Am Aschermittwoch ist alles vorbei


Selten habe ich das Ende der „tollen Tage“ so herbeigesehnt wie in diesem Jahr. Soziale Medien wie Twitter waren in der letzten Zeit kaum zu ertragen angesichts der aufschäumenden Empörung in allen Lagern. Was war passiert? Die neue CDU-Vorsitzende und als Merkel-Nachfolgerin gehandelte Annegret Kramp-Karrenbauer (AKK) erlaubte sich in einer Karnevalsansprache einen lahmen Scherz über das sogenannte 3. Geschlecht:

„Wer war denn von Euch vor kurzem mal in Berlin? Da seht Ihr doch die Latte-Macchiato-Fraktion, die die Toiletten für das 3. Geschlecht einführen. Das ist für die Männer, die noch nicht wissen, ob sie noch stehen dürfen beim Pinkeln oder schon sitzen müssen. Dafür, für dazwischen ist diese Toilette.“

Das ist aus meiner Sicht kein Scherz gegen Männer, sondern schon eine Herabwürdigung von Menschen, die divers sind, also weder Mann noch Frau. Ob es für diese Menschen spezielle Toiletten geben muss, sei dahingestellt, aber dass es auf den Standesämtern die Möglichkeit gibt, das Geschlecht eines Neugeborenen als „divers“ einzutragen, ist sinnvoll. Denn es gibt Menschen, die kommen nicht mit eindeutigen Geschlechtsmerkmalen auf die Welt. Früher wurden diese Kinder auch operativ „korrigiert“, nicht selten zum Schaden des Heranwachsenden, der oder die später gerne ein andere Ausprägung gewünscht hätte. Kurzum: Diese Personen haben sich ihre Lage nicht ausgesucht und daher verbietet es sich eigentlich, darüber zu spotten. Ich vermute, der Witz war einfach nur ein Versuch von AKK, das eigene Lager zu bedienen. Aber das macht es nicht besser.

Eine Entschuldigung wird vermutlich auf sich warten lassen. Der Nordkurier meldete bereits gestern die Anmoderation, mit der AKK heute Abend beim Politischen Aschermittwoch auf die Bühne gebeten werden wird. Der Text lässt weder Einsicht noch Reue erwarten.

Auch wenn die Empörung über die mit Verve vorgetragene Pointe übertrieben sein mag, so bleibt doch eine Erkenntnis: Der neuen Kandidatin fehlt das Gespür der Kanzlerin, die immerhin eins während ihrer Amtszeit geschafft hat: Möglichst wenigen Leuten auf die Füße zu treten. Und: AKK macht diese Attitude gegen die Buntheit der Gesellschaft nicht durch andere Sympathiepunkte wieder wett. Merkel konnte das immer geschickt kaschieren.

Und nein, wir erleben derzeit keinen überbordenden Wahn an Political Correctness. Was zu Karneval geht und was nicht geht und was noch lustig ist und was nicht, wird regelmäßig diskutiert. So hat sich etwa der Bund Deutscher Karneval e.V. bereits im Jahr 2008 eine Ethik-Charta gegeben. Dort steht unter Punkt „2. Frohsinn und Lachen verbreiten„:

„Humorvolle Kritik aus Narrenmund an den Narreteien des Alltags, die auf das Konto mehr oder weniger prominenter Zeitgenossen gehen, ist integraler Bestandteil von Fastnacht, Fasching und Karneval. Verletzende Attacken auf Wehrlose, Hohnlachen von Mehrheiten über Minderheiten, beißender Spott und Häme, Ironie und Sarkasmus, auch wenn sie zu Lachstürmen im Publikum führen, sind hier fehl am Platz. Lachen auf Kosten anderer hat am Ende immer einen schalen Nachgeschmack. Lachen miteinander bleibt in bester Erinnerung.“

Die Karnevalisten beschreiben hier einen entscheidenden Unterschied: Gegen die Obrigkeit darf gespottet werden, aber nicht unbedingt andersherum, und erst recht nicht gegen kleine Gruppen, die in der Minderheit sind und die sich ihre Lage nicht ausgesucht haben. Es gibt hier eine gewissen Asymmetrie.

Ein weiteres Beispiel: Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) verkleidet sich an Altweiber als Wolf und „trifft“ Rotkäppchen. Auf den Schildern, die sich die Figuren umgehängt haben, lesen wir die Botschaft: „Keine Angst vorm Wolf“ und „Bitte Nicht [sic] Erschiessen [sic]“. Wer als Weidetierhalter regelmäßig Kadaver seiner Schafe und Kälber von der Weide tragen muss, dürfte darüber nicht lachen können. Wieder ist eine Gruppe getroffen, die sich ihre Situation nicht selbst ausgesucht hat.

Schulze hätte sich auch als fleißiges Bienchen oder – besser noch – als Stechmücke verkleiden können, die für den Insektenschutz wirbt oder gegen das Insektensterben demonstriert. Damit hätte sie sich wenigstens selbst auf die Schippe genommen.

Wir halten fest: So wenig wie der Karneval ein Garant für sprühenden Esprit ist, so wenig ist er aber auch eine Entschuldigung dafür, mit schlechten Scherzen auf Kosten anderer seine eigene Klientel zu bedienen. Die sympathische Grundidee hinter dem Prinzip Karneval ist, dass gegen die Obrigkeit geschossen wird, und zwar aus vollen Rohren. Narrenfreiheit gilt im wesentlichen erst einmal für die Narren!

 

Bildnachweis: Pitopia

 

Print Friendly, PDF & Email
Kategorien:Gesellschaft, Medien, Politik, Psychologie, Public Relations, Social Media, UncategorizedSchlagwörter:, , , ,

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

%d Bloggern gefällt das: