Ein Gläschen in Ehren …

Ein Gläschen in Ehren …

Dem Jahrbuch Sucht 2018 zufolge, das Ende März erschienen ist, nimmt der Bundesbürger ab 15 Jahren im Jahr mehr als 10 Liter Reinalkohol zu sich. Doch wie gefährlich ist dieser Konsum eigentlich? Ich habe dazu mal einen Wissenschaftler befragt: Dr. Dirk Lachenmeier vom Chemischen und Veterinäruntersuchungsamt Karlsruhe.

Frage: Der Alkohol-Atlas des Deutschen Krebsforschungszentrums, der im vergangenen Herbst zum ersten Mal erschienen ist, meldet 20.000 durch Alkohol bedingte Todesfälle im Jahr. Warum findet diese Zahl in der Öffentlichkeit keine Resonanz?

Antwort: Das Trinken von Alkohol wird bereits seit 1988 von der Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation (WHO-IARC) als „krebserregend für den Menschen“ in Gruppe 1 eingestuft. Es liegt daher ein gesicherter wissenschaftlicher Nachweis für diesen Zusammenhang vor (im Gegensatz zu z.B. Glyphosat, das ja nur „wahrscheinlich krebserregend“ (Gruppe 2A) ist). Diese Bewertung wurde nachfolgend in den Jahren 2010 und 2012 durch die WHO-IARC bestätigt. Seit 2010 wurde auch der Stoff „Ethanol in alkoholhaltigen Getränken“ als „krebserregend für den Menschen“ eingestuft. Leider ist somit der Alkohol selber das krebserregende Element, und nicht vermeidbare Stoffe wie Nitrosamine, was man einige Zeit angenommen hatte. In Nachfolge zu den WHO-IARC-Bewertungen gab es regelmäßig eine Presseresonanz in allen namhaften Medien. Somit kann nicht von „keiner Resonanz“ gesprochen werden. Allerdings ist es auch nach meinen Beobachtungen richtig, dass das Thema bei den Verbrauchern kaum bekannt ist. Möglicherweise hängt das auch damit zusammen, dass die Verbraucher für bewusst in Kauf genommene Gefahrenquellen (wie eben Alkoholkonsum, aber denken Sie auch an sportliche Aktivitäten wie Skifahren oder Paragliding) ein höheres Risiko akzeptieren, als für Gefahrenquellen, denen sie unbewusst ausgesetzt sind, wie z.B. Glyphosatrückstände in Bier oder Schwermetalle im Trinkwasser (siehe z.B. unsere Arbeit in BMC Medicine zu diesem Thema).

Frage: Wie schädlich ist Alkohol denn aus Ihrer Sicht?

Antwort: Laut WHO kann Alkohol die Ursache für mehr als 200 gesundheitliche Störungen sein. Die Hauptursachen für Todesfälle im Zusammenhang mit Alkoholkonsum sind Leberzirrhose, Krebs und Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems, sowie Unfälle. Die WHO schätzt, dass 15 Prozent aller Todesursachen in Europa mit Alkohol in Verbindung stehen.

Frage: Welche Krebsarten werden durch Alkohol verursacht?

Antwort: Laut WHO-IARC besteht ein kausaler Zusammenhang zwischen Alkoholkonsum und dem Vorkommen von malignen Tumoren von Mundhöhle, Rachenhöhle, Kehlkopf, Speiseröhre, Leber, weiblicher Brust und Kolorektum.

Frage: Sind die Mengen, die von Natur aus in Lebensmitteln sind, zum Beispiel in Brot und reifen Früchten sowie in daraus gewonnenen Säften, auch schädlich?

Antwort: Nein, die Mengen sind sehr gering und werden unmittelbar verstoffwechselt.

Frage: Gibt es eine bestimmte Menge Alkohol, die bei täglichem Verzehr als unbedenklich gilt?

Antwort: Für alkoholische Getränke wurden Grenzwerte für risikoarmen Konsum definiert. Siehe: https://www.kenn-dein-limit.de/alkohol/risikoarmer-alkoholkonsum/. Danach sollten Frauen nicht mehr als 12 Gramm reinen Alkohol oder – anders gesagt – ein Standardglas pro Tag konsumieren. Für Männer gilt: nicht mehr als 24 Gramm reinen Alkohol pro Tag. Das sind maximal zwei Standardgläser. Beide – Männer wie Frauen – sollten an mindestens zwei Tagen pro Woche ganz auf Alkohol verzichten.

Frage: Warum vertragen Frauen Alkohol wesentlich schlechter als Männer?

Antwort: Laut WHO hat Alkohol bei Frauen generell eine schädlichere Wirkung. Aufgrund des im Vergleich zu Männern niedrigeren Wasseranteils erreicht der Alkohol im weiblichen Körper eine höhere Konzentration – und damit eine höhere Toxizität. Außerdem wird das Enzym, das den Alkohol abbaut, vom weiblichen Körper in geringeren Mengen produziert, so dass der Alkoholabbau hier länger braucht.

Frage: Es gibt Studien, die angeblich zeigen, dass moderater Alkoholkonsum günstiger für die Gesundheit ist als Abstinenz. Was ist davon zu halten?

Antwort: Diese Studien sind in der Wissenschaft stark umstritten. Insbesondere in älteren Studien wurde der sogenannte Sick-Quitter-Effekt nicht ausreichend berücksichtigt, dabei wurden frühere Trinker, die zumeist aus gesundheitlichen Gründen mit dem Trinken aufgehört haben in die Gruppe der Lebenszeit-Abstinenzler gemischt und zusammen als Referenzgruppe definiert, die dann ein höheres Risiko aufwies als die Gruppe der leichten oder moderaten Trinker. Neuere Studien mit ausgefeilteren statistischen Modellen konnten den Effekt nicht mehr belegen.

Frage: Es gibt Meldungen, dass bestimmte Inhaltsstoffe im Rotwein, die Flavonoide, vor Herz-Kreislauf-Krankheiten schützen sollen. Würden Sie dem zustimmen?

Antwort: Es ist wahrscheinlich richtig, dass die isoliert untersuchten Substanzen solche Effekte haben können. Die Konzentrationen im Rotwein sind allerdings so gering, dass eine protektive Wirkung auszuschließen ist (siehe z.B. unsere Arbeit im International journal of cancer).

Frage: Gibt es aus Ihrer Sicht des Wissenschaftlers Wünsche an die Politik, etwas eine bessere Aufklärung oder Beschränkungen beim Verkauf von Alkohol an Jugendliche? Derzeit wird ja viel über Ampeln auf Lebensmitteln diskutiert, aber über Alkohol redet niemand.

Antwort: Laut WHO gibt es einige wirksame und kosteneffektive Maßnahmen für die Alkoholpolitik. Diese beinhalten die Anhebung der Preise über Besteuerung, Einschränkung der Verfügbarkeit, sowie Werbeverbote.

 

Zur Person:

dirk lachenmeier

Dr. Dirk Lachenmeier studierte Lebensmittelchemie an der Universität Bonn, promovierte 2003 in Toxikologie und arbeitet als Leiter der Abteilung für pflanzliche Lebensmittel am Chemischen und Veterinäruntersuchungsamt Karlsruhe (CVUA). Er ist Träger des Bruno-Rossmann-Preises der Lebensmittelchemischen Gesellschaft. Lachenmeier hat bereits bei verschiedenen IARC-Arbeitsgruppen mitgearbeitet, darunter 2007 zu Alkohol und 2016 zu Kaffee, Mate-Tee und anderen sehr heißen Getränken.

 

Links

Rehm, J., Lachenmeier, D. W., & Room, R. (2014). Why does society accept a higher risk for alcohol than for other voluntary or involuntary risks?

• WHO Fact Sheet – Alcohol

• WHO Q&A – Wie sieht unbedenklicher Alkoholkonsum aus?

• Lachenmeier, D. W., Godelmann, R., Witt, B., Riedel, K., & Rehm, J. (2014). Can resveratrol in wine protect against the carcinogenicity of ethanol? A probabilistic dose‐response assessment.

