Direkt gesät

Direkt gesät

Na, hat der Bauer oben auf dem Bild nicht vergessen, zu pflügen oder zumindest zu grubbern? Wird da etwa in einen stehenden Getreidebestand gesät? – Fast richtig. Das Bild zeigt die Aussaat von Ackerbohnen im Direktsaatverfahren. Das Feld ist nach der Getreide-Ernte nicht mehr bearbeitet worden. Es ist Ausfallweizen aufgelaufen, der über den Winter stehen geblieben ist. Die Maschine schlitzt einen schmalen Spalt in den Boden, legt die Ackerbohnen hinein und drückt den Boden etwas an. Ein paar Tage nach der Aussaat wird der Bauer das Feld mit Glyphosat behandeln. Daraufhin sterben Ausfallweizen und Beikräuter ab und die Ackerbohnen laufen lauf – “grün in grün”.

ackerbohnen_DS_gruen in gruen.jpgDer Vorteil dieser Methode ist, dass der Boden stets von Pflanzenmaterial bedeckt ist. Das beugt Erosion vor. Und: Dadurch das immer organisches Material verfügbar ist, verfügen Direktsaatflächen über ein reges Bodenleben. Auch zahlreiche Insekten finden dort immer Unterschlupf und werden nicht durch wendende Bodenbearbeitung dezimiert. Denn auf Pflug und Grubber wird im Direktsaat-Ackerbau komplett verzichtet. Auf diese Weise bleibt die natürliche Bodenstruktur erhalten. Auch das wirkt gegen Erosion, weil bei Starkregenfällen die oberste Bodenschicht nicht abgetragen wird.

Storchbesuch auf Ackerbohnen.jpgUm Bodenverdichtungen zu vermeiden, ist der Schlepper mit einer Reifendruckregelanlage ausgestattet. Das heißt: Wenn der Schlepper von der Straße auf das Feld fährt, lässt der Fahrer Luft aus den Reifen. Und wenn der Schlepper nach erledigten Feldarbeiten wieder zurück auf die Straße fährt, werden die Reifen wieder aufgepumpt.

Thomas Sander aus Sachsen setzt seit mehr als zehn Jahren auf Direktsaat. Nach ersten Lehrjahren profitiert er inzwischen von dem Ackerbausystem. Auch seine Verpächter, die wegen des Glyphosateinsatzes skeptisch waren, hat er überzeugt. “Ich habe gesagt, nehmt einen Spaten und schaut Euch einfach den Boden an. Und sie waren begeistert: “Das ist ja wie Gartenerde!”” Versuche haben gezeigt, dass Sanders Ackerböden bis zu zehnmal soviel Wasser aufnehmen können, wie herkömmlich bewirtschaftete Flächen. Die Biodiversität wird gerade im Rahmen eines Projektes untersucht.

Auf den 430 ha Ackerland von Thomas Sander wachsen rund 180 ha Winterweizen, 45 ha Körnermais, 80 ha Winterraps sowie 70 ha Ackerbohnen. Der Rest sind Greeningflächen. Die Winterbegrünung wird mit Schafen beweidet. Die Fruchtfolgen sind elementarer Teil des Direktsaat-Systems, ebenso wie das Glyphosat. Weil auf die Bodenbearbeitung verzichtet wird, wird das Totalherbizid benötigt, um die Beikräuter in Schach zuhalten. Im Endprodukt ist davon später nichts mehr zu finden. Landwirt Thomas Sander erklärt: “Ich exportiere auch Weizen nach Dänemark. Da werden Proben aus jeder Partie im Labor untersucht und es konnte noch nie Glyphosat nachgewiesen werden.”

 

Links:

Eintrag “Direktsaat” auf der Website des Sächsischen Staatsministeriums für Umwelt und Landwirtschaft

Konservierende Bodenbearbeitung/Direktsaat in Sachsen e.V.

Gesellschaft für konservierende Bodenbearbeitung e.V.

