Auch Bio-Bauern spritzen Pestizide

Auch Bio-Bauern spritzen Pestizide

Hach, was war die Aufregung wieder groß gestern im Internet und speziell in den sozialen Netzwerken. Was war passiert? Die designierte neue Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner von der CDU hatte sich zum Thema Pestizideinsatz im Ökolandbau zu Wort gemeldet. “Klöckner will Ökolandwirten konventionelle Pflanzenschutzmittel erlauben” titelte das Fachportal topagrar.com. Das löste heftige Reaktionen aus. So echauffierte sich Gerald Wehde, Pressesprecher des Anbauverbandes Bioland, gegenüber dem Bayerischen Rundfunk:

“Der Verzicht auf Pestizide sei ein Grundprinzip des Ökolandbaus, das man nicht aushebeln dürfe.

Außerdem könne kein Nationalstaat bei diesem Thema einen Alleingang machen. In ganz Europa gelte nämlich die EU-Ökoverordnung.”

Dass der Ökolandbau auf Pestizide verzichtet, ist schlicht und ergreifend falsch. Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit veröffentlicht auf seiner Website eine mehr als 120 Seiten umfassende Liste mit Pflanzenschutzmitteln, die explizit nach der von Herrn Wehde erwähnten Ökoverordnung zugelassen sind. Auch die Bioland-Richtlinien erlauben den Einsatz dieser Mittel.

Selbst Robert Habeck, grüner Noch-Landwirtschaftsminister von Schleswig-Holstein, tut so, als wüsste er davon nichts:

 

Doch was hat Julia Klöckner eigentlich genau gesagt? Die entscheidende Passage in dem Interview mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland lautet:

“Um ihre Ernte zu sichern, würden viele Ökolandwirte gerne punktuell auf konventionelle Pflanzenschutzmittel zurückgreifen. Dürfen sie aber nicht. Manchen Bauern kostet das die Existenz – und viele hält es davon ab, den Weg in den Ökolandbau zu wagen. Wir müssen Ökolandwirten in schlechten Phasen den Gebrauch konventioneller Pflanzenschutzmittel erlauben können, aber dazu bedarf es weiterer Forschung. Aber natürlich auch der Zustimmung der Branche und Verbände. Das geht nur gemeinsam.”

Julia Klöckner hat hier vermutlich den Öko-Weinbau im Sinn – schließlich war sie mal Weinkönigin. Das Jahr 2016 war für die Öko-Winzer in Deutschland sehr schwierig, weil sie witterungsbedingt mit Falschem Mehltau zu kämpfen hatten. Bis 2012 konnten sie bei dieser Krankheit zusammen mit Kupferverbindungen Kaliumphosphonat einsetzen, was bis dahin als Pflanzenstärkungsmittel galt. Inzwischen ist Kaliumphosphonat als Pflanzenschutzmittel zugelassen und steht daher den Öko-Winzern nicht mehr zur Verfügung, weil es als “chemisch-synthetisch” gilt. Der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft e.V. (BÖLW) hatte zwar in 2012 mit einem Gutachten versucht nachzuweisen, dass Kaliumphosphonat einen “naturstofflichen Charakter” hat, aber offensichtlich hat das nicht überzeugt.

Die Grünen forderten 2016 in einer Pressemitteilung eigentlich etwas ganz ähnliches wie Frau Klöckner heute:

“Solange es keine Alternativen gibt, fordern wir die Bundesregierung auf, sich bei der EU für die Prüfung einer zeitlich und mengenmäßig begrenzten Zulassung von Kalium-Phosphonat im Öko-Weinbau einzusetzen. Wir unterstützen ausdrücklich die Forderungen der Fachministerien in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz.”

Ich finde: “zeitlich und mengenmäßig begrenzte Zulassung” ist so ziemlich das gleiche wie “punktuell auf konventionelle Pflanzenschutzmittel zurückgreifen”. Oder?

 

Das Foto zeigt übrigens einen kalifornischen Feldarbeiter beim Behandeln von Bio-Blumenkohl mit einer natürlichen Seifenlösung zur Bekämpfung von Insekten. Solche Wirkstoffe sind in Deutschland beim Anbau von Bio-Blumenkohl auch erlaubt. Man beachte die Schutzausrüstung des Arbeiters.

 

Links:

• ECOVIN: 2016 – Herausforderungen beim Pflanzenschutz im Bioweinbau

BÖLW: Öko-Weinbau und Kaliumphosphonat 

• Nur Bio-Pestizide dürfen Bienen töten!

• Zwei-Klassen-Chemie

Mythenjagd (1): Bio bedeutet ungespritzt

 

Bildnachweis: Screenshot von Cauliflower: How Does it Grow?

“Es wird immer mehr gespritzt …”

“Es wird immer mehr gespritzt …”

“Es wird immer mehr gespritzt”, ist oft in den Medien zu hören und zu lesen. Heute etwa schreibt die FAZ, dass der Deutsche Bauernverband (DBV) sich den Einsatz von Pestiziden schönrechnen würde:

“Der Deutsche Bauernverband rühmt sich daher eines Erfolgs: „Beim Pflanzenschutz“, so meldete der Verband erstmals wenige Wochen vor Messebeginn, sei „der Einsatz von Herbiziden seit 1988 halbiert“ worden.”

Das sei bestenfalls ein Teil der Geschichte, heißt es in der Zeitung, der Rückgang sei vor allem auf das Verbot des Wirkstoffs Atrazin zurückzuführen, neuere Wirkstoffe kämen mit geringen Aufwandmengen aus. Wurde der Bauernverband hier etwa bei der Schönfärberei erwischt? Nun, das Original-Zitat aus der Pressemitteilung des Bauerverbandes lautet folgendermaßen:

“Beim Pflanzenschutz konnten durch neue Wirkstoffe und Ausbringungstechniken sowie das Schadschwellenprinzip der Einsatz von Herbiziden seit 1988 halbiert, der von Fungiziden um 15 Prozent reduziert werden.”

