Auch Bio-Bauern spritzen Pestizide

Auch Bio-Bauern spritzen Pestizide

Hach, was war die Aufregung wieder groß gestern im Internet und speziell in den sozialen Netzwerken. Was war passiert? Die designierte neue Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner von der CDU hatte sich zum Thema Pestizideinsatz im Ökolandbau zu Wort gemeldet. “Klöckner will Ökolandwirten konventionelle Pflanzenschutzmittel erlauben” titelte das Fachportal topagrar.com. Das löste heftige Reaktionen aus. So echauffierte sich Gerald Wehde, Pressesprecher des Anbauverbandes Bioland, gegenüber dem Bayerischen Rundfunk:

“Der Verzicht auf Pestizide sei ein Grundprinzip des Ökolandbaus, das man nicht aushebeln dürfe.

Außerdem könne kein Nationalstaat bei diesem Thema einen Alleingang machen. In ganz Europa gelte nämlich die EU-Ökoverordnung.”

Dass der Ökolandbau auf Pestizide verzichtet, ist schlicht und ergreifend falsch. Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit veröffentlicht auf seiner Website eine mehr als 120 Seiten umfassende Liste mit Pflanzenschutzmitteln, die explizit nach der von Herrn Wehde erwähnten Ökoverordnung zugelassen sind. Auch die Bioland-Richtlinien erlauben den Einsatz dieser Mittel.

Selbst Robert Habeck, grüner Noch-Landwirtschaftsminister von Schleswig-Holstein, tut so, als wüsste er davon nichts:

 

Doch was hat Julia Klöckner eigentlich genau gesagt? Die entscheidende Passage in dem Interview mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland lautet:

“Um ihre Ernte zu sichern, würden viele Ökolandwirte gerne punktuell auf konventionelle Pflanzenschutzmittel zurückgreifen. Dürfen sie aber nicht. Manchen Bauern kostet das die Existenz – und viele hält es davon ab, den Weg in den Ökolandbau zu wagen. Wir müssen Ökolandwirten in schlechten Phasen den Gebrauch konventioneller Pflanzenschutzmittel erlauben können, aber dazu bedarf es weiterer Forschung. Aber natürlich auch der Zustimmung der Branche und Verbände. Das geht nur gemeinsam.”

Julia Klöckner hat hier vermutlich den Öko-Weinbau im Sinn – schließlich war sie mal Weinkönigin. Das Jahr 2016 war für die Öko-Winzer in Deutschland sehr schwierig, weil sie witterungsbedingt mit Falschem Mehltau zu kämpfen hatten. Bis 2012 konnten sie bei dieser Krankheit zusammen mit Kupferverbindungen Kaliumphosphonat einsetzen, was bis dahin als Pflanzenstärkungsmittel galt. Inzwischen ist Kaliumphosphonat als Pflanzenschutzmittel zugelassen und steht daher den Öko-Winzern nicht mehr zur Verfügung, weil es als “chemisch-synthetisch” gilt. Der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft e.V. (BÖLW) hatte zwar in 2012 mit einem Gutachten versucht nachzuweisen, dass Kaliumphosphonat einen “naturstofflichen Charakter” hat, aber offensichtlich hat das nicht überzeugt.

Die Grünen forderten 2016 in einer Pressemitteilung eigentlich etwas ganz ähnliches wie Frau Klöckner heute:

“Solange es keine Alternativen gibt, fordern wir die Bundesregierung auf, sich bei der EU für die Prüfung einer zeitlich und mengenmäßig begrenzten Zulassung von Kalium-Phosphonat im Öko-Weinbau einzusetzen. Wir unterstützen ausdrücklich die Forderungen der Fachministerien in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz.”

Ich finde: “zeitlich und mengenmäßig begrenzte Zulassung” ist so ziemlich das gleiche wie “punktuell auf konventionelle Pflanzenschutzmittel zurückgreifen”. Oder?

 

Das Foto zeigt übrigens einen kalifornischen Feldarbeiter beim Behandeln von Bio-Blumenkohl mit einer natürlichen Seifenlösung zur Bekämpfung von Insekten. Solche Wirkstoffe sind in Deutschland beim Anbau von Bio-Blumenkohl auch erlaubt. Man beachte die Schutzausrüstung des Arbeiters.

 

Links:

• ECOVIN: 2016 – Herausforderungen beim Pflanzenschutz im Bioweinbau

BÖLW: Öko-Weinbau und Kaliumphosphonat 

• Nur Bio-Pestizide dürfen Bienen töten!

• Zwei-Klassen-Chemie

Mythenjagd (1): Bio bedeutet ungespritzt

 

Bildnachweis: Screenshot von Cauliflower: How Does it Grow?

Wolf im Schafspelz?

Wolf im Schafspelz?

Als Generationswechsel feiert die Partei Bündnis 90/Die Grünen ihren neuen Vorstand mit der Realo-Doppelspitze Annalena Baerbock und Robert Habeck. Gerade Habeck, derzeit Landwirtschaftsminister in Schleswig-Holstein, fungiert nach den gescheiterten Jamaika-Sondierungen als frisches Gesicht der Ökopartei. Gesucht wird ein Neuanfang, ein Aufbruch – dafür steht der promovierte Philosoph und Schriftsteller.

Habecks Bewerbungsschreiben für den Parteivorsitz transportiert gleichermaßen Aufbruchstimmung wie Rückbesinnung auf alte Werte aus den Gründungsjahren der Grünen:

“Was also ist die Rolle der Grünen in den nächsten Jahren?
Wir sollten in die politische Lücke vorstoßen, diesem Land, diesem Europa wieder eine Idee für eine fortschrittliche, gemeinwohlorientierte, liberale Gesellschaft zu geben. Wenn es die CDU nicht mehr kann und die SPD nicht will: Wir können und wir wollen. Das heißt grüne Eigenständigkeit. Nicht im Gestus der Unterwerfung koalitionsgeschmeidig zu sein, sondern mit der Vermessenheit, ja der Unverfrorenheit des Gründungsgeistes dieser Partei die anderen herauszufordern.”

