Portier Papers

Portier Papers

“Fight for the compensation you deserve” – “Kämpfen Sie für die Entschädigung, die Ihnen zusteht” – sagt die freundliche Dame im Fernsehspot der Kanzlei Weitz and Luxenberg. Die Kanzlei hat diverse solche Spots on Air und spricht mögliche Betroffene an, die zum Beispiel ein neues Hüftgelenk bekommen haben, mit Asbest in Kontakt gekommen sind oder bestimmte Medikamente genommen haben (z.B. Invokana, Zoloft, Prilosec, Nexium, Prevacid, Protonix, Xarelto). Ein Spot beschäftigt sich mit dem Unkrautbekämpfungsmittel Roundup von Monsanto: Die WHO habe festgestellt, dass Glyphosat, der Wirkstoff aus Roundup, möglicherweise Krebs erzeugen könnte. Wenn man die Krebsarten “Non-Hodgin’s Lymphoma”, “Hairy Cell Leukemia” oder “Chronic Lymphocytic Leukemia” habe und mit Roundup Kontakt hatte, solle man anrufen: “CALL NOW”. Unter http://weedkillercancer.com/ betreibt Weitz and Luxenberg eine eigene Website, wo sich Betroffene melden können.

totalrecall_buntWeitz and Luxenberg vertritt zurzeit zusammen mit der Kanzlei Lundy, Lundy, Soileau & South Kläger bei einem Schadenersatzklage gegen Monsanto. Ausgerechnet aus Gerichtsunterlagen aus diesem Verfahren geht hervor, dass mit Christopher Portier ein prominenter Glyphosat-Gegner seit dem 29. März 2015 bei diesen beiden Firmen als Berater für genau diesen Prozess gegen Monsanto unter Vertrag steht. Das Pikante: Portier hatte bislang bei all seinen öffentlichen Auftritten nichts von diesem Engagement verlauten lassen. Laut Vertrag durfte er das auch gar nicht. Erst als er am vergangenen Dienstag im Europaparlament auftrat, erwähnte er die Beratertätigkeit mit dem Zusatz, dass er in der Anhörung allerdings als Privatperson (“private citizen”) auftreten würde. Ihm blieb aber auch nichts anderes übrig, weil zu diesem Zeitpunkt das Protokoll seiner eidesstattlichen Aussage online auf dem Server der NGO U.S. Right to Know zur Verfügung stand. Und: Am 20. März 2015 hatte die Internationale Krebsforschungsagentur IARC verkündet, dass sie Glyphosat als “wahrscheinlich krebserregend” eingestuft hat. Portier war als “Invited Specialist” Mitglied der Arbeitsgruppe, die diese Einstufung beschlossen hat. Leider kann sich Christopher Portier nicht mehr daran erinnern, wann genau er sich mit seinem Auftraggeber Lundy, Lundy, Soileau & South das erste Mal traf, um über den Prozess gegen Monsanto zu sprechen.

Portier ist in den letzten Monaten offensiv als Kritiker der Europäischen Regulierungsbehörden  EFSA und ECHA aufgetreten, die Glyphosat nicht als krebserregend einordnen. So hat er zuletzt im Mai dieses Jahres einen Offenen Brief an Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker verfasst. Weder in diesem Brief noch bei seinem Auftritt in einer Öffentlichen Anhörung im Deutschen Bundestag hat er von seinem Engagement im Prozess gegen Monsanto berichtet.

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Weiter geht aus der eidesstattlichen Aussage Portiers hervor, dass er bereits vor der IARC-Entscheidung über Glyphosat für die Kanzlei Lundy, Lundy, Soileau & South gearbeitet hat, und zwar zu einem anderen Thema. Portier darf das Thema nicht nennen, aber er gibt zu, dass es auch um Expositionen geht, bei deren Bewertung durch die IARC er als Mitglied der Arbeitsgruppe mitgearbeitet hat. Eigentlich müssen Interessenkonflikte angegeben werden, wenn man als Mitglied einer IARC-Arbeitsgruppe fungiert. Weil Portier für die US-amerikanische NGO Environmental Defense Fund (EDF) gearbeitet hat, wurde er bei der Glyphosat-Arbeitsgruppe auch nur als “Invited Specialist” geführt und nicht als ordentliches Mitglied.