Dort wird als Ursache für den Rückgang u.a. “neue Wirkstoffe” genannt. Im aktuellen Situationsbericht des DBV werden die abgesetzten Wirkstoffmengen in Bezug zur behandelten Fläche dargestellt:

PSMabsatz1988Hier ist der deutliche Rückgang bei den Herbiziden klar zu erkennen. Dass der Rückgang u.a. auf Änderungen bei den Wirkstoffen zurückgeht, wird auch erwähnt. Also, wo wird hier schön gerechnet?

In dem FAZ-Artikel heißt es weiter:

“Jenseits dieser Sondereffekte brauchen die Bauern seit den Jahren nach der Wiedervereinigung aber: deutlich mehr Herbizide und Fungizide. Zum Beispiel geht das aus den amtlichen Zahlen des Umweltbundesamts für 1994 bis 2014 hervor. In dieser Zeit sei der Absatz zugelassener Pflanzenschutzwirkstoffe in Deutschland von rund 29800 auf 46100 Tonnen gestiegen.”

Schauen wir uns die Zahlen des Umweltbundesamtes (UBA) doch einmal an:

3_abb_pflanzenschutzmittelabsatz_2017-03-21
Quelle: UBA

Anhand der Grafik ist leicht zu erkennen, dass die Steigerung der Absatzzahlen im wesentlichen auf die Zunahme bei der Gruppe der Inerten Gase im Vorratsschutz zurückzuführen ist. Die hier eingesetzten Mittel (CO2, Stickstoff) werden aber nicht auf dem Feld, sondern in geschlossenen Silos angewendet, um Nachernteverluste zu vermeiden. Die Gase haben zugenommen, weil es auch beim Vorratsschutz immer weniger zugelassene chemische Wirkstoffe gibt.

Bereitet man die Daten des UBA einmal in Excel auf, ergibt sich folgendes Bild:

PSMabsatz1994.png

Bei den Wirkstoffgruppen Herbizide und Fungizide schwanken die Mengen sehr stark. Das kann zum einen an den Witterungsbedingungen liegen – so begünstigen milde Winter Pilzerkrankungen wie Gelbrost im Getreide – und zum anderen an der zunehmenden Beliebtheit von pflugloser Bodenbearbeitung. Weil Pflanzenreste auf der Boden-Oberfläche liegen bleiben und sich dort Pilzsporen leichter halten können, wird manchmal eine zusätzliche Fungizidbehandlung notwendig. Die einzige Wirkstoffgruppe, bei der die Absatzmengen eindeutig ansteigen, ist die der Inerten Gase.

Als Datenquelle geben sowohl das UBA als auch der DBV die Statistischen Jahrbücher des Bundesministeriums für Landwirtschaft und Ernährung (BMEL) an. Hätte das UBA einen größeren zeitlichen Rahmen abgebildet, würde der starke Rückgang gegen Ende der 80er Jahre hier auch vorkommen. Aber die Behörde startet mit der Statistik im Jahr 1994, wo die Absatzmengen wieder anziehen.

In einem hat die Zeitung natürlich Recht: Wie stark der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln zu- oder abnimmt, hängt entscheidend von dem Zeitraum ab, den ich betrachte. Aus genau diesem Grund sind im vergangenen Jahr Meldungen über steigenden Spritzmitteleinsatz als Unstatistik des Monats betitelt worden.

Bei all dem gilt zu beachten, dass wir bis hierhin nur Absatzzahlen betrachtet haben. Das heißt, die Zahlen geben an, wieviel Pflanzenschutzmittelwirkstoffe verkauft worden sind. Da der Landwirt die Präparate eine Weile lagern darf, bedeutet das nicht automatisch, dass all die Mittel, die in einem Jahr gekauft worden sind, auch im selben Jahr zum Einsatz kommen.

Um einen realistischen Einblick in die Pflanzenschutzpraxis hierzulande zu gewinnen, gibt es beim Julius Kühn-Institut (JKI) Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen das Projekt PAPA (PAPA = Panel Pflanzenschutzmittel-Anwendungen). Bei mindestens 100 Erhebungsbetrieben je Kulturart (Ausnahme Hopfen, da sind es 80) werden die jährlichen Pflanzenschutz-Behandlungen erfasst und ausgewertet.  Aufschlussreich ist der ermittelte Behandlungsindex für verschiedene Kulturen, der laut JKI “als quantitatives Maß zur Beschreibung der Intensität der Anwendung von zugelassenen Pflanzenschutzmitteln” dient:

12_BI_gesamt_bis_2016.jpg
Tabelle: JKI

Nach diesen Zahlen hat sich in den letzten Jahren wenig verändert. Der höhere Index bei Wintergerste und Winterweizen ist auf einen höheren Einsatz von Fungiziden zurückzuführen, wie die Auswertungen für die beiden Kulturen zeigen (größere Darstellung durch Click auf die Tabelle):

Die möglichen Gründe dafür hatte ich bereits weiter oben genannt: Witterung und Änderungen bei der Bodenbearbeitung. An den Indizes ist sehr gut zu erkennen, wie unterschiedlich intensiv die einzelnen Kulturarten behandelt werden. So kommt der in der Öffentlichkeit oft verteufelte Mais mit recht wenig Pflanzenschutz zurecht.

 

Runde Tische

Runde Tische

Gestern hatte ich Gelegenheit, in Berlin an einem Gespräch mit Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt teilzunehmen. Thema sollte die Zukunft der europäischen Agrarpolitik sein, sprich: die Gestaltung des Prämienwesens nach dem Jahr 2020. Mit am Tisch saßen verschiedene Umwelt- und Tierschutzverbände sowie Vertreter der Kirchen und von landwirtschaftlichen Zusammenschlüssen.