Wie diese Quadratur des Kreises – unbequem sein und dabei konstruktiv – konkret aussehen soll, wird die Zukunft zeigen müssen. In Schleswig-Holstein haben Bauern und Minister im Laufe der Jahre einen gangbaren Weg der Zusammenarbeit gefunden. Auf Bundesebene agierten die Grünen in Fragen der Landwirtschaft bislang eher destruktiv: Kampfbegriffe wie “Massentierhaltung”, “Agrarindustrie”, “Insektensterben” und “Hormongifte” werden bemüht. Unzählige Social-Media-Kampagnen schüren Ängste und säen gezielt Misstrauen gegen Regierungseinrichtungen.

Wie verträgt sich eine solche Kommunikationsstrategie mit dem essayistischen Politikstil des neues Mannes an der Spitze?

Ein die öffentliche Debatte um die Landwirtschaft derzeit dominierendes Thema ist der Einsatz des Pflanzenschutzmittels Glyphosat. Hierzu wurde Robert Habeck in dieser Woche beim VR-Landwirtschaftstag in Neumünster befragt. Mit ihm am Podium waren Werner Schwarz, Präsident des Bauernverbandes Schleswig-Holstein, und Moderator Dietrich Holler von der Agentur vox viridis:

Habeck gesteht zu, dass die Debatte um den Wirkstoff emotionalisiert wurde und NGOs und Grüne auch ihren Teil dazu beigetragen haben. Dies sei überhaupt erst möglich, weil die Menschen nicht wissen, wie moderne Landwirtschaft funktioniert. Es gäbe einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Artenrückgang und Pestizideinsatz, aber man hätte für diesen Zusammenhang auch ein anderes Wort nehmen können, durch die “Krebsstudie” – gemeint ist wahrscheinlich die Einordnung der IARC – sei es letztlich “Glyphosat” geworden. Politisch sei die Debatte eine Sackgasse:

“Rein politisch gesprochen muss man sich eben auch überlegen, welche Schlacht man verlieren will. Ich würde mal sagen: Diese Schlacht ist verloren. Es ist hoffnungslos, zu glauben, dass man mit einer Position “Ach, so ein Bisschen mehr Glyphosat hat noch keinem geschadet” irgendwie ‘ne Mehrheit gewinnt. Also, deswegen sagte ich “Sackgasse”, es ist hoffnungslos, das hat Herr Schmidt ja erlebt, also Landwirtschaftsminister Schmidt – wahrscheinlich ehemaliger Landwirtschaftsminister Schmidt – er hat gemeint, er meinte wahrscheinlich, er ist Teil der Lösung, oder so – vergiss es! Die Messe ist gesungen und es geht nur noch darum, wer als letzter merkt, dass die Messe gesungen ist.”

Nanu, wo ist hier das Bemühen um eine sachgerechte Lösung geblieben? Werner Schwarz hatte zuvor erläutert, Ackerbau funktioniere auch ohne Glyphosat, aber eben pfluglose Bodenbearbeitung nicht. Diese habe Vorteile für den Erosions- und Klimaschutz. Das scheint Minister Habeck nicht zu berühren: Machtpolitisch ist das Thema entschieden, Haken dran. Wie kann man da noch ruhig schlafen, Herr Habeck? Welch’ hässliche machtpolitische Fratze kommt hier zum Vorschein?

Und das Allerärgerlichste an dieser Haltung ist: Selbst wenn nur noch die Frage ist, wann ein Glyphosat-Verbot kommt und nicht, ob, was wäre damit für den Artenschutz erreicht? Nichts! Deswegen würde nicht eine Wildpflanze mehr auf dem Acker stehen bleiben, sie würde dann untergepflügt oder mit giftigeren Mitteln totgespritzt werden.

Ein Eindruck drängt sich auf: Selbst wenn in der Habeckschen Rhetorik derzeit Ausgleich und Optimismus dominieren, an der Realität gemessen zerplatzt diese Illusion wie eine Seifenblase.

 

Bildnachweis: Copyright Dennis Williamson, www.williamson-foto.de

Wie geht es weiter mit CRISPR/Cas und Co?

Wie geht es weiter mit CRISPR/Cas und Co?

Der neue Koalitionsvertrag zwischen den Unionsparteien und der SPD ist beschlossen und damit wurden auch für die Landwirtschaft wichtige Weichen gestellt. Viele Formulierungen geben nur eine Ahnung, wohin die Reise gehen soll, und lassen viel Interpretationsspielraum. Das hat Vor- und Nachteile: Einerseits ist es gut, dass man sich nicht konkret festlegt, weil auch in nicht mehr ganz vier Jahren viel passieren kann. Andererseits könnte eine Seite auf eine bestimmte Interpretation pochen, um ihre Ziele durchzusetzen. Dann wird sich vermutlich niemand mehr daran erinnern, dass das Papier notdürftig in Nachtsitzungen zusammen gezimmert worden ist.

Zu den neuen Züchtungsverfahren wie CRISPR/Cas und Co gibt es im Vertrag auch eine kurze Passage (S. 84/85):

“Im Anschluss an die noch ausstehende Entscheidung des Europäischen Gerichtshofes (EuGH) zu den neuen molekularbiologischen Züchtungstechnologien werden wir auf europäischer oder gegebenenfalls nationaler Ebene Regelungen vornehmen, die das Vorsorgeprinzip und die Wahlfreiheit gewährleisten.”

Allein die Wörter “Vorsorgeprinzip” und “Wahlfreiheit” wecken ungute Erinnerungen an die Behandlung der klassischen Gentechnik in der Pflanzenzüchtung durch den Gesetzgeber. Diese ist nämlich inzwischen so scharf reglementiert hinsichtlich der Zulassungshürden, der Haftungsfragen beim Anbau und der Kennzeichnung der Produkte, dass eine konkrete Anwendung hierzulande praktisch ausgeschlossen wird.

