Gentechnik für Kenia

Gentechnik für Kenia

In diesem Blog habe ich einmal einen Offenen Brief von Gilbert Arap Bor veröffentlicht. In dem Schreiben plädiert der Kenianische Bauer an die EU-Parlamentarier, eine Resolution zum Programm New Alliance for Food Security and Nutrition der G8-Staaten nicht anzunehmen.

Jetzt schrieb mich Gilbert über Facebook an: Er hat wieder einen Artikel veröffentlicht und das Deutsche Fernsehen war auf seiner Farm und hat ihn interviewt. Am 23. Juni 2017 werde eine Dokumentation gesendet, freute er sich. Die Dokumentation läuft heute Abend um 19:30 Uhr im Weltspiegel in der ARD und ist bereits online abrufbar:

Leider kommt Gilbert Arap Bor mit seinem Plädoyer für gentechnisch verbesserte Maissorten in dem Film nicht vor. Das ist sehr schade. Daher veröffentliche ich an dieser Stelle seinen Artikel auf Deutsch:

“Ein Bauer aus Kenia fordert die Anbauerlaubnis für Gentechnik-Mais

In diesem Jahr habe ich die Verwüstung der Gegenwart gesehen und war Zeuge der Hoffnung für die Zukunft.

Leider ist derzeit Wahlkampf und alle scheinen am meisten darüber besorgt zu sein, wer am 8. August auf welche Position gewählt werden wird.

Kenia steht vor einer wichtigen Entscheidung für seine Bauern und seine Ernährungssicherheit: Will unsere Regierung weitermachen, sich mit Trockenheit und Schaderregern abzukämpfen oder will sie die Wissenschaft aufgreifen, die unsere Zwangslage mildern und unsere Menschen ernähren kann?

In diesem März habe ich auf meiner kleinen Farm in der Nähe von Eldoret in West-Kenia sechs Hektar Mais als Viehfutter gepflanzt. Aufgrund einer langen Dürre keimte und wuchs der Mais nicht. Daher musste ich im April abermals Mais säen und die zusätzlichen Kosten für das zusätzliche Saatgut tragen. Die meisten meiner Nachbarn teilten dieses leidige Schicksal mit mir.

Für kleine Familienbetriebe wie uns ist das eine gravierende Aufwendung – und damit die Art von Frustration, die uns hinterfragen lässt, warum wir überhaupt Landwirtschaft betreiben.

Die gute Nachricht ist, dass der Regen schließlich kam. Die schlechte Nachricht ist, dass dann ein anderes Problem auftauchte: ein ausufernder Befall mit dem Herbst-Heerwurm, der jeden grünen Aufwuchs verschlingt, einer invasiven Art die eine der am schwierigsten zu kontrollierenden Schädlinge überhaupt ist. Diese Raupen feierten Festmahl auf Pflanzen in meinem ganzen County Uasin Gishu und zwei Dutzend anderer Distrikte, einschließlich die Counties Bungoma, Kakamega, Nandi und Trans Nzoia in Kenias traditioneller Brotkorb-Region.

Ein aktueller Bericht an den Sekretär des Ministeriums für Ackerbau, Nutztierhaltung und Fischerei, Dr. Tuimur, stellt fest, das von 1,92 Millionen Hektar Mais, die durch Kenianische Bauern in diesem Jahr gepflanzt worden sind, mehr als 800.000 bedroht und 200.000 Hektar befallen sind.

Bauern müssen sich ständig Herausforderungen stellen, insbesondere durch Wetter und Schädlinge. So ist das vielleicht unser Los und wir sollten uns nicht beschweren.

Aber das ist nicht das, was ich glaube – zumindest nicht im Zeitalter der Biotechnologie, wenn bewährte Forschung Abhilfe schaffen kann durch ein verbessertes Verständnis von Saatgut-Genetik.

Leider hat Kenia den Anbau gentechnisch verbesserter Nutzpflanzen noch nicht eingeführt. Wir haben gesehen, wie diese Pflanzen den Ackerbau in Nord-und Süd-Amerika und sogar in den Sub-Sahara-Staaten Burkina Faso und Südafrika revolutioniert haben. Dort kommen die Landwirte in den Genuss von Rekordernten, die sie zu einem großen Teil der Biotechnologie verdanken.

