“Das mit der Angst funktioniert immer”

“Das mit der Angst funktioniert immer”

Mehr als rund 744.000 Menschen haben bislang für die europaweite Bürgerinitiative “Stop Glyphosate” unterschrieben. Das Ziel der Initiative ist, bis zum 15. Juni 2017 mindestens 1 Million Unterstützer zu gewinnen. Dabei ist anscheinend jedes Mittel recht, um die Menschen zu motivieren. So steht im Abschnitt “Warum ist das wichtig?” des deutschsprachigen Aufrufes als Schlusssatz:

“Handeln Sie jetzt: Unterzeichnen Sie unsere Bürgerinitiative gegen Monsantos krebserregendes Gift.”

Die Europäische Chemikalienagentur ECHA (European Chemicals Agency) sieht das anders. Ihr Urteil vom März dieses Jahres lautet:

“ECHA’s Committee for Risk Assessment (RAC) agrees to maintain the current harmonised classification of glyphosate as a substance causing serious eye damage and being toxic to aquatic life with long-lasting effects. RAC concluded that the available scientific evidence did not meet the criteria to classify glyphosate as a carcinogen, as a mutagen or as toxic for reproduction.”

Danach ist Glyphosat weder krebserregend noch mutagen noch reproduktionstoxisch. Allein die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC), eine Unterorganisation der Weltgesundheitsorganisation (WHO), hatte den Herbizid-Wirkstoff Glyphosat im März 2015 als “wahrscheinlich krebserregend” (Gruppe 2A) klassifiziert. Was bedeutet diese Klassifizierung? Die IARC schreibt in der Pressemitteilung:

“Group 2A means that the agent is probably carcinogenic to humans. This category is used when there is limited evidence of carcinogenicity in humans and sufficient evidence of carcinogenicity in experimental animals. Limited evidence means that a positive association has been observed between exposure to the agent and cancer but that other explanations for the observations (called chance, bias, or confounding) could not be ruled out. This category is also used when there is limited evidence of carcinogenicity in humans and strong data on how the agent causes cancer.”

Hier wird deutlich, dass das IARC-Etikett “wahrscheinlich krebserregend” nichts mit der umgangssprachlichen Formulierung “Substanz xy ist wahrscheinlich krebserregend” zu tun hat. Es ist eine rein technische Festlegung, die den Grad der Evidenz beschreibt, den die Forscher in ihrem Studienmaterial vorfinden. Continue reading ““Das mit der Angst funktioniert immer””

Twittern wie Trump, äh Künast

 

Heute um 10 Uhr hat in Bonn die Hauptversammlung der Bayer-Aktionäre begonnen. Begleitet wird die Veranstaltung im Bonner World Conference Center von Protesten eines Bündnisses verschiedener NGOs. Medienberichten zufolge musste vor Gericht entschieden werden, wie nah die Protestler der Versammlung kommen dürfen. Die Grünen-Politikerin Renate Künast kommentierte auf Twitter den Auftakt der Protestkundgebung:

Auf diesem Bild hatte sich offensichtlich bereits eine stattliche Menge Menschen versammelt. Die Unternehmenskommunikation der Bayer AG konterte indes mit einer anderen Perspektive:

Angesichts dieser Menschenmassen ist es nur angemessen, dass das ZDF ein Filmteam vor Ort hat, um Bericht zu erstatten:

 

Nachtrag von 14:06 Uhr: Das ZDF hat rund 150 bis 200 Demonstranten gezählt.

 

Umerziehung vorerst gescheitert

Umerziehung vorerst gescheitert

Grüne Gentechnik werde von der Bevölkerung abgelehnt, heißt es häufig in politischen Debatten. Doch wenn man einmal genau hinsieht, ist das Meinungsbild weder einheitlich noch eindeutig.