Alkoholatlas Deutschland 2017

Jahrbuch Sucht 2018

• Alkoholkonsum und Alkoholmissbrauch – Antwort der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Dr. Wieland Schinnenburg, Michael Theurer, Christine Aschenberg-Dugnus, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der FDP, 15.03.2018

 

Bildnachweis: Kelsey Knight on Unsplash

Konstruiertes Plagiat

Konstruiertes Plagiat

Im Kampf um Deutungshoheit beim Herbizid-Wirkstoff Glyphosat wird mit harten Bandagen gekämpft. Die Gegner schrecken auch nicht davor zurück, ungeheuerliche Vorwürfe gegen das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), das für die Risikobewertung von Glyphosat in der EU zuständig ist, zu erheben. Die österreichische NGO Global 2000, behauptet sogar, das BfR habe von Monsanto abgeschrieben:

“Der Glyphosat-Bewertungsbericht des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) ist ein Plagiat. Unsere Recherchen ergaben, dass große Teile des Berichts de facto wortwörtlich vom Hersteller Monsanto abgeschrieben wurden.”

Um seine Behauptung zu belegen, hatte Global 2000 sogar ein Plagiatsgutachten in Auftrag gegeben. Der Auftragsumfang umfasste laut Gutachten:

“Aufgabe des Gutachters war es, die drei Unterkapitel B.6.4.8, B.6.5.3 und B.6.6.12 des Reports „Final addendum to the Renewal Assessment Report. Risk assessment […] for the active substance GLYPHOSATE […]“, Oktober 2015, 4322 Seiten (im Folgenden immer kurz: Report) mit dem Dokument M des Annexes II, Section 3, Point 5: „Toxicological and toxicokinetic studies“ des Antrags „Glyphosate & the IPA-, K-, NH4- und DMA salts of glyphosate […] Application for Renewal of Approval […]“ der „Glyphosate Task Force“ (Urheberhinweis: „Monsanto Europe S.A. on behalf of the ‚Glyphosate Task Force‘“), Mai 2012, Belgien, 1027 Seiten (im Folgenden immer kurz: Antrag) auf Textkonkordanzen zu vergleichen.”

Der Gutachter hatte also lediglich die Aufgabe, sich drei Abschnitte aus dem Unterkapitel B.6 “Toxicology and metabolism” anzusehen und mit den Antragsunterlagen der Hersteller zu vergleichen. Das BfR weist selbst allerdings in der Einleitung zu diesem Unterkapitel B.6 (S. 513, abrufbar über http://registerofquestions.efsa.europa.eu/roqFrontend/outputLoader?output=ON-4302) darauf hin, dass es für diesen immerhin mehr als 940 Seiten umfassenden Teil des Berichts ein besonderes Verfahren gewählt hatte. Im Einleitungstext zu Unterkapitel B.6 “Toxicology and metabolism” steht der Hinweis:

“Due to the large numer of submitted toxicological studies, the RMS [RMS=Rapporteur Member State, Anm. d. Red.] was not able to report the original studies in detail and an alternative approach was taken instead. The study descriptions and assessments as provided by GTF were amended by deletion of redundant parts (such as the so-called ”executive summaries”) and new enumeration of tables. Obvious errors were corrected. Each new study was commented by the RMS. These remarks are clearly distinguished from the original submission by a caption, are always written in italics and may be found on the bottom of the individual study summaries.”

Diese Vorgehensweise, die Beschreibungen der Glyphosat Task Force (GTF) zu übernehmen und lediglich zu kommentieren, bezog sich allerdings nur auf dieses Unterkapitel und war der schieren Menge des Datenmaterials geschuldet. Alle Teile, die in dem Plagiatsgutachten von Global 2000 untersucht worden sind, stammen aus diesem Unterkapitel B.6.

Auch den Glyphosat-Kritikern war schon lange bewusst, dass das BfR hier so vorgegangen ist. Bereits im Juni 2015 hatte sich Harald Ebner, Bundestagsabgeordneter von Bündnis 90/Die Grünen, unter Bezugnahme auf einen Artikel in The Guardian an das Bundesministerium für Landwirtschaft und Ernährung (BMEL) gewandt und sich erkundigt, welche Teile “im toxikologischen Teil” “aus der Feder der BfR-MitarbeiterInnen stammen” und ob das ein übliches Vorgehen nach globalen Risikobewertungsstandards sei. Staatssekretär Peter Bleser gab ihm folgende Antwort:

“Zusätzlich hat das BfR im “Volume 3” des RAR [RAR=Renewal Assessment Report], Anm. d. Red.] – für die toxikologischen Originalstudien – aus Gründen der Transparenz auch die detaillierten Studienbeschreibungen und die Bewertungen der “Glyphosate Task Force” (GTF) mitgeteilt und diese nach Prüfung kritisch kommentiert (in kursiver Schrift). So kann für jede einzelne Studie nachvollzogen werden, ob das BfR und die GTF zu gleichen oder unterschiedlichen Bewertungen gekommen ist.

Bei dem geschilderten Vorgehen handelt es sich um ein übliches Vorgehen auch in anderen Bereichen von Zulassungsverfahren über die Pflanzenschutzmittelprüfung hinaus.”

Wie absurd der Vorwurf von Global 2000 ist, zeigt sich auch an dem Umstand, dass die NGO die zitierten Abstracts der Studien auch als Plagiat wertet, hier ein Beispiel:

Diese Abstracts (“Zusammenfassungen”) sind Teil jeder wissenschaftlichen Veröffentlichung und wurden bereits von der GTF abgeschrieben, oder besser: zitiert.

Die eigentlichen Schlussfolgerungen und Empfehlungen befinden sich in anderen Teilen des RAR. Das gesamte Volume 3 besteht im Prinzip aus technischen Auflistungen und Beschreibungen des verwendeten Datenmaterials.

Dies und der Umstand, dass das BfR seine Vorgehensweise von Anfang an transparent gemacht hat, lässt den Plagiatsvorwurf in sich zusammen fallen.

Und noch eins muss festgehalten werden: Wie die Anfrage von MdB Ebner zeigt, waren den Glyphosat-Gegnern diese Zusammenhänge seit mehr als zwei Jahren bewusst. Warum wurde diese vermeintliche Joker-Karte erst jetzt ausgespielt?

 

Infofluss: Panta rhei

Infofluss: Panta rhei

Die jetzt veröffentlichte E-Mail-Korrespondenz von Christopher Portier wirft interessante Fragen auf. In dem Schreiben vom 11. November 2015, in dem Portier nach eigenen Angaben mehrere Hundert Wissenschaftler (“several hundred colleagues”) auffordert, seinen Offenen Brief an EU-Gesundheitskommissar mit zu unterzeichnen, bezieht er sich auf ein Dokument (“Addendum”) des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR). In diesem Addendum legt das BfR seine Auswertung der IARC-Bewertung von Glyphosat da.

Dieses BfR-Dokument war zum Zeitpunkt der E-Mail Portiers noch nicht offiziell veröffentlicht worden. Die EFSA hat das Schriftstück erst am 19. November 2015 hochgeladen. Daher verweist Portier in seinem Schreiben auf einen Download-Link auf dem Server des MDR. Der alte Link funktioniert aufgrund eines Website-Redesigns nicht mehr, dafür aber dieser hier: http://www.mdr.de/investigativ/rueckblick/fakt/fakt-glyphosat-bfr-bewertung100.html.

Wie kommt ein nicht offizielles Dokument dorthin? Am 28. September 2015 fand im Deutschen Bundestag eine Anhörung des Ausschusses für Ernährung und Landwirtschaft zum Thema Glyphosat statt. Laut Protokoll wurde den Teilnehmern eine Fassung des Addendums ausgehändigt. So sagt der Ausschussvorsitzende Alois Gerig in seiner Sitzungseröffnung:

“Wir haben erhalten vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft
(BMEL) ein noch nicht öffentliches Addendum, das uns auf Anforderung aus dem Ausschuss heute Vormittag zur Verfügung gestellt wurde.”

Die PDF-Fassung des Addendums, die unter mdr.de abrufbar ist, ist deutlich erkennbar aus einer Hardcopy hervorgegangen. Lochungen sind zu erkennen und die Qualität lässt darauf schließen, dass es ggf. sogar mehrfach kopiert bzw. gefaxt worden ist.

Der MDR war mit einem Kamerateam zur Anhörung vor Ort, wie aus einem Bericht hervorgeht, der online abrufbar ist. Spätestens dort wird der Sender Kenntnis von dem Dokument bekommen haben. Wie kommt das noch nicht veröffentlichte Addendum nun zum MDR? Der Verdacht liegt nahe: Irgendwer, der bei der Anhörung im Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft anwesend war und/oder Zugriff auf das Papier hatte, hat das Addendum geleakt, aber wer?

