Konstruiertes Plagiat

Konstruiertes Plagiat

Im Kampf um Deutungshoheit beim Herbizid-Wirkstoff Glyphosat wird mit harten Bandagen gekämpft. Die Gegner schrecken auch nicht davor zurück, ungeheuerliche Vorwürfe gegen das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), das für die Risikobewertung von Glyphosat in der EU zuständig ist, zu erheben. Die österreichische NGO Global 2000, behauptet sogar, das BfR habe von Monsanto abgeschrieben:

“Der Glyphosat-Bewertungsbericht des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) ist ein Plagiat. Unsere Recherchen ergaben, dass große Teile des Berichts de facto wortwörtlich vom Hersteller Monsanto abgeschrieben wurden.”

Um seine Behauptung zu belegen, hatte Global 2000 sogar ein Plagiatsgutachten in Auftrag gegeben. Der Auftragsumfang umfasste laut Gutachten:

“Aufgabe des Gutachters war es, die drei Unterkapitel B.6.4.8, B.6.5.3 und B.6.6.12 des Reports „Final addendum to the Renewal Assessment Report. Risk assessment […] for the active substance GLYPHOSATE […]“, Oktober 2015, 4322 Seiten (im Folgenden immer kurz: Report) mit dem Dokument M des Annexes II, Section 3, Point 5: „Toxicological and toxicokinetic studies“ des Antrags „Glyphosate & the IPA-, K-, NH4- und DMA salts of glyphosate […] Application for Renewal of Approval […]“ der „Glyphosate Task Force“ (Urheberhinweis: „Monsanto Europe S.A. on behalf of the ‚Glyphosate Task Force‘“), Mai 2012, Belgien, 1027 Seiten (im Folgenden immer kurz: Antrag) auf Textkonkordanzen zu vergleichen.”

Der Gutachter hatte also lediglich die Aufgabe, sich drei Abschnitte aus dem Unterkapitel B.6 “Toxicology and metabolism” anzusehen und mit den Antragsunterlagen der Hersteller zu vergleichen. Das BfR weist selbst allerdings in der Einleitung zu diesem Unterkapitel B.6 (S. 513, abrufbar über http://registerofquestions.efsa.europa.eu/roqFrontend/outputLoader?output=ON-4302) darauf hin, dass es für diesen immerhin mehr als 940 Seiten umfassenden Teil des Berichts ein besonderes Verfahren gewählt hatte. Im Einleitungstext zu Unterkapitel B.6 “Toxicology and metabolism” steht der Hinweis:

“Due to the large numer of submitted toxicological studies, the RMS [RMS=Rapporteur Member State, Anm. d. Red.] was not able to report the original studies in detail and an alternative approach was taken instead. The study descriptions and assessments as provided by GTF were amended by deletion of redundant parts (such as the so-called ”executive summaries”) and new enumeration of tables. Obvious errors were corrected. Each new study was commented by the RMS. These remarks are clearly distinguished from the original submission by a caption, are always written in italics and may be found on the bottom of the individual study summaries.”

Diese Vorgehensweise, die Beschreibungen der Glyphosat Task Force (GTF) zu übernehmen und lediglich zu kommentieren, bezog sich allerdings nur auf dieses Unterkapitel und war der schieren Menge des Datenmaterials geschuldet. Alle Teile, die in dem Plagiatsgutachten von Global 2000 untersucht worden sind, stammen aus diesem Unterkapitel B.6.

Auch den Glyphosat-Kritikern war schon lange bewusst, dass das BfR hier so vorgegangen ist. Bereits im Juni 2015 hatte sich Harald Ebner, Bundestagsabgeordneter von Bündnis 90/Die Grünen, unter Bezugnahme auf einen Artikel in The Guardian an das Bundesministerium für Landwirtschaft und Ernährung (BMEL) gewandt und sich erkundigt, welche Teile “im toxikologischen Teil” “aus der Feder der BfR-MitarbeiterInnen stammen” und ob das ein übliches Vorgehen nach globalen Risikobewertungsstandards sei. Staatssekretär Peter Bleser gab ihm folgende Antwort:

“Zusätzlich hat das BfR im “Volume 3” des RAR [RAR=Renewal Assessment Report], Anm. d. Red.] – für die toxikologischen Originalstudien – aus Gründen der Transparenz auch die detaillierten Studienbeschreibungen und die Bewertungen der “Glyphosate Task Force” (GTF) mitgeteilt und diese nach Prüfung kritisch kommentiert (in kursiver Schrift). So kann für jede einzelne Studie nachvollzogen werden, ob das BfR und die GTF zu gleichen oder unterschiedlichen Bewertungen gekommen ist.

Bei dem geschilderten Vorgehen handelt es sich um ein übliches Vorgehen auch in anderen Bereichen von Zulassungsverfahren über die Pflanzenschutzmittelprüfung hinaus.”

Wie absurd der Vorwurf von Global 2000 ist, zeigt sich auch an dem Umstand, dass die NGO die zitierten Abstracts der Studien auch als Plagiat wertet, hier ein Beispiel:

Diese Abstracts (“Zusammenfassungen”) sind Teil jeder wissenschaftlichen Veröffentlichung und wurden bereits von der GTF abgeschrieben, oder besser: zitiert.

Die eigentlichen Schlussfolgerungen und Empfehlungen befinden sich in anderen Teilen des RAR. Das gesamte Volume 3 besteht im Prinzip aus technischen Auflistungen und Beschreibungen des verwendeten Datenmaterials.

Dies und der Umstand, dass das BfR seine Vorgehensweise von Anfang an transparent gemacht hat, lässt den Plagiatsvorwurf in sich zusammen fallen.