Ein aktueller Bericht der Organisation International Service for the Acquisition of Agri-biotech Applications (ISAAA) stellt fest, dass in 2016 die Landwirte rund um den Globus mehr Gentechnikpflanzen angebaut haben als jemals zuvor. Die größte Mehrheit von ihnen sind Kleinbauern in Entwicklungsländern – genau die Art Bauern, die auch die Landwirtschaft in Kenia prägen.

Währenddessen schauen wir in Kenia zu und leiden.

Die Tragödie ist, dass wir wissen, was wir tun müssen, und dies ist, die Gentechnik-Pflanzen anzubauen, die Kenianische Forscher in den letzten Jahren entwickelt und getestet haben. Am 11. Mai begann die Kenianische Organisation KALRO (Kenya Agricultural and Livestock Research Organization) das zweite Jahr mit beschränkten Feldtests, um eine Maissorte zu untersuchen, die den Heerwurm abwehrt.

Ich nahm an der wegweisenden Zeremonie in Kitale teil und war davon beeindruckt, die akribische Planung hinter den Feldversuchen zu erleben. Forscher pflanzten Gentechnik und Nicht-Gentechnik-Mais nebeneinander und sorgten dafür, dass die Pollen nicht bis zu anderen Farmen abdrifteten.

Das ist ein bedeutender Meilenstein, aber genauso gut eine Erinnerung, dass wir uns zu langsam bewegt haben. Wenn diese Gentechnik-Technologie für die Bauern in Kenia in diesem Jahr bereits verfügbar gewesen wäre, hätten wir nicht diese Verluste erleiden müssen, die wir jetzt schon haben, und wären bewahrt worden vor diesen lähmenden Effekten des Herbst-Heerwurmes – und wir wären in einer viel besseren Ausgangslage, um unsere Familien und unser Land zu ernähren.

Stattdessen importierte die Kenianische Regierung, um der akuten Knappheit an Nahrung zu begegnen, Hunderte Tonnen Mais aus Südafrika und Mexiko sowie gelben Mais aus Russland und der Ukraine, genau wissend, dass diese Länder BT-Mais anbauen. Im Prinzip bezahlen sie ausländische Bauern für das, was Bauern in Kenia in der Lage sein sollten zu ernten, wenn sie denn Zugang zu den richtigen Werkzeugen hätten. Außerdem mussten wir nationale Agrar-Fördermittel umverteilen, damit Bauern zusätzliche Pflanzenschutzmittel kaufen konnten. Das ist der einzige Weg, den uns unsere Regierung gewährt, um unsere Pflanzen vor den verheerenden Schäden durch den Heerwurm zu schützen.

Gentechnik-Pflanzen werden nicht alle unsere Probleme lösen, aber sie sind ein klarer Fortschritt, wenn wir versuchen unsere drei Ziele zu erreichen: ein Einkommen für die Bauern, Nachhaltigkeit für die Umwelt durch Reduktion des Pestizideinsatzes sowie Ernährungssicherheit für die Kenianer im ganzen Land.

In diesem Anbaujahr haben wir durch die Schwierigkeiten gelitten und unseren Preis gezahlt. Wir haben auch das Potenzial einer sicheren Lösung gesehen. Nun, um unser Kenia willen, müssen wir moderne Wissenschaft annehmen und uns in Richtung Zukunft bewegen. Die Regierung muss den Anbau der Gentechnik-Maissorten, die durch KALRO entwickelt worden sind, erlauben.”

Dieser Artikel erschien zuerst am 26. Juni 2017 in Daily Nation (Nairobi, Kenia).

 

Bildnachweis: Gilbert Arap Bor

 

 

Mangels Weiden geschlossen?

Mangels Weiden geschlossen?

“Gemeinsam Gutes bewahren und Neues schaffen” – das ist das Motto des Hessischen Landgestütes Dillenburg. Doch damit soll nach dem Willen der Hessischen Umweltministerin Priska Hinz von den Grünen bald Schluss sein. Aus Gründen des Tierschutzes solle die Einrichtung geschlossen werden, teilte die Ministerin in einem Brief an die Stadt mit.

Die Nachricht traf in der mittelhessischen Stadt ein wie ein Schlag. So wirkt Dillenburgs stellvertretende Bürgermeisterin Elisabeth Fuhrländer (CDU) in einem Beitrag der hessenschau sichtlich bewegt:

Die Hessische Umweltministerin Priska Hinz von den Grünen sagt in diesem Video:

“Pferde sind große Tiere, sie brauchen Platz und sie haben das Recht auf mehrstündigen freien Auslauf auf der Weide.”