Inzwischen sehe ich solche Dialogrunden mit gemischten Gefühlen: So sehr ich die Gelegenheit begrüße, mich einzubringen, so ernüchternd ist stets die Erkenntnis, dass sich in der öffentlichen Debatte wenig bewegt. Im Grunde sind sich die Gesprächspartner schnell einig, dass Umwelt- und Tierschutz erst einmal eine gute Sache ist. Nur: Die eine Seite fordert und die andere soll es umsetzen und die entsprechenden Konsequenzen tragen. Dabei vergreifen sich m.E. manche Gruppierungen häufig den Landwirten gegenüber im Ton bei ihrer Kampagnen-getriebenen Kommunikation außerhalb von geschlossenen Räumen und Runden Tischen. Es wird mit Halbwahrheiten und Verzerrungen gearbeitet und Panik geschürt. Und diese Art der Kommunikation hat sich in den letzten Jahren nicht verbessert, im Gegenteil: Sie wird – zumindest gefühlt – immer greller. Aktuelles Beispiel: Aufgrund seines Votums für die Verlängerung der EU-Genehmigung für Glyphosat kumuliert derzeit die Empörung in der Person von Minister Schmidt. Dazu hab es gestern eine Protestaktion vorm Bundeskanzleramt:

Zeitgleich zu diesem Tweet saßen zwei Vertreter des NABU als Gäste im Ministerium bei Minister Christian Schmidt. Die Vertreterin des BUND fühlte sich bemüßigt – der BUND gehört zu den Trägern der “Wir haben es satt”-Bewegung –, das Geschehen zu kommentieren: Diese Aktion sei ja nicht persönlich gemeint gewesen. Aber als Minister stehe Herr Schmidt nun einmal für eine bestimmte Art von Politik.

Nicht nur ein Konsens, sondern gleich ein Gesellschaftsvertrag sollte diskutiert werden beim Agrarkongress des Bundesumweltministeriums einen Tag zuvor. Die Schlussrunde ist online abrufbar:

Kirsten Wosnitza, Milchbäuerin aus Schlewig-Holstein, resümiert, was aus ihrer Sicht seit dem ersten Agrarkongress des Bundesumweltministeriums vor einem Jahr passiert ist (etwa bei Min. 40:30):

“Aber wenn ich mir aus heutiger Ansicht anschaue, was bis jetzt passiert ist, auf wieviel Dialogveranstaltungen ich seit einigen Jahren war, wieviel wir mit Umweltverbänden, Naturschutzverbänden, Tierschutzverbänden, anderen landwirtschaftlichen Verbänden gesprochen haben. Wir haben Runde Tische Tierschutz, wir haben alles mögliche – und das sind alles gute Sachen, das sind wichtige Sachen, ich will das überhaupt nicht abwerten –, und trotzdem sind hier ganz große Fragezeichen im Raum. Und ich sehe einfach das Problem, dass ganz viele von uns und die Politiker natürlich gerade auch – wir haben das ja auch jetzt wieder erlebt in den Sondierungsverhandlungen: Da wird einfach um den heißen Brei drum herum geschlichen. Ein Gesellschaftsvertrag reicht nicht aus. (…) Wir werden in Deutschland vielleicht sieben bis acht Milliarden zur Verfügung haben mit Kofinanzierung. Der Wissenschaftliche Beirat sagt, drei bis fünf Milliarden allein jährlich für den Umbau der Tierhaltung, dann bleiben drei Milliarden für Umweltschutz, Leader, Aktivregion, Naturschutz und was sie sonst noch alles wollen auf dem Land. Es reicht nicht. Machen Sie sich nichts vor: Das ist ein Reparaturbetrieb für eine verfehlte Wirtschaftspolitik und für eine verfehlte Agrarpolitik und da können wir uns weiter glücklich reden und da können wir noch soviel Dialogrunden machen: Entweder wir sind ehrlich und arbeiten nicht nach “Wasch mich, aber macht mich nicht nass”, sondern wir sind ehrlich und überlegen, was diese Wirtschaftssysteme mit uns machen –  in diesem Fall mit dem landwirtschaftlichen Bereich und dem Umweltbereich – oder wir werden nicht weiter kommen. Ich finde, das wäre schade.”

Obwohl ich die Schlussfolgerungen von Kirsten Wosnitza nicht alle teile, finde ich ihre Analyse bemerkenswert: Im Grunde gibt es längst einen Agrarkonsens, wie ihn Bundesumweltministerin Barbara Hendricks fordert. Auch die Landwirte würden sich gerne noch mehr um Tierwohl und Biodiversität bemühen, nur diese Bemühungen müssen sich auch ökonomisch darstellen lassen. Die Rechnung von Frau Wosnitza zeigt, dass selbst eine komplette Umschichtung der EU-Agrargelder in öffentliche Leistungen (Tierwohl, Umwelt- und Naturschutz) gar nicht ausreichen würde, um all die anvisierten Ziele zu erreichen.

Eine Lösung, die sowohl von der SPD-EU-Politikerin Maria Noichl als auch von Ministerin Hendricks angedacht wurde, lautet “faire Preise” für Lebensmittel, sprich: Lebensmittel müssen teurer werden.

Ich finde das unehrlich: Denn weder der Handel noch die Politik sind ernsthaft daran interessiert. Der Lebensmittelhandel wird eher Ware aus dem Ausland importieren, als dass die Preise in den Supermärkten dauerhaft merklich steigen werden. Und auch die Politik kann eine Störung des sozialen Friedens durch höhere Preise nicht ernsthaft wollen. Man erinnere sich nur an die Medienmeldungen, als in den letzten Monaten des Vorjahres die Butterpreise anzogen. Dass ausgerechnet SPD-Politikerinnen diese Forderung vortragen, beweist wie desolat die Programmatik der Partei derzeit aufgestellt ist.

