Improvisation

Improvisation

Jörg Feldmann, der Bürgermeister der Stadt Waldeck, hatte sich sicher nichts dabei gedacht, als er die Anfrage der Stadtverordneten-Fraktion der Freien Wähler beantwortete. Ob der Bauhof Glyphosat einsetze, wollten die Freien Wähler wissen, und welches Mittel statt dessen bei der Pflege der städtischen Flächen zum Einsatz käme. Die Antworten hatten es in sich:

“Der Bauhof setzt auf den Flächen, die er betreut, seit mehreren Jahren kein Glyphosat bzw. ein Produkt mit dem Wirkstoff Glyphosat ein. (…) Der Bauhof setzt das Produkt Stonos ein.”

Das Problem ist, dass Stonos kein zugelassenes Pflanzenschutzmittel ist, sondern ein Außenreiniger. Es ist schlichtweg nicht erlaubt so ein Reiniger-Produkt zur Entfernung von Unkraut anzuwenden. Jetzt könnte man einwenden, dass die Abtötung des Unkrauts nur ein netter Nebeneffekt der Pflasterreinigung sei. Nur: Auf dem Spielplatz in unserem Dorf, das ein Ortsteil der Stadt Waldeck ist, wurde im vergangenen Herbst definitiv irgendetwas gegen Unkraut gespritzt. Unter dem Klettergerüst färbte sich der Aufwuchs gelb. Zumindest hier hat kein Außenreiniger etwas zu suchen.

Das Präparat Stonos enthält Natriumchlorat. Laut Sicherheitsdatenblatt wird das Gemisch als “gewässergefährdend” und als “schädlich für Wasserorganismen, mit langfristiger Wirkung” eingestuft. Auf Nachfrage teilt das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) mit:

“Natriumchlorat ist als Wirkstoff in Pflanzenschutzmitteln seit vielen Jahren verboten. Die letzte Zulassung von Pflanzenschutzmitteln mit dem Wirkstoff Natriumchlorat in Deutschland endete am 31.12.1992 (1994 auf dem Gebiet der ehemaligen DDR).

Der Wirkstoff wurde auch in einem EU-Gemeinschaftsverfahren geprüft. Im Jahr 2008 wurde entschieden, dass der Stoff kein geeigneter Wirkstoff für Pflanzenschutzmittel ist. Zulassungen von Pflanzenschutzmitteln, die Chlorat enthalten, mussten in allen EU-Mitgliedstaaten bis zum 10. Mai 2009 widerrufen werden.

Bei der Prüfung des Wirkstoffs kamen die Experten zu dem Schluss, dass eindeutig davon auszugehen ist, dass der Wirkstoff sich schädlich auf die menschliche Gesundheit auswirkt, insbesondere auf den Anwender bei der Ausbringung. Darüber hinaus waren die Informationen nicht ausreichend, um eine mögliche Versickerung eines relevanten Abbauprodukts ins Grundwasser zu bewerten.

Auch als Biozid (z. B. zur Desinfektion) darf der Wirkstoff EU-weit nicht mehr angewandt werden.”

Natriumchlorat ist übrigens wesentlich giftiger als Glyphosat: Der Wert LD 50 Ratte oral von Natriumchlorat liegt bei 1200 mg/kg, der entsprechende Wert LD 50 Ratte oral von Glyphosat ist 4870 mg/kg.  Es fragt sich, warum eine Substanz, für die die Zulassung als Wirkstoff für Pflanzenschutzmittel sowie als Biozid-Wirkstoff aberkannt worden ist, in Produkten eingesetzt werden darf, die im Außenbereich verwendet werden. Inhaltsstoffe für Reiniger unterliegen keiner Zulassungspflicht. Wie aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der FDP-Fraktion hervorgeht, müssen Reiniger lediglich

“die in Artikel 1 Absatz 2 der EG-Detergenzienverordnung genannten EU-weit harmonisierten Anforderungen in Bezug auf die biologische Abbaubarkeit der in ihnen enthaltenen Tenside, des maximal zulässigen Phosphorgehalts, das Bereithalten bestimmter Herstellerinformationen sowie die Inhaltsstoffkennzeichnung erfüllen.”

Tenside sind die Substanzen in einem Reiniger, die die Oberflächenspannung des Wassers reduzieren sollen. Natriumchlorat hat so eine Wirkung und ist – wenn auch langsam – biologisch abbaubar. In Internet-Shops werden zahlreiche Reiniger-Produkte mit Natriumchlorat in Kategorien wie “Wegerein ohne Glyphosat” angeboten. Hersteller schwärmen von der herbiziden Wirkung der Substanz. So schreibt die Firma Clearnex auf ihrer Website:

“Natriumchlorat wurde auch zu DDR Zeiten als Unkrautvernichter unter dem Namen „UnkrautEx“ bekannt. Ältere Leute schwärmen heute noch von der hervorragenden Wirkung und beim sachgemäßen Einsatz von einer geringen Umweltbelastung. UnkrautEx wurde ausschließlich als Pulver angeboten. Da UnkrautEx als natriumchlorathaltiges Präparat ein starkes Oxidationsmittel war, wurde es, insbesondere in Form eines Gemisches mit Zucker, zum Bau von Sprengkörpern missbraucht.”

Dabei ist sich der Hersteller durchaus bewusst, dass die hier angepriesene Wirkung nicht dem rechtlich zulässigen Einsatzzweck der eigenen Produkte entspricht, und bedauert:

“Leider ist bei beiden Produkten der Hinweis zu beachten, dass diese laut Pflanzenschutzamt nicht mehr auf Unkraut gesprüht werden dürfen. Die Produkte werden deshalb nur noch als Steinreiniger verkauft.”

Und diese Steinreiniger werden inzwischen sogar von Kommunen als Herbizid-Ersatz eingesetzt. Und möglich macht das eine EU-Detergenzienverordnung, die viel kreativen Spielraum für allerlei Mischungen lässt. Einziges Ausschlusskriterium ist nach Angaben der Bundesregierung der Umstand, dass eine Substanz nach den Regelungen der REACH-Verordnung (“REACH” steht für “Registration, Evaluation, Authorisation and Restriction of Chemicals”) nicht oder nur beschränkt angewendet werden darf, aber:

“Spezifische Anforderungen für eine Verwendung im Außenbereich enthält die EG-Detergenzienverordnung nicht.”

 

 

 

 

 

 

 

Atomobst

Atomobst

Die Entscheidung des Europäischen Gerichtshof (EuGH) zur Einordnung der modernen Züchtungstechnologien macht Schwächen und Unschärfen der GVO-Freisetzungs-Richtlinie von 2001 (2001/18/EG) deutlich:

Unter “1.” heißt es im Urteil:

“Art. 2 Nr. 2 der Richtlinie 2001/18/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 12. März 2001 über die absichtliche Freisetzung genetisch veränderter Organismen in die Umwelt und zur Aufhebung der Richtlinie 90/220/EWG des Rates ist dahin auszulegen, dass die mit Verfahren/Methoden der Mutagenese gewonnenen Organismen genetisch veränderte Organismen im Sinne dieser Bestimmung darstellen.”

Damit ist eindeutig festgelegt, dass auch Züchtungen, die auf chemischer oder physikalischer Mutation beruhen, genetisch veränderte Organismen (GVO) im Sinne der Richtlinie sind. Die Begründung für diese Festlegung liegt in der vom Gericht maximal weit gefassten Auslegung der Definition von “GVO”:

“Nach der Begriffsbestimmung in Art. 2 Nr. 2 der Richtlinie 2001/18 ist ein GVO ein Organismus mit Ausnahme des Menschen, dessen genetisches Material so verändert worden ist, wie es auf natürliche Weise durch Kreuzen und/oder natürliche Rekombination nicht möglich ist.

Damit sind im Grunde alle Züchtungen, bei denen im Labor nachgeholfen wurde, GVOs. In unserem Sprachgebrauch setzen wir “GVO” mit “Gentechnik” gleich, “GVO” wird in der Regel mit “gentechnisch veränderter Organismus” ausbuchstabiert. Das Gericht macht da einen Unterschied.

Ein Problem ist die Frage, was “natürlich” in dieser Definition bedeutet. Denn wie Ottoline Leyser, Direktor des Sainsbury Laboratory an der Universität Cambridge, in ihrer Stellungnahme zum Urteil feststellt, ist es in der Pflanzenzucht schwierig, eine Linie zwischen natürlich und künstlich zu ziehen:

“Yet drawing a line between the natural and artificial is difficult to say the least. After thousands of years of careful human intervention, most “natural” crops look nothing like their wild ancestor. They have many characteristics that mean they would not last more than a few generations if they had to compete in the wild.”

