Warten auf Godot

Warten auf Godot

Am 19. September 2017 läuft das Ultimatum ab: Wenn Horst Rehberger bis dahin keine Antwort von der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) erhält, will der frühere Wirtschaftsminister von Sachsen-Anhalt und Vorsitzende des Forums Grüne Vernunft vor der EKD-Zentrale in Hannover einen Hungerstreik beginnen. Rehberger ist mit seiner Geduld am Ende. Seit Jahren fordert er die EKD zum Dialog über Grüne Gentechnik auf und wird mit unbefriedigenden Absagen (“keine Zeit”) vertröstet. Er schreibt in seinem Offenen Brief an den EKD-Ratsvorsitzenden Prof. Dr. Heinrich Bedford-Strohm:

“Über 120 Nobelpreisträger bezeichnen das, was Sie propagieren, als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“, also das schlimmste Kapitalverbrechen, das die Menschheit kennt, den Massenmord. Mit Totschweigen werden Sie Ihrer Verantwortung nicht gerecht! Sollten Sie bis 19.09.2017, drei Monate nach der Einladung, keinen Dialog-Termin nennen, werde ich einen unbefristeten Hungerstreik beginnen. Vor dem EKD-Gebäude in Hannover.
Im Interesse von Millionen Kindern, die ohne Gentechnik zum Tode verurteilt sind.”

Der Offene Brief des früheren Politikers (FDP) reiht sich ein in eine jahrelange Serie von Adressen an die Evangelische Kirche, Risiken und Chancen der Grünen Gentechnik neu zu bewerten.

Bereits Ende 2013 hat der Agrarökonom und Vizepräsident der Welthungerhilfe Prof. Dr. Joachim von Braun bei der 6. Tagung der 11. Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland ein Referat zum Thema Welternährung gehalten. Daraus ein Zitat:

“Wir brauchen dazu meines Erachtens auch eine Neubewertung der grünen Gentechnik. Dazu fordere ich Sie auf. Es geht mir nicht um eine dogmatische grundlegende Ablehnung der sogenannten transgenen Pflanzen, sondern um die Entwicklung einer armutsorientierten sicherheitsbewussten Checkliste, die solche transgenen Produkte, die Armen helfen und dem Sicherheitscheck standhalten, aktiv fördert. Das ist etwas anderes als Ja oder Nein zu grüner Gentechnik, sondern da muss man ganz genau hinschauen.”

Seitdem ist nichts passiert in der EKD. Im Gegenteil: Noch Ende 2015 hat die EKD die Brot für die WeltAdventsaktion mit der Anti-Gentechnik Aktivistin Vandana Shiva gestartet.

 

Mein Resümee: Die EKD sowie der Kirche angeschlossene Einrichtungen wie Brot für die Welt entziehen sich seit Jahren einer ergebnisoffenen Debatte über die Grüne Gentechnik. Diese Vermeidungstaktik ist symptomatisch für die gesamte Haltung der EKD der modernen Landwirtschaft gegenüber: Die Kirche orientiert sich lieber am Gutmenschen-Zeitgeist, anstatt sich eine pragmatische und lösungsorientierte Position zu erarbeiten und diese zu verteidigen. Auf der Strecke bleiben dabei u.a. arme Menschen in Entwicklungsländern, denen nicht zuletzt durch das Engagement kirchlicher Einrichtungen modernes Saatgut vorenthalten bleibt. Diese Doppelmoral ist das eigentliche Pharisäertum der EKD.

Links

Gentechnik-Streit: Rehberger droht Evangelischer Kirche mit Hungerstreik

“Grüne Gentechnik: Folgen die Entwicklungsländer der deutschen Paranoia?” Vortrag von Prof. Dr. Hans-Jörg Jacobsen beim 16. Innoplanta-Forum am 06.09.2017 in Gatersleben

Die Kirche und der Goldene Reis

 

Bildnachweis: Forum Grüne Vernunft

“Übernehmen Sie Verantwortung!”

“Übernehmen Sie Verantwortung!”

Offener Brief an Ministerin Dr. Barbara Hendricks

Unter der Federführung von Susanne Günther (schillipaeppa.net) schreiben die Agrarblogger von www.blogagrar.de und www.bauerwilli.com einen offenen Brief an die Bundesumweltministerin Hendricks. Anlass ist ein Treffen des Ständigen Ausschuss für Pflanzen, Tiere, Nahrungs- und Futtermittel (PAFF) am 19. Juli zu einer erneuten Diskussion über Glyphosat.