Dabei zeichnet sich auf europäischer Ebene eine Vorentscheidung ab in der Frage, wie die neuen Züchtungstechnologien rechtlich einsortiert werden sollen. Mitte Januar wurde der Schlussantrag von EU-Generalanwalt Michal Bobek veröffentlicht. Es geht um die Frage, ob Pflanzensorten, die mit neuen Züchtungstechnologien gezüchtet worden sind, so reguliert werden sollen wie Sorten, die mit klassischer Gentechnik hergestellt worden sind. Bobek sagt (verkürzt): Nein, wenn keine transgenen Anteile in der neuen Sorte sind. Es wird erwartet, dass der Europäische Gerichtshof bei seinem Urteil dieser Einschätzung folgen wird.

Jürgen Robienski und Martin Wasmer vom Centre for Ethics and Law in the Life Sciences der Universität Hannover bestätigen diese Einschätzung in einer aktuellen Veröffentlichung:

“Unserer Analyse gemäß sind durch Mutagenese gewonnene Organismen von allen Regelungen der Richtlinie ausgenommen und fallen auch nicht in den Anwendungsbereich der Legaldefinition des Begriffs des genetisch veränderten Organismus im Sinne der Richtlinie. Der Begriff Mutagenese ist zudem dynamisch auszulegen, nach dessen naturwissenschaftlicher Bedeutung, welche auch gezielte Mutagenese umfasst. Dies bedeutet, dass Produkte gezielter Mutagenese keine GVOs im Sinne der Richtlinie sind.”

Bereits im Jahr 2016 hatte das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) auch klar Stellung bezogen in dieser Frage:

“Im Ergebnis gilt daher, dass Pflanzen, die durch ODM- und CRISPR-Cas9-Techniken hervorgerufene Punktmutationen aufweisen, keine GVO im Sinne der Richtlinie sind. Denn maßgebend für die Einordnung als GVO ist nicht allein der Einsatz eines gentechnischen Verfahrens, sondern auch das dadurch entstehende Produkt. Dieses muss sich von Pflanzen unterscheiden, die auch durch herkömmliche Züchtungsmethoden entstehen könnten. Bei den hier einschlägigen Punktmutationen ist dies gerade nicht der Fall. Die genetischen Veränderungen könnten auch durch andere Mutagenese-Verfahren entstehen.”

Andere Bundesbehörden weichen von dieser vorherrschenden Meinung ab. So hat das Bundesamt für Naturschutz (BfN) inzwischen zwei Rechtsgutachten vorgelegt, auf deren Basis eine Regulierung der neuen Züchtungstechnologien empfohlen wird. In 2015 kam Professor Dr. Dr. Tade Matthias Spranger, Universität Bonn, im Auftrag des BfN zu dem Schluss, dass die neuen Züchtungsverfahren gar nicht erst als Mutagenese anzusehen seien. In 2017 legte Prof. Spranger nach und argumentierte, dass die Instrumentarien unseres Rechtssystems nicht ausreichen würden, um mögliche Umweltwirkungen der mit neuen Technologien gezüchteten Sorten zu regulieren. Diese Argumentation wurde vom BfN übernommen in einem Hintergrundpapier zum selben Thema:

“Für die Neuen Techniken besteht aus Sicht des Naturschutzes auch in Zukunft
Regelungsbedarf: Notwendig ist eine angemessene, am Vorsorgeprinzip orientierte Risikobewertung und ein Monitoring. Wesentlicher Grund ist das Potential dieser Techniken, Organismen zu erzeugen, die ein Risiko für Mensch, Natur und Umwelt darstellen können. Auch zukünftige technische Entwicklungen im Bereich der Neuen Techniken lassen sich nicht ausreichend genug abschätzen, um eine Vorhersage über mögliche zukünftige Risiken lediglich aufgrund der heute zugrundeliegenden Technologie zu treffen.”

Das BfN sieht die neuen Züchtungstechnologien als besonders riskant an und bemüht das Vorsorgeprinzip. Vor dem Hintergrund, dass die SPD das Umweltministerium behalten wird und damit auch die untergeordneten Behörden, sollten spätestens jetzt in der Pflanzenzucht-Branche und in den Forschungseinrichtungen alle Alarmglocken angehen. Für die mittelständischen Pflanzenzuchtbetriebe ist es essentiell, dass mit CRISPR/Cas und Co gezüchtete Sorten nicht wie Gentechnik reguliert werden müssen. Diese neuen Techniken sind bislang auch für kleinere Unternehmen erschwinglich. Das würde sich schlagartig ändern, wenn diese Sorten den anspruchsvollen Zulassungsprozess der EU durchlaufen müssten.

Von einer Naturschutzbehörde sollte man eigentlich erwarten, dass sie prüft, ob Innovationen auch das Potenzial haben, zum Umwelt- und Naturschutz beizutragen. Statt dessen wird offensichtlich Expertise zur Innovationsverhinderung generiert. Beispiel: In 2009 – das war Jahre vor der Entdeckung von CRISPR/Cas – veröffentlichte das BfN einen Abschlussbericht zum Forschungsvorhaben “Potenziale der Gentechnik bei Energiepflanzen”. Hier wurde geprüft wird, ob Gentechnik für die Züchtung von Energiepflanzen einen Beitrag leisten kann. Mit den neuen Möglichkeiten der Pflanzenzüchtung steht hier eine Neubewertung an. Auch konnte man bereits mit klassischer Gentechnik Kartoffeln züchten, die aufgrund eines Gens aus einer Wildkartoffel resistent sind gegen Krautfäule. Mit so einer Sorte ließen sich tonnenweise Fungizide einsparen. Wo bleiben die Machbarkeitsstudien von offizieller Seite? Angesichts der Glyphosat-Debatte scheint doch die Pestizidreduktion im Ackerbau derzeit höchste Priorität zu haben.

 

Bildnachweis: Christian-Albrechts-Universität zu Kiel: “Neue Züchtungstechniken für höhere Rapserträge”

Insektensterben – alles Scheiße?

Insektensterben – alles Scheiße?

Nach dem Waldsterben jetzt das Insektensterben? Was ist dran am neuesten Endzeitszenario? Bereits in diesem Sommer kochte das Thema hoch als Reaktion auf eine Antwort der Bundesregierung zu einer Kleinen Anfrage der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen. Jetzt ist das Thema aufgrund einer neuen Veröffentlichung wieder aktuell.