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IARC-Angestellte Kate Guyton sagte diese Woche bei der Anhörung im Europaparlament: “Bei finanziellen Interessen fehlt oft die Objektivität.” Das ist eine interessante Aussage! Neben Christopher Portier hat mit Charles W. Jameson ein weiteres Mitglied der Glyphosat-IARC-Arbeitsgruppe ein bezahltes Gutachten (Stundenlohn: 400 US Dollar) für die Klägerseite im Prozess gegen Monsanto verfasst. Jameson hat bisher zweimal im Prozess ausgesagt. Bei der Anhörung des Vorsitzenden der Glyphosat-IARC-Arbeitsgruppe, Aaron Blair, wurde bekannt, dass bei der IARC-Bewertung bedeutende Ergebnisse aus der American Health Studie nicht berücksichtigt worden sind, weil diese “aus Platzgründen” noch nicht veröffentlicht worden waren. Es bleibt spannend.

Letzte Aktualisierung: 15.10.2017, 9:45 Uhr. In einer älteren Fassung hieß es, dass Portier seine Beratertätigkeit noch nie öffentlich erwähnt hatte. Das wurde korrigiert. 

 

Links:

Greed, Lies and Glyphosate: The Portier Papers

Europäische Glyphosatbewertung erfolgte qualitätsgesichert und unabhängig

«Die Zulassungsbehörden haben ihren Job nicht gemacht» Interview mit Christopher Portier

Aussage Christopher Portier

1. Aussage Charles W. Jameson

2. Aussage Charles W. Jameson

Aus Platzgründen weggelassen

 

Bildnachweis: Screenshot https://www.ispot.tv/brands/dJB/weitz-and-luxenberg

20.000 Liter Eiscreme am Tag

20.000 Liter Eiscreme am Tag

Schaffen Sie es, an einem Tag 20.000 Liter Eiscreme zu essen? Wohl kaum. So viel müssten Sie aber essen, damit die angeblich jetzt in Eiscreme der Sorte “Ben and Jerry’s” gefundenen Glyphosat-Rückstände Ihnen schaden.

Hier eine einfache Rechnung:

-Gefunden wurden laut Berichterstattung “bis zu 1,23 Nanogramm je Milliliter”, macht 0,00000123 Milligramm je Milliliter bzw. 0,00123 Milligramm je Liter.

-Der ADI von Glyphosat liegt bei 0,3 mg je Kilogramm Körpergewicht und Tag. Für einen Menschen, der 80 kg wiegt wären das 24 mg.

-Die gefundenen 0,00123 Milligramm/Liter passen 19512,19512-mal in die 24 mg, das heißt eine Person, die 80 kg wiegt, darf rund 20.000 Liter der am stärksten belasteten Eiscreme essen, um auch nur in die Nähe einer Gesundheitsgefahr durch die Herbizidrückstände zu gelangen.

ADI steht für “Acceptable Daily Intake”, auf deutsch: “erlaubte Tagesdosis”, und beschreibt die Menge einer Substanz, die laut Wikipedia  “bei lebenslanger täglicher Einnahme als medizinisch unbedenklich betrachtet wird”.

Soweit zu den Zahlen. Mein persönlicher Kommentar: Die Funde wurden auf einer Pressekonferenz der Grünen im Europaparlament von einem sogenannten Forscher namens Gilles-Eric Séralini verkündet und die Deutsche Presseagentur verschickt das als Meldung ohne Einordnung und viele Medien bis hin zur FAZ bringen diese Meldung, ebenfalls ohne eine Einordnung vorzunehmen. Können die alle nicht rechnen?