Hier der volle Wortlaut: Continue reading ““Übernehmen Sie Verantwortung!””

Mangels Weiden geschlossen?

Mangels Weiden geschlossen?

“Gemeinsam Gutes bewahren und Neues schaffen” – das ist das Motto des Hessischen Landgestütes Dillenburg. Doch damit soll nach dem Willen der Hessischen Umweltministerin Priska Hinz von den Grünen bald Schluss sein. Aus Gründen des Tierschutzes solle die Einrichtung geschlossen werden, teilte die Ministerin in einem Brief an die Stadt mit.

Die Nachricht traf in der mittelhessischen Stadt ein wie ein Schlag. So wirkt Dillenburgs stellvertretende Bürgermeisterin Elisabeth Fuhrländer (CDU) in einem Beitrag der hessenschau sichtlich bewegt:

Die Hessische Umweltministerin Priska Hinz von den Grünen sagt in diesem Video:

“Pferde sind große Tiere, sie brauchen Platz und sie haben das Recht auf mehrstündigen freien Auslauf auf der Weide.”

Anderen Medienberichten zufolge bezieht sich die Ministerin auf ein Urteil des Landgerichts Düsseldorf von 2006. In diesem Urteil geht es allerdings um Zuchtstuten und Jungpferde, das kann man nicht mit Hengsthaltung gleichsetzen. Zuchtstuten und Jungpferde werden nämlich im Sommer in der Regel ausschließlich auf der Weide gehalten, also 24 Stunden am Tag. Hengste lassen sich nicht so ohne weiteres auf der Weide halten, erst recht nicht in einer Gruppe. Von Weide ist in dem Urteil auch keine Rede, sondern nur von “3-4-stündige Bewegungsmöglichkeit im Freien”.

Selbst wenn die Ministerin mit ihren Einwänden Recht hätte: Die Landgestüte Warendorf, Celle und Zweibrücken liegen auch zentral in der Stadt. Sollte man die jetzt auch besser schließen?

Als weiterer Grund wird genannt, dass das Landgestüt rote Zahlen schreibe: Etwas mehr als 1 Million Euro pro Jahr. 1 Million Euro Verlust – wie viele Schwimmbäder in kommunaler Trägerschaft mag es wohl geben, die ähnlich schlechte Bilanzen aufweisen, ohne dass die Existenzfrage gestellt wird?

 

Dillenburg_-_Landgestüt
Bildnachweis: Oliver Abels (SBT), CC BY 2.5

Landgestüte waren früher dafür zuständig, den ländlichen Züchtern qualitativ hochwertige Vatertiere zur Verfügung zu stellen. Diese Bedeutung hat sich im Laufe der Zeit gewandelt. Die Zunahme der privaten Hengsthaltung sowie die Möglichkeiten der künstlichen Besamung haben die Bedeutung der Landgestüte verringert. Trotzdem sind sie nach wie vor wichtig für die Pferdezucht: Die Gene unpopulärer Linien sowie seltener Rassen werden dort gesichert. Das Landgestüt Dillenburg bietet mit Landmesser einen Vererber der Rasse Rheinisch-Deutsches Kaltblut als Besamungshengst an. In ganz Hessen gibt es laut Hengstverteilungsplan vom Verband der Pony- und Pferdezüchter Hessens – inkl. Landmesser – vier Deckhengste dieser Rasse, die in Kategorie III (“gefährdet“) der Roten Liste der Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen e.V. geführt wird.

Auch halten Landgestüte in der Regel Veredler vor, die für die Blutauffrischung notwendig sind. So ist in Dillenburg ein Araberhengst stationiert, der für die Rasse Deutsches Reitpony zugelassen ist. Die Reitponyzucht hat sich in den letzten Jahren auf wenige Top-Vererber konzentriert, frisches Blut ist da willkommen.

Das Land Hessen hat sich die Erhaltung alter Nutztierrassen auf die Fahne geschrieben und fördert die Haltung von Tieren der Rassen Rotes HöhenviehDeutsches Schwarzbuntes Niederungsrind, RhönschafCoburger Fuchsschaf sowie Weiße Deutsche Edelziege. Warum ist vor diesem Hintergrund dem Ministerium die Weiterführung des Landgestüts ein Dorn im Auge, zumal sich die Einrichtung auch als Aus- und Weiterbildungsbetrieb einen Namen gemacht hat?