Obwohl die Autoren der Studie keine Ursachen für den verzeichneten Insektenrückgang ausmachen konnten, haben die Medien einen klaren Verdächtigen auserkoren und spielen damit der Politik in die Hände: Wie so oft, sollen wieder die Landwirte schuld sein, diesmal – Überraaaaschung: die Pestizide, sprich: die Pflanzenschutzmittel.

Die Hannoversche Allgemeine zitierte im Juli 2017 Bundesumweltministerin Barbara Hendricks:

“Die heutige Landwirtschaft macht den Insekten das Überleben schwer: Es werden große Mengen von Pestiziden eingesetzt, und es gibt zu wenig Blühstreifen und Hecken“, sagt Hendricks. Ein wichtiger Grund für den Insektenschwund sei der „übertriebene Einsatz“ von Insektiziden und von Totalherbiziden wie Glyphosat. „Darum darf es keine Neuzulassung für Glyphosat ohne effektive Auflagen zum Schutz der Artenvielfalt geben“, fordert Hendricks. Der umstrittene Unkrautvernichter soll laut EU-Kommission für weitere zehn Jahre zugelassen werden.”

Seltsamerweise kommt das Wort “Glyphosat” in der Antwort der Bundesregierung aus diesem Sommer nicht einmal vor. Zu den Ursachen steht dort folgendes:

“15. Worin sieht die Bundesregierung die Ursachen für den Rückgang von Insekten?

Der Bestandrückgang von Insektenarten kann durch einen Komplex unterschiedlicher Faktoren verursacht werden. Dazu zählen u.a. das Vorhandensein von Habitaten, das Nahrungsangebot, die Veränderung und das Vorhandensein von Strukturen in der Landschaft, wie z.B. Säume, Hecken, oder gestufte Waldränder, die Art und Weise der Nutzung und Bewirtschaft der Landschaft (u.a. der Gewässer, Wiesen und Äcker), das Vorliegen von Schadstoffen (einschließlich Pflanzenschutzmittel) oder die Fragmentierung der Landschaft. Darüber hinaus haben die Jahreswitterung und Klimaänderungen einen wesentlichen Einfluss auf Insektenpopulationen.”

Ich fange heute mal bei den Ursachen an: Gesetzt, es gäbe heute weniger Insekten als vor 30 Jahren, und dafür spricht einiges, woran könnte das liegen?

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Quelle: UBA

Als in der Landwirtschaft Tätige verblüfft mich stets die quasi reflexhafte Schuldzuweisung. Denn ich weiß, dass im Ackerbau eigentlich nur im Raps regulär Insektizide eingesetzt werden. Im Getreide wird manchmal gegen Blattläuse gespritzt, weil die Tiere bestimmte Viruserkrankungen verbreiten, aber auch nur wenn ein gewisser Befallsdruck vorliegt. Im Mais bekämpft man den Maiszünsler erst einmal biologisch mit Trichogramma-Schlupfwespen. Es ist also nicht der Fall, wie oft behauptet wird, dass flächendeckend Insektizide ausgebracht werden. Außerdem sind die Anforderungen an die Wirkstoffe mit der Zeit immer höher geworden. In der EU sind meines Wissens nur 16 Prozent der weltweit zugelassenen Wirkstoffe genehmigt. Kanister mit Totenköpfen als Warnsymbol drauf gibt es bei uns nicht mehr. Auch die Absatzzahlen, die das Umweltbundesamt (UBA) meldet (siehe Grafik), zeigt gerade bei den Insektiziden zwar Schwankungen, aber keine gravierenden Steigerungen seit den 90er Jahren. Was deutlich zugenommen hat, sind die inerten Gase im Vorratsschutz, doch die dürften draußen in der Natur keine Rolle spielen.

Was sonst könnte noch eine Rolle spielen? Mir fällt da einiges ein:

1. Flächenversiegelung

Täglich werden in Deutschland etwa 66 Hektar Fläche zu Siedlungs- und Verkehrsfläche umgenutzt. Ungefähr die Hälfte davon wird versiegelt, das heißt, bebaut, zubetoniert gepflastert oder asphaltiert.

2. Veränderungen bei der Tierhaltung

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Quelle: DBV

Es gibt weniger Nutztiere und die, die es gibt, leben häufiger im Stall. Und: Die Ställe müssen heute viel strengere Emissions- und Hygieneauflagen erfüllen als früher. Es gibt kaum noch offene Misthaufen in den Dörfern. Größere Betriebe haben häufig die Auflage, ihren Mist sowie ihr Fahrsilo abdecken zu müssen. Güllelager werden aus Gründen des Emissionsschutzes auch oft abgedeckt. Die Haltung von typischen Weidetieren wie Schafen und Ziegen ist stark zurückgegangen. Kurzum: Es liegen weniger tierische Exkremente in der Landschaft rum, die für viele Insekten Nahrungsgrundlage und Lebensraum bilden.

3. Mülllagerung

Müll wird nicht mehr offen deponiert. Seit 2005 muss Hausmüll vorbehandelt werden, bevor er deponiert wird, dass heißt, Abfälle werden erst in einer Müllverbrennungsanlage thermisch verwertet. Nur die Asche wird noch deponiert. In den 90er Jahren wurde mit dem Dualen System eine extra Verwertungsschiene für Verpackungsmüll eingerichtet. Zur gleichen Zeit wurde die Biotonne für kompostierbare Abfälle eingeführt. Ich habe einen Thermokomposter im Garten, in dem ich Garten- und Küchenabfälle sammele. Da ist im Sommer einiges los: jede Menge Insektennachwuchs.

Dadurch, dass unser Hausmüll nicht mehr offen deponiert wird, entgeht den Insekten tonnenweise Nahrung.

4. Lichtverschmutzung

Die Erleuchtung der Nacht durch künstliches Licht ist nicht nur ein ästhetisches Problem, weil man in Städten kaum noch Sterne sieht, sondern bedeutet für die Tierwelt eine echte Belastung. Nach Schätzungen von Wissenschaftlern sterben allein an Deutschlands Straßenlaternen täglich mehr als 1 Milliarde Insekten. Durch den Einsatz moderner Leuchtmittel könnte man die Situation hier verbessern.

5. Zunahme des Lieferverkehrs auf den Straßen

Während der Personenverkehr nur leicht zunimmt, steigt der Transport von Gütern rasant – mit der Folge: Es fahren immer mehr LkWs auf unseren Straßen und Autobahnen. Diesen LkWs fallen auch entsprechend Fluginsekten zum Opfer.

6. Gartengestaltung

In den letzten Jahren sind pflegeleichte Kiesbeete in Mode gekommen: Eingefasst von gepflasterten und betonierten Flächen gibt es dort allenfalls wenige nicht blühende Grünpflanzen und perfekt getrimmten Rasen. Hier findet keine Biene etwas zum Honig-Sammeln und da hilft auch kein Insektenhotel.

7. Öffentliche Sauberkeit

Unsere Dörfer und Städte wirken in der Regel sauber und aufgeräumt. Fürs Auge mag das erfreulich sein, der Tierwelt bringt das nichts. Spatzen freuen sich zum Beispiel, wenn auf dem Hof auch einmal etwas Dreck liegen bleibt:

Auch im Garten kann man bewusst Dreckecken einrichten: Einfach mal einen Haufen abgeschnittener Äste und Laub liegen lassen. Das bringt mehr als ein gekauftes Insektenhotel aus dem Baumarkt.

Fazit

Nicht falsch verstehen: Das soll jetzt kein Ablenkungsmanöver sein. Die Landwirtschaft trägt sicher auch zur Veränderung der Insektenpopulationen bei, aber eben die ganzen anderen genannten Lebensbereiche auch. Vieles davon wie die Mülllagerung lässt sich auch sicher nicht mehr zurückdrehen, aber es sollte zumindest zur Kenntnis genommen werden. Ich würde mir wünschen, dass in der öffentlichen Debatte der Horizont auch einmal entsprechend erweitert wird.

 

 

 

 

Dialog fortsetzen

Dialog fortsetzen

Anfang September hatte Horst Rehberger einen Offenen Brief an die Evangelische Kirche Deutschlands (EKD) gerichtet. Der frühere Wirtschaftsminister von Sachsen-Anhalt und Vorsitzende des Forums Grüne Vernunft forderte darin den EKD-Ratsvorsitzenden Prof. Bedford-Strohm auf, sich an einen Tisch zu setzen, um über Grüne Gentechnik zu sprechen. Rehberger sieht Gesprächsbedarf und fragt, warum angesichts eines Aufrufes von inzwischen 126 Nobelpreisträgern zur unverzüglichen Nutzung der Grünen Gentechnik im Allgemeinen und des Goldenen Reises im Besonderen, die EKD Gentechnik in der Landwirtschaft weiterhin ablehne. Sollte die EKD nicht reagieren, wollte Horst Rehberger einen Hungerstreik vor der EKD-Zentrale in Hannover antreten. Wir wollten wissen, wie die Sache ausgegangen ist.

Frage: Herr Rehberger, hat die EKD auf Ihren Brief reagiert?

Rehberger: Einen Tag vor Ablauf der Frist erreichte mich ein Brief der EKD-Leitung. Darin wurde mir Folgendes mitgeteilt: “Auch wenn grundsätzlich auf “Offene Briefe” seitens der EKD nicht reagiert wird, hat der Ratsvorsitzende anlässlich Ihres als Anzeige veröffentlichten Offenen Briefes den theologischen Vizepräsidenten des Kirchenamtes der EKD, Herrn Dr. Horst Gorski, gebeten, Ihnen ein Gespräch anzubieten. Herr Dr. Gorski schlägt vor, dieses Gespräch aus fachlichen Gründen gemeinsam mit der stellvertretenden Vorsitzenden der “Kammer für nachhaltige Entwicklung” der EKD, Frau Dr. Gudrun Kordecki, zu führen” Dieses Gesprächsangebot habe ich gerne angenommen und gemeinsam mit Prof. Reinhard Szibor, der sowohl in der evangelischen Kirche als auch für die Grüne Gentechnik sehr engagiert ist, dieser Tage in Hannover ein Gespräch geführt.

Frage: Und was ist bei diesem Gespräch herausgekommen?

Rehberger: Erwartungsgemäß war es ein sehr schwieriges Gespräch und mir drängte sich der Eindruck auf, dass die beiden Gesprächspartner von der EKD von der Entscheidung des Ratsvorsitzenden, ein solches Gespräch zu führen, alles andere als begeistert waren. So haben sie von Anfang an meinen Vorschlag strikt abgelehnt, in einer gemeinsamen Mitteilung darüber zu informieren, dass dieses Gespräch stattgefunden hat und was die wesentlichen Inhalte waren. Mein Hinweis, dass es eine ganze Reihe von Rückfragen gebe, ob und wie die EKD-Führung auf meinen Offenen Brief reagiert hat, und ich infolgedessen die Tatsache unseres Gesprächs nicht verschweigen könne – sollte ich etwa lügen? – hat dann dazu geführt, dass wir uns zu viert rund eine Stunde lang über den Aufruf der Nobelpreisträger und deren Plädoyer für die unverzügliche Nutzung der Grünen Gentechnik unterhalten haben.

Frage: Wie ist die aktuelle Haltung der EKD-Leitung zur Grünen Gentechnik?

Rehberger: Es wurde sehr deutlich, dass der Widerstand der EKD gegen die moderne Biotechnologie nicht theologisch begründet wird, sondern ideologisch. Nicht Theologen, sondern vor allem Verantwortliche der “Kammer für nachhaltige Entwicklung” sind für die bisher ablehnende Haltung der EKD verantwortlich. Auf die Frage, wie es ethisch zu verantworten ist, dass auch die evangelischen Christen in Deutschland täglich Lebensmittel essen, in denen Gentechnik steckt, dies den Menschen in Asien und Afrika etwa in Gestalt des Goldenen Reises aber vorenthalten werden soll, blieb Frau Kordecki jede Antwort schuldig.

Frage: Welche Gründe für die Ablehnung Grüner Gentechnik haben die Vertreter der EKD-Leitung denn vorgetragen?