Anderen Medienberichten zufolge bezieht sich die Ministerin auf ein Urteil des Landgerichts Düsseldorf von 2006. In diesem Urteil geht es allerdings um Zuchtstuten und Jungpferde, das kann man nicht mit Hengsthaltung gleichsetzen. Zuchtstuten und Jungpferde werden nämlich im Sommer in der Regel ausschließlich auf der Weide gehalten, also 24 Stunden am Tag. Hengste lassen sich nicht so ohne weiteres auf der Weide halten, erst recht nicht in einer Gruppe. Von Weide ist in dem Urteil auch keine Rede, sondern nur von “3-4-stündige Bewegungsmöglichkeit im Freien”.

Selbst wenn die Ministerin mit ihren Einwänden Recht hätte: Die Landgestüte Warendorf, Celle und Zweibrücken liegen auch zentral in der Stadt. Sollte man die jetzt auch besser schließen?

Als weiterer Grund wird genannt, dass das Landgestüt rote Zahlen schreibe: Etwas mehr als 1 Million Euro pro Jahr. 1 Million Euro Verlust – wie viele Schwimmbäder in kommunaler Trägerschaft mag es wohl geben, die ähnlich schlechte Bilanzen aufweisen, ohne dass die Existenzfrage gestellt wird?

 

Dillenburg_-_Landgestüt
Bildnachweis: Oliver Abels (SBT), CC BY 2.5

Landgestüte waren früher dafür zuständig, den ländlichen Züchtern qualitativ hochwertige Vatertiere zur Verfügung zu stellen. Diese Bedeutung hat sich im Laufe der Zeit gewandelt. Die Zunahme der privaten Hengsthaltung sowie die Möglichkeiten der künstlichen Besamung haben die Bedeutung der Landgestüte verringert. Trotzdem sind sie nach wie vor wichtig für die Pferdezucht: Die Gene unpopulärer Linien sowie seltener Rassen werden dort gesichert. Das Landgestüt Dillenburg bietet mit Landmesser einen Vererber der Rasse Rheinisch-Deutsches Kaltblut als Besamungshengst an. In ganz Hessen gibt es laut Hengstverteilungsplan vom Verband der Pony- und Pferdezüchter Hessens – inkl. Landmesser – vier Deckhengste dieser Rasse, die in Kategorie III (“gefährdet“) der Roten Liste der Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen e.V. geführt wird.

Auch halten Landgestüte in der Regel Veredler vor, die für die Blutauffrischung notwendig sind. So ist in Dillenburg ein Araberhengst stationiert, der für die Rasse Deutsches Reitpony zugelassen ist. Die Reitponyzucht hat sich in den letzten Jahren auf wenige Top-Vererber konzentriert, frisches Blut ist da willkommen.

Das Land Hessen hat sich die Erhaltung alter Nutztierrassen auf die Fahne geschrieben und fördert die Haltung von Tieren der Rassen Rotes HöhenviehDeutsches Schwarzbuntes Niederungsrind, RhönschafCoburger Fuchsschaf sowie Weiße Deutsche Edelziege. Warum ist vor diesem Hintergrund dem Ministerium die Weiterführung des Landgestüts ein Dorn im Auge, zumal sich die Einrichtung auch als Aus- und Weiterbildungsbetrieb einen Namen gemacht hat?

 

Links:

• Petition: “Erhalten Sie das hessische Landgestüt Dillenburg, Frau Hinz!”

• Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen: Landgestüt Dillenburg

• Das Hessische Landgestüt Dillenburg

• Protest gegen Schließung: Stadt und Bürger wollen Dillenburger Landgestüt retten

• Gemeinsame Erklärung der Pferdezucht- und -sportverbände: Pferdehaltung im Landgestüt kein Grund für Schließung

 

 

 

Bildnachweis: Thomas Damm, CC BY-SA 2.5, via Wikimedia Commons

 

