge:

“Man bekomme „exakt dasselbe Ergebnis, wenn nur die Gebiete berücksichtigt werden, die mehr als einmal beprobt wurden“.”

Diese Aussage halte ich für gewagt. Es gibt genau eine Messstelle, die viermal beprobt worden ist. Hier sind die Änderungen lang nicht so dramatisch wie die Gesamtaussage, wie diese Grafik zeigt:

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Kurzum: Der Text wirkt auf mich wie die Rache eines beleidigten Kindes mit geringer Frustrationstoleranz: Und ich habe doch Recht! Mit meiner Analyse, mit meiner Meinung und mit meiner Missgunst. Und: Wer sich jetzt beschwert, beweist, dass ich Recht habe. Kann man ja machen – selbstverliebt um sich selbst kreisen, Andersdenkende in Schubladen abfertigen und die Welt in schwarz und weiß malen. Ob sich dann noch jemand dauerhaft für diese Sicht der Dinge interessiert, ist eine andere Frage.

 

Bildnachweis: FAZ, 14.11.2017

About Whataboutism

About Whataboutism

Ein Gespenst geht um in den sozialen Netzwerken, das Gespenst heißt „Whataboutism“. Als mir der Begriff das erste Mal begegnete, musste ich erst einmal nachschlagen, was das heißen soll. Wikipedia gibt Auskunft:

Whataboutism (aus dem englischen What about? = „Was ist mit?“ und dem Suffix -ism = „ismus“ zusammengesetzt) ist eine oft als unsachlich kritisierte Gesprächstechnik, die unter diesem Namen ursprünglich der Sowjetunion bei ihrem Umgang mit Kritik aus der westlichen Welt als Propagandatechnik vorgehalten wurde. Es bezeichnet heute allgemein die Ablenkung von unliebsamer Kritik durch Hinweise auf andere wirkliche oder vermeintliche Missstände.”

Das klassische Beispiel geht so:
Vorwurf: “Ihr Russen habt unrechtmäßig die Krim annektiert.”
Gegenrede: “Und was ist mit („what about“) Guantanamo?”

Der Vorwurf des Unrechts wird einfach mit einem anderen Unrechtsvorwurf quittiert. Inhaltlich gibt es keine Beziehung zwischen den beiden Aussagen. Es geht nur um das psychologische Moment, den anderen einzuschüchtern.

Aber nicht alles, was wie Whataboutism aussieht, ist auch Whataboutism. Wenn zwei ähnliche Situationen oder Zusammenhänge verglichen werden und entsprechende Konsequenzen gefordert werden, ist das kein Whataboutism.

Beispiel: Niedersachsens Landwirtschaftsminister Christian Meyer meldet kurz vor der Bundestagswahl, dass das Niedersächsische Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (LAVES) Glyphosat in Bier gefunden habe. Wie viel Glyphosat genau gefunden wurde, wird nicht verraten, – wohlweislich, denn anhand der genauen Werte und dem ADI-Wert (“ADI”=”Acceptable Daily Intake”) von Glyphosat kann man errechnen, wie viel kontaminiertes Bier man langfristig täglich trinken kann, ohne dass einem die Herbizid-Rückstände gesundheitlich schaden. Bei den ersten Glyphosat-Funden in Bier der NGO Umweltinstitut München e.V. rechnete Landwirtschaftsminister Christian Schmidt im Morgenmagazin vor, dass man am Tag rund 1000 Liter von dem getesteten Bier trinken müsse – und das über einen längeren Zeitraum-, um auch nur in die Nähe einer Gesundheitsgefährdung durch das Herbizid zu kommen. Trotzdem versuchten Grüne Politiker das Thema über die Sozialen Netzwerke breitzutreten. Auf meinen Hinweis, dass der etwa zur gleichen Zeit gemeldete Fund von Mutterkorn-Rückständen in Bio-Roggenmehl weitaus kritischer zu bewerten sei, kam er wieder der Vorwurf: Whataboutism.

