Man stelle sich vor, es käme heraus, dass der Vorsitzende einer internationalen wissenschaftlichen Kommission bei der Bewertung einer Substanz nicht all sein Wissen einbringt, über das er verfügt. Die europäische Chemikalienagentur ECHA zum Beispiel hat kürzlich festgestellt, dass der Herbizid-Wirkstoff Glyphosat nicht krebserregend ist. Man stelle sich vor, es käme heraus, dass der Vorsitzende des ECHA-Gremiums bei einer breit angelegten Studie mitgewirkt hätte, deren Ergebnisse in Bezug auf Glyphosat noch nicht veröffentlicht worden sind. Da die Ergebnisse noch nicht in einem wissenschaftlichen Fachorgan publiziert worden sind, werden sie nach den Regeln des Gremiums nicht berücksichtigt. Der Vorsitzende kennt die Ergebnisse und hat an einer wissenschaftlichen Veröffentlichung der Studiendaten mitgewirkt. Irgendwann habe man entschieden, in dieser Veröffentlichung aus Platzgründen den Part zu Glyphosat wegzulassen, wird er später unter Eid angeben. Man stelle sich vor, der Wissenschaftler hätte aufgrund der unveröffentlichten Daten Kenntnis gehabt, dass es Hinweise gäbe, dass Glyphosat Krebs errege, und bringt das in seine Gremienarbeit nicht ein. Wenn so etwas bekannt werden würde, was würde passieren? Ein Sturm der Entrüstung würde losbrechen: Umwelt- und Verbraucherschutzverbände würden Petitionen starten, Politiker die Regierung auffordern, das Merkelgift zu verbieten, es gäbe tagelange Artikelserien in der Süddeutschen Zeitung voller Mutmaßungen über die Verbindungen des Wissenschaftlers zur Industrie und reißerische Reportagen im MDR, russische Propagandakanäle liefen heiß: endlich wieder Material, um Verschwörungstheorien, um den US-Konzern Monsanto aufzubauschen.

IARC Papers

Genau so etwas ist jetzt bekannt geworden – nur andersherum und ohne Sturm. Aaron Blair war der Vorsitzende der IARC-Arbeitsgruppe, die im Frühjahr 2015 Glyphosat als „wahrscheinlich krebserregend“ eingestuft hat. Blair, inzwischen pensioniert, hat jahrelang für das US-amerikanische Krebsforschungsinstitut (U.S. National Cancer Institute) gearbeitet. In dieser Funktion hat er auch an der sogenannten Agricultural Health Study mitgewirkt, einer großangelegten Untersuchung mit 89.000 Teilnehmern – Farmarbeitern, Farmern und ihren Familien – in Iowa und North Carolina. Die Nachrichtenagentur Reuters hat jetzt Gerichtsakten aus einem laufenden Verfahren gegen Monsanto ausgewertet, aus denen hervorgeht, dass sich bei dieser epidemiologischen Studie kein Hinweis gezeigt hat, dass Glyphosat krebserregend sei.

Die Ergebnisse aus der Agricultural Health Study konnten für die Entscheidung der IARC nicht berücksichtigt werden, weil die Organisation nach der Präambel zu ihren Monographien nur öffentlich zugängliche Informationen nutzen darf. Das sind in der Regel Artikel aus wissenschaftlichen Fachzeitschriften. Die Ergebnisse zu Glyphosat aus dem Projekt des U.S. National Cancer Institute waren zum Zeitpunkt der IARC-Entscheidung noch nicht publiziert worden und sind es bis heute nicht.

Der Agentur Reuters liegen Entwürfe für Veröffentlichungen mit den Daten aus der Agricultural Health Study vor, die auf Februar und März 2013 datiert sind. Diese Entwürfe legte Reuters zwei unabhängigen Experten, David Spiegelhalter und Bob Tarone, vor. Beide Wissenschaftler gaben an, dass die Daten keinen Hinweis auf einen Zusammenhang von Glyphosat und Non-Hodgkin Lymphom enthalten. Diese Information hätte nach dem eigenen Urteil von Aaron Blair die Entscheidung der IARC verändern müssen. Hier ein Auszug aus dem Recherchestück von Reuters:

“Asked by Monsanto lawyers in March whether the unpublished data showed “no evidence of an association” between exposure to glyphosate and non-Hodgkin lymphoma, Blair replied: “Correct.”

Asked in the same deposition whether IARC’s review of glyphosate would have been different if the missing data had been included, Blair again said: “Correct.” Lawyers had put to him that the addition of the missing data would have “driven the meta-relative risk downward,” and Blair agreed.”

Doch die Glyphosat-Daten wurden aus den Entwürfen entfernt, und zwar aus Platzgründen.

Blair gab unter Eid an, sich nicht erinnern zu können, wann die Entscheidung gefallen war, die Auswertung der Glyphosat-Daten wegzulassen. Reuters gegenüber bestätigte er, dass diese Entscheidung Monate, bevor die IARC entschieden hatte, Glyphosat einer Bewertung zu unterziehen, gefallen war.

Reuters zitiert eine E-Mail, die Michael Alavanja, ein inzwischen pensionierter Kollege Blairs am U.S. National Cancer Institute und Ko-Autor der Entwürfe, am 28. Februar 2014 an weitere Kollegen schrieb – mit Blair auf “cc”:

“It would be irresponsible if we didn’t seek publication of our NHL manuscript in time to influence IARCs (sic) decision.”

Was nicht ist, kann ja noch werden: Laut den bei Reuters zitierten Wissenschaftlern vom U.S. National Cancer Institute ist ein Manuskript mit den Ergebnissen zu Glyphosat in Arbeit und könnte in den nächsten Monaten fertig gestellt werden.

 

Links

• Special Report: Cancer agency left in the dark over glyphosate evidence

Non-Hodgkin Lymphoma Risk and Insecticide, Fungicide and Fumigant Use in the Agricultural Health Study

• A Scientist Didn’t Disclose Important Data—and Let Everyone Believe a Popular Weedkiller Causes Cancer

• Das Protokoll der Befragung von Aaron Blair

Weitere Gerichtsunterlagen zu den “Monsanto Papers” auf der Website von U.S. Right to know 

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4 thoughts on “Aus Platzgründen weggelassen

  1. Der Artikel muss ja besonders “wissenschaftlich fundiert” sein, wenn der Verfasser Begriffe wie “Merkelgift” verwendet! Damit hat sich der Verfasser blamiert und disqualifiziert, wie berechtigt seine Empörung auch sein mag!

    1. Zur Erläuterung: Den Ausdruck “Merkelgift” habe ich mir nicht ausgedacht, sondern Harald Ebner, Bundestagsabgeordneter von Bündnis 90/Die Grünen und Sprecher seiner Fraktion für Gentechnik- und Bioökonomie-Politik. Er benutzt diesen Ausdruck auf Twitter (https://schillipaeppa.files.wordpress.com/2017/06/merkelgift_ebner.png) und in seinem Newsletter (http://13925.seu.cleverreach.com/m/10487308/).

      Ich beschreibe an dieser Stelle auch nur einen hypothetischen Fall: Wenn Sachverhalt xy einträfe, würde NN vermutlich “abc” sagen. Ich behaupte ja nicht, dass das so ist, und ich würde für Glyphosat auch nicht den Ausdruck “Merkelgift” benutzen.

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