Lobbyismus in Reinkultur

Lobbyismus in Reinkultur

Im Vorfeld des TV-Duells von Kanzlerin Angela Merkel und Herausforderer Martin Schulz am kommenden Sonntag haben verschiedene Organisationen aus der Bio-Branche sowie dem dazugehörigen ideologischen Dunstkreis einen Offenen Brief an die Moderatoren der Sendung geschickt und diese darin aufgefordert, das Thema Landwirtschaft beim TV-Duell zu berücksichtigen.

Dieser Brief ist in mehrfacher Hinsicht ein Affront: Die Unterzeichner tun vordergründig so, als ob ihnen die Zukunft der Landwirtschaft generell am Herz liege, aber eigentlich geht es nur darum, die von der Politik zu vergebenden Fördermittel in den Ökolandbau zu pumpen. Es wird zwar vermieden, die Worte “Bio-” bzw. “Ökolandbau” zu verwenden, aber der Kreis der Unterzeichner und die folgende Problem-Beschreibung lassen im Grunde keine Zweifel offen, wie der Appell gemeint ist:

“Auch hier in Deutschland wird die Fruchtbarkeit der Böden durch eine nach industriellen Prinzipien organisierte Landbewirtschaftung abgebaut. Dies geschieht durch einseitige Fruchtfolgen mit hohen Anteilen derselben Anbaukulturen, sowie durch die Anwendung chemisch-synthetischer Stoffe zur Düngung, durch Biozide, wie Insektizide und Herbizide, die die biologische Vielfalt, und damit die unersetzbaren Funktionen des Bodenlebens, beeinträchtigen.”

Diese Argumentation folgt bekannten Mustern, die Kernaussage ist: Industrielle Landwirtschaft – was auch immer das sei – ist nicht nachhaltig, schädigt die Biodiversität und verbraucht die natürlichen Ressourcen. Dabei wird ausgerechnet auf die Bodenfruchtbarkeit abgehoben:

“Dagegen könnte eine regenerative, Humus und biologische Vielfalt aufbauende Landwirtschaft enorme positive Wirkung entfalten. Sie erhöht nicht nur die Fruchtbarkeit und Produktivität der Böden, sowie ihre Widerstandskraft gegen extremer werdende Umweltereignisse. Mittels des Aufbaus biologischer Vielfalt und organischer Masse können Böden in erheblichem Maß Kohlenstoff binden und für die landwirtschaftliche Produktivität nutzbar machen.”

Was soll eigentlich eine “biologische Vielfalt aufbauende Landwirtschaft” sein? Wenn ich erfolgreich Ackerbau betreiben will, muss ich auf meinen Feldern die biologische Vielfalt zurückdrängen, sonst ernte ich nichts. Das Foto oben von Dr. Felix Prinz zu Löwenstein, Vorstandsvorsitzender des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW e.V.) und einer der Unterzeichner des Offenen Briefes, zeigt eindrucksvoll, dass das gleichermaßen für den Bio-Landwirt gilt.

Und sind es nicht vor allem die Bio-Bauern, die zur Kontrolle der Beikräuter auf mechanische Verfahren und wendende Bodenbearbeitung zurückgreifen müssen? Beides ist nicht gut für den Boden. Konventionelle Mulch- und Direktsaatsysteme sind zu nennen, wenn es um CO2-Einsparung, Erosionsschutz sowie Förderung von Bodenleben und -struktur geht. Gerade die im Ökolandbau eingesetzten Kupferverbindungen sind nachhaltig schädlich für den Boden.

Diese sogenannte regenerative Landwirtschaft habe derzeit am Markt keine Chance, erklären die Unterzeichner:

“Bislang befördert die Politik ein Wirtschaftshandeln, das unsere gesellschaftliche und ökonomische Zukunftsfähigkeit gefährdet und die natürlichen Lebensgrundlagen schädigt. Nicht nachhaltige Wirtschaftsweisen, die Lebensgrundlagen abbauen und die Kosten auf die Allgemeinheit abwälzen, sind bislang profitabler und somit wettbewerbsstärker. Dabei werden jedoch langfristig und global Ressourcen vernichtet, die zukünftig weder den Menschen, noch für Wirtschaftsaktivitäten und -unternehmen zur Verfügung stehen. Die Folgen davon tragen alle.”

Hier kommt das altbekannte Argument zum Tragen, dass die Produkte der konventionellen Landwirtschaft nur deswegen so günstig seien, weil Kosten für Umweltfolgen auf die Allgemeinheit umgelegt würden. Die daraus erwachsende Forderung ist in der Regel, den Ökolandbau stärker mit öffentlichen Mitteln zu fördern, um das Marktversagen abzupuffern. Die Verfasser richten eine Aufforderung an die Moderatoren des TV-Duells:

“Unsere KanzlerkandidatInnen müssen Antwort auf die Fragen danach geben, wie sie die politischen Rahmenbedingungen für eine zukunftsfähige Marktwirtschaft gestalten wollen, damit regenerative Landwirtschaft und ein weltweiter Schutz von Böden und ihrer Fruchtbarkeit stattfinden.

Sie werden am 3. September 2017 diese Antwort aber nur geben, wenn Sie Ihnen dazu die erforderlichen Fragen stellen !”

Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Verfasser des Briefes, allen voran Dr. Felix Prinz zu Löwenstein, hier im Sinn haben, dass die Politik die Anwendung konservierender Bodenbearbeitung im Ackerbau besonders fördern soll. Denn dabei würden ja wohlmöglich Glyphosat und andere chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel eingesetzt werden. Auch wenn es da nicht wörtlich steht, kann eigentlich nur gemeint sein, dass erfragt werden soll, wie die Kanzlerkandidatin und der Kanzlerkandidat gedenken, den Ökolandbau voranzubringen.

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Dr. Prinz Felix zu Löwenstein in seinem Garten. Ich finde: In Sachen Biodiversität und Bienenweide gibt es hier noch eine Menge Luft nach oben. Bildnachweis: Screenshot aus der ZDF-Dokumentation “Schöne neue Landwirtschaft? Die Bayer-Monsanto-Fusion”

Dabei ist fraglich, ob der Ökolandbau die ihm zugeschriebene “regenerative” Wirkung auch wirklich hat. Auch der von der Bio-Branche oft ins Feld geführten Biodiversität ist mit einer planlosen Ausdehnung der Bio-Landwirtschaft nicht geholfen: Eine aktuelle Studie aus Göttingen zeigt, dass die Größe eines Feldes für den Artenreichtum ganz entscheidend ist. Das bestätigt die Thesen des Göttinger Agrarökologen und Co-Autors der Studie Teja Tscharntke, dass es in einer abwechslungsreichen Kulturlandschaft wenig Unterschiede in der Biodiversität auf Öko- und konventionellen Flächen gibt. So sagte Tscharntke in einem öffentlichen Fachgespräch des Bundestags-Ausschuss für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit zum Thema “Ursachen und Auswirkungen des Biodiversitätsverlustes bei Insekten”:

“Es geht sogar so weit, dass, wenn man zum Beispiel ökologischen Landbau mit konventionellem Landbau vergleicht – sagen wir einmal eine ökologische Weizenfläche mit einer konventionellen Weizenfläche entlang eines Gradienten von Landschaftsvielfalt –, dass nur in den ausgeräumten Landschaften der Ökolandbau sehr viel besser dasteht als der konventionelle Landbau in Artenvielfalten, auch in der biologischen Kontrolle. In den komplexen Landschaften – sagen wir einmal mit 20, 30 Prozent naturnahen Lebensräumen – nähert sich das an, da findet man keinen Unterschied mehr. Da ist, weil so viel Einwanderung passiert, auch bei einer konventionellen Bewirtschaftung, „die Welt noch in Ordnung“. Das zeigt, wie wichtig dieser Strukturreichtum ist, der für viele andere Funktionen – Bodenschutz, Grundwasserneubildung usw. – natürlich auch eine zentrale Bedeutung hat.”

