Windschutzscheiben-Psychologie

Windschutzscheiben-Psychologie

“Dass die Insekten sterben, sehe ich an meiner Windschutzscheibe – die ist heute nämlich sauber, früher klebte sie voller Insekten.” – Mehr Beweis braucht es nicht: Nahezu in jedem Artikel sowie in jedem zweiten Internet-Post, der sich irgendwie mit dem Thema Insektensterben und der Krefelder Studie dazu befasst, kommt dieses Beispiel zur Veranschaulichung zum Tragen. Doch wie plausibel ist dieser “Beweis” eigentlich?

Ich fange mal bei mir selbst an: Vor dreißig Jahren hatte ich noch keinen Führerschein. Damals hat mich der Verdreckungsgrad von Windschutzscheiben somit nicht interessiert. Meine erste längere Autofahrt als Fahrerin liegt rund 25 Jahre zurück. Die Tour ging vom Münsterland bis nach Lüneburg. Ich kann mich daran erinnern, dass ich gegen Ende der Fahrt wirklich müde wahr und die schöne Landschaft rund um Uelzen hat sich mir auch eingeprägt, aber wie die Windschutzscheibe meines Ford Fiesta damals aussah, weiß ich auf Gedeih und Verderb nicht mehr. Ich kann mich jedenfalls nicht an einen Tankstellen-Stopp erinnern, bei dem ich die Scheibe hätte sauber machen müssen.

Generell habe ich keine Erinnerung an eine mit Insekten verklebte Scheibe. Und selbst wenn ich eine hätte: Wäre das dann wohl eine Erinnerung an eine durchschnittlich verdreckte Scheibe oder eher eine Erinnerung an eine außergewöhnlich verdreckte Scheibe? Ich vermute mal, dass sich eher die außergewöhnlichen Dinge ins Gedächtnis einprägen.

Die Rückschau ist trügerisch. Die Sicht auf vergangene Zeiten verklärt nicht nur die Vergangenheit (“Früher war alles besser”), sondern sie ist einfach nicht verlässlich. Psychologen konnten nachweisen, dass man Menschen Erinnerungen regelrecht einpflanzen kann, so dass sie glauben, sich an etwas zu erinnern, was sie nie erlebt haben.

Nicht falsch verstehen: Ich gönne jedem seine Erinnerung an mit Insekten verschmierte Windschutzscheiben – egal ob eingebildet oder echt. Nur ich habe eine Bitte: Bitte nicht versuchen, daraus irgendeine Evidenz für was auch immer abzuleiten! Das funktioniert nämlich nicht. Die Aussage “Früher klebten mehr Insekten an der Scheibe” ist heute weder verifizier- noch falsifizierbar. Es ist einfach nur eine Anekdote – nicht mehr und nicht weniger. Ich verstehe daher nicht, dass auch Wissenschaftsjournalisten diese Anekdote bemühen. Wenn über die Wirksamkeit von Homöopathie diskutiert wird, werden diese anekdotischen Beweisführungen müde belächelt, in Sachen Insektensterben dienen sie dem guten Zweck.

 

Insekten zählen

Insekten zählen

Das Insektensterben hat es sogar bis in das 61-seitige Papier geschafft, das den weiteren Jamaika-Sondierungsgesprächen zugrunde liegen soll. Auf S. 11 steht:

“Wir werden umgehend die Ursachen des Rückgangs der Insektenpopulationen untersuchen und gleichzeitig ein Sofortprogramm für den Schutz und die Verbesserung der Lebensbedingungen der Insekten erarbeiten und umsetzen.”

Allerdings steht der Passus in eckigen Klammern und wird dementsprechend wohl noch diskutiert.

Derweil geht der Experten-Streit, wie man richtig Insekten zählt, weiter. Die im Oktober in Plos One erschienene Veröffentlichung von Hallmann et al. “More than 75 percent decline over 27 years in total flying insect biomass in protected areas” hatte viel Medienwirbel und auch Methodenkritik ausgelöst. Wie die FAZ berichtete, haben die Autoren jetzt auf die Kritik, die starke Veränderung bei der Biomasse hänge vom Anfangsjahr ab, reagiert. Sie schreiben, dass ihr Statistik-Modell auch mit einem anderen Startjahr zu ähnlichen Ergebnissen kommt:

“However, to clear all doubts, and as a robustness check, we reran our statistical models, and trend calculations are as follows
• Years 1989 – 2016: decline overall 76.7% – mid-summer decline 81.6% (n=1503 data points, as in the paper)
• Years 1991 – 2016: decline overall 76.8% – midsummer decline 82.0% (n=1279 data points)”

Die FAZ schlussfolgert daraus, dass die “komplizierte statistische Schätzmethode” der Autoren offenbar nicht verstanden worden war:

“So hatte Statistik-Professor Walter Krämer sie fürs RWI als „Unstatistik“ abgekanzelt.”

Heute reagiert Prof. Krämer in einem Interview mit der Welt:

“Muss ich auf solche Vorwürfe reagieren? Ich befasse mich mit diesen Methoden seit Jahrzehnten und bleibe bei meiner Kritik. Die Stichprobe wurde jenseits der üblichen wissenschaftlichen Seriosität gemacht. Das sind zufällige Standorte, die auch immer wieder gewechselt worden sind. Die Daten sind deshalb von schlechter Qualität und nicht verallgemeinerbar.”

Die gesammelten Daten sind so heterogen, dass sich daraus keine Verallgemeinerungen ableiten lassen: unterschiedliche Orte, unterschiedliche Zahl der Proben je Ort und/oder Jahr. In drei Jahren wurden gar keine Proben genommen. Die Lücken im Datenpool werden durch Schätzungen ersetzt. Nur beruhen diese Schätzungen auf bestimmten Grundannahmen, die ihrerseits erst einmal wieder begründet werden müssen. Das passiert in Hallmann et al. aber nicht. Es gäbe da einen Grundsatz, erklärt Prof. Krämer auf Nachfrage: “Garbage in – garbage out” – Wenn ich Unsinn reinstecke, bekomme ich auch Unsinn heraus.

Ein Musterbeispiel für die Ermittlung von Insekten-Biomasse liefert eine Studie aus Großbritannien. “Long-term changes in the abundance of flying insects” ist eine Arbeit, die aus einem Projekt am Institut Rothamsted Research hervorgegangen ist: Immer die gleichen Orte, immer die gleichen Fallen, immer der gleiche Rhythmus der Probennahme und das über einen langen Zeitraum. “Das ist der Goldstandard”, erklärt Krämer. Rothamsted gelte sowieso als das Mekka der Statistik. Hier habe Ronald A. Fisher in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts gewirkt, der zum Beispiel wichtige Maßstäbe in der Versuchsplanung gesetzt hat.

Dass es einen Rückgang bei den Insektenpopulationen gibt, hält Prof. Krämer durchaus für plausibel: “Dass da was ist, bestreite ich überhaupt nicht, nur es muss methodisch korrekt abgebildet werden”, erklärt er und stellt klar:

“Was mich ärgert ist, dass die Medien – selbst Qualitätstitel wie FAZ, SZ, ZEIT und dpa – jeden Blödsinn ungeprüft übernehmen. Die haben doch die Verpflichtung, dahinter zu schauen.”

 

Links

• Englische Insekten – 30 Jahre Beobachtung 

• Nun sprühen sie wieder

• Insektensterben – alles Scheiße?

Konstruiertes Plagiat

Konstruiertes Plagiat

Im Kampf um Deutungshoheit beim Herbizid-Wirkstoff Glyphosat wird mit harten Bandagen gekämpft. Die Gegner schrecken auch nicht davor zurück, ungeheuerliche Vorwürfe gegen das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), das für die Risikobewertung von Glyphosat in der EU zuständig ist, zu erheben. Die österreichische NGO Global 2000, behauptet sogar, das BfR habe von Monsanto abgeschrieben:

“Der Glyphosat-Bewertungsbericht des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) ist ein Plagiat. Unsere Recherchen ergaben, dass große Teile des Berichts de facto wortwörtlich vom Hersteller Monsanto abgeschrieben wurden.”

Um seine Behauptung zu belegen, hatte Global 2000 sogar ein Plagiatsgutachten in Auftrag gegeben. Der Auftragsumfang umfasste laut Gutachten:

“Aufgabe des Gutachters war es, die drei Unterkapitel B.6.4.8, B.6.5.3 und B.6.6.12 des Reports „Final addendum to the Renewal Assessment Report. Risk assessment […] for the active substance GLYPHOSATE […]“, Oktober 2015, 4322 Seiten (im Folgenden immer kurz: Report) mit dem Dokument M des Annexes II, Section 3, Point 5: „Toxicological and toxicokinetic studies“ des Antrags „Glyphosate & the IPA-, K-, NH4- und DMA salts of glyphosate […] Application for Renewal of Approval […]“ der „Glyphosate Task Force“ (Urheberhinweis: „Monsanto Europe S.A. on behalf of the ‚Glyphosate Task Force‘“), Mai 2012, Belgien, 1027 Seiten (im Folgenden immer kurz: Antrag) auf Textkonkordanzen zu vergleichen.”

