Nachgehakt: Glyphosat und Biodiversität

Nachgehakt: Glyphosat und Biodiversität

Die Empörungsindustrie fährt ihre Maschinen wieder an: In der vergangenen Woche ging eine Europäische Bürgerinitiative gegen die Verlängerung der EU-Genehmigung für den Herbizid-Wirkstoff Glyphosat an den Start. Wir erinnern uns: Die EU-Kommission hatte in 2016 die Genehmigung erst einmal bis Ende dieses Jahres verlängert. Man wolle die Risikobewertung durch die Europäische Chemikalienbehörde ECHA (European Chemicals Agency) abwarten. Der Abschlussbericht des ECHA-Gremiums soll bis Ende November 2017 fertig sein:

Während die Wissenschaftler noch Daten zusammentragen und auswerten, ist die Meinungsbildung von NGOs, bestimmten Parteien und manchen Regierungsbehörden bereits abgeschlossen. Bei der Diskussion im vergangenen Jahr waren mir ein paar Tweets von Maria Krautzberger aufgefallen, der Präsidentin des Umweltbundesamtes (UBA). Sie behauptete damals, dass  Glyphosat dramatische Auswirkungen auf die Biodiversität habe. Ich wollte wissen, ob sie dafür Belege hätte:

Und es kam auch eine Antwort:

Das genannte Dokument “Conclusion on the peer review of the pesticide risk assessment of the active substance glyphosate” ist der Abschlussbericht der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA zur Bewertung von Glyphosat. Dort steht auf Seite 18 im Abschnitt “Ecotoxicology”:

“The new proposed reference specification as proposed by the RMS (Germany, 2015) is not supported by the specifications of all applicants. Therefore a critical area of concern was identified.

Some aspects of the risk assessment of glyphosate were discussed at the Pesticides Peer Review Meeting 128 (3–5 March 2015). The RMS raised concerns regarding the indirect effects (biodiversity) on non-target organisms via trophic interaction of extensively used herbicides such as glyphosate. At the meeting there was also an exchange of views on this issue. The experts considered this as an important risk management issue.

For the risk assessment to birds and mammals, it is acknowledged that no specific scenarios are available in the Guidance Document on Risk Assessment for Birds and Mammals (EFSA, 2009) for the spraying applications against emerged annual, perennial and biennial weeds for the representative use ‘all crops pre-planting and post planting’. The RMS used, as surrogate, the worst case scenarios related to the early stage of several crops for the representative uses ‘all crops’ (pre and post-planting). Although it is not clearly indicated in the guidance document (EFSA, 2009), likely the most suitable scenarios might have been those related to ‘not crop directed applications’, which were specifically developed for herbicides applied in orchards. However, the RMS’s approach covered both the latter scenarios and other more conservative ones. Therefore the RMS’s approach was considered acceptable.”

“RMS” steht für “Reporting Member State”, also für den Mitgliedsstaat, der die ursprüngliche Risikobewertung erstellt hat. Das ist im Fall von Glyphosat Deutschland. Und nun dürfen wir dreimal raten, welche Bundesbehörde wohl den Abschnitt über Auswirkungen auf den Naturhaushalt erarbeitet hat: Richtig, das Umweltbundesamt. Aufschluss gibt hier eine Meldung des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) von 2014. Dort heißt es:

“Bedenken bestehen allerdings in Hinsicht auf den Schutz der biologischen Vielfalt. Zwar ist Glyphosat für Vögel, Säugetiere und Insekten nicht unmittelbar schädlich. Breitbandherbizide wie Glyphosat töten jedoch auf den behandelten Kulturflächen auch diejenigen Pflanzen ab, die Insekten wie Schmetterlingen und Wildbienen Nahrung bieten. Damit kann auch Feldvogelarten wie dem Rebhuhn und der Feldlerche die Nahrungsgrundlage beeinträchtigt werden. Der Bericht empfiehlt deshalb der Europäischen Kommission, die Genehmigung für Glyphosat mit der Maßgabe zu verbinden, dass die Mitgliedstaaten Maßnahmen ergreifen, um solche Effekte und nachteilige Auswirkungen auf die biologische Vielfalt zu reduzieren.”

Noch einmal langsam zum Mitschreiben: Die UBA-Präsidentin führt als Beleg für eine Behauptung eine Stelle in einem Bericht an, die ihre eigenes Haus dort reinverhandelt hat. 

Maria Krautzberger nennt eine weitere Quelle:

Dieses Dokument ist eine mehr als 500 Seiten umfassende Untersuchung, die u.a. von Mitarbeitern eines NABU-Instituts verfasst worden ist. Interessanterweise ist das Papier offiziell nach der Abgabe der Glyphosat-Bewertung an die EFSA erschienen. Um direkt zu den für mich interessanten Informationen vorzustoßen, habe ich einfach meinen Computer nach dem Wort “glyphosate” suchen lassen. Es gab 15 Treffer: je einen im Inhalts- und Abbildungsverzeichnis, zwei im Literaturverzeichnis und 11 (in Worten: “elf”) im Fließtext. Außerdem gab es noch zwei Treffer für das deutsche Wort “Glyphosat” im Literaturverzeichnis. Hier die elf Treffer aus dem Fließtext:

S. 20: “The most sold herbicide agent group are the
organophosphorous herbicides (32 %) to which glyphosate belongs.”

S. 22: “2.3.2  Digression – glyphosate as most used herbicide

The use of glyphosate has increased since 2000 (Fig. 2.3.3). In 2007 and 2008 particularly large amounts were used, and in 2011 its use reached the third highest level since 2000. The main area of application of glyphosate in arable farming in Germany is stubble treatment in the first instance, followed by pre-sowing application and desiccation (e.g. for accelerated maturation) according to Dickeduisberg et al. (2012). (…) The use of broad-band herbicides such as glyphosate for stubble treatment and desiccation is economical to the farmer, but not in compliance with the Plant Protection Act (Haffmanns 2007).”

S. 23: “Fig. 2.3.3: Annual domestic use (in t) of Glyphosate in Germany since 2000 (Source: German Parliament brochure 17/7168, 2011).

S. 116: “For example glyphosate has toxic effects on amphibians and causes serious population declines (Relyea 2005) and can lead to cell damage and cancer growth in humans (Marc et al. 2002; Eriksson et al. 2008; Benachour & Séralini
2009; Gasnier et al. 2009). (…) Amphibians could profit in particular, as it has been proved that these are also affected by direct toxic effects of glyphosate, the most widely used broad-spectrum herbicide (see above).”

S. 117: “The most widely used herbicides in Germany are the selective isoproturone (for winter wheat, winter barley, rye, spring barley and spring wheat) followed by the non-selective glyphosate (Eurostat 2007). Broad spectrum herbicides such as glyphosate are frequently applied as pre-emergence herbicides, but also for pre-sowing and post-harvest weed repression, and for desiccation (acceleration of maturation) in the pre-harvest period for instance in cereals and rape (see digression on glyphosate in chapter 2.3).”

Was erfahren wir hier über Glyphosat und die Auswirkungen des Wirkstoffs auf die Biodiversität? Nicht viel: Wir erfahren etwas über Anwendungsweise und -häufigkeit und dass Glyphosat giftig auf Amphibien wirken kann. Letzteres ist lange bekannt und deswegen gibt es auch Abstandsregelungen zum Einsatz des Wirkstoffs in der Nähe von Gewässern. Aber zu den behaupteten indirekten dramatischen Auswirkungen auf die Biodiversität durch Glyphosat finde ich nichts außer Mutmaßungen.

Natürlich reduziert Glyphosat den Pflanzenaufwuchs auf einer Fläche – zum Beispiel vor der Neuaussaat – das macht der Pflug aber auch. Und auch der Biobauer reduziert Biodiversität, wenn er zwischen seinen Maisreihen hackt. Und das muss er tun, wenn er nicht nur Kamille ernten will, sondern Mais.

Mein Eindruck ist, dass hier ein neues Paradigma installiert werden soll, um den Einsatz von Pflanzenschutzmittel generell in Frage zu stellen.

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Bildnachweis: BMUB

Die Antwort

Die Antwort

Letztlich hatte Dr. Barbara Hendricks also doch ein Einsehen: Das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) wird die Plakatkampagne mit den neuen Bauernregeln nicht fortführen. Dr. Heike Müller, Landwirtin und Vizepräsidentin des Bauernverbandes Mecklenburg-Vorpommern, hatte – wie viele andere auch – an die Ministerin geschrieben. Zu lesen war ihr Offener Brief an Frau Dr. Hendricks auch hier im Blog. Jetzt ist eine Antwort vom Ministerium eingetroffen. Möge sich jeder sein eigenes Urteil bilden:

“Sehr geehrte Frau Dr. Müller,

haben Sie vielen Dank für Ihre Zuschrift vom 3.Februar 2017 zur Kampagne „Gut zur Umwelt. Gesund für alle.“ des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB).

Mit dieser Kampagne haben wir eine öffentliche Debatte angestoßen, die teilweise sehr kontrovers geführt wurde. Unser Ziel war, den Blick auf Fehlentwicklungen in der Landwirtschaft zu lenken. Unbestreitbar ist beispielsweise der Rückgang der Artenvielfalt in Regionen intensiver Landwirtschaft oder die Belastung des Grundwassers durch die Überdüngung der Böden. Hier müssen wir besser werden: um die biologische Vielfalt zu erhalten, unsere Böden und Gewässer zu schützen und auch für mehr Tierwohl. Landwirte und Naturschützer können das nur gemeinsam erreichen, dafür müssen wir eng zusammenarbeiten und kooperativ nach Lösungen suchen.

Die von uns bisher nur im Internet und in den sozialen Medien veröffentlichten Motive mit neuen „Bauernregeln“ haben auf unkonventionelle, frische und fröhliche Art auf ein wichtiges Thema aufmerksam gemacht. Wie können wir Landwirtschaft und Umwelt besser zusammenbringen? Dass dies ein Thema ist, das viele Menschen beschäftigt, lässt sich auch daran ablesen, dass sich die „Bauernregeln“ in Windeseile verbreitet haben – ohne dass ein einziges großes Plakat aufgehängt werden zu werden brauchte.

Wir sind weiterhin überzeugt, dass unsere Bauernregeln nicht dazu angetan sind, jemanden zu beleidigen oder in seiner Ehre zu verletzen. Die Ministerin nimmt aber zur Kenntnis und respektiert, dass dies von Vielen ganz anders empfunden wurde und wird. Sie hat öffentlich bedauert, dass solche Empfindungen ausgelöst wurden. Deshalb haben wir entschieden, die Bauernregeln im Rahmen der weiteren Kampagne nicht mehr einzusetzen.

Das Thema ist und bleibt der Bundesumweltministerin aber sehr wichtig. Jetzt geht es darum, die Aufmerksamkeit, die wir im ersten Schritt für dieses wichtige Thema erzeugt haben (auch dank der „Bauerregeln“), für einen konstruktiven Dialog zu nutzen – mit Landwirten, Verbrauchern und Naturschützern. Wir setzen uns auch weiterhin für eine Agrarwende in Deutschland ein: Dazu gehört nicht nur, dass Landwirtschaft sozialer und ökologischer werden muss. Wir wollen auch, dass die Agrarfördermittel aus Brüssel umweltgerechter verteilt werden. Bäuerinnen und Bauern sollen faire Preise bekommen – für ihre Produkte und für Leistungen, die sie im Interesse der Gemeinschaft für den Natur- und Landschaftsschutz erbringen. Wie wir diese Ziele erreichen können, dazu wollen wir einen breiten gesellschaftlichen Dialog anstoßen.

Die Kampagne führen wir aber weiter, denn das Thema ist und bleibt wichtig. Der inhaltliche Kern unserer „Bauernregeln“ wurde bisher auch nicht ernsthaft angezweifelt oder widerlegt. Wir nutzen die bis jetzt erreichte Aufmerksamkeit eines großen Teils der Öffentlichkeit für das Thema und gehen einen nächsten Schritt hin zu unserem Kernanliegen: Wir treten in einen breiten Dialog.

Für weiterführende Informationen möchten wir Sie an dieser Stelle auch gern auf die folgenden Links auf der BMUB-Homepage hinweisen:

Mit freundlichen Grüßen

Im Auftrag
Ihr Bürgerservice im BMUB

Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz,
Bau und Reaktorsicherheit
Stresemannstraße 128 – 130
10117 Berlin
E-Mail: buergerservice@bmub.bund.de

www.bmub.bund.de/buergerforum
www.twitter.com/bmub
www.youtube.com/user/Umweltministerium

 

_________________________________

Mal abgesehen davon, dass es nicht stimmt, dass die Plakate “bisher nur im Internet und in den sozialen Medien” veröffentlicht worden sind (siehe Foto): Ist so ein Serienbrief der Sache angemessen?

Mein Fazit: Nutzt die Möglichkeit, Euch einzubringen und schreibt im Dialogforum Eure Sicht in Sachen zukunftsfähige Landwirtschaft. Die ersten Beiträge sind schon da. Ein Blick lohnt sich!

 

Bildnachweis: Plakat mit neuer Bauernregel, gesichtet am Flughafen Berlin-Tegel von Marcus Mager

Aufruf zum Dialog! Wirklich?

Aufruf zum Dialog! Wirklich?

Täglich gibt es neue Positionierungen in den Medien zu den Bauernregeln des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB). Auch die Ministerin selbst hat inzwischen Stellung genommen in einem Brief an ihren Kollegen Landwirtschaftsminister Christian Schmidt. Trotzdem spalten die Sprüche weiterhin die Gemüter. Dr. Barbara Hendricks erläutert in dem öffentlichen Schreiben ihre Motive:

“In der Tat steht dies im Zusammenhang mit dem Bürger-Beteiligungsverfahren zur Zukunft der europäischen Agrarpolitik. Ich möchte dazu beitragen, dass möglichst viele Menschen in unserem Land sich daran beteiligen. Es geht um das System der Agrarförderung und damit um die Neuordnung des größten Ausgabenpostens in der EU. Über den gesamten nächsten Finanzplanungszeitraum wird es um einen deutlich dreistelligen Milliardenbetrag an Steuergeldern gehen. Da ist es wichtig, dies nicht nur als Diskussion innerhalb der Landwirtschaft anzusehen, sondern eine, die letztlich jeden angeht.”

Die Ministerin möchte also darauf aufmerksam machen, dass EU-weit eine Online-Befragung der Bürger zur Agrarpolitik gestartet ist. Bei dieser sogenannten Konsultation kann jeder seine Meinung äußern, wie die EU ihre Agrarförderung in den nächsten Jahren gestalten soll. Dieses Element direkter Demokratie sollten möglichst viele Menschen nutzen – das sehe ich auch so. Nur, wie gut wurde diese Absicht in den Werbemaßnahmen des BMUB umgesetzt?

Ich möchte mal heute einen handwerklichen Blick auf die Plakat-Motive werfen. Schließlich habe ich auch einmal im PR-Bereich gearbeitet. Wie hätte ich eigentlich die Intention der Kampagne, Dialog und Diskussion zu fördern und die Teilnahme an der Konsultation anzuregen, umgesetzt? Doch schauen wir uns erst einmal eins der Plakate an:
plakat_schwein.jpg
Der geschilderte Sachverhalt wurde hier offensichtlich dem Zwang, eine bestimmte Form einhalten zu müssen, untergeordnet. Auf einem Bein steht ein Schwein gar nicht mehr, würde ich sagen, sondern es liegt wohl eher. Was das Thema Tierwohl im Umweltministerium zu suchen hat, bleibt vermutlich ein Rätsel. Eventuell ist das aber auch eine bewusste Kompetenzüberschreitung, um entsprechende Reaktionen zu provozieren. – Hat ja auch geklappt. – In der Konsultation kommt das Thema Tierschutz aber kaum vor. Teilnehmer, die um mehr Tierwohl bemüht sind, können ihre Präferenz nur bei wenigen Fragen unterbringen.

Ob das Motiv Aufmerksamkeit erweckt, wage ich zu bezweifeln. Normalerweise wird mit großen Fotos oder Bildern gearbeitet – Eyecatchern halt. Wenn ein Plakat allein mit Text Aufmerksamkeit erwecken will, muss die Schrift “knallen”, also klar und deutlich ins Auge fallen. Wir erinnern uns an die “Umparken-im-Kopf”-Kampagne von Opel: Schwarze Blockbuchstaben auf gelben Grund, Logo, flotter Spruch – das hat neugierig gemacht. Die Schrift von den Bauernregelplakaten ist schlecht lesbar. Der Kontrast zum Hintergrund könnte klarer sein. Der Retrochic-Stil hat natürlich einen gewissen Charme, aber das war es dann auch. Es gibt noch einen entscheidenden Unterschied zur Offensive des Autoherstellers: Die Opel-Plakate hatten alle ein sogenanntes Response-Element, also eine einfache Möglichkeit, Kontakt aufzunehmen, umgesetzt durch einen QR-Code sowie einen Hashtag. Die Plakate des BMUB verweisen lediglich auf die Website “bundesumweltministerium.de/bauernregeln“. Wer soll sich diese Buchstabenkolonne merken, geschweige denn eintippen? Das macht doch keiner. Wer die Mühe auf sich nimmt, gelangt zur Kampagnen-Website http://www.neue-bauernregeln.de/. Warum wurde eigentlich nicht dieser einfachere und viel einprägsamere Link auf die Plakate gedruckt?

