Nachgehakt: Glyphosat und Biodiversität

Nachgehakt: Glyphosat und Biodiversität

Die Empörungsindustrie fährt ihre Maschinen wieder an: In der vergangenen Woche ging eine Europäische Bürgerinitiative gegen die Verlängerung der EU-Genehmigung für den Herbizid-Wirkstoff Glyphosat an den Start. Wir erinnern uns: Die EU-Kommission hatte in 2016 die Genehmigung erst einmal bis Ende dieses Jahres verlängert. Man wolle die Risikobewertung durch die Europäische Chemikalienbehörde ECHA (European Chemicals Agency) abwarten. Der Abschlussbericht des ECHA-Gremiums soll bis Ende November 2017 fertig sein:

Während die Wissenschaftler noch Daten zusammentragen und auswerten, ist die Meinungsbildung von NGOs, bestimmten Parteien und manchen Regierungsbehörden bereits abgeschlossen. Bei der Diskussion im vergangenen Jahr waren mir ein paar Tweets von Maria Krautzberger aufgefallen, der Präsidentin des Umweltbundesamtes (UBA). Sie behauptete damals, dass  Glyphosat dramatische Auswirkungen auf die Biodiversität habe. Ich wollte wissen, ob sie dafür Belege hätte:

Und es kam auch eine Antwort:

Das genannte Dokument “Conclusion on the peer review of the pesticide risk assessment of the active substance glyphosate” ist der Abschlussbericht der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA zur Bewertung von Glyphosat. Dort steht auf Seite 18 im Abschnitt “Ecotoxicology”:

“The new proposed reference specification as proposed by the RMS (Germany, 2015) is not supported by the specifications of all applicants. Therefore a critical area of concern was identified.

Some aspects of the risk assessment of glyphosate were discussed at the Pesticides Peer Review Meeting 128 (3–5 March 2015). The RMS raised concerns regarding the indirect effects (biodiversity) on non-target organisms via trophic interaction of extensively used herbicides such as glyphosate. At the meeting there was also an exchange of views on this issue. The experts considered this as an important risk management issue.

For the risk assessment to birds and mammals, it is acknowledged that no specific scenarios are available in the Guidance Document on Risk Assessment for Birds and Mammals (EFSA, 2009) for the spraying applications against emerged annual, perennial and biennial weeds for the representative use ‘all crops pre-planting and post planting’. The RMS used, as surrogate, the worst case scenarios related to the early stage of several crops for the representative uses ‘all crops’ (pre and post-planting). Although it is not clearly indicated in the guidance document (EFSA, 2009), likely the most suitable scenarios might have been those related to ‘not crop directed applications’, which were specifically developed for herbicides applied in orchards. However, the RMS’s approach covered both the latter scenarios and other more conservative ones. Therefore the RMS’s approach was considered acceptable.”

“RMS” steht für “Reporting Member State”, also für den Mitgliedsstaat, der die ursprüngliche Risikobewertung erstellt hat. Das ist im Fall von Glyphosat Deutschland. Und nun dürfen wir dreimal raten, welche Bundesbehörde wohl den Abschnitt über Auswirkungen auf den Naturhaushalt erarbeitet hat: Richtig, das Umweltbundesamt. Aufschluss gibt hier eine Meldung des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) von 2014. Dort heißt es:

“Bedenken bestehen allerdings in Hinsicht auf den Schutz der biologischen Vielfalt. Zwar ist Glyphosat für Vögel, Säugetiere und Insekten nicht unmittelbar schädlich. Breitbandherbizide wie Glyphosat töten jedoch auf den behandelten Kulturflächen auch diejenigen Pflanzen ab, die Insekten wie Schmetterlingen und Wildbienen Nahrung bieten. Damit kann auch Feldvogelarten wie dem Rebhuhn und der Feldlerche die Nahrungsgrundlage beeinträchtigt werden. Der Bericht empfiehlt deshalb der Europäischen Kommission, die Genehmigung für Glyphosat mit der Maßgabe zu verbinden, dass die Mitgliedstaaten Maßnahmen ergreifen, um solche Effekte und nachteilige Auswirkungen auf die biologische Vielfalt zu reduzieren.”

Noch einmal langsam zum Mitschreiben: Die UBA-Präsidentin führt als Beleg für eine Behauptung eine Stelle in einem Bericht an, die ihre eigenes Haus dort reinverhandelt hat. 

Maria Krautzberger nennt eine weitere Quelle:

Dieses Dokument ist eine mehr als 500 Seiten umfassende Untersuchung, die u.a. von Mitarbeitern eines NABU-Instituts verfasst worden ist. Interessanterweise ist das Papier offiziell nach der Abgabe der Glyphosat-Bewertung an die EFSA erschienen. Um direkt zu den für mich interessanten Informationen vorzustoßen, habe ich einfach meinen Computer nach dem Wort “glyphosate” suchen lassen. Es gab 15 Treffer: je einen im Inhalts- und Abbildungsverzeichnis, zwei im Literaturverzeichnis und 11 (in Worten: “elf”) im Fließtext. Außerdem gab es noch zwei Treffer für das deutsche Wort “Glyphosat” im Literaturverzeichnis. Hier die elf Treffer aus dem Fließtext:

S. 20: “The most sold herbicide agent group are the
organophosphorous herbicides (32 %) to which glyphosate belongs.”

S. 22: “2.3.2  Digression – glyphosate as most used herbicide

The use of glyphosate has increased since 2000 (Fig. 2.3.3). In 2007 and 2008 particularly large amounts were used, and in 2011 its use reached the third highest level since 2000. The main area of application of glyphosate in arable farming in Germany is stubble treatment in the first instance, followed by pre-sowing application and desiccation (e.g. for accelerated maturation) according to Dickeduisberg et al. (2012). (…) The use of broad-band herbicides such as glyphosate for stubble treatment and desiccation is economical to the farmer, but not in compliance with the Plant Protection Act (Haffmanns 2007).”

S. 23: “Fig. 2.3.3: Annual domestic use (in t) of Glyphosate in Germany since 2000 (Source: German Parliament brochure 17/7168, 2011).

S. 116: “For example glyphosate has toxic effects on amphibians and causes serious population declines (Relyea 2005) and can lead to cell damage and cancer growth in humans (Marc et al. 2002; Eriksson et al. 2008; Benachour & Séralini
2009; Gasnier et al. 2009). (…) Amphibians could profit in particular, as it has been proved that these are also affected by direct toxic effects of glyphosate, the most widely used broad-spectrum herbicide (see above).”

S. 117: “The most widely used herbicides in Germany are the selective isoproturone (for winter wheat, winter barley, rye, spring barley and spring wheat) followed by the non-selective glyphosate (Eurostat 2007). Broad spectrum herbicides such as glyphosate are frequently applied as pre-emergence herbicides, but also for pre-sowing and post-harvest weed repression, and for desiccation (acceleration of maturation) in the pre-harvest period for instance in cereals and rape (see digression on glyphosate in chapter 2.3).”