 

 

Da ist der Wurm drin

Da ist der Wurm drin

Die Umweltschutzorganisation WWF Deutschland postete jetzt einen verwegenen Vergleich auf Twitter: Auf Öko-Äckern würden 450 Regenwürmer je Quadratmeter leben, während auf “Intensiv bewirtschafteten Äckern” – was auch immer das heißt – nur 30 Regenwürmer pro Quadratmeter zu finden seien:

Auf Facebook verwendet der WWF ebenfalls diese GIF-Animation und versieht die Bildchen-Folge mit folgender Botschaft:

“Pro m² leben auf intensiv bewirtschafteten Äckern nur 30 Regenwürmer. Auf Öko-Äckern bis zu 450! Schwere Maschinen, synthetischer Dünger und Pestizide machen ihnen zu schaffen und setzen dem Boden zu. Der Boden verliert seine Kraft und die Erträge sinken. Helft den Würmern!”

Woher holt der WWF diese Aussage und vor allem woher diese Zahlen? Im Kommentarbereich auf Facebook verweist die Organisation auf ihr Regenwurm-Manifest. Dort finden sich die Zahlen wieder (S. 5):

“Die Zahl der Regenwürmer in Äckern ist je nach deren Bewirtschaftung sehr unterschiedlich: Monokulturböden mit extrem eintöniger Fruchtfolge und sehr starkem Maschinen- und Chemieeinsatz haben maximal 30 Tiere pro Quadratmeter. Ein durchschnittlicher Boden in der noch relativ kleinstrukturierten Landwirtschaft Süddeutschlands enthält rund 120. Und auf den Äckern von Sepp Braun, dem bekannten bayerischen „Regenwurm-Bauern“, wurden im Ackerboden 450 Würmer pro Quadratmeter gefunden (Spitzenwerte sogar bis 600), mit einem großen Anteil der tiefgrabenden Art „Tauwurm“.”

Folgt der Leser dann der Fußnote am Ende des Absatzes, gelangt er zu folgender Quellenangabe:

“Bestandserhebungen der LfL Bayern, Angaben aus Ehrmann (2015) und mündlich von Sepp Braun (Freising).”

Die Rekordwerte sind also nur mündlich überliefert, das ist freilich ernüchternd, um nicht zu sagen: Es erinnert an dicke Kartoffeln. Wie Bauer Braun seine Tiere gezählt hat, geht aus den Angaben auch nicht hervor. Dabei gibt es dafür standardisierte Verfahren, damit die Werte auch vergleichbar sind. Wo der Wert “30 Tiere pro Quadratmeter” für “Monokulturböden mit extrem eintöniger Fruchtfolge und sehr starkem Maschinen- und Chemieeinsatz” herkommt, lässt sich anhand der Quellenangaben nicht ermitteln. Die Angaben in Ehrmann 2015 sind größtenteils in der Einheit “g/Quadratmeter” für Regenwurm-Biomasse verfasst, die Zahl der Individuen ist meistens gar nicht angegeben.

Dass der WWF hier einen “Bio=gut und intensiv/Nicht-Bio/konventionell=schlecht”-Gegensatz aufbaut, ist insofern unsachlich, weil Bio oder Nicht-Bio für Regenwürmer nicht ausschlaggebend ist. Damit Regenwürmer im Ackerboden gute Lebensbedingungen vorfinden, sind nach Ehrmann 2015 an erster Stelle folgende Dinge wichtig:

• Schonende Bodenbearbeitung oder Verzicht auf Bodenbearbeitung

• Verfügbarkeit von Nahrung (Pflanzenmaterial)

Beide Aspekte werden im Ackerbau vor allem bei Direktsaatsystemen berücksichtigt und das schlägt sich direkt in der Regenwurmmenge nieder:

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Quelle: Ehrmann 2015, S. 22 (S. 146)

Leider wird gerade im Ökolandbau auf den Pflug und andere mechanische Verfahren zur Beikräuter-Regulierung zurückgegriffen. Für die Regenwürmer ist das Gift.