So wird das nichts

So wird das nichts

In einem Gastbeitrag für das Portal topagrar.com, der Anfang dieser Woche erschienen ist, formulieren die beiden Grünen-Politiker Dr. Robert Habeck und Friedrich Ostendorff ein Gesprächsangebot an die Landwirte. “Wir brauchen neue Instrumente, die Umwelt- und Tierwohlleistungen einen Preis geben, und so den Bauern ein Angebot für ihre Zukunft machen, jenseits von Wachse oder Weiche”, heißt es da u.a. Das klingt ja gut auf den ersten Blick, doch: Die Worte höre ich wohl, allein mir fehlt der Glaube. Warum sollten ausgerechnet die Grünen ausgerechnet zu Wahlkampfzeiten auf ihre typische Rhetorik und Polemik verzichten? Und warum sollten ausgerechnet die Landwirte vergessen, was sie sich in den letzten Monaten anhören durften: Ob Glyphosat, Antibiotika, Tierwohl, Biodiversität oder Nitrat im Grundwasser – kein Schlagwort wird ausgelassen, um die Zustände in der Landwirtschaft anzuprangern. Von Massentierhaltung, Agrarindustrie, Giftspritzen, Drogenhandel, Brunnenvergiftung, Monokulturen und systemimmanenten Problemen ist die Rede.

Allein die Beschreibung der Ausgangslage von Habeck und Ostendorff empfinde ich als unehrlich. Sicher ist es beklagenswert, dass immer mehr Höfe aufgeben müssen, aber mal ehrlich: Ist dieser Strukturwandel wirklich aufzuhalten? Vor allem: Ist dieser Strukturwandel wirklich mit grüner Politik aufzuhalten? Ein landwirtschaftlicher Betrieb hat nur dann eine Zukunft, wenn er für junge Menschen einen attraktiven Arbeitsplatz und ein gewisses Auskommen bietet. Daher sehe ich für die Betriebe im Wesentlichen zwei Perspektiven:
• Der Landwirt spezialisiert sich oder schafft einen Gemischtbetrieb, der durch interne Synergien Wettbewerbsvorteile hat, und wächst jeweils zu einer Größe heran, die es ihm ermöglicht, effizient zu wirtschaften und Fremdarbeitskräfte einzustellen.
• Oder er besetzt eine bestimmte Nische, idealerweise ein Hochpreissegment, zum Beispiel Direktvermarktung, Solidarische Landwirtschaft, Urlaub auf dem Bauernhof sowie Sonderkulturen und Spezialitäten.

Kleinere Betriebe, die keinen dieser beiden Wege einschlagen, werden es in Zukunft schwer haben, sich zu behaupten und Nachfolger zu finden. Denn auch das gehört inzwischen selbstverständlich zur modernen Arbeitswelt: ab und an ein freies Wochenende sowie Urlaub. Ein paar Agrarumweltmaßnahmen mehr werden keinen Betrieb aus seiner Misere retten, wenn die Grundstruktur nicht stimmt. So zu tun, als könne man mit einer durch Quasiplanwirtschaft erreichten Re-Extensivierung das Rad zurückdrehen, ist unehrlich. Auch wenn grüne Politiker wie Niedersachsens Christian Meyer behaupten, dass eine Milchmengenregulierung den Weg aus der Krise weist, ist das den Bauern gegenüber unfair, weil Meyer ganz genau weiß, dass das nicht stimmt.

Auch die Energiewende ist kein Musterbeispiel für gutes Gelingen grüner Politik, sondern ein Trauerspiel: die Stromkosten für private Haushalte sind massiv gestiegen, der CO2-Ausstoß hat zugenommen statt abgenommen und immer mehr Menschen wehren sich gegen die Errichtung von Windkraftanlagen oder Stromtrassen. Erst galten Landwirte als „Ölscheichs von morgen“ (Zitat von Renate Künast) und heute vermaisen sie die Landschaft und wissen nicht, wie sie ihre Biogasanlagen nach Ablauf der 20-jährigen Preisgarantie weiter betreiben sollen.

Alte Vorurteile und Rituale müssen aufgegeben werden? Mag sein, aber sicher nicht nur auf der Seite der Landwirte. Allein der Satz „Tiere können in den Ställen ihre natürlichen Verhaltensweisen nicht ausleben, ihnen werden Schwänze oder Schnäbel gekürzt.“ ist ein Affront und kein Gesprächsangebot. So wird das nichts.

