About Whataboutism

About Whataboutism

Ein Gespenst geht um in den sozialen Netzwerken, das Gespenst heißt „Whataboutism“. Als mir der Begriff das erste Mal begegnete, musste ich erst einmal nachschlagen, was das heißen soll. Wikipedia gibt Auskunft:

Whataboutism (aus dem englischen What about? = „Was ist mit?“ und dem Suffix -ism = „ismus“ zusammengesetzt) ist eine oft als unsachlich kritisierte Gesprächstechnik, die unter diesem Namen ursprünglich der Sowjetunion bei ihrem Umgang mit Kritik aus der westlichen Welt als Propagandatechnik vorgehalten wurde. Es bezeichnet heute allgemein die Ablenkung von unliebsamer Kritik durch Hinweise auf andere wirkliche oder vermeintliche Missstände.”

Das klassische Beispiel geht so:
Vorwurf: “Ihr Russen habt unrechtmäßig die Krim annektiert.”
Gegenrede: “Und was ist mit („what about“) Guantanamo?”

Der Vorwurf des Unrechts wird einfach mit einem anderen Unrechtsvorwurf quittiert. Inhaltlich gibt es keine Beziehung zwischen den beiden Aussagen. Es geht nur um das psychologische Moment, den anderen einzuschüchtern.

Aber nicht alles, was wie Whataboutism aussieht, ist auch Whataboutism. Wenn zwei ähnliche Situationen oder Zusammenhänge verglichen werden und entsprechende Konsequenzen gefordert werden, ist das kein Whataboutism.

Beispiel: Niedersachsens Landwirtschaftsminister Christian Meyer meldet kurz vor der Bundestagswahl, dass das Niedersächsische Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (LAVES) Glyphosat in Bier gefunden habe. Wie viel Glyphosat genau gefunden wurde, wird nicht verraten, – wohlweislich, denn anhand der genauen Werte und dem ADI-Wert (“ADI”=”Acceptable Daily Intake”) von Glyphosat kann man errechnen, wie viel kontaminiertes Bier man langfristig täglich trinken kann, ohne dass einem die Herbizid-Rückstände gesundheitlich schaden. Bei den ersten Glyphosat-Funden in Bier der NGO Umweltinstitut München e.V. rechnete Landwirtschaftsminister Christian Schmidt im Morgenmagazin vor, dass man am Tag rund 1000 Liter von dem getesteten Bier trinken müsse – und das über einen längeren Zeitraum-, um auch nur in die Nähe einer Gesundheitsgefährdung durch das Herbizid zu kommen. Trotzdem versuchten Grüne Politiker das Thema über die Sozialen Netzwerke breitzutreten. Auf meinen Hinweis, dass der etwa zur gleichen Zeit gemeldete Fund von Mutterkorn-Rückständen in Bio-Roggenmehl weitaus kritischer zu bewerten sei, kam er wieder der Vorwurf: Whataboutism.

Der Vorwurf trifft nicht zu, weil es hier um die vergleichende Bewertung von Gesundheitsgefahren geht. Rückstände von Glyphosat in Bier in der Größenordnung um die Nachweisgrenze haben keinerlei Bedeutung in Sachen Gesundheitsfürsorge, deswegen wurden die Biere auch folgerichtig nicht zurückgerufen. Mutterkornalkaloide dagegen können schwere Vergiftungserscheinungen hervorrufen, daher wurde das Bio-Roggenmehl auch aus dem Handel genommen und eine Lebensmittelwarnung veröffentlicht. Normalerweise werden die von dem Mutterkorn-Pilz befallenen Körner im Reinigungsprozess in der Mühle aussortiert. Das hat in diesem Fall anscheinend nicht funktioniert. Gab es Forderungen seitens Grüner Verbraucherschützer, jetzt unbedingt Mindeststandards für Getreidemühlen einzuführen, um die Verbraucher vor solchen möglichen Vergiftungen zu schützen? Mir jedenfalls ist keine aufgefallen. Berechtigt ist hier durchaus die Frage, ob die Politik in Sachen Gesundheitsfürsorge die richtigen Prioritäten setzt: Was bestimmt eigentlich den Focus der Debatte: Ein reales Risiko oder die Aufmerksamkeitsökonomie in Wahlkampfzeiten?

Im Grunde könnte man auch sagen der Vorwurf, Whataboutism anzuwenden, ist selbst eine Art Whataboutism – nach dem Motto „Ätsch, und Du verwendest ein ungültiges Argument.“ Das Ziel ist das Gleiche: Das Argument des Gegenübers entkräften, ohne inhaltlich darauf eingehen zu müssen. Und auch hier kommt ein psychologischer Moment zum Tragen: Wer will schon klassische Methoden russischer Propaganda-Profis anwenden?

In Internetdiskussionen wird der Vorwurf auch gerne genutzt, um die Gegenseite moralisch zu diskreditieren. Fast schon klassisch ist der Vorwurf, wenn Doppelmoral und/oder Doppelstandards kritisiert werden. Aktuell tobt in den USA ein Kulturkrieg um die Affaire des Film-Produzenten Harvey Weinstein. Wie jetzt bekannt wurde, soll die Hollywood-Größe jahrelang Frauen sexuell belästigt haben. Aus dem Trump-Lager wird nun kritisiert, dass die Ausfälle des den Demokraten nahe stehenden Weinstein öffentlich anders bewertet werden als die Chauvie-Allüren des Präsidentschaftskandidaten Trump, die – festgehalten auf einem Video-Mitschnitt eines Gesprächs – während des Präsidentschaftswahlkampfes öffentlich wurden.