Nach den beiden oben genannten Aspekten erwähnt der “bekannte Regenwurmforscher Otto Erdmann” (Zitat WWF) noch Pflanzenschutzmittel, Bodenverdichtung, Fruchtfolge und Landschaftsstruktur. Bei den Pflanzenschutzmitteln gilt vor allem das auch im Ökolandbau eingesetzte Kupfer als schädlich für Regenwürmer. Das Mittel Cuprozin progress zum Beispiel ist im Bio-Landbau u.a. für die Behandlung von Mehltau bei Weinreben oder Kraut- und Knollenfäule bei Kartoffeln zugelassen. Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit schreibt im Abschnitt “Auflagen” über das Mittel:

“Das Mittel wird als schädigend für Regenwurmpopulationen eingestuft.”

Komisch, das Wort “Kupfer” kommt im Regenwurm-Manifest des WWF gar nicht vor. Dagegen darf natürlich der Buhmann der konventionellen Landwirtschaft nicht fehlen: Glyphosat. Es gibt eine Studie (Gaupp-Berghausen et al. 2015), die angeblich nachgewiesen hat, dass Glyphosat Regenwürmer schädige. Es gab von verschiedenen Seiten Kritik an der Methodik dieser Arbeit (siehe dazu die Links unter dem Artikel), der Hauptkritikpunkte aus meiner Sicht sind:

• Die Versuche wurden nicht mit dem Wirkstoff Glyphosat durchgeführt, sondern mit einer Fertigmischung.

• Die Fertigmischung wurde während der Versuchsreihe geändert.

• Die Fertigmischung, bei der letztlich die negativen Ergebnisse auftauchten, enthielt das aggressive Kontaktherbizid Pelargonsäure.

• Die Fertigmischung wurde in unrealistisch hoher Aufwandmenge aufgebracht.

• In der Kontrollgruppe hätte ebenfalls die Vegetation entfernt werden müssen, um eine Vergleichbarkeit herzustellen.

Das Kontaktherbizid Pelargonsäure schädigt nachweislich Regenwürmer. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA schreibt in ihrer Risikobewertung zu Pelargonsäure (S. 2-3):

“For pelargonic acid, data gaps to address the following aspects of the ecotoxicological risk assessment were identified: aquatic organisms, bees, in-field populations of non-target arthropods, earthworms, soil microorganisms and non-target plants (seedling emergence). A low risk to birds, mammals and sewage treatment organisms was concluded. A risk was identified for earthworms and in-field populations of non-target arthropods.”

Kurzum: Ich bin gerne bereit, über Vor- und Nachteile verschiedener Anbauverfahren zu diskutieren – der WWF hatte ja auch auf unseren Offenen Brief an Ministerin Hendricks reagiert – aber bitte auf Basis von anerkannten wissenschaftlichen Methoden sowie ohne ideologische Scheuklappen und Rosinenpickerei.

 

Links zu Bodenbearbeitung und Regenwurmdichte:

Otto Ehrmann 2015: “Regenwürmer in den Böden Baden-Württembergs
– Vorkommen, Gefährdung und Bedeutung für die Bodenfruchtbarkeit”

Werner Jossi et al. 2011: “Reduzierte Bodenbearbeitung schont die Regenwürmer”

• Sächsische Landesanstalt für Landwirtschaft: Regenwurmhäufigkeit bei dauerhaft konservierender Bodenbearbeitung

“Direkt gesät”

Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Steffi Lemke, Harald Ebner, Peter Meiwald, weiterer Abgeordneter und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Drucksache 18/13418 – Verlust von Artenreichtum in der Agrarlandschaft Anfrage

 

Links zu Gaupp-Berghausen et al. 2015:

Glyphosat, die BOKU und der Regenwurm

• Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit GmbH: Stellungnahme zur Regenwurm-Studie der BOKU 

• Dead plants are probably bad for earthworms

EFSA: Peer Review of the pesticide risk assessment of the active substance fatty acids C7 to C18, EFSA Journal 2013;11(1):3023

 

Bildnachweis: Screenshot WWF

 

“Übernehmen Sie Verantwortung!”