Der Gutachter hatte also lediglich die Aufgabe, sich drei Abschnitte aus dem Unterkapitel B.6 “Toxicology and metabolism” anzusehen und mit den Antragsunterlagen der Hersteller zu vergleichen. Das BfR weist selbst allerdings in der Einleitung zu diesem Unterkapitel B.6 (S. 513, abrufbar über http://registerofquestions.efsa.europa.eu/roqFrontend/outputLoader?output=ON-4302) darauf hin, dass es für diesen immerhin mehr als 940 Seiten umfassenden Teil des Berichts ein besonderes Verfahren gewählt hatte. Im Einleitungstext zu Unterkapitel B.6 “Toxicology and metabolism” steht der Hinweis:

“Due to the large numer of submitted toxicological studies, the RMS [RMS=Rapporteur Member State, Anm. d. Red.] was not able to report the original studies in detail and an alternative approach was taken instead. The study descriptions and assessments as provided by GTF were amended by deletion of redundant parts (such as the so-called ”executive summaries”) and new enumeration of tables. Obvious errors were corrected. Each new study was commented by the RMS. These remarks are clearly distinguished from the original submission by a caption, are always written in italics and may be found on the bottom of the individual study summaries.”

Diese Vorgehensweise, die Beschreibungen der Glyphosat Task Force (GTF) zu übernehmen und lediglich zu kommentieren, bezog sich allerdings nur auf dieses Unterkapitel und war der schieren Menge des Datenmaterials geschuldet. Alle Teile, die in dem Plagiatsgutachten von Global 2000 untersucht worden sind, stammen aus diesem Unterkapitel B.6.

Auch den Glyphosat-Kritikern war schon lange bewusst, dass das BfR hier so vorgegangen ist. Bereits im Juni 2015 hatte sich Harald Ebner, Bundestagsabgeordneter von Bündnis 90/Die Grünen, unter Bezugnahme auf einen Artikel in The Guardian an das Bundesministerium für Landwirtschaft und Ernährung (BMEL) gewandt und sich erkundigt, welche Teile “im toxikologischen Teil” “aus der Feder der BfR-MitarbeiterInnen stammen” und ob das ein übliches Vorgehen nach globalen Risikobewertungsstandards sei. Staatssekretär Peter Bleser gab ihm folgende Antwort:

“Zusätzlich hat das BfR im “Volume 3” des RAR [RAR=Renewal Assessment Report], Anm. d. Red.] – für die toxikologischen Originalstudien – aus Gründen der Transparenz auch die detaillierten Studienbeschreibungen und die Bewertungen der “Glyphosate Task Force” (GTF) mitgeteilt und diese nach Prüfung kritisch kommentiert (in kursiver Schrift). So kann für jede einzelne Studie nachvollzogen werden, ob das BfR und die GTF zu gleichen oder unterschiedlichen Bewertungen gekommen ist.

Bei dem geschilderten Vorgehen handelt es sich um ein übliches Vorgehen auch in anderen Bereichen von Zulassungsverfahren über die Pflanzenschutzmittelprüfung hinaus.”

Wie absurd der Vorwurf von Global 2000 ist, zeigt sich auch an dem Umstand, dass die NGO die zitierten Abstracts der Studien auch als Plagiat wertet, hier ein Beispiel:

Diese Abstracts (“Zusammenfassungen”) sind Teil jeder wissenschaftlichen Veröffentlichung und wurden bereits von der GTF abgeschrieben, oder besser: zitiert.

Die eigentlichen Schlussfolgerungen und Empfehlungen befinden sich in anderen Teilen des RAR. Das gesamte Volume 3 besteht im Prinzip aus technischen Auflistungen und Beschreibungen des verwendeten Datenmaterials.

Dies und der Umstand, dass das BfR seine Vorgehensweise von Anfang an transparent gemacht hat, lässt den Plagiatsvorwurf in sich zusammen fallen.

Und noch eins muss festgehalten werden: Wie die Anfrage von MdB Ebner zeigt, waren den Glyphosat-Gegnern diese Zusammenhänge seit mehr als zwei Jahren bewusst. Warum wurde diese vermeintliche Joker-Karte erst jetzt ausgespielt?

 

Infofluss: Panta rhei

Infofluss: Panta rhei

Die jetzt veröffentlichte E-Mail-Korrespondenz von Christopher Portier wirft interessante Fragen auf. In dem Schreiben vom 11. November 2015, in dem Portier nach eigenen Angaben mehrere Hundert Wissenschaftler (“several hundred colleagues”) auffordert, seinen Offenen Brief an EU-Gesundheitskommissar mit zu unterzeichnen, bezieht er sich auf ein Dokument (“Addendum”) des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR). In diesem Addendum legt das BfR seine Auswertung der IARC-Bewertung von Glyphosat da.

Dieses BfR-Dokument war zum Zeitpunkt der E-Mail Portiers noch nicht offiziell veröffentlicht worden. Die EFSA hat das Schriftstück erst am 19. November 2015 hochgeladen. Daher verweist Portier in seinem Schreiben auf einen Download-Link auf dem Server des MDR. Der alte Link funktioniert aufgrund eines Website-Redesigns nicht mehr, dafür aber dieser hier: http://www.mdr.de/investigativ/rueckblick/fakt/fakt-glyphosat-bfr-bewertung100.html.

Wie kommt ein nicht offizielles Dokument dorthin? Am 28. September 2015 fand im Deutschen Bundestag eine Anhörung des Ausschusses für Ernährung und Landwirtschaft zum Thema Glyphosat statt. Laut Protokoll wurde den Teilnehmern eine Fassung des Addendums ausgehändigt. So sagt der Ausschussvorsitzende Alois Gerig in seiner Sitzungseröffnung:

“Wir haben erhalten vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft
(BMEL) ein noch nicht öffentliches Addendum, das uns auf Anforderung aus dem Ausschuss heute Vormittag zur Verfügung gestellt wurde.”

Die PDF-Fassung des Addendums, die unter mdr.de abrufbar ist, ist deutlich erkennbar aus einer Hardcopy hervorgegangen. Lochungen sind zu erkennen und die Qualität lässt darauf schließen, dass es ggf. sogar mehrfach kopiert bzw. gefaxt worden ist.

Der MDR war mit einem Kamerateam zur Anhörung vor Ort, wie aus einem Bericht hervorgeht, der online abrufbar ist. Spätestens dort wird der Sender Kenntnis von dem Dokument bekommen haben. Wie kommt das noch nicht veröffentlichte Addendum nun zum MDR? Der Verdacht liegt nahe: Irgendwer, der bei der Anhörung im Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft anwesend war und/oder Zugriff auf das Papier hatte, hat das Addendum geleakt, aber wer?

In dem MDR-Bericht wird behauptet, dass das BfR die krebserregende Wirkung von Glyphosat in bestimmten Nagerstudien übersehen hat. Damit folgt der MDR im wesentlichen der Kritik, die Christopher Portier in der Anhörung vortrug:

“Zudem erschwert die Tatsache, dass sie [gemeint ist das BfR, Anm. d. Red.] sich weigern, die Tierstudien anzuschauen, und dass sie alle Krebsstudien zu Tieren als negativ bewerten, eine Beurteilung der Risikobewertung, die sie für Krebs vorgenommen haben, denn sie haben keine Risikobewertung für Krebs vorgenommen. Da die IARC die Krebsstudien als gentoxisch bewertet, wäre die Risikobewertung für Krebs deutlich anders als die Risikobewertung für die Nicht-Krebs-Endpunkte, und die Methode müsste auch eine andere sein – falls ich die europäischen Verfahren für den Umgang mit diesen Arten von Chemikalien richtig verstehe. Ich kann die BfR-Risikobewertung also nicht beurteilen, weil sich meine Meinung, der gemäß Glyphosat gentoxisch und die Epidemiologie wichtig ist, gänzlich von der BfR-Meinung unterscheidet. Und daher hat das BfR keine Risikobewertung erstellt, die ich evaluieren könnte.”