Unsere heutigen Nutzpflanzen haben mit ihren wilden Urahnen nicht mehr viel zu tun und sie wären ohne jahrhundertelange Auslese und Kombination nie entstanden.

Züchtungen, bei deren Entstehung Strahlung oder Chemikalien zum Einsatz kamen, sind dem EuGH-Urteil zufolge GVOs, aber von der Richtlinie ausgenommen, weil es die Verfahren bereits lange gibt und weil sie als sicher gelten. Viele Lebensmittel unseres täglichen Lebens basieren auf induzierter Mutation, zum Beispiel Hartweizen für Nudeln, Braugerste und Pink Grapefruit.

Die Welternährungsorganisation FAO und die Internationale Atomenergiebehörde IAEA führen eine gemeinsame Datenbank, in der bislang rund 3.200 Sorten aufgeführt sind. Es dürfte noch mehr Sorten geben, weil der Eintrag in diese Datenbank nicht verpflichtend ist.

Von der reinen Methode her betrachtet, gibt es keinen Grund anzunehmen, dass die Verfahren der induzierten Mutation sicherer seien als gerichtete Mutation mit Genome Editing. Die off-Target-Effekte, also die nicht-beabsichtigten Folgen, sind bei den ungerichteten Mutagenese-Verfahren viel zahlreicher und gravierender als bei der gerichteten Mutation. Zum Teil sind die Ergebnisse dieser Verfahren sogar gar nicht lebensfähig. Holger Puchta, Geschäftsführender Direktor des Botanischen Instituts am Karlsruhe Institute of Technology (KIT), erklärte gegenüber Spiegel Online:

“Das Urteil klingt so, als wenn die Richter eine Schrotflinte erlauben, aber ein Skalpell verbieten wollen.”

In Kanada werden neue Sorten ohne Ansehung des Zuchtverfahrens zugelassen. Die entscheidende Frage ist dort, wie neuartig das Produkt ist, egal ob es mit strahleninduzierter Mutation, mit klassischer Gentechnik oder mit Genome Editing  erreicht worden ist. Das ist auch konsequent, denn auch bei konventioneller Züchtung, selbst bei natürlicher Kreuzung, können Ergebnisse entstehen, die die Gesundheit von Menschen beeinträchtigen können. So machte vor ein paar Jahren ein Fall Schlagzeilen, bei dem ein Mann nach dem Genuss selbst gezogener Zucchini gestorben war. Das Gemüse enthielt den Bitterstoff Cucurbitacin, der normalerweise durch Züchtung aus den heutigen Kürbisgewächsen entfernt worden ist.

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Ist ein Bisschen Gentechnik o.k.? Vielen Dank an Twitter-User @5tanco für das Logo!

Vor diesem Hintergrund ist unverständlich, warum für die Schrotflinten-Züchtungen mit Chemikalien und Radioaktivität eine Ausnahme von der GVO-Richtlinie gemacht werden soll. Das sehen auch Grüne Politiker*innen so:

Harald Ebner bezeichnet die alte Mutagenese-Ausnahme also als Fehler. Nun, der Weg steht jetzt offen. Das EuGH-Urteil lässt den Mitgliedsstaaten explizit Möglichkeiten, nationale Sonderwege zu gehen. Im Urteilsspruch heißt es unter “3.”:

“Art. 3 Abs. 1 der Richtlinie 2001/18 ist in Verbindung mit Nr. 1 ihres Anhangs I B, da er die mit Verfahren/Methoden der Mutagenese, die herkömmlich bei einer Reihe von Anwendungen angewandt wurden und seit langem als sicher gelten, gewonnenen Organismen vom Anwendungsbereich der Richtlinie ausschließt, dahin auszulegen, dass den Mitgliedstaaten durch ihn nicht die Befugnis genommen wird, solche Organismen unter Beachtung des Unionsrechts, insbesondere der in den Art. 34 bis 36 AEUV aufgestellten Regeln über den freien Warenverkehr, den in der Richtlinie vorgesehenen Verpflichtungen oder anderen Verpflichtungen zu unterwerfen.”

Damit wäre es z. B. möglich, nationale Vorschriften für eine Kennzeichnungspflicht zu erlassen. Damit könnte man “GVOs durch die Hintertür” verhindern und Wahlfreiheit für die Verbraucher sicherstellen. Herr Ebner übernehmen Sie – oder ist etwa ein bisschen Gentechnik nicht so schlimm?

Harald Ebner schreibt in einem Gastkommentar für die Deutsche Welle:

“Bei der Regulierung nach der Freisetzungsrichtlinie geht es um die Sicherstellung von Transparenz, Rückverfolgbarkeit und Kennzeichnung auch für die, die sich – egal ob aus ethischen, gesundheitlichen oder ökologischen Gründen – gegen die Nutzung oder den Verzehr von Gentechnik-Produkten entscheiden.”

Und auf seiner Website schreibt der Grüne Bundestagsabgeordnete:

“Wer versucht, den Menschen heimlich Genfood unterzujubeln, verspielt wertvolles Vertrauen in Politik und Lebensmittelwirtschaft. Denn die Menschen wollen „wissen, was drin ist“.”

Ich meine ja nur: Wer will schon freiwillig Atomobst essen?

 

Die Entscheidung

Die Entscheidung

Heute hat der Europäische Gerichtshof (EuGH) entschieden, dass Pflanzen, die mit modernen Züchtungsmethoden wie CRISPR/Cas entwickelt worden sind, als gentechnisch veränderte Organismen (GVO) einzustufen sind. Diese Entscheidung ist so nicht erwartet worden, zumal der EU-Generalanwalt Michal Bobek im Januar ein anders lautendes Gutachten vorgelegt hatte.

Mein Kommentar:

In der Tat haben wir hier eine Entscheidung, die nicht auf der Höhe der Zeit ist. GVO ja oder nein wird eng ausgelegt: Alles, was nicht auf natürliche Weise – was auch immer hier “natürlich” bedeutet – oder durch Kreuzungszucht entstanden sein kann, ist ein GVO, also auch Mutagenesezüchtungen. In der Pressemitteilung heißt es:

“… dass durch Mutagenese gewonnene Organismen GVO im Sinne der GVO-Richtlinie sind, da durch die Verfahren und Methoden der Mutagenese eine auf natürliche Weise nicht mögliche Veränderung am genetischen Material eines Organismus vorgenommen wird.”

Aber die alten Verfahren der chemischen bzw. physikalischen Mutagenese sind ausgenommen, weil sie als sicher gelten:

“Aus der GVO-Richtlinie ergibt sich jedoch auch, dass sie nicht für die mit bestimmten Mutagenese-Verfahren, nämlich solchen, die herkömmlich bei einer Reihe von Anwendungen verwendet wurden und seit langem als sicher gelten, gewonnenen Organismen gilt.”

Pflanzen, die mit den modernen Verfahren des Genome Editing gezüchtet worden sind, werden hingegen als GVO eingestuft, weil sie nach Ansicht des Gerichts die gleichen Gefahren mitbringen wie die Produkte der klassischen Gentechnik:

“Denn mit der unmittelbaren Veränderung des genetischen Materials eines Organismus durch Mutagenese lassen sich die gleichen Wirkungen erzielen wie mit der Einführung eines fremden Gens in diesen Organismus, und die neuen Verfahren ermöglichen die Erzeugung genetisch veränderter Sorten in einem ungleich größeren Tempo und Ausmaß als bei der Anwendung herkömmlicher Methoden der Mutagenese. In Anbetracht dieser gemeinsamen Gefahren würde durch den Ausschluss der mit den neuen Mutagenese-Verfahren gewonnenen Organismen aus dem Anwendungsbereich der GVO-Richtlinie deren Ziel beeinträchtigt, schädliche Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit und die Umwelt zu verhindern.”

Gerade diese Passage sorgt bei Forschern und wissenschaftlichen Institutionen für Unverständnis. Denn auch institutionell geförderte Sicherheitsforschung in der EU hat längst gezeigt, dass es per se bei gentechnisch optimierten Pflanzen keine größeren Risiken gibt als bei konventioneller Züchtung. Die schon klassische Formulierung dazu findet sich in der Veröffentlichung “A decade of EU-funded GMO research (2001 – 2010)” der EU-Kommission aus dem Jahre 2010 (S. 16):

“The main conclusion to be drawn from the efforts of more than 130 research projects, covering a period of more than 25 years of research, and involving more than 500 independent research groups, is that biotechnology, and in particular GMOs, are not per se more risky than e.g. conventional plant breeding technologies.”