Und noch eins muss festgehalten werden: Wie die Anfrage von MdB Ebner zeigt, waren den Glyphosat-Gegnern diese Zusammenhänge seit mehr als zwei Jahren bewusst. Warum wurde diese vermeintliche Joker-Karte erst jetzt ausgespielt?

 

Infofluss: Panta rhei

Infofluss: Panta rhei

Die jetzt veröffentlichte E-Mail-Korrespondenz von Christopher Portier wirft interessante Fragen auf. In dem Schreiben vom 11. November 2015, in dem Portier nach eigenen Angaben mehrere Hundert Wissenschaftler (“several hundred colleagues”) auffordert, seinen Offenen Brief an EU-Gesundheitskommissar mit zu unterzeichnen, bezieht er sich auf ein Dokument (“Addendum”) des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR). In diesem Addendum legt das BfR seine Auswertung der IARC-Bewertung von Glyphosat da.

Dieses BfR-Dokument war zum Zeitpunkt der E-Mail Portiers noch nicht offiziell veröffentlicht worden. Die EFSA hat das Schriftstück erst am 19. November 2015 hochgeladen. Daher verweist Portier in seinem Schreiben auf einen Download-Link auf dem Server des MDR. Der alte Link funktioniert aufgrund eines Website-Redesigns nicht mehr, dafür aber dieser hier: http://www.mdr.de/investigativ/rueckblick/fakt/fakt-glyphosat-bfr-bewertung100.html.

Wie kommt ein nicht offizielles Dokument dorthin? Am 28. September 2015 fand im Deutschen Bundestag eine Anhörung des Ausschusses für Ernährung und Landwirtschaft zum Thema Glyphosat statt. Laut Protokoll wurde den Teilnehmern eine Fassung des Addendums ausgehändigt. So sagt der Ausschussvorsitzende Alois Gerig in seiner Sitzungseröffnung:

“Wir haben erhalten vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft
(BMEL) ein noch nicht öffentliches Addendum, das uns auf Anforderung aus dem Ausschuss heute Vormittag zur Verfügung gestellt wurde.”

Die PDF-Fassung des Addendums, die unter mdr.de abrufbar ist, ist deutlich erkennbar aus einer Hardcopy hervorgegangen. Lochungen sind zu erkennen und die Qualität lässt darauf schließen, dass es ggf. sogar mehrfach kopiert bzw. gefaxt worden ist.

Der MDR war mit einem Kamerateam zur Anhörung vor Ort, wie aus einem Bericht hervorgeht, der online abrufbar ist. Spätestens dort wird der Sender Kenntnis von dem Dokument bekommen haben. Wie kommt das noch nicht veröffentlichte Addendum nun zum MDR? Der Verdacht liegt nahe: Irgendwer, der bei der Anhörung im Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft anwesend war und/oder Zugriff auf das Papier hatte, hat das Addendum geleakt, aber wer?

In dem MDR-Bericht wird behauptet, dass das BfR die krebserregende Wirkung von Glyphosat in bestimmten Nagerstudien übersehen hat. Damit folgt der MDR im wesentlichen der Kritik, die Christopher Portier in der Anhörung vortrug:

“Zudem erschwert die Tatsache, dass sie [gemeint ist das BfR, Anm. d. Red.] sich weigern, die Tierstudien anzuschauen, und dass sie alle Krebsstudien zu Tieren als negativ bewerten, eine Beurteilung der Risikobewertung, die sie für Krebs vorgenommen haben, denn sie haben keine Risikobewertung für Krebs vorgenommen. Da die IARC die Krebsstudien als gentoxisch bewertet, wäre die Risikobewertung für Krebs deutlich anders als die Risikobewertung für die Nicht-Krebs-Endpunkte, und die Methode müsste auch eine andere sein – falls ich die europäischen Verfahren für den Umgang mit diesen Arten von Chemikalien richtig verstehe. Ich kann die BfR-Risikobewertung also nicht beurteilen, weil sich meine Meinung, der gemäß Glyphosat gentoxisch und die Epidemiologie wichtig ist, gänzlich von der BfR-Meinung unterscheidet. Und daher hat das BfR keine Risikobewertung erstellt, die ich evaluieren könnte.”

Die Süddeutsche Zeitung griff die Kritik des MDR auf und zitiert Harald Ebner, Bundestagsabgeordneter von Bündnis 90/Die Grünen:

“Harald Ebner, Agrarexperte der Grünen im Bundestag, hat für die Geheimniskrämerei kein Verständnis. Es müsse geklärt werden, ob das Bundesinstitut so weiterarbeiten könne, verlangt er.”

studien_glyphosat.pngDabei ist das BfR nicht das einzige Institut, das aus den Nagerstudien keine Evidenz für Krebsentstehung ableitet. Eigentlich ist es genau andersherum: Die IARC ist die einzige Organisation, die das tut, alle anderen internationalen Einrichtungen sind derselben Meinung wie das BfR (siehe Tabelle). Vor diesem Hintergrund wirkt der O-Ton von Harald Ebner im MDR-Bericht geradezu ignorant:

“Die Studien sind ja nicht neu. Das sind ja Studien, die sind schon einige Jahre alt. Da frage ich mich schon: Wie konnte man das bislang übersehen? Warum ist das BfR bislang zu dem Schluss gekommen: Keine Signifikanz, keine Kanzerogenität?”

