Grüne Gentechnik: Den Grünen nicht grün

Grüne Gentechnik: Den Grünen nicht grün

Die neue Parteispitze der Partei Bündnis 90/Die Grünen hat am Wochenende mit einem Startkonvent in Berlin einen Erneuerungsprozess angestoßen. Das Ziel ist, bis 2020 ein neues Grundsatzprogramm zu entwickeln. Mit auf den Prüfstand: Die bislang pauschale Ablehnung der Grünen Gentechnik, das heißt: die Ablehnung des Einsatzes moderner molekularbiologischer Methoden in der Züchtung von Nutzpflanzen und -tieren. Denn die Grünen betrachten auch neue Züchtungstechnologien wie CRISPR/Cas, die unter dem Oberbegriff “Genome Editing” zusammengefasst werden, als Gentechnik und fordern, dass Pflanzen und Tiere, die mit Hilfe dieser Verfahren gezüchtet werden, genau so reguliert werden, wie die mit klassischer Gentechnik entwickelten Sorten.

Im Anschluss an die Veranstaltung in Berlin entwickelte sich auf Twitter eine intensive Diskussion, in die sich auch Wissenschaftler einklinkten. Gestern brachte Martin Häusling, Landwirt und für die Grünen im EU-Parlament, ein Positionspapier in die Debatte ein. Sein Ziel:

“Damit können wir unsere Mitglieder genauer und besser informieren und in die Lage versetzen, die klare Haltung gegen Gentechnik und die Risiken zu formulieren. Das ist dringend notwendig, denn inzwischen wird immer häufiger positiv über diese Methodik in den Medien berichtet und es bedarf einiges fachliches Hintergrundwissen, um die Nachteile sauber benennen und gut argumentieren zu können.”

Den ersten Aspekt, den sich Häusling vornimmt, ist die Aussage, dass CRISPR-Pflanzen nicht von den Produkten klassischer Züchtung zu unterscheiden sind, weil keine Fremd-DNA enthalten ist. Er kritisiert, dass die Folgen des Genscheren-Einsatzes aber völlig unbekannt seien. Hierzu ist jedoch zu sagen, dass die Folgen klassischer Züchtungsverfahren noch unbekannter sind: Während ich beim Genome Editing gezielt bestimmte Sequenzen im Code ändere, mische ich bei der Kreuzungszüchtung die Genome der Elternpflanzen mit unbekanntem Ausgang.

Erst recht unbekannt sind die Ergebnisse bei Strahlen- bzw. Chemikalien-induzierter Mutation. Ausgerechnet der Bericht des Wissenschaftlichen Beirats der EU-Kommission (High Level Group of Scientific Advisors), den Häusling selbst als Referenz anführt, bestätigt das (S. 89):

“The genome editing techniques (belonging to the NBT) may be accompanied by few unintended effects (section 3.3, in particular 3.3.1). However, in general the genome editing techniques show a much lower number or complete lack of unintended mutations as compared to organisms (plants, animals, microorganisms) obtained via CBT, in particular when compared to mutation breeding/ induced mutagenesis.”

Bei diesen Verfahren wird Radioaktivität bzw. Chemie eingesetzt, um Mutationen zu erzeugen, die in der Natur nicht vorkommen. Die Ergebnisse dieser Methoden sind zum Teil gar nicht lebensfähig. Die beliebte Pink-Grapefruit-Sorte Star Ruby ist zum Beispiel ein Ergebnis der Züchtung mit Strahlung.

Dann beschwert sich Martin Häusling, dass man in den USA Do-it-Yourself-Kits bestellen kann, mit denen sich das Erbgut von Bakterien verändern lässt, deren Einsatz in Europa aber nicht legal ist. “Ja, und?” möchte man fragen, was hat das mit der Ausgangsfrage zu tun? Häusling dramatisiert:

“Die Risiken werden zu Gunsten einer wissenschaftsoptimistischen Haltung für Jedermann und Jedefrau ausgeblendet. Bei einer Technologie mit einer derartig möglichen Eingriffstiefe (Beispiel: Ausrottung ganzer Arten durch die Züchtung unfruchtbarer Insekten).”

Von Veränderungen an Coli-Bakterien bis zu gentechnisch veränderten Mücken, die eine ganze Population zusammenbrechen lassen können, ist es ein weiter Weg. Hier wird hoffnungslos übertrieben. Der EU-Abgeordnete gesteht zu, dass Regulierung zur Stärkung großer Konzerne führt und wägt ab:

“In der Abwägung von „Alle-dürfen-Schöpfungen-basteln“ und „Förderung-GenTec-durch-Regelabbau“ spreche ich mich eindeutig für die strenge Regulierung aus – MIT einem Monitoring zum Verhalten des Organismus nach der Zulassung.”

Warum er die Regulierung jetzt vorzieht, bleibt sein Geheimnis. Als “Argument” präsentiert Häusling nur das für ihn grausige Bild, dass Jedefrau in ihrer Garage Gentec-Mücken züchtet. Ein Argument gegen Regulierung ist, dass der angesichts von Bevölkerungswachstum und Klimawandel dringend notwendige Fortschritt verzögert wird. Der EU-Abgeordnete behauptet, dass klassische Züchtung zum Beispiel bei Krankheitsresistenzen von Apfelsorten bessere Erfolge bringt:

“Fazit: Die klassische Resistenzzüchtung ist immer noch schneller sowie effizienter und dabei sicherer hinsichtlich der Effekte auf die Umwelt.”