Wenn die Verbraucher in Umfragen angeben, dass sie für mehr Tierwohl oder mehr Umweltschutz auch mehr bezahlen würden, sind das bloße Lippenbekenntnisse. Der Effekt wird in der empirischen Sozialforschung unter dem Begriff “Soziale Erwünschtheit” als methodisches Problem bei Umfragen geführt: Menschen versuchen – mehr oder weniger bewusst – auch in Interview-Situationen, vermeintlichen Erwartungen der Mitmenschen gerecht zu werden. Und je mehr die Medien bestimmte Themen in einer bestimmten Art und Weise transportieren, desto weniger haben solche Umfrageergebnisse mit der realen Wunschwelt der Konsumenten zu tun. Tamar Haspel, Kolumnistin der Washington Post, thematisiert das auf Twitter:

Die Verbraucher werden mehr Tierwohl und mehr Umweltschutz nicht bezahlen. Punkt.

Das heißt:

  • Wenn in öffentlichen Debatten von gesellschaftlichen Ansprüchen die Rede ist, muss hinterfragt werden, wer diese Ansprüche formuliert bzw. welche Indizien es sonst dafür gibt, welche Ansprüche die Gesellschaft denn nun an die Landwirtschaft hat. Ich habe noch nie eine Demo von Verbrauchern vor einem Supermarkt erlebt, etwa mit Beschwerden auf Plakaten, dass das Angebot nicht gut sei. Ich vermute, der Supermarkt bietet einfach das an, was nachgefragt wird.
  • Landwirten und auch ihren Verbänden wird häufig vorgeworfen, dass sie Forderungen abweisen oder sich den Schuh nicht anziehen wollen. Das mag daran liegen, dass einem als Landwirt stets das Gefühl beschleicht, dass hier ein Mehraufwand gefordert wird, auf dem man letztlich sitzen bleiben wird. Schließlich kann das sogar die eigene wirtschaftliche Existenz bedrohen.
  • Wenn – aus welchen Gründen auch immer – ein Umbau der Tierhaltung vorgenommen werden soll oder andere Ackerbaumethoden zum Zuge kommen sollen, muss der Mehraufwand für die Landwirte kompensiert werden. Auflagen per Gesetz festzuschreiben ohne Mehraufwand zu kompensieren, wird den Strukturwandel befeuern. Das ist jetzt wieder bei der Einführung der neuen Düngeverordnung und bei der Umsetzung des Kastenstandurteils zu beobachten: Gerade kleinere Betriebe geben auf, weil sich eine Anpassung an die neuen Anforderung für sie nicht lohnt.
  • Wir können uns lange Diskussionen ersparen, wenn wir gleich darüber sprechen, wer die Messe bezahlt. Mit den EU-Mitteln werden sich nicht alle von Parteien und NGOs geäußerten Wünsche erfüllen lassen und ein Erlös über den Handel ist unrealistisch. Also, Hand hoch: Wer?

Und – falls sich jetzt ein/e Politiker/in angesprochen fühlen sollte: Bitte überlegen Sie, wenn Sie Steuermittel verteilen, welche Investitionsfelder für den Bürger wohl am wichtigsten sind: Ist die Tierhaltung etwa so wichtig wie Pflege, Bildung, Infrastruktur und Innere Sicherheit? Wo sind die Defizite am drängendsten – auch im internationalen Vergleich?

 

Insekten zählen

Insekten zählen

Das Insektensterben hat es sogar bis in das 61-seitige Papier geschafft, das den weiteren Jamaika-Sondierungsgesprächen zugrunde liegen soll. Auf S. 11 steht:

“Wir werden umgehend die Ursachen des Rückgangs der Insektenpopulationen untersuchen und gleichzeitig ein Sofortprogramm für den Schutz und die Verbesserung der Lebensbedingungen der Insekten erarbeiten und umsetzen.”

Allerdings steht der Passus in eckigen Klammern und wird dementsprechend wohl noch diskutiert.

Derweil geht der Experten-Streit, wie man richtig Insekten zählt, weiter. Die im Oktober in Plos One erschienene Veröffentlichung von Hallmann et al. “More than 75 percent decline over 27 years in total flying insect biomass in protected areas” hatte viel Medienwirbel und auch Methodenkritik ausgelöst. Wie die FAZ berichtete, haben die Autoren jetzt auf die Kritik, die starke Veränderung bei der Biomasse hänge vom Anfangsjahr ab, reagiert. Sie schreiben, dass ihr Statistik-Modell auch mit einem anderen Startjahr zu ähnlichen Ergebnissen kommt:

“However, to clear all doubts, and as a robustness check, we reran our statistical models, and trend calculations are as follows
• Years 1989 – 2016: decline overall 76.7% – mid-summer decline 81.6% (n=1503 data points, as in the paper)
• Years 1991 – 2016: decline overall 76.8% – midsummer decline 82.0% (n=1279 data points)”

Die FAZ schlussfolgert daraus, dass die “komplizierte statistische Schätzmethode” der Autoren offenbar nicht verstanden worden war:

“So hatte Statistik-Professor Walter Krämer sie fürs RWI als „Unstatistik“ abgekanzelt.”

Heute reagiert Prof. Krämer in einem Interview mit der Welt:

“Muss ich auf solche Vorwürfe reagieren? Ich befasse mich mit diesen Methoden seit Jahrzehnten und bleibe bei meiner Kritik. Die Stichprobe wurde jenseits der üblichen wissenschaftlichen Seriosität gemacht. Das sind zufällige Standorte, die auch immer wieder gewechselt worden sind. Die Daten sind deshalb von schlechter Qualität und nicht verallgemeinerbar.”