Rehberger: Unsere Gesprächspartner erklärten, dass die wissenschaftliche Diskussion über die Chancen und Risiken der Grünen Gentechnik noch nicht abgeschlossen sei und deshalb ihr Einsatz nur aus der Perspektive des Vorsorgeprinzips beurteilt werde. Meine Frage, welche Wissenschaftler heute noch die Grüne Gentechnik ablehnten, schließlich sei die Meinung der 126 Nobelpreisträger identisch mit der Auffassung aller anerkannten wissenschaftlichen Organisationen und Institutionen weltweit, wurde nicht beantwortet. Auch meine weitere Frage, wie man von einem Vorsorgeprinzip sprechen könne, wenn man in Deutschland täglich “Genfood” esse, blieb unbeantwortet.

Frage: War damit das vom Ratsvorsitzenden Bedford-Strohm veranlasste Gespräch mit führenden EKD-Vertretern “für die Katz”?

Rehberger: Keinesfalls! Zum einen konnten Reinhard Szibor und ich die Gesprächspartner über den weltweit neuesten Stand in Sachen Grüne Gentechnik informieren. Dass z.B. Papst Franziskus, der bekanntlich schon vor Jahren das humanitäre Golden-Rice-Projekt gesegnet hat, vor wenigen Wochen Gluten-freie Hostien verboten, gentechnisch veränderte Hostien dagegen ausdrücklich erlaubt hat, war ihnen wohl nicht bekannt. Sonst hätte sich Frau Kordecki nicht auf eine angebliche Übereinstimmung mit der Katholischen Kirche berufen. Zum anderen dürften sich, und dies ist für den weiteren Dialog noch wichtiger, insbesondere die evangelischen Akademien erneut mit dem Thema Biotechnologie beschäftigen. Jedenfalls haben die EKD-Vertreter wiederholt auf diese Akademien als Plattform für einen wissenschaftsbasierten Dialog über die Gentechnik verwiesen. Das lässt hoffen. Die Dialog-Initiative des EKD-Ratsvorsitzenden war ein schwieriger Anfang. Aber dieser Dialog wird auf breiter Basis fortgesetzt werden.

Zum Bild: Christel Happach-Kasan und Horst Rehberger auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag 2017 in der Lutherstadt Wittenberg

Bildnachweis: Forum Grüne Vernunft

Warten auf Godot

Warten auf Godot

Am 19. September 2017 läuft das Ultimatum ab: Wenn Horst Rehberger bis dahin keine Antwort von der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) erhält, will der frühere Wirtschaftsminister von Sachsen-Anhalt und Vorsitzende des Forums Grüne Vernunft vor der EKD-Zentrale in Hannover einen Hungerstreik beginnen. Rehberger ist mit seiner Geduld am Ende. Seit Jahren fordert er die EKD zum Dialog über Grüne Gentechnik auf und wird mit unbefriedigenden Absagen (“keine Zeit”) vertröstet. Er schreibt in seinem Offenen Brief an den EKD-Ratsvorsitzenden Prof. Dr. Heinrich Bedford-Strohm:

“Über 120 Nobelpreisträger bezeichnen das, was Sie propagieren, als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“, also das schlimmste Kapitalverbrechen, das die Menschheit kennt, den Massenmord. Mit Totschweigen werden Sie Ihrer Verantwortung nicht gerecht! Sollten Sie bis 19.09.2017, drei Monate nach der Einladung, keinen Dialog-Termin nennen, werde ich einen unbefristeten Hungerstreik beginnen. Vor dem EKD-Gebäude in Hannover.
Im Interesse von Millionen Kindern, die ohne Gentechnik zum Tode verurteilt sind.”

Der Offene Brief des früheren Politikers (FDP) reiht sich ein in eine jahrelange Serie von Adressen an die Evangelische Kirche, Risiken und Chancen der Grünen Gentechnik neu zu bewerten.

Bereits Ende 2013 hat der Agrarökonom und Vizepräsident der Welthungerhilfe Prof. Dr. Joachim von Braun bei der 6. Tagung der 11. Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland ein Referat zum Thema Welternährung gehalten. Daraus ein Zitat:

“Wir brauchen dazu meines Erachtens auch eine Neubewertung der grünen Gentechnik. Dazu fordere ich Sie auf. Es geht mir nicht um eine dogmatische grundlegende Ablehnung der sogenannten transgenen Pflanzen, sondern um die Entwicklung einer armutsorientierten sicherheitsbewussten Checkliste, die solche transgenen Produkte, die Armen helfen und dem Sicherheitscheck standhalten, aktiv fördert. Das ist etwas anderes als Ja oder Nein zu grüner Gentechnik, sondern da muss man ganz genau hinschauen.”

Seitdem ist nichts passiert in der EKD. Im Gegenteil: Noch Ende 2015 hat die EKD die Brot für die WeltAdventsaktion mit der Anti-Gentechnik Aktivistin Vandana Shiva gestartet.

 

Mein Resümee: Die EKD sowie der Kirche angeschlossene Einrichtungen wie Brot für die Welt entziehen sich seit Jahren einer ergebnisoffenen Debatte über die Grüne Gentechnik. Diese Vermeidungstaktik ist symptomatisch für die gesamte Haltung der EKD der modernen Landwirtschaft gegenüber: Die Kirche orientiert sich lieber am Gutmenschen-Zeitgeist, anstatt sich eine pragmatische und lösungsorientierte Position zu erarbeiten und diese zu verteidigen. Auf der Strecke bleiben dabei u.a. arme Menschen in Entwicklungsländern, denen nicht zuletzt durch das Engagement kirchlicher Einrichtungen modernes Saatgut vorenthalten bleibt. Diese Doppelmoral ist das eigentliche Pharisäertum der EKD.