Nun wundere ich mich, wo denn die wunderbaren resistenten Apfel- und Weinsorten zu finden sind? Der Grund, warum die neuen Züchtungstechnologien so vielversprechend sind, ist nämlich, dass mit CRISPR/Cas und Co Resistenzeigenschaften in bewährte Marktsorten eingebaut werden können. Bei Kreuzungszüchtung hingegen gehen zuweilen erwünschte Eigenschaften wie Lagerfähigkeit, Farbe und Reifezeitpunkt wieder verloren. In diesem Video erklärt Prof. Dr. Viola Hanke vom Julius Kühn-Institut in Dresden-Pillnitz die Vorteile:

Wenn denn nun die klassische Züchtung so erfolgreich ist, warum müssen Öko-Weinbauern immer noch Kupfer einsetzen? Und: Letztlich entscheidet der Markt, welche Sorten angebaut werden. Schorf-Resistenz gehört nicht zu den am häufigsten nachgefragten Apfel-Eigenschaften. So findet sich auf dem Portal oekolandbau.de der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung unter “Ökologischer Apfelanbau” der Vermerk:

“Die Sortenwahl wird wesentlich durch den Vermarktungsweg beeinflusst: Während in Direktvermarktungsbetrieben eine größere Sortenvielfalt möglich ist, muss man sich bei Abhängigkeit vom Großhandel auf die gängigen Marktsorten beschränken.

In den letzten Jahren an Bedeutung zugenommen haben Braeburn und Gala. Die Ursache hierfür liegt ausschließlich in der hohen Nachfrage am Markt, da beide Sorten aufgrund ihrer hohen Anfälligkeit gegenüber verschiedenen Schaderregern (Schorf, Krebs, Feuerbrand, Spinnmilben) für den Öko-Anbau kaum geeignet sind.”

Auch in Sachen Salz- und Trockenheitstoleranz solle sich die Züchtung an der Natur orientieren, findet Martin Häusling:

“Im Gegensatz zur Gentechnik bietet das Prinzip der Bionik (sich von der Natur
ausgetestete Techniken abschauen, anstatt sie selbst nur halb so perfekt zu
erfinden) deutlich mehr Effizienz und Sicherheit.”

Die Sinnhaftigkeit dieser These mal dahingestellt, der Witz ist: Gerade CRISPR/Cas ist eine Technik, die von der Natur abgeschaut ist. Sie beruht nämlich auf der Strategie von Bakterien, sich gegen den Angriff von Viren zur Wehr zu setzen. Der Wissenschaftsjournalist Andreas Sentker von der Zeit hat daher Verfahren dieser Art als “naturidentische Gentechnik” bezeichnet.

Bio-Landwirt Häusling resümiert:

“Fazit: Erst müssen die immer noch ungenutzten Potentiale von Landnutzung und Anbautechniken sowie Austausch von alten Sorten ausgeschöpft werden.”

Auch dieses Zwischenfazit hängt argumentativ im luftleeren Raum: Warum sollten diese traditionellen Methoden besser sein? Häusling setzt voraus, was er begründen will. Mein Eindruck ist: Die Gentechnik-Gegner sind so gewohnt, dass ihre geschwollenen Thesen voller Natürlichkeit und Ursprünglichkeit gar nicht hinterfragt werden, dass ihnen gar nicht bewusst ist, dass Natürlichkeit und Ursprünglichkeit keinen Wert an sich haben, solange Menschen unterernährt sind auf dieser Welt.

Das Potenzial agrarökologischer Methoden sei noch gar nicht ausgeschöpft, die Forschung werde zu wenig gefördert, so der EU-Abgeordnete. Das mag sein, aber hier ist auch im Gegensatz zur Biotechnologie kein großer Wurf in Sicht. Auf Basis des Wissens, das wir bereits haben, lässt sich ja abschätzen, wo Verbesserungspotenziale sind. Eine disruptive Technologie ist im Ökolandbau schlichtweg nicht in Sichtweite, in der auf Molekularbiologie basierenden Pflanzenzüchtung haben wir eine: Genome Editing.

Der Verbraucher wolle keine Gentechnik, führt Martin Häusling weiter aus, wenn die neuen Methoden nicht unter die Gentechnik-Regulierung fallen, könne man die Gentechnikfreiheit des Saatguts nicht mehr garantieren etc. Das sind alles Phrasen, die voraussetzen, dass die neuen Züchtungstechnologien überhaupt als Gentechnik anzusehen sind. In dieser Sache wird voraussichtlich in diesem Sommer der Europäische Gerichtshof eine Entscheidung fällen. Indem die Grünen bislang Genome Editing mit der klassischen Gentechnik gleichsetzen, versuchen sie alte Vorurteile auf CRISPR/Cas und Co zu übertragen. Aber auch die alten Vorurteile sind schon falsch. Der britische Autor und frühere Umweltaktivist Mark Lynas hat die Grünen-Fraktion im EU-Parlament massiv für ihre sture und unwissenschaftliche Haltung zur Gentechnik kritisiert:

“We don’t need farming by bureaucratic diktat – we need to do what works, producing most food at minimum environmental impact. There will of course be many ways to do this. The science is clear that in general GMO traits have contributed to sustainability (even the hated herbicide tolerance trait helps promote no-till and soil carbon retention).”

Die Datenlage ist klar – es wird Zeit, dass die Grünen, sie endlich zur Kenntnis nehmen.

 

Bildnachweis: Screenshot “POSITIONSPAPIER Zur Diskussion über neue Züchtungstechniken und CrisprCas im Grundsatzprogramm Bündnis90/Grüne”

 

 

 

 

 

Monsanto vor Gericht

Monsanto vor Gericht

Kürzlich im Bundestag sagte die Abgeordnete Renate Künast (Bündnis 90/Die Grünen) in einer Zwischenfrage folgendes:

“Wir haben immer mehr Hinweise darauf, dass die Anwendung von Glyphosat Krebs auslöst. (…) Zum Beispiel gibt es in Kalifornien eine große Gruppe von Landwirten, die das Non-Hodgkin-Syndrom haben. (…) Sie sagen, dass es durch Glyphosat ausgelöst wurde, und klagen. Es ist ein großes Gerichtsverfahren, das da läuft. (…) An der Stelle wird Monsanto – davon gehe ich einmal aus – wahrscheinlich verlieren.”