Bei der letzten Naturbewusstseinsstudie von 2015 zum Beispiel zeigte sich ein interessanter Trend: Jüngere Menschen (18- bis 29-Jährige) sind der Gentechnik gegenüber weniger skeptisch eingestellt als ältere Bevölkerungsgruppen. So würden gerade einmal 36 Prozent der Befragten in der Gruppe der bis 29-Jährigen einem Verbot des Einsatzes von gentechnisch veränderten Organismen in der Landwirtschaft zustimmen. 41 Prozent der Befragten in dieser Gruppe denken sogar, dass Gentechnik einen Beitrag zur Bekämpfung des Hungers in der Welt leisten kann.

Zustimmung zum VerbotGT_folgen_LW_alterGT_folgen_alter

Prof. Dr. Andreas Graner, Geschäftsführender Direktor des Leibniz-Instituts für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung (IPK) in Gatersleben, freut sich über dieses Ergebnis:

“Die Naturbewusstseinsstudie deutet auf eine wichtige Veränderung in der Beurteilung der grünen und weißen Gentechnik hin. Wenn junge Menschen der Gentechnik in der Landwirtschaft heute weniger ablehnend als im Jahr 2009 gegenüberstehen könnte das einen Hinweis auf eine gestiegene Sachkompetenz dieser Bevölkerungsgruppe darstellen. Ich interpretiere diese Entwicklung dahingehend, dass junge Menschen in zunehmendem Maße Panikmeldungen aus den Medien auf ihren Wahrheitsgehalt recherchieren und in der Lage sind, weltanschauliche Positionen von wissenschaftlichen Fakten zu differenzieren.”

Die Autoren der Studie sehen das etwas anders. Im Kapitel “Empfehlungen” findet sich der folgende Abschnitt (S. 9/10):

“Politik und Verbände haben die Aufgabe, weiterhin den gesellschaftlichen Diskurs zum Thema Gentechnik voranzutreiben und sachlich zu informieren. Dabei wäre es erstrebenswert, nicht nur naturwissenschaftliche Fakten in den Vordergrund zu stellen, sondern auch soziologische und ökonomische Aspekte transparent zu machen. Vor allem für die jüngere Generation, die einem Einsatz von Gentechnik und dem Konsum gentechnisch veränderter Lebensmittel weniger skeptisch gegenübersteht, ist es von großer Bedeutung, die ökologischen wie gesellschaftlichen Vor- und Nachteile der Gentechnik zu kennen und auch zu wissen, wer von dieser Technologie profitiert und wer die Lasten trägt.”

Da naturwissenschaftliche Fakten offensichtlich nicht ausreichen, um junge Menschen skeptisch werden zu lassen gegenüber Grüner Gentechnik, sollten Meinungsbildner in ihrer Argumentation vor allem auf ökologische und gesellschaftliche Aspekte abheben?

Dazu ist folgendes zu sagen: Ökologische Vor- und Nachteile einer Technologie wären für mich auch naturwissenschaftliche Fakten. Und: Auch unter diesem Aspekt spricht viel für den Einsatz Grüner Gentechnik. Auch bei der Frage, wem die Technologie nutzt, kann Grüne Gentechnik punkten. Es ist nämlich gar nicht so, wie häufig in den Medien transportiert, dass nur große Konzerne vom Einsatz Grüner Gentechnik profitieren. Leider wissen die Menschen noch viel zu wenig darüber, wie der Einsatz von gentechnisch verbesserten Nutzpflanzen gerade Kleinbauern hilft, ihr Einkommen zu verbessern. Traurig eigentlich, zumal wir mit Matin Qaim, Universität Göttingen, einen Forscher im eigenen Land haben, der sich mit diesem Thema bestens auskennt.