Die Süddeutsche Zeitung griff die Kritik des MDR auf und zitiert Harald Ebner, Bundestagsabgeordneter von Bündnis 90/Die Grünen:

“Harald Ebner, Agrarexperte der Grünen im Bundestag, hat für die Geheimniskrämerei kein Verständnis. Es müsse geklärt werden, ob das Bundesinstitut so weiterarbeiten könne, verlangt er.”

studien_glyphosat.pngDabei ist das BfR nicht das einzige Institut, das aus den Nagerstudien keine Evidenz für Krebsentstehung ableitet. Eigentlich ist es genau andersherum: Die IARC ist die einzige Organisation, die das tut, alle anderen internationalen Einrichtungen sind derselben Meinung wie das BfR (siehe Tabelle). Vor diesem Hintergrund wirkt der O-Ton von Harald Ebner im MDR-Bericht geradezu ignorant:

“Die Studien sind ja nicht neu. Das sind ja Studien, die sind schon einige Jahre alt. Da frage ich mich schon: Wie konnte man das bislang übersehen? Warum ist das BfR bislang zu dem Schluss gekommen: Keine Signifikanz, keine Kanzerogenität?”

Der MDR verweist an dieser Stelle auf das Addendum, in dem das BfR die unterschiedlichen Herangehensweisen von IARC und BfR erklärt:

“Due to the application of different statistical approaches selected for evaluation, IARC and RMS came to diverging conclusions when evaluating cancer incidences in animal studies. IARC included a trend test (generally according to Cochran-Armitage) for statistical evaluation of the data (IARC, 2015, ASB2015-8421). In contrast, initially, the RMS relied on the statistical evaluation provided with the study reports, which was performed and documented as foreseen in the individual study plans (RAR, April 2015, ASB2015-1194).”

Das BfR habe sich auf die Berechnungen der Studienautoren und damit der Herstellerfirmen verlassen, lautet das Resümee der MDR-Reporter. Sie lassen den Toxikologen Peter Clausing zu Wort kommen, der das “ihm exklusiv zugespielte” Addendum für die NGOs Pestizid Aktions-Netzwerk (PAN) und Campact ausgewertet hatte:

“Die Tatsache, dass Industriestudien blind übernommen wurden und einfach nur wieder gegeben wurden, das ist einfach skandalös.”

Liest man an der entsprechende Stelle im Addendum weiter, erfährt man jedoch, dass das BfR sehr wohl eigene statistische Berechnungen vorgenommen hat:

“In order to systematically assess the impact of choice of statistical method, a number of neoplastic endpoints in key-studies were re-evaluated by the RMS for this Addendum using the Fishers exact test and the Cochran-Armitage test, as both are explicitly recommended in the OECD guidance documents cited above. The Cochran-Armitage Test was performed using BMDS version 2.4.0.70. The Fisher-Yates test (Fisher´s exact test) was done using SigmaPlot version 11.2.0.5. The Fisher exact test was replaced by the Chi-square test if N was >50 for all groups.”

Auch das BfR hat in einer Studie eine Signifikanz für Tumorentstehung entdeckt, allerdings gewichtet das BfR die Studie anders, weil es sich um eine Hochdosis-Studie handelt und andere Studien den Zusammenhang nicht bestätigen, und wendet schließlich andere Kriterien für die Einordnung an:

“Overall, based on the study results and the CLP criteria RMS concluded that the evidence of carcinogenicity is conclusive but not sufficient for classification.”

Dass die IARC-Bewertung auch in den eigenen Reihen nicht ganz unumstritten ist, zeigt eine Reaktion auf das Schreiben von Christopher Portier an seine “mehrere Hundert” Kollegen. Ellen Silbergeld, Expertin für Umweltgesundheit an der Johns Hopkins Universität in Baltimore, wendet ein, sie habe Bedenken:

“Ich denke, dass ist ein Beispiel, wie wir uns alle auf dünnem Eis bewegen, wenn jede Gruppe eine Bewertung vornimmt mit einem nicht vollständigen Überblick über die Literatur.”

Wie auch immer das Drama um Glyphosat ausgehen wird, ein Verlierer steht bereits jetzt fest: die Wissenschaft. Die E-Mail-Korrespondenz von Christopher Portier weist zahlreiche Kontakte zu Medien und NGOs in Europa und in den USA auf. Es entsteht der Eindruck, dass hier weniger die Suche nach der Wahrheit im Vordergrund stand, als der Versuch, möglichst viel Aufmerksamkeit zu generieren, Eitelkeiten zu pflegen und seine Mission zu erfüllen. In einer E-Mail vom 21. Oktober 2015 an seine frühere Vorgesetzte Linda Birnbaum, Direktorin des National Institute of Environmental Health Sciences und Direktorin des National Toxicology Program, beschreibt Portier seine Aktivitäten folgendermaßen:

“Ich habe auch etwas Spaß daran, die IARC-Ergebnisse zu Glyphosat in die europäischen Entscheidungsprozess um die Neuzulassung zu drücken. Ich bin mir nicht sicher, ob das mehr Einfluss haben wird, als es für die EFSA etwas ungemütlich zu machen, aber ich versuche es.”

Jo, mit einem Stundenlohn von 450$ macht das bestimmt Spaß.

 

Bildnachweis: Screenshots MDR

Portier Papers

Portier Papers

“Fight for the compensation you deserve” – “Kämpfen Sie für die Entschädigung, die Ihnen zusteht” – sagt die freundliche Dame im Fernsehspot der Kanzlei Weitz and Luxenberg. Die Kanzlei hat diverse solche Spots on Air und spricht mögliche Betroffene an, die zum Beispiel ein neues Hüftgelenk bekommen haben, mit Asbest in Kontakt gekommen sind oder bestimmte Medikamente genommen haben (z.B. Invokana, Zoloft, Prilosec, Nexium, Prevacid, Protonix, Xarelto). Ein Spot beschäftigt sich mit dem Unkrautbekämpfungsmittel Roundup von Monsanto: Die WHO habe festgestellt, dass Glyphosat, der Wirkstoff aus Roundup, möglicherweise Krebs erzeugen könnte. Wenn man die Krebsarten “Non-Hodgin’s Lymphoma”, “Hairy Cell Leukemia” oder “Chronic Lymphocytic Leukemia” habe und mit Roundup Kontakt hatte, solle man anrufen: “CALL NOW”. Unter http://weedkillercancer.com/ betreibt Weitz and Luxenberg eine eigene Website, wo sich Betroffene melden können.

totalrecall_buntWeitz and Luxenberg vertritt zurzeit zusammen mit der Kanzlei Lundy, Lundy, Soileau & South Kläger bei einem Schadenersatzklage gegen Monsanto. Ausgerechnet aus Gerichtsunterlagen aus diesem Verfahren geht hervor, dass mit Christopher Portier ein prominenter Glyphosat-Gegner seit dem 29. März 2015 bei diesen beiden Firmen als Berater für genau diesen Prozess gegen Monsanto unter Vertrag steht. Das Pikante: Portier hatte bislang bei all seinen öffentlichen Auftritten nichts von diesem Engagement verlauten lassen. Laut Vertrag durfte er das auch gar nicht. Erst als er am vergangenen Dienstag im Europaparlament auftrat, erwähnte er die Beratertätigkeit mit dem Zusatz, dass er in der Anhörung allerdings als Privatperson (“private citizen”) auftreten würde. Ihm blieb aber auch nichts anderes übrig, weil zu diesem Zeitpunkt das Protokoll seiner eidesstattlichen Aussage online auf dem Server der NGO U.S. Right to Know zur Verfügung stand. Und: Am 20. März 2015 hatte die Internationale Krebsforschungsagentur IARC verkündet, dass sie Glyphosat als “wahrscheinlich krebserregend” eingestuft hat. Portier war als “Invited Specialist” Mitglied der Arbeitsgruppe, die diese Einstufung beschlossen hat. Leider kann sich Christopher Portier nicht mehr daran erinnern, wann genau er sich mit seinem Auftraggeber Lundy, Lundy, Soileau & South das erste Mal traf, um über den Prozess gegen Monsanto zu sprechen.

Portier ist in den letzten Monaten offensiv als Kritiker der Europäischen Regulierungsbehörden  EFSA und ECHA aufgetreten, die Glyphosat nicht als krebserregend einordnen. So hat er zuletzt im Mai dieses Jahres einen Offenen Brief an Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker verfasst. Weder in diesem Brief noch bei seinem Auftritt in einer Öffentlichen Anhörung im Deutschen Bundestag hat er von seinem Engagement im Prozess gegen Monsanto berichtet.

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Weiter geht aus der eidesstattlichen Aussage Portiers hervor, dass er bereits vor der IARC-Entscheidung über Glyphosat für die Kanzlei Lundy, Lundy, Soileau & South gearbeitet hat, und zwar zu einem anderen Thema. Portier darf das Thema nicht nennen, aber er gibt zu, dass es auch um Expositionen geht, bei deren Bewertung durch die IARC er als Mitglied der Arbeitsgruppe mitgearbeitet hat. Eigentlich müssen Interessenkonflikte angegeben werden, wenn man als Mitglied einer IARC-Arbeitsgruppe fungiert. Weil Portier für die US-amerikanische NGO Environmental Defense Fund (EDF) gearbeitet hat, wurde er bei der Glyphosat-Arbeitsgruppe auch nur als “Invited Specialist” geführt und nicht als ordentliches Mitglied.