Der MDR verweist an dieser Stelle auf das Addendum, in dem das BfR die unterschiedlichen Herangehensweisen von IARC und BfR erklärt:

“Due to the application of different statistical approaches selected for evaluation, IARC and RMS came to diverging conclusions when evaluating cancer incidences in animal studies. IARC included a trend test (generally according to Cochran-Armitage) for statistical evaluation of the data (IARC, 2015, ASB2015-8421). In contrast, initially, the RMS relied on the statistical evaluation provided with the study reports, which was performed and documented as foreseen in the individual study plans (RAR, April 2015, ASB2015-1194).”

Das BfR habe sich auf die Berechnungen der Studienautoren und damit der Herstellerfirmen verlassen, lautet das Resümee der MDR-Reporter. Sie lassen den Toxikologen Peter Clausing zu Wort kommen, der das “ihm exklusiv zugespielte” Addendum für die NGOs Pestizid Aktions-Netzwerk (PAN) und Campact ausgewertet hatte:

“Die Tatsache, dass Industriestudien blind übernommen wurden und einfach nur wieder gegeben wurden, das ist einfach skandalös.”

Liest man an der entsprechende Stelle im Addendum weiter, erfährt man jedoch, dass das BfR sehr wohl eigene statistische Berechnungen vorgenommen hat:

“In order to systematically assess the impact of choice of statistical method, a number of neoplastic endpoints in key-studies were re-evaluated by the RMS for this Addendum using the Fishers exact test and the Cochran-Armitage test, as both are explicitly recommended in the OECD guidance documents cited above. The Cochran-Armitage Test was performed using BMDS version 2.4.0.70. The Fisher-Yates test (Fisher´s exact test) was done using SigmaPlot version 11.2.0.5. The Fisher exact test was replaced by the Chi-square test if N was >50 for all groups.”

Auch das BfR hat in einer Studie eine Signifikanz für Tumorentstehung entdeckt, allerdings gewichtet das BfR die Studie anders, weil es sich um eine Hochdosis-Studie handelt und andere Studien den Zusammenhang nicht bestätigen, und wendet schließlich andere Kriterien für die Einordnung an:

“Overall, based on the study results and the CLP criteria RMS concluded that the evidence of carcinogenicity is conclusive but not sufficient for classification.”

Dass die IARC-Bewertung auch in den eigenen Reihen nicht ganz unumstritten ist, zeigt eine Reaktion auf das Schreiben von Christopher Portier an seine “mehrere Hundert” Kollegen. Ellen Silbergeld, Expertin für Umweltgesundheit an der Johns Hopkins Universität in Baltimore, wendet ein, sie habe Bedenken:

“Ich denke, dass ist ein Beispiel, wie wir uns alle auf dünnem Eis bewegen, wenn jede Gruppe eine Bewertung vornimmt mit einem nicht vollständigen Überblick über die Literatur.”

Wie auch immer das Drama um Glyphosat ausgehen wird, ein Verlierer steht bereits jetzt fest: die Wissenschaft. Die E-Mail-Korrespondenz von Christopher Portier weist zahlreiche Kontakte zu Medien und NGOs in Europa und in den USA auf. Es entsteht der Eindruck, dass hier weniger die Suche nach der Wahrheit im Vordergrund stand, als der Versuch, möglichst viel Aufmerksamkeit zu generieren, Eitelkeiten zu pflegen und seine Mission zu erfüllen. In einer E-Mail vom 21. Oktober 2015 an seine frühere Vorgesetzte Linda Birnbaum, Direktorin des National Institute of Environmental Health Sciences und Direktorin des National Toxicology Program, beschreibt Portier seine Aktivitäten folgendermaßen:

“Ich habe auch etwas Spaß daran, die IARC-Ergebnisse zu Glyphosat in die europäischen Entscheidungsprozess um die Neuzulassung zu drücken. Ich bin mir nicht sicher, ob das mehr Einfluss haben wird, als es für die EFSA etwas ungemütlich zu machen, aber ich versuche es.”

Jo, mit einem Stundenlohn von 450$ macht das bestimmt Spaß.

 

Bildnachweis: Screenshots MDR

Networking

Networking

Die US-amerikanische Anti-Gentechnik-NGO U.S. Right to know hat auf ihrer Website weitere Unterlagen aus der Schadenersatzklage gegen Monsanto veröffentlicht. Unter den Unterlagen sind neben den Rechnungen, die Glyphosat-Gegner Christopher Portier an die Anwaltskanzlei schrieb, die die Kläger vertritt, auch Teile der E-Mail-Korrespondenz von Portier mit Kolleginnen und Kollegen der Internationalen Agentur für Krebsforschung IARC und/oder mit Vertretern der Medien.

Ende November 2015 schrieb Christopher Portier zusammen mit rund 95 weiteren Wissenschaftlern einen Offenen Brief an EU-Gesundheitskommissar Vytenis Andriukaitis. In diesem Brief kritisiert Portier die Risikobewertung für Glyphosat des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR). Wie eine der jetzt veröffentlichten E-Mails nahelegt, hat Portier für die mediale Verbreitung seines Briefes Schützenhilfe aus der bundesdeutschen Politik bekommen. Ein Mitarbeiter aus dem Büro des Bundestagsabgeordneten Harald Ebner, Bündnis 90/Die Grünen, quittiert Portiers Nachricht, dass der Brief verschickt sei, mit den Worten “Thank you! Then I will start sending now.” Anscheinend hat man hier im Vorfeld etwas abgesprochen. Was genau, geht aus der E-Mail nicht hervor.

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Quelle: https://usrtk.org/wp-content/uploads/2017/10/Portier-and-IARC-related-documents.pdf

Aus einer weiteren E-Mail vom selben Tag lässt sich schließen, dass Christopher Portier die Nachricht von dem Brief an Andriukaitis mit einer Sperrfrist versehen hat. Portier leitete die an den Gesundheitskommissar verschickte E-Mail weiter an IARC-Mitarbeiterin Kate Guyton mit dem Kommentar “Embargoed until monday”. Montag ist in diesem Fall der 30. November 2015.