• “Pflanzenbauliche Maßnahmen zur umweltgerechten Bewirtschaftung – Bodenbearbeitung und Düngung” – Vortrag von Dr. Walter Schmidt, Sächsisches Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie

Der Einfluss langjährig differenzierter Bodenbearbeitung auf die Laufkäferfauna eines Feldversuches in Bayern

 

Bildnachweis: Thomas Sander

Aus Platzgründen weggelassen

Aus Platzgründen weggelassen

Man stelle sich vor, es käme heraus, dass der Vorsitzende einer internationalen wissenschaftlichen Kommission bei der Bewertung einer Substanz nicht all sein Wissen einbringt, über das er verfügt. Die europäische Chemikalienagentur ECHA zum Beispiel hat kürzlich festgestellt, dass der Herbizid-Wirkstoff Glyphosat nicht krebserregend ist. Man stelle sich vor, es käme heraus, dass der Vorsitzende des ECHA-Gremiums bei einer breit angelegten Studie mitgewirkt hätte, deren Ergebnisse in Bezug auf Glyphosat noch nicht veröffentlicht worden sind. Da die Ergebnisse noch nicht in einem wissenschaftlichen Fachorgan publiziert worden sind, werden sie nach den Regeln des Gremiums nicht berücksichtigt. Der Vorsitzende kennt die Ergebnisse und hat an einer wissenschaftlichen Veröffentlichung der Studiendaten mitgewirkt. Irgendwann habe man entschieden, in dieser Veröffentlichung aus Platzgründen den Part zu Glyphosat wegzulassen, wird er später unter Eid angeben. Man stelle sich vor, der Wissenschaftler hätte aufgrund der unveröffentlichten Daten Kenntnis gehabt, dass es Hinweise gäbe, dass Glyphosat Krebs errege, und bringt das in seine Gremienarbeit nicht ein. Continue reading “Aus Platzgründen weggelassen”

Zweierlei Maß und ein paar Begriffe

Zweierlei Maß und ein paar Begriffe

Das Umweltbundesamt (UBA) schreibt in seiner jüngsten Pressemitteilung:

“Grund ist die hohe Belastung des Grundwassers mit Nitrat. Über 27 Prozent der Grundwasserkörper überschreiten derzeit den Grenzwert von 50 mg/l.”

Diese Aussage ist so nicht ganz korrekt. Richtig müsste es heißen:

“Rund 27 Prozent der Grundwasserkörper sind derzeit aufgrund hoher Nitratgehalte in einem schlechten chemischen Zustand. An rund 18 Prozent der Grundwasser-Messstellen im Bundesgebiet wird der Nitrat-Grenzwert von 50 mg/l überschritten.”

Für die Einordnung “schlechter chemischer Zustand” nach den Kriterien der Wasserrahmenrichtlinie müssen nicht alle dazugehörigen Messstellen die Nitratwerte überschreiten, sondern nur ein Teil.

Neben der Zahl von 18 Prozent der Messstellen, die über dem Grenzwert liegen, wird auch oft eine zweite Zahl genannt, nämlich 28 Prozent. Das liegt daran, dass es zwei Nitrat-Messnetze gibt: ein repräsentatives Messnetz, das die Belastung im gesamten Bundesgebiet abbildet (EUA-Messnetz), sowie ein Netz von Messstellen, deren Nitratwerte durch die dortige landwirtschaftliche Praxis beeinflusst werden (EU-Nitratmessnetz). Nachzulesen ist das im Nitratbericht 2016. Dort (S. 44) wird das EUA-Messnetz eingeführt:

“Die Belastung des Grundwassers durch Nitrat lässt sich für die Bundesrepublik
Deutschland auf der Grundlage des neuen EUA-Messnetzes darstellen. Wie im
Kapitel 2.5.1 beschrieben, ist dieses Messnetz flächen- und nutzungsrepräsentativ
konzipiert, so dass es die Nitratverteilung im Grundwasser Deutschlands insgesamt repräsentativ abbildet.”

Das Messnetz umfasst 1215 Messstellen. In diesem Balkendiagramm (Quelle: Nitratbericht 2016) sind die Häufigkeitsverteilungen der mittleren Nitratgehalte der Zeiträume 2008-2011 und 2012–2014 an den Messstellen des EUA-Messnetzes abgebildet:

nitratsaeulen_viel.png

Das zweite Messnetz, das EU-Nitratmessnetz, wird im Nitratbericht (S. 39) folgendermaßen beschrieben:

“Die EG-Nitratrichtlinie 91/676/EWG (Artikel 5) fordert, dass bei der Auswahl der Messstellen ein Zusammenhang zwischen der Nitratbelastung der Gewässer und der landwirtschaftlichen Nutzung hergestellt werden kann. Daher werden für die Berichtserstattung aus dem EUA-Messnetz nur diejenigen Messstellen ausgewählt bzw. näher betrachtet, in deren Einzugsgebiet die Nutzungseinflüsse von

• Acker
• Grünland
• Sonderkulturen

auf die Grundwassermessstellen dominieren. Diese Messstellen wurden zu einem „Teilmessnetz Landwirtschaft“ zusammengefasst, nachfolgend als „EU-Nitratmessnetz“ bezeichnet.”