Was erfahren wir hier über Glyphosat und die Auswirkungen des Wirkstoffs auf die Biodiversität? Nicht viel: Wir erfahren etwas über Anwendungsweise und -häufigkeit und dass Glyphosat giftig auf Amphibien wirken kann. Letzteres ist lange bekannt und deswegen gibt es auch Abstandsregelungen zum Einsatz des Wirkstoffs in der Nähe von Gewässern. Aber zu den behaupteten indirekten dramatischen Auswirkungen auf die Biodiversität durch Glyphosat finde ich nichts außer Mutmaßungen.

Natürlich reduziert Glyphosat den Pflanzenaufwuchs auf einer Fläche – zum Beispiel vor der Neuaussaat – das macht der Pflug aber auch. Und auch der Biobauer reduziert Biodiversität, wenn er zwischen seinen Maisreihen hackt. Und das muss er tun, wenn er nicht nur Kamille ernten will, sondern Mais.

Mein Eindruck ist, dass hier ein neues Paradigma installiert werden soll, um den Einsatz von Pflanzenschutzmittel generell in Frage zu stellen.

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Bildnachweis: BMUB

Die Antwort

Die Antwort

Letztlich hatte Dr. Barbara Hendricks also doch ein Einsehen: Das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) wird die Plakatkampagne mit den neuen Bauernregeln nicht fortführen. Dr. Heike Müller, Landwirtin und Vizepräsidentin des Bauernverbandes Mecklenburg-Vorpommern, hatte – wie viele andere auch – an die Ministerin geschrieben. Zu lesen war ihr Offener Brief an Frau Dr. Hendricks auch hier im Blog. Jetzt ist eine Antwort vom Ministerium eingetroffen. Möge sich jeder sein eigenes Urteil bilden:

“Sehr geehrte Frau Dr. Müller,

haben Sie vielen Dank für Ihre Zuschrift vom 3.Februar 2017 zur Kampagne „Gut zur Umwelt. Gesund für alle.“ des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB).

Mit dieser Kampagne haben wir eine öffentliche Debatte angestoßen, die teilweise sehr kontrovers geführt wurde. Unser Ziel war, den Blick auf Fehlentwicklungen in der Landwirtschaft zu lenken. Unbestreitbar ist beispielsweise der Rückgang der Artenvielfalt in Regionen intensiver Landwirtschaft oder die Belastung des Grundwassers durch die Überdüngung der Böden. Hier müssen wir besser werden: um die biologische Vielfalt zu erhalten, unsere Böden und Gewässer zu schützen und auch für mehr Tierwohl. Landwirte und Naturschützer können das nur gemeinsam erreichen, dafür müssen wir eng zusammenarbeiten und kooperativ nach Lösungen suchen.

Die von uns bisher nur im Internet und in den sozialen Medien veröffentlichten Motive mit neuen „Bauernregeln“ haben auf unkonventionelle, frische und fröhliche Art auf ein wichtiges Thema aufmerksam gemacht. Wie können wir Landwirtschaft und Umwelt besser zusammenbringen? Dass dies ein Thema ist, das viele Menschen beschäftigt, lässt sich auch daran ablesen, dass sich die „Bauernregeln“ in Windeseile verbreitet haben – ohne dass ein einziges großes Plakat aufgehängt werden zu werden brauchte.

Wir sind weiterhin überzeugt, dass unsere Bauernregeln nicht dazu angetan sind, jemanden zu beleidigen oder in seiner Ehre zu verletzen. Die Ministerin nimmt aber zur Kenntnis und respektiert, dass dies von Vielen ganz anders empfunden wurde und wird. Sie hat öffentlich bedauert, dass solche Empfindungen ausgelöst wurden. Deshalb haben wir entschieden, die Bauernregeln im Rahmen der weiteren Kampagne nicht mehr einzusetzen.

Das Thema ist und bleibt der Bundesumweltministerin aber sehr wichtig. Jetzt geht es darum, die Aufmerksamkeit, die wir im ersten Schritt für dieses wichtige Thema erzeugt haben (auch dank der „Bauerregeln“), für einen konstruktiven Dialog zu nutzen – mit Landwirten, Verbrauchern und Naturschützern. Wir setzen uns auch weiterhin für eine Agrarwende in Deutschland ein: Dazu gehört nicht nur, dass Landwirtschaft sozialer und ökologischer werden muss. Wir wollen auch, dass die Agrarfördermittel aus Brüssel umweltgerechter verteilt werden. Bäuerinnen und Bauern sollen faire Preise bekommen – für ihre Produkte und für Leistungen, die sie im Interesse der Gemeinschaft für den Natur- und Landschaftsschutz erbringen. Wie wir diese Ziele erreichen können, dazu wollen wir einen breiten gesellschaftlichen Dialog anstoßen.

Die Kampagne führen wir aber weiter, denn das Thema ist und bleibt wichtig. Der inhaltliche Kern unserer „Bauernregeln“ wurde bisher auch nicht ernsthaft angezweifelt oder widerlegt. Wir nutzen die bis jetzt erreichte Aufmerksamkeit eines großen Teils der Öffentlichkeit für das Thema und gehen einen nächsten Schritt hin zu unserem Kernanliegen: Wir treten in einen breiten Dialog.

Für weiterführende Informationen möchten wir Sie an dieser Stelle auch gern auf die folgenden Links auf der BMUB-Homepage hinweisen:

Mit freundlichen Grüßen

Im Auftrag
Ihr Bürgerservice im BMUB

Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz,
Bau und Reaktorsicherheit
Stresemannstraße 128 – 130
10117 Berlin
E-Mail: buergerservice@bmub.bund.de

www.bmub.bund.de/buergerforum
www.twitter.com/bmub
www.youtube.com/user/Umweltministerium

 

_________________________________

Mal abgesehen davon, dass es nicht stimmt, dass die Plakate “bisher nur im Internet und in den sozialen Medien” veröffentlicht worden sind (siehe Foto): Ist so ein Serienbrief der Sache angemessen?

Mein Fazit: Nutzt die Möglichkeit, Euch einzubringen und schreibt im Dialogforum Eure Sicht in Sachen zukunftsfähige Landwirtschaft. Die ersten Beiträge sind schon da. Ein Blick lohnt sich!

 

Bildnachweis: Plakat mit neuer Bauernregel, gesichtet am Flughafen Berlin-Tegel von Marcus Mager

Offener Brief an Ministerin Dr. Barbara Hendricks

Offener Brief an Ministerin Dr. Barbara Hendricks

Das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) hat eine neue Werbekampagne gestartet: “Hendricks verkündet neue “Bauernregeln” für eine Landwirtschaft mit Zukunft” lautet der Titel der dazugehörigen Pressemitteilung. Die Motive, sogenannte neue Bauernregeln, stoßen in der Branche – gelinde gesagt – auf Unverständnis.