Richtig spannend wird es allerdings erst, wenn man sich das Fazit von Bundesumweltministerin Dr. Barbara Hendricks zum Thema Gentechnik im Vorwort der Studie durchliest (S. 4):

“79 Prozent sprechen sich gegen den Einsatz von gentechnisch veränderten Futtermitteln aus, und 76 Prozent halten es für wichtig, dass der Einsatz gentechnisch veränderter Organismen in der Landwirtschaft grundsätzlich verboten wird. Der Ausbau des Konsums regionaler Produkte sowie der Biolandwirtschaft wird dagegen stark befürwortet. Diese Zahlen sprechen für eine deutliche Haltung der Gesellschaft und bilden eine gute Grundlage für Verbote jeglichen Einsatzes von Gentechnik in der Lebensmittelproduktion.”

verbot_gtZum einen hat Dr. Hendricks hier eigenmächtig “sehr wichtig” und “eher wichtig” zu “wichtig” zusammengefasst, was die ursprüngliche Fragestellung grob verfälscht. Und zum anderen sind “Verbote jeglichen Einsatzes von Gentechnik in der Lebensmittelproduktion” nicht so einfach umsetzen, wie sie vielleicht glaubt. Denn Gentechnik ist in der Lebensmittelproduktion längst Alltag. Schätzungen zufolge sind 60 bis 80 Prozent aller Lebensmittel, während ihres Herstellungsprozesses mit Gentechnik in Berührung gekommen. Zusatzstoffe, Vitamine, Aromen und Enzyme in unserem Essen werden oft mit gentechnisch hergestellten Organismen hergestellt. Ohne diese Technologie wären die Supermarktregale relativ leer.

 

Neue Bauernregeln 2.0

Neue Bauernregeln 2.0

Der Verein Deutsches Tierschutzbüro e.V. hat die vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) initiierte Kampagne “Neue Bauernregeln” aufgegriffen und führt diese nach eigenen Angaben fort, nachdem Ministerin Dr. Barbara Hendricks die Maßnahme gestoppt hatte.

Neben Plakaten und Social-Media-Aktivitäten sowie einem Internetauftritt unternimmt das Tierschutzbüro auch eine Art Roadshow – alles mit derselben Bildsprache und demselben Claim, welche ursprünglich vom BMUB beauftragt und realisiert worden sind.

Der Aufwand, den die Tierschutz-Organisation dabei betreibt, ist beträchtlich. Die Forderungen auf der Kampagnen-Website lauten:

“Massentierhaltung ist Tierquälerei! Schlecht für die Umwelt, ungesund für alle und Viehwirtschaft ist schon lange nicht mehr natürlich. Daher fordern wir: Jetzt handeln und Gesetze ändern!”

Befremdlich erscheint das folgende Statement vom Pressesprecher des Vereins. Philipp Evenburg behauptet, dass Frau Ministerin Dr. Barbara Hendricks die Kampagne gerne weitergeführt hätte:

Auf Anfrage bezieht ein Sprecher des BMUB per E-Mail folgendermaßen Stellung zu den Aktivitäten des Tierschutz-Vereins:

“Wir betrachten die Aktivitäten des „Deutschen Tierschutzbüros“ im Übrigen nicht als Fortsetzung der Kampagne des BMUB, auch wenn dies von Seiten der Urheber so intendiert sein sollte und behauptet wird.

Die Adaption unserer Bauernregeln durch Dritte, und sei es auch nur durch optische und grafische Ähnlichkeiten, geschieht ohne Einverständnis und Zutun des Bundesumweltministeriums. Nach Einschätzung unseres Justiziariats bestehen sichere Rechtsansprüche unsererseits jedoch nur bei der identischen Verwendung der Motive.

Das ist weder bei den Motiven, die beispielsweise der Deutsche Bauernverband (DBV) Anfang Februar auf Twitter verbreitet hat, noch etwa bei dem Plakatmotiv des Vereins „Deutsches Tierschutzbüro e.V.“ der Fall. In diesen beiden Beispielen – wie auch in anderen Fällen – sind Aufmachung und Teile der grafischen Gestaltung zwar ähnlich wie die Motive des BMUB, weisen aber auch eine Reihe von gravierenden Abweichungen auf.

Aufgrund dieser rechtlichen Unsicherheiten halten wir es nicht für ratsam, uns an dieser Stelle in eine juristische Auseinandersetzung zu begeben – sei es mit dem Bauernverband oder mit Tierschützern.”