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Quelle: https://usrtk.org/wp-content/uploads/2017/10/Portier-and-IARC-related-documents.pdf

Pünktlich am Montagmorgen noch vor 8:00 Uhr Ortszeit wartete die Süddeutsche Zeitung mit ihrer Schlagzeile auf: “Wissenschaftler protestieren gegen Glyphosat-Bewertung“. Bereits am Wochenende hatten die Autoren Silvia Liebrich und Andreas Rummel die Stellungnahme vom BfR eingeholt. Man war also bestens vorbereitet. Die Pressemitteilung von MdB Harald Ebner vom gleichem Tag zum gleichen Thema fällt im Vergleich zur Berichterstattung recht schmal aus. Ohne groß auf die Inhalte des Briefes einzugehen, wird gefordert:

“Nächste Woche tagt der auch für Pestizide zuständige Ausschuss der EU-Kommission für Pflanzen, Tiere, Lebens- und Futtermittel mit Regierungsvertretern aller EU-Staaten. Auf der Tagesordnung steht die EFSA-Empfehlung für Glyphosat. Die Bundesregierung muss sich dafür einsetzen, die EFSA-Empfehlung nach Parma zurückzugeben und neu aufzurollen.”

Hier soll also Druck aufgebaut werden, die Entscheidung der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA, die Glyphosat für unproblematisch hält, zurückzuweisen.

Pikant ist, dass Christopher Portier zu diesem Zeitpunkt bereits bei der Kanzlei  Lundy, Lundy, Soileau & South unter Vertrag stand. In dem Offenen Brief an Vytenis Andriukaitis steht davon nichts und seinen Kollegen verrät Portier auch nichts von dem Engagement. Das wiederum ist nachzulesen in dem Schreiben, mit dem er aufruft, seinen Brief mit zu unterzeichnen.

Ob den Wissenschaftlern, die damals unterschrieben haben, bewusst war, worum es hier eigentlich geht?

Mehr Sicherheit beim Pflanzenschutz

Mehr Sicherheit beim Pflanzenschutz

Im Zuge der Debatte um die Verlängerung der EU-Genehmigung für den Herbizid-Wirkstoff Glyphosat wurde das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) massiv kritisiert, dass es bei der Risikobewertung der Substanz nicht kritisch genug vorgegangen sei. Jetzt wurden in Deutschland weitere Aspekte in die Bewertung der gesundheitlichen Risiken von Pflanzenschutzmitteln aufgenommen und weder in den Medien noch in der Fachwelt oder in der Politik findet das irgendeine Resonanz.

Am 23. Februar 2017 veröffentlichte das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) Änderungen bei der Zulassung von Pflanzenschutzmitteln:

“Ab dem 1. März 2017 wird das Ergebnis der vom BfR vorgenommenen kumulativen Risikobewertungen Bestandteil der Bewertungsberichte sein, die das BfR im Zulassungsverfahren erstellt. Das gilt auch für Zulassungsanträge, die sich bereits in Bearbeitung befinden.

Antragsteller werden gebeten, bei Antragstellung ab dem 1. Januar 2018 eine kumulative Risikobewertung in dem entsprechenden Teil des Draft Registration Reports (dRR) einzufügen. Bei Anträgen, die sich in Bearbeitung befinden oder bis zum 31. Dezember 2017 gestellt werden, ist von den Antragstellern nichts zu veranlassen.

Bei der Bewertung von Kumulations- und Synergieeffekten folgt das BfR einem gestuften Konzept, das 2014 veröffentlicht wurde (Human health risk assessment from combined exposure in the framework of plant protection products and biocidal products).”

Das BfR ist in Deutschland bei der Zulassung von Pflanzenschutzmitteln zuständig für die Bewertung des gesundheitlichen Risikos eines Präparates. Zukünftig wird das BfR auch berücksichtigen, ob sich aus der bestimmten Formulierung heraus gewisse Risiken ergeben, die über die Risiken der einzelnen aktiven Substanz(en) hinausgehen. Das ist ein Meilenstein bei der Bewertung von Pflanzenschutzmitteln und sucht meines Wissens weltweit seinesgleichen. Das BfR hat hier bereits vor Jahren Forschungsbedarf festgestellt und setzt sich seitdem dafür ein, dass auch die Formulierungen getestet werden. In 2014 hatte das BfR ein Bewertungskonzept vorgestellt, das nun angewendet werden soll.

Die Bekanntmachung des BVLs im Bundesanzeiger gibt weitere Auskunft darüber, wie auf EU-Ebene zukünftig vorgegangen werden soll:

“Ist Deutschland bewertender Mitgliedstaat, erhalten die anderen Mitgliedstaaten die Gelegenheit, in der Kommentierungsrunde die vorgenommene kumulative Bewertung kritisch zu kommentieren. Auch als beteiligter Mitgliedstaat wird Deutschland im Rahmen der Kommentierung des Draft Registration Reports die Bewertung des kumulativen Risikos berücksichtigen, so dass ein fachlicher Austausch zwischen den Mitgliedstaaten gegeben ist.”

Auch bei der Bewertung auf EU-Ebene will das BVL zukünftig den Aspekt der kumulativen Wirkungen mit einbringen. Weiter heißt es:

“Sobald auf europäischer Ebene eine Leitlinie (Guidance Document) zur kumulativen Risikobewertung verabschiedet wurde, erfolgt entsprechend dem darin vorgeschriebenen Zeitplan eine entsprechende Umsetzung auch in die deutsche Zulassungspraxis. Die Berücksichtigung von Kumulations- und Synergieeffekten durch das BfR in den deutschen Bewertungen wird als Beitrag zur wissenschaftlichen Diskussion für die Verbesserung der regulatorischen Konzepte und zu einer Beschleunigung der Harmonisierung der europäischen Bewertungen auf diesem Gebiet verstanden.”

Ziel ist es also, dass die gesundheitliche Bewertung von Pflanzenschutzmitteln auch auf europäischer Ebene verbessert werden soll. Sprich: Deutschland übernimmt hier eine Vorreiterrolle. Es heißt doch immer, dass BfR sei ein Handlanger der Industrie?! Ich denke, diese Ansicht sollte man noch einmal überdenken. Denn ab sofort kommt hierzulande auf die Hersteller ein größerer Aufwand zu, wenn sie Zulassungsanträge für neue Pflanzenschutzprodukte stellen.

 

Links

• Berücksichtigung von Kumulations- und Synergieeffekten bei der gesundheitlichen Bewertung von Pflanzenschutzmitteln

• Bekanntmachung über die Berücksichtigung von Kumulations- und Synergieeffekten in der gesundheitlichen Bewertung von Pflanzenschutzmitteln (BVL 17/02/02)

• Human health risk assessment from combined exposure in the framework of plant protection products and biocidal products

 

 

 

 

 

Postfaktischer Adventskalender, Teil 11: Glyphosat

Postfaktischer Adventskalender, Teil 11: Glyphosat

In einem postfaktischen Adventskalender, der sich u.a. mit Begrifflichkeiten aus der Landwirtschaft beschäftigt, darf ein Thema natürlich nicht fehlen: Glyphosat. Um den Herbizid-Wirkstoff tobt ein wahrer Glaubenskrieg. Die CDU hat sich jetzt auf ihrem Parteitag festgelegt. Man wolle die Verlängerung der EU-Genehmigung unterstützen, lautet ein Beschluss:

“Die CDU Deutschlands setzt sich dafür ein, dass der in Pflanzenschutzmitteln vorkommende Wirkstoff Glyphosat – eine positive wissenschaftliche Risikobewertung vorausgesetzt – auch über 2017 hinaus zugelassen bleibt.”

Silvia Liebrich, Wirtschaftsredakteurin der Süddeutschen Zeitung, kommentierte diesen Beschluss des CDU-Parteitags mit deutlicher Häme:

“Ein bisschen Mut gehört eben dazu, wenn man die nächsten Wahlen gewinnen will. Dass der Wirkstoff im Verdacht steht, Krebs zu erzeugen oder das Erbgut zu schädigen? – geschenkt. Dass der Verlust der Artenvielfalt durch den Einsatz rasant voranschreitet? – offenbar nicht so wichtig. Da verlässt sich die Partei ganz auf die “positive wissenschaftliche Risikobewertung”. Was war noch mal damit? Ach ja, da gibt es ja noch den ungeklärten Streit unter Forschern über die Gefahren und die noch laufende Prüfung auf EU-Ebene. Und da wäre noch der Europäische Gerichtshof, der den Glyphosat-Erfinder Monsanto gerade dazu verpflichtet hat, seine Studien offenzulegen. Da kann man der CDU nur zurufen: Wohl bekomms!”

Frau Liebrich hat ein Problem mit Glyphosat und vor allem mit der Möglichkeit, dass der Herbizid-Wirkstoff doch weniger schädlich sein könnte, als sie es gerne hätte. Daher ordnet sie vorliegende Fakten nicht sachlich ein, sondern stellt sie bewusst skandalös da. Ich hatte für einen Leserbrief mal ein paar Beispiele analysiert, die vor gut einem Jahr erschienen waren, als die Neuzulassung von Glyphosat auf EU-Ebene zum ersten Mal anstand:

-“Geheimsache Glyphosat“, 19.08.2015:
Es geht darum, dass der Bericht, den das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) an die EFSA geschickt hat, nicht veröffentlicht wird. Im Gegensatz zur Öffentlichkeit hätte Monsanto allerdings Zugang dazu. – Ich vermute, das ist ein ganz normaler Vorgang. Niemand würde sich darüber echauffieren, wenn ein Prüfbericht irgendeiner Behörde zur Zulassung etwa eines neuen Automodells nicht der Öffentlichkeit präsentiert wird, der Hersteller, in diesem Fall der Autobauer, aber über die Inhalte in Kenntnis gesetzt wird. Der Artikel fußt auf einer Meldung, die der von der Supermarktkette tegut mitfinanzierte Verein Testbiotech veröffentlichte. Dort ist auch das Antwortschreiben der EU Kommission gepostet, in dem erklärt wird, warum die Dokumente nicht öffentlich sind. Hier ein Auszug:

“According to EFSA, the requested documents contain certain information for which confidential treatment has been granted on the basis of justified reasons set out in Article 14 of Directive 91/414/EEC which concerns the confidentiality of information.

Further, the requested documents are supporting the current on-going peer-review of glyphosate carried out by EFSA and they might be subject to further revisions following experts’ consultations in line with Article 16 of Regulation (EU) No 1141/2010. According to EFSA, the disclosure of these documents at this stage of the process will be premature and would seriously undermine EFSA’s on-going decision-making process.

Article 4(3), first paragraph, of Regulation (EC) No 1049/2001 lays down the following exception to the right of access to documents: “Access to a document, drawn up by an institution for internal use or received by an institution, which relates to a matter where the decision has not been taken by the institution, shall be refused if disclosure of the document would seriously undermine the institution’s decision-making process, unless there is an overriding public interest in disclosure”.”