Zurück zur Ausgangsfrage: Auf den Plakaten stand ja nichts von der EU-Konsultation zur Agrarpolitik, dann wird bestimmt auf der Website dafür geworben werden. Schließlich wollen wir die Menschen ja animieren mitzumachen. Pustekuchen: Wer auf den roten Button “Mehr Infos zum Thema” klickt, gelangt zu einer Seite, auf der bekannte BMUB-Positionen zum Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und zur sogenannten Intensivtierhaltung recycelt werden, kein Hinweis zur Konsultation. Hinter dem Link “Aktuelles” gelangt man schließlich zu einer Nachrichtenübersicht. Dort gibt es einen Nachrichten-Teaser zur Bürgerbefragung mit Datum vom 4. Februar 2017. Klickt man hierauf gelangt man tatsächlich zur Startseite der Konsultation. Das war jetzt sehr mühselig.

Wenn ich wirklich Menschen motivieren will, an einer umfangreichen Onlineumfrage teilzunehmen, noch dazu an einer sehr langen (rund 20 Minuten) und sehr abstrakten, dann muss ich ihnen zumindest den Start erleichtern, diese Umfrage überhaupt im Netz zu finden, zum Beispiel mit einem QR-Code, der direkt zur Startseite der Befragung führt oder meinetwegen zu einer Website des BMUB, die eventuell noch ein paar technische Tipps gibt. Die im Brief der Ministerin getätigten Aussagen zur Intention der neuen Bauernregeln sind somit in höchstem Maße unglaubwürdig.

Ich hätte mich zudem auf positive Botschaften konzentriert wie “Ringelblum’, Klee und Phacelia sind für die wilden Bienen da.” Mit diesem Satz hätte man die Chancen illustrieren können, die die Neugestaltung der EU-Agrarförderung bietet, nämlich Bauern z.B. bei der Anlage von Blühstreifen und -flächen weiterhin zu unterstützen und damit Lebensräume für Tiere zu schaffen. Wenn man gewollt hätte, wäre es möglich gewesen, alle Themenbereiche positiv zu beschreiben. Damit wäre man den Landwirten dann auch nicht auf die Füße getreten. Wenn man gewollt hätte …

Der Hashtag “#Agrarwende” ist von Bündnis 90/Die Grünen als politischer Kampfbegriff etabliert worden. Der Ausdruck ist damit belegt. Er steht für einen von manchen NGOs zum Teil radikal geforderten Systemwechsel. In ihren Social Media Maßnahmen verwenden auch das BMUB und seine Chefin diesen Hashtag. Darum wundert es etwas, wenn die Ministerin schreibt:

“Erst durch die bewusste Fehldeutung, es handele sich um eine Kampagne gegen die gesamte Landwirtschaft, wird doch ein Zungenschlag herbeigeredet, den es in den Aussagen auf den Plakaten gar nicht gibt.”

Die Plakate sind in der Tat wenig aussagekräftig. Ich glaube inzwischen, sie dienen lediglich dem Zweck, im Netz für Gesprächsstoff zu sorgen. Von daher reicht es nicht, nur die Offline-Inhalte anzuschauen, um den Ärger der Bauern zu verstehen. Auf den nebulösen Inhalt der Plakate angesprochen antwortet der Pressesprecher des BMUB auf Twitter:

War der Shitstorm somit von Anfang an einkalkuliert, um die Inhalte von Hendricks Agrarpolitik bekannter zu machen?

Eins hat Frau Dr. Hendricks mit ihrer Kampagne auf jeden Fall geschafft: Viele Landwirte sind durch die Bauernregeln erst auf die Konsultation aufmerksam geworden und sind jetzt hoch motiviert, den Online-Fragebogen auch gewissenhaft auszufüllen.

Die Ministerin hat dieser Tage jedenfalls viel Gelegenheit, ihre Dialogbereitschaft unter Beweis zu stellen. Denn sie dürfte derzeit eine Menge Post bekommen.

Übrigens: Ich habe den Fragebogen zur EU-Konsultation schon ausgefüllt und abgeschickt. Und Du?

Twittern wie …

Twittern wie …

Die neue Kampagne des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) zieht auch auf Twitter Kreise. Und das BMUB twittert zurück. Ich werde das jetzt nicht kommentieren, die Texte sprechen für sich:

“Wir diffamieren niemanden”

“Wir diffamieren niemanden”

Die sozialen Netzwerke kochen vor Aufregung: Hunderte von Kommentaren finden sich auf den Facebook-Seiten von Ministerin Dr. Barbara Hendricks und ihrem Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) jeweils unter den Einträgen, wo die sogenannten neuen Bauernregeln präsentiert werden.

Die Landwirte fühlen sich durch die gereimten Sprüche verunglimpft und lächerlich gemacht. Das BMUB kann die Aufregung über ihre 1,6 Millionen Euro teure Kampagne gar nicht verstehen und antwortet auf Facebook:

“Liebe Facebook-User, wir freuen uns über die Diskussion und die vielen sachlichen, teils auch kritischen Beiträge zu diesem Thema. Es ist schade, dass es auch unsachliche Äußerungen gibt. Für Bundesumweltministerin Barbara Hendricks ist es ein wichtiges Anliegen: Wir diffamieren niemanden, wir greifen niemanden persönlich an, wir verunglimpfen keinen Berufsstand. Aber wir thematisieren Fehlentwicklungen in Teilen der Landwirtschaft, die niemand ernsthaft bestreiten kann. Lassen Sie uns darüber debattieren, wie wir das ändern können – weil wir eine Landwirtschaft mit Zukunft wollen, in der es der Umwelt, aber auch den Bauern besser geht. Viele Grüße, Team Barbara Hendricks”

Wie kann das sein? Woher kommt diese unterschiedliche Wahrnehmung? Schauen wir uns die Bauernregeln mal an: Ich habe die Sprüche hier aufgelistet, allerdings nicht in der vom Ministerium vorgegebenen Reihenfolge, sondern nach Themengruppen sortiert:

Steht das Schwein auf einem Bein, ist der Schweinestall zu klein.

Gibt’s nur Mais auf weiter Flur, fehlt vom Hamster jede Spur.
Ohne Blumen auf der Wiese geht’s der Biene richtig miese.
Gibt’s nur eine Pflanzenart, wird’s fürs Rebhuhn richtig hart.

Zu viel Dünger auf dem Feld geht erst ins Wasser dann ins Geld.
Zu viel Dünger, das ist Fakt, ist fürs Grundwasser beknackt.
Steh‘n im Stall zu viele Kühe, macht die Gülle mächtig mühe.
Strotzt der Boden vor Nitraten, kann das Wasser arg missraten.

Bleibt Ackergift den Feldern fern, sieht der Artenschutz das gern.
Haut Ackergift die Pflanzen um, bleiben auch die Vögel stumm.

Wenn alles bleibt, so wie es ist, kräht bald kein Hahn mehr auf dem Mist.

Inhaltlich möchte ich darauf an dieser Stelle nicht eingehen, obwohl es dazu eine Menge zu sagen gäbe. Betrachten wir mal nur die Struktur: Alle Sätze beschreiben eine Wenn-Dann-Beziehung. Also: Wenn Zustand A vorliegt, dann auch Zustand B. Im Grunde wird hier in den Sätzen erst einmal keinem Landwirt eine bestimmte Handlung zugeschrieben.

Kein Grund zum Ärger also? Wir machen da mal ein Experiment: Dr. Barbara Hendricks hat Geschichte und Sozialwissenschaften studiert. Der Titel ihrer Doktorarbeit lautet “Die Margarineindustrie am unteren Niederrhein im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert”. Ich mache mir jetzt einen Spaß und dichte eine Wenn-Dann-Beziehung:

Zuviel Gedanken um Margarine, dann gerät man auf die falsche Schiene.

Damit will ich natürlich nur auf unbestreitbare Fehlentwicklungen aufmerksam machen und meine niemanden persönlich. Es liegt mir völlig fern, mich über jemanden lustig zu machen. Oder der hier:

Hat der NABU das BMUB gekapert, es an Objektivität dort hapert.

Wie gesagt: Ich diffamiere niemanden, greife niemanden persönlich an und verunglimpfe keine Behörde. Aber ich thematisiere Fehlentwicklungen in Teilen der Bundesregierung, die niemand ernsthaft bestreiten kann. – Und da soll sich jetzt niemand drüber aufregen?

Richtig Brisanz bekommt die Angelegenheit zudem erst durch die einführenden Worte zur Kampagne. Das BMUB schreibt auf Facebook:

“Wenn wir die Vielfalt unserer Natur auch für kommende Generationen erhalten wollen, müssen wir unsere Landwirtschaft naturverträglicher gestalten!

Mit der Kampagne „Gut zur Umwelt. Gesund für alle.“ setzen wir uns für eine nachhaltigere Landwirtschaft ein. Damit die Landwirtschaft eine Zukunft hat, brauchen wir mehr als neue Bauernregeln – wir brauchen eine #Agrarwende!”

Das ist doch eine Kampfansage, die man in dieser Form nur von Bündnis 90/Die Grünen oder den NGOs kennt. Und für mich stellt sich die Frage, ob die hier umrissene Agrarwende mit all ihren Konsequenzen von der Mehrheit der Bevölkerung wirklich mitgetragen werden würde. Spätestens an dieser Stelle muss einem das Lachen vergehen.

 

Bildnachweis: Bundesregierung/Sandra Steins 

Offener Brief an Ministerin Dr. Barbara Hendricks

Offener Brief an Ministerin Dr. Barbara Hendricks

Das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) hat eine neue Werbekampagne gestartet: “Hendricks verkündet neue “Bauernregeln” für eine Landwirtschaft mit Zukunft” lautet der Titel der dazugehörigen Pressemitteilung. Die Motive, sogenannte neue Bauernregeln, stoßen in der Branche – gelinde gesagt – auf Unverständnis.

Dr. Heike Müller, Landwirtin und  Vizepräsidentin des Bauernverbandes Mecklenburg-Vorpommern, schreibt an die Ministerin:

“Sehr geehrte Frau Bundesministerin Hendricks,

ich schreibe Ihnen hier als Landwirtin, als Vizepräsidentin eines Landesbauernverbandes, als Landfrau und als Rednerin auf der „Wir-machen-Euch-satt“-Demo in Berlin.

Mit großem Befremden habe ich heute Ihre Kampagne „Neue Bauernregeln“ zu Kenntnis nehmen müssen, für die in mehr als 70 Städten in Deutschland plakatiert werden soll, begleitet von Postkarten, Social Media und einer speziellen Website.

Dass wir Bauern von Seiten der Nicht-Regierungs-Organisationen mit solchen bunten und grafisch im Pippi-Langstrumpf-Stil nett gemachten, aber inhaltlich fragwürdigen Plakaten und Kampagnen angegriffen werden, daran haben wir uns inzwischen schon fast gewöhnt. In einer Demokratie darf man das, das gehört zum gesellschaftlichen Diskurs dazu.

Kommen solche Parolen jedoch von einem Bundesministerium, wurden sie mit Steuergeldern finanziert, bekommt dies eine andere Dimension!