Meine Nachfrage, ob denn geplant sei, dass sich die Ministerin öffentlich von den Aktivitäten des Vereins Deutsches Tierschutzbüro e.V distanzieren werde, blieb unbeantwortet.

Dem Berliner Senator für Justiz, Verbraucherschutz und Antidiskriminierung scheint die Neuauflage der “Neuen Bauernregeln” jedenfalls zu gefallen. Er twitterte Anfang dieser Woche:

Und für diese Unterstützung bedankt sich artig – na, wer wohl? Richtig: Der Pressesprecher des Vereins Deutsches Tierschutzbüro e.V.: Philipp Evenburg. Man kennt sich offensichtlich:

 

Bildnachweis: Deutsches Tierschutzbüro e.V.

Die Antwort

Die Antwort

Letztlich hatte Dr. Barbara Hendricks also doch ein Einsehen: Das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) wird die Plakatkampagne mit den neuen Bauernregeln nicht fortführen. Dr. Heike Müller, Landwirtin und Vizepräsidentin des Bauernverbandes Mecklenburg-Vorpommern, hatte – wie viele andere auch – an die Ministerin geschrieben. Zu lesen war ihr Offener Brief an Frau Dr. Hendricks auch hier im Blog. Jetzt ist eine Antwort vom Ministerium eingetroffen. Möge sich jeder sein eigenes Urteil bilden:

“Sehr geehrte Frau Dr. Müller,

haben Sie vielen Dank für Ihre Zuschrift vom 3.Februar 2017 zur Kampagne „Gut zur Umwelt. Gesund für alle.“ des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB).

Mit dieser Kampagne haben wir eine öffentliche Debatte angestoßen, die teilweise sehr kontrovers geführt wurde. Unser Ziel war, den Blick auf Fehlentwicklungen in der Landwirtschaft zu lenken. Unbestreitbar ist beispielsweise der Rückgang der Artenvielfalt in Regionen intensiver Landwirtschaft oder die Belastung des Grundwassers durch die Überdüngung der Böden. Hier müssen wir besser werden: um die biologische Vielfalt zu erhalten, unsere Böden und Gewässer zu schützen und auch für mehr Tierwohl. Landwirte und Naturschützer können das nur gemeinsam erreichen, dafür müssen wir eng zusammenarbeiten und kooperativ nach Lösungen suchen.

Die von uns bisher nur im Internet und in den sozialen Medien veröffentlichten Motive mit neuen „Bauernregeln“ haben auf unkonventionelle, frische und fröhliche Art auf ein wichtiges Thema aufmerksam gemacht. Wie können wir Landwirtschaft und Umwelt besser zusammenbringen? Dass dies ein Thema ist, das viele Menschen beschäftigt, lässt sich auch daran ablesen, dass sich die „Bauernregeln“ in Windeseile verbreitet haben – ohne dass ein einziges großes Plakat aufgehängt werden zu werden brauchte.

Wir sind weiterhin überzeugt, dass unsere Bauernregeln nicht dazu angetan sind, jemanden zu beleidigen oder in seiner Ehre zu verletzen. Die Ministerin nimmt aber zur Kenntnis und respektiert, dass dies von Vielen ganz anders empfunden wurde und wird. Sie hat öffentlich bedauert, dass solche Empfindungen ausgelöst wurden. Deshalb haben wir entschieden, die Bauernregeln im Rahmen der weiteren Kampagne nicht mehr einzusetzen.