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IARC-Angestellte Kate Guyton sagte diese Woche bei der Anhörung im Europaparlament: “Bei finanziellen Interessen fehlt oft die Objektivität.” Das ist eine interessante Aussage! Neben Christopher Portier hat mit Charles W. Jameson ein weiteres Mitglied der Glyphosat-IARC-Arbeitsgruppe ein bezahltes Gutachten (Stundenlohn: 400 US Dollar) für die Klägerseite im Prozess gegen Monsanto verfasst. Jameson hat bisher zweimal im Prozess ausgesagt. Bei der Anhörung des Vorsitzenden der Glyphosat-IARC-Arbeitsgruppe, Aaron Blair, wurde bekannt, dass bei der IARC-Bewertung bedeutende Ergebnisse aus der American Health Studie nicht berücksichtigt worden sind, weil diese “aus Platzgründen” noch nicht veröffentlicht worden waren. Es bleibt spannend.

Letzte Aktualisierung: 15.10.2017, 9:45 Uhr. In einer älteren Fassung hieß es, dass Portier seine Beratertätigkeit noch nie öffentlich erwähnt hatte. Das wurde korrigiert. 

 

Links:

Greed, Lies and Glyphosate: The Portier Papers

Europäische Glyphosatbewertung erfolgte qualitätsgesichert und unabhängig

«Die Zulassungsbehörden haben ihren Job nicht gemacht» Interview mit Christopher Portier

Aussage Christopher Portier

1. Aussage Charles W. Jameson

2. Aussage Charles W. Jameson

Aus Platzgründen weggelassen

 

Bildnachweis: Screenshot https://www.ispot.tv/brands/dJB/weitz-and-luxenberg

Aus Platzgründen weggelassen

Aus Platzgründen weggelassen

Man stelle sich vor, es käme heraus, dass der Vorsitzende einer internationalen wissenschaftlichen Kommission bei der Bewertung einer Substanz nicht all sein Wissen einbringt, über das er verfügt. Die europäische Chemikalienagentur ECHA zum Beispiel hat kürzlich festgestellt, dass der Herbizid-Wirkstoff Glyphosat nicht krebserregend ist. Man stelle sich vor, es käme heraus, dass der Vorsitzende des ECHA-Gremiums bei einer breit angelegten Studie mitgewirkt hätte, deren Ergebnisse in Bezug auf Glyphosat noch nicht veröffentlicht worden sind. Da die Ergebnisse noch nicht in einem wissenschaftlichen Fachorgan publiziert worden sind, werden sie nach den Regeln des Gremiums nicht berücksichtigt. Der Vorsitzende kennt die Ergebnisse und hat an einer wissenschaftlichen Veröffentlichung der Studiendaten mitgewirkt. Irgendwann habe man entschieden, in dieser Veröffentlichung aus Platzgründen den Part zu Glyphosat wegzulassen, wird er später unter Eid angeben. Man stelle sich vor, der Wissenschaftler hätte aufgrund der unveröffentlichten Daten Kenntnis gehabt, dass es Hinweise gäbe, dass Glyphosat Krebs errege, und bringt das in seine Gremienarbeit nicht ein. Continue reading “Aus Platzgründen weggelassen”

Postfaktischer Adventskalender, Teil 18: Anbauverbot für Gentechnik

Postfaktischer Adventskalender, Teil 18: Anbauverbot für Gentechnik

Am letzten Freitag hat der Bundesrat seine Stellungnahme zu den Plänen der Bundesregierung zur Änderung des Gentechnikgesetzes beschlossen. Der vom Bundeslandwirtschaftsministerium (BMEL) erarbeitete Gesetzentwurf geht der Länderkammer nicht weit genug. Die Hürden in dem entworfenen Verfahren für ein bundesweites Anbauverbot für gentechnisch veränderte Nutzpflanzen seien zu hoch:

“Es ist zu erwarten, dass es ein bundeseinheitliches Anbauverbot mit dieser Regelung nicht geben wird. Vielmehr werden zusätzliche bürokratische Hürden errichtet und die Begründungslast trotz der vordergründig beim Bund liegenden Federführung wieder auf die Länder verlagert. Eine einvernehmliche Regelung für ein Anbauverbot wird damit stark erschwert, was im Ergebnis zu einem Scheitern bundeseinheitlicher Opt out-Maßnahmen und einem Flickenteppich beim Anbau gentechnisch veränderter Organismen führen kann. Der Bundesrat hält eine Nachbesserung des Gesetzentwurfs deshalb für dringend geboten.”

Auch missfallen dem Bundesrat die Regelungen, die die Bundesregierung in ihrem Entwurf zu den neuen Züchtungstechnologien eingefügt hatte. Solange die EU keine anderweitige Entscheidung fällt, sollten die mit neuen Züchtungstechnologien gezüchteten Pflanzen nicht grundsätzlich wie Gentechnik-Pflanzen behandelt werden, sondern einer Einzelfallprüfung unterzogen werden.

“Die Bundesregierung geht davon aus, dass auch bei der Freisetzung und dem Inverkehrbringen von Organismen, die mittels neuer Züchtungstechniken wie CRISPR/Cas9 erzeugt worden sind, unter Zugrundelegung des Vorsorgeprinzips und des Innovationsprinzips ein hohes Maß an Sicherheit gewährleistet wird. Vorbehaltlich einer anderweitig bindenden Entscheidung auf EU-Ebene wird zu diesem Zweck im Rahmen von Einzelfallprüfungen im Gentechnikrecht eine prozess- und produktbezogene Betrachtung und Bewertung zu Grunde gelegt.”

Die Länderkammer hat dazu folgende Stellungnahme verabschiedet:

“Der Bundesrat teilt die in der Begründung zum Gesetzentwurf auf Seite 11, zweiter Absatz, dargelegte Auffassung der Bundesregierung zu den neuen Gentechniken nicht. Er hält es auch nicht für sachgerecht, in die Begründung zum Gesetzentwurf Auslegungsvorgaben zu den neuen Gentechniken aufzunehmen, die keinerlei Bezug zum Regelungsteil des Entwurfs haben. Inhaltlich ist der Bundesrat der Ansicht, dass dem Vorsorgeprinzip im Umgang mit den neuen Gentechniken oberste Priorität eingeräumt werden sollte. Dessen Gleichsetzung mit einem nicht näher definierten Innovationsprinzip wird abgelehnt. Der Bundesrat vertritt die Auffassung, dass unter Einsatz der neuen Gentechniken erzeugte Organismen so lange einer prozessbezogenen Bewertung unterzogen werden müssen, solange es keine europäische Entscheidung darüber gibt, ob einzelne dieser Techniken aus dem Regelungsbereich des Gentechnikrechts herausfallen. Demzufolge sollten alle Organismen, die mit Hilfe der neuen Gentechniken erzeugt werden, zunächst dem Gentechnikgesetz unterfallen.”

 

genmais_spanienFür mich stellt sich die Frage, warum wir in Deutschland überhaupt ein bundesweites Anbauverbot für gentechnisch verbesserte Nutzpflanzen haben sollten. Die EU räumt den Mitgliedstaaten die Möglichkeit ein, ein solches Verbot zu erheben, es besteht aber von seiten der EU keine Verpflichtung dazu, das auch zu tun. Faktisch ist derzeit in Deutschland verboten, Gentechnik-Pflanzen anzubauen. Die einzige in der EU zugelassene gentechnisch veränderte Sorte ist der Mais Mon810, und der Anbau dieser Sorte wurde in Deutschland verboten. In der EU haben wir somit den bemäkelten Flickenteppich: In Spanien und Portugal wird nämlich gentechnisch verbesserter Mais angebaut.

Die Wissenschaft reagiert kritisch auf das Gesetzgebungsvorhaben. Der Verband Biologie, Biowissenschaften und Biomedizin in Deutschland (VBIO e. V.) hat gemeinsam mit Fachgesellschaften aus den Bereichen Molekularbiologie und Pflanzenwissenschaften eine Stellungnahme formuliert, die auf vier kritische Aspekte hinweist:

“1. Von der vorgeschlagenen „Opt-out-Regelung“ geht eine Signalwirkung auf die Forschung aus. Dies wird mittelbar auch die wissenschaftliche Beschäftigung mit modernen Züchtungstechnologien beeinträchtigen.