Dr. Heike Müller, Landwirtin und  Vizepräsidentin des Bauernverbandes Mecklenburg-Vorpommern, schreibt an die Ministerin:

“Sehr geehrte Frau Bundesministerin Hendricks,

ich schreibe Ihnen hier als Landwirtin, als Vizepräsidentin eines Landesbauernverbandes, als Landfrau und als Rednerin auf der „Wir-machen-Euch-satt“-Demo in Berlin.

Mit großem Befremden habe ich heute Ihre Kampagne „Neue Bauernregeln“ zu Kenntnis nehmen müssen, für die in mehr als 70 Städten in Deutschland plakatiert werden soll, begleitet von Postkarten, Social Media und einer speziellen Website.

Dass wir Bauern von Seiten der Nicht-Regierungs-Organisationen mit solchen bunten und grafisch im Pippi-Langstrumpf-Stil nett gemachten, aber inhaltlich fragwürdigen Plakaten und Kampagnen angegriffen werden, daran haben wir uns inzwischen schon fast gewöhnt. In einer Demokratie darf man das, das gehört zum gesellschaftlichen Diskurs dazu.

Kommen solche Parolen jedoch von einem Bundesministerium, wurden sie mit Steuergeldern finanziert, bekommt dies eine andere Dimension!

Liebe Frau Hendricks, von solchen Sprüchen wie „Gibt`s nur Mais auf weiter Flur, fehlt vom Hamster jede Spur“, „Steht das Schwein auf einem Bein, ist der Schweinestall zu klein“, „Zu viel Dünger auf dem Feld geht erst ins Wasser, dann ins Geld“ oder „Haut Ackergift die Pflanzen um, bleiben auch die Vögel stumm“ fühlen wir Bauern uns verhöhnt. Das ist Bauernbashing wie es im Buche steht und wie Sie es, werte Frau Hendricks, auch wenn Sie dies stets bestreiten, schon seit längerer Zeit betreiben. Ich habe Ihre Rede vom 17.Januar sehr aufmerksam gelesen und bin entsetzt über viele Pauschalisierungen, die Sie dort vornehmen. Vom Überschütten der Felder mit Gülle ist dort die Rede, oder von einer Haltung, bei der der Respekt vor dem Tier als fühlendes Lebewesen auf der Strecke geblieben ist.

Was glauben Sie, Frau Hendricks, wie man sich fühlt, wenn man als Tierhalter 365 Tage im Jahr Verantwortung trägt, sich um jedes Einzeltier bemüht, dabei aber in Jahren wie dem vergangenen nichts verdient? Wenn man auch aus dem Ackerbau nur die Hälfte des normalen Umsatzes erlöst hat, weil die Natur nicht mitspielte und auch die Märkte uns nicht freundlich gesonnen waren? Wie man sich fühlt, wenn dann ein Bundesministerium die moderne Landwirtschaft in die Schmuddelecke stellt, unsere Produktionsmethoden in Bausch und Bogen verdammt? Wenn man nur als Subventionsempfänger dargestellt wird, aber niemals als Steuerzahler, der man in normalen Jahren  durchaus ist? Wenn die Eingebundenheit in die Weltmärkte und die vergleichsweise hohen Standards, die wir im Tier- und Umweltschutz bereits erreicht haben, ausgeblendet werden? Wenn ausgeblendet wird, dass zum Beispiel wir hier in Mecklenburg-Vorpommern deutschlandweit die meisten Natura-2000-Gebiete haben, obwohl oder gerade weil wir Landwirte so wirtschaften wie wir wirtschaften? Wenn vor allem ausgeblendet wird, dass die Verbraucher täglich völlig basisdemokratisch an der Ladentheke anders abstimmen als in Umfragen und dass längst nicht alle, die grün wählen, auch grün essen?

Wir Landwirte haben uns schon immer an wechselnde Gegebenheiten anpassen müssen, was die Witterungsbedingungen, die Märkte oder die Verbraucherwünsche anging. Wir Bauern denken nicht nur von Ernte zu Ernte, sondern wir denken in Generationen. Was uns jedoch zunehmend zu schaffen macht, ist die Tatsache, dass in eine Landwirtegeneration mehr als fünf Politikerwahlperioden passen. Das sind fünf Wahlperioden, in denen Politiker sich immer wieder neu profilieren müssen, neue Regelungen auf den Weg bringen, die uns keine Atempausen mehr gönnen.

Solche Kampagnen wie die „Neuen Bauernregeln“, die uns als Landwirte diskreditieren, die uns nur noch als Umweltfrevler oder Tierquäler darstellen, demotivieren uns, lassen aber gleichzeitig auch nach und nach die Wut auf unseren Höfen wachsen.

Frau Hendricks, der Duktus Ihrer Reden und dieser Kampagnen trägt zur selben Polarisierung innerhalb unserer Gesellschaft bei, die Ihre Partei bei anderen Parteien und Gruppierungen zu Recht kritisiert.

Liebe Frau Hendricks, ich habe in meiner Rede bei der „Wir-machen-Euch-satt“-Dialogveranstaltung am 21. Januar in Berlin (das entsprechende Youtube-Video können Sie, wenn Sie mögen, hier verfolgen: https://www.youtube.com/watch?v=P79hlsIiCUI&t=23s) darum gebeten, dass die Politik bitte verbal abrüsten möge. Ich möchte auch Sie darum bitten. Ein fairer Dialog kann nicht so aussehen, dass eine ganze Berufsgruppe ausgegrenzt wird, noch dazu von einem Bundesministerium! Veränderungen kann man nur mit uns Bauern und mit der Mehrzahl der Verbraucher erreichen! Landwirtschaft hieß schon immer auch Evolution!

Wie man einen sachlichen Dialog zu landwirtschaftlichen Fragen führt, können Sie im Übrigen bei Ihrem Parteikollegen Dr. Till Backhaus sehen, mit dem wir Landwirte auch häufig im sehr kritischen Diskurs stehen, der sich jedoch niemals zu solchen populistischen Bauernregeln hinreißen ließe.

Liebe Frau Hendricks, bitte beenden Sie diese unsägliche Kampagne! Als Politikerin sollte man sein Ministerium nicht für einen wie auch immer gearteten Wahlkampf einspannen!

Beste Grüße aus der Mitte von Mecklenburg-Vorpommern

Dr. Heike Müller”

 

Bildnachweis: BMUB

 

Postfaktischer Adventskalender, Teil 16: Baysanto

Postfaktischer Adventskalender, Teil 16: Baysanto

In dieser Woche haben die Aktionäre von Monsanto der Fusion mit Bayer zugestimmt. Damit stehen jetzt nur noch die Genehmigungen der Kartellbehörden aus. Bayer schreibt, man erwarte, dass die Transaktion bis Ende 2017 vollzogen sein wird.