Die gesammelten Daten sind so heterogen, dass sich daraus keine Verallgemeinerungen ableiten lassen: unterschiedliche Orte, unterschiedliche Zahl der Proben je Ort und/oder Jahr. In drei Jahren wurden gar keine Proben genommen. Die Lücken im Datenpool werden durch Schätzungen ersetzt. Nur beruhen diese Schätzungen auf bestimmten Grundannahmen, die ihrerseits erst einmal wieder begründet werden müssen. Das passiert in Hallmann et al. aber nicht. Es gäbe da einen Grundsatz, erklärt Prof. Krämer auf Nachfrage: “Garbage in – garbage out” – Wenn ich Unsinn reinstecke, bekomme ich auch Unsinn heraus.

Ein Musterbeispiel für die Ermittlung von Insekten-Biomasse liefert eine Studie aus Großbritannien. “Long-term changes in the abundance of flying insects” ist eine Arbeit, die aus einem Projekt am Institut Rothamsted Research hervorgegangen ist: Immer die gleichen Orte, immer die gleichen Fallen, immer der gleiche Rhythmus der Probennahme und das über einen langen Zeitraum. “Das ist der Goldstandard”, erklärt Krämer. Rothamsted gelte sowieso als das Mekka der Statistik. Hier habe Ronald A. Fisher in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts gewirkt, der zum Beispiel wichtige Maßstäbe in der Versuchsplanung gesetzt hat.

Dass es einen Rückgang bei den Insektenpopulationen gibt, hält Prof. Krämer durchaus für plausibel: “Dass da was ist, bestreite ich überhaupt nicht, nur es muss methodisch korrekt abgebildet werden”, erklärt er und stellt klar:

“Was mich ärgert ist, dass die Medien – selbst Qualitätstitel wie FAZ, SZ, ZEIT und dpa – jeden Blödsinn ungeprüft übernehmen. Die haben doch die Verpflichtung, dahinter zu schauen.”

 

Links

• Englische Insekten – 30 Jahre Beobachtung 

• Nun sprühen sie wieder

• Insektensterben – alles Scheiße?

Grossarths Furor

Grossarths Furor

Etwas ruhiger war es geworden ums Insektensterben, besser ums „Fluginsektensterben“, die mediale Aufregung über eine im Oktober veröffentlichte Studie hatte sich gelegt. Eine statistische Auswertung der Daten des Entomologischen Vereins Krefeld belegte nach Ansicht der Autoren einen Rückgang mehr als von 75 Prozent bei der Biomasse von Fluginsekten innerhalb von 27 Jahren. Das hatte sehr großes Medienecho ausgelöst, aber auch Kritik an der Methodik der Forscher sowie an den Reaktion der Presse. Diese Pressekritik wollte FAZ-Redakteur Jan Grossarth offensichtlich nicht auf sich sitzen lassen und deutete in einem Stück in der gestrigen Printausgabe die kritischen Reaktionen um als Gegenangriff der Agrarlobby.

Von “Immunisierung gegen Fakten” ist da die Rede, von einem “Extremfall des Relevanzverlustes der Wissenschaft”, von der “völligen Verdrehung der Wirklichkeit in der Filterblase der Farmer und Funktionäre”, dazu reiche “der Landwirtschaft” – wer auch immer das sein soll – ein “obskurer Blog-Beitrag”. Gemeint ist der Artikel “Das große Insektensterben – oder doch nicht?”, der gleich am Tag nach der Veröffentlichung der Studie auf der Website sciencefiles.org erschienen war. Schlichtweg der Umstand, dass dieser Blogbeitrag die erste öffentliche kritische Äußerung zur Krefelder Studie war, sorgte dafür, dass der Text über die sozialen Netzwerke fleißig verbreitet wurde. Die Seite hat kein Impressum. Etwas versteckt unter dem Text findet sich die Autorenzeile “Michael Klein”. Auch über den Autor finden sich keine weiteren Angaben auf der Seite. Aber Grossarth hat Google befragt und Google hat geantwortet: Klein lebe in Wales und vertrete “auf sarkastische Weise libertäre Positionen”: “Der Grundton ist scharf gegen politische Eliten und Medien gerichtet” und “mit Anknüpfungspunkten zur politischen Rechten”.

Nachdem sich Grossarth ausgiebig über Autor und Plattform ausgelassen hat, wendet er sich tatsächlich auch den Argumenten zu. Klein würde drei Kritikpunkte an der Studie anführen: Es hätte zu wenig Messstellen gegeben und generell zu wenig Messungen und die Ursache in der Landwirtschaft sei nicht nachgewiesen worden. Wenn man den Text auf sciencefiles.org genau liest, fällt auf, dass der FAZ-Redakteur die Kritik nicht exakt wiedergibt. Die Intention des Textes ist weniger eine Kritik an der Studie selbst als eine Untersuchung, ob die Studie die vollmundigen Behauptungen in der Presse sowie die der Grünen stützt. Klein reklamiert, dass die Daten nicht auf ganz Deutschland übertragbar sind, dass der prozentuale Rückgang so ausgewählt wurde, dass er möglichst dramatisch ausfällt, und dass die Studie, wie die Autoren selbst feststellen, keine Erkenntnisse hinsichtlich der Ursachen ermitteln konnte. Kleins Fazit lautet:

“Um nicht missverstanden zu werden: Wir würden auch einen Rückgang von Insekten-Biomasse auf Basis der Daten von Hallmann et al. feststellen, aber einen deutlich geringeren und einen auf die Orte, an denen die Beobachtung wiederholt gemacht wurde und das waren nur 26 Orte insgesamt, reduzierten. Damit ist natürlich die Verallgemeinerbarkeit der Ergebnisse nicht gegeben und die Dramatik beim Teufel. Dafür haben wir die wissenschaftliche Lauterkeit wiederbelebt. Unabhängig davon ist es in jedem Fall ein Verdienst dieser Studie, Fragen aufgeworfen zu haben.”