2. Die „zwingenden Gründe“, mit denen künftig ein Anbauverbot erlassen werden kann, unterliegen nur teilweise wissenschaftlicher Rationalität. Dies ist politisch legitim, muss aber transparent gemacht werden. Stattdessen wird häufig suggeriert, die zukünftig möglichen Anbauverbote stünden in Zusammenhang mit einer Gefährdung, die von den gentechnisch veränderten Pflanzen ausginge.

3. Ein von den Kritikern des Kabinettsentwurfs gefordertes, weitergehendes nationales Anbauverbot ist fachlich nicht zu begründen und sowohl politisch wie juristisch zweifelhaft.

4. Die Opt-out-Regelung benachteiligt Anbau und Entwicklung gentechnisch veränderter Pflanzen in einem Maße, wie dies für andere Branchen – wie beispielsweise die Automobilbranche – kaum vorstellbar ist.”

Punkt 3 trifft auf die Kritik aus der Länderkammer zu. Nach den Vorgaben der EU kann ein Anbauverbot nicht mit Sicherheitsbedenken begründet werden, weil die Sicherheit des Anbaus zuvor bei der Zulassung auf EU-Ebene geprüft worden ist. Es müssen politische Gründe vorgebracht werden:

“Kritiker verlangen darüber hinaus ein pauschales nationales Anbauverbot ohne spezifische Begründung und Verantwortung, aber auch ohne Entscheidungsfreiheit der einzelnen Bundesländer. Allerdings ist eine unisono länderübergreifende Formulierung gar nicht möglich, da die vorzubringenden „zwingenden Gründe“ in der Regel nur regionalen oder lokalen Charakter haben können – etwa kleinflächige landwirtschaftliche Strukturen oder Naturschutzgebiete.”

Generell stellt der VBIO in Frage, wie sinnvoll ein Verbot von Produkten sei, die “nach eingehender fachlicher Prüfung als sicher für Mensch und Umwelt eingestuft wurden”.

In diesem Zusammenhang wird häufig auf den Koalitionsvertrag der Großen Koalition verwiesen. Dort steht unter dem Punkt “Grüne Gentechnik”:

“Wir erkennen die Vorbehalte des Großteils der Bevölkerung gegenüber der grünen Gentechnik an.

Wir treten für eine EU-Kennzeichnungspflicht für Produkte von Tieren, die mit genveränderten Pflanzen gefüttert wurden, ein. An der Nulltoleranz gegenüber nicht
zugelassenen gentechnisch veränderten Bestandteilen in Lebensmitteln halten wir fest – ebenso wie an der Saatgutreinheit.”

Aus “Vorbehalte anerkennen” folgt m.E. nicht, dass ich grundsätzlich verbieten muss, wogegen Vorbehalte bestehen. Und: Der Koalitionsvertrag ist jetzt drei Jahre alt. Ende 2013 war außerhalb der Fachwelt noch nicht greifbar, welche Möglichkeiten Genome Editing auch in der Pflanzenzüchtung zu bieten hat. Es muss doch auch in der Politik möglich sein, zu sagen: “Wir sind jetzt klüger als vor drei Jahren und können jetzt weiter sehen.” Oder?

 

Links:

• Bundesweites Anbauverbot für genetisch veränderte Pflanzen gefordert

• Biowissenschaftler zur Debatte um die Änderung des Gentechnikgesetzes

• Biotech-Industrie fordert Folgenabschätzung für neues Gentechnikgesetz

 

 

Bildnachweis: Facebook-Eintrag der Bundesregierung

Postfaktischer Adventskalender, Teil 15: Genome Editing

Postfaktischer Adventskalender, Teil 15: Genome Editing

Als eine der bahnbrechendsten Entdeckungen der Wissenschaft in den letzten Jahren gilt die Entwicklung von Crispr/Cas 9. Diese neue Züchtungsmethode ahmt einen natürlichen Vorgang nach – nämlich wie sich Bakterien gegen Virenangriffe wehren. Neben Crispr/Cas 9 gibt es weitere Züchtungstechnologien, die man unter dem Begriff “Genome Editing ” zusammenfasst, u.a.: Zinkfinger-Nukleasen, TALEN (Transcription activator-like effector nucleas) sowie ODM (Oligonucleotide-directed mutagenesis).

In der EU ist bislang nicht geregelt, wie mit Nutzpflanzen, die mit diesen neuen Methoden gezüchtet worden sind, umgegangen werden soll. Sprich: Es ist bislang nicht entschieden, ob die Produkte der neuen Züchtungstechnologien, so reguliert werden müssen, wie klassische Gentechnik-Pflanzen oder nicht. In Kanada, den USA und Argentinien etwa will man diese Pflanzen nicht regulieren, in der EU zeichnen sich – mal wieder – klare Fronten ab: NGOs und Grüne sagen “Ja”, die Forschung sagt “Nein” bzw. “Jein” und schlägt einen Kompromiss vor, jede Neuzüchtung differenziert zu betrachten.

Die Grünen im Europaparlament haben offensichtlich in eine Glaskugel geschaut und wissen ganz genau, wie Genome Editing wirken wird:

“Die neuen Techniken werden und sollen die Industrialisierung der Landwirtschaft weiter vorantreiben, trotz aller negativen Folgen für die Artenvielfalt, die Bodenfruchtbarkeit, das Klima, das Wasser und die Rechte der Bäuerinnen und Bauern. Werden sie in der Landwirtschaft eingesetzt, so ist der Teufel aus dem Sack und kann nicht mehr eingefangen werden.”

Das Titelblatt des Faltblatts macht deutlich, wohin die Reise geht: ein zur Handgranate stilisierter Maiskolben. Bewusst verwenden die Grünen und die NGOs das Wort “Gentechnik” für die neuen Züchtungsverfahren, obwohl letztlich noch gar nicht entschieden ist, ob Genome Editing als Gentechnik im Sinne der Regulierung anzusehen ist. Das führt unwiederbringlich zu Zirkelschlüssen. So sagte Harald Ebner, Sprecher für Gentechnik- und Bioökonomie-Politik der Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag, gegenüber dem Deutschlandfunk:

“Wenn es sich um Gentechnik handelt, dann muss das auch draufstehen und dann muss auch entsprechend geregelt werden. Nehmen Sie doch einfach mal als Beispiel, wenn jemand täuschend echtes Falschgeld druckt, das von echtem nicht zu unterscheiden ist, dann würde man auch nicht sagen: Ja dann ist es ja auch egal, sieht ja aus wie das echte”

Ebner spielt darauf an, dass sich per Genome Editing gezüchtete Pflanzen nicht von mit herkömmlichen Züchtungsverfahren gezüchteten Pflanzen unterscheiden lassen. Es werden ja keine artfremden Gene eingefügt. Wenn man also eine Regulierung einführen würde, könnte man die Einhaltung derselben gar nicht kontrollieren. Das hindert ihn aber nicht daran, eine Unterscheidbarkeit zu fordern:

“Wir haben allerdings ein Problem. Das Monitoring funktioniert da nicht mehr wie in der bisherigen Form. Das heißt, wir müssen frühzeitig eine Regulierung haben, dass uns das nicht komplett aus dem Ruder läuft. Die Folge darf eben nicht sein, dass wir nicht regulieren, sondern ganz im Gegenteil: Dort, wo die neuen Verfahren angewendet werden, dass die nur angewendet werden dürfen, wenn eine Identifizierbarkeit sichergestellt werden kann.”

Die Motivation hinter der Pauschalablehnung dürfte klar sein: Weder die NGOs noch die Grünen haben ein Interesse daran, dass es so eine Art “Gentechnik light” gibt, deren Nutzen auch für den Otto-Normalverbraucher evident wird. Das würde die eigene Glaubwürdigkeit stark untergraben, wo man doch seit Jahrzehnten das Mantra pflegt, dass allein der Ökolandbau die alleinseligmachende Heilslehre ist. Also heißt es: Blockieren und Dämonisieren auf Teufel komm raus. Solange die Forscher nicht wissen, ob und, wenn ja, wie sie ihre Entwicklungen zur Marktreife bringen können, solange wird es auch kaum Erfolge geben, die auch den Verbraucher vom Nutzen der Technologie überzeugen könnten. Diese Marketingstrategie hat auch bei der klassischen Gentechnik schon hervorragend funktioniert.

Wissenschaftler sehen in Crispr/Cas 9 vor allem Chancen. So kam in diesem Frühjahr Bewegung in die Debatte, als Prof. Dr. Urs Niggli, der akademische Vorreiter des Ökolandbaus, der taz ein Interview gab und sich geradezu euphorisch zu den neuen Methoden äußerte. Auch auf die Frage, ob Chrispr/Cas-Pflanzen genauso reguliert werden sollen wie die “alte Gentechnik” bezog er Position:

“Nein. Ich plädiere für ein neues, sehr differenziertes Prüfverfahren. Es wird Eigenschaften wie Krankheitsresistenzen geben, die sich durch kleinste Änderungen des Genoms etwa von einer amerikanischen Rebsorte auf eine europäische übertragen lassen und vermutlich risikoarm sind. Da sollten die Anforderungen nicht so streng sein, wie wenn zum Beispiel artfremde Gene eingeführt werden.”