Links

Gentechnik-Streit: Rehberger droht Evangelischer Kirche mit Hungerstreik

“Grüne Gentechnik: Folgen die Entwicklungsländer der deutschen Paranoia?” Vortrag von Prof. Dr. Hans-Jörg Jacobsen beim 16. Innoplanta-Forum am 06.09.2017 in Gatersleben

Die Kirche und der Goldene Reis

 

Bildnachweis: Forum Grüne Vernunft

Lobbyismus in Reinkultur

Lobbyismus in Reinkultur

Im Vorfeld des TV-Duells von Kanzlerin Angela Merkel und Herausforderer Martin Schulz am kommenden Sonntag haben verschiedene Organisationen aus der Bio-Branche sowie dem dazugehörigen ideologischen Dunstkreis einen Offenen Brief an die Moderatoren der Sendung geschickt und diese darin aufgefordert, das Thema Landwirtschaft beim TV-Duell zu berücksichtigen.

Dieser Brief ist in mehrfacher Hinsicht ein Affront: Die Unterzeichner tun vordergründig so, als ob ihnen die Zukunft der Landwirtschaft generell am Herz liege, aber eigentlich geht es nur darum, die von der Politik zu vergebenden Fördermittel in den Ökolandbau zu pumpen. Es wird zwar vermieden, die Worte “Bio-” bzw. “Ökolandbau” zu verwenden, aber der Kreis der Unterzeichner und die folgende Problem-Beschreibung lassen im Grunde keine Zweifel offen, wie der Appell gemeint ist:

“Auch hier in Deutschland wird die Fruchtbarkeit der Böden durch eine nach industriellen Prinzipien organisierte Landbewirtschaftung abgebaut. Dies geschieht durch einseitige Fruchtfolgen mit hohen Anteilen derselben Anbaukulturen, sowie durch die Anwendung chemisch-synthetischer Stoffe zur Düngung, durch Biozide, wie Insektizide und Herbizide, die die biologische Vielfalt, und damit die unersetzbaren Funktionen des Bodenlebens, beeinträchtigen.”

Diese Argumentation folgt bekannten Mustern, die Kernaussage ist: Industrielle Landwirtschaft – was auch immer das sei – ist nicht nachhaltig, schädigt die Biodiversität und verbraucht die natürlichen Ressourcen. Dabei wird ausgerechnet auf die Bodenfruchtbarkeit abgehoben:

“Dagegen könnte eine regenerative, Humus und biologische Vielfalt aufbauende Landwirtschaft enorme positive Wirkung entfalten. Sie erhöht nicht nur die Fruchtbarkeit und Produktivität der Böden, sowie ihre Widerstandskraft gegen extremer werdende Umweltereignisse. Mittels des Aufbaus biologischer Vielfalt und organischer Masse können Böden in erheblichem Maß Kohlenstoff binden und für die landwirtschaftliche Produktivität nutzbar machen.”

Was soll eigentlich eine “biologische Vielfalt aufbauende Landwirtschaft” sein? Wenn ich erfolgreich Ackerbau betreiben will, muss ich auf meinen Feldern die biologische Vielfalt zurückdrängen, sonst ernte ich nichts. Das Foto oben von Dr. Felix Prinz zu Löwenstein, Vorstandsvorsitzender des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW e.V.) und einer der Unterzeichner des Offenen Briefes, zeigt eindrucksvoll, dass das gleichermaßen für den Bio-Landwirt gilt.

Und sind es nicht vor allem die Bio-Bauern, die zur Kontrolle der Beikräuter auf mechanische Verfahren und wendende Bodenbearbeitung zurückgreifen müssen? Beides ist nicht gut für den Boden. Konventionelle Mulch- und Direktsaatsysteme sind zu nennen, wenn es um CO2-Einsparung, Erosionsschutz sowie Förderung von Bodenleben und -struktur geht. Gerade die im Ökolandbau eingesetzten Kupferverbindungen sind nachhaltig schädlich für den Boden.

Diese sogenannte regenerative Landwirtschaft habe derzeit am Markt keine Chance, erklären die Unterzeichner:

“Bislang befördert die Politik ein Wirtschaftshandeln, das unsere gesellschaftliche und ökonomische Zukunftsfähigkeit gefährdet und die natürlichen Lebensgrundlagen schädigt. Nicht nachhaltige Wirtschaftsweisen, die Lebensgrundlagen abbauen und die Kosten auf die Allgemeinheit abwälzen, sind bislang profitabler und somit wettbewerbsstärker. Dabei werden jedoch langfristig und global Ressourcen vernichtet, die zukünftig weder den Menschen, noch für Wirtschaftsaktivitäten und -unternehmen zur Verfügung stehen. Die Folgen davon tragen alle.”

Hier kommt das altbekannte Argument zum Tragen, dass die Produkte der konventionellen Landwirtschaft nur deswegen so günstig seien, weil Kosten für Umweltfolgen auf die Allgemeinheit umgelegt würden. Die daraus erwachsende Forderung ist in der Regel, den Ökolandbau stärker mit öffentlichen Mitteln zu fördern, um das Marktversagen abzupuffern. Die Verfasser richten eine Aufforderung an die Moderatoren des TV-Duells:

“Unsere KanzlerkandidatInnen müssen Antwort auf die Fragen danach geben, wie sie die politischen Rahmenbedingungen für eine zukunftsfähige Marktwirtschaft gestalten wollen, damit regenerative Landwirtschaft und ein weltweiter Schutz von Böden und ihrer Fruchtbarkeit stattfinden.

Sie werden am 3. September 2017 diese Antwort aber nur geben, wenn Sie Ihnen dazu die erforderlichen Fragen stellen !”

Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Verfasser des Briefes, allen voran Dr. Felix Prinz zu Löwenstein, hier im Sinn haben, dass die Politik die Anwendung konservierender Bodenbearbeitung im Ackerbau besonders fördern soll. Denn dabei würden ja wohlmöglich Glyphosat und andere chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel eingesetzt werden. Auch wenn es da nicht wörtlich steht, kann eigentlich nur gemeint sein, dass erfragt werden soll, wie die Kanzlerkandidatin und der Kanzlerkandidat gedenken, den Ökolandbau voranzubringen.