 

Bildnachweis: Screenshot topagrar.com

 

Neue Bauernregeln 2.0

Neue Bauernregeln 2.0

Der Verein Deutsches Tierschutzbüro e.V. hat die vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) initiierte Kampagne “Neue Bauernregeln” aufgegriffen und führt diese nach eigenen Angaben fort, nachdem Ministerin Dr. Barbara Hendricks die Maßnahme gestoppt hatte.

Neben Plakaten und Social-Media-Aktivitäten sowie einem Internetauftritt unternimmt das Tierschutzbüro auch eine Art Roadshow – alles mit derselben Bildsprache und demselben Claim, welche ursprünglich vom BMUB beauftragt und realisiert worden sind.

Der Aufwand, den die Tierschutz-Organisation dabei betreibt, ist beträchtlich. Die Forderungen auf der Kampagnen-Website lauten:

“Massentierhaltung ist Tierquälerei! Schlecht für die Umwelt, ungesund für alle und Viehwirtschaft ist schon lange nicht mehr natürlich. Daher fordern wir: Jetzt handeln und Gesetze ändern!”

Befremdlich erscheint das folgende Statement vom Pressesprecher des Vereins. Philipp Evenburg behauptet, dass Frau Ministerin Dr. Barbara Hendricks die Kampagne gerne weitergeführt hätte:

Auf Anfrage bezieht ein Sprecher des BMUB per E-Mail folgendermaßen Stellung zu den Aktivitäten des Tierschutz-Vereins:

“Wir betrachten die Aktivitäten des „Deutschen Tierschutzbüros“ im Übrigen nicht als Fortsetzung der Kampagne des BMUB, auch wenn dies von Seiten der Urheber so intendiert sein sollte und behauptet wird.

Die Adaption unserer Bauernregeln durch Dritte, und sei es auch nur durch optische und grafische Ähnlichkeiten, geschieht ohne Einverständnis und Zutun des Bundesumweltministeriums. Nach Einschätzung unseres Justiziariats bestehen sichere Rechtsansprüche unsererseits jedoch nur bei der identischen Verwendung der Motive.

Das ist weder bei den Motiven, die beispielsweise der Deutsche Bauernverband (DBV) Anfang Februar auf Twitter verbreitet hat, noch etwa bei dem Plakatmotiv des Vereins „Deutsches Tierschutzbüro e.V.“ der Fall. In diesen beiden Beispielen – wie auch in anderen Fällen – sind Aufmachung und Teile der grafischen Gestaltung zwar ähnlich wie die Motive des BMUB, weisen aber auch eine Reihe von gravierenden Abweichungen auf.

Aufgrund dieser rechtlichen Unsicherheiten halten wir es nicht für ratsam, uns an dieser Stelle in eine juristische Auseinandersetzung zu begeben – sei es mit dem Bauernverband oder mit Tierschützern.”

Meine Nachfrage, ob denn geplant sei, dass sich die Ministerin öffentlich von den Aktivitäten des Vereins Deutsches Tierschutzbüro e.V distanzieren werde, blieb unbeantwortet.

Dem Berliner Senator für Justiz, Verbraucherschutz und Antidiskriminierung scheint die Neuauflage der “Neuen Bauernregeln” jedenfalls zu gefallen. Er twitterte Anfang dieser Woche:

Und für diese Unterstützung bedankt sich artig – na, wer wohl? Richtig: Der Pressesprecher des Vereins Deutsches Tierschutzbüro e.V.: Philipp Evenburg. Man kennt sich offensichtlich:

 

Bildnachweis: Deutsches Tierschutzbüro e.V.

Die Antwort

Die Antwort

Letztlich hatte Dr. Barbara Hendricks also doch ein Einsehen: Das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) wird die Plakatkampagne mit den neuen Bauernregeln nicht fortführen. Dr. Heike Müller, Landwirtin und Vizepräsidentin des Bauernverbandes Mecklenburg-Vorpommern, hatte – wie viele andere auch – an die Ministerin geschrieben. Zu lesen war ihr Offener Brief an Frau Dr. Hendricks auch hier im Blog. Jetzt ist eine Antwort vom Ministerium eingetroffen. Möge sich jeder sein eigenes Urteil bilden:

“Sehr geehrte Frau Dr. Müller,

haben Sie vielen Dank für Ihre Zuschrift vom 3.Februar 2017 zur Kampagne „Gut zur Umwelt. Gesund für alle.“ des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB).