Die Experten sind sich einig, dass vor allem spezialisierte Arten zurückgehen, dass heißt, Arten, die auf einen bestimmten Lebensraum und die Nahrung, die sie dort vorfinden, angewiesen sind. Wenn der Lebensraum verschwindet, verschwindet auch die Art. Der Biologe Prof. Dr. Werner Kunz von der Universität Düsseldorf erläutert das in seinem Buch “Artenschutz durch Habitatmanagement” am Beispiel des Ortolans, eines Singvogels, der bis in die 50er Jahre in Deutschland verbreitet war und heute nur noch selten vorkommt (S. 143 f.):

“Der Ortolan brütet hierzulande meist auf Getreideäckern und zwar in Beständen, die zu Beginn der Brutzeit maximal 15-20 cm hoch stehen dürfen und schütter genug wachsen müssen, sodass die Vögel zwischen den Halmen noch ungehindert durchschlüpfen und dort ihre Nahrung finden können (Lanz, 2009) (Tafel 9). Solche Äcker wird man durch eine biologische Landwirtschaft nicht schaffen können. Der Ortolan kehrt nicht zurück, wenn Ackerrandstreifen und Lerchenfenster geschaffen werden. Er kehrt auch nicht zurück, wenn der Einsatz von Insektiziden und Herbiziden verringert wird, noch fördert ihn die biologische Landwirtschaft. Wovon der Ortolan profitiert hat, waren die kümmerlichen, ertragsarmen, übernutzten Ackerböden, wie sie früher an vielen Stellen waren, als die Bevölkerung noch Hungersnöte kannte.”

Für Kunz gibt es kein Zurück zur Subsistenz-Landwirtschaft früherer Tage. Er plädiert daher dafür, neben den landwirtschaftlichen Nutzflächen, Flächen entsprechend der Bedürfnisse seltener Arten anzulegen und zu bewirtschaften (S. 188):

“Viele Argumente sprechen dafür, dass die Zukunft der Arten nicht in einer Reform der Landwirtschaft liegen kann, sondern in einem Nebeneinander von landwirtschaftlich genutzten Flächen und künstlich geschaffenen und bearbeiteten Magerflächen, die von vornherein nicht dem wirtschaftlichen Ertrag, sondern dem Schutz der Arten dienen.”

Der Ökolandbau ist kein Allheilmittel zur Lösung von Umweltproblemen, sondern hat zum Beispiel mit dem nahezu alternativlosen Kupfereinsatz seine ganz eigenen Baustellen. Das sollte von der Bio-Branche einmal zur Kenntnis genommen werden! Verbesserungen im Natur- und Artenschutz lassen sich nur erzielen, wenn die Politik für alle Landwirte Anreize setzt, hier aktiv zu werden. Eine pauschale Öko-Förderung mit der Gießkanne bringt nichts. Wenn z.B. in Mittelgebirgsregionen, wo zum Teil eh nur extensive Weidehaltung Sinn macht, großzügig Umstellungsprämien ausgeschüttet werden, generiere ich damit nur Mitnahmeeffekte, ohne eine nennenswerte Verbesserung der Lebensräume für Tiere und Pflanzen zu schaffen.

Es zweifelt auch nahezu kein ernst zu nehmender Wissenschaftler daran, dass es zur Welternährung moderne und innovative Anbauverfahren braucht. Selbst Öko-Pioniere wie der Schweizer Forscher Prof. Dr. Urs Niggli sind da ganz eindeutig. So sagte Niggli vor rund einem Jahr in einem Interview zur Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung:

“Es braucht dann aber eine zweite Ökologisierungs-Strategie, die den wissenschaftlichen Fortschritt nutzt, um die Welt zu ernähren. Und diese wird genauso ihre Berechtigung haben wie der Ökolandbau.”

Solange Lobbyisten wie Dr. Felix Prinz zu Löwenstein das nicht zur Kenntnis nehmen, wird mit ihnen eine Diskussion über die Zukunft der Landwirtschaft sehr schwierig werden.

 

Bildnachweis: Screenshot aus der ZDF-Dokumentation “Schöne neue Landwirtschaft? Die Bayer-Monsanto-Fusion”  aus der Reihe planet-e, Video in der Mediathek abrufbar

#Hormongifte

#Hormongifte

Die Süddeutsche Zeitung berichtete Mitte Februar über die Partei Bündnis 90/Die Grünen im Umfragetief. In diesem Artikel findet sich die interessante Passage:

“Derzeit heißt die Strategie: Voll auf Öko, den grünen Markenkern. Drei Stunden saß die Parteiführung diese Woche mit den Umweltverbänden zusammen. Nur: Nicht mal in deren Chefbüros wagt man derzeit zu hoffen, dass Klima- und Naturschutz eine entscheidende Rolle im Wahlkampf spielen werden.”

Ich habe mir schon immer gedacht, dass Grüne und NGOs – kurz: Big Green -, sich absprechen, aber so deutlich habe ich das bislang nicht in den Medien wieder gefunden.

Die Meldung veranlasste mich zu einer kleinen Umfrage auf Twitter. Mir wären noch mehr mögliche Themen eingefallen, aber man kann aus technischen Gründen nur vier Optionen vorgeben:

Glyphosat ist der klare “Gewinner” der Umfrage. Aber ich lag anscheinend völlig falsch. Der Öko-Wahlkampf wird eröffnet mit dem Thema “endokrine Disruptoren” – “endo-was”? Ach richtig, viel zu kompliziert, da muss eine griffige Formulierung her: Soll ja als schädlich rüberkommen, also nehmen wir “Gift”, wirken wie Hormone, also “Hormongifte” -perfekt! Wenn wir nachsehen, wer in den letzten Tagen und Wochen so alles mit dem Hashtag “#Hormongifte” oder dem Begriff “Hormongifte” getwittert hat, finden wir das übliche Stelldichein des politisch-ökologischen Komplexes. Man erwähnt und zitiert sich gegenseitig:

Doch worum geht es eigentlich? Endokrine Disruptoren sind Substanzen, die hormonell wirken können und darum natürliche Prozesse, z.B. die Geschlechtsentwicklung des Fötus im Mutterleib, stören. Auf EU-Ebene wird derzeit diskutiert, unter welchen Umständen ein Stoff als endokriner Disruptor gelten soll. Dies hat u.a. Auswirkungen auf die Zulassungspraxis von Pestizid- und Biozid- Wirkstoffen.

Was mir in dieser Debatte mal wieder fehlt, ist die Verhältnismäßigkeit. Es gibt endokrin-disruptiv wirkende Substanzen ganz natürlich in Pflanzen, das sind sogenannte Phytohormone. Sojabohnen zum Beispiel enthalten Stoffe, sogenannte Isoflavone, die ähnlich wie Östrogene wirken können. Das kann gesundheitliche Vor-, aber auch Nachteile mit sich bringen.

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Hormongifte aus der Anti-Baby-Pille finden sich auch im Trinkwasser wieder. Quelle: UBA

Ein weiteres Problem: Durch die Einnahme von Medikamenten wie der Anti-Baby-Pille oder wie Präparaten für die Hormonersatztherapie in den Wechseljahren geraten Hormone ins Abwasser. Auf die Nomenklatur von Big Green übertragen ist so eine Anti-Baby-Pille quasi eine Hormongift-Bombe. Bislang gibt es keine Vorschriften, dass Substanzen wie das künstliche Östrogen 17α-Ethinylestradiol (EE2) sowie das natürliche Östrogen Estradiol (E2) in den Kläranlagen rausgefiltert werden müssen. Die EU-Kommission hatte Anfang 2012 vorgeschlagen, die pharmazeutischen Wirkstoffe Diclofenac, EE2 und E2 auf die Liste der prioritären Stoffe im Bereich der Wasserpolitik zu setzen. Die Liste führt alle Substanzen auf, für die EU-weit geltende Umweltqualitätsnormen festgelegt worden sind und die langfristig nicht mehr in unseren Gewässern nachweisbar sein sollen. Dazu kam es aber nicht: Es wurde lediglich eine neue Beobachtungsliste eingeführt, auf der die drei Arzneimittel jetzt aufgeführt sind – mit der Perspektive, sie mittel- bis langfristig auf die Liste der prioritären Stoffe zu übernehmen. Das künstliche Östrogen EE2 sowie das natürliche Östrogen E2 – beides endokrin disruptiv wirkende Stoffe – dürfen somit weiterhin im Abwasser von Kläranlagen vorkommen.