Nach Ansicht von Bündnis 90/Die Grünen und diversen Umweltverbänden sprechen kartellrechtliche Probleme gegen die Fusion. Die Grünen schreiben in einem Parteitagsbeschluss:

“Zum Schutz von Erzeuger*innen und Verbraucher*innen, der Umwelt und des Wettbewerbs lehnen BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN die Übernahme des US-Monsanto-Konzerns durch die deutsche Bayer AG ab. Wir fordern die EU-Kommission auf, die Übernahme aus wettbewerbsrechtlichen Gründen zu untersagen.”

In dieser Woche richteten zudem mehrere Grüne Bundestagsabgeordnete einen Offenen Brief an die EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager:

“Die Fusion ist der jüngste von drei Fällen, in denen global agierende Saatguthersteller mit Produzenten von Pflanzenschutzmitteln fusionieren wollen. Als Mitglieder der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Deutschen Bundestag appellieren wir an Sie, die Spirale der Hochfusionierung im Agrochemiemarkt zu stoppen und alle drei Übernahmen zu untersagen.”

Seit der Bekanntgabe, dass Bayer und Monsanto sich einig geworden sind, wird gegen diesen Zusammenschluss agitiert, u.a. auch mit Social Media Kampagnen:

Auch die NGOs rühren kräftig die Werbetrommel und fordern zum Mitmachen auf. So hält der Verein Umweltinstitut München e.V. unter dem Motto “Schluss mit dem Agrar-Monopoly!” einen vorformulierten Brief (an EU-Kommissarin Margrethe Vestager, Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel und an den Präsidenten des Bundeskartellamts Andreas Mundt) bereit, bei dem man nur seine persönlichen Angaben ergänzen muss.

Die Unterschriftenaktion von Campact ist dagegen bereits beendet. Auf der Themenseite “Gentechnik” wird nur noch die eigene Meinungsumfrage beworben, bei der herauskam, dass 70 Prozent der Befragten glauben, dass die Fusion negative Auswirkungen auf Umwelt und Verbraucher haben wird – welch’ Überraschung. Hand aufs Herz: Wie hätten Sie geantwortet? Hier die Frage:

“Der deutsche Agrar- und Pharma-Konzern Bayer möchte das US-Unternehmen Monsanto übernehmen, einen Hersteller von gentechnisch verändertem Saatgut und Pflanzenschutzmitteln. Wie würde sich die Monsanto-Übernahme Ihrer Meinung nach für Umwelt und Verbraucher auswirken?”

Und hier die Antwortoptionen:

• Die Übernahme hätte positive Auswirkungen für Umwelt und Verbraucher
• Die Übernahme hätte negative Auswirkungen für Umwelt und Verbraucher
• weiß nicht, keine Angabe

Wo doch jeder weiß, dass Pflanzenschutz und Gentechnik böse ist – und die USA sowieso …

Nur: Was sollen diese ganzen Mitmach-Aktionen und Petitions-Aufrufe eigentlich bewirken? Nach der Fusionskontrollverordnung der EU  beschränkt sich der Zuständigkeitsbereich der EU-Kommission auf den Europäischen Wirtschaftsraum. Der Hinweis auf globale Marktverhältnisse läuft da ins Leere. Wer hier suggeriert, bloße Meinungsäußerung würde was ändern, hat das Prinzip der Rechtsstaatlichkeit nicht verstanden. Die Behörden sind angehalten zu überprüfen, ob die Fusion geltende Gesetze verletzt oder nicht, sprich: ob die Regeln eingehalten werden. Es kann auch sein, dass die Fusion unter der Auflage, bestimmte Geschäfte zu veräußern, genehmigt wird. Aber eins ist das hier garantiert nicht: eine politische Entscheidung.

Sollte sich die EU-Kommission nicht an die Rechtsgrundlagen halten, kann ihre Entscheidung vor dem Europäischen Gerichtshof überprüft werden. Bayer hat Monsanto eine Zahlung von 2 Milliarden US-Dollar zugesichert für den Fall, dass die Fusion aus wettbewerbsrechtlichen Gründen nicht zustande kommen sollte. Ich gehe mal davon aus, dass der Konzern aus Leverkusen im Vorfeld genauestens geprüft hat bzw. hat prüfen lassen, wie hoch das Risiko ist, dass die Genehmigungen der Kartellwächter ausbleiben.

Hier den Eindruck zu erwecken, dass man mit öffentlichen Druck etwas ändern könnte, ist gewissenlos. Denn wenn, die Fusion genehmigt werden sollte, bekommen die Menschen wieder den Eindruck, dass über ihre Köpfe hinweg entschieden worden ist. Dabei geht es hier nicht um die Umsetzung einer öffentlichen Meinung, sondern um geltendes Recht. Vertrauensverlust in öffentliche Einrichtungen und die fortschreitende Destabilisierung der Gesellschaft sind die Folgen von solchen effekthascherischen Kampagnen.

 

Bildnachweis: Campact

 

Postfaktischer Adventskalender, Teil 12: Giftbäume

Postfaktischer Adventskalender, Teil 12: Giftbäume

Ein schier unerschöpflicher Quell an Postfaktischem findet sich auf der Website Netzfrauen.org. Zur Weihnachtszeit darf natürlich nicht die Meldung fehlen, dass auch die Weihnachsbäume, die wir uns in die gute Stube holen, belastet sind: “29 Millionen Weihnachtsbäume – oh Tannenbaum – wie giftig sind deine Blätter – sogar Glyphosat” lautet eine aktuelle Headline der als Clickbait-Maschine verrufenen Website. Im Text heißt es:

“Der Großteil der Weihnachtsbäume, die Ihnen angeboten werden, sind aus ökologisch bedenklichem Anbau in Monokulturen, die mit Chemikalien behandelt werden. (…) Selbst zum Anhübschen der Nadeln gibt’s eine spezielle Düngung, die direkt auf die Bäumchen gesprüht wird. So leuchten diese sattgrün. Dieses fanden wir bei unserer Recherche um den allzeit geliebten Weihnachtsbaum und nicht nur dies.”

Aber das genügt noch nicht, sogar gentechnisch veränderte Tannenbäume soll es bald geben:

“Auch hier kommt wieder Monsanto ins Spiel, nachdem schon in China angebaut wurde, sollen nun auch in den USA „Frankenstein-Wälder“ entstehen. Und wenn das Schule macht und natürlich mehr Profit, wer weiß, vielleicht stirbt dann irgendwann der Weihnachtsbaum aus, da der „perfekte“ Weihnachtsbaum nur zu Weihnachten verkauft wird.”

Wenn das Geschwurbel auf der rege besuchten Facebook-Dependence der Netzfrauen kritisch hinterfragt wird, gibt es erst einmal patzige Antworten und im Nachgang wird gelöscht und blockiert.