Das Messnetz umfasst 697 Messstellen. In diesem Balkendiagramm (Quelle: Nitratbericht 2016) sind die Häufigkeitsverteilungen der mittleren Nitratgehalte der Zeiträume 2008-2011 und 2012–2014 an den Messstellen des EU-Nitratmessnetzes abgebildet:

nitratsaeulen_lw.png

Das EU-Nitratmessnetz ist für den Zweck eingerichtet worden, der EU gegenüber die Fortschritte bei der Umsetzung der Nitratrichtlinie zu dokumentieren. Es ist nicht repräsentativ, sondern ein sogenanntes Belastungsmessnetz.

Dieses Messstellenkonzept wurde erst kürzlich neu konzipiert, dazu heißt es im Nitratbericht (S. 38):

“Infolge von Messstellenausfällen im Laufe der Jahre standen von diesen Messstellen für den Nitratbericht 2012 nur noch 162 Messstellen zur Verfügung. Die mittlere Messstellendichte in Deutschland lag damit erheblich niedriger als in den meisten anderen Mitgliedstaaten, wie auch die Kommission in ihrem Bericht über die Nitratberichterstattung 2012 festgestellt hat.”

Das alte Messstellenkonzept ist auch aus den Reihen der Landwirtschaft vielfach kritisiert worden, weil durch Auswahl und Zahl der Messstellen Deutschland im EU-Nitrat-Ranking schlechter dastand, als dies eigentlich der Fall war.

Nitrat und Landwirtschaft

“An den hohen Nitratwerten im Grundwasser ist nur die Gülle schuld”, titeln die Gazetten landauf landab derzeit. Das stimmt so auch nicht. Unter der Webadresse geoportal.de kann man die folgende Karte abrufen:

geoportal-de-karte_nitrat

Rot dargestellt sind die Grundwasserkörper, die sich in einem schlechten chemischen Zustand befinden. Orange zeigt an, wo sich intensive Viehhaltung befindet. Damit wird klar: Intensive Viehhaltung ist weder eine notwendige noch eine hinreichende Bedingung für eine hohe Nitratbelastung des Grundwassers. Das bedeutet: Es ist nicht der Fall, dass dort, wo viele Tiere auf der Fläche gehalten werden, immer das Grundwasser belastet ist. Und: Es ist auch nicht der Fall, dass dort, wo das Grundwasser belastet ist, immer viele Tiere auf der Fläche gehalten werden. Das muss auch das UBA einräumen:

“Einige Regionen in Deutschland weisen trotz hoher Viehdichte keine erhöhten Nitratgehalte auf. Grund dafür können einerseits hohe Niederschläge und anderseits natürliche Denitrifikationsprozesse sein.”

Der Ausdruck “natürliche Denitrifikationsprozesse” meint, dass Nitrat durch bestimmte Substanzen im Boden gebunden wird. Damit kann es aber ganz schnell vorbei sein, warnt das UBA:

“Bei diesen Prozessen werden allerdings bestimmte Chemikalien, mit denen das Nitrat reagiert und dadurch „unschädlich“ gemacht wird (sog. Reaktionspartner), verbraucht. Im Laufe der Zeit verringert sich also das Nitratabbaupotential immer weiter. Das kann so weit gehen, dass es innerhalb kurzer Zeit zu einem sprunghaften Anstieg der Nitratbelastung kommt (Nitratdurchbruch). “

Neben Tierhaltung wird häufig der Gemüseanbau als Ursache für Nitratbelastungen im Grundwasser genannt, weil der Düngebedarf in diesen Kulturen sehr hoch ist. Das UBA bleibt uns jedenfalls eine Erklärung, wie die anderen Nitratbelastungen entstehen, schuldig.

 

Die Geschichte einer Meldung

Die Geschichte einer Meldung

“Weil das Grundwasser in Deutschland in zu vielen Regionen zu viel Nitrat enthält, müssen die Bürger bald mit höheren Trinkwasserkosten rechnen.”