Forscher des Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) in Berlin und der Universität Wroclaw konnten nachweisen, dass EE2 bei bestimmten Amphibienarten eine verweiblichende Wirkung hat. Der Leiter der Studie, Evolutionsbiologe Dr. Matthias Stöck, wird in einer Pressemitteilung des Instituts zitiert:

“Die Verweiblichung von Populationen kann neben anderen schädigenden Hormonwirkungen zum Aussterben von Amphibienarten beitragen.”

Weiter heißt es dort, die Ergebnisse der Studie zeigten, dass nach der Exposition mit EE2 bei allen drei untersuchten Amphibienarten bei 15 bis zu 100 Prozent der Tiere eine Geschlechtsumkehr von genetisch männlichen zu weiblichen Tieren auftrete.

Co-Autor der Studie, Prof. Werner Kloas vom IGB, ist ein international renommierter Ökotoxikologe. Er kommentiert die Studienergebnisse:

“EE2 ist auch in unserem Wasserkreislauf enthalten und stellt, zusammen mit anderen östrogenartig wirkenden Stoffen nicht nur für Amphibien, sondern auch für uns Menschen eine ernstzunehmende Beeinträchtigung dar.”

Auch in unserem Trinkwasser wurde nach Unterlagen des Umweltbundesamtes bereits EE2 nachgewiesen. Hormongifte aus Arzneimitteln im Trinkwasser und niemand kümmert sich darum? Statt dessen streiten Grüne und NGOs selbstverliebt um diverse Definitionsspitzfindigkeiten, um Bedrohungen zu verhindern, die im Vergleich zur vorliegenden Abwasserproblematik allenfalls hypothetischer Natur sind. Aber wer will den Menschen schon ihre Verhütungsmittel oder ihre Wechseljahrestherapie madig machen? Nein, dann lieber weiter Angst machen vor diesen endo-dings, ach was, vor den Hormongiften halt, die von Monsanto und Co in die Welt gesetzt werden.

 

Links:

• Scientific principles for the identification of endocrine-disrupting chemicals: a consensus statement

• RICHTLINIE 2013/39/EU DES EUROPÄISCHEN PARLAMENTS UND DES RATES
vom 12. August 2013 zur Änderung der Richtlinien 2000/60/EG und 2008/105/EG in Bezug auf prioritäre Stoffe im Bereich der Wasserpolitik

• DURCHFÜHRUNGSBESCHLUSS (EU) 2015/495 DER KOMMISSION vom 20. März 2015 zur Erstellung einer Beobachtungsliste von Stoffen für eine unionsweite Überwachung im Bereich der Wasserpolitik gemäß der Richtlinie 2008/105/EG des Europäischen Parlaments und des Rates

 

Bildnachweis: Facebookseite von “Bündnis 90/Die Grünen Bundestagsfraktion”

Agrotopia

Agrotopia

Pünktlich zur Grünen Woche, die am 20. Januar in Berlin startet, legt Greenpeace ein “Kursbuch Agrarwende 2050” vor, in dem die Organisation beschreibt, wie sie sich die Landwirtschaft der Zukunft vorstellt. Verantwortlich für den fachlichen Input zeichnet das Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) in Frankfurt am Main. Bereits beim ersten Querlesen sind mir einige Punkte aufgefallen, die ich hier kurz anreißen möchte.

Der Verbraucher

Der gesamte Entwurf gilt nur unter der Prämisse, dass die Verbraucher ihren Fleischkonsum bis 2050 halbieren. Die Kurzfassung der Studie schließt (S. 15) mit den Worten:

“Auch der Verbraucher muss bei diesem Umbau aktiv werden. Der Fleischkonsum der Bevölkerung in Deutschland sollte sich bis 2050 halbieren und die Haltung von Nutzieren zur Erzeugung tierischer Lebensmittel (Milch, Fleisch) auf den heimischen Markt konzentrieren. Darüber hinaus sollten vermeidbare Lebensmittelverluste halbiert werden. Wenn dies gelingt, können 76 oder 80 Millionen Menschen weitgehend aus der heimischen Produktion ernährt und gleichzeitig die gesetzten Umweltziele erreicht werden. Zudem verbleiben Restflächen, die z.B. für die Biomasseproduktion zur Verfügung stehen. Bei einer Ernährung wie bisher („as usual“) reicht die verfügbare Fläche für eine ökologisierte Landwirtschaft nicht aus, um die deutsche Bevölkerung ohne erhebliche Importe an Lebensmitteln im Jahr 2050 zu ernähren.”

Es ist zumindest zweifelhaft, ob die Skizze, die Greenpeace hier vorlegt, gesellschaftlich akzeptiert wird. Das fängt beim Fleischkonsum an und hört bei dreimal Kohlsuppe in der Woche auf. Das haben die Veggie-Day-Bemühungen der Grünen, die ursprünglichen Klimaschutzpläne von Umweltministerin Dr. Barbara Hendricks und zuletzt der Mehrwertsteuer-Vorstoß vom Umweltbundesamt eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Auch Greenpeace zieht eine erhöhte Mehrwertsteuer als Maßnahme der Konsumsteuerung in Betracht.

Verzicht auf chemisch-synthetischen Pflanzenschutz

Das Agrarmodell von Greenpeace sieht vor, auf chemisch-synthetischen Pflanzenschutz zu verzichten. Man geht davon aus, dass der Verzicht einen Ertragsrückgang um durchschnittlich 40 Prozent bewirken wird. Das soll durch Maßnahmen wie die Reduzierung der Lebensmittelabfälle kompensiert werden. Dabei macht Greenpeace einen Denkfehler: Der Verzicht auf chemisch-synthetischen Pflanzenschutz erzeugt ja nicht gleichmäßig 40 Prozent weniger Ertrag, den man woanders leicht kompensieren kann. Der letzte Sommer hat gezeigt, dass zum Beispiel Winzer oder Kartoffelbauern, wenn Ihnen nicht die entsprechenden Mittel zur Verfügung stehen auch einmal ein Jahr gar nichts ernten. Weitgehend heimische Kartoffel-Produktion in einem feuchtwarmen Sommer ohne chemisch-synthetische Wirkstoffe bedeutet kiloweise bodenschädliches Kupfer auf die Felder fahren. Was ist damit gewonnen? In der Ankündigung zur Greenpeace-Veröffentlichung steht, dass alle bienenschädlichen Pestizide verboten werden sollen – dann bitteschön aber auch die für den Ökolandbau zugelassenen Wirkstoffe Spinosad und die Pyrethrine!

Verwurf reduzieren

Die Verluste, die aus dem Verzicht auf chemisch-synthetischen Pflanzenschutz resultieren (minus 40 Prozent Ertrag), sollen dadurch ausgeglichen werden, dass weniger weggeworfen wird. Wenn es so einfach wäre, Verwurf zu reduzieren, warum machen wir das nicht einfach schon? Aus krummen Kartoffeln lassen sich nicht gut Pommes schneiden. Warum sollen in 2050 die Kartoffeln weniger krumm sein? Gerade bei Bio-Kartoffeln gibt es viel Verwurf.

Noch ein Beispiel: In den Läden werden bis kurz vor Ladenschluss alle möglichen Brotsorten vorgehalten, damit der Kunde auch nach seiner Arbeit noch die maximale Auswahl hat. Da bleibt eine Menge übrig. Soll so eine Praxis verboten werden? Dazu würden massive Markteingriffe nötig werden und ein Berg an Bürokratie. Außerdem geht das übrige Brot auch heute schon nicht völlig verloren, sondern wird z.B. als Futter in der Schweinemast verwertet oder zur Energiegewinnung (Biogas). Die Abfälle bei den Lebensmitteln, die heute anfallen, tauchen eigentlich in der Versorgungsbilanz an anderer Stelle zum Beispiel als Futter für Nutztiere wieder auf. Das heißt: Wenn ich Abfälle vermeide, muss ich mehr Futter erzeugen.