Das Thema ist und bleibt der Bundesumweltministerin aber sehr wichtig. Jetzt geht es darum, die Aufmerksamkeit, die wir im ersten Schritt für dieses wichtige Thema erzeugt haben (auch dank der „Bauerregeln“), für einen konstruktiven Dialog zu nutzen – mit Landwirten, Verbrauchern und Naturschützern. Wir setzen uns auch weiterhin für eine Agrarwende in Deutschland ein: Dazu gehört nicht nur, dass Landwirtschaft sozialer und ökologischer werden muss. Wir wollen auch, dass die Agrarfördermittel aus Brüssel umweltgerechter verteilt werden. Bäuerinnen und Bauern sollen faire Preise bekommen – für ihre Produkte und für Leistungen, die sie im Interesse der Gemeinschaft für den Natur- und Landschaftsschutz erbringen. Wie wir diese Ziele erreichen können, dazu wollen wir einen breiten gesellschaftlichen Dialog anstoßen.

Die Kampagne führen wir aber weiter, denn das Thema ist und bleibt wichtig. Der inhaltliche Kern unserer „Bauernregeln“ wurde bisher auch nicht ernsthaft angezweifelt oder widerlegt. Wir nutzen die bis jetzt erreichte Aufmerksamkeit eines großen Teils der Öffentlichkeit für das Thema und gehen einen nächsten Schritt hin zu unserem Kernanliegen: Wir treten in einen breiten Dialog.

Für weiterführende Informationen möchten wir Sie an dieser Stelle auch gern auf die folgenden Links auf der BMUB-Homepage hinweisen:

Mit freundlichen Grüßen

Im Auftrag
Ihr Bürgerservice im BMUB

Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz,
Bau und Reaktorsicherheit
Stresemannstraße 128 – 130
10117 Berlin
E-Mail: buergerservice@bmub.bund.de

www.bmub.bund.de/buergerforum
www.twitter.com/bmub
www.youtube.com/user/Umweltministerium

 

_________________________________

Mal abgesehen davon, dass es nicht stimmt, dass die Plakate “bisher nur im Internet und in den sozialen Medien” veröffentlicht worden sind (siehe Foto): Ist so ein Serienbrief der Sache angemessen?

Mein Fazit: Nutzt die Möglichkeit, Euch einzubringen und schreibt im Dialogforum Eure Sicht in Sachen zukunftsfähige Landwirtschaft. Die ersten Beiträge sind schon da. Ein Blick lohnt sich!

 

Bildnachweis: Plakat mit neuer Bauernregel, gesichtet am Flughafen Berlin-Tegel von Marcus Mager

Aufruf zum Dialog! Wirklich?

Aufruf zum Dialog! Wirklich?

Täglich gibt es neue Positionierungen in den Medien zu den Bauernregeln des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB). Auch die Ministerin selbst hat inzwischen Stellung genommen in einem Brief an ihren Kollegen Landwirtschaftsminister Christian Schmidt. Trotzdem spalten die Sprüche weiterhin die Gemüter. Dr. Barbara Hendricks erläutert in dem öffentlichen Schreiben ihre Motive:

“In der Tat steht dies im Zusammenhang mit dem Bürger-Beteiligungsverfahren zur Zukunft der europäischen Agrarpolitik. Ich möchte dazu beitragen, dass möglichst viele Menschen in unserem Land sich daran beteiligen. Es geht um das System der Agrarförderung und damit um die Neuordnung des größten Ausgabenpostens in der EU. Über den gesamten nächsten Finanzplanungszeitraum wird es um einen deutlich dreistelligen Milliardenbetrag an Steuergeldern gehen. Da ist es wichtig, dies nicht nur als Diskussion innerhalb der Landwirtschaft anzusehen, sondern eine, die letztlich jeden angeht.”

Die Ministerin möchte also darauf aufmerksam machen, dass EU-weit eine Online-Befragung der Bürger zur Agrarpolitik gestartet ist. Bei dieser sogenannten Konsultation kann jeder seine Meinung äußern, wie die EU ihre Agrarförderung in den nächsten Jahren gestalten soll. Dieses Element direkter Demokratie sollten möglichst viele Menschen nutzen – das sehe ich auch so. Nur, wie gut wurde diese Absicht in den Werbemaßnahmen des BMUB umgesetzt?