Die Geheimhaltung entspricht den gesetzlichen Regeln des Zulassungsprozesses. Eine einzige Ausnahme bestünde, wenn das öffentliche Interesse überwiegen würde. Das habe Antragsteller Christoph Then, Geschäftsführer von Testbiotech, in seiner Anfrage aber nicht begründet.

-“Behörde hat wohl Hinweise auf Krebsrisiko durch Glyphosat ignoriert“, 30.07.2015: In der Sendung FAKT wurde dem BfR vorgeworfen, eine bestimmte Studie an Mäusen ignoriert zu haben. Hierzu nimmt das BfR ausführlich Stellung:

“Aufgrund aktueller Anfragen zu einer 2-Jahres-Studie an Mäusen, weist das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) daraufhin, dass im Rahmen der EU-Wirkstoffprüfung sämtliche relevanten Studien zur Kanzerogenität des Wirkstoffes geprüft, bewertet und in die öffentliche Darstellung einbezogen wurden. So hat das BfR auf einem öffentlichen Symposium im ICC in Berlin am 20. Januar 2014 vor Vertretern von Politik und Wissenschaft auf Hochdosiseffekte in der von der Sendung FAKT zitierten Studie hingewiesen.”

Frau Liebrich mokiert sich in ihrem Artikel ausführlich darüber, dass das BfR Studien der Industrie ausgewertet habe und dass das gesetzlich auch so vorgeschrieben sei. Dabei ist das doch trivial: Wer, wenn nicht der Hersteller hat die Bringschuld, zu belegen, dass das von ihm auf den Markt zu bringende Produkt unbedenklich ist? So hat ja auch jeder Bauherr selbst entsprechende Gutachten bei seinem Bauantrag beizubringen. Es ist völlig widersinnig, dass dafür die öffentliche Hand zahlen muss. Außerdem hat das BfR alle zur Verfügung stehenden Studien ausgewertet. So lässt die FAZ den BfR-Präsidenten Andreas Hensel am 31.07.2015 zu Wort kommen :

““Es gibt gute und schlechte wissenschaftliche Studien, und es ist die Aufgabe unserer Experten diese in ihrer Qualität zu beurteilen – und wir können das“, meint Hensel.”

Das BfR meldete am 8. September 2015, dass es seine Bewertung der IARC-Einschätzung an die EFSA weitergeleitet habe. Das BfR hat spätestens jetzt alle Hausaufgaben erledigt. Und Frau Liebrich? Sie schreibt am 14.9.2015:

“Recherchen der SZ hatten jedoch gezeigt, dass das BfR kritische Studien ignoriert und zugleich Leserbriefe von der Industrie an Fachmagazine als Studien bezeichnet hat.”

So eine Aussage wider besseres Wissens zu repetieren ist infam.

-“Wenn Leserbriefe von Monsanto als Studien gelten“, 17.07.2015:
Das BfR hat in der Quellenliste auch einige Letter to the Editor aufgeführt. Die Autorin zitiert dazu den Bundestagsabgeordneten Harald Ebner:

“Der Grünen-Politiker Harald Ebner hält dieses Vorgehen für irreführend: “Das BfR will uns ernsthaft Leserbriefe an ein Fachmagazin als Studien verkaufen, die das eigene Urteil vom völlig harmlosen Glyphosat bestätigen sollen.””

Frau Liebrich hält es nicht für nötig, ihrer Leserschaft zu erklären, dass ein Letter to the Editor an eine wissenschaftliche Fachzeitschrift etwas gänzlich anderes ist als ein Leserbrief an eine normale Zeitung. Die fraglichen Briefe betrafen übrigens alle die umstrittene Séralini-Studie, die auch von der IARC als methodisch mangelhaft angesehen wurde (siehe die IARC Monographie zu Glyphosat, S. 35). Das BfR hat eine klare Stellungnahme (S. 3) dazu abgegeben, dass solche Letter dazu dienen, die wissenschaftliche Debatte abzubilden, auch wenn zwei davon von Mitarbeitern der Industrie verfasst worden sind.

Silvia Liebrich schreibt weiter:

“Dass das BfR Leserbriefe vor diesem Hintergrund als Studien wertet, stößt auch unter Wissenschaftlern auf Unverständnis. Solche Schreiben seien reine Meinungsbeiträge und keine wissenschaftlichen Arbeiten, heißt es. Die Toxikologin Professor Irene Witte, die an der Universität Oldenburg gelehrt hat, sagt: “Wenn man weiß, dass diese Briefe hauptsächlich aus dem Umfeld von Monsanto geschrieben wurden, liegt der Verdacht nahe, dass das BfR eher die Interessen von Monsanto vertritt, anstatt seiner Aufgabe nachzugehen, Gesundheitsschäden von der Bevölkerung abzuwenden”, sagt sie. Das Bundesinstitut für Risikobewertung genießt weltweit Ansehen und steht nun unter Druck.”

“unter Wissenschaftlern” heißt hier wohl aus Sicht von Prof. Witte. Woher die Aussage kommt, dass „Letters to the Editor“ reine Meinungsbeiträge seien, bleibt offen („heißt es“). Die Briefe stammen nicht hauptsächlich aus dem Umfeld von Monsanto, sondern nur 2 von 15 sind von Mitarbeitern der Industrie verfasst. Der in Liebrichs Artikeln viel beschworene Druck, unter dem das BfR angeblich steht, fand zu der Zeit einzig und allein in der Süddeutschen Zeitung statt. Ich zitiere hier abermals die FAZ vom 31.07.2015:

“Die IARC-Studie versetze in der Wissenschaft „niemanden in einen Erregungszustand“, sagt Hensel.”