Noch ein Aspekt: Welche Art der Produktion schafft es denn eigentlich, besonders wenig zu verwerfen? In Sachen Schweinefleisch ist z.B. der Großschlachter Tönnies führend: Das Unternehmen verwertet 99 Prozent des geschlachteten Tieres. Das geht soweit, dass aus der Darmschleimhaut der Schweine Heparin gewonnen wird. Solche effizienten Strukturen lassen sich oft nur in großen Einheiten abbilden. Ist das so gewollt, Greenpeace?

Apropos Schwein: Was soll mit den Teilen geschehen, die zurzeit vor allem in den Export gehen: Schweinefüße, Schweineohren, Schweineköpfe? Wer soll das essen, wenn der Export von Fleischprodukten wegfallen soll? Oder soll das alles zu Tiernahrung verwertet werden? Apropos Tiernahrung: Wie die rund 30 Millionen Haustiere in Deutschland ernährt werden sollen, dazu schweigt sich Greenpeace aus, bis auf den Hinweis, dass Abfälle als Tiernahrung dienen könnten.

Futteranbau

Greenpeace rechnet: Wenn weniger Tiere gehalten werden, brauche ich weniger Fläche, um Futter für die Tiere anzubauen. Diese Fläche wird dann frei für die Erzeugung von pflanzlichen Lebensmitteln. Das ist eine Milchmädchenrechnung: Viele Flächen, die heute als Weide für den Futteranbau genutzt werden, lassen sich nicht beackern. Um sinnvolle Fruchtfolgen zu haben, wird auch Futtergetreide wie Gerste oder Triticale angebaut. Weizen in Backqualität zu erzeugen, gelingt nur auf Gunststandorten wirklich zuverlässig. Viel von dem Weizen, der geerntet wird, ist nicht für die menschliche Ernährung geeignet. Beispiel Dänemark: Mit Änderungen im Düngerecht durfte weniger Stickstoff auf die Felder. Daraufhin sanken die Proteingehalte so stark, dass das Land Backweizen importieren musste. Das Düngerecht wurde daraufhin wieder geändert. Kurzum: Wenn weniger Flächen für den Futteranbau benötigt werden, werden diese nicht automatisch frei für den Anbau von Nahrungsmitteln, denn nicht jeder Standort ist für jede Kultur geeignet.

Ökonomische Aspekte

Grob gesagt beschäftigt sich die Studie mit der Frage, ob bei veränderter Produktionsweise die Bevölkerung in Deutschland mit den auf deutschen Agrarflächen erzeugten Lebensmitteln ernährt werden kann. Eine Ausnahme bilden Obst und Gemüse: Hier sollen 50 Prozent importiert werden. Es wird also nur untersucht, ob eine Agrarwende produktionstechnisch überhaupt möglich ist. Nicht untersucht wurden alle Implikationen für das Wirtschafts- und Sozialsystem, die eine solche Wende mit sich bringen würde. Die Autoren wenden sich in einer Vorbemerkung (S. 6) an ihre Leser:

“Es sind im Wesentlichen sozioökonomische Aspekte (betrieblich + volkswirtschaftlich), die in dieser Studie nicht modelliert und beschrieben wurden. Hierzu gehören: die Kosteneffekte bzw. Einsparungen eines Systemwandels der Landwirtschaft, die betriebswirtschaftlichen Auswirkungen unterschiedlicher Maßnahmen auf den Einzelbetrieb, Fruchtfolge-Änderungen durch die Erhöhung des Leguminosen-Anteils zur Produktion heimischer Eiweißfuttermittel oder eine Exportorientierung als wirtschaftliches Betriebsstandbein.”

Wie jetzt? Ob wir uns dieses Agrarsystem überhaupt leisten können und wie viele Betriebe diese Wende betriebswirtschaftlich überstehen werden, wurde nicht berücksichtigt? Ach was, kostet uns bestimmt nur eine Kugel Eis. Scherz beiseite: Die Machbarkeit und die Akzeptanz eines solchen Modells hängt entscheidend davon ab, ob und wie es finanzierbar ist.

Gentechnik

Verfahren der klassischen Gentechnik sowie die neuen Züchtungstechnologien wie Crispr/Cas werden in der Greenpeace-Studie nicht berücksichtigt. Die Begründung lautet:

“In der von uns beschriebenen ökologisierten konventionellen Landwirtschaft ist die „grüne Gentechnik“ verboten. Bei unseren Annahmen für die künftige Entwicklung hat dieses grundsätzliche Verbot keine kalkulatorische Berücksichtigung gefunden, weil wir potenzielle Veränderungen der Ist-Situation berechnen. Da derzeit (Stand 2016) die „grüne Gentechnik“ in Deutschland praktisch keine Relevanz hat, muss sie auch nicht einbezogen werden.”

Langsam zum Mitschreiben: Wir reden über einen Zeitraum bis 2050, das sind mehr als 30 Jahre. Genome Editing wird derzeit in den wissenschaftlichen Fachmagazinen als die Entdeckung der letzten Jahre gefeiert mit schier unerschöpflich vielen Möglichkeiten in den Bereichen Medizin, Pflanzen- und Tierzüchtung und Synthetische Biologie. Es gibt heute bereits gentechnisch verbesserte Kartoffelsorten, die resistent sind gegen Kartoffelfäule. Damit lassen sich schon heute tonnenweise Fungizide sparen und das soll keine Rolle spielen?

Selbstversorgung

Eine Anforderung des Modells ist, ohne nennenswerte Importe auszukommen. Das soll das Klima schonen. Ausnahme: Der Bedarf an Obst und Gemüse soll nur zu 50 Prozent aus heimischer Produktion stammen. (Bananen bleiben also erlaubt – puh, Glück gehabt.) Die Frage, die sich mir stellt, ist, ob so ein Ansatz in einer globalisierten Welt realistisch ist. Wie will ich denn vermeiden, dass der Handel im Ausland günstiger einkauft, weil dort die Produktion billiger ist? Etwa durch Zölle? Wie sehen eigentlich die rechtlichen Rahmenbedingungen in unserem EU-Binnenmarkt aus? Darf sich Deutschland da überhaupt so abschotten? Ich vermute mal, nein.

Welternährung

Eine ethische Frage schließt sich an diesen Aspekt der Selbstgenügsamkeit an: Wir leben in Mitteleuropa in einer günstigen Region für die Erzeugung von Lebensmitteln. Die klimatischen und geologischen Voraussetzungen sind ideal. Haben wir deshalb nicht auch eine gewisse Verantwortung, diese Voraussetzungen optimal zu nutzen? Schließlich hungern immer noch rund 800 Millionen Menschen auf der Erde und bis 2050 müssen nach Schätzungen wesentlich mehr Menschen ernährt werden, wobei die für Landwirtschaft zur Verfügung stehende Fläche sich nicht mehr nennenswert steigern lässt. Ist es vor diesem Hintergrund überhaupt moralisch zu rechtfertigen, dass wir in Deutschland die Produktion auch noch runterfahren? Börsenspekulanten wird häufig vorgeworfen, dass sie die Weltmarktpreise für landwirtschaftliche Güter künstlich verteuern. Mit einer Ökologisierung der Landwirtschaft wird zwangsläufig die Produktion verteuert und damit steigt der Preis für Lebensmittel. Ist das dann nicht genauso verwerflich?

 

 

 

Bildnachweis: Greenpeace

 

 

 

 

 

Postfaktischer Adventskalender, Teil 15: Genome Editing

Postfaktischer Adventskalender, Teil 15: Genome Editing

Als eine der bahnbrechendsten Entdeckungen der Wissenschaft in den letzten Jahren gilt die Entwicklung von Crispr/Cas 9. Diese neue Züchtungsmethode ahmt einen natürlichen Vorgang nach – nämlich wie sich Bakterien gegen Virenangriffe wehren. Neben Crispr/Cas 9 gibt es weitere Züchtungstechnologien, die man unter dem Begriff “Genome Editing ” zusammenfasst, u.a.: Zinkfinger-Nukleasen, TALEN (Transcription activator-like effector nucleas) sowie ODM (Oligonucleotide-directed mutagenesis).