Andere Forscher sehen das ähnlich: Der Verband Biologie, Biowissenschaften und Biomedizin in Deutschland (VBIO) hat ein Impulspapier veröffentlicht, in der die Dachorganisation der biowissenschaftlichen Fachgesellschaften einen pragmatischen Umgang mit den neuen Züchtungstechnologien empfiehlt. Es wird angeregt, zu betrachten, ob die Veränderungen im Genom auch auf natürliche Weise hätten entstehen können:

“Pflanzen, die aus GE-1 und GE-2-Verfahren hervor gehen, lassen sich nicht von Pflanzen unterscheiden, die auf Basis herkömmlicher Verfahren der Mutagenese oder durch spontane Mutation entstanden sind. In der Natur kommen derlei Mutationen ständig vor. Sie sind der Motor der Evolution. Nur bei GE-3-Methoden wird ein längeres DNA-Fragment eingefügt, das dann auch leicht mittels molekulardiagnostischer Verfahren (z.B. PCR) nachgewiesen werden kann.”

Der VBIO rät, nur die mit GE-3-Methoden erzeugten Nutzpflanzen, bei denen ein längeres DNA-Fragment (mehr als 20 Basen) oder ein Transgen eingefügt wurde, zu regulieren.

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Bildnachweis: www.blogg.umu.se

Ein schwedischer Pflanzenforscher schuf indes Fakten: Stefan Jansson tauschte sich mit den Behörden in seinem Land aus und bekam die schriftliche Bestätigung, dass seine Züchtungen solange nicht als gentechnisch veränderter Organismus gelten, solange sie keine fremde DNA enthalten. Gesagt, getan: Jansson baute in seinem Garten eine mit Crispr/Cas 9 veränderte Kohlsorte an. Zur Ernte und zum Verzehr der angebauten Pflanzen (Tagliatelle with CRISPRy fried vegetables) lud er einen Radioreporter ein, um die vermutlich weltweit erste Crispr-Mahlzeit auch würdig zu dokumentieren.

Dieses Video hier zeigt die Ankündigung seines Anbauversuchs:

 

Links:

• Akademien nehmen Stellung zu Fortschritten der molekularen Züchtung und zum erwogenen nationalen Anbauverbot gentechnisch veränderter Pflanzen

• Crop genetic improvement technologies for a sustainable and productive agriculture
addressing food and nutritional security, climate change and human health

• BfR Symposium „Neue Technologien zur Modifikation des Genoms – Möglichkeiten, Grenzen und gesellschaftliche Herausforderungen“

• US-Behörden: Mit CRISPR gezüchtete Pflanzen sind keine Gentechnik – Erste Produkte bald auf dem Markt

VBIO Impulspapier: Genome Editing bei Pflanzen: Vorschlag für einen pragmatischen Umgang im aktuellen Rechtsrahmen

• Future garden plants are here!

• “GREEN LIGHT IN THE TUNNEL”! SWEDISH BOARD OF AGRICULTURE: A CRISPR-CAS9-MUTANT BUT NOT A GMO

• Genome Editing: Große Bedeutung für die Biotechnologie

 

Bildnachweis: Die Grünen im Europäischen Parlament

Postfaktischer Adventskalender, Teil 11: Glyphosat

Postfaktischer Adventskalender, Teil 11: Glyphosat

In einem postfaktischen Adventskalender, der sich u.a. mit Begrifflichkeiten aus der Landwirtschaft beschäftigt, darf ein Thema natürlich nicht fehlen: Glyphosat. Um den Herbizid-Wirkstoff tobt ein wahrer Glaubenskrieg. Die CDU hat sich jetzt auf ihrem Parteitag festgelegt. Man wolle die Verlängerung der EU-Genehmigung unterstützen, lautet ein Beschluss:

“Die CDU Deutschlands setzt sich dafür ein, dass der in Pflanzenschutzmitteln vorkommende Wirkstoff Glyphosat – eine positive wissenschaftliche Risikobewertung vorausgesetzt – auch über 2017 hinaus zugelassen bleibt.”

Silvia Liebrich, Wirtschaftsredakteurin der Süddeutschen Zeitung, kommentierte diesen Beschluss des CDU-Parteitags mit deutlicher Häme:

“Ein bisschen Mut gehört eben dazu, wenn man die nächsten Wahlen gewinnen will. Dass der Wirkstoff im Verdacht steht, Krebs zu erzeugen oder das Erbgut zu schädigen? – geschenkt. Dass der Verlust der Artenvielfalt durch den Einsatz rasant voranschreitet? – offenbar nicht so wichtig. Da verlässt sich die Partei ganz auf die “positive wissenschaftliche Risikobewertung”. Was war noch mal damit? Ach ja, da gibt es ja noch den ungeklärten Streit unter Forschern über die Gefahren und die noch laufende Prüfung auf EU-Ebene. Und da wäre noch der Europäische Gerichtshof, der den Glyphosat-Erfinder Monsanto gerade dazu verpflichtet hat, seine Studien offenzulegen. Da kann man der CDU nur zurufen: Wohl bekomms!”

Frau Liebrich hat ein Problem mit Glyphosat und vor allem mit der Möglichkeit, dass der Herbizid-Wirkstoff doch weniger schädlich sein könnte, als sie es gerne hätte. Daher ordnet sie vorliegende Fakten nicht sachlich ein, sondern stellt sie bewusst skandalös da. Ich hatte für einen Leserbrief mal ein paar Beispiele analysiert, die vor gut einem Jahr erschienen waren, als die Neuzulassung von Glyphosat auf EU-Ebene zum ersten Mal anstand:

-“Geheimsache Glyphosat“, 19.08.2015:
Es geht darum, dass der Bericht, den das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) an die EFSA geschickt hat, nicht veröffentlicht wird. Im Gegensatz zur Öffentlichkeit hätte Monsanto allerdings Zugang dazu. – Ich vermute, das ist ein ganz normaler Vorgang. Niemand würde sich darüber echauffieren, wenn ein Prüfbericht irgendeiner Behörde zur Zulassung etwa eines neuen Automodells nicht der Öffentlichkeit präsentiert wird, der Hersteller, in diesem Fall der Autobauer, aber über die Inhalte in Kenntnis gesetzt wird. Der Artikel fußt auf einer Meldung, die der von der Supermarktkette tegut mitfinanzierte Verein Testbiotech veröffentlichte. Dort ist auch das Antwortschreiben der EU Kommission gepostet, in dem erklärt wird, warum die Dokumente nicht öffentlich sind. Hier ein Auszug:

“According to EFSA, the requested documents contain certain information for which confidential treatment has been granted on the basis of justified reasons set out in Article 14 of Directive 91/414/EEC which concerns the confidentiality of information.

Further, the requested documents are supporting the current on-going peer-review of glyphosate carried out by EFSA and they might be subject to further revisions following experts’ consultations in line with Article 16 of Regulation (EU) No 1141/2010. According to EFSA, the disclosure of these documents at this stage of the process will be premature and would seriously undermine EFSA’s on-going decision-making process.

Article 4(3), first paragraph, of Regulation (EC) No 1049/2001 lays down the following exception to the right of access to documents: “Access to a document, drawn up by an institution for internal use or received by an institution, which relates to a matter where the decision has not been taken by the institution, shall be refused if disclosure of the document would seriously undermine the institution’s decision-making process, unless there is an overriding public interest in disclosure”.”

Die Geheimhaltung entspricht den gesetzlichen Regeln des Zulassungsprozesses. Eine einzige Ausnahme bestünde, wenn das öffentliche Interesse überwiegen würde. Das habe Antragsteller Christoph Then, Geschäftsführer von Testbiotech, in seiner Anfrage aber nicht begründet.

-“Behörde hat wohl Hinweise auf Krebsrisiko durch Glyphosat ignoriert“, 30.07.2015: In der Sendung FAKT wurde dem BfR vorgeworfen, eine bestimmte Studie an Mäusen ignoriert zu haben. Hierzu nimmt das BfR ausführlich Stellung:

“Aufgrund aktueller Anfragen zu einer 2-Jahres-Studie an Mäusen, weist das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) daraufhin, dass im Rahmen der EU-Wirkstoffprüfung sämtliche relevanten Studien zur Kanzerogenität des Wirkstoffes geprüft, bewertet und in die öffentliche Darstellung einbezogen wurden. So hat das BfR auf einem öffentlichen Symposium im ICC in Berlin am 20. Januar 2014 vor Vertretern von Politik und Wissenschaft auf Hochdosiseffekte in der von der Sendung FAKT zitierten Studie hingewiesen.”