Monsanto steht derzeit vor Gericht. Das ist korrekt. Rund 300 Klagen werden in San Francisco in einem Musterprozess behandelt. Doch an welcher Stelle steht das Verfahren eigentlich momentan?

Anfang März gaben die Experten beider Seiten ihre Gutachten ab. Während dieser sogenannten Daubert Anhörung gab es auch für die Anwälte der jeweiligen Gegenseite, Gelegenheit, Fragen zu den Gutachten zu stellen. Der Richter Vince Chhabria hat an dieser Stelle des Verfahrens die Aufgabe, zu entscheiden, ob die Anklage nach wissenschaftlichen Kriterien arbeitet bei dem Versuch, nachzuweisen, dass ein kausaler Zusammenhang zwischen der Exposition mit dem Glyphosat-haltigen Herbizid Roundup und der Entstehung von Non-Hodgkin-Lymphomen besteht. Er muss dabei den sogenannten Daubert Standard anwenden, das heißt, überprüfen, ob die Gutachten bestimmten wissenschaftlichen Standards genügen. Nur mit einem positivem Urteil werden die jeweiligen Gutachter für einen Geschworenen-Prozess zugelassen.

Nach Ende der Daubert Anhörung trafen sich die Parteien am 14. März 2018 im Gericht, um das Resümee des Richters zur Anhörung zu besprechen. Das Protokoll dieser Sitzung ist auf den Seiten der Anti-Gentechnik NGO U.S. Right to know abrufbar. Demnach haben die Experten der Anklage Richter Vince Chhabria bislang nicht überzeugt. Chhabria machte deutlich, dass die Einstufung der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC), die Glyphosat als “wahrscheinlich krebserregend” klassifiziert hatte, nicht ausreicht:

“The problem is, of course, that although the IARC’s conclusion is not entirely untethered from human experience, the IARC makes it very clear that what it is doing is reaching a conclusion about whether the chemical is capable of causing cancer; and that they — that it will conclude that a chemical is a probable carcinogen or even a known carcinogen, even if human beings are not currently being exposed to the chemical at levels high enough to give them cancer. Right? So the IARC’s conclusion is not enough.”

Die IARC macht Chhabria zur Folge eine allgemeine Aussage, dass Glyphosat grundsätzlich krebserregend sein könnte, selbst wenn Menschen derzeit nicht dieser Substanz in so hohen Dosen ausgesetzt sind, die für sie krebserregend wären. Das ist nach Richter Chhabria darauf zurückzuführen, dass die IARC Gefahren untersucht und keine Risiken:

“What the IARC says is that the distinction between a hazard and risk when the monographs identify cancer hazards — excuse me. And the monographs identify cancer hazards, even when the risks are very low at current exposure levels, because new uses or unforeseen exposures could engender risks that are significantly higher.”

Auch die übrigen Argumente der Anklage fand Richter Chhabria bislang nicht überzeugend:

“Number two. I think that the plaintiffs’ experts’ opinions are shaky. I think that the evidence that glyphosate is currently causing non-Hodgkin’s lymphoma in human beings at the levels of exposure they are currently experiencing is pretty sparse.”

Der Richter findet die dargestellte Evidenz dafür, dass Glyphosat Non-Hodgkin-Lymphome verursache, “ziemlich spärlich”.

Immerhin rechnet er der Expertin Dr. Beate Ritz an, dass sie eine eigene Analyse präsentiert und nicht allein auf der IARC-Schlussfolgerung aufsattelt. Letztlich findet der Richter ihre Schlussfolgerung allerdings “dubious”. Chhabia wird recht deutlich:

“You’ve got all of these numbers, the vast majority of which are statistically insignificant. And how can you focus on that one number and conclude that, to a reasonable degree of scientific certainty, glyphosate is causing non-Hodgkin’s lymphoma in human beings? That sounds highly questionable at best, highly shaky at best, and may be junk science.”

In der kommenden Woche wird die Daubert Anhörung fortgesetzt werden: Am 4. April wird Dr. Beate Ritz noch einmal vor Gericht auftreten und am 6. April Dr. Christopher Portier. Es bleibt spannend.

 

Links

Monsanto Judge Says Expert Testimony Against Roundup Is ‘Shaky’

Monsanto’s Cancer Fight Judge Pictures Weed Killer Showers

Videomitschnitte der Daubert Anhörung

Law and Science in Glyphosate Litigation

 

 

Bildnachweis: Screenshot des Videomitschnitts mit Christopher Portier

 

 

Wolf im Schafspelz?

Wolf im Schafspelz?

Als Generationswechsel feiert die Partei Bündnis 90/Die Grünen ihren neuen Vorstand mit der Realo-Doppelspitze Annalena Baerbock und Robert Habeck. Gerade Habeck, derzeit Landwirtschaftsminister in Schleswig-Holstein, fungiert nach den gescheiterten Jamaika-Sondierungen als frisches Gesicht der Ökopartei. Gesucht wird ein Neuanfang, ein Aufbruch – dafür steht der promovierte Philosoph und Schriftsteller.

Habecks Bewerbungsschreiben für den Parteivorsitz transportiert gleichermaßen Aufbruchstimmung wie Rückbesinnung auf alte Werte aus den Gründungsjahren der Grünen:

“Was also ist die Rolle der Grünen in den nächsten Jahren?
Wir sollten in die politische Lücke vorstoßen, diesem Land, diesem Europa wieder eine Idee für eine fortschrittliche, gemeinwohlorientierte, liberale Gesellschaft zu geben. Wenn es die CDU nicht mehr kann und die SPD nicht will: Wir können und wir wollen. Das heißt grüne Eigenständigkeit. Nicht im Gestus der Unterwerfung koalitionsgeschmeidig zu sein, sondern mit der Vermessenheit, ja der Unverfrorenheit des Gründungsgeistes dieser Partei die anderen herauszufordern.”