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Dr. Prinz Felix zu Löwenstein in seinem Garten. Ich finde: In Sachen Biodiversität und Bienenweide gibt es hier noch eine Menge Luft nach oben. Bildnachweis: Screenshot aus der ZDF-Dokumentation “Schöne neue Landwirtschaft? Die Bayer-Monsanto-Fusion”

Dabei ist fraglich, ob der Ökolandbau die ihm zugeschriebene “regenerative” Wirkung auch wirklich hat. Auch der von der Bio-Branche oft ins Feld geführten Biodiversität ist mit einer planlosen Ausdehnung der Bio-Landwirtschaft nicht geholfen: Eine aktuelle Studie aus Göttingen zeigt, dass die Größe eines Feldes für den Artenreichtum ganz entscheidend ist. Das bestätigt die Thesen des Göttinger Agrarökologen und Co-Autors der Studie Teja Tscharntke, dass es in einer abwechslungsreichen Kulturlandschaft wenig Unterschiede in der Biodiversität auf Öko- und konventionellen Flächen gibt. So sagte Tscharntke in einem öffentlichen Fachgespräch des Bundestags-Ausschuss für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit zum Thema “Ursachen und Auswirkungen des Biodiversitätsverlustes bei Insekten”:

“Es geht sogar so weit, dass, wenn man zum Beispiel ökologischen Landbau mit konventionellem Landbau vergleicht – sagen wir einmal eine ökologische Weizenfläche mit einer konventionellen Weizenfläche entlang eines Gradienten von Landschaftsvielfalt –, dass nur in den ausgeräumten Landschaften der Ökolandbau sehr viel besser dasteht als der konventionelle Landbau in Artenvielfalten, auch in der biologischen Kontrolle. In den komplexen Landschaften – sagen wir einmal mit 20, 30 Prozent naturnahen Lebensräumen – nähert sich das an, da findet man keinen Unterschied mehr. Da ist, weil so viel Einwanderung passiert, auch bei einer konventionellen Bewirtschaftung, „die Welt noch in Ordnung“. Das zeigt, wie wichtig dieser Strukturreichtum ist, der für viele andere Funktionen – Bodenschutz, Grundwasserneubildung usw. – natürlich auch eine zentrale Bedeutung hat.”

Die Experten sind sich einig, dass vor allem spezialisierte Arten zurückgehen, dass heißt, Arten, die auf einen bestimmten Lebensraum und die Nahrung, die sie dort vorfinden, angewiesen sind. Wenn der Lebensraum verschwindet, verschwindet auch die Art. Der Biologe Prof. Dr. Werner Kunz von der Universität Düsseldorf erläutert das in seinem Buch “Artenschutz durch Habitatmanagement” am Beispiel des Ortolans, eines Singvogels, der bis in die 50er Jahre in Deutschland verbreitet war und heute nur noch selten vorkommt (S. 143 f.):

“Der Ortolan brütet hierzulande meist auf Getreideäckern und zwar in Beständen, die zu Beginn der Brutzeit maximal 15-20 cm hoch stehen dürfen und schütter genug wachsen müssen, sodass die Vögel zwischen den Halmen noch ungehindert durchschlüpfen und dort ihre Nahrung finden können (Lanz, 2009) (Tafel 9). Solche Äcker wird man durch eine biologische Landwirtschaft nicht schaffen können. Der Ortolan kehrt nicht zurück, wenn Ackerrandstreifen und Lerchenfenster geschaffen werden. Er kehrt auch nicht zurück, wenn der Einsatz von Insektiziden und Herbiziden verringert wird, noch fördert ihn die biologische Landwirtschaft. Wovon der Ortolan profitiert hat, waren die kümmerlichen, ertragsarmen, übernutzten Ackerböden, wie sie früher an vielen Stellen waren, als die Bevölkerung noch Hungersnöte kannte.”

Für Kunz gibt es kein Zurück zur Subsistenz-Landwirtschaft früherer Tage. Er plädiert daher dafür, neben den landwirtschaftlichen Nutzflächen, Flächen entsprechend der Bedürfnisse seltener Arten anzulegen und zu bewirtschaften (S. 188):

“Viele Argumente sprechen dafür, dass die Zukunft der Arten nicht in einer Reform der Landwirtschaft liegen kann, sondern in einem Nebeneinander von landwirtschaftlich genutzten Flächen und künstlich geschaffenen und bearbeiteten Magerflächen, die von vornherein nicht dem wirtschaftlichen Ertrag, sondern dem Schutz der Arten dienen.”

Der Ökolandbau ist kein Allheilmittel zur Lösung von Umweltproblemen, sondern hat zum Beispiel mit dem nahezu alternativlosen Kupfereinsatz seine ganz eigenen Baustellen. Das sollte von der Bio-Branche einmal zur Kenntnis genommen werden! Verbesserungen im Natur- und Artenschutz lassen sich nur erzielen, wenn die Politik für alle Landwirte Anreize setzt, hier aktiv zu werden. Eine pauschale Öko-Förderung mit der Gießkanne bringt nichts. Wenn z.B. in Mittelgebirgsregionen, wo zum Teil eh nur extensive Weidehaltung Sinn macht, großzügig Umstellungsprämien ausgeschüttet werden, generiere ich damit nur Mitnahmeeffekte, ohne eine nennenswerte Verbesserung der Lebensräume für Tiere und Pflanzen zu schaffen.

Es zweifelt auch nahezu kein ernst zu nehmender Wissenschaftler daran, dass es zur Welternährung moderne und innovative Anbauverfahren braucht. Selbst Öko-Pioniere wie der Schweizer Forscher Prof. Dr. Urs Niggli sind da ganz eindeutig. So sagte Niggli vor rund einem Jahr in einem Interview zur Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung:

“Es braucht dann aber eine zweite Ökologisierungs-Strategie, die den wissenschaftlichen Fortschritt nutzt, um die Welt zu ernähren. Und diese wird genauso ihre Berechtigung haben wie der Ökolandbau.”

Solange Lobbyisten wie Dr. Felix Prinz zu Löwenstein das nicht zur Kenntnis nehmen, wird mit ihnen eine Diskussion über die Zukunft der Landwirtschaft sehr schwierig werden.

 

Bildnachweis: Screenshot aus der ZDF-Dokumentation “Schöne neue Landwirtschaft? Die Bayer-Monsanto-Fusion”  aus der Reihe planet-e, Video in der Mediathek abrufbar