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Quelle: Facebook-Gruppe “Gesperrt bei den Netzfrauen”

Doch auch Politik und NGOs springen auf diesen Zug auf. So empfiehlt der BUND Öko-Weihnachtsbäume:

“Allerdings stammten etwa 90 Prozent der 25 Millionen Weihnachtsbäume, die letztes Jahr in Deutschland verkauft wurden, aus Intensiv-Plantagen.

Dort wird stark gespritzt und gedüngt – zum Schaden von Tieren, Pflanzen, Gewässern und Böden. Der BUND fand Pestizide wie Glyphosat und Prosulfocarb bei mehr als jedem zweiten Baum, als er 2014 stichprobenartig die Nadeln von Weihnachtsbäumen an deutschen Verkaufsstellen testete.

(…) Wer trotzdem nicht auf den grünen Baum verzichten will, sollte nur Bäume aus ökologischer Waldwirtschaft oder aus anerkannt ökologischen Weihnachtsbaumkulturen kaufen.”

Harald Ebner, Bundestagsabgeordneter von Bündnis 90/Die Grünen, verpackt seine Botschaft sogar poetisch und liest eine überarbeitete Fassung eines Gedichtes von Loriot:

Wie oben in dem Facebook-Kommentar bereits richtig angemerkt wurde, sind die Weihnachtsbäume selbst, ganz bestimmt nicht mit Glyphosat gespritzt worden. Die wären nämlich sonst kahl und tot. Glyphosat wird in Weihnachtsbaumkulturen eingesetzt, um gerade in den ersten Jahren die Konkurrenz durch wuchernde Unkräuter unter und zwischen den Bäumen zu reduzieren.

Auch die Pestizidrückstände, die der BUND 2014 gefunden hat, kann man getrost vernachlässigen. Die sind nämlich Kinderkram im Vergleich zu dem Giftcocktail, der von Natur aus in jedem Tannenbaum, auch in jeder Bio-Tanne (!), enthalten ist. Ludger Weß hatte das anlässlich der BUND-Pressemitteilung vor zwei Jahren anhand von Beispielen dargestellt, hier ein Auszug:

“Darunter befinden sich zum Beispiel Terpene, Das sind äußerst reaktionsfreudige Chemikalien, die sich an der Luft schnell in Methacrolein, Formaldehyd und andere Aldehyde sowie kurzlebige Radikale, Peroxide und Hydroperoxide zersetzen.

Methacrolein, aus dem übrigens Pflanzenschutzmittel gewonnen werden, ist nicht nur leicht entzündlich, sondern auch giftig bei Verschlucken und Hautkontakt und verursacht schwere Verätzungen der Haut sowie schwere Augenschäden. Die Dämpfe wirken stark reizend bis ätzend auf Schleimhäute, Haut und Lunge und können mit Luft ein explosionsfähiges Gemisch bilden. Bei Verschlucken, Hautkontakt oder beim Einatmen ist es akut gesundheitsschädlich. Der LD50-Wert, das ist der Wert, bei dem die Hälfte aller Versuchstiere stirbt, beträgt für die Ratte oral 140 mg/kg Körpergewicht.”

Nur zum Vergleich: Der LD50 Ratte oral von Glyphosat liegt bei 4870 mg/kg, der von Kochsalz bei 3000 mg/kg und der von Natriumhydrogencarbonat (Backpulver) bei 4220 mg/kg. Und: Letztlich hängt es von der Dosis ab, ob etwas gesundheitsschädlich ist. Solange die Tannennadeln nicht gegessen oder abgefackelt werden, sollte vom Weihnachtsbaum keine Gefahr ausgehen.

Niemand braucht ein schlechtes Gewissen haben, wenn er oder sie sich einen ganz stinknormalen Baum für die Wohnstube kauft. Auch die konventionellen Weihnachtsbaumkulturen sind in der Regel Familienbetriebe, die mit viel Handarbeit ihre Bestände pflegen. Durch die langen Anbauperioden finden in den Kulturen auch viele Tiere Lebensraum.

Für alle, die sich das Original von Loriot ansehen wollen:

Postfaktischer Adventskalender, Teil 11: Glyphosat

Postfaktischer Adventskalender, Teil 11: Glyphosat

In einem postfaktischen Adventskalender, der sich u.a. mit Begrifflichkeiten aus der Landwirtschaft beschäftigt, darf ein Thema natürlich nicht fehlen: Glyphosat. Um den Herbizid-Wirkstoff tobt ein wahrer Glaubenskrieg. Die CDU hat sich jetzt auf ihrem Parteitag festgelegt. Man wolle die Verlängerung der EU-Genehmigung unterstützen, lautet ein Beschluss:

“Die CDU Deutschlands setzt sich dafür ein, dass der in Pflanzenschutzmitteln vorkommende Wirkstoff Glyphosat – eine positive wissenschaftliche Risikobewertung vorausgesetzt – auch über 2017 hinaus zugelassen bleibt.”

Silvia Liebrich, Wirtschaftsredakteurin der Süddeutschen Zeitung, kommentierte diesen Beschluss des CDU-Parteitags mit deutlicher Häme:

“Ein bisschen Mut gehört eben dazu, wenn man die nächsten Wahlen gewinnen will. Dass der Wirkstoff im Verdacht steht, Krebs zu erzeugen oder das Erbgut zu schädigen? – geschenkt. Dass der Verlust der Artenvielfalt durch den Einsatz rasant voranschreitet? – offenbar nicht so wichtig. Da verlässt sich die Partei ganz auf die “positive wissenschaftliche Risikobewertung”. Was war noch mal damit? Ach ja, da gibt es ja noch den ungeklärten Streit unter Forschern über die Gefahren und die noch laufende Prüfung auf EU-Ebene. Und da wäre noch der Europäische Gerichtshof, der den Glyphosat-Erfinder Monsanto gerade dazu verpflichtet hat, seine Studien offenzulegen. Da kann man der CDU nur zurufen: Wohl bekomms!”

Frau Liebrich hat ein Problem mit Glyphosat und vor allem mit der Möglichkeit, dass der Herbizid-Wirkstoff doch weniger schädlich sein könnte, als sie es gerne hätte. Daher ordnet sie vorliegende Fakten nicht sachlich ein, sondern stellt sie bewusst skandalös da. Ich hatte für einen Leserbrief mal ein paar Beispiele analysiert, die vor gut einem Jahr erschienen waren, als die Neuzulassung von Glyphosat auf EU-Ebene zum ersten Mal anstand:

-“Geheimsache Glyphosat“, 19.08.2015:
Es geht darum, dass der Bericht, den das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) an die EFSA geschickt hat, nicht veröffentlicht wird. Im Gegensatz zur Öffentlichkeit hätte Monsanto allerdings Zugang dazu. – Ich vermute, das ist ein ganz normaler Vorgang. Niemand würde sich darüber echauffieren, wenn ein Prüfbericht irgendeiner Behörde zur Zulassung etwa eines neuen Automodells nicht der Öffentlichkeit präsentiert wird, der Hersteller, in diesem Fall der Autobauer, aber über die Inhalte in Kenntnis gesetzt wird. Der Artikel fußt auf einer Meldung, die der von der Supermarktkette tegut mitfinanzierte Verein Testbiotech veröffentlichte. Dort ist auch das Antwortschreiben der EU Kommission gepostet, in dem erklärt wird, warum die Dokumente nicht öffentlich sind. Hier ein Auszug:

“According to EFSA, the requested documents contain certain information for which confidential treatment has been granted on the basis of justified reasons set out in Article 14 of Directive 91/414/EEC which concerns the confidentiality of information.