Liebe Frau Hendricks, von solchen Sprüchen wie „Gibt`s nur Mais auf weiter Flur, fehlt vom Hamster jede Spur“, „Steht das Schwein auf einem Bein, ist der Schweinestall zu klein“, „Zu viel Dünger auf dem Feld geht erst ins Wasser, dann ins Geld“ oder „Haut Ackergift die Pflanzen um, bleiben auch die Vögel stumm“ fühlen wir Bauern uns verhöhnt. Das ist Bauernbashing wie es im Buche steht und wie Sie es, werte Frau Hendricks, auch wenn Sie dies stets bestreiten, schon seit längerer Zeit betreiben. Ich habe Ihre Rede vom 17.Januar sehr aufmerksam gelesen und bin entsetzt über viele Pauschalisierungen, die Sie dort vornehmen. Vom Überschütten der Felder mit Gülle ist dort die Rede, oder von einer Haltung, bei der der Respekt vor dem Tier als fühlendes Lebewesen auf der Strecke geblieben ist.

Was glauben Sie, Frau Hendricks, wie man sich fühlt, wenn man als Tierhalter 365 Tage im Jahr Verantwortung trägt, sich um jedes Einzeltier bemüht, dabei aber in Jahren wie dem vergangenen nichts verdient? Wenn man auch aus dem Ackerbau nur die Hälfte des normalen Umsatzes erlöst hat, weil die Natur nicht mitspielte und auch die Märkte uns nicht freundlich gesonnen waren? Wie man sich fühlt, wenn dann ein Bundesministerium die moderne Landwirtschaft in die Schmuddelecke stellt, unsere Produktionsmethoden in Bausch und Bogen verdammt? Wenn man nur als Subventionsempfänger dargestellt wird, aber niemals als Steuerzahler, der man in normalen Jahren  durchaus ist? Wenn die Eingebundenheit in die Weltmärkte und die vergleichsweise hohen Standards, die wir im Tier- und Umweltschutz bereits erreicht haben, ausgeblendet werden? Wenn ausgeblendet wird, dass zum Beispiel wir hier in Mecklenburg-Vorpommern deutschlandweit die meisten Natura-2000-Gebiete haben, obwohl oder gerade weil wir Landwirte so wirtschaften wie wir wirtschaften? Wenn vor allem ausgeblendet wird, dass die Verbraucher täglich völlig basisdemokratisch an der Ladentheke anders abstimmen als in Umfragen und dass längst nicht alle, die grün wählen, auch grün essen?

Wir Landwirte haben uns schon immer an wechselnde Gegebenheiten anpassen müssen, was die Witterungsbedingungen, die Märkte oder die Verbraucherwünsche anging. Wir Bauern denken nicht nur von Ernte zu Ernte, sondern wir denken in Generationen. Was uns jedoch zunehmend zu schaffen macht, ist die Tatsache, dass in eine Landwirtegeneration mehr als fünf Politikerwahlperioden passen. Das sind fünf Wahlperioden, in denen Politiker sich immer wieder neu profilieren müssen, neue Regelungen auf den Weg bringen, die uns keine Atempausen mehr gönnen.

Solche Kampagnen wie die „Neuen Bauernregeln“, die uns als Landwirte diskreditieren, die uns nur noch als Umweltfrevler oder Tierquäler darstellen, demotivieren uns, lassen aber gleichzeitig auch nach und nach die Wut auf unseren Höfen wachsen.

Frau Hendricks, der Duktus Ihrer Reden und dieser Kampagnen trägt zur selben Polarisierung innerhalb unserer Gesellschaft bei, die Ihre Partei bei anderen Parteien und Gruppierungen zu Recht kritisiert.

Liebe Frau Hendricks, ich habe in meiner Rede bei der „Wir-machen-Euch-satt“-Dialogveranstaltung am 21. Januar in Berlin (das entsprechende Youtube-Video können Sie, wenn Sie mögen, hier verfolgen: https://www.youtube.com/watch?v=P79hlsIiCUI&t=23s) darum gebeten, dass die Politik bitte verbal abrüsten möge. Ich möchte auch Sie darum bitten. Ein fairer Dialog kann nicht so aussehen, dass eine ganze Berufsgruppe ausgegrenzt wird, noch dazu von einem Bundesministerium! Veränderungen kann man nur mit uns Bauern und mit der Mehrzahl der Verbraucher erreichen! Landwirtschaft hieß schon immer auch Evolution!

Wie man einen sachlichen Dialog zu landwirtschaftlichen Fragen führt, können Sie im Übrigen bei Ihrem Parteikollegen Dr. Till Backhaus sehen, mit dem wir Landwirte auch häufig im sehr kritischen Diskurs stehen, der sich jedoch niemals zu solchen populistischen Bauernregeln hinreißen ließe.

Liebe Frau Hendricks, bitte beenden Sie diese unsägliche Kampagne! Als Politikerin sollte man sein Ministerium nicht für einen wie auch immer gearteten Wahlkampf einspannen!

Beste Grüße aus der Mitte von Mecklenburg-Vorpommern

Dr. Heike Müller”

 

Bildnachweis: BMUB

 

Agrotopia

Agrotopia

Pünktlich zur Grünen Woche, die am 20. Januar in Berlin startet, legt Greenpeace ein “Kursbuch Agrarwende 2050” vor, in dem die Organisation beschreibt, wie sie sich die Landwirtschaft der Zukunft vorstellt. Verantwortlich für den fachlichen Input zeichnet das Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) in Frankfurt am Main. Bereits beim ersten Querlesen sind mir einige Punkte aufgefallen, die ich hier kurz anreißen möchte.