Wir brauchen in der öffentlichen Debatte den Vergleich: Gleiches muss gleich behandelt werden. Und es muss diskutierbar bleiben, wann sich Sachen unterscheiden und wann nicht. Dabei sollte der eigentliche Inhalt der Unterhaltung nicht den Formfragen geopfert werden.

Und mit der Feststellung “whataboutism” – ob nun richtig oder falsch angewendet – sollte eine Diskussion erst anfangen und nicht zu Ende sein.

 

Links

• Eintrag “whataboutery” in English Oxford Living Dictionary

Suchbegriff “whataboutism” auf Twitter

Harvey Weinstein’s Money Shouldn’t Buy Democrats’ Silence

“Das mit der Angst funktioniert immer”

“Das mit der Angst funktioniert immer”

Mehr als rund 744.000 Menschen haben bislang für die europaweite Bürgerinitiative “Stop Glyphosate” unterschrieben. Das Ziel der Initiative ist, bis zum 15. Juni 2017 mindestens 1 Million Unterstützer zu gewinnen. Dabei ist anscheinend jedes Mittel recht, um die Menschen zu motivieren. So steht im Abschnitt “Warum ist das wichtig?” des deutschsprachigen Aufrufes als Schlusssatz:

“Handeln Sie jetzt: Unterzeichnen Sie unsere Bürgerinitiative gegen Monsantos krebserregendes Gift.”

Die Europäische Chemikalienagentur ECHA (European Chemicals Agency) sieht das anders. Ihr Urteil vom März dieses Jahres lautet:

“ECHA’s Committee for Risk Assessment (RAC) agrees to maintain the current harmonised classification of glyphosate as a substance causing serious eye damage and being toxic to aquatic life with long-lasting effects. RAC concluded that the available scientific evidence did not meet the criteria to classify glyphosate as a carcinogen, as a mutagen or as toxic for reproduction.”

Danach ist Glyphosat weder krebserregend noch mutagen noch reproduktionstoxisch. Allein die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC), eine Unterorganisation der Weltgesundheitsorganisation (WHO), hatte den Herbizid-Wirkstoff Glyphosat im März 2015 als “wahrscheinlich krebserregend” (Gruppe 2A) klassifiziert. Was bedeutet diese Klassifizierung? Die IARC schreibt in der Pressemitteilung:

“Group 2A means that the agent is probably carcinogenic to humans. This category is used when there is limited evidence of carcinogenicity in humans and sufficient evidence of carcinogenicity in experimental animals. Limited evidence means that a positive association has been observed between exposure to the agent and cancer but that other explanations for the observations (called chance, bias, or confounding) could not be ruled out. This category is also used when there is limited evidence of carcinogenicity in humans and strong data on how the agent causes cancer.”

Hier wird deutlich, dass das IARC-Etikett “wahrscheinlich krebserregend” nichts mit der umgangssprachlichen Formulierung “Substanz xy ist wahrscheinlich krebserregend” zu tun hat. Es ist eine rein technische Festlegung, die den Grad der Evidenz beschreibt, den die Forscher in ihrem Studienmaterial vorfinden. Continue reading ““Das mit der Angst funktioniert immer””

Umerziehung vorerst gescheitert

Umerziehung vorerst gescheitert

Grüne Gentechnik werde von der Bevölkerung abgelehnt, heißt es häufig in politischen Debatten. Doch wenn man einmal genau hinsieht, ist das Meinungsbild weder einheitlich noch eindeutig.

Bei der letzten Naturbewusstseinsstudie von 2015 zum Beispiel zeigte sich ein interessanter Trend: Jüngere Menschen (18- bis 29-Jährige) sind der Gentechnik gegenüber weniger skeptisch eingestellt als ältere Bevölkerungsgruppen. So würden gerade einmal 36 Prozent der Befragten in der Gruppe der bis 29-Jährigen einem Verbot des Einsatzes von gentechnisch veränderten Organismen in der Landwirtschaft zustimmen. 41 Prozent der Befragten in dieser Gruppe denken sogar, dass Gentechnik einen Beitrag zur Bekämpfung des Hungers in der Welt leisten kann.

Zustimmung zum VerbotGT_folgen_LW_alterGT_folgen_alter

Prof. Dr. Andreas Graner, Geschäftsführender Direktor des Leibniz-Instituts für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung (IPK) in Gatersleben, freut sich über dieses Ergebnis:

“Die Naturbewusstseinsstudie deutet auf eine wichtige Veränderung in der Beurteilung der grünen und weißen Gentechnik hin. Wenn junge Menschen der Gentechnik in der Landwirtschaft heute weniger ablehnend als im Jahr 2009 gegenüberstehen könnte das einen Hinweis auf eine gestiegene Sachkompetenz dieser Bevölkerungsgruppe darstellen. Ich interpretiere diese Entwicklung dahingehend, dass junge Menschen in zunehmendem Maße Panikmeldungen aus den Medien auf ihren Wahrheitsgehalt recherchieren und in der Lage sind, weltanschauliche Positionen von wissenschaftlichen Fakten zu differenzieren.”

Die Autoren der Studie sehen das etwas anders. Im Kapitel “Empfehlungen” findet sich der folgende Abschnitt (S. 9/10):

“Politik und Verbände haben die Aufgabe, weiterhin den gesellschaftlichen Diskurs zum Thema Gentechnik voranzutreiben und sachlich zu informieren. Dabei wäre es erstrebenswert, nicht nur naturwissenschaftliche Fakten in den Vordergrund zu stellen, sondern auch soziologische und ökonomische Aspekte transparent zu machen. Vor allem für die jüngere Generation, die einem Einsatz von Gentechnik und dem Konsum gentechnisch veränderter Lebensmittel weniger skeptisch gegenübersteht, ist es von großer Bedeutung, die ökologischen wie gesellschaftlichen Vor- und Nachteile der Gentechnik zu kennen und auch zu wissen, wer von dieser Technologie profitiert und wer die Lasten trägt.”

Da naturwissenschaftliche Fakten offensichtlich nicht ausreichen, um junge Menschen skeptisch werden zu lassen gegenüber Grüner Gentechnik, sollten Meinungsbildner in ihrer Argumentation vor allem auf ökologische und gesellschaftliche Aspekte abheben?

Dazu ist folgendes zu sagen: Ökologische Vor- und Nachteile einer Technologie wären für mich auch naturwissenschaftliche Fakten. Und: Auch unter diesem Aspekt spricht viel für den Einsatz Grüner Gentechnik. Auch bei der Frage, wem die Technologie nutzt, kann Grüne Gentechnik punkten. Es ist nämlich gar nicht so, wie häufig in den Medien transportiert, dass nur große Konzerne vom Einsatz Grüner Gentechnik profitieren. Leider wissen die Menschen noch viel zu wenig darüber, wie der Einsatz von gentechnisch verbesserten Nutzpflanzen gerade Kleinbauern hilft, ihr Einkommen zu verbessern. Traurig eigentlich, zumal wir mit Matin Qaim, Universität Göttingen, einen Forscher im eigenen Land haben, der sich mit diesem Thema bestens auskennt.

Richtig spannend wird es allerdings erst, wenn man sich das Fazit von Bundesumweltministerin Dr. Barbara Hendricks zum Thema Gentechnik im Vorwort der Studie durchliest (S. 4):

“79 Prozent sprechen sich gegen den Einsatz von gentechnisch veränderten Futtermitteln aus, und 76 Prozent halten es für wichtig, dass der Einsatz gentechnisch veränderter Organismen in der Landwirtschaft grundsätzlich verboten wird. Der Ausbau des Konsums regionaler Produkte sowie der Biolandwirtschaft wird dagegen stark befürwortet. Diese Zahlen sprechen für eine deutliche Haltung der Gesellschaft und bilden eine gute Grundlage für Verbote jeglichen Einsatzes von Gentechnik in der Lebensmittelproduktion.”

verbot_gtZum einen hat Dr. Hendricks hier eigenmächtig “sehr wichtig” und “eher wichtig” zu “wichtig” zusammengefasst, was die ursprüngliche Fragestellung grob verfälscht. Und zum anderen sind “Verbote jeglichen Einsatzes von Gentechnik in der Lebensmittelproduktion” nicht so einfach umsetzen, wie sie vielleicht glaubt. Denn Gentechnik ist in der Lebensmittelproduktion längst Alltag. Schätzungen zufolge sind 60 bis 80 Prozent aller Lebensmittel, während ihres Herstellungsprozesses mit Gentechnik in Berührung gekommen. Zusatzstoffe, Vitamine, Aromen und Enzyme in unserem Essen werden oft mit gentechnisch hergestellten Organismen hergestellt. Ohne diese Technologie wären die Supermarktregale relativ leer.

 

“Wir machen Euch satt!”

“Wir machen Euch satt!”

Am kommenden Samstag wird es in Berlin wieder zwei Demos zum Thema Landwirtschaft geben. Christina Annelies, selbst nicht Landwirtin wohlgemerkt, erklärt auf Facebook, welche Veranstaltung sie empfiehlt:

“Jetzt mache ich mal Reklame für die “Wir machen Euch satt- Kundgebung”!
Ich habe nämlich zahlreiche Gründe, warum ich nicht bei der „Wir haben es satt“-Kundgebung kommenden Samstag in Berlin mitlaufen werde. Warum ich mich nicht den Forderungen der Big Green an eine „neue“ Landwirtschaft anschließen kann und will.

Ich habe es nämlich auch satt. Ich kann den Ruf nach der bäuerlichen Landwirtschaft nicht mehr hören, denn es definiert keiner, was bäuerliche Landwirtschaft eigentlich ist. Wo es anfängt, wo es aufhört. Was oder wen genau die Satten im Land wollen. Jeder hat seine eigene Vorstellung und vertritt sie in voller Lautstärke. Bloß: Mit pauschalen Kampfbegriffen und entsprechendem Aktionismus machen sie höchstens kaputt, was sie erhalten wollen. Es häufen sich die Geschichten von potenziellen Hofnachfolgern, die die Betriebe ihrer Eltern nicht mehr bewirtschaften wollen, unter anderem weil sie die Nase gestrichen voll haben von diesem non-stop Bauernbashing in Politik, Öffentlichkeit und Medien.

Ich bin es satt, dass die, die die Landwirtschaft ökologisieren wollen, es nicht für notwendig erachten, belastbare Konzepte vorzulegen, wie denn eine für alle bezahlbare Lebensmittelversorgung nach der Agrarwende funktionieren soll. Vermutlich können sich die nur wohlhabendere Milieus leisten – unter anderem grüne Stammwähler. (Höfliche) Nachfragen per Facebook bei den Big Green (die Grünen, Greenpeace, BUND etc.) führt ins Nirwana – es herrscht lautes Schweigen. Oder, noch besser, man darf nicht mehr kommentieren (eine Spezialität von Grünen-Politiker).

Ich bin es ferner leid, dass so viele Menschen hierzulande behaupten, die moderne Landwirtschaft mache die Umwelt kaputt. Wo sie sich doch selber alle an die Nase packen müssten. Die Republik wird zubetoniert für die Allgemeinheit, fürs Eigenheim, Arbeiten und bequeme Shoppen auf der Grünen Wiese. Jeden Tag werden 70 Hektar Agrarland aus der Bewirtschaftung genommen und vieles davon versiegelt. Alle profitieren. So wie seit mehr als zwei Jahrzehnten massenmedial verbreitet wird, dass der globale Klimawandel menschengemacht ist und gerade der reiche Westen sowohl Mobilität als auch Stromverschwendung einschränken müsse. Das Gegenteil ist passiert. Aber die Landwirtschaft ist schuld? Es waren übrigens die Grünen, die die Förderung von Biogasanlagen initiiert haben. Und jetzt, wo ihnen die tatsächlichen bzw. vermeintlichen Konsequenzen nicht passen, schieben sie die Verantwortung in Richtung Landwirtschaft ab.

Ich bin es richtig leid, dass so viele nicht zu würdigen wissen, dass wir in dem reichsten Land der Welt leben und es zynisch ist, für gutes Essen auf die Straße zu gehen. Sämtliche Kontrollen der letzten Jahre sagen: Unser Essen ist sauber. So sauber wie vermutlich niemals zuvor in der Menschheitsgeschichte. Für jeden ist etwas dabei – für jeden Geldbeutel. Dagegen zu protestieren grenzt doch an Wohlstandsverwahrlosung.

Für endgültig wohlstandsverwahrlost halte ich den Widerstand gegen grüne Gentechnologie. In all den Jahrzehnten konnten null Negativauswirkungen nachgewiesen werden. Diabetiskranke Menschen hierzulande betrachten Insulin gar als einen Segen, und das ist es definitiv. Bloß: Bei der Herstellung von Insulin werden gentechnisch manipulierte Pilzen und Bakterien verwendet. Aber wenn’s um die eigene Gesundheit geht, nicht wahr? Bei Lebensmitteln scheinen wissenschaftliche Erkenntnisse nicht zu tangieren – vermutlich weil keiner die Auswirkungen ausbaden braucht. Was ist das Resultat eines vagen Unwohlseins des einflussreichen, satten Westens gegenüber den Ländern der 3. Welt? Wertvolle Lebensmittel wie der Goldene Reis werden flächendeckend NICHT eingesetzt und Millionen von Kindern NICHT vor dem sicheren Erblinden und dem Tod bewahrt.

Ich bin es satt, dass die Landwirte pauschal für Antibiotikaresistenzen verantwortlich gemacht werden. Wo doch die Humanmedizin das mit Abstand größere Sorgenkind ist. Resultat: Die Landwirte reduzieren Jahr für Jahr – wie sieht es in der Humanmedizin aus? Ganz schwierig. Bloß löst man so Probleme?

Ich bin es satt, dass sich Deutschlands Landwirte Jahr um Jahr um mehr Tierwohl in den Ställen bemühen und dafür höchstens einen Tritt in den Hintern bekommen.

Ich bin das unwissenschaftliche, undifferenzierte Pestizidbashing leid. Dass mit Emotionen statt mit Fakten hantiert wird. Dass mit zweierlei Maß gemessen wird, indem der Einsatz von Pestiziden im Ökolandbau unter den Tisch fällt.
Es wird nur noch draufgehauen. Kaum einer erzeugt noch Lebensmittel und hat eine Ahnung, wie man es anstellt. Die Meckerer machen niemanden satt, aber verurteilen pauschal diejenigen, die es jeden Tag tun.

Fangen Sie alle damit erst mal an! Beweisen Sie, dass Sie es besser können. Bevor Sie die Profis jeden Tag aufs Neue fertig machen!

Ich ziehe daher ganz klar diese Veranstaltung vor: Wir machen Euch satt, 21. Januar 2017, 09:00 Uhr, Washingtonplatz (am Hauptbahnhof), Berlin.”

Postfaktischer Adventskalender, Teil 24: Frohe Weihnachten!

Postfaktischer Adventskalender, Teil 24: Frohe Weihnachten!

Die Welt ist unübersichtlich und kompliziert geworden. Die zur Verfügung stehenden Informationen sind nicht zu überblicken. Journalisten und Politikern wird Misstrauen entgegengebracht. Es mangelt an Orientierung. “Fake News”, “Hatespeech”, “Big Data”, “Filterblase”, “Echokammer” – was ist heute noch echt, was authentisch und was vor allem vertrauenswürdig?

Im Grunde ist Postfaktizität kein neues Phänomen und hat seinen Ursprung auch nicht in neuen Technologien wie dem Internet, sondern in der Natur des Menschen: Bilder, die Emotionen wecken, und griffige einfache Botschaften bekommen leichter Aufmerksamkeit als langatmig erklärte Fakten. Es ist daher auch nicht richtig, den Menschen zum Vorwurf zu machen, eher auf Emotionen zu reagieren als auf Tatsachen – wir ticken halt so. Trotzdem sollten wir dem Spektakel nicht tatenlos zusehen.

Die Wiege der Werte, auf die wir heute so stolz sind – Menschenrechte, Demokratie, Gleichberechtigung, Toleranz -, wird im Zeitalter der Aufklärung datiert. Es gibt eine berühmte Bestimmung des Begriffs “Aufklärung” und die stammt von Immanuel Kant:

“Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.”

Die Ursachen dieser Unmündigkeit sieht Kant in Bequemlichkeit und Furcht. Nicht selbst denken zu müssen, ist bequem. Und diejenigen, die einem das Denken abnehmen, versuchen geschickt, es bei diesem Zustand zu belassen, indem sie ihrem Schützling Angst davor machen, allein zu gehen. Dass ein einzelner sich aus der Unmündigkeit herausarbeitet, hält Kant daher für weniger wahrscheinlich, als dass dies einem “Publikum” gelänge:

“Daß aber ein Publikum sich selbst aufkläre, ist eher möglich; ja es ist, wenn man ihm nur Freiheit läßt, beinahe unausbleiblich.”

Freiheit ist die Voraussetzung der Aufklärung. Kant führt aus:

“Zu dieser Aufklärung aber wird nichts erfordert als Freiheit; und zwar die unschädlichste unter allem, was nur Freiheit heißen mag, nämlich die: von seiner Vernunft in allen Stücken öffentlichen Gebrauch zu machen. Nun höre ich aber von allen Seiten rufen: räsonniert nicht! Der Offizier sagt: räsonniert nicht, sondern exerziert! Der Finanzrat: räsonniert nicht, sondern bezahlt! Der Geistliche: räsonniert nicht, sondern glaubt! (Nur ein einziger Herr in der Welt sagt: räsonniert, so viel ihr wollt, und worüber ihr wollt; aber gehorcht!) Hier ist überall Einschränkung der Freiheit. Welche Einschränkung aber ist der Aufklärung hinderlich? welche nicht, sondern ihr wohl gar beförderlich? – Ich antworte: der öffentliche Gebrauch seiner Vernunft muß jederzeit frei sein, und der allein kann Aufklärung unter Menschen zustande bringen; der Privatgebrauch derselben aber darf öfters sehr enge eingeschränkt sein, ohne doch darum den Fortschritt der Aufklärung sonderlich zu hindern.”

Vor diesem Hintergrund sollten bei uns alle Alarmglocken angehen angesichts aktueller politischer Diskussionen, eine staatliche Stelle zur Verhinderung von “Fake-News” o.ä. einzurichten. Wer bitteschön will denn entscheiden, nach welchen Kriterien etwas als “Fake” gilt und etwas anderes nicht. Die Freiheit der Meinungsäußerung ist nicht verhandelbar. Beleidigung, üble Nachrede und Verleumdung sind auch heute bereits strafrechtlich zu belangen.

Es ist nicht hilfreich, einfach den sozialen Netzwerken den Schwarzen Peter zuzuschieben. Nicht die Medien sind das Problem, sondern die Botschaften. Und wenn Journalisten sich über die Social Networks beschweren und deren vermeintlich minderwertige Inhalte, diskreditieren sie deren Nutzer, die gleichzeitig aber auch ihr eigenes Publikum sind. Diese Publikumsbeschimpfung führt zu Trotzreaktionen. Das Brexit-Referendum sowie die US-Wahl sind Warnschüsse gewesen.

Der britische Historiker Timothy Garton Ash hat den Slogan der Brexit-Befürworter “Take back control” als “Trumpkitsch europäischer Machart” bezeichnet. Floskeln wie “Obergrenze” oder “Wir werden uns ökologisch ernähren oder gar nicht mehr” sind m.E auch so ein Trumpkitsch. Es gibt keine einfachen Antworten auf komplexe Probleme, so verführerisch das auch ist. Vielleicht sollten wir uns auch mal trauen unentschieden zu sein, uns nicht festzulegen, es aushalten, dass es eventuell mehr als eine Wahrheit gibt. Aus unterschiedlichen Perspektiven mögen die Dinge auch unterschiedlich aussehen. Wenn mir jemand die Welt in scharfgezeichneten Schwarz-Weiß-Szenarien ausmalt, gilt es hellhörig zu werden und die Grauzonen zu suchen. Die Welt ist nicht schwarz-weiß, sondern mindestens grau, und wenn wir alle wollen, vielleicht sogar bunt. Oder mit Timothy Garton Ash:

“Wir werden uns niemals alle einig sein, und das wäre auch nicht gut. Doch wir müssen uns darum bemühen, Bedingungen zu schaffen, unter denen wir uns darüber einig sind, wie wir uneinig sind.”

Das Internet im allgemeinen und die sozialen Medien im speziellen haben aus meiner Sicht einen großen Vorteil: Die Zugänglichkeit von Informationen hat sich massiv verbessert – eigentlich gute Voraussetzungen für die Selbstaufklärung des Publikums. Auch internationale Kontakte werden über die Sozialen Medien erleichtert. Und: Die Journalisten haben ihre Gate-Keeper-Funktion eingebüßt. Dadurch kommt Bewegung in Debatten. Und das ist gut so.

Weihnachten findet jedes Jahr zur Zeit der Wintersonnenwende statt. Es wird ab jetzt also wieder heller. Für die Epoche der Aufklärung gibt es im Englischen das schöne Wort “Enlightenment”. Im diesem Sinne: Frohe Weihnachten!

 

Links:

• Fake News: Politischer Aktionismus schafft ein “Zensurmonster”

• Destabilisierende falsche Meinung – bitte was?!

• Timothy Garton Ash über Redefreiheit: “Wir sollten uns ein dickeres Fell zulegen”

• Der große Kampf um die globale Redefreiheit

 

Alternativlos

Alternativlos

Der Wahlerfolg von Donald Trump in den USA wurde gerade in Europa mit ausgiebiger Verwunderung zur Kenntnis genommen. Die Umfragen hatten ein anderes Ergebnis erwarten lassen. Nun gibt es bei Umfragen methodische Probleme: Menschen neigen dazu, in Interview-Situationen so zu antworten, wie sie glauben, wie es von ihnen erwartet wird. Man möchte sich schließlich keinen Stress einhandeln und passt sich der vermeintlichen öffentlichen Meinung an. In den Wahlkabinen, wo kein Gegenüber eine Antwort zur Kenntnis nimmt, fielen die Entscheidungen letztendlich anders aus als in den Umfragen. In Europa war die veröffentlichte Meinung noch viel deutlicher gegen Donald Trump eingestellt als in den USA. Dementsprechend groß  war die Überraschung am Morgen nach der Wahl. Wie konnte es dazu kommen? Der britische Reporter Jonathan Pie hat der Info-Elite nach der US-Wahl eine deutliche Gardinenpredigt gehalten:

Das Fazit: “The left did this” – die Linken haben das getan. Sie haben den Kulturkrieg gewonnen und jeder, der nicht ihrer Meinung ist, ist sexistisch, rassistisch und dumm.

Donald Trump hat sich im Wahlkampf nicht an die Redeverbote der “political correctness” gehalten, er hat damit die Schweigespirale der linken Meinungsführerschaft durchbrochen. Das muss für den Otto-Normalbürger eine Art Befreiungsschlag gewesen sein: “Seht her: Ich bin wie Ihr und das ist völlig in Ordnung so.”

Auch hierzulande werde schnell eine konservative Meinung, die nicht zum linken Mainstream passt, als “Hass” umetikettiert, stellt die Autorin Meike Lobo fest. Sie schreibt in ihrem Blog:

“Man mag es als Zivilcourage feiern, bestimmten kleingeistigen Meinungen keine Plattform geboten zu haben, aber auf gesellschaftlicher Ebene habe ich damit große Schwierigkeiten. Die soziale Ausgrenzung von Konservativen beispielsweise als frauen-, schwulen- und flüchtlingshassende Nazis führt ja keineswegs dazu, dass diese konservativen Meinungen verschwinden und die Gesellschaft fortschrittlicher und offener wird.”

Im kommenden Jahr sind in Deutschland Bundestagswahlen. Welche Lehren sind zu ziehen?

Es ist nicht hilfreich, einfach den sozialen Netzwerken den Schwarzen Peter zuzuschieben. Wenn Journalisten sich über die Social Networks beschweren und deren angeblich minderwertige Inhalte, diskreditieren sie deren Nutzer. Dabei wurde ein großer Teil der in den sozialen Netzwerken geteilten Inhalten selbst von Journalisten erstellt. Und: Die Medienschaffenden nutzen vor allem Facebook und Twitter auch als Quellen.

Was ist die Antwort auf die drohende Trumpisierung unserer Demokratie? Die Welt ist unüberschaubar geworden, der Alltag ein Dschungel mit immer neuen Anforderungen. Beim Ausfüllen von Anträgen für – sagen wir Elterngeld – frage ich mich oft, wie Menschen mit geringerem Bildungsgrad und/oder geringerer Frustrationstoleranz sowas eigentlich bewältigen. Die Menschen brauchen Orientierung und das Gefühl, das alles gut wird.

Politik und Medien müssen sich einen anderen Duktus zulegen: Die Akteure müssen runter vom hohen Ross. Es bringt nichts, in Fernseh-Tribunalen Vertreter von Protestparteien abzuurteilen. Im Gegenteil: Dadurch werden die Gräben nur tiefer.

Giovanni di Lorenzo schreibt in der Zeit:

“Es kann also niemanden ernsthaft verwundern, dass schon lange Raum frei geworden war für eine neue politische Gruppierung, die nun selbst im rot-alternativen Berlin aus dem Stand fast so viele Stimmen holte wie die Grünen. Die haben mit der Rettung unserer Welt immer noch ein Menschheitsthema auf ihrer Seite, aber die AfD bedient sich eines nicht minder starken Menschheitsreflexes: der Abwehr des Fremden, der Überforderung durch zu viel Neues.”

Es braucht auch mehr Ehrlichkeit. Der Philosoph Wolfram Eilenberger hat im Januar 2016 in der TV-Sendung “Markus Lanz” etwas Bemerkenswertes über die Flüchtlingskrise gesagt (ca. bei min. 12:20):

“Jeder der einen klaren Blick auf die Dinge hat, muss sich derzeit eingestehen, dass wir die Lösung für dieses Problem nicht haben. Wir sollten anfangen, eine Perplexität uns einzugestehen. Und wenn die Politiker jetzt in Schablonen – auch im  Wahlkampf – weiterhin vorgeben, dass sie Lösungen anzubieten haben, dann lügen sie sich selbst an und sie lügen uns an.”

Auch im Bundestagswahlkampf werden Parteien versuchen, einfache Antworten auf vermeintlich einfache Fragen zu geben. Wir sollten darauf vorbereitet sein.

Anne Will fragte gestern Angela Merkel im Interview, warum sie glaube, Teil der Lösung beim Problem des Elitenverdrusses zu sein und nicht Teil des Problems (ca. min. 14:25). Die Kanzlerin antwortet:

“Schauen Sie, ich tue mich unheimlich schwer mit dieser Unterscheidung der Bevölkerung, wo wir das gleiche und geheime Wahlrecht haben in Deutschland, wo ein Teil für sich in Anspruch nimmt “Ich bin das Volk” und der andere Teil, ich weiß gar nicht, wer das definiert, ist dann die Elite. Ich bin 1989, als die Mauer aufging, mit Freude dazu gekommen, jetzt auch Teil eines Volkes zu sein, das seine Meinung sagen kann, das zur Wahl gehen kann, und ich überhöhe meinen Stimmenanteil nicht, ich habe eine Stimme unter allen Wahlberechtigten und ich bin mit Mehrheiten gewählt worden, die mir politische Gestaltung ermöglicht haben. Und deshalb finde ich, jeder kann sich einbringen. Aber dass nur die, die “nein” sagen und die kritisieren, jetzt plötzlich das Volk sind und alle anderen, die jeden Tag zur Arbeit gehen und Probleme lösen und sich versuchen einzubringen und nicht ganz so viel kritisieren oder kritisieren und Lösungen anbieten, dass die plötzlich nicht mehr das Volk sind und dass irgendwo dazwischen die Elite beginnt,  das finde ich, will ich für mich nicht annehmen. (…) Ich bin genauso das Volk, wie andere das Volk sind.”

Was hat sie jetzt eigentlich gesagt? Der Bezug auf den Spruch “Ich bin das Volk” (eigentlich: “Wir sind das Volk”) deutet an, dass sie sich vor allem auf die Pegida-Bewegung bezieht, die den Spruch “Wir sind das Volk” bei den Demos benutzt. Ihr müsste jedoch eigentlich klar sein, dass der Verdruss in der Bevölkerung über diese zur Randerscheinung geschrumpften Bewegung hinaus geht. Menschen, die arbeiten gehen, machen anscheinend nicht soviel Ärger – wen wundert’s? Der Begriff “Elite” wird derzeit vor allem auch in den Analysen zur US-Wahl benutzt, und zwar von Kommentatoren aus allen politischen Lagern. So zu tun, als ob er keinen Sinn macht, ist schlicht ignorant. Kurzum: Sie zieht sich den Schuh nicht an.

Menschen, die Merkel kritisieren wie der Psychiater Hans-Joachim Maaz aus Halle, der nach dem Interview bei Anne Will zu Worte kam, werden in der Medienlandschaft gleich abgekanzelt. So schreibt Thorsten Denkler in seiner TV-Kritik in der Süddeutschen Zeitung:

“Hans-Joachim Maaz. Ein Psychoanalytiker aus Halle, Ex-Chefarzt, 70 Jahre alt. Das ist jetzt an sich nichts Verwerfliches. Nur dass Maaz redet, als müsste er selbst dringend auf die Couch.”

So wird das nichts, liebe Elite. Maaz ist ein viel zitierter Experte, wenn die Hintergründe der Pegida-Bewegung thematisiert werden. Ihn schlicht als plemplem hinzustellen, liefert quasi den performativen Beweis, dass Medien und Politik hinterherhinken bei der Analyse der aktuellen Problemstellung. Kommt in die Puschen, kein Jahr mehr bis zur Bundestagswahl, sonst droht auch hier ein Denkzettel oder mit den Worten des Politikwissenschaftlers Herfried Münklers:

“Viele derer, die populistisch wählen, ich vermute mal, ziemlich egal, ob links- oder rechtspopulistisch, sind enttäuscht von dem System, fühlen sich ausgegrenzt, abgehängt und machen gewissermaßen politisch einmal ihr Bäuerchen. Das heißt nicht, dass sie eine sehr genaue Vorstellung davon haben, wie Politik anders läuft. Das weiß man ja auch aus den Umfragen, dass viele AfD-Wähler sich gar nicht mit deren Programmatik beschäftigt haben. Sondern sie wollen Denkzettel verteilen, gelbe Zettel ankleben und drauf schreiben: Hallo, das Volk, also ich, war hier.”

 

Bildnachweis: Bundesregierung/Denzel

Qualitätsfernsehen

Qualitätsfernsehen

“Im Grunde ist nur das Falsche wirklich echt” – Dieser Ausspruch von Harald Schmidt (SWR UniTalk bei min 44:00) bringt auf den Punkt, wie viele Medien heute arbeiten. Harald Schmidt beschreibt in der Sequenz wie die Bildzeitung ein Foto von seinem Auftritt bei “Wetten Dass …” zwei Wochen nach dem Tod seines Vaters betitelt mit den Worten “Hier trauert Dirty Harry um seinen Vater” und dabei sei er nur gerade kurz vorm Einschlafen gewesen:

“Für mich ist es sozusagen der Inbegriff des Beispiels, dass dieses Bild sozusagen, wenn es als Trauer gilt, unerreichbar ist verglichen mit jeder echt dargestellten Trauer. Die vermittelt sich gar nicht. Aber wenn ich einfach so ein Bild habe, wie man sich Trauer vorstellt, und drunter steht “Hier trauert Dirty Harry um seinen Vater” – er ist aber nur kurz davor einzuschlafen, weil zwei Österreicher sich aufpumpen -,  dann ist das sozusagen für mich ein Musterbeispiel davon, wie segensreich Medien wirken können, wenn man sie nicht mit Prozessen belästigt und sagt, das ist aus dem Zusammenhang gerissen, sondern einfach sagt: Im Grunde ist nur das Falsche wirklich echt. Alles andere ist ein kümmerlicher Versuch, der zum Scheitern verurteilt ist.”

Scheitern wollte offensichtlich auch ein Redakteur nicht, der bei einer Leipziger TV-Produktionsfirma einen Beitrag für das ZDF-Magazin frontal21 vorbereitete. Auf Facebook wurde jetzt die folgende Anfrage veröffentlicht:

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Zum einen verwundert, warum der Autor ausgerechnet bei der Betreiberin der Website netzfrauen.org anfragt, denn diese Seite hat einen zweifelhaften Ruf als Clickbait-Maschine mit unseriösen Inhalten. Zum anderen hat er recht konkrete Vorstellungen, wie die O-Töne des oder der Befragten am Ende ausschauen sollen. Warum sucht er nicht gleich Schauspieler, wenn die Story vor dem Dreh schon fertig ist? Authentizität ist doch hier nicht mehr gegeben. Der Protagonist werde gesucht, um den Beitrag “mit Leben zu erfüllen” – aha, so als Deko also?

Nicht lebendig genug waren offensichtlich die O-Töne von interviewten Landwirten für einen Beitrag im ARD-Magazin Kontraste über die Haltung von Sauen. Sie fielen dem Schneidegerät zum Opfer. topagrar zitiert die Antwort der Redaktion:

“Im Zuge unserer Recherchen hat sich der Schwerpunkt des geplanten Beitrages deutlich verändert, so dass wir nicht alle (ebenso interessanten) Aspekte berücksichtigen konnten. Zudem wurde dem Beitrag nur eine erheblich kürzere Länge zugestanden als ursprünglich geplant. Deshalb bedauere ich sehr, dass wir in diesem Fall Passagen unseres Interviews mit Ihnen leider nicht berücksichtigen konnten – was partout nichts über die Bedeutung der von Ihnen ausgeführten interessanten Aspekte zu diesem umfänglichen Thema aussagt. Ich bedanke mich für Ihre Mühen, Ihre Zeit, Ihr Entgegenkommen und hoffe, Sie bleiben uns gewogen.”

Für die Landwirte ist das ein schwacher Trost, denn ihre fachliche Einschätzung der gezeigten Sauenhaltung kam im Fernsehbeitrag schließlich nicht vor. Die vergeudete Zeit ist zu verknusen, nicht aber die tendenziöse Berichterstattung. Ein offener Brief von drei Schweineexperten, der auf der Facebook-Seite “Frag den Landwirt” veröffentlicht wurde, gibt einen Eindruck, welche Versäumnisse sich die Redaktion zuschreiben lassen muss.

Bereits die Anmoderation versteigt sich im Größenwahn:

“Eine Zuchtsau in der Massentierhaltung: Haben Sie eine Vorstellung, wie viele Ferkel so eine Sau pro Jahr in unseren Tierfabriken zur Welt bringt? – Es sind 180.”

Es gibt den schönen Spruch “Eine Sau trägt drei Monate, drei Wochen und drei Tage”. Zählt man nun auch noch die Säugezeit hinzu, kommt man auf nicht drei Würfe im Jahr. Rein rechnerisch geht der Fachmann von einem Durchschnitt von etwas weniger als 2,5 Würfen je Sau und Jahr aus. Selbst wenn ich mit drei Würfen pro Jahr rechne, sind 60 Ferkel pro Wurf selbst für den Laien schwer vorstellbar. Aber, was soll’s: “Im Grunde ist nur das Falsche …” (s.o.)

 

 

Bildnachweis: tillintallin.de, dort gibt es das Motiv auch als Bildschirmhintergrund zum Runterladen