Eine umfassende Kritik der Haltung von Frau Liebrich in dieser Sache findet sich auch im Blog von Publizist Ludger Weß.

Nichtsdestotrotz präsentiert es Silvia Liebrich weiterhin als ihre Entdeckung, dass das BfR sich in seiner Bewertung auf Leserbriefe stütze:

“Recherchen der SZ hatten jedoch gezeigt, dass das BfR kritische Studien ignoriert und zugleich Leserbriefe von der Industrie an Fachmagazine als Studien bezeichnet hat.”

Ihre Entdeckung beruht übrigens auf einer Kleinen Anfrage der Grünen im Bundestag. Frau Liebrich liegt offensichtlich das Originalfax vom BMEL vor, denn es ist auf der SZ-Website abzurufen. Generell scheint sie eine Standleitung zu Harald Ebner, Bundestagsabgeordneter von Bündnis 90/Die Grünen, zu haben. Auch die Originaldaten der Muttermilch-Studie müssen ihr vorgelegen haben. Frau Liebrich nennt den Namen des Labors, das die Stichproben untersucht hat. Dieser Name taucht weder in der Pressemitteilung der Grünen noch in der dpa-Meldung auf, nur auf dem Original-Befundfax.

-“Gift und Geld“, 16.07.2015: Der Vorspann lautet:

“Glyphosat ist das am häufigsten eingesetzte Pestizid der Welt – und es löst wahrscheinlich Krebs aus. Eigentlich sollte der Staat die Bürger vor dieser Gefahr schützen.”

Dass Glyphosat wahrscheinlich Krebs auslöst, ist eine entstellende Verkürzung der IARC-Bewertung und absolut unangemessen. Man muss wissen, dass die IARC sehr technische Definitionen für ihre Einordnung verfasst hat und das IARC-Label “wahrscheinlich krebserregend” nicht dem Ausdruck”wahrscheinlich krebserregend” unserer Umgangssprache entspricht (siehe dazu meinen Blog: “Keine Hitparade: Warum die IARC-Liste ein schlechter Ratgeber ist” und ““unter Krebsverdacht”“). Der Staat solle „vor dieser Gefahr“ schützen. Laut der BfR-Bewertung besteht keine Gefahr bei korrekter Anwendung. Selbst die IARC würde das nicht behaupten.

-“Ackergift in der Muttermilch“, 25.06.2015:
Bei einer im Auftrag der Grünen durchgeführten Stichprobe wurde Glyphosat in Muttermilch gefunden. Anstatt die gemeldeten Werte einzuordnen und dem Leser ein Gefühl dafür zu geben, ob hier eine Gesundheitsgefährdung vorliegt oder nicht, sät Silvia Liebrich Angst und Verunsicherung:

“Viele Mütter vertrauen darauf, das Richtige zu tun, wenn sie ihre Babys stillen. Muttermilch gilt als gesund. Doch nun wurde bei einer Stichprobenuntersuchung in ganz Deutschland das Ackergift Glyphosat in der Milch von Müttern entdeckt.”

Die gemeldeten Werte übersteigen den für Trinkwasser geltenden Grenzwert. Zu diesem im Text erwähnten Trinkwasser-Grenzwert lässt sich sagen, dass es kein spezieller Grenzwert für Glyphosat ist, sondern ein pauschaler für alle Arten von Bioziden und Pflanzenschutz-Wirkstoffen. So zu tun, als ob das der spezielle Wert für Glyphosat wäre, ist natürlich geschummelt. Die WHO hält es noch nicht einmal für nötig, einen Grenzwert für Glyphosat im Trinkwasser festzulegen:

“Under usual conditions, therefore, the presence of glyphosate in drinking-water does not represent a hazard to human health, and it was not deemed necessary to establish a guideline value for glyphosate.”

Die WHO hat für Glyphosat eine sogenannte Tageshöchstdosis festgelegt ( ADI – “acceptable daily intake”) von 1,0 mg/kg Körpergewicht. In der EU gilt ein niedrigerer Grenzwert von 0,3 mg/kg Körpergewicht. Setzt man diesen Wert an, müsste ein Säugling von der am stärksten belasteten Muttermilch-Probe 2778 Liter am Tag trinken, um auch nur in die Nähe einer etwaigen Gesundheitsgefährdung zu gelangen. Eine detaillierte Kritik zur Berichterstattung über die Muttermilch-Stichprobe habe ich in einem Offenen Brief zusammen mit einem Wissenschaftler, einer ehemaligen FDP-Bundestagsabgeordneten sowie einem Fachautor zusammengestellt.

Die Zitate von Prof. Irene Witte brachten bei diesem Thema erst den Spin in die Geschichte. Die Ansichten von Prof. Witte kommen auch in weiteren auf der dpa-Meldung basierenden Artikeln anderer Medien über die Muttermilch-Stichprobe vor. Da sie in der Pressemitteilung der Grünen nicht vorkommen, müssen sie aus der dpa-Meldung übernommen worden sein. Frau Liebrich hat mal bei der dpa gearbeitet, sie hat anscheinend zudem einen direkten Draht zur Wissenschaftlerin Witte, denn auch im „Leserbriefe“-sowie im “Grenzwerte”-Artikel kommt Prof. Witte zu Wort. Hm, Zufall?

Die gemeinsam vom BfR und Nationaler Stillkommission veröffentlichte Entwarnungsmeldung vom 30.06.2015 fand in der Berichterstattung von Frau Liebrich leider keinen Niederschlag, auch nicht, dass ein weiteres WHO-Gremium, das Joint Meeting of Pesticide Residues (JMPR), im Mai 2016 Glyphosat als nicht krebserregend eingestuft hat.