Wie diese Quadratur des Kreises – unbequem sein und dabei konstruktiv – konkret aussehen soll, wird die Zukunft zeigen müssen. In Schleswig-Holstein haben Bauern und Minister im Laufe der Jahre einen gangbaren Weg der Zusammenarbeit gefunden. Auf Bundesebene agierten die Grünen in Fragen der Landwirtschaft bislang eher destruktiv: Kampfbegriffe wie “Massentierhaltung”, “Agrarindustrie”, “Insektensterben” und “Hormongifte” werden bemüht. Unzählige Social-Media-Kampagnen schüren Ängste und säen gezielt Misstrauen gegen Regierungseinrichtungen.

Wie verträgt sich eine solche Kommunikationsstrategie mit dem essayistischen Politikstil des neues Mannes an der Spitze?

Ein die öffentliche Debatte um die Landwirtschaft derzeit dominierendes Thema ist der Einsatz des Pflanzenschutzmittels Glyphosat. Hierzu wurde Robert Habeck in dieser Woche beim VR-Landwirtschaftstag in Neumünster befragt. Mit ihm am Podium waren Werner Schwarz, Präsident des Bauernverbandes Schleswig-Holstein, und Moderator Dietrich Holler von der Agentur vox viridis:

Habeck gesteht zu, dass die Debatte um den Wirkstoff emotionalisiert wurde und NGOs und Grüne auch ihren Teil dazu beigetragen haben. Dies sei überhaupt erst möglich, weil die Menschen nicht wissen, wie moderne Landwirtschaft funktioniert. Es gäbe einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Artenrückgang und Pestizideinsatz, aber man hätte für diesen Zusammenhang auch ein anderes Wort nehmen können, durch die “Krebsstudie” – gemeint ist wahrscheinlich die Einordnung der IARC – sei es letztlich “Glyphosat” geworden. Politisch sei die Debatte eine Sackgasse:

“Rein politisch gesprochen muss man sich eben auch überlegen, welche Schlacht man verlieren will. Ich würde mal sagen: Diese Schlacht ist verloren. Es ist hoffnungslos, zu glauben, dass man mit einer Position “Ach, so ein Bisschen mehr Glyphosat hat noch keinem geschadet” irgendwie ‘ne Mehrheit gewinnt. Also, deswegen sagte ich “Sackgasse”, es ist hoffnungslos, das hat Herr Schmidt ja erlebt, also Landwirtschaftsminister Schmidt – wahrscheinlich ehemaliger Landwirtschaftsminister Schmidt – er hat gemeint, er meinte wahrscheinlich, er ist Teil der Lösung, oder so – vergiss es! Die Messe ist gesungen und es geht nur noch darum, wer als letzter merkt, dass die Messe gesungen ist.”

Nanu, wo ist hier das Bemühen um eine sachgerechte Lösung geblieben? Werner Schwarz hatte zuvor erläutert, Ackerbau funktioniere auch ohne Glyphosat, aber eben pfluglose Bodenbearbeitung nicht. Diese habe Vorteile für den Erosions- und Klimaschutz. Das scheint Minister Habeck nicht zu berühren: Machtpolitisch ist das Thema entschieden, Haken dran. Wie kann man da noch ruhig schlafen, Herr Habeck? Welch’ hässliche machtpolitische Fratze kommt hier zum Vorschein?

Und das Allerärgerlichste an dieser Haltung ist: Selbst wenn nur noch die Frage ist, wann ein Glyphosat-Verbot kommt und nicht, ob, was wäre damit für den Artenschutz erreicht? Nichts! Deswegen würde nicht eine Wildpflanze mehr auf dem Acker stehen bleiben, sie würde dann untergepflügt oder mit giftigeren Mitteln totgespritzt werden.

Ein Eindruck drängt sich auf: Selbst wenn in der Habeckschen Rhetorik derzeit Ausgleich und Optimismus dominieren, an der Realität gemessen zerplatzt diese Illusion wie eine Seifenblase.

 

Bildnachweis: Copyright Dennis Williamson, www.williamson-foto.de

Populisten aller Farben, vereinigt Euch!

Populisten aller Farben, vereinigt Euch!

Nach Minister Schmidts Alleingang in Sachen Glyphosat kochen die Emotionen hoch, auch in den sozialen Netzwerken. Die AfD hatte sich bislang zu Glyphosat nicht eindeutig geäußert, nutzte jetzt aber die allgemeine Empörung, um sich festzulegen:

Die Grünen probieren es wieder mit Desinformation und zeigen eine Pflanzenschutz-Anwendung, bei der sicherlich kein Glyphosat zum Einsatz kommt:

Ähnlich kommuniziert die Linke: Schockbild (sicher wird da auch kein Glyphosat versprüht) plus antikapitalistische Botschaft, wobei die Aussage, dass Minister Schmidt die Gesundheit der Bürger gefährde, grenzwertig ist. Das Label ist dem Design der Warnungen auf Zigarettenpackungen nachempfunden.

Geradezu reflektiert mutet dagegen die Meldung der Rote Fahne News an, dem Nachrichtenportal der MLPD. Schmidts Alleingang sei Ausdruck einer politischen Krise:

Das Sahnehäubchen setzte heute SPD-Chef Martin Schulz, indem er sich für ein deutschlandweites Verbot von Glyphosat ausspricht:

Nur zu, Herr Schulz, die Mehrheit im Bundestag hätten Sie. Kleiner Schönheitsfehler: Dafür nötig wären die Stimmen der AfD. Übrigens: Auch die NPD ist gegen Glyphosat. Willkommen bei den Populisten!