In dem MDR-Bericht wird behauptet, dass das BfR die krebserregende Wirkung von Glyphosat in bestimmten Nagerstudien übersehen hat. Damit folgt der MDR im wesentlichen der Kritik, die Christopher Portier in der Anhörung vortrug:

“Zudem erschwert die Tatsache, dass sie [gemeint ist das BfR, Anm. d. Red.] sich weigern, die Tierstudien anzuschauen, und dass sie alle Krebsstudien zu Tieren als negativ bewerten, eine Beurteilung der Risikobewertung, die sie für Krebs vorgenommen haben, denn sie haben keine Risikobewertung für Krebs vorgenommen. Da die IARC die Krebsstudien als gentoxisch bewertet, wäre die Risikobewertung für Krebs deutlich anders als die Risikobewertung für die Nicht-Krebs-Endpunkte, und die Methode müsste auch eine andere sein – falls ich die europäischen Verfahren für den Umgang mit diesen Arten von Chemikalien richtig verstehe. Ich kann die BfR-Risikobewertung also nicht beurteilen, weil sich meine Meinung, der gemäß Glyphosat gentoxisch und die Epidemiologie wichtig ist, gänzlich von der BfR-Meinung unterscheidet. Und daher hat das BfR keine Risikobewertung erstellt, die ich evaluieren könnte.”

Die Süddeutsche Zeitung griff die Kritik des MDR auf und zitiert Harald Ebner, Bundestagsabgeordneter von Bündnis 90/Die Grünen:

“Harald Ebner, Agrarexperte der Grünen im Bundestag, hat für die Geheimniskrämerei kein Verständnis. Es müsse geklärt werden, ob das Bundesinstitut so weiterarbeiten könne, verlangt er.”

studien_glyphosat.pngDabei ist das BfR nicht das einzige Institut, das aus den Nagerstudien keine Evidenz für Krebsentstehung ableitet. Eigentlich ist es genau andersherum: Die IARC ist die einzige Organisation, die das tut, alle anderen internationalen Einrichtungen sind derselben Meinung wie das BfR (siehe Tabelle). Vor diesem Hintergrund wirkt der O-Ton von Harald Ebner im MDR-Bericht geradezu ignorant:

“Die Studien sind ja nicht neu. Das sind ja Studien, die sind schon einige Jahre alt. Da frage ich mich schon: Wie konnte man das bislang übersehen? Warum ist das BfR bislang zu dem Schluss gekommen: Keine Signifikanz, keine Kanzerogenität?”

Der MDR verweist an dieser Stelle auf das Addendum, in dem das BfR die unterschiedlichen Herangehensweisen von IARC und BfR erklärt:

“Due to the application of different statistical approaches selected for evaluation, IARC and RMS came to diverging conclusions when evaluating cancer incidences in animal studies. IARC included a trend test (generally according to Cochran-Armitage) for statistical evaluation of the data (IARC, 2015, ASB2015-8421). In contrast, initially, the RMS relied on the statistical evaluation provided with the study reports, which was performed and documented as foreseen in the individual study plans (RAR, April 2015, ASB2015-1194).”

Das BfR habe sich auf die Berechnungen der Studienautoren und damit der Herstellerfirmen verlassen, lautet das Resümee der MDR-Reporter. Sie lassen den Toxikologen Peter Clausing zu Wort kommen, der das “ihm exklusiv zugespielte” Addendum für die NGOs Pestizid Aktions-Netzwerk (PAN) und Campact ausgewertet hatte:

“Die Tatsache, dass Industriestudien blind übernommen wurden und einfach nur wieder gegeben wurden, das ist einfach skandalös.”

Liest man an der entsprechende Stelle im Addendum weiter, erfährt man jedoch, dass das BfR sehr wohl eigene statistische Berechnungen vorgenommen hat:

“In order to systematically assess the impact of choice of statistical method, a number of neoplastic endpoints in key-studies were re-evaluated by the RMS for this Addendum using the Fishers exact test and the Cochran-Armitage test, as both are explicitly recommended in the OECD guidance documents cited above. The Cochran-Armitage Test was performed using BMDS version 2.4.0.70. The Fisher-Yates test (Fisher´s exact test) was done using SigmaPlot version 11.2.0.5. The Fisher exact test was replaced by the Chi-square test if N was >50 for all groups.”

Auch das BfR hat in einer Studie eine Signifikanz für Tumorentstehung entdeckt, allerdings gewichtet das BfR die Studie anders, weil es sich um eine Hochdosis-Studie handelt und andere Studien den Zusammenhang nicht bestätigen, und wendet schließlich andere Kriterien für die Einordnung an:

“Overall, based on the study results and the CLP criteria RMS concluded that the evidence of carcinogenicity is conclusive but not sufficient for classification.”

Dass die IARC-Bewertung auch in den eigenen Reihen nicht ganz unumstritten ist, zeigt eine Reaktion auf das Schreiben von Christopher Portier an seine “mehrere Hundert” Kollegen. Ellen Silbergeld, Expertin für Umweltgesundheit an der Johns Hopkins Universität in Baltimore, wendet ein, sie habe Bedenken:

“Ich denke, dass ist ein Beispiel, wie wir uns alle auf dünnem Eis bewegen, wenn jede Gruppe eine Bewertung vornimmt mit einem nicht vollständigen Überblick über die Literatur.”

Wie auch immer das Drama um Glyphosat ausgehen wird, ein Verlierer steht bereits jetzt fest: die Wissenschaft. Die E-Mail-Korrespondenz von Christopher Portier weist zahlreiche Kontakte zu Medien und NGOs in Europa und in den USA auf. Es entsteht der Eindruck, dass hier weniger die Suche nach der Wahrheit im Vordergrund stand, als der Versuch, möglichst viel Aufmerksamkeit zu generieren, Eitelkeiten zu pflegen und seine Mission zu erfüllen. In einer E-Mail vom 21. Oktober 2015 an seine frühere Vorgesetzte Linda Birnbaum, Direktorin des National Institute of Environmental Health Sciences und Direktorin des National Toxicology Program, beschreibt Portier seine Aktivitäten folgendermaßen:

“Ich habe auch etwas Spaß daran, die IARC-Ergebnisse zu Glyphosat in die europäischen Entscheidungsprozess um die Neuzulassung zu drücken. Ich bin mir nicht sicher, ob das mehr Einfluss haben wird, als es für die EFSA etwas ungemütlich zu machen, aber ich versuche es.”

Jo, mit einem Stundenlohn von 450$ macht das bestimmt Spaß.

 

Bildnachweis: Screenshots MDR

Rausredigiert

Rausredigiert

Die Meldung, dass Glyphosat-Gegner Christopher Portier mindestens 160.000 Dollar Honorar von U.S.-Anwaltskanzleien erhalten hat, ist erst wenige Tage alt, da erreicht uns die nächste Nachricht, die die Internationale Krebsforschungsagentur IARC ins Zwielicht rückt: Die Nachrichtenagentur Reuters meldet, dass ein früherer Entwurf des IARC-Abschlussberichts gravierend von der finalen Fassung der IARC-Bewertung von Glyphosat abweicht. Natürlich scheint es nicht ungewöhnlich, dass Entwürfe bearbeitet werden, doch der Teufel steckt hier im Detail.

Reuters hat sich Kapitel 3 “Cancer in Experimental Animals” des Entwurfs der Glyphosat-Monographie angesehen. Alle anderen Teile des Entwurfs sind vom Gericht noch nicht freigegeben. In dem Kapitel werden Tierversuche mit Glyphosat und Glyphosat-haltigen Formulierungen ausgewertet. Reuters hat u.a. entdeckt, dass mehrmals das Resümee der jeweiligen Studien-Autoren, dass sie keinen signifikanten Zusammenhang mit der Entstehung von Krebs feststellen konnten, entfernt worden war. Zum Teil wurden auch neue statistische Auswertungen hinzugefügt, die eine abweichende Deutung der Studien ermöglichten:

“Reuters found 10 significant changes that were made between the draft chapter on animal studies and the published version of IARC’s glyphosate assessment. In each case, a negative conclusion about glyphosate leading to tumours was either deleted or replaced with a neutral or positive one.”

Zehn Änderungen dieser Art hat Reuters ausgemacht. Es ließe sich nicht erkennen, wer die Änderungen vorgenommen habe, und weder die IARC noch Mitglieder der damaligen Arbeitsgruppe hätten auf Nachfrage reagiert, wie die Änderungen zustande gekommen waren. Statt dessen postete die Agentur eine Meldung auf ihrer Website, dass Entwürfe einen Beratungscharakter hätten und vertraulich seien:

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Andere Einrichtungen würden offener mit ihren Bewertungsunterlagen umgehen, berichtet Reuters und zitiert Jose Tarazona, Leiter der Abteilung Pestizide der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA:

“Anyone can go to EFSA’s website and review how the assessment evolved over time. So you can see clearly how experts … appraised each and every study and also how comments from the public consultation were incorporated into the scientific thinking.”