“Übernehmen Sie Verantwortung!”

Offener Brief an Ministerin Dr. Barbara Hendricks

Unter der Federführung von Susanne Günther (schillipaeppa.net) schreiben die Agrarblogger von www.blogagrar.de und www.bauerwilli.com einen offenen Brief an die Bundesumweltministerin Hendricks. Anlass ist ein Treffen des Ständigen Ausschuss für Pflanzen, Tiere, Nahrungs- und Futtermittel (PAFF) am 19. Juli zu einer erneuten Diskussion über Glyphosat.

Hier der volle Wortlaut: Continue reading ““Übernehmen Sie Verantwortung!””

Wie Kalifornien vor Krebs warnt

Wie Kalifornien vor Krebs warnt

“Kalifornien warnt vor Glyphosat” titelt die Süddeutsche Zeitung. Redakteurin Silvia Liebrich führt aus:

“Der umstrittene Pflanzenvernichter wird dort als krebserregend eingestuft. Am 7. Juli soll er auf eine Liste mit Chemikalien gesetzt werden, deren krebserregende Wirkungen bekannt sind. Das teilte die Behörde für die Einschätzung umweltbedingter Gesundheitsgefahren mit.”

Andere Zeitungen erwecken in ihrer Berichterstattung den Anschein, als hätte hier eine neue Risikobewertung stattgefunden. So reiht Spiegel Online die Einordnung ein in die Reihe von Glyphosat-Bewertungen durch die internationale Krebsforschungsagentur der WHO (IARC), die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) sowie die Europäische Chemikalienagentur (ECHA). Dabei hat die die zuständige Kalifornische Behörde, das California Environmental Protection Agency’s Office of Environmental Health Hazard Assessment (OEHHA), gar keine eigene Beurteilung vorgenommen. Die Faz schreibt gar von einer “schwarzen Liste”.

Worum geht es? Im September 2015 hatte das OEHHA angekündigt, Glyphosat auf die sogenannte Proposition-65-Liste zu setzen. Damit folgt die Behörde schlichtweg ihren Regeln, die vorsehen, eine Substanz auf dieser Liste aufzuführen, sobald die IARC feststellt, dass die Substanz im Tierversuch und/oder beim Menschen Krebs erzeugt. Die IARC hatte im März 2015 in ihrem Bericht festgestellt, dass Glyphosat im Tierversuch krebserregend sei. Somit muss das OEHHA den Herbizid-Wirkstoff  in die Proposition-65-Liste aufnehmen. Monsanto hatte dagegen geklagt, jedoch vor Gericht verloren. Obwohl Monsanto angekündigt hatte, Berufung einlegen zu wollen, meldete das OEHHA jetzt, Glyphosat zum 7. Juli 2017 in die Proposition-65-Liste aufzunehmen.

Die Konsequenz des Listeneintrags ist, dass Hersteller bzw. Verkäufer der Produkte, die gelistete Substanzen enthalten, Warnhinweise veröffentlichen müssen, und zwar direkt auf dem Produkt oder durch Hinweise an der Verkaufsstelle. Auf der Proposition-65-Liste stehen übrigens auch Stoffe wie Acrylamid, Aspirin, die Anti-Baby-Pille, Kaffeesäure, Ruß, Estragol (z.B. enthalten in Basilikum), Östrogene in Präparaten gegen Wechseljahresbeschwerden, Aloe Vera Extrakt, Testosteron, Tabakrauch, Holzstaub, Alkohol aber auch Vitamin A ab einer bestimmten Dosis. Bei alkoholischen Getränken muss der Warnhinweis folgende Sprachregelung enthalten:

“WARNING: Drinking Distilled Spirits, Beer, Coolers, Wine and Other Alcoholic Beverages May Increase Cancer Risk, and, During Pregnancy, Can Cause Birth Defects”