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Quelle: tagesschau.de

 

Links

Es brennt

• Links, linker, am linksten

• Parteien schreiben voneinander ab! – Eine Polemik

 

 

Bildnachweis: Screenshot tagesschau.de

Verfilzt

Verfilzt

Mein französischer Blogger-Kollege Seppi hat auch etwas Interessantes in den #PortierPapers entdeckt: Nicht nur Christopher Portier auch Kurt Straif, Chef des IARC-Monographie-Programms und damit führender Angestellter der Organisation, pflegt offensichtlich Kontakte zur Partei Bündnis 90/Die Grünen.

Am 16. Mai 2016 verkündete das JOINT FAO/WHO Meeting on Pesticide Residues (JMPR), ein gemeinsames Gremium der UN-Organisationen FAO und WHO, dass Glyphosat bei Aufnahme durch die Nahrung nicht krebserregend für Menschen sei:

“The Meeting concluded that glyphosate is not carcinogenic in rats but could not
exclude the possibility that it is carcinogenic in mice at very high doses. In view of the absence of carcinogenic potential in rodents at human-relevant doses and the absence of genotoxicity by the oral route in mammals, and considering the epidemiological evidence from occupational exposures, the Meeting concluded that glyphosate is unlikely to pose a carcinogenic risk to humans from exposure through the diet.”

Diese Meldung machte weltweit Schlagzeilen und rief die Glyphosat-Gegner auf, eine Gegenstrategie zu entwickeln. Die Zeit eilte, denn eine weitere Abstimmung über die Verlängerung der EU-Genehmigung des Wirkstoff stand damals auf dem Plan. Diese Gegenstrategie wurde bereits im Vorfeld des JMPR-Treffens vorbereitet. Die Anti-Gentechnik-NGO U.S. Right to know (USRTK) veröffentliche am 12. Mai einen Artikel, in dem ein Interessenkonflikt einiger Mitglieder der JMPR-Arbeitsgruppe konstruiert wird. Sie stünden in Verbindung mit dem International Life Sciences Institute (ILSI), einer angeblichen Lobby-Einrichtung der Lebensmittelindustrie. Diese Information wurde im Anti-Glyphosat-Netzwerk fleißig verteilt. Kurt Straif verweist in einer formlosen E-Mail an Portier und an Hedwig Emmerig auf den USRTK-Artikel. Emmerig ist Referentin für Biotechnologie und Bioethik der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen. So wie die E-Mail formuliert ist, muss man davon ausgehen, dass dies nicht der erste E-Mail-Kontakt zwischen den Akteuren ist.

Die Information wird prompt umgesetzt: “Keine Entwarnung – Glyphosat weiterhin „wahrscheinlich krebserregend“” heißt es am 17. Mai 2016 auf den Seiten der Grünen Bundestagsfraktion, verwiesen wird auf USRTK als Quelle.  Die Twitter-Accounts der Grünen Abgeordneten laufen heiß:

Ich kann mich noch gut an diesen Tweet von Giegold erinnern: Man achte darauf, wie der Grüne Politiker den Bildausschnitt aus der Teilnehmerliste gewählt hat:

boobis.png

Die zahlreichen Auszeichnungen von Alan Boobis bis hin zum “Officer of the British Empire” brauchen Giegolds Follower wohl nicht zu interessieren.

Monsanto als ILSI-Geldgeber darf natürlich nicht fehlen in der Gegen-Kampagne, auch diese Information stammt von USRTK.

Alan Boobis Positionen bei der ILSI werden nach seinen Angaben nicht entlohnt. Von den Zuwendungen Monsantos hat er persönlich keinen Vorteil. Aber wen interessiert das schon, wenn man sich auf der Seite der Guten wähnt?

Was uns vielleicht interessieren sollte, wäre dieser Filz aus IARC, NGOs, Grünen Politikern und Medien. Die E-Mails, die jetzt veröffentlicht worden sind, dürften nur die Spitze des Eisbergs sein.

 

Parteien schreiben voneinander ab! – Eine Polemik

Parteien schreiben voneinander ab! – Eine Polemik

Ein Vergleich von Positionen verschiedener Parteien, die sich ausführlich zum Thema “Glyphosat” äußern, zeigt, dass diese sich inhaltlich kaum voneinander unterscheiden. Die Unionsparteien, die SPD, die Linke, die FDP und selbst die AfD nehmen auf ihren Webangeboten nicht ausführlich Stellung zum Thema. Daher fallen sie aus diesem Vergleich raus. Es bleiben: Bündnis 90/Die Grünen, NPD und MLPD. Das Ergebnis verblüfft, weil die Parteien im politischen Spektrum jeweils weit voneinander entfernt anzusiedeln sind.

Die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) der WHO hat Glyphosat als “wahrscheinlich krebserregend” eingestuft. “wahrscheinlich krebserregend” in der Definition der IARC meint, dass ein bestimmter Grad von wissenschaftlicher Evidenz vorliegt, dass Glyphosat grundsätzlich Krebs erzeugen kann. Diese sehr technische Begriffsbestimmung hindert die Grünen nicht daran, so zu tun, also ob die IARC-Klassifizierung “wahrscheinlich krebserregend” die gleiche Bedeutung hat wie die gleichlautende Wendung in der Umgangssprache. Die Formulierung der NPD ist hier deutlich präziser.

Egal ob links oder rechts, die Macht großer Konzerne ist allen drei Parteien ein Dorn im Auge. Die Grünen schwingen sich sogar zu der Behauptung auf, dass die Bundesregierung die Agrarlobby darin unterstütze, eine Verlängerung der EU-Genehmigung für Glyphosat zu erwirken.