Im IARC-Bericht wurde sechsmal die Feststellung von Studien-Autoren, dass Glyphosat nicht kanzerogen wirke, durch den Satz ersetzt, dass die IARC-Arbeitsgruppe die Studie nicht auswerten konnte, weil nicht genug Datenmaterial vorhanden gewesen sei. Statt “The authors concluded that glyphosate was not carcinogenic in Sprague Dawley rats” oder “The authors concluded that glyphosate technical acid was not carcinogenic in Wistar rats” stand in der Endfassung der Satz:

“The Working Group was not able to evaluate this study because of the limited experimental data provided in the review article and supplemental information.”

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Quelle: The IARC monographs: critics and controversy

Zwei Mäusestudien waren ausschlaggebend dafür, dass die IARC “sufficient evidence”, also hinreichende Evidenz, dafür feststellen konnte, dass Glyphosat bei Tieren krebserregend wirken kann. Bei beiden Arbeiten stellten die Autoren selbst keinen Zusammenhang zur Entstehung von Tumoren fest. Die IARC ergänzte neue statistische Berechnungen und konnte dann doch einen signifikanten Zusammenhang vorweisen. Wenn die IARC im Bereich der Tierversuche weniger Evidenz festgestellt hätte, wäre eine Einordnung von Glyphosat in die Gruppe 2A (“wahrscheinlich krebserregend”) nicht möglich gewesen. Dann hätte die IARC Glyphosat nur in 2B (“möglicherweise krebserregend”) verorten können, so sehen es die Regularien in der Präambel der IARC-Monographien vor (siehe Schema).

Bereits im Sommer hatte Reuters über die IARC berichtet: Aaron Blair, der Vorsitzende der IARC-Arbeitsgruppe, die im Frühjahr 2015 Glyphosat als „wahrscheinlich krebserregend“ eingestuft hat, erklärte in seiner Aussage vor Gericht, dass bestimmte Forschungsergebnisse, an denen er selbst mitgearbeitet hatte, nicht von der IARC berücksichtigt worden waren. Blair, inzwischen pensioniert, hat jahrelang für das US-amerikanische Krebsforschungsinstitut (U.S. National Cancer Institute) gearbeitet. In dieser Funktion hat er auch an der sogenannten Agricultural Health Study (AHS) mitgewirkt, einer großangelegten Untersuchung mit 89.000 Teilnehmern – Farmarbeitern, Farmern und ihren Familien – in Iowa und North Carolina. Die AHS-Ergebnisse hätte nach dem eigenen Urteil von Aaron Blair die Entscheidung der IARC verändern müssen. Doch diese Informationen konnten für die Entscheidung der IARC nicht berücksichtigt werden, weil die Organisation nach der Präambel zu ihren Monographien nur öffentlich zugängliche Informationen nutzen darf. Das sind in der Regel Artikel aus wissenschaftlichen Fachzeitschriften. Die Ergebnisse zu Glyphosat aus dem Projekt des U.S. National Cancer Institute waren zum Zeitpunkt der IARC-Entscheidung noch nicht publiziert worden und sind es bis heute nicht.

Aus Platzgründen weggelassen

Aus Platzgründen weggelassen

Man stelle sich vor, es käme heraus, dass der Vorsitzende einer internationalen wissenschaftlichen Kommission bei der Bewertung einer Substanz nicht all sein Wissen einbringt, über das er verfügt. Die europäische Chemikalienagentur ECHA zum Beispiel hat kürzlich festgestellt, dass der Herbizid-Wirkstoff Glyphosat nicht krebserregend ist. Man stelle sich vor, es käme heraus, dass der Vorsitzende des ECHA-Gremiums bei einer breit angelegten Studie mitgewirkt hätte, deren Ergebnisse in Bezug auf Glyphosat noch nicht veröffentlicht worden sind. Da die Ergebnisse noch nicht in einem wissenschaftlichen Fachorgan publiziert worden sind, werden sie nach den Regeln des Gremiums nicht berücksichtigt. Der Vorsitzende kennt die Ergebnisse und hat an einer wissenschaftlichen Veröffentlichung der Studiendaten mitgewirkt. Irgendwann habe man entschieden, in dieser Veröffentlichung aus Platzgründen den Part zu Glyphosat wegzulassen, wird er später unter Eid angeben. Man stelle sich vor, der Wissenschaftler hätte aufgrund der unveröffentlichten Daten Kenntnis gehabt, dass es Hinweise gäbe, dass Glyphosat Krebs errege, und bringt das in seine Gremienarbeit nicht ein. Continue reading “Aus Platzgründen weggelassen”

Mehr Sicherheit beim Pflanzenschutz

Mehr Sicherheit beim Pflanzenschutz

Im Zuge der Debatte um die Verlängerung der EU-Genehmigung für den Herbizid-Wirkstoff Glyphosat wurde das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) massiv kritisiert, dass es bei der Risikobewertung der Substanz nicht kritisch genug vorgegangen sei. Jetzt wurden in Deutschland weitere Aspekte in die Bewertung der gesundheitlichen Risiken von Pflanzenschutzmitteln aufgenommen und weder in den Medien noch in der Fachwelt oder in der Politik findet das irgendeine Resonanz.

Am 23. Februar 2017 veröffentlichte das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) Änderungen bei der Zulassung von Pflanzenschutzmitteln:

“Ab dem 1. März 2017 wird das Ergebnis der vom BfR vorgenommenen kumulativen Risikobewertungen Bestandteil der Bewertungsberichte sein, die das BfR im Zulassungsverfahren erstellt. Das gilt auch für Zulassungsanträge, die sich bereits in Bearbeitung befinden.

Antragsteller werden gebeten, bei Antragstellung ab dem 1. Januar 2018 eine kumulative Risikobewertung in dem entsprechenden Teil des Draft Registration Reports (dRR) einzufügen. Bei Anträgen, die sich in Bearbeitung befinden oder bis zum 31. Dezember 2017 gestellt werden, ist von den Antragstellern nichts zu veranlassen.

Bei der Bewertung von Kumulations- und Synergieeffekten folgt das BfR einem gestuften Konzept, das 2014 veröffentlicht wurde (Human health risk assessment from combined exposure in the framework of plant protection products and biocidal products).”

Das BfR ist in Deutschland bei der Zulassung von Pflanzenschutzmitteln zuständig für die Bewertung des gesundheitlichen Risikos eines Präparates. Zukünftig wird das BfR auch berücksichtigen, ob sich aus der bestimmten Formulierung heraus gewisse Risiken ergeben, die über die Risiken der einzelnen aktiven Substanz(en) hinausgehen. Das ist ein Meilenstein bei der Bewertung von Pflanzenschutzmitteln und sucht meines Wissens weltweit seinesgleichen. Das BfR hat hier bereits vor Jahren Forschungsbedarf festgestellt und setzt sich seitdem dafür ein, dass auch die Formulierungen getestet werden. In 2014 hatte das BfR ein Bewertungskonzept vorgestellt, das nun angewendet werden soll.

Die Bekanntmachung des BVLs im Bundesanzeiger gibt weitere Auskunft darüber, wie auf EU-Ebene zukünftig vorgegangen werden soll:

“Ist Deutschland bewertender Mitgliedstaat, erhalten die anderen Mitgliedstaaten die Gelegenheit, in der Kommentierungsrunde die vorgenommene kumulative Bewertung kritisch zu kommentieren. Auch als beteiligter Mitgliedstaat wird Deutschland im Rahmen der Kommentierung des Draft Registration Reports die Bewertung des kumulativen Risikos berücksichtigen, so dass ein fachlicher Austausch zwischen den Mitgliedstaaten gegeben ist.”

Auch bei der Bewertung auf EU-Ebene will das BVL zukünftig den Aspekt der kumulativen Wirkungen mit einbringen. Weiter heißt es:

“Sobald auf europäischer Ebene eine Leitlinie (Guidance Document) zur kumulativen Risikobewertung verabschiedet wurde, erfolgt entsprechend dem darin vorgeschriebenen Zeitplan eine entsprechende Umsetzung auch in die deutsche Zulassungspraxis. Die Berücksichtigung von Kumulations- und Synergieeffekten durch das BfR in den deutschen Bewertungen wird als Beitrag zur wissenschaftlichen Diskussion für die Verbesserung der regulatorischen Konzepte und zu einer Beschleunigung der Harmonisierung der europäischen Bewertungen auf diesem Gebiet verstanden.”