In der EU ist bislang nicht geregelt, wie mit Nutzpflanzen, die mit diesen neuen Methoden gezüchtet worden sind, umgegangen werden soll. Sprich: Es ist bislang nicht entschieden, ob die Produkte der neuen Züchtungstechnologien, so reguliert werden müssen, wie klassische Gentechnik-Pflanzen oder nicht. In Kanada, den USA und Argentinien etwa will man diese Pflanzen nicht regulieren, in der EU zeichnen sich – mal wieder – klare Fronten ab: NGOs und Grüne sagen “Ja”, die Forschung sagt “Nein” bzw. “Jein” und schlägt einen Kompromiss vor, jede Neuzüchtung differenziert zu betrachten.

Die Grünen im Europaparlament haben offensichtlich in eine Glaskugel geschaut und wissen ganz genau, wie Genome Editing wirken wird:

“Die neuen Techniken werden und sollen die Industrialisierung der Landwirtschaft weiter vorantreiben, trotz aller negativen Folgen für die Artenvielfalt, die Bodenfruchtbarkeit, das Klima, das Wasser und die Rechte der Bäuerinnen und Bauern. Werden sie in der Landwirtschaft eingesetzt, so ist der Teufel aus dem Sack und kann nicht mehr eingefangen werden.”

Das Titelblatt des Faltblatts macht deutlich, wohin die Reise geht: ein zur Handgranate stilisierter Maiskolben. Bewusst verwenden die Grünen und die NGOs das Wort “Gentechnik” für die neuen Züchtungsverfahren, obwohl letztlich noch gar nicht entschieden ist, ob Genome Editing als Gentechnik im Sinne der Regulierung anzusehen ist. Das führt unwiederbringlich zu Zirkelschlüssen. So sagte Harald Ebner, Sprecher für Gentechnik- und Bioökonomie-Politik der Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag, gegenüber dem Deutschlandfunk:

“Wenn es sich um Gentechnik handelt, dann muss das auch draufstehen und dann muss auch entsprechend geregelt werden. Nehmen Sie doch einfach mal als Beispiel, wenn jemand täuschend echtes Falschgeld druckt, das von echtem nicht zu unterscheiden ist, dann würde man auch nicht sagen: Ja dann ist es ja auch egal, sieht ja aus wie das echte”

Ebner spielt darauf an, dass sich per Genome Editing gezüchtete Pflanzen nicht von mit herkömmlichen Züchtungsverfahren gezüchteten Pflanzen unterscheiden lassen. Es werden ja keine artfremden Gene eingefügt. Wenn man also eine Regulierung einführen würde, könnte man die Einhaltung derselben gar nicht kontrollieren. Das hindert ihn aber nicht daran, eine Unterscheidbarkeit zu fordern:

“Wir haben allerdings ein Problem. Das Monitoring funktioniert da nicht mehr wie in der bisherigen Form. Das heißt, wir müssen frühzeitig eine Regulierung haben, dass uns das nicht komplett aus dem Ruder läuft. Die Folge darf eben nicht sein, dass wir nicht regulieren, sondern ganz im Gegenteil: Dort, wo die neuen Verfahren angewendet werden, dass die nur angewendet werden dürfen, wenn eine Identifizierbarkeit sichergestellt werden kann.”

Die Motivation hinter der Pauschalablehnung dürfte klar sein: Weder die NGOs noch die Grünen haben ein Interesse daran, dass es so eine Art “Gentechnik light” gibt, deren Nutzen auch für den Otto-Normalverbraucher evident wird. Das würde die eigene Glaubwürdigkeit stark untergraben, wo man doch seit Jahrzehnten das Mantra pflegt, dass allein der Ökolandbau die alleinseligmachende Heilslehre ist. Also heißt es: Blockieren und Dämonisieren auf Teufel komm raus. Solange die Forscher nicht wissen, ob und, wenn ja, wie sie ihre Entwicklungen zur Marktreife bringen können, solange wird es auch kaum Erfolge geben, die auch den Verbraucher vom Nutzen der Technologie überzeugen könnten. Diese Marketingstrategie hat auch bei der klassischen Gentechnik schon hervorragend funktioniert.

Wissenschaftler sehen in Crispr/Cas 9 vor allem Chancen. So kam in diesem Frühjahr Bewegung in die Debatte, als Prof. Dr. Urs Niggli, der akademische Vorreiter des Ökolandbaus, der taz ein Interview gab und sich geradezu euphorisch zu den neuen Methoden äußerte. Auch auf die Frage, ob Chrispr/Cas-Pflanzen genauso reguliert werden sollen wie die “alte Gentechnik” bezog er Position:

“Nein. Ich plädiere für ein neues, sehr differenziertes Prüfverfahren. Es wird Eigenschaften wie Krankheitsresistenzen geben, die sich durch kleinste Änderungen des Genoms etwa von einer amerikanischen Rebsorte auf eine europäische übertragen lassen und vermutlich risikoarm sind. Da sollten die Anforderungen nicht so streng sein, wie wenn zum Beispiel artfremde Gene eingeführt werden.”

Andere Forscher sehen das ähnlich: Der Verband Biologie, Biowissenschaften und Biomedizin in Deutschland (VBIO) hat ein Impulspapier veröffentlicht, in der die Dachorganisation der biowissenschaftlichen Fachgesellschaften einen pragmatischen Umgang mit den neuen Züchtungstechnologien empfiehlt. Es wird angeregt, zu betrachten, ob die Veränderungen im Genom auch auf natürliche Weise hätten entstehen können:

“Pflanzen, die aus GE-1 und GE-2-Verfahren hervor gehen, lassen sich nicht von Pflanzen unterscheiden, die auf Basis herkömmlicher Verfahren der Mutagenese oder durch spontane Mutation entstanden sind. In der Natur kommen derlei Mutationen ständig vor. Sie sind der Motor der Evolution. Nur bei GE-3-Methoden wird ein längeres DNA-Fragment eingefügt, das dann auch leicht mittels molekulardiagnostischer Verfahren (z.B. PCR) nachgewiesen werden kann.”

Der VBIO rät, nur die mit GE-3-Methoden erzeugten Nutzpflanzen, bei denen ein längeres DNA-Fragment (mehr als 20 Basen) oder ein Transgen eingefügt wurde, zu regulieren.

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Bildnachweis: www.blogg.umu.se

Ein schwedischer Pflanzenforscher schuf indes Fakten: Stefan Jansson tauschte sich mit den Behörden in seinem Land aus und bekam die schriftliche Bestätigung, dass seine Züchtungen solange nicht als gentechnisch veränderter Organismus gelten, solange sie keine fremde DNA enthalten. Gesagt, getan: Jansson baute in seinem Garten eine mit Crispr/Cas 9 veränderte Kohlsorte an. Zur Ernte und zum Verzehr der angebauten Pflanzen (Tagliatelle with CRISPRy fried vegetables) lud er einen Radioreporter ein, um die vermutlich weltweit erste Crispr-Mahlzeit auch würdig zu dokumentieren.

Dieses Video hier zeigt die Ankündigung seines Anbauversuchs:

 

Links:

• Akademien nehmen Stellung zu Fortschritten der molekularen Züchtung und zum erwogenen nationalen Anbauverbot gentechnisch veränderter Pflanzen

• Crop genetic improvement technologies for a sustainable and productive agriculture
addressing food and nutritional security, climate change and human health

• BfR Symposium „Neue Technologien zur Modifikation des Genoms – Möglichkeiten, Grenzen und gesellschaftliche Herausforderungen“

• US-Behörden: Mit CRISPR gezüchtete Pflanzen sind keine Gentechnik – Erste Produkte bald auf dem Markt

VBIO Impulspapier: Genome Editing bei Pflanzen: Vorschlag für einen pragmatischen Umgang im aktuellen Rechtsrahmen

• Future garden plants are here!

• “GREEN LIGHT IN THE TUNNEL”! SWEDISH BOARD OF AGRICULTURE: A CRISPR-CAS9-MUTANT BUT NOT A GMO

• Genome Editing: Große Bedeutung für die Biotechnologie

 

Bildnachweis: Die Grünen im Europäischen Parlament

Postfaktischer Adventskalender, Teil 1: Wasserfußabdruck

Postfaktischer Adventskalender, Teil 1: Wasserfußabdruck

Der Begriff “postfaktisch” hat gute Aussichten, Unwort des Jahres 2016 zu werden. Dabei ist Postfaktizität nichts Neues, wenn man darunter versteht, Fakten so bis zur Unkenntlichkeit zu entstellen, dass sie in die eigene Ideologie passen. Das gab es nämlich schon immer.