Grundsätzlich ist festzuhalten: Die Stärke von Insektenpopulationen ist sehr volatil, das heißt, sie schwankt – zum Teil witterungsbedingt, zum Teil bedingt durch Entwicklungszyklen bestimmter Arten – stark von Jahr zu Jahr. Wenn ich hier verlässliche Daten generieren will, das heißt u. a. einen Datenfluss, ohne statistische Ausreißer nach oben oder unten, dann brauche ich einfach eine gewaltige Menge an Messpunkten. Auch sollten die zeitlichen Abstände zwischen den Messpunkten einheitlich sein. Beides kann die Studie leider nicht leisten, die Messungen waren vermutlich auch gar nicht dafür konzipiert. Etwas unbeholfen wirkt etwa die Erklärung, warum man wechselnde Aufstellorte gewählt hat (S. 4):

“Prolonged trapping across years is in the present context (protected areas) deemed undesirable, as the sampling process itself can negatively impact local insect stocks.”

Wenn man nun in Betracht zieht, dass zum Teil so viel Insektenmasse am Tag weggefangen wurde, wie auch von einem Vogel hätte verzehrt werden können, wirkt diese Begründung doch bemüht. Das haben die Krefelder Forscher der Rheinischen Post im Februar 2016 selbst so erklärt:

“Diese Fallen fangen, in Gramm gerechnet, heute im Jahresdurchschnitt pro Tag etwa die halbe Insekten-Mahlzeit einer einzigen Blaumeise oder Spitzmaus.”

Das vermeintliche Insektensterben wurde gleich zweimal zur „Unstatistik des Monats“ gekürt. Im Prinzip bestätigt der Statistiker Walter Krämer die Kritik aus dem “obskuren Blog-Beitrag”:

“Genauso wichtig für die Bewertung der „76 Prozent“ ist aber auch ein allgemeines Prinzip des kritischen Denkens: Jede berichtete Abnahme zwischen zwei Zeitpunkten hängt davon ab, welchen Anfangszeitpunkt man wählt. Dies gilt besonders bei drastisch schwankenden Werten, wie bei Börsenkursen und Biomassen von Insekten. Hätte man das Jahr 1991 statt 1989 als Anfangspunkt gewählt, dann wären es statt 76 Prozent weniger Insekten nur etwa 30 Prozent weniger gewesen.”

trend.pngGrossarth zitiert Krämer:

“doch, so Krämer, es gebe durchaus trotzdem „Anlass zum Nachdenken über die Ursachen“.”

So ist das Zitat völlig aus dem Zusammenhang gerissen. Es geht weiter:

” – eine Frage, worauf die Studie keine Antwort findet. Es ist aber auch ein Anlass darüber nachzudenken, warum man immer wieder versucht, uns mit möglichst erschreckenden Zahlen Panik zu machen.”

Grossarth redet sich die Krefelder Studie schön und verzerrt seinerseits Fakten: So ist die Angabe, die Messungen stammten “aus 63 verschieden Schutzgebieten” falsch. Richtig wäre “63 Standorte”, denn zum Teil standen in einem Schutzgebiet mehrere Fallen. Das Journal, in dem die Studie veröffentlicht worden ist, heißt “Plos One”, nicht bloß “Plos”.

Grossarth behauptet, die Messstellen seien repräsentativ gewesen. Repräsentativ wofür? In der Studie steht (S. 2):

“Here, we investigate total aerial insect biomass between 1989 and 2016 across 96 unique location-year combinations in Germany, representative of Western European low-altitude nature protection areas embedded in a human-dominated landscape.”

karte.jpg
Quelle: http://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0185809

Auf Deutsch: Die Standorte der Fallen sind repräsentativ für westeuropäische Schutzgebiete im Tiefland, die eingebettet sind in einer von Menschen dominierten Landschaft. – Auf extensiv genutzte Mittelgebirgswiesen oder Naturschutzgebiete an der See oder in großen Feuchtgebieten sowie große Gebiete wie ehemalige Truppenübungsplätze und viele andere Landschaftsformen lassen sich die Krefelder Erkenntnisse nicht übertragen.

Verbissen durchforstet Grossarth die Berichterstattung auf dem Fachportal topagrar.com zum Thema nach möglichst simplen Formulierungen. Den Agrarstatistiker Georg Keckl charakterisiert er folgendermaßen:

“Manche Landwirte sprechen ihn an wie einen Heiligen – der edle Ritter der reinen Wahrheit.”

Solch Polemik vermutete man bislang nicht in der FAZ.

Stets setzt sich Grossarth nicht mit den vorgetragenen Argumenten auseinander, sondern pickt sich möglichst fremd anmutende Formulierungen heraus, um den Autor zu diskreditieren. So greift er die Zwischenüberschrift „Landwirtschaft muss einfach schuld sein!“ völlig aus dem Zusammenhang: Die Zeile bezieht sich auf die im Folgeabsatz beschriebene Position des NABU. Dass die Studie selbst keinen Aufschluss über die Ursachen gibt, wird völlig richtig wiedergegeben:

“Was die Ursachen angeht, konnten die Naturschützer keine Gründe finden. Sie bedauern, dass es bei den Zählungen keine Daten zum Einfluss der Landwirtschaft gebe. Daher sei nicht klar, wie groß der Einfluss durch die intensive Landwirtschaft und den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln auf den Zustand der Insektenwelt tatsächlich ist.”

Grossarth hätte zur Ehrenrettung z.B. auch aus dem Kommentar von Gisbert Strotdrees vom Wochenblatt für Landwirtschaft und Landleben, auch ein Organ des Bauernverbandes, zitieren können:

“Das Thema Insektenschwund ist sehr ernst zu nehmen, gerade wegen der langfristigen Folgen für den Naturkreislauf. In diesem Zusammenhang muss über alles diskutiert werden: über Landwirtschaft, aber eben auch über Industrie, Auto- und Flugverkehr, Lichtverschmutzung und Flächenversiegelung.
Bei alledem ist vor allem eines wichtig: wissenschaftliche Präzision und genaues Hinschauen, aber auch saubere Recherche und Berichterstattung. Zum Abwiegeln taugt das Thema genauso wenig wie zur Weltuntergangs-Panikmache.”