Ziel ist es also, dass die gesundheitliche Bewertung von Pflanzenschutzmitteln auch auf europäischer Ebene verbessert werden soll. Sprich: Deutschland übernimmt hier eine Vorreiterrolle. Es heißt doch immer, dass BfR sei ein Handlanger der Industrie?! Ich denke, diese Ansicht sollte man noch einmal überdenken. Denn ab sofort kommt hierzulande auf die Hersteller ein größerer Aufwand zu, wenn sie Zulassungsanträge für neue Pflanzenschutzprodukte stellen.

 

Links

• Berücksichtigung von Kumulations- und Synergieeffekten bei der gesundheitlichen Bewertung von Pflanzenschutzmitteln

• Bekanntmachung über die Berücksichtigung von Kumulations- und Synergieeffekten in der gesundheitlichen Bewertung von Pflanzenschutzmitteln (BVL 17/02/02)

• Human health risk assessment from combined exposure in the framework of plant protection products and biocidal products

 

 

 

 

 

Postfaktischer Adventskalender, Teil 12: Giftbäume

Postfaktischer Adventskalender, Teil 12: Giftbäume

Ein schier unerschöpflicher Quell an Postfaktischem findet sich auf der Website Netzfrauen.org. Zur Weihnachtszeit darf natürlich nicht die Meldung fehlen, dass auch die Weihnachsbäume, die wir uns in die gute Stube holen, belastet sind: “29 Millionen Weihnachtsbäume – oh Tannenbaum – wie giftig sind deine Blätter – sogar Glyphosat” lautet eine aktuelle Headline der als Clickbait-Maschine verrufenen Website. Im Text heißt es:

“Der Großteil der Weihnachtsbäume, die Ihnen angeboten werden, sind aus ökologisch bedenklichem Anbau in Monokulturen, die mit Chemikalien behandelt werden. (…) Selbst zum Anhübschen der Nadeln gibt’s eine spezielle Düngung, die direkt auf die Bäumchen gesprüht wird. So leuchten diese sattgrün. Dieses fanden wir bei unserer Recherche um den allzeit geliebten Weihnachtsbaum und nicht nur dies.”

Aber das genügt noch nicht, sogar gentechnisch veränderte Tannenbäume soll es bald geben:

“Auch hier kommt wieder Monsanto ins Spiel, nachdem schon in China angebaut wurde, sollen nun auch in den USA „Frankenstein-Wälder“ entstehen. Und wenn das Schule macht und natürlich mehr Profit, wer weiß, vielleicht stirbt dann irgendwann der Weihnachtsbaum aus, da der „perfekte“ Weihnachtsbaum nur zu Weihnachten verkauft wird.”

Wenn das Geschwurbel auf der rege besuchten Facebook-Dependence der Netzfrauen kritisch hinterfragt wird, gibt es erst einmal patzige Antworten und im Nachgang wird gelöscht und blockiert.

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Quelle: Facebook-Gruppe “Gesperrt bei den Netzfrauen”

Doch auch Politik und NGOs springen auf diesen Zug auf. So empfiehlt der BUND Öko-Weihnachtsbäume:

“Allerdings stammten etwa 90 Prozent der 25 Millionen Weihnachtsbäume, die letztes Jahr in Deutschland verkauft wurden, aus Intensiv-Plantagen.

Dort wird stark gespritzt und gedüngt – zum Schaden von Tieren, Pflanzen, Gewässern und Böden. Der BUND fand Pestizide wie Glyphosat und Prosulfocarb bei mehr als jedem zweiten Baum, als er 2014 stichprobenartig die Nadeln von Weihnachtsbäumen an deutschen Verkaufsstellen testete.

(…) Wer trotzdem nicht auf den grünen Baum verzichten will, sollte nur Bäume aus ökologischer Waldwirtschaft oder aus anerkannt ökologischen Weihnachtsbaumkulturen kaufen.”

Harald Ebner, Bundestagsabgeordneter von Bündnis 90/Die Grünen, verpackt seine Botschaft sogar poetisch und liest eine überarbeitete Fassung eines Gedichtes von Loriot:

Wie oben in dem Facebook-Kommentar bereits richtig angemerkt wurde, sind die Weihnachtsbäume selbst, ganz bestimmt nicht mit Glyphosat gespritzt worden. Die wären nämlich sonst kahl und tot. Glyphosat wird in Weihnachtsbaumkulturen eingesetzt, um gerade in den ersten Jahren die Konkurrenz durch wuchernde Unkräuter unter und zwischen den Bäumen zu reduzieren.

Auch die Pestizidrückstände, die der BUND 2014 gefunden hat, kann man getrost vernachlässigen. Die sind nämlich Kinderkram im Vergleich zu dem Giftcocktail, der von Natur aus in jedem Tannenbaum, auch in jeder Bio-Tanne (!), enthalten ist. Ludger Weß hatte das anlässlich der BUND-Pressemitteilung vor zwei Jahren anhand von Beispielen dargestellt, hier ein Auszug:

“Darunter befinden sich zum Beispiel Terpene, Das sind äußerst reaktionsfreudige Chemikalien, die sich an der Luft schnell in Methacrolein, Formaldehyd und andere Aldehyde sowie kurzlebige Radikale, Peroxide und Hydroperoxide zersetzen.

Methacrolein, aus dem übrigens Pflanzenschutzmittel gewonnen werden, ist nicht nur leicht entzündlich, sondern auch giftig bei Verschlucken und Hautkontakt und verursacht schwere Verätzungen der Haut sowie schwere Augenschäden. Die Dämpfe wirken stark reizend bis ätzend auf Schleimhäute, Haut und Lunge und können mit Luft ein explosionsfähiges Gemisch bilden. Bei Verschlucken, Hautkontakt oder beim Einatmen ist es akut gesundheitsschädlich. Der LD50-Wert, das ist der Wert, bei dem die Hälfte aller Versuchstiere stirbt, beträgt für die Ratte oral 140 mg/kg Körpergewicht.”

Nur zum Vergleich: Der LD50 Ratte oral von Glyphosat liegt bei 4870 mg/kg, der von Kochsalz bei 3000 mg/kg und der von Natriumhydrogencarbonat (Backpulver) bei 4220 mg/kg. Und: Letztlich hängt es von der Dosis ab, ob etwas gesundheitsschädlich ist. Solange die Tannennadeln nicht gegessen oder abgefackelt werden, sollte vom Weihnachtsbaum keine Gefahr ausgehen.

Niemand braucht ein schlechtes Gewissen haben, wenn er oder sie sich einen ganz stinknormalen Baum für die Wohnstube kauft. Auch die konventionellen Weihnachtsbaumkulturen sind in der Regel Familienbetriebe, die mit viel Handarbeit ihre Bestände pflegen. Durch die langen Anbauperioden finden in den Kulturen auch viele Tiere Lebensraum.

Für alle, die sich das Original von Loriot ansehen wollen:

Postfaktischer Adventskalender, Teil 11: Glyphosat

Postfaktischer Adventskalender, Teil 11: Glyphosat

In einem postfaktischen Adventskalender, der sich u.a. mit Begrifflichkeiten aus der Landwirtschaft beschäftigt, darf ein Thema natürlich nicht fehlen: Glyphosat. Um den Herbizid-Wirkstoff tobt ein wahrer Glaubenskrieg. Die CDU hat sich jetzt auf ihrem Parteitag festgelegt. Man wolle die Verlängerung der EU-Genehmigung unterstützen, lautet ein Beschluss:

“Die CDU Deutschlands setzt sich dafür ein, dass der in Pflanzenschutzmitteln vorkommende Wirkstoff Glyphosat – eine positive wissenschaftliche Risikobewertung vorausgesetzt – auch über 2017 hinaus zugelassen bleibt.”

Silvia Liebrich, Wirtschaftsredakteurin der Süddeutschen Zeitung, kommentierte diesen Beschluss des CDU-Parteitags mit deutlicher Häme:

“Ein bisschen Mut gehört eben dazu, wenn man die nächsten Wahlen gewinnen will. Dass der Wirkstoff im Verdacht steht, Krebs zu erzeugen oder das Erbgut zu schädigen? – geschenkt. Dass der Verlust der Artenvielfalt durch den Einsatz rasant voranschreitet? – offenbar nicht so wichtig. Da verlässt sich die Partei ganz auf die “positive wissenschaftliche Risikobewertung”. Was war noch mal damit? Ach ja, da gibt es ja noch den ungeklärten Streit unter Forschern über die Gefahren und die noch laufende Prüfung auf EU-Ebene. Und da wäre noch der Europäische Gerichtshof, der den Glyphosat-Erfinder Monsanto gerade dazu verpflichtet hat, seine Studien offenzulegen. Da kann man der CDU nur zurufen: Wohl bekomms!”