Auch in Sachen Landwirtschaft hat viel Postfaktisches inzwischen Eingang in den Mainstream gefunden – leider. Ich will die Adventszeit nutzen, ein paar Postfakten vorzustellen. Heute geht es um virtuelles Wasser.

Dr. Anton Hofreiter, Vorsitzender der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, hat in diesem Jahr ein Buch vorgelegt mit dem Titel “Fleischfabrik Deutschland”. In diesem Buch findet der geneigte Leser auf Seite 67 die folgende Grafik “Wasserverbrauch für die Produktion von Lebensmitteln”:

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Leider ist dort keine Quelle angegeben, woher diese Zahlen konkret stammen. Ich vermute, die Daten gehen letztlich auf die Organisation Water Footprint Network  zurück, denn auch der Fleischatlas der Heinrich-Böll-Stiftung und andere Umweltverbände beziehen sich darauf.

Die Darstellung mit dem Wasserhahn suggeriert, dass hier Trinkwasser aus der öffentlichen Leitung gemeint ist. Das ist aber nicht der Fall. Der größte Teil Wasser (94 Prozent), der in der Rindfleischproduktion verbraucht wird, ist sogenanntes virtuelles grünes Wasser. Das heißt: Regenwasser, das auf die Wiesen fällt, wo die Kühe grasen. Die Produktgalerie des Water Footprint Networks dröselt das detailliert auf. Neben grünem Wasser wird bei der Rindfleischproduktion auch graues (3 Prozent) und blaues Wasser (4 Prozent) verwendet. Blaues Wasser ist Oberflächen- und Grundwasser, das verbraucht wird, und graues Wasser ist letztlich Abwasser.

Funfact, das uns Dr. Hofreiter verschweigt: Je extensiver die Haltung ist, sprich: je mehr Weidegang das Tier hat, desto größer wird der Wasserfußabdruck, denn um so länger dauert es, ein Kilo Fleisch zu produzieren. Nur bei Lichte betrachtet ist das unkritisch, denn auch hier geht es vor allem um Niederschlag und den gibt es hierzulande reichlich.

Diskussionskultur

Diskussionskultur

Die sozialen Netzwerke wie Facebook, Twitter, Instagram und Co werden gerne von klassischen Medienmachern beschimpft. Das ist verständlich, denn das Internet im allgemeinen und die sogenannten Social Networks im speziellen haben die Mediennutzung revolutioniert. Gerade jüngere Menschen nutzen die verschiedenen neuen Kanäle massiv und Fernsehen und Tageszeitungen seltener als die ältere Generation. Was auch neu ist: Kommunikation im Internet ist keine Einbahnstraße. Posts auf eigenen Webseiten oder auf Facebook können kommentiert, Tweets auf Twitter beantwortet werden. Journalisten bekommen heute schneller und direkter Feedback als früher über den Weg des Leserbriefes. Und auch Politiker sind im World Wide Web auf einmal greifbar geworden. Jeder kann öffentlich Stellung nehmen zu ihren Äußerungen, und das vor den Augen der Weltöffentlichkeit.

Je nachdem wie kontrovers die geäußerten Meinungen und Statements sind, kann sich schon einmal eine lebhafte Debatte entwickeln. In der ersten Jahreshälfte wurde im Netz viel diskutiert rund um die Frage, ob die EU-Zulassung des Herbizid-Wirkstoffes Glyphosat verlängert werden soll oder nicht. Der Bundestagsabgeordnete von Bündnis 90/Die Grünen Harald Ebner hat da eine sehr dezidierte Auffassung, die er auch offensiv im Internet verbreitet, zum Beispiel auf Twitter:

Auch auf der Facebook-Seite von Harald Ebner wurden Glyphosat-Funde – etwa in Bier –  munter kommentiert:

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Zugegeben: Es war nicht immer einfach, eine sachliche Tonlage zu halten und sich die Ironie zu verkneifen, aber selbst die Medienöffentlichkeit hatte inzwischen das “Biergift-Theater” (Faz) mehr oder weniger durchschaut und machte bei dem Alarmismus der Grünen und der NGOs nicht mehr mit. Irgendwann im März dieses Jahres, während in Baden-Württemberg der Wahlkampf für die Landtagswahl in die heiße Phase ging, schaltete Harald Ebner die offene Diskussion auf seiner Facebook-Seite ab. Seitdem können nur noch seine Facebook-Freunde dort kommentieren und seitdem findet dort auch so gut wie keine Diskussion mehr statt. Meine Facebook-Freundschaftsanfrage hat Herr Ebner – trotz mehrmaligen Nachfragens – bis heute nicht angenommen.

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Quelle: Facebook

Von Zeit zu Zeit aber tauchen Kommentare von Harald Ebner auf Facebook-Seiten auf, wo (nahezu) jeder kommentieren kann, so zum Beispiel heute auf der Seite des NRW-Landtagsabgeordneten von Bündnis 90/Die Grünen Norwich Rüße: Es ging um ein Fachgespräch zum Thema “Pestizidreduktionsprogramm NRW” im Düsseldorfer Landtag in der letzten Woche. Herr Ebner hatte dort zum Thema Glyphosat referiert. Ich machte in der Facebook-Diskussion (nur für Facebook-Freunde von Norwich Rüße sichtbar) darauf aufmerksam, dass der “Experte” Ebner im Mai 2015 mit einem Bild einer Bewässerungsanlage für den Verzicht auf Pestizide warb. Das sorgte für Unmut:

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Ich habe ihn dann darauf aufmerksam gemacht, dass er diesen Fauxpas doch auch selbst einmal witzig fand:

Aber leider verabschiedete er sich anschließend mit dem folgenden Kommentar auf seiner Facebook-Seite komplett aus der Diskussion:

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Die Kommentatoren, die ihm zu Leibe gerückt waren, kamen alle aus der konventionellen Landwirtschaft, also die Form der Landwirtschaft, die Harald Ebner und seine Parteikolleg*innen über die Agrarwende abschaffen wollen. Und dann wundert er sich, dass er Widerspruch erntet? Sich der Diskussion zu entziehen, indem er Andersdenkende pauschal als Trolle abstempelt, spricht weder von einer gepflegten Diskussionskultur noch von Respekt vor einer gewissen demokratischen Tradition. Und das eine haben uns doch schon unsere Großeltern erklärt: Wer austeilt, muss auch einstecken können.

 

Bildnachweis: https://harald-ebner.de/presse/presseservice/

#Nobels4GMOs: Die Antwort

#Nobels4GMOs: Die Antwort

Inzwischen haben 110 Nobelpreisträger einen Aufruf unterzeichnet, in dem Greenpeace aufgefordert wird, die ablehnende Haltung gegenüber Grüner Gentechnik im allgemeinen und dem Goldenen Reis im speziellem aufzugeben.

Und wie reagiert die finanzkräftige Nichtregierungsorganisation? Greenpeace gibt sich ahnungslos, der Goldene Reis sei nach 20 Jahren immer noch nicht marktreif, heißt es in einer Stellungnahme von Greenpeace-Kampaigner Dirk Zimmermann:

“Das Problem: Es gibt den Reis gar nicht. Auch nach 20 Jahren Entwicklung wird er bisher nur auf Versuchsfeldern getestet und erfüllt längst nicht die in ihn gesteckten Hoffnungen.”

Doch warum ist der Reis wohl nicht marktreif? Das ist ja genau das Problem und daran hat Greenpeace entscheidend mitgewirkt, indem die Organisation vor Ort Stimmung gemacht hat gegen die Innovation. In einer Spiegel-Reportage von 2008 findet sich folgende Schilderung:

“Am Anfang gab es beim Goldenen Reis Streit darüber, wie viel Betacarotin tatsächlich im Reis vorhanden sei und wie viel davon der Körper aufnehmen könne. 2001 lud Greenpeace deshalb auf den Philippinen zu einer Pressekonferenz ein. Man habe ausgerechnet, sagte ein Greenpeace-Sprecher in die versammelten Mikrofone und Kameras, wie viel Goldenen Reis ein Kind am Tag essen müsse, um seinen Tagesbedarf an Vitamin A zu decken. Dann stand er auf und schüttete neun Kilo Reis auf den Tisch.”

