Die Welt ist unübersichtlich und kompliziert geworden. Die zur Verfügung stehenden Informationen sind nicht zu überblicken. Journalisten und Politikern wird Misstrauen entgegengebracht. Es mangelt an Orientierung. “Fake News”, “Hatespeech”, “Big Data”, “Filterblase”, “Echokammer” – was ist heute noch echt, was authentisch und was vor allem vertrauenswürdig?

Im Grunde ist Postfaktizität kein neues Phänomen und hat seinen Ursprung auch nicht in neuen Technologien wie dem Internet, sondern in der Natur des Menschen: Bilder, die Emotionen wecken, und griffige einfache Botschaften bekommen leichter Aufmerksamkeit als langatmig erklärte Fakten. Es ist daher auch nicht richtig, den Menschen zum Vorwurf zu machen, eher auf Emotionen zu reagieren als auf Tatsachen – wir ticken halt so. Trotzdem sollten wir dem Spektakel nicht tatenlos zusehen.

Die Wiege der Werte, auf die wir heute so stolz sind – Menschenrechte, Demokratie, Gleichberechtigung, Toleranz -, wird im Zeitalter der Aufklärung datiert. Es gibt eine berühmte Bestimmung des Begriffs “Aufklärung” und die stammt von Immanuel Kant:

“Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.”

Die Ursachen dieser Unmündigkeit sieht Kant in Bequemlichkeit und Furcht. Nicht selbst denken zu müssen, ist bequem. Und diejenigen, die einem das Denken abnehmen, versuchen geschickt, es bei diesem Zustand zu belassen, indem sie ihrem Schützling Angst davor machen, allein zu gehen. Dass ein einzelner sich aus der Unmündigkeit herausarbeitet, hält Kant daher für weniger wahrscheinlich, als dass dies einem “Publikum” gelänge:

“Daß aber ein Publikum sich selbst aufkläre, ist eher möglich; ja es ist, wenn man ihm nur Freiheit läßt, beinahe unausbleiblich.”

Freiheit ist die Voraussetzung der Aufklärung. Kant führt aus:

“Zu dieser Aufklärung aber wird nichts erfordert als Freiheit; und zwar die unschädlichste unter allem, was nur Freiheit heißen mag, nämlich die: von seiner Vernunft in allen Stücken öffentlichen Gebrauch zu machen. Nun höre ich aber von allen Seiten rufen: räsonniert nicht! Der Offizier sagt: räsonniert nicht, sondern exerziert! Der Finanzrat: räsonniert nicht, sondern bezahlt! Der Geistliche: räsonniert nicht, sondern glaubt! (Nur ein einziger Herr in der Welt sagt: räsonniert, so viel ihr wollt, und worüber ihr wollt; aber gehorcht!) Hier ist überall Einschränkung der Freiheit. Welche Einschränkung aber ist der Aufklärung hinderlich? welche nicht, sondern ihr wohl gar beförderlich? – Ich antworte: der öffentliche Gebrauch seiner Vernunft muß jederzeit frei sein, und der allein kann Aufklärung unter Menschen zustande bringen; der Privatgebrauch derselben aber darf öfters sehr enge eingeschränkt sein, ohne doch darum den Fortschritt der Aufklärung sonderlich zu hindern.”

Vor diesem Hintergrund sollten bei uns alle Alarmglocken angehen angesichts aktueller politischer Diskussionen, eine staatliche Stelle zur Verhinderung von “Fake-News” o.ä. einzurichten. Wer bitteschön will denn entscheiden, nach welchen Kriterien etwas als “Fake” gilt und etwas anderes nicht. Die Freiheit der Meinungsäußerung ist nicht verhandelbar. Beleidigung, üble Nachrede und Verleumdung sind auch heute bereits strafrechtlich zu belangen.

Es ist nicht hilfreich, einfach den sozialen Netzwerken den Schwarzen Peter zuzuschieben. Nicht die Medien sind das Problem, sondern die Botschaften. Und wenn Journalisten sich über die Social Networks beschweren und deren vermeintlich minderwertige Inhalte, diskreditieren sie deren Nutzer, die gleichzeitig aber auch ihr eigenes Publikum sind. Diese Publikumsbeschimpfung führt zu Trotzreaktionen. Das Brexit-Referendum sowie die US-Wahl sind Warnschüsse gewesen.

Der britische Historiker Timothy Garton Ash hat den Slogan der Brexit-Befürworter “Take back control” als “Trumpkitsch europäischer Machart” bezeichnet. Floskeln wie “Obergrenze” oder “Wir werden uns ökologisch ernähren oder gar nicht mehr” sind m.E auch so ein Trumpkitsch. Es gibt keine einfachen Antworten auf komplexe Probleme, so verführerisch das auch ist. Vielleicht sollten wir uns auch mal trauen unentschieden zu sein, uns nicht festzulegen, es aushalten, dass es eventuell mehr als eine Wahrheit gibt. Aus unterschiedlichen Perspektiven mögen die Dinge auch unterschiedlich aussehen. Wenn mir jemand die Welt in scharfgezeichneten Schwarz-Weiß-Szenarien ausmalt, gilt es hellhörig zu werden und die Grauzonen zu suchen. Die Welt ist nicht schwarz-weiß, sondern mindestens grau, und wenn wir alle wollen, vielleicht sogar bunt. Oder mit Timothy Garton Ash:

“Wir werden uns niemals alle einig sein, und das wäre auch nicht gut. Doch wir müssen uns darum bemühen, Bedingungen zu schaffen, unter denen wir uns darüber einig sind, wie wir uneinig sind.”

Das Internet im allgemeinen und die sozialen Medien im speziellen haben aus meiner Sicht einen großen Vorteil: Die Zugänglichkeit von Informationen hat sich massiv verbessert – eigentlich gute Voraussetzungen für die Selbstaufklärung des Publikums. Auch internationale Kontakte werden über die Sozialen Medien erleichtert. Und: Die Journalisten haben ihre Gate-Keeper-Funktion eingebüßt. Dadurch kommt Bewegung in Debatten. Und das ist gut so.

Weihnachten findet jedes Jahr zur Zeit der Wintersonnenwende statt. Es wird ab jetzt also wieder heller. Für die Epoche der Aufklärung gibt es im Englischen das schöne Wort “Enlightenment”. Im diesem Sinne: Frohe Weihnachten!

 

Links:

• Fake News: Politischer Aktionismus schafft ein “Zensurmonster”

• Destabilisierende falsche Meinung – bitte was?!

• Timothy Garton Ash über Redefreiheit: “Wir sollten uns ein dickeres Fell zulegen”

• Der große Kampf um die globale Redefreiheit

 

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2 thoughts on “Postfaktischer Adventskalender, Teil 24: Frohe Weihnachten!

  1. Danke Frau Günther, für die Fleisearbeit und insbesondere das “letzte Türchen”. Ich bin ganz bei Ihnen und wünsche mir Ihr Engagement auch 2017: Aufklärung lebt von der kritische “Masse” und Personen, die kritisch sind und das Grau suchen … damit die Welt ein Stück bunter wird. Danke

  2. Dickes Danke für diese Einblicke in die unterschiedlichen Thematiken.

    Gerne könnte es diese Form der Aufklärung für das kommende Jahr als laufende Serie geben, am Ende des Jahres “binden” sie es und bringens als Ebook :>

    So oder so, dankeschön! Selten von einer Bloggerserie so angetan gewesen!

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