Ich möchte mal heute einen handwerklichen Blick auf die Plakat-Motive werfen. Schließlich habe ich auch einmal im PR-Bereich gearbeitet. Wie hätte ich eigentlich die Intention der Kampagne, Dialog und Diskussion zu fördern und die Teilnahme an der Konsultation anzuregen, umgesetzt? Doch schauen wir uns erst einmal eins der Plakate an:
plakat_schwein.jpg
Der geschilderte Sachverhalt wurde hier offensichtlich dem Zwang, eine bestimmte Form einhalten zu müssen, untergeordnet. Auf einem Bein steht ein Schwein gar nicht mehr, würde ich sagen, sondern es liegt wohl eher. Was das Thema Tierwohl im Umweltministerium zu suchen hat, bleibt vermutlich ein Rätsel. Eventuell ist das aber auch eine bewusste Kompetenzüberschreitung, um entsprechende Reaktionen zu provozieren. – Hat ja auch geklappt. – In der Konsultation kommt das Thema Tierschutz aber kaum vor. Teilnehmer, die um mehr Tierwohl bemüht sind, können ihre Präferenz nur bei wenigen Fragen unterbringen.

Ob das Motiv Aufmerksamkeit erweckt, wage ich zu bezweifeln. Normalerweise wird mit großen Fotos oder Bildern gearbeitet – Eyecatchern halt. Wenn ein Plakat allein mit Text Aufmerksamkeit erwecken will, muss die Schrift “knallen”, also klar und deutlich ins Auge fallen. Wir erinnern uns an die “Umparken-im-Kopf”-Kampagne von Opel: Schwarze Blockbuchstaben auf gelben Grund, Logo, flotter Spruch – das hat neugierig gemacht. Die Schrift von den Bauernregelplakaten ist schlecht lesbar. Der Kontrast zum Hintergrund könnte klarer sein. Der Retrochic-Stil hat natürlich einen gewissen Charme, aber das war es dann auch. Es gibt noch einen entscheidenden Unterschied zur Offensive des Autoherstellers: Die Opel-Plakate hatten alle ein sogenanntes Response-Element, also eine einfache Möglichkeit, Kontakt aufzunehmen, umgesetzt durch einen QR-Code sowie einen Hashtag. Die Plakate des BMUB verweisen lediglich auf die Website “bundesumweltministerium.de/bauernregeln“. Wer soll sich diese Buchstabenkolonne merken, geschweige denn eintippen? Das macht doch keiner. Wer die Mühe auf sich nimmt, gelangt zur Kampagnen-Website http://www.neue-bauernregeln.de/. Warum wurde eigentlich nicht dieser einfachere und viel einprägsamere Link auf die Plakate gedruckt?

Zurück zur Ausgangsfrage: Auf den Plakaten stand ja nichts von der EU-Konsultation zur Agrarpolitik, dann wird bestimmt auf der Website dafür geworben werden. Schließlich wollen wir die Menschen ja animieren mitzumachen. Pustekuchen: Wer auf den roten Button “Mehr Infos zum Thema” klickt, gelangt zu einer Seite, auf der bekannte BMUB-Positionen zum Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und zur sogenannten Intensivtierhaltung recycelt werden, kein Hinweis zur Konsultation. Hinter dem Link “Aktuelles” gelangt man schließlich zu einer Nachrichtenübersicht. Dort gibt es einen Nachrichten-Teaser zur Bürgerbefragung mit Datum vom 4. Februar 2017. Klickt man hierauf gelangt man tatsächlich zur Startseite der Konsultation. Das war jetzt sehr mühselig.

Wenn ich wirklich Menschen motivieren will, an einer umfangreichen Onlineumfrage teilzunehmen, noch dazu an einer sehr langen (rund 20 Minuten) und sehr abstrakten, dann muss ich ihnen zumindest den Start erleichtern, diese Umfrage überhaupt im Netz zu finden, zum Beispiel mit einem QR-Code, der direkt zur Startseite der Befragung führt oder meinetwegen zu einer Website des BMUB, die eventuell noch ein paar technische Tipps gibt. Die im Brief der Ministerin getätigten Aussagen zur Intention der neuen Bauernregeln sind somit in höchstem Maße unglaubwürdig.