Dieses Problem ist züchterisch längst gelöst und trotzdem hält sich das Argument des zu geringen Gehalts an Betacarotin nachhaltig in der Debatte.

Die aggressive Propaganda von Nicht-Regierungsorganisation hat durchaus Auswirkungen auf die Entscheidungsträger in den Entwicklungsländern. Auch die in Europa vorherrschende skeptische Haltung gegenüber Gentechnik wird in Entwicklungsländern rezipiert.

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Bildnachweis: Luis Liwanag/Greenpeace)

Zimmermann behauptet, die Wirksamkeit vom Goldenen Reis sei nicht nachgewiesen. Dem widerspricht der langjährige Projektleiter Adrian Dubock entscheiden. Bereits in 2009 wurde das in in einer Studie bestätigt:

Conclusion: b-Carotene derived from Golden Rice is effectively converted
to vitamin A in humans.”

Eine weitere Studie des gleichen Forschers Guangwen Tang musste auf Betreiben von Greenpeace zurückgezogen werden.

Ein weiteres Argument, dass Zimmermann bemüht ist, dass der Goldene Reis nicht die Ursachen der Mangelernährung bekämpft:

“Neben all diesen Unwägbarkeiten ignoriert die Golden Rice-„Lösung“ völlig die Ursachen von Mangelernährung – nämlich Armut und daraus resultierend einseitige Ernährung. Diesen Missstand mit einem einzigen Lebensmittel zu bekämpfen, ist völlig absurd. Die Gefahr ist, dass „Golden Rice“ das Problem einseitiger Ernährung sogar noch verschärfen würde.”

Genau so gut könnte man sagen, “Ich gebe Dir die Polio-Impfung nicht, denn Du bleibst ja trotzdem arm und denkst nachher noch, Du müsstest jetzt seltener zum Arzt gehen.” Geht’s noch?

Nicht fehlen darf in Dirk Zimmermanns Argumentation natürlich das Trojanische Pferd:

“Zuverlässig („funktioniert“ wäre zu viel gesagt) ist Golden Rice nur als PR-Instrument: Immer wieder wird er von Konzernen und Gentechnik-Befürwortern als Wunderpflanze gepriesen, um so den Weg für andere gentechnisch veränderte Pflanzen zu ebnen, mit denen Monsanto und andere Agro-Unternehmen Profite einstreichen können.”

Die Reissorte solle den Weg ebnen für den Vormarsch der Agrarkonzerne. Alle, die das “Trojanische Pferd”-Motiv anführen, wenn sie gegen den Goldenen Reis wettern, mögen sich bitte eins vor Augen führen: Der Etappensieg der Gentechnik-Unternehmen in der PR-Schlacht gegen die NGOs kommt ja nur dann zustande, wenn der Reis erfolgreich ist. Und wenn er erfolgreich ist, bedeutet das die Rettung von Millionen von Kindern. Was wiegt ethisch denn jetzt schwerer? Im Klartext: Ist es für Greenpeace wichtiger, dass die Gentechnik-Konzerne diesen PR-Trumpf nicht bekommen, als dass diese Millionen Kinder gerettet werden? Tamar Haspel,  Autorin der Washington Post, fragte jetzt auf Twitter:

Wollen wir wirklich, dass der Goldene Reis kein Erfolg wird? Nein, natürlich nicht! Für Greenpeace indes ginge ein Erfolg der Reissorte mit einem enormen Glaubwürdigkeitsverlust einher. Jahrzehntelange Propaganda würde sich als haltlos erweisen.

Die Stellungnahme von Greenpeace International ist an Dreistigkeit kaum zu überbieten. Zitiert wird Wilhelmina Pelegrina, Kampaignerin von Greenpeace Südost Asien:

““Accusations that anyone is blocking genetically engineered ‘Golden’ rice are false. ‘Golden’ rice has failed as a solution and isn’t currently available for sale, even after more than 20 years of research.”

Niemand hat also den Goldenen Reis blockiert? Im August 2013 zerstörten Aktivisten Versuchsfelder auf den Philippinen. Ende 2015 war eine Klage von Greenpeace und anderen Gruppen vor dem Obersten Gerichtshof auf den Philippinen erfolgreich: Alle Feldversuche von genetisch verbesserten Pflanzen waren danach zu stoppen, bis die Regierung eine neue gesetzliche Grundlage schafft. Basis dieser Entscheidung war u.a. eine Studie, die Greenpeace finanziert hatGreenpeace meldet triumphierend, dass auch die Weiterentwicklung vom Goldenen Reis von der Entscheidung betroffen sein wird:

“The temporary ban is in place until a new ‘administrative order’ takes effect, and includes the highly controversial ‘Golden’ rice, an experimental project by International Rice Research Institute (IRRI) that is currently back at the laboratory stage due to poor performance.”

Auch mit kriminellen Aktionen will Greenpeace nichts zu tun haben. Der Tagesspiegel hat mit Dirk Zimmermann gesprochen:

“Dass Versuchsfelder von Anti-GMO-Aktivisten zerstört wurden, seien “Ausnahmen”, mit denen Greenpeace nichts zu tun habe. “Das waren lokale Gruppen vor Ort”, sagt Zimmermann.”

Das ist so auch einfach nicht wahr: In Australien sind Greenpeace-Aktivisten rechtskräftig verurteilt worden, weil sie in 2011 Versuchsfelder mit gentechnisch verbesserten Weizen zerstört haben.

Kurzum: Die Antworten von Greenpeace zeigen, dass die Nobelpreisträger schlichtweg Recht haben. Greenpeace ignoriert öffentliche Forschung und wiederholt Glaubenssätze und Dogmen, so wie dieser Satz aus Dirk Zimmermanns Erklärung:

“Mögliche Gesundheitsgefahren sind nach wie vor nicht ausreichend untersucht und auch unter Wissenschaftlern umstritten.”

Er verweist auf einen Beitrag bekannter Gentechnik-Gegner, der von rund 300 Personen unterstützt wurde. Ich verweise hier mal auf eine Liste mit mehr als 275 internationalen Organisationen, die Gentechnik für sicher halten:

“The update shows that 276 scientific institutions and organizations recognize the safety of GM crops and their potential benefits.”

Wieviele Personen mögen wohl dahinter stehen?

Und zum Schluss noch der Klassiker: das Argumentum ad Monsantium, eingebracht in einer Diskussion auf Facebook. Noch Fragen?

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Quelle: Facebook

Bildnachweis: Karl Haro von Mogel, https://www.biofortified.org/2016/07/110-nobel-laureates-greenpeace-gmos/

Drei Veggiedays pro Woche – mindestens

Drei Veggiedays pro Woche – mindestens

In den Nachrichten ist oft zu hören und zu lesen, dass die Große Koalition (GroKo) ihren Koalitionsvertrag bereits abgearbeitet habe. Alles abgearbeitet? Na ja, ein kleines Detail steht noch aus: der nationale Klimaschutzplan 2050. Das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) soll diesen Plan erstellen und er soll noch in diesem Jahr vom Bundeskabinett verabschiedet werden.

Im Juni 2015 wurde schließlich ein sogenannter Dialogprozess angestoßen mit Beteiligung von Verbänden, Kommunen und Bürgern, an dessen Ende ein sogenannter Maßnahmenkatalog 3.1 als Zwischenergebnis aufgesetzt wurde. In dieses mächtige, rund 350 Seiten umfassende Dokument sollte man als mündiger Bürger ruhig einmal einen Blick hinein werfen, denn es beschreibt die Grundlage, auf dessen Basis das BMUB jetzt den Klimaschutzplan 2050 entwickelt. Über einen ersten Entwurf berichtete jetzt bereits die FAZ.

Bauer Willi greift in seinem Blog die für die Landwirtschaft wichtigsten Punkte dieses Entwurfs unter dem Motto “Hendricks Wunschzettel” auf, von der Halbierung des Fleischkonsums bis zur Verdreifachung des Anteils der Ökoflächen.