Passte anscheinend nicht ins Konzept.

Aufschlussreich ist ein Zitat aus der Titelgeschichte, die Jan Grossarth für die aktuelle Ausgabe der Zeitung Das Parlament verfasst hat:

“Auf den Ungeist eines rücksichtslos auf Effizienz und kurzfristige Produktivität, eines der Komplexität des Lebens nicht gerecht werdenden, letztlich zynischen statt mitfühlenden Blickes hat die westliche Umweltbewegung erfolgreich hingewiesen. Dies gilt ungeachtet der vielen Hysterien und Fehlalarme, die sie verantwortete (“Waldsterben”).”

Daher weht also der Wind: Die Herangehensweise der modernen Landwirtschaft folgt nach Grossarth einem Ungeist. Hier würde Zynismus statt Empathie praktiziert.
Wenn das Fluginsektensterben wirklich ein Menschheitsthema ist, dann muss vernünftig ermittelt werden, wo die Ursachen sind. Denn wenn ich die Ursachen nicht kenne, kann ich das Problem nicht lösen. Als Kronzeuge für die Ursache Landwirtschaft zitiert Jan Grossarth den Göttinger Ökologen Teja Tscharntke. Landwirtschaft sei die Erklärung mit der “größten Plausibilität”, so Tscharntke. Es heißt:

“„Dass die umgebende Landschaft lokale Biodiversitätsmuster und Prozesse in Schutzgebieten elementar beeinflusst, haben wir in zahlreichen Publikationen nachgewiesen“, sagt der Professor der Uni Göttingen.”

Ist das jetzt eine überzeugende Begründung? Landschaft wird gerade in der Nähe von Städten nicht nur durch Landwirtschaft gestaltet. Tscharntke behauptet Grossarth zufolge:

“Man bekomme „exakt dasselbe Ergebnis, wenn nur die Gebiete berücksichtigt werden, die mehr als einmal beprobt wurden“.”

Diese Aussage halte ich für gewagt. Es gibt genau eine Messstelle, die viermal beprobt worden ist. Hier sind die Änderungen lang nicht so dramatisch wie die Gesamtaussage, wie diese Grafik zeigt:

trendSPE1

Kurzum: Der Text wirkt auf mich wie die Rache eines beleidigten Kindes mit geringer Frustrationstoleranz: Und ich habe doch Recht! Mit meiner Analyse, mit meiner Meinung und mit meiner Missgunst. Und: Wer sich jetzt beschwert, beweist, dass ich Recht habe. Kann man ja machen – selbstverliebt um sich selbst kreisen, Andersdenkende in Schubladen abfertigen und die Welt in schwarz und weiß malen. Ob sich dann noch jemand dauerhaft für diese Sicht der Dinge interessiert, ist eine andere Frage.

 

Bildnachweis: FAZ, 14.11.2017

Post aus Amerika

Post aus Amerika

Christopher Wild, Direktor der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC) mit Sitz in Lyon, hat kürzlich Post aus den USA bekommen: Zwei Kongressabgeordnete schrieben ihm, dass der Wissenschafts- und Technologie-Ausschuss des Hauses überprüfen wolle, ob US-Steuergelder bei der IARC gut angelegt seien. Seit 1985 habe die IARC rund 48 Millionen US-Dollar von der Einrichtung National Institutes of Health (NIH) erhalten, einer Behörde, die dem Gesundheitsministerium untergeordnet ist. Anlass für den Brief war die jüngste Medienberichterstattung über nicht transparente Änderungen im IARC-Bewertungsbericht zu Glyphosat, der in 2015 für Aufsehen sorgte, weil die Agentur das Herbizid als “wahrscheinlich krebserregend” einstufte. Die Kongressabgeordneten schreiben:

“The Committee is concerned about the scientific integrity of the IMO assessment of glyphosate and of IARC in general. With United States’ taxpayer dollars funding a portion of IMO, it is this Committee’s duty to ensure sound science and transparency within the agency. As such, the Committee may soon hold a hearing to receive testimony from IARC on how it conducts itsIMO reviews and to learn more about who is responsible for the editing of Monograph 112 on glyphosate.”

Jetzt bereitet der US Kongress eine Anhörung vor. Christopher Wild wird aufgefordert, Namen und Kontaktdaten von Personen anzugeben, die bei dieser Anhörung als Zeugen auftreten könnten.

Parallel zu dem Brief an den IARC-Direktor erging ein Schreiben zum selben Thema an den US-Gesundheitsminister Eric Hargan. Der Minister wird gebeten, entsprechende Unterlagen zusammenzustellen, die das Verhältnis seiner Behörde zur IARC betreffen:

“The Committee has a responsibility to ensure that the federal government funds and bases policy decisions on the best available science. To understand the relationship between NIEHS/NIH and IARC, please provide all documents and communications between or among members of the IARC monograph program and any research institutes or agencies within HHS, including but not limited to NIEHS and NIH. We ask that you provide this information no later than November 15, 2017.”

Diese Anhörung darf mit Spannung erwartet werden: Denn einer der prominentesten Glyphosat-Gegner Christopher Portier hat jahrelang bei einer US-Gesundheitsbehörde, dem National Institute of Environmental Health Sciences (NIEHS), gearbeitet und ist intensiv in die Arbeit der IARC eingebunden, wie u.a. aktuelle Gerichtsdokumente belegen. Portier machte zuletzt Schlagzeilen, als öffentlich wurde, dass er im Rahmen eines Vertrag mit einer US-Anwaltskanzlei, die Kläger in einem Gerichtsprozess gegen Monsanto vertritt, ein Honorar von bislang 160.000 US-Dollar erhalten hatte.