Frau Liebrich mokiert sich in ihrem Artikel ausführlich darüber, dass das BfR Studien der Industrie ausgewertet habe und dass das gesetzlich auch so vorgeschrieben sei. Dabei ist das doch trivial: Wer, wenn nicht der Hersteller hat die Bringschuld, zu belegen, dass das von ihm auf den Markt zu bringende Produkt unbedenklich ist? So hat ja auch jeder Bauherr selbst entsprechende Gutachten bei seinem Bauantrag beizubringen. Es ist völlig widersinnig, dass dafür die öffentliche Hand zahlen muss. Außerdem hat das BfR alle zur Verfügung stehenden Studien ausgewertet. So lässt die FAZ den BfR-Präsidenten Andreas Hensel am 31.07.2015 zu Wort kommen :

““Es gibt gute und schlechte wissenschaftliche Studien, und es ist die Aufgabe unserer Experten diese in ihrer Qualität zu beurteilen – und wir können das“, meint Hensel.”

Das BfR meldete am 8. September 2015, dass es seine Bewertung der IARC-Einschätzung an die EFSA weitergeleitet habe. Das BfR hat spätestens jetzt alle Hausaufgaben erledigt. Und Frau Liebrich? Sie schreibt am 14.9.2015:

“Recherchen der SZ hatten jedoch gezeigt, dass das BfR kritische Studien ignoriert und zugleich Leserbriefe von der Industrie an Fachmagazine als Studien bezeichnet hat.”

So eine Aussage wider besseres Wissens zu repetieren ist infam.

-“Wenn Leserbriefe von Monsanto als Studien gelten“, 17.07.2015:
Das BfR hat in der Quellenliste auch einige Letter to the Editor aufgeführt. Die Autorin zitiert dazu den Bundestagsabgeordneten Harald Ebner:

“Der Grünen-Politiker Harald Ebner hält dieses Vorgehen für irreführend: “Das BfR will uns ernsthaft Leserbriefe an ein Fachmagazin als Studien verkaufen, die das eigene Urteil vom völlig harmlosen Glyphosat bestätigen sollen.””

Frau Liebrich hält es nicht für nötig, ihrer Leserschaft zu erklären, dass ein Letter to the Editor an eine wissenschaftliche Fachzeitschrift etwas gänzlich anderes ist als ein Leserbrief an eine normale Zeitung. Die fraglichen Briefe betrafen übrigens alle die umstrittene Séralini-Studie, die auch von der IARC als methodisch mangelhaft angesehen wurde (siehe die IARC Monographie zu Glyphosat, S. 35). Das BfR hat eine klare Stellungnahme (S. 3) dazu abgegeben, dass solche Letter dazu dienen, die wissenschaftliche Debatte abzubilden, auch wenn zwei davon von Mitarbeitern der Industrie verfasst worden sind.

Silvia Liebrich schreibt weiter:

“Dass das BfR Leserbriefe vor diesem Hintergrund als Studien wertet, stößt auch unter Wissenschaftlern auf Unverständnis. Solche Schreiben seien reine Meinungsbeiträge und keine wissenschaftlichen Arbeiten, heißt es. Die Toxikologin Professor Irene Witte, die an der Universität Oldenburg gelehrt hat, sagt: “Wenn man weiß, dass diese Briefe hauptsächlich aus dem Umfeld von Monsanto geschrieben wurden, liegt der Verdacht nahe, dass das BfR eher die Interessen von Monsanto vertritt, anstatt seiner Aufgabe nachzugehen, Gesundheitsschäden von der Bevölkerung abzuwenden”, sagt sie. Das Bundesinstitut für Risikobewertung genießt weltweit Ansehen und steht nun unter Druck.”

“unter Wissenschaftlern” heißt hier wohl aus Sicht von Prof. Witte. Woher die Aussage kommt, dass „Letters to the Editor“ reine Meinungsbeiträge seien, bleibt offen („heißt es“). Die Briefe stammen nicht hauptsächlich aus dem Umfeld von Monsanto, sondern nur 2 von 15 sind von Mitarbeitern der Industrie verfasst. Der in Liebrichs Artikeln viel beschworene Druck, unter dem das BfR angeblich steht, fand zu der Zeit einzig und allein in der Süddeutschen Zeitung statt. Ich zitiere hier abermals die FAZ vom 31.07.2015:

“Die IARC-Studie versetze in der Wissenschaft „niemanden in einen Erregungszustand“, sagt Hensel.”

Eine umfassende Kritik der Haltung von Frau Liebrich in dieser Sache findet sich auch im Blog von Publizist Ludger Weß.

Nichtsdestotrotz präsentiert es Silvia Liebrich weiterhin als ihre Entdeckung, dass das BfR sich in seiner Bewertung auf Leserbriefe stütze:

“Recherchen der SZ hatten jedoch gezeigt, dass das BfR kritische Studien ignoriert und zugleich Leserbriefe von der Industrie an Fachmagazine als Studien bezeichnet hat.”

Ihre Entdeckung beruht übrigens auf einer Kleinen Anfrage der Grünen im Bundestag. Frau Liebrich liegt offensichtlich das Originalfax vom BMEL vor, denn es ist auf der SZ-Website abzurufen. Generell scheint sie eine Standleitung zu Harald Ebner, Bundestagsabgeordneter von Bündnis 90/Die Grünen, zu haben. Auch die Originaldaten der Muttermilch-Studie müssen ihr vorgelegen haben. Frau Liebrich nennt den Namen des Labors, das die Stichproben untersucht hat. Dieser Name taucht weder in der Pressemitteilung der Grünen noch in der dpa-Meldung auf, nur auf dem Original-Befundfax.

-“Gift und Geld“, 16.07.2015: Der Vorspann lautet:

“Glyphosat ist das am häufigsten eingesetzte Pestizid der Welt – und es löst wahrscheinlich Krebs aus. Eigentlich sollte der Staat die Bürger vor dieser Gefahr schützen.”

Dass Glyphosat wahrscheinlich Krebs auslöst, ist eine entstellende Verkürzung der IARC-Bewertung und absolut unangemessen. Man muss wissen, dass die IARC sehr technische Definitionen für ihre Einordnung verfasst hat und das IARC-Label “wahrscheinlich krebserregend” nicht dem Ausdruck”wahrscheinlich krebserregend” unserer Umgangssprache entspricht (siehe dazu meinen Blog: “Keine Hitparade: Warum die IARC-Liste ein schlechter Ratgeber ist” und ““unter Krebsverdacht”“). Der Staat solle „vor dieser Gefahr“ schützen. Laut der BfR-Bewertung besteht keine Gefahr bei korrekter Anwendung. Selbst die IARC würde das nicht behaupten.

-“Ackergift in der Muttermilch“, 25.06.2015:
Bei einer im Auftrag der Grünen durchgeführten Stichprobe wurde Glyphosat in Muttermilch gefunden. Anstatt die gemeldeten Werte einzuordnen und dem Leser ein Gefühl dafür zu geben, ob hier eine Gesundheitsgefährdung vorliegt oder nicht, sät Silvia Liebrich Angst und Verunsicherung:

“Viele Mütter vertrauen darauf, das Richtige zu tun, wenn sie ihre Babys stillen. Muttermilch gilt als gesund. Doch nun wurde bei einer Stichprobenuntersuchung in ganz Deutschland das Ackergift Glyphosat in der Milch von Müttern entdeckt.”

Die gemeldeten Werte übersteigen den für Trinkwasser geltenden Grenzwert. Zu diesem im Text erwähnten Trinkwasser-Grenzwert lässt sich sagen, dass es kein spezieller Grenzwert für Glyphosat ist, sondern ein pauschaler für alle Arten von Bioziden und Pflanzenschutz-Wirkstoffen. So zu tun, als ob das der spezielle Wert für Glyphosat wäre, ist natürlich geschummelt. Die WHO hält es noch nicht einmal für nötig, einen Grenzwert für Glyphosat im Trinkwasser festzulegen:

“Under usual conditions, therefore, the presence of glyphosate in drinking-water does not represent a hazard to human health, and it was not deemed necessary to establish a guideline value for glyphosate.”

Die WHO hat für Glyphosat eine sogenannte Tageshöchstdosis festgelegt ( ADI – “acceptable daily intake”) von 1,0 mg/kg Körpergewicht. In der EU gilt ein niedrigerer Grenzwert von 0,3 mg/kg Körpergewicht. Setzt man diesen Wert an, müsste ein Säugling von der am stärksten belasteten Muttermilch-Probe 2778 Liter am Tag trinken, um auch nur in die Nähe einer etwaigen Gesundheitsgefährdung zu gelangen. Eine detaillierte Kritik zur Berichterstattung über die Muttermilch-Stichprobe habe ich in einem Offenen Brief zusammen mit einem Wissenschaftler, einer ehemaligen FDP-Bundestagsabgeordneten sowie einem Fachautor zusammengestellt.