Für den Landwirt stellt sich schon die Frage, in wie weit sich so massive Eingriffe in seine unternehmerische Freiheit rechtfertigen lassen, zumal die Landwirtschaft nur einen geringen Anteil an den Treibhausgasemissionen in Deutschland hat. Und der Bürger sollte sich auch fragen, ob mindestes drei Veggiedays pro Woche wirklich o.k. für ihn sind.

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110 Nobelpreisträger gegen Greenpeace

110 Nobelpreisträger gegen Greenpeace

Die Washington Post meldete gestern, dass mehr als 100 Nobelpreisträger gemeinsam einen Brief unterzeichnet haben, in dem die anti-wissenschaftliche Haltung von Greenpeace gegenüber der Grünen Gentechnik dezidiert kritisiert wird.

Zu dieser Aktion gibt es die Website http://supportprecisionagriculture.org/, wo der Wortlaut des Briefes zu finden ist sowie die Liste der Unterzeichner. Hierzu zählen auch die deutschen Preisträger Christiane Nüsslein-Volhard (1995: Medizin), Harald zur Hausen (2008: Medizin), Herbert Kroemer (2000: Physik), Hartmut Michel (1988: Chemie) und Wolfgang Ketterle (2001: Physik) sowie die österreichische Schriftstellerin Elfriede Jelinek (2004: Literatur).

Hier eine deutsche Übersetzung des Textes:

“An die Führungspersonen von Greenpeace, den Vereinten Nationen sowie der Regierungen in aller Welt

Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen hat gezeigt, dass die globale Produktion von Nahrung, Futtermitteln und pflanzlichen Rohstoffen sich bis zum Jahre 2050 fast verdoppeln muss, um die Bedürfnisse der wachsenden Weltbevölkerung zu befriedigen. Organisationen, die sich gegen moderne Pflanzenzüchtung wenden, allen voran Greenpeace, haben diese Fakten wiederholt bestritten und bekämpfen biotechnologische Innovationen im Ackerbau. Sie haben Risiken, Vorzüge und Auswirkungen moderner Methoden fehlinterpretiert und kriminelle Zerstörungen von Feldversuchen und Forschungsprojekten unterstützt.
Wir ermahnen Greenpeace und die Unterstützer dieser Organisation, die weltweiten Erfahrungen von Bauern und Verbrauchern mit Pflanzen und Nahrungsmitteln, die biotechnologisch verbessert worden sind, neu zu untersuchen, die Erkenntnisse maßgeblicher Wissenschaftskreise und Regulierungsbehörden zu Kenntnis zu nehmen und die Kampagne gegen Gentechnik im allgemeinen und den Golden Reis im speziellen aufzugeben.

Forschungseinrichtungen und Regulierungsbehörden auf der ganzen Welt haben wiederholt und einheitlich festgestellt, dass Pflanzen und Nahrungsmitteln, die auf biotechnologischem Wege verbessert worden sind, genauso sicher, wenn nicht sogar sicherer, sind als herkömmlich hergestellte. Es gibt nicht einen bestätigten Fall einer Gesundheitsbeeinträchtigung von Mensch und Tier durch den Konsum. Mit Biotechnologie verbesserte Pflanzen haben sich wiederholt als weniger schädlich für die Umwelt erwiesen und als günstig für die globale Biodiversität.

Greenpeace ist federführend beim Widerstand gegen den Goldenen Reis, der das Potential hat, Krankheiten und Todesfälle zu reduzieren oder zu verhindern, die durch Vitamin-A-Mangel entstehen, der am meisten die ärmsten Menschen in Afrika und Südostasien betrifft.

Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass rund 250 Millionen Menschen an Vitamin-A-Mangel leiden, darunter 40 Prozent der Kinder unter fünf Jahren in den Entwicklungsländern. Nach Statistiken von UNICEF sind rund ein bis zwei Millionen vermeidbare Todesfälle pro Jahr auf Vitamin-A-Mangel zurückzuführen. Denn Vitamin-A-Mangel schwächt das Immunsystem, was besonders Säuglinge und Kinder gefährdet. Vitamin-A-Mangel ist weltweit der Hauptgrund dafür, dass Kinder erblinden, rund 250.000 – 500.000 Kinder sind pro Jahr davon betroffen. Die Hälfte von diesen Kindern stirbt innerhalb der folgenden zwölf Monate nach dem Verlust ihrer Sehkraft.

WIR FORDERN GREENPEACE AUF, die Kampagne gegen den Golden Reis im speziellen und gegen biotechnologisch verbesserte Pflanzen im Allgemeinen einzustellen.

WIR FORDERN DIE REGIERUNGEN DER WELT AUF, Greenpeace’ Kampagne gegen den Golden Reis im speziellen und gegen biotechnologisch verbesserte Pflanzen im Allgemeinen zurückzuweisen und alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um sich Greenpeace’ Aktionen zu widersetzen sowie den Zugang von Bauern zu allen Werkzeugen der modernen Biologie, insbesondere biotechnologisch verbessertem Saatgut, zu beschleunigen. Die auf Emotionen und Dogmen basierende, den Fakten widersprechende Opposition muss beendet werden.

Wie viele arme Menschen in der Welt müssen sterben, bevor wir das als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ ansehen?

Aufrichtig,”

Initiiert wurde der Brief von Richard Roberts, wissenschaftlicher Leiter von New England Biolabs, und zusammen mit Phillip Sharp, Medizin-Nobelpreisträger von 1993. Die Post zitiert Roberts:

“We’re Scientists. We understand the logic of science. It’s easy to see what Greenpeace is doing is damaging and is anti-science. (…) Greenpeace initially, and then some of their allies, deliberately went out of their way to scare people. It was a way for them to raise money for their cause.”

Bereits im Jahr 2012 hat Richard Roberts ein ähnliches Projekt initiiert. Damals sammelte er Unterstützung für Liu Xiaobo, Menschenrechtler und Friedensnobelpreisträger von 2010, der seit 2008 von der Chinesischen Regierung festgehalten wird. Auf der Website des Projekts kann sich übrigens jeder eintragen, der den Aufruf gegen Greenpeace unterstützen möchte. Bis heute am frühen Nachmittag sind bereits mehr als 500 Namen zusammengekommen.

Nachgefragt

Nachgefragt

Wir erinnern uns: Vor rund einem Jahr meldete die Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, dass ein Labor in 16 Muttermilch-Stichproben Spuren von Glyphosat gefunden habe.

Priska Hinz, Hessische Ministerin für Umwelt, Klimaschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, nahm das damals zum Anlass, um per Erlass zu bestimmen, dass in Hessen künftig Anwendungen auf Nichtkulturland mit Glyphosat-haltigen Präparaten nicht mehr genehmigt werden sollen:

„In Hessen werden wir solche Anwendungen, soweit rechtlich möglich, künftig nicht mehr zulassen.“

Die Methodik der Grünen-Stichprobe wurde massiv kritisiert. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) stellte das Testverfahren in Frage und beauftragte eigene Untersuchungen. Im Februar dieses Jahres veröffentlichte das BfR die Ergebnisse: Es wurde kein Glyphosat in Muttermilch nachgewiesen.

Die Meldung brachte mich auf die Idee, mal in Hessen nachzufragen, ob der Erlass nun wieder zurückgenommen werde, wo doch jetzt der Anlass nicht mehr bestünde. Der Einfachheit halber tat ich dies via Twitter:

Um der Frage, Nachdruck zu verleihen, fügte ich noch den Hinweis hinzu, dass bestimmte Alternativen zu Glyphosat gesundheitliche Nachteile mit sich brächten:

Die Antwort erreichte mich wenige Stunden später:

… und löste Verwunderung aus. Schließlich bezog sich der Erlass, den ich meinte, auf Anwendungen von Glyphosat auf Nichtkulturland, also in der Regel versiegelte Flächen wie Wege, Einfahrten, Straßen, Plätze etc. Der einzige Sinn einer Unkrautbekämpfung dort ist nun mal die Reduzierung von Artenvielfalt. Auch nicht chemische Maßnahmen wie Abflämmen oder Jäten dienen hier nicht wirklich dem Artenschutz. Ich fasste Mut und fragte nach (zur Illustration fügte ich ein paar Bilder hinzu):

Leider endet hier der kurze Dialog, denn ich bekam keine weiteren Antworten.