Links:

• SST Committee Investigates Potential Conflicts of Interest at IARC on Glyphosate

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Konstruiertes Plagiat

Konstruiertes Plagiat

Im Kampf um Deutungshoheit beim Herbizid-Wirkstoff Glyphosat wird mit harten Bandagen gekämpft. Die Gegner schrecken auch nicht davor zurück, ungeheuerliche Vorwürfe gegen das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), das für die Risikobewertung von Glyphosat in der EU zuständig ist, zu erheben. Die österreichische NGO Global 2000, behauptet sogar, das BfR habe von Monsanto abgeschrieben:

“Der Glyphosat-Bewertungsbericht des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) ist ein Plagiat. Unsere Recherchen ergaben, dass große Teile des Berichts de facto wortwörtlich vom Hersteller Monsanto abgeschrieben wurden.”

Um seine Behauptung zu belegen, hatte Global 2000 sogar ein Plagiatsgutachten in Auftrag gegeben. Der Auftragsumfang umfasste laut Gutachten:

“Aufgabe des Gutachters war es, die drei Unterkapitel B.6.4.8, B.6.5.3 und B.6.6.12 des Reports „Final addendum to the Renewal Assessment Report. Risk assessment […] for the active substance GLYPHOSATE […]“, Oktober 2015, 4322 Seiten (im Folgenden immer kurz: Report) mit dem Dokument M des Annexes II, Section 3, Point 5: „Toxicological and toxicokinetic studies“ des Antrags „Glyphosate & the IPA-, K-, NH4- und DMA salts of glyphosate […] Application for Renewal of Approval […]“ der „Glyphosate Task Force“ (Urheberhinweis: „Monsanto Europe S.A. on behalf of the ‚Glyphosate Task Force‘“), Mai 2012, Belgien, 1027 Seiten (im Folgenden immer kurz: Antrag) auf Textkonkordanzen zu vergleichen.”

Der Gutachter hatte also lediglich die Aufgabe, sich drei Abschnitte aus dem Unterkapitel B.6 “Toxicology and metabolism” anzusehen und mit den Antragsunterlagen der Hersteller zu vergleichen. Das BfR weist selbst allerdings in der Einleitung zu diesem Unterkapitel B.6 (S. 513, abrufbar über http://registerofquestions.efsa.europa.eu/roqFrontend/outputLoader?output=ON-4302) darauf hin, dass es für diesen immerhin mehr als 940 Seiten umfassenden Teil des Berichts ein besonderes Verfahren gewählt hatte. Im Einleitungstext zu Unterkapitel B.6 “Toxicology and metabolism” steht der Hinweis:

“Due to the large numer of submitted toxicological studies, the RMS [RMS=Rapporteur Member State, Anm. d. Red.] was not able to report the original studies in detail and an alternative approach was taken instead. The study descriptions and assessments as provided by GTF were amended by deletion of redundant parts (such as the so-called ”executive summaries”) and new enumeration of tables. Obvious errors were corrected. Each new study was commented by the RMS. These remarks are clearly distinguished from the original submission by a caption, are always written in italics and may be found on the bottom of the individual study summaries.”

Diese Vorgehensweise, die Beschreibungen der Glyphosat Task Force (GTF) zu übernehmen und lediglich zu kommentieren, bezog sich allerdings nur auf dieses Unterkapitel und war der schieren Menge des Datenmaterials geschuldet. Alle Teile, die in dem Plagiatsgutachten von Global 2000 untersucht worden sind, stammen aus diesem Unterkapitel B.6.

Auch den Glyphosat-Kritikern war schon lange bewusst, dass das BfR hier so vorgegangen ist. Bereits im Juni 2015 hatte sich Harald Ebner, Bundestagsabgeordneter von Bündnis 90/Die Grünen, unter Bezugnahme auf einen Artikel in The Guardian an das Bundesministerium für Landwirtschaft und Ernährung (BMEL) gewandt und sich erkundigt, welche Teile “im toxikologischen Teil” “aus der Feder der BfR-MitarbeiterInnen stammen” und ob das ein übliches Vorgehen nach globalen Risikobewertungsstandards sei. Staatssekretär Peter Bleser gab ihm folgende Antwort:

“Zusätzlich hat das BfR im “Volume 3” des RAR [RAR=Renewal Assessment Report], Anm. d. Red.] – für die toxikologischen Originalstudien – aus Gründen der Transparenz auch die detaillierten Studienbeschreibungen und die Bewertungen der “Glyphosate Task Force” (GTF) mitgeteilt und diese nach Prüfung kritisch kommentiert (in kursiver Schrift). So kann für jede einzelne Studie nachvollzogen werden, ob das BfR und die GTF zu gleichen oder unterschiedlichen Bewertungen gekommen ist.

Bei dem geschilderten Vorgehen handelt es sich um ein übliches Vorgehen auch in anderen Bereichen von Zulassungsverfahren über die Pflanzenschutzmittelprüfung hinaus.”

Wie absurd der Vorwurf von Global 2000 ist, zeigt sich auch an dem Umstand, dass die NGO die zitierten Abstracts der Studien auch als Plagiat wertet, hier ein Beispiel:

Diese Abstracts (“Zusammenfassungen”) sind Teil jeder wissenschaftlichen Veröffentlichung und wurden bereits von der GTF abgeschrieben, oder besser: zitiert.

Die eigentlichen Schlussfolgerungen und Empfehlungen befinden sich in anderen Teilen des RAR. Das gesamte Volume 3 besteht im Prinzip aus technischen Auflistungen und Beschreibungen des verwendeten Datenmaterials.

Dies und der Umstand, dass das BfR seine Vorgehensweise von Anfang an transparent gemacht hat, lässt den Plagiatsvorwurf in sich zusammen fallen.

Und noch eins muss festgehalten werden: Wie die Anfrage von MdB Ebner zeigt, waren den Glyphosat-Gegnern diese Zusammenhänge seit mehr als zwei Jahren bewusst. Warum wurde diese vermeintliche Joker-Karte erst jetzt ausgespielt?