Diese Schreckensmeldung ist im aktuellen Spiegel zu lesen. Weiter heißt es dort:

“Nach einer aktuellen Studie des Umweltbundesamtes (UBA) werden derzeit in mehr als einem Viertel aller Wasserspeicher die zulässigen Grenzwerte überschritten. (…) Wasserversorger müssen inzwischen vielerorts teurere Verfahren einsetzen, um das Trinkwasser sauber zu halten.”

Auch die tagesschau behauptet in einem Einspieler, dass manche Wasserversorger bereits jetzt teure Verfahren einsetzen müssten, um die Nitratgrenzwerte beim Trinkwasser einzuhalten:

Christian Meyer von Bündnis 90/Die Grünen, Landwirtschaftsminister in Niedersachsen, behauptet ebenfalls, dass bereits jetzt höhere Wassergebühren anfallen:

Doch das ist schlichtweg falsch. Aufschluss darüber gibt die Studie des Umweltbundesamtes (UBA) selbst. Continue reading “Die Geschichte einer Meldung”

“Das mit der Angst funktioniert immer”

“Das mit der Angst funktioniert immer”

Mehr als rund 744.000 Menschen haben bislang für die europaweite Bürgerinitiative “Stop Glyphosate” unterschrieben. Das Ziel der Initiative ist, bis zum 15. Juni 2017 mindestens 1 Million Unterstützer zu gewinnen. Dabei ist anscheinend jedes Mittel recht, um die Menschen zu motivieren. So steht im Abschnitt “Warum ist das wichtig?” des deutschsprachigen Aufrufes als Schlusssatz:

“Handeln Sie jetzt: Unterzeichnen Sie unsere Bürgerinitiative gegen Monsantos krebserregendes Gift.”

Die Europäische Chemikalienagentur ECHA (European Chemicals Agency) sieht das anders. Ihr Urteil vom März dieses Jahres lautet:

“ECHA’s Committee for Risk Assessment (RAC) agrees to maintain the current harmonised classification of glyphosate as a substance causing serious eye damage and being toxic to aquatic life with long-lasting effects. RAC concluded that the available scientific evidence did not meet the criteria to classify glyphosate as a carcinogen, as a mutagen or as toxic for reproduction.”

Danach ist Glyphosat weder krebserregend noch mutagen noch reproduktionstoxisch. Allein die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC), eine Unterorganisation der Weltgesundheitsorganisation (WHO), hatte den Herbizid-Wirkstoff Glyphosat im März 2015 als “wahrscheinlich krebserregend” (Gruppe 2A) klassifiziert. Was bedeutet diese Klassifizierung? Die IARC schreibt in der Pressemitteilung:

“Group 2A means that the agent is probably carcinogenic to humans. This category is used when there is limited evidence of carcinogenicity in humans and sufficient evidence of carcinogenicity in experimental animals. Limited evidence means that a positive association has been observed between exposure to the agent and cancer but that other explanations for the observations (called chance, bias, or confounding) could not be ruled out. This category is also used when there is limited evidence of carcinogenicity in humans and strong data on how the agent causes cancer.”

Hier wird deutlich, dass das IARC-Etikett “wahrscheinlich krebserregend” nichts mit der umgangssprachlichen Formulierung “Substanz xy ist wahrscheinlich krebserregend” zu tun hat. Es ist eine rein technische Festlegung, die den Grad der Evidenz beschreibt, den die Forscher in ihrem Studienmaterial vorfinden. Continue reading ““Das mit der Angst funktioniert immer””

Twittern wie Trump, äh Künast

 

Heute um 10 Uhr hat in Bonn die Hauptversammlung der Bayer-Aktionäre begonnen. Begleitet wird die Veranstaltung im Bonner World Conference Center von Protesten eines Bündnisses verschiedener NGOs. Medienberichten zufolge musste vor Gericht entschieden werden, wie nah die Protestler der Versammlung kommen dürfen. Die Grünen-Politikerin Renate Künast kommentierte auf Twitter den Auftakt der Protestkundgebung:

Auf diesem Bild hatte sich offensichtlich bereits eine stattliche Menge Menschen versammelt. Die Unternehmenskommunikation der Bayer AG konterte indes mit einer anderen Perspektive:

Angesichts dieser Menschenmassen ist es nur angemessen, dass das ZDF ein Filmteam vor Ort hat, um Bericht zu erstatten:

 

Nachtrag von 14:06 Uhr: Das ZDF hat rund 150 bis 200 Demonstranten gezählt.