Further, the requested documents are supporting the current on-going peer-review of glyphosate carried out by EFSA and they might be subject to further revisions following experts’ consultations in line with Article 16 of Regulation (EU) No 1141/2010. According to EFSA, the disclosure of these documents at this stage of the process will be premature and would seriously undermine EFSA’s on-going decision-making process.

Article 4(3), first paragraph, of Regulation (EC) No 1049/2001 lays down the following exception to the right of access to documents: “Access to a document, drawn up by an institution for internal use or received by an institution, which relates to a matter where the decision has not been taken by the institution, shall be refused if disclosure of the document would seriously undermine the institution’s decision-making process, unless there is an overriding public interest in disclosure”.”

Die Geheimhaltung entspricht den gesetzlichen Regeln des Zulassungsprozesses. Eine einzige Ausnahme bestünde, wenn das öffentliche Interesse überwiegen würde. Das habe Antragsteller Christoph Then, Geschäftsführer von Testbiotech, in seiner Anfrage aber nicht begründet.

-“Behörde hat wohl Hinweise auf Krebsrisiko durch Glyphosat ignoriert“, 30.07.2015: In der Sendung FAKT wurde dem BfR vorgeworfen, eine bestimmte Studie an Mäusen ignoriert zu haben. Hierzu nimmt das BfR ausführlich Stellung:

“Aufgrund aktueller Anfragen zu einer 2-Jahres-Studie an Mäusen, weist das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) daraufhin, dass im Rahmen der EU-Wirkstoffprüfung sämtliche relevanten Studien zur Kanzerogenität des Wirkstoffes geprüft, bewertet und in die öffentliche Darstellung einbezogen wurden. So hat das BfR auf einem öffentlichen Symposium im ICC in Berlin am 20. Januar 2014 vor Vertretern von Politik und Wissenschaft auf Hochdosiseffekte in der von der Sendung FAKT zitierten Studie hingewiesen.”

Frau Liebrich mokiert sich in ihrem Artikel ausführlich darüber, dass das BfR Studien der Industrie ausgewertet habe und dass das gesetzlich auch so vorgeschrieben sei. Dabei ist das doch trivial: Wer, wenn nicht der Hersteller hat die Bringschuld, zu belegen, dass das von ihm auf den Markt zu bringende Produkt unbedenklich ist? So hat ja auch jeder Bauherr selbst entsprechende Gutachten bei seinem Bauantrag beizubringen. Es ist völlig widersinnig, dass dafür die öffentliche Hand zahlen muss. Außerdem hat das BfR alle zur Verfügung stehenden Studien ausgewertet. So lässt die FAZ den BfR-Präsidenten Andreas Hensel am 31.07.2015 zu Wort kommen :

““Es gibt gute und schlechte wissenschaftliche Studien, und es ist die Aufgabe unserer Experten diese in ihrer Qualität zu beurteilen – und wir können das“, meint Hensel.”

Das BfR meldete am 8. September 2015, dass es seine Bewertung der IARC-Einschätzung an die EFSA weitergeleitet habe. Das BfR hat spätestens jetzt alle Hausaufgaben erledigt. Und Frau Liebrich? Sie schreibt am 14.9.2015:

“Recherchen der SZ hatten jedoch gezeigt, dass das BfR kritische Studien ignoriert und zugleich Leserbriefe von der Industrie an Fachmagazine als Studien bezeichnet hat.”

So eine Aussage wider besseres Wissens zu repetieren ist infam.

-“Wenn Leserbriefe von Monsanto als Studien gelten“, 17.07.2015:
Das BfR hat in der Quellenliste auch einige Letter to the Editor aufgeführt. Die Autorin zitiert dazu den Bundestagsabgeordneten Harald Ebner:

“Der Grünen-Politiker Harald Ebner hält dieses Vorgehen für irreführend: “Das BfR will uns ernsthaft Leserbriefe an ein Fachmagazin als Studien verkaufen, die das eigene Urteil vom völlig harmlosen Glyphosat bestätigen sollen.””

Frau Liebrich hält es nicht für nötig, ihrer Leserschaft zu erklären, dass ein Letter to the Editor an eine wissenschaftliche Fachzeitschrift etwas gänzlich anderes ist als ein Leserbrief an eine normale Zeitung. Die fraglichen Briefe betrafen übrigens alle die umstrittene Séralini-Studie, die auch von der IARC als methodisch mangelhaft angesehen wurde (siehe die IARC Monographie zu Glyphosat, S. 35). Das BfR hat eine klare Stellungnahme (S. 3) dazu abgegeben, dass solche Letter dazu dienen, die wissenschaftliche Debatte abzubilden, auch wenn zwei davon von Mitarbeitern der Industrie verfasst worden sind.

Silvia Liebrich schreibt weiter:

“Dass das BfR Leserbriefe vor diesem Hintergrund als Studien wertet, stößt auch unter Wissenschaftlern auf Unverständnis. Solche Schreiben seien reine Meinungsbeiträge und keine wissenschaftlichen Arbeiten, heißt es. Die Toxikologin Professor Irene Witte, die an der Universität Oldenburg gelehrt hat, sagt: “Wenn man weiß, dass diese Briefe hauptsächlich aus dem Umfeld von Monsanto geschrieben wurden, liegt der Verdacht nahe, dass das BfR eher die Interessen von Monsanto vertritt, anstatt seiner Aufgabe nachzugehen, Gesundheitsschäden von der Bevölkerung abzuwenden”, sagt sie. Das Bundesinstitut für Risikobewertung genießt weltweit Ansehen und steht nun unter Druck.”

“unter Wissenschaftlern” heißt hier wohl aus Sicht von Prof. Witte. Woher die Aussage kommt, dass „Letters to the Editor“ reine Meinungsbeiträge seien, bleibt offen („heißt es“). Die Briefe stammen nicht hauptsächlich aus dem Umfeld von Monsanto, sondern nur 2 von 15 sind von Mitarbeitern der Industrie verfasst. Der in Liebrichs Artikeln viel beschworene Druck, unter dem das BfR angeblich steht, fand zu der Zeit einzig und allein in der Süddeutschen Zeitung statt. Ich zitiere hier abermals die FAZ vom 31.07.2015:

“Die IARC-Studie versetze in der Wissenschaft „niemanden in einen Erregungszustand“, sagt Hensel.”