Da die Liste sehr umfangreich ist und nahezu überall Spuren von Substanzen zu finden sind, die im Tierversuch krebserregend sein können, finden wir in Kalifornien einen wahren Schilderwald mit Proposition-65-Warnhinweisen. In jedem Starbucks-Laden sowie in jeder McDonalds-Filiale in Kalifornien müssen Aufsteller vorhanden sein, auf denen vor Acrylamid gewarnt wird, das in Pommes und Kaffee enthalten ist. Beim Betreten von Disneyland, Parkplätzen und anderen Einrichtungen wird gewarnt. Beim Verkauf von Keramik und Brennholz muss – per Gesetz – ebenfalls gewarnt werden.

Auch Bio-Produkte sind zum Teil mit Warnhinweisen ausgestattet, weil sie von Natur aus Stoffe wie Arsen, Blei, Kadmium, Quecksilber oder Nickel enthalten. Das bringt die Hersteller oft in Erklärungsnot. So schreibt Now, ein Hersteller von Bio-Lebensmitteln und Nahrungsergänzungsmitteln auf seiner Website:

“The listing of a chemical under Prop 65 could be the result of tests on laboratory animals. Prop 65 standards for warnings are often very stringent. For example, for reproductive toxicants, the level for warnings is 1000 times lower than the lowest level at which animal studies reported no reproductive health effect. A Prop 65 warning does not automatically mean that the product is unsafe.”

Eine Warnung nach Prosposition 65 auf der Packung bedeutet danach nicht, dass der Verzehr des Produktes wohlmöglich unsicher ist.

Die Süddeutsche schreibt:

“Kalifornien könnte damit der erste Staat in den USA werden, in dem das häufig verkaufte Mittel Roundup, das auf Glyphosat basiert, einen entsprechenden Warnhinweis zur krebserregenden Wirkung auf der Packung trägt.”

Tja, aber wirklich vom Hocker reißen würde das in Kalifornien wahrscheinlich niemanden.

 

Links:

• Proposition-65-Liste

What does warning label from California really mean?

 

 

Direkt gesät

Direkt gesät

Na, hat der Bauer oben auf dem Bild nicht vergessen, zu pflügen oder zumindest zu grubbern? Wird da etwa in einen stehenden Getreidebestand gesät? – Fast richtig. Das Bild zeigt die Aussaat von Ackerbohnen im Direktsaatverfahren. Das Feld ist nach der Getreide-Ernte nicht mehr bearbeitet worden. Es ist Ausfallweizen aufgelaufen, der über den Winter stehen geblieben ist. Die Maschine schlitzt einen schmalen Spalt in den Boden, legt die Ackerbohnen hinein und drückt den Boden etwas an. Ein paar Tage nach der Aussaat wird der Bauer das Feld mit Glyphosat behandeln. Daraufhin sterben Ausfallweizen und Beikräuter ab und die Ackerbohnen laufen lauf – “grün in grün”.

ackerbohnen_DS_gruen in gruen.jpgDer Vorteil dieser Methode ist, dass der Boden stets von Pflanzenmaterial bedeckt ist. Das beugt Erosion vor. Und: Dadurch das immer organisches Material verfügbar ist, verfügen Direktsaatflächen über ein reges Bodenleben. Auch zahlreiche Insekten finden dort immer Unterschlupf und werden nicht durch wendende Bodenbearbeitung dezimiert. Denn auf Pflug und Grubber wird im Direktsaat-Ackerbau komplett verzichtet. Auf diese Weise bleibt die natürliche Bodenstruktur erhalten. Auch das wirkt gegen Erosion, weil bei Starkregenfällen die oberste Bodenschicht nicht abgetragen wird.

Storchbesuch auf Ackerbohnen.jpgUm Bodenverdichtungen zu vermeiden, ist der Schlepper mit einer Reifendruckregelanlage ausgestattet. Das heißt: Wenn der Schlepper von der Straße auf das Feld fährt, lässt der Fahrer Luft aus den Reifen. Und wenn der Schlepper nach erledigten Feldarbeiten wieder zurück auf die Straße fährt, werden die Reifen wieder aufgepumpt.