 

So wird das nichts

So wird das nichts

In einem Gastbeitrag für das Portal topagrar.com, der Anfang dieser Woche erschienen ist, formulieren die beiden Grünen-Politiker Dr. Robert Habeck und Friedrich Ostendorff ein Gesprächsangebot an die Landwirte. “Wir brauchen neue Instrumente, die Umwelt- und Tierwohlleistungen einen Preis geben, und so den Bauern ein Angebot für ihre Zukunft machen, jenseits von Wachse oder Weiche”, heißt es da u.a. Das klingt ja gut auf den ersten Blick, doch: Die Worte höre ich wohl, allein mir fehlt der Glaube. Warum sollten ausgerechnet die Grünen ausgerechnet zu Wahlkampfzeiten auf ihre typische Rhetorik und Polemik verzichten? Und warum sollten ausgerechnet die Landwirte vergessen, was sie sich in den letzten Monaten anhören durften: Ob Glyphosat, Antibiotika, Tierwohl, Biodiversität oder Nitrat im Grundwasser – kein Schlagwort wird ausgelassen, um die Zustände in der Landwirtschaft anzuprangern. Von Massentierhaltung, Agrarindustrie, Giftspritzen, Drogenhandel, Brunnenvergiftung, Monokulturen und systemimmanenten Problemen ist die Rede.

Allein die Beschreibung der Ausgangslage von Habeck und Ostendorff empfinde ich als unehrlich. Sicher ist es beklagenswert, dass immer mehr Höfe aufgeben müssen, aber mal ehrlich: Ist dieser Strukturwandel wirklich aufzuhalten? Vor allem: Ist dieser Strukturwandel wirklich mit grüner Politik aufzuhalten? Ein landwirtschaftlicher Betrieb hat nur dann eine Zukunft, wenn er für junge Menschen einen attraktiven Arbeitsplatz und ein gewisses Auskommen bietet. Daher sehe ich für die Betriebe im Wesentlichen zwei Perspektiven:
• Der Landwirt spezialisiert sich oder schafft einen Gemischtbetrieb, der durch interne Synergien Wettbewerbsvorteile hat, und wächst jeweils zu einer Größe heran, die es ihm ermöglicht, effizient zu wirtschaften und Fremdarbeitskräfte einzustellen.
• Oder er besetzt eine bestimmte Nische, idealerweise ein Hochpreissegment, zum Beispiel Direktvermarktung, Solidarische Landwirtschaft, Urlaub auf dem Bauernhof sowie Sonderkulturen und Spezialitäten.

Kleinere Betriebe, die keinen dieser beiden Wege einschlagen, werden es in Zukunft schwer haben, sich zu behaupten und Nachfolger zu finden. Denn auch das gehört inzwischen selbstverständlich zur modernen Arbeitswelt: ab und an ein freies Wochenende sowie Urlaub. Ein paar Agrarumweltmaßnahmen mehr werden keinen Betrieb aus seiner Misere retten, wenn die Grundstruktur nicht stimmt. So zu tun, als könne man mit einer durch Quasiplanwirtschaft erreichten Re-Extensivierung das Rad zurückdrehen, ist unehrlich. Auch wenn grüne Politiker wie Niedersachsens Christian Meyer behaupten, dass eine Milchmengenregulierung den Weg aus der Krise weist, ist das den Bauern gegenüber unfair, weil Meyer ganz genau weiß, dass das nicht stimmt.

Auch die Energiewende ist kein Musterbeispiel für gutes Gelingen grüner Politik, sondern ein Trauerspiel: die Stromkosten für private Haushalte sind massiv gestiegen, der CO2-Ausstoß hat zugenommen statt abgenommen und immer mehr Menschen wehren sich gegen die Errichtung von Windkraftanlagen oder Stromtrassen. Erst galten Landwirte als „Ölscheichs von morgen“ (Zitat von Renate Künast) und heute vermaisen sie die Landschaft und wissen nicht, wie sie ihre Biogasanlagen nach Ablauf der 20-jährigen Preisgarantie weiter betreiben sollen.

Alte Vorurteile und Rituale müssen aufgegeben werden? Mag sein, aber sicher nicht nur auf der Seite der Landwirte. Allein der Satz „Tiere können in den Ställen ihre natürlichen Verhaltensweisen nicht ausleben, ihnen werden Schwänze oder Schnäbel gekürzt.“ ist ein Affront und kein Gesprächsangebot. So wird das nichts.

 

Bildnachweis: Screenshot topagrar.com