Grüne Gentechnik ist seit mehr als 20 Jahren auf den Feldern und in den Supermärkten, und zwar ohne Super-Gau. Reicht das nicht, um als sicher zu gelten?

Dass es bei chemischer und physikalischer Mutagenese bisher zu keinen größeren Zwischenfällen gekommen ist, ist purer Zufall, weil diese Techniken eine noch viel größere Eingriffstiefe mitbringen – viel unnatürlicher sind – als klassische Gentechnik oder als Genome Editing.

Aus meiner Sicht steht jetzt die alte GVO-Richtlinie zur Diskussion, und zwar schnellstmöglich, wenn man international nicht den Anschluss verlieren will.

Einige Reaktionen:

 

Links

• Urteil

• Pressemitteilung zum Urteil

• Stellungnahme des BMEL

Stellungnahme des VBIO

Stellungnahme des Bundesverbandes Deutscher Pflanzenzüchter

Stellungnahme des DBV

• Stellungnahme der Deutschen Industrievereinigung Biotechnologie e.V.

 

Bildnachweis: EC – Audiovisual Service / Photo: G. Fessy

 

“Das wäre staatlich verordnete Ineffizienz”

“Das wäre staatlich verordnete Ineffizienz”

Am 25. Juli 2018 wird der Europäische Gerichtshof entscheiden, ob neue Züchtungstechnologien wie CRISPR/Cas unter das Gentechnik-Recht fallen sollen oder nicht. Grünen-Chef Robert Habeck hatte sich zuletzt dafür ausgesprochen, dass der Einsatz dieser Techniken auf jeden Fall reguliert werden muss. Die FDP-Bundestagsabgeordnete Carina Konrad plädiert für einen pragmatischen Ansatz im Umgang mit den neuen Technologien.

Frage: Frau Konrad, in Ihren Bundestagsreden ergreifen Sie Partei für die Landwirtinnen und Landwirte im Land. Welche Rückmeldungen haben Sie dazu bislang bekommen?

Antwort: Ich bin selbst Agraringenieurin, Landwirtin und Mutter. Diesem direkten Bezug zur Landwirtschaft verdanke ich meinen Antrieb und meine Motivation, mich in landwirtschaftliche Debatten einzubringen. Die Landwirtschaft ist viel besser als ihr Ruf. Auf meine Arbeit bekomme ich viel positive Resonanz aus der Landwirtschaft direkt und aus dem vor- und nachgelagerten Bereich. Besonders auch von Frauen, die mich für meinen Einsatz loben. Das freut mich sehr.

Frage: Gab es auch negative Resonanz?

Antwort: Klar. Wenn man eine Haltung hat, finden sich immer auch Menschen, die eine andere Haltung haben. Das ist ja auch gut so und ein wichtiger Bestandteil unserer Oppositionsarbeit. Als ich mich beispielsweise gegen einen nationalen Glyphosat-Ausstieg positioniert habe, gab es natürlich auch Gegenwind. Damit kann ich umgehen. Erschreckend finde ich aber die Verrohung der Sprache in sozialen Netzwerken. Wenn man mit Sprache konfrontiert wird, die weder sachlich noch an der Sache ist und die man, glaube ich, nie jemandem persönlich ins Gesicht sagen würde, schockiert das.

Frage: “Insektensterben”, “Nitrat-Klage”, “Glyphosat-Ausstieg”, “Massentierhaltung” – die öffentliche Debatte über Landwirtschaft wird von Schlagworten dominiert. Welche inhaltlichen Schwerpunkte setzen Sie in Ihrer Arbeit?

Antwort: Ich möchte meinen Teil dazu beitragen, die Abschaffung der Landwirtschaft in Deutschland aufzuhalten. Verbot von synthetischen Pflanzenschutzmitteln, Verschärfung der Düngeverordnung, das alles sind politische Forderungen, die sich aus diesen populistisch geführten Debatten ergeben. Diskutiert wird dabei von selbsternannten Experten, die das Thema Landwirtschaft missbrauchen, um in der Wählergunst der Nichtlandwirte zu steigen, indem sie mit falschen, vermeintlich wissenschaftlichen Studien, Angst und Panik verbreiten. Statt vor Ort die Probleme mit den Akteuren gezielt anzugehen und nach Lösungen zu suchen, wird regelmäßig eine neue Sau durchs Dorf getrieben. Das führt nicht zu Verbesserungen, sondern zerstört die Existenz der landwirtschaftlichen Familienbetriebe, genau die also, die wir doch eigentlich erhalten wollen. Junge, gut ausgebildete Landwirte gehen lieber woanders arbeiten, statt den Hof zu übernehmen. Damit wird sich die Produktion weiter ins Ausland verlagern, die Hühnerhaltung hat das bereits gezeigt. Für den Verbraucher verbessert sich nichts, für die Umwelt verbessert sich nichts.

Frage: Grünen-Chef Robert Habeck hat kürzlich im Interview mit der FAZ (€) behauptet, die anderen Parteien hätten sich zu den neuen Züchtungstechnologien wie CRISPR/Cas und Co noch gar nicht positioniert. Stimmt das? Hat die FDP dazu keine Meinung?

Antwort: Wir Freie Demokraten setzen auf einen vorurteilsfreien und transparenten Umgang mit neuen Technologien, so auch bei der Gentechnik und den neuen Züchtungsmethoden. So steht es auch in unserem Wahlprogramm. Interessant ist aber schon, dass diese Kritik ausgerechnet von den Grünen kommt. Ich erinnere daran, dass Herr Habeck, als er das Thema “neue Züchtungsmethoden” lautstark auf die Agenda gesetzt hat, umgehend von Herrn Häusling in die Schranken gewiesen wurde.

Frage: Herr Habeck will, dass die modernen Verfahren auch reguliert werden sollen wie die klassische Gentechnik. Wie sehen Sie das?

Antwort: Das wäre staatlich verordnete Ineffizienz. Die neuen Züchtungsmethoden unterliegen bereits strengen Vorgaben und wir brauchen insbesondere in der Landwirtschaft Pflanzensorten, die sich schneller an Klimaveränderungen und Krankheiten anpassen können. Ich sehe hier also ganz konkret die Chancen: Ohne die von Herrn Habeck angestrebten Regulierungen könnten alle enorm von Züchtungsfortschritten profitieren. Im Ökolandbau könnte man vor allem beim Wein, aber auch in Kartoffeln und anderen Kulturen Pilzresistenzen enorme Kupfermengen einsparen, die derzeit dort nicht zu ersetzen sind und u. a. schädlich auf die Regenwürmer wirken. Und in der konventionellen Landwirtschaft könnten Pflanzenschutzmittel eingespart werden durch Resistenz gegen Schädlingsfraß bei Mais, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Mittels Genome Editing entwickelte Pflanzen unter die Definition für einen gentechnisch veränderten Organismus zu stellen, wäre ein herber Schlag für den Forschungs- und Wirtschaftsstandort Deutschland. Denken Sie an alle kleinen und mittleren Unternehmen, die kaum noch eine Chance hätten, mit den großen mitzuhalten, weil die Verfahren schlichtweg zu teuer würden. Da sie ihren Standort nicht mal eben ins Ausland verlagern können, wären sie von Zukunftstechnologien abgeschnitten. Neue Züchtungsmethoden mit den hohen bürokratischen Gentechnikauflagen zu belasten, hilft nur den großen Anbietern von Saatgut und koppelt die kleinen – oft noch von Familien geführten – Zuchtbetriebe vom Markt ab. Das kann meinem Verständnis nach nicht im Sinne der Zukunft deutscher Forschung und Innovation sein. Schließlich sind es besonders die regionalen Züchter, die schnell auf die Gegebenheiten vor Ort eingehen können und ihren Standort kennen.

Frage: Im Koalitionsvertrag schreiben die Regierungsparteien: “Im Anschluss an die noch ausstehende Entscheidung des Europäischen Gerichtshofes (EuGH) zu den neuen molekularbiologischen Züchtungstechnologien werden wir auf europäischer oder gegebenenfalls nationaler Ebene Regelungen vornehmen, die das Vorsorgeprinzip und die Wahlfreiheit gewährleisten.” Haben Sie schon einen Tipp, in welche Richtung sich die Bundesregierung bewegen wird?

Antwort: Die fehlende Absprache und die Disharmonie zwischen den zuständigen Ministerien sind offenbar. Sagt Klöckner “hüh”, sagt Schulze “hott” und umgekehrt. Durch die Vereinbarung im Koalitionsvertrag hält sich die SPD das Hintertürchen der nationalen Regelung offen und die Erfahrung aus der letzten Legislatur zeigt ja die Durchsetzungsstärke der SPD.

Frage: Was macht Sie da so sicher?

Antwort: Das Bundesumweltministerium hat ja bereits vorgesorgt. In puncto Wahlfreiheit wurden ja durch die Fachstelle für Gentechnik und Umwelt frühzeitig die Meinungen bestellt, die demnächst gebraucht werden. Das ist ein bisher einmaliger Vorgang in einer Bundesregierung. Ich bin entsetzt darüber, dass die Bundesregierung mit der Beauftragung einer sogenannten „Fachstelle für Gentechnik und Umwelt“ offiziell Forschungspolitik durch Meinungspolitik ersetzt. Wer hier Expertise und eine ausgewogene Darstellung von fachlich aufgearbeiteten Argumenten erwartet, wird leider maßlos enttäuscht. Hier werden keine Fachleute mit unabhängiger wissenschaftlicher Expertise benannt, stattdessen setzt man auf Meinungsbildung mit selbsternannten Experten, die bekannte Gentechnikgegner sind. Diese bekommen hierdurch einen offiziellen Anstrich, obwohl der so aussehen müsste, dass sie unabhängig und vor allem unvoreingenommen bewerten, ohne ihr Ergebnis zuvor schon zu kennen. Man muss sich das mal vorstellen: Hier soll ein Beirat, dem Aktivisten durchweg gentechnikkritischer NGOs angehören, beobachten, wie NGOs sich effektiv in die gesellschaftliche Meinungsbildung einbringen können. Das wäre so, als würde eine von der Bundesregierung eingerichtete Fachstelle für Kernenergie und Atomsicherheit mit dem Deutschen Atomforum besetzt. Der Aufschrei wäre – zu Recht – riesig und die Welle der Empörung groß. Genauso ist das hier. Das Ergebnis ihrer Beratung steht bereits heute fest, und schlimm daran ist, dass die Informationen, die Fachstelle und Beirat “dem öffentlichen Diskurs” zur Verfügung stellen werden, auch noch faktisch falsch sind.

Frage: Wenn Sie auf die vergangenen Monate zurückblicken, was hat Sie am meisten überrascht?

Antwort: Dass es so lange gedauert hat, bis die Menschen verstanden haben, warum Jamaika nicht funktionieren konnte.

Frage: Und am meisten gefreut?

Antwort: Dass meine Familie mich mit Rat und Tat und Verständnis unterstützt, denn ohne diese Unterstützung wäre das alles nicht möglich.

 

Zur Person:

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Carina Konrad wurde 1982 im Hunsrück geboren. Dort bewirtschaftet sie heute mit ihrer Familie einen landwirtschaftlichen Betrieb mit Ackerbau und Viehzucht. Sie ist verheiratet und hat drei Kinder. Die studierte Agraringenieurin (FH) wurde 2017 erstmals in den Deutschen Bundestag gewählt. Carina Konrad ist stellvertretende Vorsitzende des Ausschusses für Ernährung und Landwirtschaft.

Bildnachweis: Peter Dhein, pd Fotografie

 

 

Bildnachweis: Peter Dhein, pd Fotografie

Kommentar: Rolle rückwärts

Kommentar: Rolle rückwärts

“Wir dürfen uns nicht von Ängsten leiten lassen”, betitelt (€) die FAZ heute ein Interview mit dem Grünen-Vorsitzenden Robert Habeck. Doch wer sich angesichts dieser Headline Hoffnung gemacht hatte, dass Habeck hier die kürzlich angestoßene offene Debatte um Grüne Gentechnik weiterführt, wird bitter enttäuscht.

Statt nüchtern über Vor- und Nachteile klassischer Gentechnik und neuer Züchtungstechnologien zu diskutieren, entwickelt der Parteichef in seinen Antworten die übliche grüne Rhetorik: Bayer habe mit Monsanto auch den “extrem verstörenden” Ruf von Glyphosat erworben. Es sei weltweit genug Nahrung (“ausreichend Kalorien”) da, sie werde nur nicht gut verteilt. Direktzahlungen wirkten wie Exportsubventionen und schädigen afrikanische Märkte. Der Hunger in Mangelregionen mache Länder zwar politisch instabil, das sei aber kein Grund, “den industriellen Kreislauf der Landwirtschaft noch schneller” zu drehen. CRISPR/Cas und Co sei letztlich auch Gentechnik – was sonst? Konzerne brächten über Saatgut-Patente die Bauern in Abhängigkeit. Gentechnik werde immer nur in Kombination mit Pestiziden auf den Acker gebracht.

Zu den neuen Züchtungstechnologien positioniert sich Robert Habeck folgendermaßen:

“Diese neue Technik bringt kein artfremdes Gen ein, sondern simuliert einen natürlichen Prozess, im Schnellverfahren. Die Forscher sagen, es sei von natürlichen Verfahren nicht zu unterscheiden. Wenn es Saatgut gäbe, das mit weniger oder gar ohne Pestizide auskäme, wäre es für alle, auch meine Partei, eine echte Herausforderung, sich zu positionieren. In jedem Fall aber müssen solche Verfahren reguliert und kontrolliert werden.”

Selbst für den Fall, dass der EuGH in der kommenden Woche entscheidet, dass die neuen Züchtungstechnologien nicht unter die Gentechnik-Gesetzgebung fallen, fordert Habeck:

“Das Vorsorgeprinzip muss gelten. Zu sagen, das ist keine Gentechnik und deswegen regulieren wird das nicht, fände ich fatal. Es muss kontrollierte Anbauversuche und Testreihen geben. Bisher haben wir einen völlig unregulierten Zustand. Deshalb ist die Debatte zwingend.”

Was nützt es, wenn die Grünen nicht mehr “gegen” die neuen Züchtungstechnologien sind, aber eine Regulierung dieser Verfahren fordern? Gar nichts nützt das! Müssten etwa CRISPR-Pflanzen genauso reguliert werden wie mit klassischer Gentechnik entwickelte Nutzpflanzen, würden wieder nur die großen Konzerne von diesen Technologien profitieren. Denn die Technik ist nicht kostspielig, wohl aber die aufwendigen Auflagen der Gentechnik-Regulierung.

Die zitierten Statements zeigen zudem mehrere Missverständnisse und Inkonsquenzen auf:

• Bereits mit klassischer Gentechnik sind Pflanzen entwickelt worden, die mit weniger Pestiziden auskommen: Bt-Mais und Bt-Auberginen sind resistent gegen Schädlingsfraß, wodurch massiv Insektizide eingespart werden können. Dieser Vorteil wurde mehrfach wissenschaftlich bestätigt. Warum ist das für die Grünen nicht schon Anlass genug, das Thema Gentechnik ergebnisoffen neu aufzurollen?

• Wenn sich das Ergebnis nicht von den Ergebnissen “natürlicher Verfahren” unterscheidet, warum soll dann das eine Ergebnis (Genome Editing) kontrolliert und reguliert werden, das andere (“natürliche Verfahren”) aber nicht? Wenn ich hier das Vorsorgeprinzip anführe, muss ich doch in letzter Konsequenz das natürliche Produkt erst recht testen und regulieren, weil ich das mit all seinen Eigenschaften viel schlechter kenne. Und was ist überhaupt mit den Produkten chemischer und radioaktiver Mutagenese? Manche Ergebnisse dieser Verfahren sind so massiv verändert, dass sie gar nicht lebensfähig sind. Hier soll das Vorsorgeprinzip nicht greifen? Das ist inkonsequent.

• Auch konventionelle Züchtungen werden nicht “völlig unreguliert” und unkontrolliert auf den Markt gebracht. Basis für die Zulassung ist das Saatgutverkehrsgesetz. Nach diesem Gesetz kann die Zulassung versagt werden, “wenn hinreichende Gründe für die Annahme bestehen, dass die Sorte ein Risiko für die Gesundheit von Menschen, Tieren oder Pflanzen oder die Umwelt darstellt, insbesondere, wenn der Anbau die Gesundheit von Menschen, Tieren oder Pflanzen oder die Umwelt gefährdet.”

Als die Debatte um die Gentechnik von der grünen Parteispitze losgetreten wurde, gab es in den Sozialen Netzwerken unter dem Hashtag “#Gentechnikwende” unzählige Gesprächsangebote von Wissenschaftlern. Das wäre doch eine ideale Gelegenheit, seine Kenntnisse aufzufrischen und zu erweitern sowie offene Fragen zu klären, sollte man meinen. Nach diesem Interview habe ich den Eindruck, das ist gar nicht gewollt, und Robert Habeck sucht einen Weg zurück zu den üblichen ausgetretenen Pfaden.

Bildnachweis: Bündnis 90/Die Grünen Nordrhein-Westfalen (CC BY-SA 2.0)

Grüne Gentechnik: Den Grünen nicht grün

Grüne Gentechnik: Den Grünen nicht grün

Die neue Parteispitze der Partei Bündnis 90/Die Grünen hat am Wochenende mit einem Startkonvent in Berlin einen Erneuerungsprozess angestoßen. Das Ziel ist, bis 2020 ein neues Grundsatzprogramm zu entwickeln. Mit auf den Prüfstand: Die bislang pauschale Ablehnung der Grünen Gentechnik, das heißt: die Ablehnung des Einsatzes moderner molekularbiologischer Methoden in der Züchtung von Nutzpflanzen und -tieren. Denn die Grünen betrachten auch neue Züchtungstechnologien wie CRISPR/Cas, die unter dem Oberbegriff “Genome Editing” zusammengefasst werden, als Gentechnik und fordern, dass Pflanzen und Tiere, die mit Hilfe dieser Verfahren gezüchtet werden, genau so reguliert werden, wie die mit klassischer Gentechnik entwickelten Sorten.

Im Anschluss an die Veranstaltung in Berlin entwickelte sich auf Twitter eine intensive Diskussion, in die sich auch Wissenschaftler einklinkten. Gestern brachte Martin Häusling, Landwirt und für die Grünen im EU-Parlament, ein Positionspapier in die Debatte ein. Sein Ziel:

“Damit können wir unsere Mitglieder genauer und besser informieren und in die Lage versetzen, die klare Haltung gegen Gentechnik und die Risiken zu formulieren. Das ist dringend notwendig, denn inzwischen wird immer häufiger positiv über diese Methodik in den Medien berichtet und es bedarf einiges fachliches Hintergrundwissen, um die Nachteile sauber benennen und gut argumentieren zu können.”

Den ersten Aspekt, den sich Häusling vornimmt, ist die Aussage, dass CRISPR-Pflanzen nicht von den Produkten klassischer Züchtung zu unterscheiden sind, weil keine Fremd-DNA enthalten ist. Er kritisiert, dass die Folgen des Genscheren-Einsatzes aber völlig unbekannt seien. Hierzu ist jedoch zu sagen, dass die Folgen klassischer Züchtungsverfahren noch unbekannter sind: Während ich beim Genome Editing gezielt bestimmte Sequenzen im Code ändere, mische ich bei der Kreuzungszüchtung die Genome der Elternpflanzen mit unbekanntem Ausgang.

Erst recht unbekannt sind die Ergebnisse bei Strahlen- bzw. Chemikalien-induzierter Mutation. Ausgerechnet der Bericht des Wissenschaftlichen Beirats der EU-Kommission (High Level Group of Scientific Advisors), den Häusling selbst als Referenz anführt, bestätigt das (S. 89):

“The genome editing techniques (belonging to the NBT) may be accompanied by few unintended effects (section 3.3, in particular 3.3.1). However, in general the genome editing techniques show a much lower number or complete lack of unintended mutations as compared to organisms (plants, animals, microorganisms) obtained via CBT, in particular when compared to mutation breeding/ induced mutagenesis.”

Bei diesen Verfahren wird Radioaktivität bzw. Chemie eingesetzt, um Mutationen zu erzeugen, die in der Natur nicht vorkommen. Die Ergebnisse dieser Methoden sind zum Teil gar nicht lebensfähig. Die beliebte Pink-Grapefruit-Sorte Star Ruby ist zum Beispiel ein Ergebnis der Züchtung mit Strahlung.

Dann beschwert sich Martin Häusling, dass man in den USA Do-it-Yourself-Kits bestellen kann, mit denen sich das Erbgut von Bakterien verändern lässt, deren Einsatz in Europa aber nicht legal ist. “Ja, und?” möchte man fragen, was hat das mit der Ausgangsfrage zu tun? Häusling dramatisiert:

“Die Risiken werden zu Gunsten einer wissenschaftsoptimistischen Haltung für Jedermann und Jedefrau ausgeblendet. Bei einer Technologie mit einer derartig möglichen Eingriffstiefe (Beispiel: Ausrottung ganzer Arten durch die Züchtung unfruchtbarer Insekten).”

Von Veränderungen an Coli-Bakterien bis zu gentechnisch veränderten Mücken, die eine ganze Population zusammenbrechen lassen können, ist es ein weiter Weg. Hier wird hoffnungslos übertrieben. Der EU-Abgeordnete gesteht zu, dass Regulierung zur Stärkung großer Konzerne führt und wägt ab:

“In der Abwägung von „Alle-dürfen-Schöpfungen-basteln“ und „Förderung-GenTec-durch-Regelabbau“ spreche ich mich eindeutig für die strenge Regulierung aus – MIT einem Monitoring zum Verhalten des Organismus nach der Zulassung.”

Warum er die Regulierung jetzt vorzieht, bleibt sein Geheimnis. Als “Argument” präsentiert Häusling nur das für ihn grausige Bild, dass Jedefrau in ihrer Garage Gentec-Mücken züchtet. Ein Argument gegen Regulierung ist, dass der angesichts von Bevölkerungswachstum und Klimawandel dringend notwendige Fortschritt verzögert wird. Der EU-Abgeordnete behauptet, dass klassische Züchtung zum Beispiel bei Krankheitsresistenzen von Apfelsorten bessere Erfolge bringt:

“Fazit: Die klassische Resistenzzüchtung ist immer noch schneller sowie effizienter und dabei sicherer hinsichtlich der Effekte auf die Umwelt.”

Nun wundere ich mich, wo denn die wunderbaren resistenten Apfel- und Weinsorten zu finden sind? Der Grund, warum die neuen Züchtungstechnologien so vielversprechend sind, ist nämlich, dass mit CRISPR/Cas und Co Resistenzeigenschaften in bewährte Marktsorten eingebaut werden können. Bei Kreuzungszüchtung hingegen gehen zuweilen erwünschte Eigenschaften wie Lagerfähigkeit, Farbe und Reifezeitpunkt wieder verloren. In diesem Video erklärt Prof. Dr. Viola Hanke vom Julius Kühn-Institut in Dresden-Pillnitz die Vorteile:

Wenn denn nun die klassische Züchtung so erfolgreich ist, warum müssen Öko-Weinbauern immer noch Kupfer einsetzen? Und: Letztlich entscheidet der Markt, welche Sorten angebaut werden. Schorf-Resistenz gehört nicht zu den am häufigsten nachgefragten Apfel-Eigenschaften. So findet sich auf dem Portal oekolandbau.de der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung unter “Ökologischer Apfelanbau” der Vermerk:

“Die Sortenwahl wird wesentlich durch den Vermarktungsweg beeinflusst: Während in Direktvermarktungsbetrieben eine größere Sortenvielfalt möglich ist, muss man sich bei Abhängigkeit vom Großhandel auf die gängigen Marktsorten beschränken.

In den letzten Jahren an Bedeutung zugenommen haben Braeburn und Gala. Die Ursache hierfür liegt ausschließlich in der hohen Nachfrage am Markt, da beide Sorten aufgrund ihrer hohen Anfälligkeit gegenüber verschiedenen Schaderregern (Schorf, Krebs, Feuerbrand, Spinnmilben) für den Öko-Anbau kaum geeignet sind.”

Auch in Sachen Salz- und Trockenheitstoleranz solle sich die Züchtung an der Natur orientieren, findet Martin Häusling:

“Im Gegensatz zur Gentechnik bietet das Prinzip der Bionik (sich von der Natur
ausgetestete Techniken abschauen, anstatt sie selbst nur halb so perfekt zu
erfinden) deutlich mehr Effizienz und Sicherheit.”

Die Sinnhaftigkeit dieser These mal dahingestellt, der Witz ist: Gerade CRISPR/Cas ist eine Technik, die von der Natur abgeschaut ist. Sie beruht nämlich auf der Strategie von Bakterien, sich gegen den Angriff von Viren zur Wehr zu setzen. Der Wissenschaftsjournalist Andreas Sentker von der Zeit hat daher Verfahren dieser Art als “naturidentische Gentechnik” bezeichnet.

Bio-Landwirt Häusling resümiert:

“Fazit: Erst müssen die immer noch ungenutzten Potentiale von Landnutzung und Anbautechniken sowie Austausch von alten Sorten ausgeschöpft werden.”

Auch dieses Zwischenfazit hängt argumentativ im luftleeren Raum: Warum sollten diese traditionellen Methoden besser sein? Häusling setzt voraus, was er begründen will. Mein Eindruck ist: Die Gentechnik-Gegner sind so gewohnt, dass ihre geschwollenen Thesen voller Natürlichkeit und Ursprünglichkeit gar nicht hinterfragt werden, dass ihnen gar nicht bewusst ist, dass Natürlichkeit und Ursprünglichkeit keinen Wert an sich haben, solange Menschen unterernährt sind auf dieser Welt.

Das Potenzial agrarökologischer Methoden sei noch gar nicht ausgeschöpft, die Forschung werde zu wenig gefördert, so der EU-Abgeordnete. Das mag sein, aber hier ist auch im Gegensatz zur Biotechnologie kein großer Wurf in Sicht. Auf Basis des Wissens, das wir bereits haben, lässt sich ja abschätzen, wo Verbesserungspotenziale sind. Eine disruptive Technologie ist im Ökolandbau schlichtweg nicht in Sichtweite, in der auf Molekularbiologie basierenden Pflanzenzüchtung haben wir eine: Genome Editing.

Der Verbraucher wolle keine Gentechnik, führt Martin Häusling weiter aus, wenn die neuen Methoden nicht unter die Gentechnik-Regulierung fallen, könne man die Gentechnikfreiheit des Saatguts nicht mehr garantieren etc. Das sind alles Phrasen, die voraussetzen, dass die neuen Züchtungstechnologien überhaupt als Gentechnik anzusehen sind. In dieser Sache wird voraussichtlich in diesem Sommer der Europäische Gerichtshof eine Entscheidung fällen. Indem die Grünen bislang Genome Editing mit der klassischen Gentechnik gleichsetzen, versuchen sie alte Vorurteile auf CRISPR/Cas und Co zu übertragen. Aber auch die alten Vorurteile sind schon falsch. Der britische Autor und frühere Umweltaktivist Mark Lynas hat die Grünen-Fraktion im EU-Parlament massiv für ihre sture und unwissenschaftliche Haltung zur Gentechnik kritisiert:

“We don’t need farming by bureaucratic diktat – we need to do what works, producing most food at minimum environmental impact. There will of course be many ways to do this. The science is clear that in general GMO traits have contributed to sustainability (even the hated herbicide tolerance trait helps promote no-till and soil carbon retention).”

Die Datenlage ist klar – es wird Zeit, dass die Grünen, sie endlich zur Kenntnis nehmen.

 

Bildnachweis: Screenshot “POSITIONSPAPIER Zur Diskussion über neue Züchtungstechniken und CrisprCas im Grundsatzprogramm Bündnis90/Grüne”

 

 

 

 

 

Das Comeback der Lebensmittelkarte

Das Comeback der Lebensmittelkarte

Noch keine drei Wochen im Amt, schon reißt Svenja Schulze (SPD) der Geduldsfaden. Die Rettung der Insekten geht nicht schnell genug voran. So teilt die neue Umweltministerin in einer Pressemitteilung mit:

“Wir wissen um das dramatische Insektensterben. Das ist ein großes, existenzielles Problem, auf das wir große Antworten finden müssen. Das wird den Umgang mit Pestiziden betreffen und die Art, wie wir Landwirtschaft betreiben. Hier wird sich in den nächsten Jahren einiges ändern müssen.”

Als Sofortmaßnahme greift Schulze jetzt zu unkonventionellen Mitteln: Sie will die gute alte Lebensmittelmarke wieder einführen. Durch Unterstützung der Landwirte vor Ort etwa durch Unkrautjäten auf den Feldern oder durch Pflegearbeiten von Hecken und anderen Landschaftselementen kann sich jeder Bürger Anrechte auf Lebensmittelmarken erarbeiten. Lebensmittel können künftig nur noch unter Vorlage dieser Bezugsscheine gekauft werden. Schulze begründet diesen radikalen Schritt mit der gemeinsamen Verantwortung aller Menschen für die Natur:

“Die Landwirte können unmöglich die ganze Last der notwendigen Veränderungen alleine tragen. Hier ist der Verbraucher gefragt. Künftig kann nur noch derjenige öffentliche Leistungen der Landwirtschaft wie erschwingliche Lebensmittel und Landschaftspflege in Anspruch nehmen, der auch was dafür tut.”

Der Hintergrund: Das ambitionierte Pestizidreduktionsprogramm der Bundesregierung sieht u.a. den kompletten Verzicht auf chemische Unkrautbekämpfung vor. Svenja Schulze stellt in ihrer Regierungserklärung (Protokoll, S. 2199) fest:

“Die Menschen in Deutschland haben ganz eindeutig zum Ausdruck gebracht, dass sie kein Glyphosat auf unseren Äckern wollen und dass sie insgesamt einen sorgsameren Umgang mit Pfanzenschutzmitteln einfordern. Wir werden deshalb die Anwendung von Glyphosat in dieser Legislaturperiode schnellstmöglich beenden.”

Da chemische Alternativen zu Glyphosat ökologisch problematischer sind und auch mechanische Methoden der Unkrautbekämpfung wie Pflügen und Hacken mit Traktoren Biodiversität vernichten, soll jetzt wieder mit der Hand gejätet werden. Bei den Insektiziden ergibt sich eine ähnliche Lage: Da auch für den Ökolandbau zugelassene Pestizide wie Spinosad oder Pyrethrine als bienengefährlich eingestuft sind, stellen diese Mittel Schulze zufolge keine echte Alternative da. Sie stellt klar:

“Im Grunde kann man bei keinem Insektizid, das gespritzt wird, eine mögliche Schädigung von Nützlingen sicher ausschließen. Bei biologischen Präparaten mit dem Bacillus Thuringiensis wurde sogar nachgewiesen, dass Spritzanwendungen damit – etwa zur Stechmückenbekämpfung – den Bruterfolg von Vögeln in den behandelten Regionen beeinträchtigen.”

Letztlich bliebe nur das Absammeln der Schadinsekten mit der Hand, resümiert die Ministerin, sonst ließe sich das Bienensterben nicht aufhalten. Da das einen enormen Arbeitskräftebedarf erfordert, der nicht durch prekäre Beschäftigung gedeckt werden soll, wird diese Wohlfahrtsleistung der Landwirtschaft jetzt vergesellschaftet.

“Früher hatte schließlich auch jeder seinen Hausgarten sowie sein Schwein oder seine Ziege für den Eigenbedarf im Hinterhof. Auf diese Weise stellen wir den Kontakt der Bevölkerung zur landwirtschaftlichen Urproduktion wieder her”,

freut sich Slow-Food-Mitglied Svenja Schulze. Natürlich sei es vermutlich schwierig, sich die nötige Zeit für diese Tätigkeiten freizuhalten, gibt die Ministerin zu, aber so könne man den Jahresurlaub ja auch mal sinnvoll verbringen:

“Sehen Sie, wenn Sie auf die Flugreise nach Mallorca verzichten, leisten Sie auch gleichzeitig einen wichtigen Beitrag für den Klimaschutz. Schließlich haben wir unser für 2018 erlaubtes CO2-Pensum bereits im März aufgebraucht. Da müssen wir jetzt die Notbremse ziehen. Ein Weiter-So kommt nicht in Frage.”

Außerdem habe die Mithilfe auf den Bauernhöfen den begrüßenswerten Nebeneffekt, dass die Menschen den Wert von Lebensmitteln wieder mehr würdigen, ist sich Schulze sicher. Und: Die Regierung könne den Konsum bestimmter Lebensmittel über die Vergabe von Marken sehr gut steuern: Fleisch (schlechte Klimabilanz, Tierschutz-Problematik) oder besonders zuckerhaltige Getränke (Übergewicht!) können auf diese Weise einfach künstlich verteuert werden. Wer nicht in der Lage ist, seinen Arbeitseinsatz zu leisten, kann die Bezugsrechte auf Antrag auch käuflich erwerben. Lebensmittel, die sich hierzulande nicht so großer Beliebtheit erfreuen wie z.B. Schweineköpfe und Hühnerfüße, können auch ohne Lebensmittelkarte erworben werden. Damit will die Umweltministerin in der Entwicklungshilfe wichtige Akzente setzen:

“Es darf schließlich nicht sein, dass wir mit unseren Abfällen die heimischen Märkte in Afrika zerstören.”

Auf die Frage, ab wann die umfassenden Änderungen gelten sollen, gibt Schulze Auskunft:

“Unverzüglich. Sofort! Schließlich fordert die Moral von uns ein sofortiges Handeln und duldet keinen Aufschub. Das sind wir nachfolgenden Generationen schuldig.”

 

Bildnachweis:  Bundesarchiv, Bild 183-H26799 / CC-BY-SA 3.0

Monsanto vor Gericht

Monsanto vor Gericht

Kürzlich im Bundestag sagte die Abgeordnete Renate Künast (Bündnis 90/Die Grünen) in einer Zwischenfrage folgendes:

“Wir haben immer mehr Hinweise darauf, dass die Anwendung von Glyphosat Krebs auslöst. (…) Zum Beispiel gibt es in Kalifornien eine große Gruppe von Landwirten, die das Non-Hodgkin-Syndrom haben. (…) Sie sagen, dass es durch Glyphosat ausgelöst wurde, und klagen. Es ist ein großes Gerichtsverfahren, das da läuft. (…) An der Stelle wird Monsanto – davon gehe ich einmal aus – wahrscheinlich verlieren.”

Monsanto steht derzeit vor Gericht. Das ist korrekt. Rund 300 Klagen werden in San Francisco in einem Musterprozess behandelt. Doch an welcher Stelle steht das Verfahren eigentlich momentan?

Anfang März gaben die Experten beider Seiten ihre Gutachten ab. Während dieser sogenannten Daubert Anhörung gab es auch für die Anwälte der jeweiligen Gegenseite, Gelegenheit, Fragen zu den Gutachten zu stellen. Der Richter Vince Chhabria hat an dieser Stelle des Verfahrens die Aufgabe, zu entscheiden, ob die Anklage nach wissenschaftlichen Kriterien arbeitet bei dem Versuch, nachzuweisen, dass ein kausaler Zusammenhang zwischen der Exposition mit dem Glyphosat-haltigen Herbizid Roundup und der Entstehung von Non-Hodgkin-Lymphomen besteht. Er muss dabei den sogenannten Daubert Standard anwenden, das heißt, überprüfen, ob die Gutachten bestimmten wissenschaftlichen Standards genügen. Nur mit einem positivem Urteil werden die jeweiligen Gutachter für einen Geschworenen-Prozess zugelassen.

Nach Ende der Daubert Anhörung trafen sich die Parteien am 14. März 2018 im Gericht, um das Resümee des Richters zur Anhörung zu besprechen. Das Protokoll dieser Sitzung ist auf den Seiten der Anti-Gentechnik NGO U.S. Right to know abrufbar. Demnach haben die Experten der Anklage Richter Vince Chhabria bislang nicht überzeugt. Chhabria machte deutlich, dass die Einstufung der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC), die Glyphosat als “wahrscheinlich krebserregend” klassifiziert hatte, nicht ausreicht:

“The problem is, of course, that although the IARC’s conclusion is not entirely untethered from human experience, the IARC makes it very clear that what it is doing is reaching a conclusion about whether the chemical is capable of causing cancer; and that they — that it will conclude that a chemical is a probable carcinogen or even a known carcinogen, even if human beings are not currently being exposed to the chemical at levels high enough to give them cancer. Right? So the IARC’s conclusion is not enough.”

Die IARC macht Chhabria zur Folge eine allgemeine Aussage, dass Glyphosat grundsätzlich krebserregend sein könnte, selbst wenn Menschen derzeit nicht dieser Substanz in so hohen Dosen ausgesetzt sind, die für sie krebserregend wären. Das ist nach Richter Chhabria darauf zurückzuführen, dass die IARC Gefahren untersucht und keine Risiken:

“What the IARC says is that the distinction between a hazard and risk when the monographs identify cancer hazards — excuse me. And the monographs identify cancer hazards, even when the risks are very low at current exposure levels, because new uses or unforeseen exposures could engender risks that are significantly higher.”

Auch die übrigen Argumente der Anklage fand Richter Chhabria bislang nicht überzeugend:

“Number two. I think that the plaintiffs’ experts’ opinions are shaky. I think that the evidence that glyphosate is currently causing non-Hodgkin’s lymphoma in human beings at the levels of exposure they are currently experiencing is pretty sparse.”

Der Richter findet die dargestellte Evidenz dafür, dass Glyphosat Non-Hodgkin-Lymphome verursache, “ziemlich spärlich”.

Immerhin rechnet er der Expertin Dr. Beate Ritz an, dass sie eine eigene Analyse präsentiert und nicht allein auf der IARC-Schlussfolgerung aufsattelt. Letztlich findet der Richter ihre Schlussfolgerung allerdings “dubious”. Chhabia wird recht deutlich:

“You’ve got all of these numbers, the vast majority of which are statistically insignificant. And how can you focus on that one number and conclude that, to a reasonable degree of scientific certainty, glyphosate is causing non-Hodgkin’s lymphoma in human beings? That sounds highly questionable at best, highly shaky at best, and may be junk science.”

In der kommenden Woche wird die Daubert Anhörung fortgesetzt werden: Am 4. April wird Dr. Beate Ritz noch einmal vor Gericht auftreten und am 6. April Dr. Christopher Portier. Es bleibt spannend.

 

Links

Monsanto Judge Says Expert Testimony Against Roundup Is ‘Shaky’

Monsanto’s Cancer Fight Judge Pictures Weed Killer Showers

Videomitschnitte der Daubert Anhörung

Law and Science in Glyphosate Litigation

 

 

Bildnachweis: Screenshot des Videomitschnitts mit Christopher Portier

 

 

SPD will CRISPR/Cas und Co regulieren wie Gentechnik

SPD will CRISPR/Cas und Co regulieren wie Gentechnik

Wie ich an anderer Stelle bereits schilderte, bleibt der GroKo-Koalitionsvertrag nebulös in der Frage, ob die neue Bundesregierung vorhat, die Anwendung neuer Züchtungstechnologien wie CRISPR/Cas zum Beispiel in der Nutzpflanzenzüchtung einzuschränken. Eine klare Sprache dagegen spricht die Antwort, die Prof. Dr. Reinhard Szibor auf seinen Offenen Brief an die Bundestagsabgeordneten vom SPD-Landesvorsitzenden Sachsen-Anhalt, Burkhard Lischka, erhalten hat. Dort heißt es:

“Wir stehen uneingeschränkt zum Vorsorgeprinzip. So wollen wir auch bei den so genannten Neuen Gentechniken nicht, dass mithilfe dieser Technologien erzeugte Pflanzen und Tiere unreguliert auf den Markt gelangen. Für uns sind Sicherheitsüberprüfungen und Kennzeichnung unverzichtbar, um den Vorsorgeprinzip gerecht zu werden und um Wahlfreiheit und Rückverfolgbarkeit zu gewährleisten.”

Damit ist es raus: Die SPD hat sich zum Ziel gesetzt, dass CRISPR/Cas und Co rechtlich genauso behandelt werden sollen wie die klassische Gentechnik. Das würde bedeuten, dass Pflanzensorten, die etwa mit CRISPR/Cas gezüchtet worden sind, einen aufwendigen und kostspieligen Zulassungsprozess durchlaufen müssten. Damit würden diese Techniken für kleinere und mittlere Zuchtunternehmen unerschwinglich werden. Außerdem müssen Lebensmittel gekennzeichnet werden, bei denen pflanzliche Produkte verarbeitet worden sind, bei denen in der Zucht neue Technologien zum Einsatz kamen. Wie das kontrolliert werden soll, ist völlig unklar, weil sich die Ergebnisse der neuen Züchtungstechnologien nicht von denen klassischer Zuchtverfahren unterscheiden lassen.

Schon die Wortwahl ist bemerkenswert: “bei den so genannten Neuen Gentechniken”. Die Fachwelt spricht von “neuen Züchtungstechnologien” oder “Genome Editing” und eben nicht von “Gentechnik”.

Auf europäischer Ebene gab es bereits eine Vorentscheidung in der Frage, wie die neuen Züchtungstechnologien rechtlich einsortiert werden sollen. Mitte Januar wurde der Schlussantrag von EU-Generalanwalt Michal Bobek veröffentlicht. Bobek zählt die neuen Züchtungstechnologien zu den Mutagenese-Verfahren  und kommt zu dem Schluss, dass Pflanzensorten, die mit neuen Züchtungstechnologien gezüchtet worden sind, nicht so reguliert werden sollen wie Sorten, die mit klassischer Gentechnik hergestellt worden sind, solange sie keine transgenen Anteile enthalten. Es wird erwartet, dass der Europäische Gerichtshof bei seinem Urteil dieser Einschätzung folgen wird.

Der Schlussantrag stellt auch klar, wie in dieser Sache das Vorsorgeprinzip anzuwenden ist:

“Maßgebend ist in allen diesen Fällen indes, dass zumindest erkennbare, auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhende Risiken bestehen müssen (22). Anders als bei dauerhaften Maßnahmen liegt die Schwelle für die Anwendung des Vorsorgegrundsatzes bei vorläufigen Maßnahmen niedriger. Es müssen jedoch jedenfalls eindeutige Daten zu dem oder den behaupteten Risiken vorliegen, die durch ein Mindestmaß an wissenschaftlichen Daten untermauert werden müssen, die aus einer Mindestanzahl verschiedener zuverlässiger, unabhängiger nationaler oder internationaler Quellen stammen. Die bloße Befürchtung eines durch etwas Neues ausgelösten Risikos oder ein vage und allgemein behauptetes Risiko eines Risikos, soweit nicht abschließend festgestellt werden kann, dass das Neue sicher ist, stellen keine ausreichende Grundlage für eine Anwendung des Vorsorgegrundsatzes dar.”

Der Verweis auf hypothetische Risiken, die ggf. momentan noch nicht abzuschätzen sind, genügt danach nicht, um sich auf das Vorsorgeprinzip zu berufen.

Auch in Sachen EU-Zulassung gentechnisch optimierter Sorten enthält der Brief Lischkas Bemerkenswertes:

“Wir wollen in der Zulassungsdebatte eine stärkere Gewichtung der gentechnikkritischen Forschungen, um dem Vorsorgegrundsatz der Umwelt- und Naturschutzpolitik gerecht zu werden.”

Die SPD will eine “stärkere Gewichtung der gentechnikkritischen Forschungen“? Ich dachte immer, eine wissenschaftliche Bewertung sollte unvoreingenommen sein? Anscheinend nicht bei der SPD. Die weiß vorher schon, welche Ergebnisse relevant sind.

Zirkulär ist auch die Argumentation, warum man auf Grüne Gentechnik verzichten will:

“Die Auskreuzung von GVO in die Natur und die Durchdringung von Saatgut- und Warenströmen ist nur zuverlässig zu vermeiden, wenn möglichst großräumig auf grüne Gentechnik verzichtet wird.”

Eine Vermischung ist doch nur dann problematisch, wenn die Komponente, die sich untermischt, selbst als problematisch erachtet wird. Die SPD ignoriert hier Jahrzehnte – auch öffentlich finanzierter – Bio-Sicherheitsforschung, die bei gentechnisch veränderten Organismen keine besonderen Risiken feststellen konnte, die aus dem Züchtungsverfahren an sich resultieren. Stattdessen bemüht Burkhard Lischka Parolen:

“Deshalb haben wir uns für eine Novellierung des Gentechnikgesetzes eingesetzt, die praktikable und rechtssichere bundesweite GVO-Anbauverbote regelt und dafür sorgt, dass unsere Felder weiterhin gentechnikfrei bleiben.”

Juhu, “unsere Felder bleiben gentechnikfrei” – als ob das ein Wert an sich sei. Unsere Unis sind bald fortschrittsfrei, wenn sich solche Denkmuster durchsetzen sollten. Als einzige Rechtfertigung für diese Blockadehaltung führt der SPD-Abgeordnete die Bedenken der Bevölkerung an:

“Nicht nur in Deutschland – auch in ganz Europa lehnt die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger gentechnisch veränderte Pflanzen ab.”

Dazu ist zu sagen, dass diese Skepsis wahrscheinlich aus mangelndem Hintergrundwissen gepaart mit einseitiger Information durch NGOs und Medien resultiert. Umfragen wie die Naturbewusstseinsstudie 2015 zeigen, dass gerade jüngere Menschen mit einer besseren naturwissenschaftlichen Schulbildung der Gentechnik aufgeschlossener gegenüber stehen.

Bei einer Umfrage in den USA gaben rund 80 Prozent der Befragten an, dass sie begrüßen würden, wenn Lebensmittel obligatorisch gekennzeichnet sind, wenn sie DNA enthalten. Rund 82 Prozent unterstützen eine Kennzeichnung, wenn Lebensmittel mit Gentechnik erzeugt worden sind. Das heißt, hier wird gar nicht differenziert: DNA – Gene – Gentechnik – das ist alles irgendwie suspekt.

dna Labels.png
Quelle: http://agecon.okstate.edu/faculty/publications/4975.pdf

Ein ähnliches Zerrbild zeigt eine Umfrage von YouGov aus dem Jahr 2016: Nur 7 Prozent der Befragten geben an, überhaupt zu wissen, was sich hinter “Crispr/Cas9” verbirgt, aber 84 Prozent fühlen sich trotzdem kompetent genug, eine Einordnung vorzunehmen:

crispr meinen.png

Da gibt es noch viel zu tun – in Sachen Bildung und Aufklärung! Und Politik, die solche Stimmungsbilder als Grundlage für Positionen und Entscheidungen bemüht, öffnet dem Populismus Tür und Tor.

 

 

Vermisste Schlagzeilen

Vermisste Schlagzeilen

“Kalifornien warnt vor Glyphosat” (SZ), “Kalifornien stuft Glyphosat als potenziell krebserregend ein” (Spiegel), “Kalifornien warnt: Glyphosat kann Krebs verursachen” (FAZ), “Kalifornien verbannt Glyphosat: Unkrautvernichter kann Krebs verursachen” (Blick), “Kalifornien warnt vor Glyphosat” (Zeit) – so überschlugen sich die Schlagzeilen Ende Juni 2017. So übertrieben die Headlines damals waren (siehe: “Wie Kalifornien vor Krebs warnt”), so überholt sind sie inzwischen. Doch kommen die deutschsprachigen Medien ihrer Chronistenpflicht nach und melden das? Nein, Fehlanzeige!

Im Einzelnen: Im September 2015 hatte die Kalifornische Umweltbehörde (California Environmental Protection Agency’s Office of Environmental Health Hazard Assessment, kurz: OEHHA) angekündigt, Glyphosat auf die sogenannte Proposition-65-Liste zu setzen. Damit folgt die Behörde schlichtweg ihren Regeln, die vorsehen, eine Substanz auf dieser Liste aufzuführen, sobald die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) feststellt, dass die Substanz im Tierversuch und/oder beim Menschen Krebs erzeugt. Die IARC hatte sich im März 2015 in ihrem Bericht festgelegt, dass Glyphosat im Tierversuch krebserregend sei. Somit muss das OEHHA den Herbizid-Wirkstoff in die Proposition-65-Liste aufnehmen. Monsanto hatte dagegen geklagt, jedoch vor Gericht verloren. Obwohl Monsanto angekündigt hatte, Berufung einlegen zu wollen, meldete das OEHHA Ende Juni 2017, Glyphosat zum 7. Juli 2017 in die Proposition-65-Liste aufzunehmen. Das hätte zu Folge gehabt, dass ab Juli 2018 auf den Produkten, die Glyphosat enthalten, bestimmte Warnhinweise veröffentlicht werden müssen, und zwar direkt auf dem Produkt oder durch Hinweise an der Verkaufsstelle. Doch diese Konsequenz wurde Ende Februar 2018 durch ein kalifornisches Gericht aufgehoben: Auf Roundup-Gebinden muss vorerst kein Warnhinweis erscheinen.

Die Urteilsbegründung ist durchaus lesenswert. Dort wird ausgeführt (S. 14):

“However, a reasonable consumer would not understand that a substance is “known to cause cancer” where only one health organization had found that the substance in question causes cancer and virtually all other government agencies and health organizations that have reviewed studies on the chemical had found there was no evidence that it caused cancer. Under these facts, the message that glyphosate is known to cause cancer is misleading at best.”

Zusammengefasst: Es ist einem vernünftigen Verbraucher nicht zu vermitteln, dass eine Substanz krebserregend sein soll, wenn weltweit nur eine Organisation herausgefunden haben will, dass die Substanz krebserregend sei und alle anderen Behörden keinen Hinweis darauf erkennen können. Und weiter (S. 15):

“On the evidence before the court, the required warning for glyphosate does not appear to be factually accurate and uncontroversial because it conveys the message that glyphosate’s carcinogenicity is an undisputed fact, when almost all other regulators have concluded that there is insufficient evidence that glyphosate causes cancer.”

Die geforderten Warnhinweise erscheinen nicht fachlich genau und unumstritten zu sein, weil nahezu alle anderen Regulierungsbehörden [außer der IARC, Anm. d. Red.], zu dem Schluss gekommen sind, dass es keinen hinreichenden Beleg dafür gibt, dass Glyphosat krebserregend ist.

Der Listeneintrag bleibt von dieser Gerichtsentscheidung unberührt. Dort ist Glyphosat in bester Gesellschaft: Acrylamid, Aspirin, die Anti-Baby-Pille, Kaffeesäure, Ruß, Estragol (z.B. enthalten in Basilikum), Östrogene in Präparaten gegen Wechseljahresbeschwerden, Aloe Vera Extrakt, Testosteron, Tabakrauch, Holzstaub, Alkohol aber auch Vitamin A ab einer bestimmten Dosis.