Eine umfassende Kritik der Haltung von Frau Liebrich in dieser Sache findet sich auch im Blog von Publizist Ludger Weß.

Nichtsdestotrotz präsentiert es Silvia Liebrich weiterhin als ihre Entdeckung, dass das BfR sich in seiner Bewertung auf Leserbriefe stütze:

“Recherchen der SZ hatten jedoch gezeigt, dass das BfR kritische Studien ignoriert und zugleich Leserbriefe von der Industrie an Fachmagazine als Studien bezeichnet hat.”

Ihre Entdeckung beruht übrigens auf einer Kleinen Anfrage der Grünen im Bundestag. Frau Liebrich liegt offensichtlich das Originalfax vom BMEL vor, denn es ist auf der SZ-Website abzurufen. Generell scheint sie eine Standleitung zu Harald Ebner, Bundestagsabgeordneter von Bündnis 90/Die Grünen, zu haben. Auch die Originaldaten der Muttermilch-Studie müssen ihr vorgelegen haben. Frau Liebrich nennt den Namen des Labors, das die Stichproben untersucht hat. Dieser Name taucht weder in der Pressemitteilung der Grünen noch in der dpa-Meldung auf, nur auf dem Original-Befundfax.

-“Gift und Geld“, 16.07.2015: Der Vorspann lautet:

“Glyphosat ist das am häufigsten eingesetzte Pestizid der Welt – und es löst wahrscheinlich Krebs aus. Eigentlich sollte der Staat die Bürger vor dieser Gefahr schützen.”

Dass Glyphosat wahrscheinlich Krebs auslöst, ist eine entstellende Verkürzung der IARC-Bewertung und absolut unangemessen. Man muss wissen, dass die IARC sehr technische Definitionen für ihre Einordnung verfasst hat und das IARC-Label “wahrscheinlich krebserregend” nicht dem Ausdruck”wahrscheinlich krebserregend” unserer Umgangssprache entspricht (siehe dazu meinen Blog: “Keine Hitparade: Warum die IARC-Liste ein schlechter Ratgeber ist” und ““unter Krebsverdacht”“). Der Staat solle „vor dieser Gefahr“ schützen. Laut der BfR-Bewertung besteht keine Gefahr bei korrekter Anwendung. Selbst die IARC würde das nicht behaupten.

-“Ackergift in der Muttermilch“, 25.06.2015:
Bei einer im Auftrag der Grünen durchgeführten Stichprobe wurde Glyphosat in Muttermilch gefunden. Anstatt die gemeldeten Werte einzuordnen und dem Leser ein Gefühl dafür zu geben, ob hier eine Gesundheitsgefährdung vorliegt oder nicht, sät Silvia Liebrich Angst und Verunsicherung:

“Viele Mütter vertrauen darauf, das Richtige zu tun, wenn sie ihre Babys stillen. Muttermilch gilt als gesund. Doch nun wurde bei einer Stichprobenuntersuchung in ganz Deutschland das Ackergift Glyphosat in der Milch von Müttern entdeckt.”

Die gemeldeten Werte übersteigen den für Trinkwasser geltenden Grenzwert. Zu diesem im Text erwähnten Trinkwasser-Grenzwert lässt sich sagen, dass es kein spezieller Grenzwert für Glyphosat ist, sondern ein pauschaler für alle Arten von Bioziden und Pflanzenschutz-Wirkstoffen. So zu tun, als ob das der spezielle Wert für Glyphosat wäre, ist natürlich geschummelt. Die WHO hält es noch nicht einmal für nötig, einen Grenzwert für Glyphosat im Trinkwasser festzulegen:

“Under usual conditions, therefore, the presence of glyphosate in drinking-water does not represent a hazard to human health, and it was not deemed necessary to establish a guideline value for glyphosate.”

Die WHO hat für Glyphosat eine sogenannte Tageshöchstdosis festgelegt ( ADI – “acceptable daily intake”) von 1,0 mg/kg Körpergewicht. In der EU gilt ein niedrigerer Grenzwert von 0,3 mg/kg Körpergewicht. Setzt man diesen Wert an, müsste ein Säugling von der am stärksten belasteten Muttermilch-Probe 2778 Liter am Tag trinken, um auch nur in die Nähe einer etwaigen Gesundheitsgefährdung zu gelangen. Eine detaillierte Kritik zur Berichterstattung über die Muttermilch-Stichprobe habe ich in einem Offenen Brief zusammen mit einem Wissenschaftler, einer ehemaligen FDP-Bundestagsabgeordneten sowie einem Fachautor zusammengestellt.

Die Zitate von Prof. Irene Witte brachten bei diesem Thema erst den Spin in die Geschichte. Die Ansichten von Prof. Witte kommen auch in weiteren auf der dpa-Meldung basierenden Artikeln anderer Medien über die Muttermilch-Stichprobe vor. Da sie in der Pressemitteilung der Grünen nicht vorkommen, müssen sie aus der dpa-Meldung übernommen worden sein. Frau Liebrich hat mal bei der dpa gearbeitet, sie hat anscheinend zudem einen direkten Draht zur Wissenschaftlerin Witte, denn auch im „Leserbriefe“-sowie im “Grenzwerte”-Artikel kommt Prof. Witte zu Wort. Hm, Zufall?

Die gemeinsam vom BfR und Nationaler Stillkommission veröffentlichte Entwarnungsmeldung vom 30.06.2015 fand in der Berichterstattung von Frau Liebrich leider keinen Niederschlag, auch nicht, dass ein weiteres WHO-Gremium, das Joint Meeting of Pesticide Residues (JMPR), im Mai 2016 Glyphosat als nicht krebserregend eingestuft hat.

Kurzum: Die Artikel hätten so auch 1:1 in einem Parteiorgan von Bündnis 90/Die Grünen oder in der Mitgliederzeitschrift vom BUND erscheinen können. Allein die Frequenz, in der Frau Liebrich sich in die Debatte einbringt, macht stutzig. Hier eine Chronologie, der online verfügbaren Texte (kein Anspruch auf Vollständigkeit):

25.06.15: “Ackergift in der Muttermilch
26.06.15: “Glyphosat in Muttermilch nachgewiesen” (keine Autorenzeile)
28.06.15: “Streit um Grenzwerte
16.07.15: “Mächtige Lobby
16.07.15: “Gift und Geld
17.07.15: “Wenn Leserbriefe von Monsanto als Studien gelten
30.07.15: “Behörde hat wohl Hinweise auf Krebsrisiko durch Glyphosat ignoriert
16.08.15: “Geheimsache Glyphosat
14.09.15: “EU verschiebt Glyphosat-Zulassung
14.09.15: “In die Verlängerung
20.09.15: “Weltgesundheitsorganisation rüffelt Glyphosat-Prüfer
29.10.15: “Prüfer übersahen Risiken bei Glyphosat
02.12.15: “Glyphosat? Im Zweifel: Nein!
20.01.16: “Neue Warnung vor Risiken durch Glyphosat
08.03.16: “Einigung gescheitert
06.04.16: “EU drängt auf Veröffentlichung der Glyphosat-Studien
11.04.16: “Bundesregierung will Glyphosat weiter erlauben
18.04.16: “Schädliche Pseudo-Transparenz um Glyphosat
28.04.16: “DDT – vom Wundermittel zum Teufelszeug
12.05.16: “Weitere Zulassung von Glyphosat wackelt

Es entsteht der Eindruck, dass es hier nicht um Aufklärung geht, sondern um Meinungsmache: Hier soll ein Thema am Kochen gehalten werden. Das wirkt wie eine gezielte Kommunikationsoffensive.