Der Verbraucher

Der gesamte Entwurf gilt nur unter der Prämisse, dass die Verbraucher ihren Fleischkonsum bis 2050 halbieren. Die Kurzfassung der Studie schließt (S. 15) mit den Worten:

“Auch der Verbraucher muss bei diesem Umbau aktiv werden. Der Fleischkonsum der Bevölkerung in Deutschland sollte sich bis 2050 halbieren und die Haltung von Nutzieren zur Erzeugung tierischer Lebensmittel (Milch, Fleisch) auf den heimischen Markt konzentrieren. Darüber hinaus sollten vermeidbare Lebensmittelverluste halbiert werden. Wenn dies gelingt, können 76 oder 80 Millionen Menschen weitgehend aus der heimischen Produktion ernährt und gleichzeitig die gesetzten Umweltziele erreicht werden. Zudem verbleiben Restflächen, die z.B. für die Biomasseproduktion zur Verfügung stehen. Bei einer Ernährung wie bisher („as usual“) reicht die verfügbare Fläche für eine ökologisierte Landwirtschaft nicht aus, um die deutsche Bevölkerung ohne erhebliche Importe an Lebensmitteln im Jahr 2050 zu ernähren.”

Es ist zumindest zweifelhaft, ob die Skizze, die Greenpeace hier vorlegt, gesellschaftlich akzeptiert wird. Das fängt beim Fleischkonsum an und hört bei dreimal Kohlsuppe in der Woche auf. Das haben die Veggie-Day-Bemühungen der Grünen, die ursprünglichen Klimaschutzpläne von Umweltministerin Dr. Barbara Hendricks und zuletzt der Mehrwertsteuer-Vorstoß vom Umweltbundesamt eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Auch Greenpeace zieht eine erhöhte Mehrwertsteuer als Maßnahme der Konsumsteuerung in Betracht.

Verzicht auf chemisch-synthetischen Pflanzenschutz

Das Agrarmodell von Greenpeace sieht vor, auf chemisch-synthetischen Pflanzenschutz zu verzichten. Man geht davon aus, dass der Verzicht einen Ertragsrückgang um durchschnittlich 40 Prozent bewirken wird. Das soll durch Maßnahmen wie die Reduzierung der Lebensmittelabfälle kompensiert werden. Dabei macht Greenpeace einen Denkfehler: Der Verzicht auf chemisch-synthetischen Pflanzenschutz erzeugt ja nicht gleichmäßig 40 Prozent weniger Ertrag, den man woanders leicht kompensieren kann. Der letzte Sommer hat gezeigt, dass zum Beispiel Winzer oder Kartoffelbauern, wenn Ihnen nicht die entsprechenden Mittel zur Verfügung stehen auch einmal ein Jahr gar nichts ernten. Weitgehend heimische Kartoffel-Produktion in einem feuchtwarmen Sommer ohne chemisch-synthetische Wirkstoffe bedeutet kiloweise bodenschädliches Kupfer auf die Felder fahren. Was ist damit gewonnen? In der Ankündigung zur Greenpeace-Veröffentlichung steht, dass alle bienenschädlichen Pestizide verboten werden sollen – dann bitteschön aber auch die für den Ökolandbau zugelassenen Wirkstoffe Spinosad und die Pyrethrine!

Verwurf reduzieren

Die Verluste, die aus dem Verzicht auf chemisch-synthetischen Pflanzenschutz resultieren (minus 40 Prozent Ertrag), sollen dadurch ausgeglichen werden, dass weniger weggeworfen wird. Wenn es so einfach wäre, Verwurf zu reduzieren, warum machen wir das nicht einfach schon? Aus krummen Kartoffeln lassen sich nicht gut Pommes schneiden. Warum sollen in 2050 die Kartoffeln weniger krumm sein? Gerade bei Bio-Kartoffeln gibt es viel Verwurf.

Noch ein Beispiel: In den Läden werden bis kurz vor Ladenschluss alle möglichen Brotsorten vorgehalten, damit der Kunde auch nach seiner Arbeit noch die maximale Auswahl hat. Da bleibt eine Menge übrig. Soll so eine Praxis verboten werden? Dazu würden massive Markteingriffe nötig werden und ein Berg an Bürokratie. Außerdem geht das übrige Brot auch heute schon nicht völlig verloren, sondern wird z.B. als Futter in der Schweinemast verwertet oder zur Energiegewinnung (Biogas). Die Abfälle bei den Lebensmitteln, die heute anfallen, tauchen eigentlich in der Versorgungsbilanz an anderer Stelle zum Beispiel als Futter für Nutztiere wieder auf. Das heißt: Wenn ich Abfälle vermeide, muss ich mehr Futter erzeugen.

Noch ein Aspekt: Welche Art der Produktion schafft es denn eigentlich, besonders wenig zu verwerfen? In Sachen Schweinefleisch ist z.B. der Großschlachter Tönnies führend: Das Unternehmen verwertet 99 Prozent des geschlachteten Tieres. Das geht soweit, dass aus der Darmschleimhaut der Schweine Heparin gewonnen wird. Solche effizienten Strukturen lassen sich oft nur in großen Einheiten abbilden. Ist das so gewollt, Greenpeace?

Apropos Schwein: Was soll mit den Teilen geschehen, die zurzeit vor allem in den Export gehen: Schweinefüße, Schweineohren, Schweineköpfe? Wer soll das essen, wenn der Export von Fleischprodukten wegfallen soll? Oder soll das alles zu Tiernahrung verwertet werden? Apropos Tiernahrung: Wie die rund 30 Millionen Haustiere in Deutschland ernährt werden sollen, dazu schweigt sich Greenpeace aus, bis auf den Hinweis, dass Abfälle als Tiernahrung dienen könnten.

Futteranbau

Greenpeace rechnet: Wenn weniger Tiere gehalten werden, brauche ich weniger Fläche, um Futter für die Tiere anzubauen. Diese Fläche wird dann frei für die Erzeugung von pflanzlichen Lebensmitteln. Das ist eine Milchmädchenrechnung: Viele Flächen, die heute als Weide für den Futteranbau genutzt werden, lassen sich nicht beackern. Um sinnvolle Fruchtfolgen zu haben, wird auch Futtergetreide wie Gerste oder Triticale angebaut. Weizen in Backqualität zu erzeugen, gelingt nur auf Gunststandorten wirklich zuverlässig. Viel von dem Weizen, der geerntet wird, ist nicht für die menschliche Ernährung geeignet. Beispiel Dänemark: Mit Änderungen im Düngerecht durfte weniger Stickstoff auf die Felder. Daraufhin sanken die Proteingehalte so stark, dass das Land Backweizen importieren musste. Das Düngerecht wurde daraufhin wieder geändert. Kurzum: Wenn weniger Flächen für den Futteranbau benötigt werden, werden diese nicht automatisch frei für den Anbau von Nahrungsmitteln, denn nicht jeder Standort ist für jede Kultur geeignet.

Ökonomische Aspekte

Grob gesagt beschäftigt sich die Studie mit der Frage, ob bei veränderter Produktionsweise die Bevölkerung in Deutschland mit den auf deutschen Agrarflächen erzeugten Lebensmitteln ernährt werden kann. Eine Ausnahme bilden Obst und Gemüse: Hier sollen 50 Prozent importiert werden. Es wird also nur untersucht, ob eine Agrarwende produktionstechnisch überhaupt möglich ist. Nicht untersucht wurden alle Implikationen für das Wirtschafts- und Sozialsystem, die eine solche Wende mit sich bringen würde. Die Autoren wenden sich in einer Vorbemerkung (S. 6) an ihre Leser:

“Es sind im Wesentlichen sozioökonomische Aspekte (betrieblich + volkswirtschaftlich), die in dieser Studie nicht modelliert und beschrieben wurden. Hierzu gehören: die Kosteneffekte bzw. Einsparungen eines Systemwandels der Landwirtschaft, die betriebswirtschaftlichen Auswirkungen unterschiedlicher Maßnahmen auf den Einzelbetrieb, Fruchtfolge-Änderungen durch die Erhöhung des Leguminosen-Anteils zur Produktion heimischer Eiweißfuttermittel oder eine Exportorientierung als wirtschaftliches Betriebsstandbein.”

Wie jetzt? Ob wir uns dieses Agrarsystem überhaupt leisten können und wie viele Betriebe diese Wende betriebswirtschaftlich überstehen werden, wurde nicht berücksichtigt? Ach was, kostet uns bestimmt nur eine Kugel Eis. Scherz beiseite: Die Machbarkeit und die Akzeptanz eines solchen Modells hängt entscheidend davon ab, ob und wie es finanzierbar ist.

Gentechnik

Verfahren der klassischen Gentechnik sowie die neuen Züchtungstechnologien wie Crispr/Cas werden in der Greenpeace-Studie nicht berücksichtigt. Die Begründung lautet:

“In der von uns beschriebenen ökologisierten konventionellen Landwirtschaft ist die „grüne Gentechnik“ verboten. Bei unseren Annahmen für die künftige Entwicklung hat dieses grundsätzliche Verbot keine kalkulatorische Berücksichtigung gefunden, weil wir potenzielle Veränderungen der Ist-Situation berechnen. Da derzeit (Stand 2016) die „grüne Gentechnik“ in Deutschland praktisch keine Relevanz hat, muss sie auch nicht einbezogen werden.”

Langsam zum Mitschreiben: Wir reden über einen Zeitraum bis 2050, das sind mehr als 30 Jahre. Genome Editing wird derzeit in den wissenschaftlichen Fachmagazinen als die Entdeckung der letzten Jahre gefeiert mit schier unerschöpflich vielen Möglichkeiten in den Bereichen Medizin, Pflanzen- und Tierzüchtung und Synthetische Biologie. Es gibt heute bereits gentechnisch verbesserte Kartoffelsorten, die resistent sind gegen Kartoffelfäule. Damit lassen sich schon heute tonnenweise Fungizide sparen und das soll keine Rolle spielen?

Selbstversorgung

Eine Anforderung des Modells ist, ohne nennenswerte Importe auszukommen. Das soll das Klima schonen. Ausnahme: Der Bedarf an Obst und Gemüse soll nur zu 50 Prozent aus heimischer Produktion stammen. (Bananen bleiben also erlaubt – puh, Glück gehabt.) Die Frage, die sich mir stellt, ist, ob so ein Ansatz in einer globalisierten Welt realistisch ist. Wie will ich denn vermeiden, dass der Handel im Ausland günstiger einkauft, weil dort die Produktion billiger ist? Etwa durch Zölle? Wie sehen eigentlich die rechtlichen Rahmenbedingungen in unserem EU-Binnenmarkt aus? Darf sich Deutschland da überhaupt so abschotten? Ich vermute mal, nein.

Welternährung

Eine ethische Frage schließt sich an diesen Aspekt der Selbstgenügsamkeit an: Wir leben in Mitteleuropa in einer günstigen Region für die Erzeugung von Lebensmitteln. Die klimatischen und geologischen Voraussetzungen sind ideal. Haben wir deshalb nicht auch eine gewisse Verantwortung, diese Voraussetzungen optimal zu nutzen? Schließlich hungern immer noch rund 800 Millionen Menschen auf der Erde und bis 2050 müssen nach Schätzungen wesentlich mehr Menschen ernährt werden, wobei die für Landwirtschaft zur Verfügung stehende Fläche sich nicht mehr nennenswert steigern lässt. Ist es vor diesem Hintergrund überhaupt moralisch zu rechtfertigen, dass wir in Deutschland die Produktion auch noch runterfahren? Börsenspekulanten wird häufig vorgeworfen, dass sie die Weltmarktpreise für landwirtschaftliche Güter künstlich verteuern. Mit einer Ökologisierung der Landwirtschaft wird zwangsläufig die Produktion verteuert und damit steigt der Preis für Lebensmittel. Ist das dann nicht genauso verwerflich?

 

 

 

Bildnachweis: Greenpeace