Die Zitate von Prof. Irene Witte brachten bei diesem Thema erst den Spin in die Geschichte. Die Ansichten von Prof. Witte kommen auch in weiteren auf der dpa-Meldung basierenden Artikeln anderer Medien über die Muttermilch-Stichprobe vor. Da sie in der Pressemitteilung der Grünen nicht vorkommen, müssen sie aus der dpa-Meldung übernommen worden sein. Frau Liebrich hat mal bei der dpa gearbeitet, sie hat anscheinend zudem einen direkten Draht zur Wissenschaftlerin Witte, denn auch im „Leserbriefe“-sowie im “Grenzwerte”-Artikel kommt Prof. Witte zu Wort. Hm, Zufall?

Die gemeinsam vom BfR und Nationaler Stillkommission veröffentlichte Entwarnungsmeldung vom 30.06.2015 fand in der Berichterstattung von Frau Liebrich leider keinen Niederschlag, auch nicht, dass ein weiteres WHO-Gremium, das Joint Meeting of Pesticide Residues (JMPR), im Mai 2016 Glyphosat als nicht krebserregend eingestuft hat.

Kurzum: Die Artikel hätten so auch 1:1 in einem Parteiorgan von Bündnis 90/Die Grünen oder in der Mitgliederzeitschrift vom BUND erscheinen können. Allein die Frequenz, in der Frau Liebrich sich in die Debatte einbringt, macht stutzig. Hier eine Chronologie, der online verfügbaren Texte (kein Anspruch auf Vollständigkeit):

25.06.15: “Ackergift in der Muttermilch
26.06.15: “Glyphosat in Muttermilch nachgewiesen” (keine Autorenzeile)
28.06.15: “Streit um Grenzwerte
16.07.15: “Mächtige Lobby
16.07.15: “Gift und Geld
17.07.15: “Wenn Leserbriefe von Monsanto als Studien gelten
30.07.15: “Behörde hat wohl Hinweise auf Krebsrisiko durch Glyphosat ignoriert
16.08.15: “Geheimsache Glyphosat
14.09.15: “EU verschiebt Glyphosat-Zulassung
14.09.15: “In die Verlängerung
20.09.15: “Weltgesundheitsorganisation rüffelt Glyphosat-Prüfer
29.10.15: “Prüfer übersahen Risiken bei Glyphosat
02.12.15: “Glyphosat? Im Zweifel: Nein!
20.01.16: “Neue Warnung vor Risiken durch Glyphosat
08.03.16: “Einigung gescheitert
06.04.16: “EU drängt auf Veröffentlichung der Glyphosat-Studien
11.04.16: “Bundesregierung will Glyphosat weiter erlauben
18.04.16: “Schädliche Pseudo-Transparenz um Glyphosat
28.04.16: “DDT – vom Wundermittel zum Teufelszeug
12.05.16: “Weitere Zulassung von Glyphosat wackelt

Es entsteht der Eindruck, dass es hier nicht um Aufklärung geht, sondern um Meinungsmache: Hier soll ein Thema am Kochen gehalten werden. Das wirkt wie eine gezielte Kommunikationsoffensive.

Man kann jetzt argumentieren, dass eine überregionale Tageszeitung auch eine Pluralität von Meinungen zu repräsentieren hat und ich habe auch Texte wie “Vergiftete Debatte” von Hanno Charisius (02.08.2015) zur Kenntnis genommen. Aber es gibt da mindestens ein Problem: Zum einen muss die journalistische Sorgfaltspflicht gewahrt werden. Dazu zähle ich neben einer gründlichen Recherche auch den entschiedenen Anspruch, den Leser auch sachlich korrekt informieren zu wollen, so dass er sich eine fundierte Meinung bilden kann. Zum anderen: Wenn zu dem einen Thema solch eine Demagogie zugelassen wird, wie kann ich da sicher sein, dass ich bei Themen, die ich mangels Fachkenntnis nicht selbst einschätzen kann, nicht auch gezielt falsch informiert werde? Kurzum: Die Glaubwürdigkeit der Zeitung leidet darunter. Für ein Blatt, auf dessen Seriosität ich mich nicht verlassen kann, gebe ich kein Geld aus.

Mir ist bekannt, dass Silvia Liebrich bereits von mehreren Seiten auf ihre einseitige Berichterstattung aufmerksam gemacht worden ist, aber sie macht unbeirrt weiter. Ihr Engagement für die Umwelt ehrt sie, aber als Berichterstatterin sollte sie eine gewisse Neutralität wahren. Entweder Frau Liebrich kann das nicht oder sie will das nicht oder beides.

Der weiße Rabe

Der weiße Rabe

Bei neuen Technologien wird häufig nach der Sicherheit gefragt: Wie sicher ist die Anwendung für Mensch, Tier und Umwelt? Welche Risiken bestehen jetzt, mittelfristig und auf lange Sicht? Viele Aspekte sind zu berücksichtigen: Gesundheit, Umweltwirkungen wie Reinhaltung von Luft, Gewässern und Boden, Artenvielfalt in Flora und Fauna, Klimawandel, Nachhaltigkeit.

Dabei gibt es ein grundsätzliches Problem: Letztlich kann die Unbedenklichkeit einer Technologie nie erschöpfend bewiesen werden. Der Philosoph Karl R. Popper hat dies mit einem berühmten Beispiel illustriert: Die Aussage „Alle Raben sind schwarz“ lässt sich nicht beweisen. Dazu müsste man die ganze Welt bis in den letzten Winkel nach möglichen nicht-schwarzen, z.B. weißen Raben absuchen. Das ist praktisch unmöglich. Ein Forscher kann sich auch nie sicher sein, nicht doch den einen weißen Raben übersehen zu haben. Die Aussage „Alle Raben sind schwarz“ lässt sich also nicht verifizieren. Sie lässt sich aber falsifizieren, das heißt, ich kann sie widerlegen, indem ich die Existenz eines weißen Rabens nachweise.

Daraus folgert Popper als Grundregel für die Wissenschaft, dass sie ihre Erkenntnisse in falsifizierbaren Aussagen formulieren muss. Wissenschaft ist ein Prozess von Versuch und Irrtum („Trial and Error“): Forscher formulieren aufgrund von Evidenz ihre Hypothesen und diese gelten solange, bis sie empirisch widerlegt werden.

Es gibt zum Beispiel bis heute keinen Nachweis, dass der Einsatz von Mikrowellen oder die permanente Aussetzung von Mobilfunkstrahlung völlig unbedenklich ist. Beide Technologien wurden zur gleichen Zeit kommerzialisiert wie die Grüne Gentechnik – etwa Mitte der 90er Jahre des vorherigen Jahrhunderts. Mikrowelle und Mobilfunk sind etabliert und akzeptiert – bei der Grünen Gentechnik werden von NGOs und Öko-Parteien nach wie vor Sicherheitsbedenken angeführt. Grundsätzlich geht das aber bei jeder Technologie: Überall könnte sich ein weißer Rabe verstecken, ausschließen lässt sich seine Existenz nie. Eine Risikoabschätzung ist immer nur eine durch Evidenz gestützte Annäherung an die Wahrheit – nicht mehr und nicht weniger.

Die typische Journalistenfrage „Können Sie ausschließen, dass …?“ ist daher auch nur ein rhetorischer Taschenspielertrick. Niemand kann auf so eine Frage ehrlicherweise und ohne Einschränkung mit „Ja“ antworten. Ob eine Gesellschaft eine Technologie akzeptiert, ist somit keine Frage der Sicherheit sondern des offensichtlichen Nutzens. Wichtig ist hier das Wort „offensichtlich“, denn auch für die Grüne Gentechnik lässt sich in der Landwirtschaft durchaus ein möglicher Nutzen ausmachen, wie die Einsparung von Insektiziden durch Bt-Mais oder die Einsparung von tonnenweise Fungiziden durch Krautfäule-resistente Kartoffeln. Dieser Nutzen ist aber bislang nur Praktikern und Wissenschaftlern evident. Und NGOs, Ökopolitiker und Bioverbände („Big Green“) arbeiten täglich mit Angst-Propaganda daran, dass das so bleibt.

 

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Bildnachweis: Mike Yip. Weitere tolle Aufnahmen von weißen Raben finden sich auf seiner Website unter http://vancouverislandbirds.com/Journal255.html und http://www.vancouverislandbirds.com/Journal353.html