 

Links:

• Petition: “Erhalten Sie das hessische Landgestüt Dillenburg, Frau Hinz!”

• Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen: Landgestüt Dillenburg

• Das Hessische Landgestüt Dillenburg

• Protest gegen Schließung: Stadt und Bürger wollen Dillenburger Landgestüt retten

• Gemeinsame Erklärung der Pferdezucht- und -sportverbände: Pferdehaltung im Landgestüt kein Grund für Schließung

 

 

 

Bildnachweis: Thomas Damm, CC BY-SA 2.5, via Wikimedia Commons

 

Transparenz

Transparenz

Die Kontakte von Politikern mit Interessenvertretern, den sogenannten Lobbyisten, werden in der Öffentlichkeit kritisch gesehen. Die Menschen wollen wissen, mit wem sich ihre gewählten Parlamentarier treffen und von wem sie ggf. auch beeinflusst werden. Daher ist es erst einmal lobenswert, dass die Fraktion der Grünen im Europaparlament eine Website eingerichtet hat, wo die eigenen Europaabgeordneten ihre Lobby-Termine veröffentlichen sollen. Offensichtlich wird die “lobbyCal Terminliste” allerdings noch nicht vollumfänglich genutzt.

Der schwedische Abgeordnete Christofer Fjellner, Mitglied der Fraktion der Europäischen Volkspartei (Christdemokraten), kritisiert in seinem Blog, dass die Zahl der eingetragenen Termine unplausibel niedrig ist.

Vor ein paar Wochen wurde das brisante Protokoll eines sogenannten International Baysanto Meetings geleakt. Das Ziel des Treffens verschiedener NGOs und anderer Interessenvertreter war, sich auszutauschen, wie man gemeinsam eine internationale Kampagne gegen den Zusammenschluss von Bayer und Monsanto sowie gegen weitere Merger in der Agrarbranche organisieren kann. Laut Teilnehmerliste mit dabei war Maria Heubuch, EU-Parlamentarierin von Bündnis 90/Die Grünen.

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Protokoll “International Baysanto Meeting”, Seite 1

Ein kurzer Blick ins Lobbyregister zeigt, dass Frau Heubuch diesen Termin nicht eingetragen hat:

heubuch_schedule.png
Screenshot vom Lobbykalender der Grünen (Abruf: 17.06.2017), Einträge für “Heubuch”

Am 22. Januar 2017 ist nur ein Treffen mit Veronika Juch vom FAO Verbindungsbüro vermerkt aber kein “International Baysanto Meeting“.

Dabei wären viele einzelne der Akteure, die laut Protokoll mit am Tisch saßen, für sich allein schon einen Eintrag in den Lobby-Kalender wert gewesen: Antje Kölling von Demeter, Annemarie Volling von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) – so eine Art kleiner Bauernverband, Stig Tanzmann von Brot für die Welt oder Heike Moldenhauer vom BUND. Aber vermutlich wollte Maria Heubuch nicht bekannt machen, dass so ein multilaterales Lobby-Treffen überhaupt stattgefunden hat – nach dem Motto: Transparenz ist gut und schön, aber wir wollen auch nicht gleich übertreiben.

Wenn nämlich öffentlich wird, dass sich Parteien, NGOs, Anbauverbände und kirchliche Organisationen absprechen bei der Gestaltung ihrer Kampagnen, hinterlässt das doch einen faden Nachgeschmack. Allein die Abgekartetheit, wie – ganz professionell – die weiteren Maßnahmen eingestilt werden, stößt bitter auf: Hier geht es nicht um heere Ziele, sondern um Marketing. So soll die globale Kampagnenaussage (“statement”) für internationale Maßnahmen möglichst einfach sein:

“-> should be a simple, not very specific statement, which can reach out to many people beyond development and environmental organisations”

Falls Sie Interesse an dem Fortgang der Aktivitäten haben, es gibt einen internationalen E-Mail-Verteiler (agri-mergers@foeeurope.org), über den alle Akteure auf dem laufenden gehalten werden sollen. Schreiben Sie doch einfach an Adrian Bebb von Friends of the Earth Europe (adrian.bebb@foeeurope.org). Vielleicht nimmt er Sie ja in den Verteiler auf.