Mit dieser Kampagne haben wir eine öffentliche Debatte angestoßen, die teilweise sehr kontrovers geführt wurde. Unser Ziel war, den Blick auf Fehlentwicklungen in der Landwirtschaft zu lenken. Unbestreitbar ist beispielsweise der Rückgang der Artenvielfalt in Regionen intensiver Landwirtschaft oder die Belastung des Grundwassers durch die Überdüngung der Böden. Hier müssen wir besser werden: um die biologische Vielfalt zu erhalten, unsere Böden und Gewässer zu schützen und auch für mehr Tierwohl. Landwirte und Naturschützer können das nur gemeinsam erreichen, dafür müssen wir eng zusammenarbeiten und kooperativ nach Lösungen suchen.

Die von uns bisher nur im Internet und in den sozialen Medien veröffentlichten Motive mit neuen „Bauernregeln“ haben auf unkonventionelle, frische und fröhliche Art auf ein wichtiges Thema aufmerksam gemacht. Wie können wir Landwirtschaft und Umwelt besser zusammenbringen? Dass dies ein Thema ist, das viele Menschen beschäftigt, lässt sich auch daran ablesen, dass sich die „Bauernregeln“ in Windeseile verbreitet haben – ohne dass ein einziges großes Plakat aufgehängt werden zu werden brauchte.

Wir sind weiterhin überzeugt, dass unsere Bauernregeln nicht dazu angetan sind, jemanden zu beleidigen oder in seiner Ehre zu verletzen. Die Ministerin nimmt aber zur Kenntnis und respektiert, dass dies von Vielen ganz anders empfunden wurde und wird. Sie hat öffentlich bedauert, dass solche Empfindungen ausgelöst wurden. Deshalb haben wir entschieden, die Bauernregeln im Rahmen der weiteren Kampagne nicht mehr einzusetzen.

Das Thema ist und bleibt der Bundesumweltministerin aber sehr wichtig. Jetzt geht es darum, die Aufmerksamkeit, die wir im ersten Schritt für dieses wichtige Thema erzeugt haben (auch dank der „Bauerregeln“), für einen konstruktiven Dialog zu nutzen – mit Landwirten, Verbrauchern und Naturschützern. Wir setzen uns auch weiterhin für eine Agrarwende in Deutschland ein: Dazu gehört nicht nur, dass Landwirtschaft sozialer und ökologischer werden muss. Wir wollen auch, dass die Agrarfördermittel aus Brüssel umweltgerechter verteilt werden. Bäuerinnen und Bauern sollen faire Preise bekommen – für ihre Produkte und für Leistungen, die sie im Interesse der Gemeinschaft für den Natur- und Landschaftsschutz erbringen. Wie wir diese Ziele erreichen können, dazu wollen wir einen breiten gesellschaftlichen Dialog anstoßen.

Die Kampagne führen wir aber weiter, denn das Thema ist und bleibt wichtig. Der inhaltliche Kern unserer „Bauernregeln“ wurde bisher auch nicht ernsthaft angezweifelt oder widerlegt. Wir nutzen die bis jetzt erreichte Aufmerksamkeit eines großen Teils der Öffentlichkeit für das Thema und gehen einen nächsten Schritt hin zu unserem Kernanliegen: Wir treten in einen breiten Dialog.

Für weiterführende Informationen möchten wir Sie an dieser Stelle auch gern auf die folgenden Links auf der BMUB-Homepage hinweisen:

Mit freundlichen Grüßen

Im Auftrag
Ihr Bürgerservice im BMUB

Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz,
Bau und Reaktorsicherheit
Stresemannstraße 128 – 130
10117 Berlin
E-Mail: buergerservice@bmub.bund.de

www.bmub.bund.de/buergerforum
www.twitter.com/bmub
www.youtube.com/user/Umweltministerium

 

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Mal abgesehen davon, dass es nicht stimmt, dass die Plakate “bisher nur im Internet und in den sozialen Medien” veröffentlicht worden sind (siehe Foto): Ist so ein Serienbrief der Sache angemessen?

Mein Fazit: Nutzt die Möglichkeit, Euch einzubringen und schreibt im Dialogforum Eure Sicht in Sachen zukunftsfähige Landwirtschaft. Die ersten Beiträge sind schon da. Ein Blick lohnt sich!

 

Bildnachweis: Plakat mit neuer Bauernregel, gesichtet am Flughafen Berlin-Tegel von Marcus Mager

Aufruf zum Dialog! Wirklich?