Thomas Sander aus Sachsen setzt seit mehr als zehn Jahren auf Direktsaat. Nach ersten Lehrjahren profitiert er inzwischen von dem Ackerbausystem. Auch seine Verpächter, die wegen des Glyphosateinsatzes skeptisch waren, hat er überzeugt. “Ich habe gesagt, nehmt einen Spaten und schaut Euch einfach den Boden an. Und sie waren begeistert: “Das ist ja wie Gartenerde!”” Versuche haben gezeigt, dass Sanders Ackerböden bis zu zehnmal soviel Wasser aufnehmen können, wie herkömmlich bewirtschaftete Flächen. Die Biodiversität wird gerade im Rahmen eines Projektes untersucht.

Auf den 430 ha Ackerland von Thomas Sander wachsen rund 180 ha Winterweizen, 45 ha Körnermais, 80 ha Winterraps sowie 70 ha Ackerbohnen. Der Rest sind Greeningflächen. Die Winterbegrünung wird mit Schafen beweidet. Die Fruchtfolgen sind elementarer Teil des Direktsaat-Systems, ebenso wie das Glyphosat. Weil auf die Bodenbearbeitung verzichtet wird, wird das Totalherbizid benötigt, um die Beikräuter in Schach zuhalten. Im Endprodukt ist davon später nichts mehr zu finden. Landwirt Thomas Sander erklärt: “Ich exportiere auch Weizen nach Dänemark. Da werden Proben aus jeder Partie im Labor untersucht und es konnte noch nie Glyphosat nachgewiesen werden.”

 

Links:

Eintrag “Direktsaat” auf der Website des Sächsischen Staatsministeriums für Umwelt und Landwirtschaft

Konservierende Bodenbearbeitung/Direktsaat in Sachsen e.V.

Gesellschaft für konservierende Bodenbearbeitung e.V.

• “Pflanzenbauliche Maßnahmen zur umweltgerechten Bewirtschaftung – Bodenbearbeitung und Düngung” – Vortrag von Dr. Walter Schmidt, Sächsisches Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie

Der Einfluss langjährig differenzierter Bodenbearbeitung auf die Laufkäferfauna eines Feldversuches in Bayern

 

Bildnachweis: Thomas Sander

Aus Platzgründen weggelassen

Aus Platzgründen weggelassen

Man stelle sich vor, es käme heraus, dass der Vorsitzende einer internationalen wissenschaftlichen Kommission bei der Bewertung einer Substanz nicht all sein Wissen einbringt, über das er verfügt. Die europäische Chemikalienagentur ECHA zum Beispiel hat kürzlich festgestellt, dass der Herbizid-Wirkstoff Glyphosat nicht krebserregend ist. Man stelle sich vor, es käme heraus, dass der Vorsitzende des ECHA-Gremiums bei einer breit angelegten Studie mitgewirkt hätte, deren Ergebnisse in Bezug auf Glyphosat noch nicht veröffentlicht worden sind. Da die Ergebnisse noch nicht in einem wissenschaftlichen Fachorgan publiziert worden sind, werden sie nach den Regeln des Gremiums nicht berücksichtigt. Der Vorsitzende kennt die Ergebnisse und hat an einer wissenschaftlichen Veröffentlichung der Studiendaten mitgewirkt. Irgendwann habe man entschieden, in dieser Veröffentlichung aus Platzgründen den Part zu Glyphosat wegzulassen, wird er später unter Eid angeben. Man stelle sich vor, der Wissenschaftler hätte aufgrund der unveröffentlichten Daten Kenntnis gehabt, dass es Hinweise gäbe, dass Glyphosat Krebs errege, und bringt das in seine Gremienarbeit nicht ein. Continue reading “Aus Platzgründen weggelassen”