Der Vorwurf trifft nicht zu, weil es hier um die vergleichende Bewertung von Gesundheitsgefahren geht. Rückstände von Glyphosat in Bier in der Größenordnung um die Nachweisgrenze haben keinerlei Bedeutung in Sachen Gesundheitsfürsorge, deswegen wurden die Biere auch folgerichtig nicht zurückgerufen. Mutterkornalkaloide dagegen können schwere Vergiftungserscheinungen hervorrufen, daher wurde das Bio-Roggenmehl auch aus dem Handel genommen und eine Lebensmittelwarnung veröffentlicht. Normalerweise werden die von dem Mutterkorn-Pilz befallenen Körner im Reinigungsprozess in der Mühle aussortiert. Das hat in diesem Fall anscheinend nicht funktioniert. Gab es Forderungen seitens Grüner Verbraucherschützer, jetzt unbedingt Mindeststandards für Getreidemühlen einzuführen, um die Verbraucher vor solchen möglichen Vergiftungen zu schützen? Mir jedenfalls ist keine aufgefallen. Berechtigt ist hier durchaus die Frage, ob die Politik in Sachen Gesundheitsfürsorge die richtigen Prioritäten setzt: Was bestimmt eigentlich den Focus der Debatte: Ein reales Risiko oder die Aufmerksamkeitsökonomie in Wahlkampfzeiten?

Im Grunde könnte man auch sagen der Vorwurf, Whataboutism anzuwenden, ist selbst eine Art Whataboutism – nach dem Motto „Ätsch, und Du verwendest ein ungültiges Argument.“ Das Ziel ist das Gleiche: Das Argument des Gegenübers entkräften, ohne inhaltlich darauf eingehen zu müssen. Und auch hier kommt ein psychologischer Moment zum Tragen: Wer will schon klassische Methoden russischer Propaganda-Profis anwenden?

In Internetdiskussionen wird der Vorwurf auch gerne genutzt, um die Gegenseite moralisch zu diskreditieren. Fast schon klassisch ist der Vorwurf, wenn Doppelmoral und/oder Doppelstandards kritisiert werden. Aktuell tobt in den USA ein Kulturkrieg um die Affaire des Film-Produzenten Harvey Weinstein. Wie jetzt bekannt wurde, soll die Hollywood-Größe jahrelang Frauen sexuell belästigt haben. Aus dem Trump-Lager wird nun kritisiert, dass die Ausfälle des den Demokraten nahe stehenden Weinstein öffentlich anders bewertet werden als die Chauvie-Allüren des Präsidentschaftskandidaten Trump, die – festgehalten auf einem Video-Mitschnitt eines Gesprächs – während des Präsidentschaftswahlkampfes öffentlich wurden.

Wir brauchen in der öffentlichen Debatte den Vergleich: Gleiches muss gleich behandelt werden. Und es muss diskutierbar bleiben, wann sich Sachen unterscheiden und wann nicht. Dabei sollte der eigentliche Inhalt der Unterhaltung nicht den Formfragen geopfert werden. Und mit der Feststellung “whataboutism” – ob nun richtig oder falsch angewendet – sollte eine Diskussion erst anfangen und nicht zu Ende sein.

 

Links

• Eintrag “whataboutery” in English Oxford Living Dictionary

Suchbegriff “whataboutism” auf Twitter

Harvey Weinstein’s Money Shouldn’t Buy Democrats’ Silence

“3 Kühe, 3 Höfe, 30 Tage”

“3 Kühe, 3 Höfe, 30 Tage”

Heute startet der WDR ein ganz neuartiges Projekt: Unter dem Titel “Superkühe” werden drei Milchkühe auf drei unterschiedlichen Betrieben in Nordrhein-Westfalen für die kommenden 30 Tage in Zentrum der Berichterstattung stehen.

Schwerpunkt des Projekts ist die Internetseite https://superkuehe.wdr.de/. Hier können die Besucher hautnah am Kuhleben teilhaben. Dafür sorgen verschiedene Sensoren, die ihre Daten rund um die Uhr ins Netz einspeisen. Ein Sensor sitzt als Bolus im Netzmagen der Kühe und misst zum Beispiel den pH-Wert des Mageninhalts.

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Ein Sensor im Netzmagen sendet rund um die Uhr Daten. Bildnachweis: WDR

Das Prinzip des Sensor-Journalismus erklärt dieser kurze Film:

Doch nicht nur Sensoren liefern Infos: Auf jedem Betrieb ist ein Hofreporter stationiert, der täglich aus dem Stall berichtet. Neben der Website gibt es auch eine Facebook-Seite zum Projekt, die bereits seit Anfang Mai online ist. Dort wurden die Kühe vorgestellt und für Kuh 71 vom Bio-Hof ein neuer Name gesucht: Sie heißt jetzt “Uschi”.

Mein Fazit: Ein aufwendiges und ambitioniertes Projekt! Hier wird Landwirtschaft wirklich zum Greifen nahe. Reinschauen lohnt sich.

 

Bildnachweis: WDR