Aufruf zum Dialog! Wirklich?

Täglich gibt es neue Positionierungen in den Medien zu den Bauernregeln des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB). Auch die Ministerin selbst hat inzwischen Stellung genommen in einem Brief an ihren Kollegen Landwirtschaftsminister Christian Schmidt. Trotzdem spalten die Sprüche weiterhin die Gemüter. Dr. Barbara Hendricks erläutert in dem öffentlichen Schreiben ihre Motive:

“In der Tat steht dies im Zusammenhang mit dem Bürger-Beteiligungsverfahren zur Zukunft der europäischen Agrarpolitik. Ich möchte dazu beitragen, dass möglichst viele Menschen in unserem Land sich daran beteiligen. Es geht um das System der Agrarförderung und damit um die Neuordnung des größten Ausgabenpostens in der EU. Über den gesamten nächsten Finanzplanungszeitraum wird es um einen deutlich dreistelligen Milliardenbetrag an Steuergeldern gehen. Da ist es wichtig, dies nicht nur als Diskussion innerhalb der Landwirtschaft anzusehen, sondern eine, die letztlich jeden angeht.”

Die Ministerin möchte also darauf aufmerksam machen, dass EU-weit eine Online-Befragung der Bürger zur Agrarpolitik gestartet ist. Bei dieser sogenannten Konsultation kann jeder seine Meinung äußern, wie die EU ihre Agrarförderung in den nächsten Jahren gestalten soll. Dieses Element direkter Demokratie sollten möglichst viele Menschen nutzen – das sehe ich auch so. Nur, wie gut wurde diese Absicht in den Werbemaßnahmen des BMUB umgesetzt?

Ich möchte mal heute einen handwerklichen Blick auf die Plakat-Motive werfen. Schließlich habe ich auch einmal im PR-Bereich gearbeitet. Wie hätte ich eigentlich die Intention der Kampagne, Dialog und Diskussion zu fördern und die Teilnahme an der Konsultation anzuregen, umgesetzt? Doch schauen wir uns erst einmal eins der Plakate an:
plakat_schwein.jpg
Der geschilderte Sachverhalt wurde hier offensichtlich dem Zwang, eine bestimmte Form einhalten zu müssen, untergeordnet. Auf einem Bein steht ein Schwein gar nicht mehr, würde ich sagen, sondern es liegt wohl eher. Was das Thema Tierwohl im Umweltministerium zu suchen hat, bleibt vermutlich ein Rätsel. Eventuell ist das aber auch eine bewusste Kompetenzüberschreitung, um entsprechende Reaktionen zu provozieren. – Hat ja auch geklappt. – In der Konsultation kommt das Thema Tierschutz aber kaum vor. Teilnehmer, die um mehr Tierwohl bemüht sind, können ihre Präferenz nur bei wenigen Fragen unterbringen.

Ob das Motiv Aufmerksamkeit erweckt, wage ich zu bezweifeln. Normalerweise wird mit großen Fotos oder Bildern gearbeitet – Eyecatchern halt. Wenn ein Plakat allein mit Text Aufmerksamkeit erwecken will, muss die Schrift “knallen”, also klar und deutlich ins Auge fallen. Wir erinnern uns an die “Umparken-im-Kopf”-Kampagne von Opel: Schwarze Blockbuchstaben auf gelben Grund, Logo, flotter Spruch – das hat neugierig gemacht. Die Schrift von den Bauernregelplakaten ist schlecht lesbar. Der Kontrast zum Hintergrund könnte klarer sein. Der Retrochic-Stil hat natürlich einen gewissen Charme, aber das war es dann auch. Es gibt noch einen entscheidenden Unterschied zur Offensive des Autoherstellers: Die Opel-Plakate hatten alle ein sogenanntes Response-Element, also eine einfache Möglichkeit, Kontakt aufzunehmen, umgesetzt durch einen QR-Code sowie einen Hashtag. Die Plakate des BMUB verweisen lediglich auf die Website “bundesumweltministerium.de/bauernregeln“. Wer soll sich diese Buchstabenkolonne merken, geschweige denn eintippen? Das macht doch keiner. Wer die Mühe auf sich nimmt, gelangt zur Kampagnen-Website http://www.neue-bauernregeln.de/. Warum wurde eigentlich nicht dieser einfachere und viel einprägsamere Link auf die Plakate gedruckt?