Frau Liebrich hat ein Problem mit Glyphosat und vor allem mit der Möglichkeit, dass der Herbizid-Wirkstoff doch weniger schädlich sein könnte, als sie es gerne hätte. Daher ordnet sie vorliegende Fakten nicht sachlich ein, sondern stellt sie bewusst skandalös da. Ich hatte für einen Leserbrief mal ein paar Beispiele analysiert, die vor gut einem Jahr erschienen waren, als die Neuzulassung von Glyphosat auf EU-Ebene zum ersten Mal anstand:

-“Geheimsache Glyphosat“, 19.08.2015:
Es geht darum, dass der Bericht, den das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) an die EFSA geschickt hat, nicht veröffentlicht wird. Im Gegensatz zur Öffentlichkeit hätte Monsanto allerdings Zugang dazu. – Ich vermute, das ist ein ganz normaler Vorgang. Niemand würde sich darüber echauffieren, wenn ein Prüfbericht irgendeiner Behörde zur Zulassung etwa eines neuen Automodells nicht der Öffentlichkeit präsentiert wird, der Hersteller, in diesem Fall der Autobauer, aber über die Inhalte in Kenntnis gesetzt wird. Der Artikel fußt auf einer Meldung, die der von der Supermarktkette tegut mitfinanzierte Verein Testbiotech veröffentlichte. Dort ist auch das Antwortschreiben der EU Kommission gepostet, in dem erklärt wird, warum die Dokumente nicht öffentlich sind. Hier ein Auszug:

“According to EFSA, the requested documents contain certain information for which confidential treatment has been granted on the basis of justified reasons set out in Article 14 of Directive 91/414/EEC which concerns the confidentiality of information.

Further, the requested documents are supporting the current on-going peer-review of glyphosate carried out by EFSA and they might be subject to further revisions following experts’ consultations in line with Article 16 of Regulation (EU) No 1141/2010. According to EFSA, the disclosure of these documents at this stage of the process will be premature and would seriously undermine EFSA’s on-going decision-making process.

Article 4(3), first paragraph, of Regulation (EC) No 1049/2001 lays down the following exception to the right of access to documents: “Access to a document, drawn up by an institution for internal use or received by an institution, which relates to a matter where the decision has not been taken by the institution, shall be refused if disclosure of the document would seriously undermine the institution’s decision-making process, unless there is an overriding public interest in disclosure”.”

Die Geheimhaltung entspricht den gesetzlichen Regeln des Zulassungsprozesses. Eine einzige Ausnahme bestünde, wenn das öffentliche Interesse überwiegen würde. Das habe Antragsteller Christoph Then, Geschäftsführer von Testbiotech, in seiner Anfrage aber nicht begründet.

-“Behörde hat wohl Hinweise auf Krebsrisiko durch Glyphosat ignoriert“, 30.07.2015: In der Sendung FAKT wurde dem BfR vorgeworfen, eine bestimmte Studie an Mäusen ignoriert zu haben. Hierzu nimmt das BfR ausführlich Stellung:

“Aufgrund aktueller Anfragen zu einer 2-Jahres-Studie an Mäusen, weist das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) daraufhin, dass im Rahmen der EU-Wirkstoffprüfung sämtliche relevanten Studien zur Kanzerogenität des Wirkstoffes geprüft, bewertet und in die öffentliche Darstellung einbezogen wurden. So hat das BfR auf einem öffentlichen Symposium im ICC in Berlin am 20. Januar 2014 vor Vertretern von Politik und Wissenschaft auf Hochdosiseffekte in der von der Sendung FAKT zitierten Studie hingewiesen.”

Frau Liebrich mokiert sich in ihrem Artikel ausführlich darüber, dass das BfR Studien der Industrie ausgewertet habe und dass das gesetzlich auch so vorgeschrieben sei. Dabei ist das doch trivial: Wer, wenn nicht der Hersteller hat die Bringschuld, zu belegen, dass das von ihm auf den Markt zu bringende Produkt unbedenklich ist? So hat ja auch jeder Bauherr selbst entsprechende Gutachten bei seinem Bauantrag beizubringen. Es ist völlig widersinnig, dass dafür die öffentliche Hand zahlen muss. Außerdem hat das BfR alle zur Verfügung stehenden Studien ausgewertet. So lässt die FAZ den BfR-Präsidenten Andreas Hensel am 31.07.2015 zu Wort kommen :

““Es gibt gute und schlechte wissenschaftliche Studien, und es ist die Aufgabe unserer Experten diese in ihrer Qualität zu beurteilen – und wir können das“, meint Hensel.”

Das BfR meldete am 8. September 2015, dass es seine Bewertung der IARC-Einschätzung an die EFSA weitergeleitet habe. Das BfR hat spätestens jetzt alle Hausaufgaben erledigt. Und Frau Liebrich? Sie schreibt am 14.9.2015:

“Recherchen der SZ hatten jedoch gezeigt, dass das BfR kritische Studien ignoriert und zugleich Leserbriefe von der Industrie an Fachmagazine als Studien bezeichnet hat.”

So eine Aussage wider besseres Wissens zu repetieren ist infam.

-“Wenn Leserbriefe von Monsanto als Studien gelten“, 17.07.2015:
Das BfR hat in der Quellenliste auch einige Letter to the Editor aufgeführt. Die Autorin zitiert dazu den Bundestagsabgeordneten Harald Ebner:

“Der Grünen-Politiker Harald Ebner hält dieses Vorgehen für irreführend: “Das BfR will uns ernsthaft Leserbriefe an ein Fachmagazin als Studien verkaufen, die das eigene Urteil vom völlig harmlosen Glyphosat bestätigen sollen.””

Frau Liebrich hält es nicht für nötig, ihrer Leserschaft zu erklären, dass ein Letter to the Editor an eine wissenschaftliche Fachzeitschrift etwas gänzlich anderes ist als ein Leserbrief an eine normale Zeitung. Die fraglichen Briefe betrafen übrigens alle die umstrittene Séralini-Studie, die auch von der IARC als methodisch mangelhaft angesehen wurde (siehe die IARC Monographie zu Glyphosat, S. 35). Das BfR hat eine klare Stellungnahme (S. 3) dazu abgegeben, dass solche Letter dazu dienen, die wissenschaftliche Debatte abzubilden, auch wenn zwei davon von Mitarbeitern der Industrie verfasst worden sind.

Silvia Liebrich schreibt weiter:

“Dass das BfR Leserbriefe vor diesem Hintergrund als Studien wertet, stößt auch unter Wissenschaftlern auf Unverständnis. Solche Schreiben seien reine Meinungsbeiträge und keine wissenschaftlichen Arbeiten, heißt es. Die Toxikologin Professor Irene Witte, die an der Universität Oldenburg gelehrt hat, sagt: “Wenn man weiß, dass diese Briefe hauptsächlich aus dem Umfeld von Monsanto geschrieben wurden, liegt der Verdacht nahe, dass das BfR eher die Interessen von Monsanto vertritt, anstatt seiner Aufgabe nachzugehen, Gesundheitsschäden von der Bevölkerung abzuwenden”, sagt sie. Das Bundesinstitut für Risikobewertung genießt weltweit Ansehen und steht nun unter Druck.”

“unter Wissenschaftlern” heißt hier wohl aus Sicht von Prof. Witte. Woher die Aussage kommt, dass „Letters to the Editor“ reine Meinungsbeiträge seien, bleibt offen („heißt es“). Die Briefe stammen nicht hauptsächlich aus dem Umfeld von Monsanto, sondern nur 2 von 15 sind von Mitarbeitern der Industrie verfasst. Der in Liebrichs Artikeln viel beschworene Druck, unter dem das BfR angeblich steht, fand zu der Zeit einzig und allein in der Süddeutschen Zeitung statt. Ich zitiere hier abermals die FAZ vom 31.07.2015:

“Die IARC-Studie versetze in der Wissenschaft „niemanden in einen Erregungszustand“, sagt Hensel.”

Eine umfassende Kritik der Haltung von Frau Liebrich in dieser Sache findet sich auch im Blog von Publizist Ludger Weß.

Nichtsdestotrotz präsentiert es Silvia Liebrich weiterhin als ihre Entdeckung, dass das BfR sich in seiner Bewertung auf Leserbriefe stütze:

“Recherchen der SZ hatten jedoch gezeigt, dass das BfR kritische Studien ignoriert und zugleich Leserbriefe von der Industrie an Fachmagazine als Studien bezeichnet hat.”

Ihre Entdeckung beruht übrigens auf einer Kleinen Anfrage der Grünen im Bundestag. Frau Liebrich liegt offensichtlich das Originalfax vom BMEL vor, denn es ist auf der SZ-Website abzurufen. Generell scheint sie eine Standleitung zu Harald Ebner, Bundestagsabgeordneter von Bündnis 90/Die Grünen, zu haben. Auch die Originaldaten der Muttermilch-Studie müssen ihr vorgelegen haben. Frau Liebrich nennt den Namen des Labors, das die Stichproben untersucht hat. Dieser Name taucht weder in der Pressemitteilung der Grünen noch in der dpa-Meldung auf, nur auf dem Original-Befundfax.

-“Gift und Geld“, 16.07.2015: Der Vorspann lautet:

“Glyphosat ist das am häufigsten eingesetzte Pestizid der Welt – und es löst wahrscheinlich Krebs aus. Eigentlich sollte der Staat die Bürger vor dieser Gefahr schützen.”

Dass Glyphosat wahrscheinlich Krebs auslöst, ist eine entstellende Verkürzung der IARC-Bewertung und absolut unangemessen. Man muss wissen, dass die IARC sehr technische Definitionen für ihre Einordnung verfasst hat und das IARC-Label “wahrscheinlich krebserregend” nicht dem Ausdruck”wahrscheinlich krebserregend” unserer Umgangssprache entspricht (siehe dazu meinen Blog: “Keine Hitparade: Warum die IARC-Liste ein schlechter Ratgeber ist” und ““unter Krebsverdacht”“). Der Staat solle „vor dieser Gefahr“ schützen. Laut der BfR-Bewertung besteht keine Gefahr bei korrekter Anwendung. Selbst die IARC würde das nicht behaupten.

-“Ackergift in der Muttermilch“, 25.06.2015:
Bei einer im Auftrag der Grünen durchgeführten Stichprobe wurde Glyphosat in Muttermilch gefunden. Anstatt die gemeldeten Werte einzuordnen und dem Leser ein Gefühl dafür zu geben, ob hier eine Gesundheitsgefährdung vorliegt oder nicht, sät Silvia Liebrich Angst und Verunsicherung:

“Viele Mütter vertrauen darauf, das Richtige zu tun, wenn sie ihre Babys stillen. Muttermilch gilt als gesund. Doch nun wurde bei einer Stichprobenuntersuchung in ganz Deutschland das Ackergift Glyphosat in der Milch von Müttern entdeckt.”

Die gemeldeten Werte übersteigen den für Trinkwasser geltenden Grenzwert. Zu diesem im Text erwähnten Trinkwasser-Grenzwert lässt sich sagen, dass es kein spezieller Grenzwert für Glyphosat ist, sondern ein pauschaler für alle Arten von Bioziden und Pflanzenschutz-Wirkstoffen. So zu tun, als ob das der spezielle Wert für Glyphosat wäre, ist natürlich geschummelt. Die WHO hält es noch nicht einmal für nötig, einen Grenzwert für Glyphosat im Trinkwasser festzulegen:

“Under usual conditions, therefore, the presence of glyphosate in drinking-water does not represent a hazard to human health, and it was not deemed necessary to establish a guideline value for glyphosate.”

Die WHO hat für Glyphosat eine sogenannte Tageshöchstdosis festgelegt ( ADI – “acceptable daily intake”) von 1,0 mg/kg Körpergewicht. In der EU gilt ein niedrigerer Grenzwert von 0,3 mg/kg Körpergewicht. Setzt man diesen Wert an, müsste ein Säugling von der am stärksten belasteten Muttermilch-Probe 2778 Liter am Tag trinken, um auch nur in die Nähe einer etwaigen Gesundheitsgefährdung zu gelangen. Eine detaillierte Kritik zur Berichterstattung über die Muttermilch-Stichprobe habe ich in einem Offenen Brief zusammen mit einem Wissenschaftler, einer ehemaligen FDP-Bundestagsabgeordneten sowie einem Fachautor zusammengestellt.

Die Zitate von Prof. Irene Witte brachten bei diesem Thema erst den Spin in die Geschichte. Die Ansichten von Prof. Witte kommen auch in weiteren auf der dpa-Meldung basierenden Artikeln anderer Medien über die Muttermilch-Stichprobe vor. Da sie in der Pressemitteilung der Grünen nicht vorkommen, müssen sie aus der dpa-Meldung übernommen worden sein. Frau Liebrich hat mal bei der dpa gearbeitet, sie hat anscheinend zudem einen direkten Draht zur Wissenschaftlerin Witte, denn auch im „Leserbriefe“-sowie im “Grenzwerte”-Artikel kommt Prof. Witte zu Wort. Hm, Zufall?

Die gemeinsam vom BfR und Nationaler Stillkommission veröffentlichte Entwarnungsmeldung vom 30.06.2015 fand in der Berichterstattung von Frau Liebrich leider keinen Niederschlag, auch nicht, dass ein weiteres WHO-Gremium, das Joint Meeting of Pesticide Residues (JMPR), im Mai 2016 Glyphosat als nicht krebserregend eingestuft hat.

Kurzum: Die Artikel hätten so auch 1:1 in einem Parteiorgan von Bündnis 90/Die Grünen oder in der Mitgliederzeitschrift vom BUND erscheinen können. Allein die Frequenz, in der Frau Liebrich sich in die Debatte einbringt, macht stutzig. Hier eine Chronologie, der online verfügbaren Texte (kein Anspruch auf Vollständigkeit):

25.06.15: “Ackergift in der Muttermilch
26.06.15: “Glyphosat in Muttermilch nachgewiesen” (keine Autorenzeile)
28.06.15: “Streit um Grenzwerte
16.07.15: “Mächtige Lobby
16.07.15: “Gift und Geld
17.07.15: “Wenn Leserbriefe von Monsanto als Studien gelten
30.07.15: “Behörde hat wohl Hinweise auf Krebsrisiko durch Glyphosat ignoriert
16.08.15: “Geheimsache Glyphosat
14.09.15: “EU verschiebt Glyphosat-Zulassung
14.09.15: “In die Verlängerung
20.09.15: “Weltgesundheitsorganisation rüffelt Glyphosat-Prüfer
29.10.15: “Prüfer übersahen Risiken bei Glyphosat
02.12.15: “Glyphosat? Im Zweifel: Nein!
20.01.16: “Neue Warnung vor Risiken durch Glyphosat
08.03.16: “Einigung gescheitert
06.04.16: “EU drängt auf Veröffentlichung der Glyphosat-Studien
11.04.16: “Bundesregierung will Glyphosat weiter erlauben
18.04.16: “Schädliche Pseudo-Transparenz um Glyphosat
28.04.16: “DDT – vom Wundermittel zum Teufelszeug
12.05.16: “Weitere Zulassung von Glyphosat wackelt

Es entsteht der Eindruck, dass es hier nicht um Aufklärung geht, sondern um Meinungsmache: Hier soll ein Thema am Kochen gehalten werden. Das wirkt wie eine gezielte Kommunikationsoffensive.

Man kann jetzt argumentieren, dass eine überregionale Tageszeitung auch eine Pluralität von Meinungen zu repräsentieren hat und ich habe auch Texte wie “Vergiftete Debatte” von Hanno Charisius (02.08.2015) zur Kenntnis genommen. Aber es gibt da mindestens ein Problem: Zum einen muss die journalistische Sorgfaltspflicht gewahrt werden. Dazu zähle ich neben einer gründlichen Recherche auch den entschiedenen Anspruch, den Leser auch sachlich korrekt informieren zu wollen, so dass er sich eine fundierte Meinung bilden kann. Zum anderen: Wenn zu dem einen Thema solch eine Demagogie zugelassen wird, wie kann ich da sicher sein, dass ich bei Themen, die ich mangels Fachkenntnis nicht selbst einschätzen kann, nicht auch gezielt falsch informiert werde? Kurzum: Die Glaubwürdigkeit der Zeitung leidet darunter. Für ein Blatt, auf dessen Seriosität ich mich nicht verlassen kann, gebe ich kein Geld aus.

Mir ist bekannt, dass Silvia Liebrich bereits von mehreren Seiten auf ihre einseitige Berichterstattung aufmerksam gemacht worden ist, aber sie macht unbeirrt weiter. Ihr Engagement für die Umwelt ehrt sie, aber als Berichterstatterin sollte sie eine gewisse Neutralität wahren. Entweder Frau Liebrich kann das nicht oder sie will das nicht oder beides.

Postfaktischer Adventskalender, Teil 9: Gene Drive

Postfaktischer Adventskalender, Teil 9: Gene Drive

Derzeit tagt in Cancun (Mexiko) die Weltbiodiversitätskonferenz (CBD COP 13). Bis zum 17. Dezember werden die Vertreter der Mitgliedsstaaten der Konvention über die Biodiversität beraten, wie die Übereinkunft umgesetzt werden soll. Für Deutschland sitzt Bundesumweltministerin Dr. Barbara Hendricks mit am Verhandlungstisch.

Im Vorfeld der Veranstaltung hatten verschiedene Umweltverbände und Anti-Gentechnik-Aktivisten einen Offenen Brief an Frau Dr. Hendricks geschrieben. Darin heißt es u.a.:

“Während bisher Kulturpflanzen oder Nutztiere im Zentrum der gentechnischen Anwendungen stehen, geht es jetzt darum, natürliche Populationen gentechnisch zu verändern. Freisetzungen gentechnisch veränderter Organismen, die dazu führen, dass sich deren Gene in natürlichen Populationen ausbreiten können, sind nicht zu verantworten. Wenn wir zulassen und gar anstreben, dass gentechnisch veränderte Organismen ihr Erbgut in natürlichen Populationen verbreiten, gleicht dies einem Eingriff in die „Keimbahn“ der biologischen Vielfalt, dessen Auswirkungen alle künftigen Generationen und deren Ökosysteme betreffen.”

Die Organisationen kritisieren die mögliche Anwendung von Organismen die via Gene Drive genetisch verändert worden sind. Eine mögliche Anwendung, die derzeit diskutiert wird, ist die Aussetzung gezielt veränderter Mücken. Diese sollen dazu beitragen, natürliche Vorkommen von Mücken zu einzudämmen, die Krankheiten wie Gelbfieber  und Denguefieber oder den Zika-Virus übertragen.

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Das Wirkprinzip ist einfach: Die veränderten Mückenmännchen, die in die Umwelt entlassen werden, vererben genetische Eigenschaften, die ihre Nachkommen im Larvenstadium absterben lassen.

Die Ministerin hat geantwortet und stimmt den NGOs in wesentlichen Punkten zu:

“Ich teile Ihre Bedenken, dass “Gene Drive” erhebliche Auswirkungen auf Ökosysteme haben kann und dass daher besondere Vorsicht bei der Forschung  und Risikobewertung walten sollte. Eine Freisetzung von Organismen, bei denen “Gene Drive” verwendet wird, halte ich aus ökologischer Sicht zurzeit für nicht vertretbar.”

Dass der Einsatz von Gene Drive auf Ökosysteme wirkt, ist trivial: Das ist schließlich der Sinn der Sache. Die eigentliche Frage ist doch, ob man mit unerwünschten Folgen rechnen muss. Unerwünschte Folgen hat aber auch der Einsatz anderer Technologien. So hat 2010 ein Forscherteam gezeigt, dass der breite Einsatz des im Bio-Landbau verwendeten Insektizids Bacillus thuringiensis zur Moskito-Bekämpfung zu einer signifikanten Verschlechterung des Bruterfolgs bei Mehlschwalben in der Camarque (Südfrankreich) geführt hat. Dadurch dass das Öko-Insektizid wahllos auch Nicht-Zielorganismen dezimiert, verschlechterte sich die Nahrungsgrundlage der Vögel massiv. Es muss also abgewogen werden, in welchem Maße die Folgen, mit denen ich rechnen muss, im Verhältnis zum erwarteten Nutzen stehen.

Die Verwaltung der Florida Keys hat abgewogen und jetzt einen Versuchseinsatz der gentechnisch veränderten Mücke beschlossen. Zuvor hatte die Bevölkerung in einem Referendum mehrheitlich dem Einsatz der Gentec-Mücken zugestimmt. Die Behörde US Food and Drug Administration (FDA) hatte den geplanten Versuch bereits im Sommer genehmigt. Die FDA sieht keine Risiken, die dem Einsatz entgegenstehen:

“FDA has carefully considered the potential environmental impact of the proposed trial and the no action alternative, as described and evaluated in the EA. The consequences of escape, survival, and establishment of OX513A in the environment have been extensively studied: data and information from those studies indicate that the proposed investigational use of OX513A Ae. aegypti mosquitoes is not expected to cause any significant adverse impacts on the environment or human and non-target animal health beyond those caused by wild-type mosquitoes.”

Die Gelbfiebermücke (Aedes aegypti, auch “Denguemücke” oder “Ägyptische Tigermücke”), die als Hauptübeträger des Zika-Virus gilt, ist in Florida ein Einwanderer, gehört dort also nicht zu den heimischen Arten. Der Eingriff ins dortige Ökosystem ist also überschaubar. Ein deutlicher Vorteil der Gentec-Mücke im Vergleich zu gesprühten Insektiziden jeder Art ist, dass Nicht-Zielorganismen nicht durch den Einsatz betroffen sind. Ich finde: Auch in Deutschland sollten wir neue Technologien nicht kategorisch ablehnen, sondern uns stets eine Einzelfallprüfung vorbehalten.

 

Bildnachweis: James Gathany, Centers for Disease Control

 

Basilikum ist krebserregend

Basilikum ist krebserregend

Basilikum ist krebserregend. Wer hätte das gedacht? Aber nun mal langsam: Wie komme ich zu dieser Aussage? Es ist so: Basilikum enthält Estragol, eine Substanz, die auch unter den Namen “Methylchavicol”, “1-Methoxy-4-allylbenzol”, “4-Allylanisol” oder “1-Methoxy-4-(2-propenyl)-benzol” geführt wird und sich im Tierversuch als krebserregend herausgestellt hat.

Das Bundesinstituts für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin (BgVV), der Vorgänger vom Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), schreibt dazu in einem Hintergrundpapier von 2002:

“Die Pflanzeninhaltsstoffe Estragol und Methyleugenol zeigen im Tierversuch cancerogene Wirkungen und in In-vitro- und In-vivo-Untersuchungen genotoxische Effekte, wobei die Datenlage für eine endgültige wissenschaftliche Bewertung unzureichend ist. Epidemiologische Untersuchungen am Menschen zur Wirkung dieser Stoffe liegen nicht vor.”

Estragol und Methyleugenol kommen in vielen Gewürzpflanzen vor, neben Basilikum auch in Estragon, Lorbeer, Nelken, Anis, Muskatnuss und -blüte sowie Zitronengras. In Spuren findet man Methyleugenol auch in Bananen oder Grapefuit.

In 2013 hat die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) Methyleugenol bewertet und als “möglicherweise krebserregend” (Gruppe 2B) eingestuft. Dabei sah die Agentur es als erwiesen an, dass die Substanz im Tierversuch Krebs erzeugt:

“There is sufficient evidence in experimental animals for the carcinogenicity of methyleugenol.”

Eine andere Klassifizierung war allerdings nicht möglich, weil es keine Daten gibt, ob die Substanz beim Menschen Krebs erzeugt. Estragol hat die IARC noch nicht bewertet. Allerdings hat der Wissenschaftliche Lebensmittelausschuss der EU (engl.: “Scientific Committee on Food”), die Vorgängerinstitution der heutigen EFSA, in 2001 eine Bewertung vorgenommen:

Conclusion

Estragole has been demonstrated to be genotoxic and carcinogenic. Therefore the existence of a threshold cannot be assumed and the Committee could not establish a safe exposure limit. Consequently, reductions in exposure and restrictions in use levels are indicated.”

Die Experten können also nicht sagen, welche Aufnahmemengen der Substanz Estragol sicher sind, und raten daher, die Exposition möglichst gering zu halten.

Prof. Dr. Dr. Andreas Hensel, der Präsident des BfR, setzt in seinen Vorträgen den Konsum eines halben Blattes Basilikum gleich mit dem Konsum von zwei Zigaretten:

riskranking
Ein halbes Blatt Basilikum so risikoreich wie 2 Zigaretten? Arrivederci Pesto!

Wer hätte das gedacht? Frische Kräuter haben in der öffentlichen Wahrnehmung doch ein ganz anderes Image. Und so Tomaten-Mozzarella-Salat mit frischem Basilikum ist doch irgendwie todschick …