Alle drei Parteien behaupten, dass die für die Risikobewertung zuständigen Behörden, insbesondere das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), Hinweise auf Gesundheitsrisiken durch Glyphosat bewusst ignorieren würde. Dabei sei Glyphosat allgegenwärtig in Lebensmitteln, ist man sich einig.

glyphose1
Hier der Vergleich als PDF

glyphose2Grüne und NPD verweisen abschließend auf das Vorsorgeprinzip. Auf Twitter darauf hingewiesen, dass die NPD ähnliche Positionen vertritt wie Bündnis 90/Die Grünen reagierte der Bundestagsabgeordnete Harald Ebner verschnupft:

 

Eventuell ist aber unser aller Problem, dass solche extremen politischen Positionen in der Öffentlichkeit salonfähig geworden sind. Das Bundesinstitut für Risikobewertung steht momentan unter Beschuss, es habe von Monsanto abgeschrieben. Viele Leitmedien breiten die Vorwürfe der NGOs breit aus, ohne das Interesse dahinter zu hinterfragen. Ein empörter Aufschrei von den Kollegen aus der Wissenschaft bleibt – mal wieder – aus. Soll das wirklich so weiter gehen?

Mangels Weiden geschlossen?

Mangels Weiden geschlossen?

“Gemeinsam Gutes bewahren und Neues schaffen” – das ist das Motto des Hessischen Landgestütes Dillenburg. Doch damit soll nach dem Willen der Hessischen Umweltministerin Priska Hinz von den Grünen bald Schluss sein. Aus Gründen des Tierschutzes solle die Einrichtung geschlossen werden, teilte die Ministerin in einem Brief an die Stadt mit.

Die Nachricht traf in der mittelhessischen Stadt ein wie ein Schlag. So wirkt Dillenburgs stellvertretende Bürgermeisterin Elisabeth Fuhrländer (CDU) in einem Beitrag der hessenschau sichtlich bewegt:

Die Hessische Umweltministerin Priska Hinz von den Grünen sagt in diesem Video:

“Pferde sind große Tiere, sie brauchen Platz und sie haben das Recht auf mehrstündigen freien Auslauf auf der Weide.”

Anderen Medienberichten zufolge bezieht sich die Ministerin auf ein Urteil des Landgerichts Düsseldorf von 2006. In diesem Urteil geht es allerdings um Zuchtstuten und Jungpferde, das kann man nicht mit Hengsthaltung gleichsetzen. Zuchtstuten und Jungpferde werden nämlich im Sommer in der Regel ausschließlich auf der Weide gehalten, also 24 Stunden am Tag. Hengste lassen sich nicht so ohne weiteres auf der Weide halten, erst recht nicht in einer Gruppe. Von Weide ist in dem Urteil auch keine Rede, sondern nur von “3-4-stündige Bewegungsmöglichkeit im Freien”.

Selbst wenn die Ministerin mit ihren Einwänden Recht hätte: Die Landgestüte Warendorf, Celle und Zweibrücken liegen auch zentral in der Stadt. Sollte man die jetzt auch besser schließen?

Als weiterer Grund wird genannt, dass das Landgestüt rote Zahlen schreibe: Etwas mehr als 1 Million Euro pro Jahr. 1 Million Euro Verlust – wie viele Schwimmbäder in kommunaler Trägerschaft mag es wohl geben, die ähnlich schlechte Bilanzen aufweisen, ohne dass die Existenzfrage gestellt wird?

 

Dillenburg_-_Landgestüt
Bildnachweis: Oliver Abels (SBT), CC BY 2.5

Landgestüte waren früher dafür zuständig, den ländlichen Züchtern qualitativ hochwertige Vatertiere zur Verfügung zu stellen. Diese Bedeutung hat sich im Laufe der Zeit gewandelt. Die Zunahme der privaten Hengsthaltung sowie die Möglichkeiten der künstlichen Besamung haben die Bedeutung der Landgestüte verringert. Trotzdem sind sie nach wie vor wichtig für die Pferdezucht: Die Gene unpopulärer Linien sowie seltener Rassen werden dort gesichert. Das Landgestüt Dillenburg bietet mit Landmesser einen Vererber der Rasse Rheinisch-Deutsches Kaltblut als Besamungshengst an. In ganz Hessen gibt es laut Hengstverteilungsplan vom Verband der Pony- und Pferdezüchter Hessens – inkl. Landmesser – vier Deckhengste dieser Rasse, die in Kategorie III (“gefährdet“) der Roten Liste der Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen e.V. geführt wird.

Auch halten Landgestüte in der Regel Veredler vor, die für die Blutauffrischung notwendig sind. So ist in Dillenburg ein Araberhengst stationiert, der für die Rasse Deutsches Reitpony zugelassen ist. Die Reitponyzucht hat sich in den letzten Jahren auf wenige Top-Vererber konzentriert, frisches Blut ist da willkommen.

Das Land Hessen hat sich die Erhaltung alter Nutztierrassen auf die Fahne geschrieben und fördert die Haltung von Tieren der Rassen Rotes HöhenviehDeutsches Schwarzbuntes Niederungsrind, RhönschafCoburger Fuchsschaf sowie Weiße Deutsche Edelziege. Warum ist vor diesem Hintergrund dem Ministerium die Weiterführung des Landgestüts ein Dorn im Auge, zumal sich die Einrichtung auch als Aus- und Weiterbildungsbetrieb einen Namen gemacht hat?

 

Links:

• Petition: “Erhalten Sie das hessische Landgestüt Dillenburg, Frau Hinz!”

• Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen: Landgestüt Dillenburg

• Das Hessische Landgestüt Dillenburg

• Protest gegen Schließung: Stadt und Bürger wollen Dillenburger Landgestüt retten

• Gemeinsame Erklärung der Pferdezucht- und -sportverbände: Pferdehaltung im Landgestüt kein Grund für Schließung

 

 

 

Bildnachweis: Thomas Damm, CC BY-SA 2.5, via Wikimedia Commons

 

So wird das nichts

So wird das nichts

In einem Gastbeitrag für das Portal topagrar.com, der Anfang dieser Woche erschienen ist, formulieren die beiden Grünen-Politiker Dr. Robert Habeck und Friedrich Ostendorff ein Gesprächsangebot an die Landwirte. “Wir brauchen neue Instrumente, die Umwelt- und Tierwohlleistungen einen Preis geben, und so den Bauern ein Angebot für ihre Zukunft machen, jenseits von Wachse oder Weiche”, heißt es da u.a. Das klingt ja gut auf den ersten Blick, doch: Die Worte höre ich wohl, allein mir fehlt der Glaube. Warum sollten ausgerechnet die Grünen ausgerechnet zu Wahlkampfzeiten auf ihre typische Rhetorik und Polemik verzichten? Und warum sollten ausgerechnet die Landwirte vergessen, was sie sich in den letzten Monaten anhören durften: Ob Glyphosat, Antibiotika, Tierwohl, Biodiversität oder Nitrat im Grundwasser – kein Schlagwort wird ausgelassen, um die Zustände in der Landwirtschaft anzuprangern. Von Massentierhaltung, Agrarindustrie, Giftspritzen, Drogenhandel, Brunnenvergiftung, Monokulturen und systemimmanenten Problemen ist die Rede.

Allein die Beschreibung der Ausgangslage von Habeck und Ostendorff empfinde ich als unehrlich. Sicher ist es beklagenswert, dass immer mehr Höfe aufgeben müssen, aber mal ehrlich: Ist dieser Strukturwandel wirklich aufzuhalten? Vor allem: Ist dieser Strukturwandel wirklich mit grüner Politik aufzuhalten? Ein landwirtschaftlicher Betrieb hat nur dann eine Zukunft, wenn er für junge Menschen einen attraktiven Arbeitsplatz und ein gewisses Auskommen bietet. Daher sehe ich für die Betriebe im Wesentlichen zwei Perspektiven:
• Der Landwirt spezialisiert sich oder schafft einen Gemischtbetrieb, der durch interne Synergien Wettbewerbsvorteile hat, und wächst jeweils zu einer Größe heran, die es ihm ermöglicht, effizient zu wirtschaften und Fremdarbeitskräfte einzustellen.
• Oder er besetzt eine bestimmte Nische, idealerweise ein Hochpreissegment, zum Beispiel Direktvermarktung, Solidarische Landwirtschaft, Urlaub auf dem Bauernhof sowie Sonderkulturen und Spezialitäten.

Kleinere Betriebe, die keinen dieser beiden Wege einschlagen, werden es in Zukunft schwer haben, sich zu behaupten und Nachfolger zu finden. Denn auch das gehört inzwischen selbstverständlich zur modernen Arbeitswelt: ab und an ein freies Wochenende sowie Urlaub. Ein paar Agrarumweltmaßnahmen mehr werden keinen Betrieb aus seiner Misere retten, wenn die Grundstruktur nicht stimmt. So zu tun, als könne man mit einer durch Quasiplanwirtschaft erreichten Re-Extensivierung das Rad zurückdrehen, ist unehrlich. Auch wenn grüne Politiker wie Niedersachsens Christian Meyer behaupten, dass eine Milchmengenregulierung den Weg aus der Krise weist, ist das den Bauern gegenüber unfair, weil Meyer ganz genau weiß, dass das nicht stimmt.

Auch die Energiewende ist kein Musterbeispiel für gutes Gelingen grüner Politik, sondern ein Trauerspiel: die Stromkosten für private Haushalte sind massiv gestiegen, der CO2-Ausstoß hat zugenommen statt abgenommen und immer mehr Menschen wehren sich gegen die Errichtung von Windkraftanlagen oder Stromtrassen. Erst galten Landwirte als „Ölscheichs von morgen“ (Zitat von Renate Künast) und heute vermaisen sie die Landschaft und wissen nicht, wie sie ihre Biogasanlagen nach Ablauf der 20-jährigen Preisgarantie weiter betreiben sollen.

Alte Vorurteile und Rituale müssen aufgegeben werden? Mag sein, aber sicher nicht nur auf der Seite der Landwirte. Allein der Satz „Tiere können in den Ställen ihre natürlichen Verhaltensweisen nicht ausleben, ihnen werden Schwänze oder Schnäbel gekürzt.“ ist ein Affront und kein Gesprächsangebot. So wird das nichts.

 

Bildnachweis: Screenshot topagrar.com

 

“Wir diffamieren niemanden”

“Wir diffamieren niemanden”

Die sozialen Netzwerke kochen vor Aufregung: Hunderte von Kommentaren finden sich auf den Facebook-Seiten von Ministerin Dr. Barbara Hendricks und ihrem Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) jeweils unter den Einträgen, wo die sogenannten neuen Bauernregeln präsentiert werden.

Die Landwirte fühlen sich durch die gereimten Sprüche verunglimpft und lächerlich gemacht. Das BMUB kann die Aufregung über ihre 1,6 Millionen Euro teure Kampagne gar nicht verstehen und antwortet auf Facebook:

“Liebe Facebook-User, wir freuen uns über die Diskussion und die vielen sachlichen, teils auch kritischen Beiträge zu diesem Thema. Es ist schade, dass es auch unsachliche Äußerungen gibt. Für Bundesumweltministerin Barbara Hendricks ist es ein wichtiges Anliegen: Wir diffamieren niemanden, wir greifen niemanden persönlich an, wir verunglimpfen keinen Berufsstand. Aber wir thematisieren Fehlentwicklungen in Teilen der Landwirtschaft, die niemand ernsthaft bestreiten kann. Lassen Sie uns darüber debattieren, wie wir das ändern können – weil wir eine Landwirtschaft mit Zukunft wollen, in der es der Umwelt, aber auch den Bauern besser geht. Viele Grüße, Team Barbara Hendricks”

Wie kann das sein? Woher kommt diese unterschiedliche Wahrnehmung? Schauen wir uns die Bauernregeln mal an: Ich habe die Sprüche hier aufgelistet, allerdings nicht in der vom Ministerium vorgegebenen Reihenfolge, sondern nach Themengruppen sortiert:

Steht das Schwein auf einem Bein, ist der Schweinestall zu klein.