Zurück zur Ausgangsfrage: Auf den Plakaten stand ja nichts von der EU-Konsultation zur Agrarpolitik, dann wird bestimmt auf der Website dafür geworben werden. Schließlich wollen wir die Menschen ja animieren mitzumachen. Pustekuchen: Wer auf den roten Button “Mehr Infos zum Thema” klickt, gelangt zu einer Seite, auf der bekannte BMUB-Positionen zum Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und zur sogenannten Intensivtierhaltung recycelt werden, kein Hinweis zur Konsultation. Hinter dem Link “Aktuelles” gelangt man schließlich zu einer Nachrichtenübersicht. Dort gibt es einen Nachrichten-Teaser zur Bürgerbefragung mit Datum vom 4. Februar 2017. Klickt man hierauf gelangt man tatsächlich zur Startseite der Konsultation. Das war jetzt sehr mühselig.

Wenn ich wirklich Menschen motivieren will, an einer umfangreichen Onlineumfrage teilzunehmen, noch dazu an einer sehr langen (rund 20 Minuten) und sehr abstrakten, dann muss ich ihnen zumindest den Start erleichtern, diese Umfrage überhaupt im Netz zu finden, zum Beispiel mit einem QR-Code, der direkt zur Startseite der Befragung führt oder meinetwegen zu einer Website des BMUB, die eventuell noch ein paar technische Tipps gibt. Die im Brief der Ministerin getätigten Aussagen zur Intention der neuen Bauernregeln sind somit in höchstem Maße unglaubwürdig.

Ich hätte mich zudem auf positive Botschaften konzentriert wie “Ringelblum’, Klee und Phacelia sind für die wilden Bienen da.” Mit diesem Satz hätte man die Chancen illustrieren können, die die Neugestaltung der EU-Agrarförderung bietet, nämlich Bauern z.B. bei der Anlage von Blühstreifen und -flächen weiterhin zu unterstützen und damit Lebensräume für Tiere zu schaffen. Wenn man gewollt hätte, wäre es möglich gewesen, alle Themenbereiche positiv zu beschreiben. Damit wäre man den Landwirten dann auch nicht auf die Füße getreten. Wenn man gewollt hätte …

Der Hashtag “#Agrarwende” ist von Bündnis 90/Die Grünen als politischer Kampfbegriff etabliert worden. Der Ausdruck ist damit belegt. Er steht für einen von manchen NGOs zum Teil radikal geforderten Systemwechsel. In ihren Social Media Maßnahmen verwenden auch das BMUB und seine Chefin diesen Hashtag. Darum wundert es etwas, wenn die Ministerin schreibt:

“Erst durch die bewusste Fehldeutung, es handele sich um eine Kampagne gegen die gesamte Landwirtschaft, wird doch ein Zungenschlag herbeigeredet, den es in den Aussagen auf den Plakaten gar nicht gibt.”

Die Plakate sind in der Tat wenig aussagekräftig. Ich glaube inzwischen, sie dienen lediglich dem Zweck, im Netz für Gesprächsstoff zu sorgen. Von daher reicht es nicht, nur die Offline-Inhalte anzuschauen, um den Ärger der Bauern zu verstehen. Auf den nebulösen Inhalt der Plakate angesprochen antwortet der Pressesprecher des BMUB auf Twitter:

War der Shitstorm somit von Anfang an einkalkuliert, um die Inhalte von Hendricks Agrarpolitik bekannter zu machen?

Eins hat Frau Dr. Hendricks mit ihrer Kampagne auf jeden Fall geschafft: Viele Landwirte sind durch die Bauernregeln erst auf die Konsultation aufmerksam geworden und sind jetzt hoch motiviert, den Online-Fragebogen auch gewissenhaft auszufüllen.

Die Ministerin hat dieser Tage jedenfalls viel Gelegenheit, ihre Dialogbereitschaft unter Beweis zu stellen. Denn sie dürfte derzeit eine Menge Post bekommen.

Übrigens: Ich habe den Fragebogen zur EU-Konsultation schon ausgefüllt und abgeschickt. Und Du?

Twittern wie …

Twittern wie …

Die neue Kampagne des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) zieht auch auf Twitter Kreise. Und das BMUB twittert zurück. Ich werde das jetzt nicht kommentieren, die Texte sprechen für sich: