“Das mit der Angst funktioniert immer”

“Das mit der Angst funktioniert immer”

Mehr als rund 744.000 Menschen haben bislang für die europaweite Bürgerinitiative “Stop Glyphosate” unterschrieben. Das Ziel der Initiative ist, bis zum 15. Juni 2017 mindestens 1 Million Unterstützer zu gewinnen. Dabei ist anscheinend jedes Mittel recht, um die Menschen zu motivieren. So steht im Abschnitt “Warum ist das wichtig?” des deutschsprachigen Aufrufes als Schlusssatz:

“Handeln Sie jetzt: Unterzeichnen Sie unsere Bürgerinitiative gegen Monsantos krebserregendes Gift.”

Die Europäische Chemikalienagentur ECHA (European Chemicals Agency) sieht das anders. Ihr Urteil vom März dieses Jahres lautet:

“ECHA’s Committee for Risk Assessment (RAC) agrees to maintain the current harmonised classification of glyphosate as a substance causing serious eye damage and being toxic to aquatic life with long-lasting effects. RAC concluded that the available scientific evidence did not meet the criteria to classify glyphosate as a carcinogen, as a mutagen or as toxic for reproduction.”

Danach ist Glyphosat weder krebserregend noch mutagen noch reproduktionstoxisch. Allein die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC), eine Unterorganisation der Weltgesundheitsorganisation (WHO), hatte den Herbizid-Wirkstoff Glyphosat im März 2015 als “wahrscheinlich krebserregend” (Gruppe 2A) klassifiziert. Was bedeutet diese Klassifizierung? Die IARC schreibt in der Pressemitteilung:

“Group 2A means that the agent is probably carcinogenic to humans. This category is used when there is limited evidence of carcinogenicity in humans and sufficient evidence of carcinogenicity in experimental animals. Limited evidence means that a positive association has been observed between exposure to the agent and cancer but that other explanations for the observations (called chance, bias, or confounding) could not be ruled out. This category is also used when there is limited evidence of carcinogenicity in humans and strong data on how the agent causes cancer.”

Hier wird deutlich, dass das IARC-Etikett “wahrscheinlich krebserregend” nichts mit der umgangssprachlichen Formulierung “Substanz xy ist wahrscheinlich krebserregend” zu tun hat. Es ist eine rein technische Festlegung, die den Grad der Evidenz beschreibt, den die Forscher in ihrem Studienmaterial vorfinden. Continue reading ““Das mit der Angst funktioniert immer””

Twittern wie Trump, äh Künast

 

Heute um 10 Uhr hat in Bonn die Hauptversammlung der Bayer-Aktionäre begonnen. Begleitet wird die Veranstaltung im Bonner World Conference Center von Protesten eines Bündnisses verschiedener NGOs. Medienberichten zufolge musste vor Gericht entschieden werden, wie nah die Protestler der Versammlung kommen dürfen. Die Grünen-Politikerin Renate Künast kommentierte auf Twitter den Auftakt der Protestkundgebung:

Auf diesem Bild hatte sich offensichtlich bereits eine stattliche Menge Menschen versammelt. Die Unternehmenskommunikation der Bayer AG konterte indes mit einer anderen Perspektive:

Angesichts dieser Menschenmassen ist es nur angemessen, dass das ZDF ein Filmteam vor Ort hat, um Bericht zu erstatten:

 

Nachtrag von 14:06 Uhr: Das ZDF hat rund 150 bis 200 Demonstranten gezählt.

 

08/15-Journalismus

08/15-Journalismus

Die Europäische Chemikalienbehörde ECHA (European Chemicals Agency) hat in dieser Woche das Ergebnis ihrer Risikobewertung für den Herbizid-Wirkstoff-Glyphosat vorgestellt. Hier noch einmal die zentralen Aussagen der ECHA aus der Pressemitteilung:

“ECHA’s Committee for Risk Assessment (RAC) agrees to maintain the current harmonised classification of glyphosate as a substance causing serious eye damage and being toxic to aquatic life with long-lasting effects. RAC concluded that the available scientific evidence did not meet the criteria to classify glyphosate as a carcinogen, as a mutagen or as toxic for reproduction.”

Glyphosat ist nicht krebserregend, nicht mutagen und nicht reproduktionstoxisch. Die bisherige Einstufung des Wirkstoffs in die Gefahrengruppen “Schwere Augenschädigung, Kategorie 1; H318” und “Gewässergefährdend, Chronisch Kategorie 2; H411” wurde durch die ECHA bestätigt.

Ausführlich kommentiert wurde die ECHA-Entscheidung im folgenden Media Briefing mit Tim Bowmer, dem Vorsitzenden des Komitees für Risikobewertung:

Jetzt, wo der Krebsverdacht aus der Welt geräumt ist, zaubert die Front der Glyphosat-Gegner ein anderes Kriterium aus dem Hut: Der Wirkstoff schädige die Artenvielfalt. Hier die Aussagen verschiedener Stakeholder aus dem Umweltbereich: BUND, Harald Ebner von den Grünen, sowie Bundesumweltministerin Dr. Barbara Hendricks:

synopse_pm.png

Weder in der Pressemitteilung noch im Online-Briefing äußert sich die ECHA zu den Auswirkungen von Glyphosat auf die Artenvielfalt. Daher verwundert es, dass die Berichterstattung in den sogenannten Qualitätsmedien zum Teil andere Informationen transportiert. Hier ein Überblick über die zentralen Aussagen von überregionalen Medien: dpa (shz.de), reuters.com, Spiegel Online, Faz.net sowie tagesschau:

synopse_berichte.pngWie kommt der Satz “Unstrittig sind massive negative Einflüsse der Chemikalie auf die Artenvielfalt” bzw. seine Varianten in die Abschnitte, wo die ECHA-Entscheidung skizziert wird? Der Leser bekommt den Eindruck, dass hier Tim Bowmer zitiert wird. Auch das Social Media Team von Faz.net hat den Artikel so verstanden und antwortet auf Facebook einem Kommentator:

“Dass es umstritten ist wird auch erläutert: “Unstrittig sind massive negative Einflüsse der Chemikalie auf die Artenvielfalt.”, erklärt der Vorsitzende der Abteilung für Risikobewertung der ECHA, Tim Bowmer.
Wir empfehlen stets die Beiträge komplett zu lesen, nicht nur die Überschriften. Wichtige Faktoren können dabei verloren gehen. Beste Grüße aus Frankfurt”

Tim Bowmer hat das aber nicht gesagt. Irgendein Journalist hat beim Zusammenbasteln seines Artikels bestimmte Aussagen durcheinander geworfen bzw. vermischt. Oder er oder sie hat versucht, eine Brücke zu bauen zwischen den ECHA-Feststellungen auf der einen Seite und den Äußerungen der Umwelt-Stakeholder auf der anderen. Grundsätzlich ist gegen hermeneutische Nächstenliebe nichts einzuwenden, um eine Sache zu verstehen, aber im obigen Fall wird die Darstellung des Sachverhalts falsch. Die Einordnung in die Gruppe  “Gewässergefährdend, Chronisch Kategorie 2; H411” hat Auswirkungen auf die Zulassung von Präparaten mit dem Wirkstoff. Es werden nämlich bestimmte Auflagen für die Anwendung vorgeschrieben.

roundupturbo
UBA-Bewertungsbericht für Roundup TURBO, S. 81

Aber diese Einordnung hat nicht zu Folge, dass Glyphosat forthin als schädlich für die Artenvielfalt anzusehen ist. Die Auflagen sollen ja genau das verhindern.

Tja, und die anderen Medienkollegen haben einfach vom Urheber des Missverständnisses abgeschrieben, ohne einen Blick in die Original-Pressemitteilung der ECHA zu werfen. Unter dem Begriff “Qualitätsmedien” stelle ich mir etwas anderes vor – Copy & Paste ohne eigene Recherche wird durch “08/15-Journalismus” besser umschrieben.

 

Update, 17.03.2017, 16:22 Uhr:

 

 

Mehr Sicherheit beim Pflanzenschutz

Mehr Sicherheit beim Pflanzenschutz

Im Zuge der Debatte um die Verlängerung der EU-Genehmigung für den Herbizid-Wirkstoff Glyphosat wurde das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) massiv kritisiert, dass es bei der Risikobewertung der Substanz nicht kritisch genug vorgegangen sei. Jetzt wurden in Deutschland weitere Aspekte in die Bewertung der gesundheitlichen Risiken von Pflanzenschutzmitteln aufgenommen und weder in den Medien noch in der Fachwelt oder in der Politik findet das irgendeine Resonanz.

Am 23. Februar 2017 veröffentlichte das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) Änderungen bei der Zulassung von Pflanzenschutzmitteln:

“Ab dem 1. März 2017 wird das Ergebnis der vom BfR vorgenommenen kumulativen Risikobewertungen Bestandteil der Bewertungsberichte sein, die das BfR im Zulassungsverfahren erstellt. Das gilt auch für Zulassungsanträge, die sich bereits in Bearbeitung befinden.

Antragsteller werden gebeten, bei Antragstellung ab dem 1. Januar 2018 eine kumulative Risikobewertung in dem entsprechenden Teil des Draft Registration Reports (dRR) einzufügen. Bei Anträgen, die sich in Bearbeitung befinden oder bis zum 31. Dezember 2017 gestellt werden, ist von den Antragstellern nichts zu veranlassen.

Bei der Bewertung von Kumulations- und Synergieeffekten folgt das BfR einem gestuften Konzept, das 2014 veröffentlicht wurde (Human health risk assessment from combined exposure in the framework of plant protection products and biocidal products).”

Das BfR ist in Deutschland bei der Zulassung von Pflanzenschutzmitteln zuständig für die Bewertung des gesundheitlichen Risikos eines Präparates. Zukünftig wird das BfR auch berücksichtigen, ob sich aus der bestimmten Formulierung heraus gewisse Risiken ergeben, die über die Risiken der einzelnen aktiven Substanz(en) hinausgehen. Das ist ein Meilenstein bei der Bewertung von Pflanzenschutzmitteln und sucht meines Wissens weltweit seinesgleichen. Das BfR hat hier bereits vor Jahren Forschungsbedarf festgestellt und setzt sich seitdem dafür ein, dass auch die Formulierungen getestet werden. In 2014 hatte das BfR ein Bewertungskonzept vorgestellt, das nun angewendet werden soll.

Die Bekanntmachung des BVLs im Bundesanzeiger gibt weitere Auskunft darüber, wie auf EU-Ebene zukünftig vorgegangen werden soll:

“Ist Deutschland bewertender Mitgliedstaat, erhalten die anderen Mitgliedstaaten die Gelegenheit, in der Kommentierungsrunde die vorgenommene kumulative Bewertung kritisch zu kommentieren. Auch als beteiligter Mitgliedstaat wird Deutschland im Rahmen der Kommentierung des Draft Registration Reports die Bewertung des kumulativen Risikos berücksichtigen, so dass ein fachlicher Austausch zwischen den Mitgliedstaaten gegeben ist.”

Auch bei der Bewertung auf EU-Ebene will das BVL zukünftig den Aspekt der kumulativen Wirkungen mit einbringen. Weiter heißt es:

“Sobald auf europäischer Ebene eine Leitlinie (Guidance Document) zur kumulativen Risikobewertung verabschiedet wurde, erfolgt entsprechend dem darin vorgeschriebenen Zeitplan eine entsprechende Umsetzung auch in die deutsche Zulassungspraxis. Die Berücksichtigung von Kumulations- und Synergieeffekten durch das BfR in den deutschen Bewertungen wird als Beitrag zur wissenschaftlichen Diskussion für die Verbesserung der regulatorischen Konzepte und zu einer Beschleunigung der Harmonisierung der europäischen Bewertungen auf diesem Gebiet verstanden.”

Ziel ist es also, dass die gesundheitliche Bewertung von Pflanzenschutzmitteln auch auf europäischer Ebene verbessert werden soll. Sprich: Deutschland übernimmt hier eine Vorreiterrolle. Es heißt doch immer, dass BfR sei ein Handlanger der Industrie?! Ich denke, diese Ansicht sollte man noch einmal überdenken. Denn ab sofort kommt hierzulande auf die Hersteller ein größerer Aufwand zu, wenn sie Zulassungsanträge für neue Pflanzenschutzprodukte stellen.

 

Links

• Berücksichtigung von Kumulations- und Synergieeffekten bei der gesundheitlichen Bewertung von Pflanzenschutzmitteln

• Bekanntmachung über die Berücksichtigung von Kumulations- und Synergieeffekten in der gesundheitlichen Bewertung von Pflanzenschutzmitteln (BVL 17/02/02)

• Human health risk assessment from combined exposure in the framework of plant protection products and biocidal products

 

 

 

 

 

Nachgehakt: Glyphosat und Biodiversität

Nachgehakt: Glyphosat und Biodiversität

Die Empörungsindustrie fährt ihre Maschinen wieder an: In der vergangenen Woche ging eine Europäische Bürgerinitiative gegen die Verlängerung der EU-Genehmigung für den Herbizid-Wirkstoff Glyphosat an den Start. Wir erinnern uns: Die EU-Kommission hatte in 2016 die Genehmigung erst einmal bis Ende dieses Jahres verlängert. Man wolle die Risikobewertung durch die Europäische Chemikalienbehörde ECHA (European Chemicals Agency) abwarten. Der Abschlussbericht des ECHA-Gremiums soll bis Ende November 2017 fertig sein:

Während die Wissenschaftler noch Daten zusammentragen und auswerten, ist die Meinungsbildung von NGOs, bestimmten Parteien und manchen Regierungsbehörden bereits abgeschlossen. Bei der Diskussion im vergangenen Jahr waren mir ein paar Tweets von Maria Krautzberger aufgefallen, der Präsidentin des Umweltbundesamtes (UBA). Sie behauptete damals, dass  Glyphosat dramatische Auswirkungen auf die Biodiversität habe. Ich wollte wissen, ob sie dafür Belege hätte:

Und es kam auch eine Antwort:

Das genannte Dokument “Conclusion on the peer review of the pesticide risk assessment of the active substance glyphosate” ist der Abschlussbericht der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA zur Bewertung von Glyphosat. Dort steht auf Seite 18 im Abschnitt “Ecotoxicology”:

“The new proposed reference specification as proposed by the RMS (Germany, 2015) is not supported by the specifications of all applicants. Therefore a critical area of concern was identified.

Some aspects of the risk assessment of glyphosate were discussed at the Pesticides Peer Review Meeting 128 (3–5 March 2015). The RMS raised concerns regarding the indirect effects (biodiversity) on non-target organisms via trophic interaction of extensively used herbicides such as glyphosate. At the meeting there was also an exchange of views on this issue. The experts considered this as an important risk management issue.

For the risk assessment to birds and mammals, it is acknowledged that no specific scenarios are available in the Guidance Document on Risk Assessment for Birds and Mammals (EFSA, 2009) for the spraying applications against emerged annual, perennial and biennial weeds for the representative use ‘all crops pre-planting and post planting’. The RMS used, as surrogate, the worst case scenarios related to the early stage of several crops for the representative uses ‘all crops’ (pre and post-planting). Although it is not clearly indicated in the guidance document (EFSA, 2009), likely the most suitable scenarios might have been those related to ‘not crop directed applications’, which were specifically developed for herbicides applied in orchards. However, the RMS’s approach covered both the latter scenarios and other more conservative ones. Therefore the RMS’s approach was considered acceptable.”

“RMS” steht für “Reporting Member State”, also für den Mitgliedsstaat, der die ursprüngliche Risikobewertung erstellt hat. Das ist im Fall von Glyphosat Deutschland. Und nun dürfen wir dreimal raten, welche Bundesbehörde wohl den Abschnitt über Auswirkungen auf den Naturhaushalt erarbeitet hat: Richtig, das Umweltbundesamt. Aufschluss gibt hier eine Meldung des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) von 2014. Dort heißt es:

“Bedenken bestehen allerdings in Hinsicht auf den Schutz der biologischen Vielfalt. Zwar ist Glyphosat für Vögel, Säugetiere und Insekten nicht unmittelbar schädlich. Breitbandherbizide wie Glyphosat töten jedoch auf den behandelten Kulturflächen auch diejenigen Pflanzen ab, die Insekten wie Schmetterlingen und Wildbienen Nahrung bieten. Damit kann auch Feldvogelarten wie dem Rebhuhn und der Feldlerche die Nahrungsgrundlage beeinträchtigt werden. Der Bericht empfiehlt deshalb der Europäischen Kommission, die Genehmigung für Glyphosat mit der Maßgabe zu verbinden, dass die Mitgliedstaaten Maßnahmen ergreifen, um solche Effekte und nachteilige Auswirkungen auf die biologische Vielfalt zu reduzieren.”

Noch einmal langsam zum Mitschreiben: Die UBA-Präsidentin führt als Beleg für eine Behauptung eine Stelle in einem Bericht an, die ihre eigenes Haus dort reinverhandelt hat. 

Maria Krautzberger nennt eine weitere Quelle:

Dieses Dokument ist eine mehr als 500 Seiten umfassende Untersuchung, die u.a. von Mitarbeitern eines NABU-Instituts verfasst worden ist. Interessanterweise ist das Papier offiziell nach der Abgabe der Glyphosat-Bewertung an die EFSA erschienen. Um direkt zu den für mich interessanten Informationen vorzustoßen, habe ich einfach meinen Computer nach dem Wort “glyphosate” suchen lassen. Es gab 15 Treffer: je einen im Inhalts- und Abbildungsverzeichnis, zwei im Literaturverzeichnis und 11 (in Worten: “elf”) im Fließtext. Außerdem gab es noch zwei Treffer für das deutsche Wort “Glyphosat” im Literaturverzeichnis. Hier die elf Treffer aus dem Fließtext:

S. 20: “The most sold herbicide agent group are the
organophosphorous herbicides (32 %) to which glyphosate belongs.”

S. 22: “2.3.2  Digression – glyphosate as most used herbicide

The use of glyphosate has increased since 2000 (Fig. 2.3.3). In 2007 and 2008 particularly large amounts were used, and in 2011 its use reached the third highest level since 2000. The main area of application of glyphosate in arable farming in Germany is stubble treatment in the first instance, followed by pre-sowing application and desiccation (e.g. for accelerated maturation) according to Dickeduisberg et al. (2012). (…) The use of broad-band herbicides such as glyphosate for stubble treatment and desiccation is economical to the farmer, but not in compliance with the Plant Protection Act (Haffmanns 2007).”

S. 23: “Fig. 2.3.3: Annual domestic use (in t) of Glyphosate in Germany since 2000 (Source: German Parliament brochure 17/7168, 2011).

S. 116: “For example glyphosate has toxic effects on amphibians and causes serious population declines (Relyea 2005) and can lead to cell damage and cancer growth in humans (Marc et al. 2002; Eriksson et al. 2008; Benachour & Séralini
2009; Gasnier et al. 2009). (…) Amphibians could profit in particular, as it has been proved that these are also affected by direct toxic effects of glyphosate, the most widely used broad-spectrum herbicide (see above).”

S. 117: “The most widely used herbicides in Germany are the selective isoproturone (for winter wheat, winter barley, rye, spring barley and spring wheat) followed by the non-selective glyphosate (Eurostat 2007). Broad spectrum herbicides such as glyphosate are frequently applied as pre-emergence herbicides, but also for pre-sowing and post-harvest weed repression, and for desiccation (acceleration of maturation) in the pre-harvest period for instance in cereals and rape (see digression on glyphosate in chapter 2.3).”

Was erfahren wir hier über Glyphosat und die Auswirkungen des Wirkstoffs auf die Biodiversität? Nicht viel: Wir erfahren etwas über Anwendungsweise und -häufigkeit und dass Glyphosat giftig auf Amphibien wirken kann. Letzteres ist lange bekannt und deswegen gibt es auch Abstandsregelungen zum Einsatz des Wirkstoffs in der Nähe von Gewässern. Aber zu den behaupteten indirekten dramatischen Auswirkungen auf die Biodiversität durch Glyphosat finde ich nichts außer Mutmaßungen.

Natürlich reduziert Glyphosat den Pflanzenaufwuchs auf einer Fläche – zum Beispiel vor der Neuaussaat – das macht der Pflug aber auch. Und auch der Biobauer reduziert Biodiversität, wenn er zwischen seinen Maisreihen hackt. Und das muss er tun, wenn er nicht nur Kamille ernten will, sondern Mais.

Mein Eindruck ist, dass hier ein neues Paradigma installiert werden soll, um den Einsatz von Pflanzenschutzmittel generell in Frage zu stellen.

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Bildnachweis: BMUB

Die Antwort

Die Antwort

Letztlich hatte Dr. Barbara Hendricks also doch ein Einsehen: Das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) wird die Plakatkampagne mit den neuen Bauernregeln nicht fortführen. Dr. Heike Müller, Landwirtin und Vizepräsidentin des Bauernverbandes Mecklenburg-Vorpommern, hatte – wie viele andere auch – an die Ministerin geschrieben. Zu lesen war ihr Offener Brief an Frau Dr. Hendricks auch hier im Blog. Jetzt ist eine Antwort vom Ministerium eingetroffen. Möge sich jeder sein eigenes Urteil bilden:

“Sehr geehrte Frau Dr. Müller,

haben Sie vielen Dank für Ihre Zuschrift vom 3.Februar 2017 zur Kampagne „Gut zur Umwelt. Gesund für alle.“ des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB).

Mit dieser Kampagne haben wir eine öffentliche Debatte angestoßen, die teilweise sehr kontrovers geführt wurde. Unser Ziel war, den Blick auf Fehlentwicklungen in der Landwirtschaft zu lenken. Unbestreitbar ist beispielsweise der Rückgang der Artenvielfalt in Regionen intensiver Landwirtschaft oder die Belastung des Grundwassers durch die Überdüngung der Böden. Hier müssen wir besser werden: um die biologische Vielfalt zu erhalten, unsere Böden und Gewässer zu schützen und auch für mehr Tierwohl. Landwirte und Naturschützer können das nur gemeinsam erreichen, dafür müssen wir eng zusammenarbeiten und kooperativ nach Lösungen suchen.

Die von uns bisher nur im Internet und in den sozialen Medien veröffentlichten Motive mit neuen „Bauernregeln“ haben auf unkonventionelle, frische und fröhliche Art auf ein wichtiges Thema aufmerksam gemacht. Wie können wir Landwirtschaft und Umwelt besser zusammenbringen? Dass dies ein Thema ist, das viele Menschen beschäftigt, lässt sich auch daran ablesen, dass sich die „Bauernregeln“ in Windeseile verbreitet haben – ohne dass ein einziges großes Plakat aufgehängt werden zu werden brauchte.

Wir sind weiterhin überzeugt, dass unsere Bauernregeln nicht dazu angetan sind, jemanden zu beleidigen oder in seiner Ehre zu verletzen. Die Ministerin nimmt aber zur Kenntnis und respektiert, dass dies von Vielen ganz anders empfunden wurde und wird. Sie hat öffentlich bedauert, dass solche Empfindungen ausgelöst wurden. Deshalb haben wir entschieden, die Bauernregeln im Rahmen der weiteren Kampagne nicht mehr einzusetzen.

Das Thema ist und bleibt der Bundesumweltministerin aber sehr wichtig. Jetzt geht es darum, die Aufmerksamkeit, die wir im ersten Schritt für dieses wichtige Thema erzeugt haben (auch dank der „Bauerregeln“), für einen konstruktiven Dialog zu nutzen – mit Landwirten, Verbrauchern und Naturschützern. Wir setzen uns auch weiterhin für eine Agrarwende in Deutschland ein: Dazu gehört nicht nur, dass Landwirtschaft sozialer und ökologischer werden muss. Wir wollen auch, dass die Agrarfördermittel aus Brüssel umweltgerechter verteilt werden. Bäuerinnen und Bauern sollen faire Preise bekommen – für ihre Produkte und für Leistungen, die sie im Interesse der Gemeinschaft für den Natur- und Landschaftsschutz erbringen. Wie wir diese Ziele erreichen können, dazu wollen wir einen breiten gesellschaftlichen Dialog anstoßen.

Die Kampagne führen wir aber weiter, denn das Thema ist und bleibt wichtig. Der inhaltliche Kern unserer „Bauernregeln“ wurde bisher auch nicht ernsthaft angezweifelt oder widerlegt. Wir nutzen die bis jetzt erreichte Aufmerksamkeit eines großen Teils der Öffentlichkeit für das Thema und gehen einen nächsten Schritt hin zu unserem Kernanliegen: Wir treten in einen breiten Dialog.

Für weiterführende Informationen möchten wir Sie an dieser Stelle auch gern auf die folgenden Links auf der BMUB-Homepage hinweisen:

Mit freundlichen Grüßen

Im Auftrag
Ihr Bürgerservice im BMUB

Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz,
Bau und Reaktorsicherheit
Stresemannstraße 128 – 130
10117 Berlin
E-Mail: buergerservice@bmub.bund.de

www.bmub.bund.de/buergerforum
www.twitter.com/bmub
www.youtube.com/user/Umweltministerium

 

_________________________________

Mal abgesehen davon, dass es nicht stimmt, dass die Plakate “bisher nur im Internet und in den sozialen Medien” veröffentlicht worden sind (siehe Foto): Ist so ein Serienbrief der Sache angemessen?

Mein Fazit: Nutzt die Möglichkeit, Euch einzubringen und schreibt im Dialogforum Eure Sicht in Sachen zukunftsfähige Landwirtschaft. Die ersten Beiträge sind schon da. Ein Blick lohnt sich!

 

Bildnachweis: Plakat mit neuer Bauernregel, gesichtet am Flughafen Berlin-Tegel von Marcus Mager

Offener Brief an Ministerin Dr. Barbara Hendricks

Offener Brief an Ministerin Dr. Barbara Hendricks

Das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) hat eine neue Werbekampagne gestartet: “Hendricks verkündet neue “Bauernregeln” für eine Landwirtschaft mit Zukunft” lautet der Titel der dazugehörigen Pressemitteilung. Die Motive, sogenannte neue Bauernregeln, stoßen in der Branche – gelinde gesagt – auf Unverständnis.

Dr. Heike Müller, Landwirtin und  Vizepräsidentin des Bauernverbandes Mecklenburg-Vorpommern, schreibt an die Ministerin:

“Sehr geehrte Frau Bundesministerin Hendricks,

ich schreibe Ihnen hier als Landwirtin, als Vizepräsidentin eines Landesbauernverbandes, als Landfrau und als Rednerin auf der „Wir-machen-Euch-satt“-Demo in Berlin.

Mit großem Befremden habe ich heute Ihre Kampagne „Neue Bauernregeln“ zu Kenntnis nehmen müssen, für die in mehr als 70 Städten in Deutschland plakatiert werden soll, begleitet von Postkarten, Social Media und einer speziellen Website.

Dass wir Bauern von Seiten der Nicht-Regierungs-Organisationen mit solchen bunten und grafisch im Pippi-Langstrumpf-Stil nett gemachten, aber inhaltlich fragwürdigen Plakaten und Kampagnen angegriffen werden, daran haben wir uns inzwischen schon fast gewöhnt. In einer Demokratie darf man das, das gehört zum gesellschaftlichen Diskurs dazu.

Kommen solche Parolen jedoch von einem Bundesministerium, wurden sie mit Steuergeldern finanziert, bekommt dies eine andere Dimension!

Liebe Frau Hendricks, von solchen Sprüchen wie „Gibt`s nur Mais auf weiter Flur, fehlt vom Hamster jede Spur“, „Steht das Schwein auf einem Bein, ist der Schweinestall zu klein“, „Zu viel Dünger auf dem Feld geht erst ins Wasser, dann ins Geld“ oder „Haut Ackergift die Pflanzen um, bleiben auch die Vögel stumm“ fühlen wir Bauern uns verhöhnt. Das ist Bauernbashing wie es im Buche steht und wie Sie es, werte Frau Hendricks, auch wenn Sie dies stets bestreiten, schon seit längerer Zeit betreiben. Ich habe Ihre Rede vom 17.Januar sehr aufmerksam gelesen und bin entsetzt über viele Pauschalisierungen, die Sie dort vornehmen. Vom Überschütten der Felder mit Gülle ist dort die Rede, oder von einer Haltung, bei der der Respekt vor dem Tier als fühlendes Lebewesen auf der Strecke geblieben ist.

Was glauben Sie, Frau Hendricks, wie man sich fühlt, wenn man als Tierhalter 365 Tage im Jahr Verantwortung trägt, sich um jedes Einzeltier bemüht, dabei aber in Jahren wie dem vergangenen nichts verdient? Wenn man auch aus dem Ackerbau nur die Hälfte des normalen Umsatzes erlöst hat, weil die Natur nicht mitspielte und auch die Märkte uns nicht freundlich gesonnen waren? Wie man sich fühlt, wenn dann ein Bundesministerium die moderne Landwirtschaft in die Schmuddelecke stellt, unsere Produktionsmethoden in Bausch und Bogen verdammt? Wenn man nur als Subventionsempfänger dargestellt wird, aber niemals als Steuerzahler, der man in normalen Jahren  durchaus ist? Wenn die Eingebundenheit in die Weltmärkte und die vergleichsweise hohen Standards, die wir im Tier- und Umweltschutz bereits erreicht haben, ausgeblendet werden? Wenn ausgeblendet wird, dass zum Beispiel wir hier in Mecklenburg-Vorpommern deutschlandweit die meisten Natura-2000-Gebiete haben, obwohl oder gerade weil wir Landwirte so wirtschaften wie wir wirtschaften? Wenn vor allem ausgeblendet wird, dass die Verbraucher täglich völlig basisdemokratisch an der Ladentheke anders abstimmen als in Umfragen und dass längst nicht alle, die grün wählen, auch grün essen?

Wir Landwirte haben uns schon immer an wechselnde Gegebenheiten anpassen müssen, was die Witterungsbedingungen, die Märkte oder die Verbraucherwünsche anging. Wir Bauern denken nicht nur von Ernte zu Ernte, sondern wir denken in Generationen. Was uns jedoch zunehmend zu schaffen macht, ist die Tatsache, dass in eine Landwirtegeneration mehr als fünf Politikerwahlperioden passen. Das sind fünf Wahlperioden, in denen Politiker sich immer wieder neu profilieren müssen, neue Regelungen auf den Weg bringen, die uns keine Atempausen mehr gönnen.

Solche Kampagnen wie die „Neuen Bauernregeln“, die uns als Landwirte diskreditieren, die uns nur noch als Umweltfrevler oder Tierquäler darstellen, demotivieren uns, lassen aber gleichzeitig auch nach und nach die Wut auf unseren Höfen wachsen.

Frau Hendricks, der Duktus Ihrer Reden und dieser Kampagnen trägt zur selben Polarisierung innerhalb unserer Gesellschaft bei, die Ihre Partei bei anderen Parteien und Gruppierungen zu Recht kritisiert.

Liebe Frau Hendricks, ich habe in meiner Rede bei der „Wir-machen-Euch-satt“-Dialogveranstaltung am 21. Januar in Berlin (das entsprechende Youtube-Video können Sie, wenn Sie mögen, hier verfolgen: https://www.youtube.com/watch?v=P79hlsIiCUI&t=23s) darum gebeten, dass die Politik bitte verbal abrüsten möge. Ich möchte auch Sie darum bitten. Ein fairer Dialog kann nicht so aussehen, dass eine ganze Berufsgruppe ausgegrenzt wird, noch dazu von einem Bundesministerium! Veränderungen kann man nur mit uns Bauern und mit der Mehrzahl der Verbraucher erreichen! Landwirtschaft hieß schon immer auch Evolution!

Wie man einen sachlichen Dialog zu landwirtschaftlichen Fragen führt, können Sie im Übrigen bei Ihrem Parteikollegen Dr. Till Backhaus sehen, mit dem wir Landwirte auch häufig im sehr kritischen Diskurs stehen, der sich jedoch niemals zu solchen populistischen Bauernregeln hinreißen ließe.

Liebe Frau Hendricks, bitte beenden Sie diese unsägliche Kampagne! Als Politikerin sollte man sein Ministerium nicht für einen wie auch immer gearteten Wahlkampf einspannen!

Beste Grüße aus der Mitte von Mecklenburg-Vorpommern

Dr. Heike Müller”

 

Bildnachweis: BMUB