Man kann jetzt argumentieren, dass eine überregionale Tageszeitung auch eine Pluralität von Meinungen zu repräsentieren hat und ich habe auch Texte wie “Vergiftete Debatte” von Hanno Charisius (02.08.2015) zur Kenntnis genommen. Aber es gibt da mindestens ein Problem: Zum einen muss die journalistische Sorgfaltspflicht gewahrt werden. Dazu zähle ich neben einer gründlichen Recherche auch den entschiedenen Anspruch, den Leser auch sachlich korrekt informieren zu wollen, so dass er sich eine fundierte Meinung bilden kann. Zum anderen: Wenn zu dem einen Thema solch eine Demagogie zugelassen wird, wie kann ich da sicher sein, dass ich bei Themen, die ich mangels Fachkenntnis nicht selbst einschätzen kann, nicht auch gezielt falsch informiert werde? Kurzum: Die Glaubwürdigkeit der Zeitung leidet darunter. Für ein Blatt, auf dessen Seriosität ich mich nicht verlassen kann, gebe ich kein Geld aus.

Mir ist bekannt, dass Silvia Liebrich bereits von mehreren Seiten auf ihre einseitige Berichterstattung aufmerksam gemacht worden ist, aber sie macht unbeirrt weiter. Ihr Engagement für die Umwelt ehrt sie, aber als Berichterstatterin sollte sie eine gewisse Neutralität wahren. Entweder Frau Liebrich kann das nicht oder sie will das nicht oder beides.

Diskussionskultur

Diskussionskultur

Die sozialen Netzwerke wie Facebook, Twitter, Instagram und Co werden gerne von klassischen Medienmachern beschimpft. Das ist verständlich, denn das Internet im allgemeinen und die sogenannten Social Networks im speziellen haben die Mediennutzung revolutioniert. Gerade jüngere Menschen nutzen die verschiedenen neuen Kanäle massiv und Fernsehen und Tageszeitungen seltener als die ältere Generation. Was auch neu ist: Kommunikation im Internet ist keine Einbahnstraße. Posts auf eigenen Webseiten oder auf Facebook können kommentiert, Tweets auf Twitter beantwortet werden. Journalisten bekommen heute schneller und direkter Feedback als früher über den Weg des Leserbriefes. Und auch Politiker sind im World Wide Web auf einmal greifbar geworden. Jeder kann öffentlich Stellung nehmen zu ihren Äußerungen, und das vor den Augen der Weltöffentlichkeit.

Je nachdem wie kontrovers die geäußerten Meinungen und Statements sind, kann sich schon einmal eine lebhafte Debatte entwickeln. In der ersten Jahreshälfte wurde im Netz viel diskutiert rund um die Frage, ob die EU-Zulassung des Herbizid-Wirkstoffes Glyphosat verlängert werden soll oder nicht. Der Bundestagsabgeordnete von Bündnis 90/Die Grünen Harald Ebner hat da eine sehr dezidierte Auffassung, die er auch offensiv im Internet verbreitet, zum Beispiel auf Twitter:

Auch auf der Facebook-Seite von Harald Ebner wurden Glyphosat-Funde – etwa in Bier –  munter kommentiert:

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Zugegeben: Es war nicht immer einfach, eine sachliche Tonlage zu halten und sich die Ironie zu verkneifen, aber selbst die Medienöffentlichkeit hatte inzwischen das “Biergift-Theater” (Faz) mehr oder weniger durchschaut und machte bei dem Alarmismus der Grünen und der NGOs nicht mehr mit. Irgendwann im März dieses Jahres, während in Baden-Württemberg der Wahlkampf für die Landtagswahl in die heiße Phase ging, schaltete Harald Ebner die offene Diskussion auf seiner Facebook-Seite ab. Seitdem können nur noch seine Facebook-Freunde dort kommentieren und seitdem findet dort auch so gut wie keine Diskussion mehr statt. Meine Facebook-Freundschaftsanfrage hat Herr Ebner – trotz mehrmaligen Nachfragens – bis heute nicht angenommen.

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Quelle: Facebook

Von Zeit zu Zeit aber tauchen Kommentare von Harald Ebner auf Facebook-Seiten auf, wo (nahezu) jeder kommentieren kann, so zum Beispiel heute auf der Seite des NRW-Landtagsabgeordneten von Bündnis 90/Die Grünen Norwich Rüße: Es ging um ein Fachgespräch zum Thema “Pestizidreduktionsprogramm NRW” im Düsseldorfer Landtag in der letzten Woche. Herr Ebner hatte dort zum Thema Glyphosat referiert. Ich machte in der Facebook-Diskussion (nur für Facebook-Freunde von Norwich Rüße sichtbar) darauf aufmerksam, dass der “Experte” Ebner im Mai 2015 mit einem Bild einer Bewässerungsanlage für den Verzicht auf Pestizide warb. Das sorgte für Unmut:

ebner_angepisst

Ich habe ihn dann darauf aufmerksam gemacht, dass er diesen Fauxpas doch auch selbst einmal witzig fand:

Aber leider verabschiedete er sich anschließend mit dem folgenden Kommentar auf seiner Facebook-Seite komplett aus der Diskussion:

agrochmietrolle

Die Kommentatoren, die ihm zu Leibe gerückt waren, kamen alle aus der konventionellen Landwirtschaft, also die Form der Landwirtschaft, die Harald Ebner und seine Parteikolleg*innen über die Agrarwende abschaffen wollen. Und dann wundert er sich, dass er Widerspruch erntet? Sich der Diskussion zu entziehen, indem er Andersdenkende pauschal als Trolle abstempelt, spricht weder von einer gepflegten Diskussionskultur noch von Respekt vor einer gewissen demokratischen Tradition. Und das eine haben uns doch schon unsere Großeltern erklärt: Wer austeilt, muss auch einstecken können.

 

Bildnachweis: https://harald-ebner.de/presse/presseservice/