Ich hätte mich zudem auf positive Botschaften konzentriert wie “Ringelblum’, Klee und Phacelia sind für die wilden Bienen da.” Mit diesem Satz hätte man die Chancen illustrieren können, die die Neugestaltung der EU-Agrarförderung bietet, nämlich Bauern z.B. bei der Anlage von Blühstreifen und -flächen weiterhin zu unterstützen und damit Lebensräume für Tiere zu schaffen. Wenn man gewollt hätte, wäre es möglich gewesen, alle Themenbereiche positiv zu beschreiben. Damit wäre man den Landwirten dann auch nicht auf die Füße getreten. Wenn man gewollt hätte …

Der Hashtag “#Agrarwende” ist von Bündnis 90/Die Grünen als politischer Kampfbegriff etabliert worden. Der Ausdruck ist damit belegt. Er steht für einen von manchen NGOs zum Teil radikal geforderten Systemwechsel. In ihren Social Media Maßnahmen verwenden auch das BMUB und seine Chefin diesen Hashtag. Darum wundert es etwas, wenn die Ministerin schreibt:

“Erst durch die bewusste Fehldeutung, es handele sich um eine Kampagne gegen die gesamte Landwirtschaft, wird doch ein Zungenschlag herbeigeredet, den es in den Aussagen auf den Plakaten gar nicht gibt.”

Die Plakate sind in der Tat wenig aussagekräftig. Ich glaube inzwischen, sie dienen lediglich dem Zweck, im Netz für Gesprächsstoff zu sorgen. Von daher reicht es nicht, nur die Offline-Inhalte anzuschauen, um den Ärger der Bauern zu verstehen. Auf den nebulösen Inhalt der Plakate angesprochen antwortet der Pressesprecher des BMUB auf Twitter:

War der Shitstorm somit von Anfang an einkalkuliert, um die Inhalte von Hendricks Agrarpolitik bekannter zu machen?

Eins hat Frau Dr. Hendricks mit ihrer Kampagne auf jeden Fall geschafft: Viele Landwirte sind durch die Bauernregeln erst auf die Konsultation aufmerksam geworden und sind jetzt hoch motiviert, den Online-Fragebogen auch gewissenhaft auszufüllen.

Die Ministerin hat dieser Tage jedenfalls viel Gelegenheit, ihre Dialogbereitschaft unter Beweis zu stellen. Denn sie dürfte derzeit eine Menge Post bekommen.

Übrigens: Ich habe den Fragebogen zur EU-Konsultation schon ausgefüllt und abgeschickt. Und Du?

“Wir diffamieren niemanden”

“Wir diffamieren niemanden”

Die sozialen Netzwerke kochen vor Aufregung: Hunderte von Kommentaren finden sich auf den Facebook-Seiten von Ministerin Dr. Barbara Hendricks und ihrem Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) jeweils unter den Einträgen, wo die sogenannten neuen Bauernregeln präsentiert werden.

Die Landwirte fühlen sich durch die gereimten Sprüche verunglimpft und lächerlich gemacht. Das BMUB kann die Aufregung über ihre 1,6 Millionen Euro teure Kampagne gar nicht verstehen und antwortet auf Facebook:

“Liebe Facebook-User, wir freuen uns über die Diskussion und die vielen sachlichen, teils auch kritischen Beiträge zu diesem Thema. Es ist schade, dass es auch unsachliche Äußerungen gibt. Für Bundesumweltministerin Barbara Hendricks ist es ein wichtiges Anliegen: Wir diffamieren niemanden, wir greifen niemanden persönlich an, wir verunglimpfen keinen Berufsstand. Aber wir thematisieren Fehlentwicklungen in Teilen der Landwirtschaft, die niemand ernsthaft bestreiten kann. Lassen Sie uns darüber debattieren, wie wir das ändern können – weil wir eine Landwirtschaft mit Zukunft wollen, in der es der Umwelt, aber auch den Bauern besser geht. Viele Grüße, Team Barbara Hendricks”

Wie kann das sein? Woher kommt diese unterschiedliche Wahrnehmung? Schauen wir uns die Bauernregeln mal an: Ich habe die Sprüche hier aufgelistet, allerdings nicht in der vom Ministerium vorgegebenen Reihenfolge, sondern nach Themengruppen sortiert:

Steht das Schwein auf einem Bein, ist der Schweinestall zu klein.