Gibt’s nur Mais auf weiter Flur, fehlt vom Hamster jede Spur.
Ohne Blumen auf der Wiese geht’s der Biene richtig miese.
Gibt’s nur eine Pflanzenart, wird’s fürs Rebhuhn richtig hart.

Zu viel Dünger auf dem Feld geht erst ins Wasser dann ins Geld.
Zu viel Dünger, das ist Fakt, ist fürs Grundwasser beknackt.
Steh‘n im Stall zu viele Kühe, macht die Gülle mächtig mühe.
Strotzt der Boden vor Nitraten, kann das Wasser arg missraten.

Bleibt Ackergift den Feldern fern, sieht der Artenschutz das gern.
Haut Ackergift die Pflanzen um, bleiben auch die Vögel stumm.

Wenn alles bleibt, so wie es ist, kräht bald kein Hahn mehr auf dem Mist.

Inhaltlich möchte ich darauf an dieser Stelle nicht eingehen, obwohl es dazu eine Menge zu sagen gäbe. Betrachten wir mal nur die Struktur: Alle Sätze beschreiben eine Wenn-Dann-Beziehung. Also: Wenn Zustand A vorliegt, dann auch Zustand B. Im Grunde wird hier in den Sätzen erst einmal keinem Landwirt eine bestimmte Handlung zugeschrieben.

Kein Grund zum Ärger also? Wir machen da mal ein Experiment: Dr. Barbara Hendricks hat Geschichte und Sozialwissenschaften studiert. Der Titel ihrer Doktorarbeit lautet “Die Margarineindustrie am unteren Niederrhein im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert”. Ich mache mir jetzt einen Spaß und dichte eine Wenn-Dann-Beziehung:

Zuviel Gedanken um Margarine, dann gerät man auf die falsche Schiene.

Damit will ich natürlich nur auf unbestreitbare Fehlentwicklungen aufmerksam machen und meine niemanden persönlich. Es liegt mir völlig fern, mich über jemanden lustig zu machen. Oder der hier:

Hat der NABU das BMUB gekapert, es an Objektivität dort hapert.

Wie gesagt: Ich diffamiere niemanden, greife niemanden persönlich an und verunglimpfe keine Behörde. Aber ich thematisiere Fehlentwicklungen in Teilen der Bundesregierung, die niemand ernsthaft bestreiten kann. – Und da soll sich jetzt niemand drüber aufregen?

Richtig Brisanz bekommt die Angelegenheit zudem erst durch die einführenden Worte zur Kampagne. Das BMUB schreibt auf Facebook:

“Wenn wir die Vielfalt unserer Natur auch für kommende Generationen erhalten wollen, müssen wir unsere Landwirtschaft naturverträglicher gestalten!

Mit der Kampagne „Gut zur Umwelt. Gesund für alle.“ setzen wir uns für eine nachhaltigere Landwirtschaft ein. Damit die Landwirtschaft eine Zukunft hat, brauchen wir mehr als neue Bauernregeln – wir brauchen eine #Agrarwende!”

Das ist doch eine Kampfansage, die man in dieser Form nur von Bündnis 90/Die Grünen oder den NGOs kennt. Und für mich stellt sich die Frage, ob die hier umrissene Agrarwende mit all ihren Konsequenzen von der Mehrheit der Bevölkerung wirklich mitgetragen werden würde. Spätestens an dieser Stelle muss einem das Lachen vergehen.

 

Bildnachweis: Bundesregierung/Sandra Steins 

Massentierhaltung ist abgeschafft

Massentierhaltung ist abgeschafft

Im September sind Bundestagswahlen, die Kanzlerkandidaten der beiden großen Parteien stehen fest. Damit ist für die Politik der Reigen eröffnet, um sich zu positionieren. Gestern Abend wurde bei Maybrit Illner im ZDF fleißig über mögliche Koalitionen diskutiert. Für Bündnis 90/Die Grünen war Spitzenkandidatin Kathrin Göring-Eckhardt mit dabei. Auf die Frage der Moderatorin, welche Bündnisse denn für die Grünen in Frage kämen, gab Göring-Eckhardt eine bemerkenswerte Antwort (bei Min. 41:00):

“Ich sage noch mal: Ich möchte, dass es eine grüne Regierung gibt, eine mit grün. Wir beweisen gerade in elf Ländern, was Mitte ist. Wir regieren nämlich mit unterschiedlichen Parteien, und zwar sehr erfolgreich. Und worum geht es immer? Es geht immer darum, dass es Veränderungen gibt, wo Leute von profitieren. Und da ist Umweltschutz eine zentrale Frage, eine andere Landwirtschaft. Zum Beispiel wie in Niedersachsen: Das war verdammt viel Zeit, die dahingegangen ist, bis mal diese Massentierhaltung endlich abgeschafft wurde.”

Ach so ist das: Die Grünen haben in Niedersachsen die Massentierhaltung abgeschafft? Dann ist ja alles wieder gut. Die einzige Frage, die mich jetzt noch beschäftigt ist, was mit dem Begriff “Massentierhaltung” eigentlich gemeint war.

 

Bildnachweis: Screenshot ZDF Mediathek