Kurzum: Die Artikel hätten so auch 1:1 in einem Parteiorgan von Bündnis 90/Die Grünen oder in der Mitgliederzeitschrift vom BUND erscheinen können. Allein die Frequenz, in der Frau Liebrich sich in die Debatte einbringt, macht stutzig. Hier eine Chronologie, der online verfügbaren Texte (kein Anspruch auf Vollständigkeit):

25.06.15: “Ackergift in der Muttermilch
26.06.15: “Glyphosat in Muttermilch nachgewiesen” (keine Autorenzeile)
28.06.15: “Streit um Grenzwerte
16.07.15: “Mächtige Lobby
16.07.15: “Gift und Geld
17.07.15: “Wenn Leserbriefe von Monsanto als Studien gelten
30.07.15: “Behörde hat wohl Hinweise auf Krebsrisiko durch Glyphosat ignoriert
16.08.15: “Geheimsache Glyphosat
14.09.15: “EU verschiebt Glyphosat-Zulassung
14.09.15: “In die Verlängerung
20.09.15: “Weltgesundheitsorganisation rüffelt Glyphosat-Prüfer
29.10.15: “Prüfer übersahen Risiken bei Glyphosat
02.12.15: “Glyphosat? Im Zweifel: Nein!
20.01.16: “Neue Warnung vor Risiken durch Glyphosat
08.03.16: “Einigung gescheitert
06.04.16: “EU drängt auf Veröffentlichung der Glyphosat-Studien
11.04.16: “Bundesregierung will Glyphosat weiter erlauben
18.04.16: “Schädliche Pseudo-Transparenz um Glyphosat
28.04.16: “DDT – vom Wundermittel zum Teufelszeug
12.05.16: “Weitere Zulassung von Glyphosat wackelt

Es entsteht der Eindruck, dass es hier nicht um Aufklärung geht, sondern um Meinungsmache: Hier soll ein Thema am Kochen gehalten werden. Das wirkt wie eine gezielte Kommunikationsoffensive.

Man kann jetzt argumentieren, dass eine überregionale Tageszeitung auch eine Pluralität von Meinungen zu repräsentieren hat und ich habe auch Texte wie “Vergiftete Debatte” von Hanno Charisius (02.08.2015) zur Kenntnis genommen. Aber es gibt da mindestens ein Problem: Zum einen muss die journalistische Sorgfaltspflicht gewahrt werden. Dazu zähle ich neben einer gründlichen Recherche auch den entschiedenen Anspruch, den Leser auch sachlich korrekt informieren zu wollen, so dass er sich eine fundierte Meinung bilden kann. Zum anderen: Wenn zu dem einen Thema solch eine Demagogie zugelassen wird, wie kann ich da sicher sein, dass ich bei Themen, die ich mangels Fachkenntnis nicht selbst einschätzen kann, nicht auch gezielt falsch informiert werde? Kurzum: Die Glaubwürdigkeit der Zeitung leidet darunter. Für ein Blatt, auf dessen Seriosität ich mich nicht verlassen kann, gebe ich kein Geld aus.

Mir ist bekannt, dass Silvia Liebrich bereits von mehreren Seiten auf ihre einseitige Berichterstattung aufmerksam gemacht worden ist, aber sie macht unbeirrt weiter. Ihr Engagement für die Umwelt ehrt sie, aber als Berichterstatterin sollte sie eine gewisse Neutralität wahren. Entweder Frau Liebrich kann das nicht oder sie will das nicht oder beides.

Nachgefragt

Nachgefragt

Wir erinnern uns: Vor rund einem Jahr meldete die Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, dass ein Labor in 16 Muttermilch-Stichproben Spuren von Glyphosat gefunden habe.

Priska Hinz, Hessische Ministerin für Umwelt, Klimaschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, nahm das damals zum Anlass, um per Erlass zu bestimmen, dass in Hessen künftig Anwendungen auf Nichtkulturland mit Glyphosat-haltigen Präparaten nicht mehr genehmigt werden sollen:

„In Hessen werden wir solche Anwendungen, soweit rechtlich möglich, künftig nicht mehr zulassen.“

Die Methodik der Grünen-Stichprobe wurde massiv kritisiert. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) stellte das Testverfahren in Frage und beauftragte eigene Untersuchungen. Im Februar dieses Jahres veröffentlichte das BfR die Ergebnisse: Es wurde kein Glyphosat in Muttermilch nachgewiesen.

Die Meldung brachte mich auf die Idee, mal in Hessen nachzufragen, ob der Erlass nun wieder zurückgenommen werde, wo doch jetzt der Anlass nicht mehr bestünde. Der Einfachheit halber tat ich dies via Twitter:

Um der Frage, Nachdruck zu verleihen, fügte ich noch den Hinweis hinzu, dass bestimmte Alternativen zu Glyphosat gesundheitliche Nachteile mit sich brächten:

Die Antwort erreichte mich wenige Stunden später:

… und löste Verwunderung aus. Schließlich bezog sich der Erlass, den ich meinte, auf Anwendungen von Glyphosat auf Nichtkulturland, also in der Regel versiegelte Flächen wie Wege, Einfahrten, Straßen, Plätze etc. Der einzige Sinn einer Unkrautbekämpfung dort ist nun mal die Reduzierung von Artenvielfalt. Auch nicht chemische Maßnahmen wie Abflämmen oder Jäten dienen hier nicht wirklich dem Artenschutz. Ich fasste Mut und fragte nach (zur Illustration fügte ich ein paar Bilder hinzu):

Leider endet hier der kurze Dialog, denn ich bekam keine weiteren Antworten.