Gibt’s nur Mais auf weiter Flur, fehlt vom Hamster jede Spur.
Ohne Blumen auf der Wiese geht’s der Biene richtig miese.
Gibt’s nur eine Pflanzenart, wird’s fürs Rebhuhn richtig hart.

Zu viel Dünger auf dem Feld geht erst ins Wasser dann ins Geld.
Zu viel Dünger, das ist Fakt, ist fürs Grundwasser beknackt.
Steh‘n im Stall zu viele Kühe, macht die Gülle mächtig mühe.
Strotzt der Boden vor Nitraten, kann das Wasser arg missraten.

Bleibt Ackergift den Feldern fern, sieht der Artenschutz das gern.
Haut Ackergift die Pflanzen um, bleiben auch die Vögel stumm.

Wenn alles bleibt, so wie es ist, kräht bald kein Hahn mehr auf dem Mist.

Inhaltlich möchte ich darauf an dieser Stelle nicht eingehen, obwohl es dazu eine Menge zu sagen gäbe. Betrachten wir mal nur die Struktur: Alle Sätze beschreiben eine Wenn-Dann-Beziehung. Also: Wenn Zustand A vorliegt, dann auch Zustand B. Im Grunde wird hier in den Sätzen erst einmal keinem Landwirt eine bestimmte Handlung zugeschrieben.

Kein Grund zum Ärger also? Wir machen da mal ein Experiment: Dr. Barbara Hendricks hat Geschichte und Sozialwissenschaften studiert. Der Titel ihrer Doktorarbeit lautet “Die Margarineindustrie am unteren Niederrhein im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert”. Ich mache mir jetzt einen Spaß und dichte eine Wenn-Dann-Beziehung:

Zuviel Gedanken um Margarine, dann gerät man auf die falsche Schiene.

Damit will ich natürlich nur auf unbestreitbare Fehlentwicklungen aufmerksam machen und meine niemanden persönlich. Es liegt mir völlig fern, mich über jemanden lustig zu machen. Oder der hier:

Hat der NABU das BMUB gekapert, es an Objektivität dort hapert.

Wie gesagt: Ich diffamiere niemanden, greife niemanden persönlich an und verunglimpfe keine Behörde. Aber ich thematisiere Fehlentwicklungen in Teilen der Bundesregierung, die niemand ernsthaft bestreiten kann. – Und da soll sich jetzt niemand drüber aufregen?

Richtig Brisanz bekommt die Angelegenheit zudem erst durch die einführenden Worte zur Kampagne. Das BMUB schreibt auf Facebook:

“Wenn wir die Vielfalt unserer Natur auch für kommende Generationen erhalten wollen, müssen wir unsere Landwirtschaft naturverträglicher gestalten!

Mit der Kampagne „Gut zur Umwelt. Gesund für alle.“ setzen wir uns für eine nachhaltigere Landwirtschaft ein. Damit die Landwirtschaft eine Zukunft hat, brauchen wir mehr als neue Bauernregeln – wir brauchen eine #Agrarwende!”

Das ist doch eine Kampfansage, die man in dieser Form nur von Bündnis 90/Die Grünen oder den NGOs kennt. Und für mich stellt sich die Frage, ob die hier umrissene Agrarwende mit all ihren Konsequenzen von der Mehrheit der Bevölkerung wirklich mitgetragen werden würde. Spätestens an dieser Stelle muss einem das Lachen vergehen.

 

Bildnachweis: Bundesregierung/Sandra Steins