Internationaler Agrarhandel als Fluchtursache

Internationaler Agrarhandel als Fluchtursache

Am Montagabend ging es in der ARD-Sendung “hart aber fair” um die Politik des neuen US-Präsidenten Donald Trump. Ein zentrales Thema dabei war der internationale Handel. Für eine Exportnation wie Deutschland ist das wichtig.

Oskar Lafontaine, Vorsitzender der Fraktion von Die Linke im Landtag des Saarlandes, kann dem internationalen Handel nichts Gutes abgewinnen (ca. Min. 21:00):

“”Freihandel” ist für mich eines der größten Lügenwörter unserer Zeit. Es gibt keinen Freihandel. Die wirtschaftlich mächtigen Staaten zwingen den schwächeren ihre Bedingungen auf und etwa in der Agrarwirtschaft ist das ein ganz schlimmer Vorgang, dass wir etwa afrikanischen Staaten aufzwingen, dass sie unsere subventionierten Agrarprodukte kaufen und damit geht die Landwirtschaft dort kaputt. Und dann wundern wir uns, dass die Menschen flüchten und zu uns kommen. Diese Lüge vom Freihandel, die müssen wir endlich mal auflösen.”

Vertreter von Bündnis 90/Die Grünen sehen das ähnlich. Anlässlich der Afrika-Reise von Kanzlerin Angela Merkel im Dezember letzten Jahres fassen Anton Hofreiter und Claudia Roth in einem Gastbeitrag für die ZEIT ihre Sicht der Dinge in folgendem Satz zusammen:

“Eine der Hauptursachen dafür, dass Menschen aus afrikanischen Ländern zu uns fliehen, ist die Landwirtschaft in Europa. Sie richtet in Afrika Schäden an, die nur mit einer Agrarwende behoben werden können.”

Was für Herrn Seehofer und seine CSU die Obergrenze ist, sind für rot-grüne Ideologen die Fluchtursachen. Ein Blick auf die Statistik indes bringt Licht ins Dunkel:

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Quelle: BAMF

Die mit Abstand meisten Asylsuchenden kommen aus den Konfliktregionen des mittleren Ostens. Sie fliehen vor militärischen Auseinandersetzungen wie dem Bürgerkrieg in Syrien.

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Quelle: BAMF

Unter den zehn Herkunftsländern mit den meisten Asylsuchenden sind zwei afrikanische Staaten: Eritrea und Nigeria. In Nigeria verbreitet die islamistische Terrorgruppierung Boko Haram Angst und Schrecken. Den bewaffneten Auseinandersetzungen folgen Hungersnöte. In Eritrea herrscht ein repressives System. Menschenrechte werden missachtet. Wer von hier flieht, verlässt seine Heimat, weil er in Freiheit leben will.

Importe von Agrargütern sind im rot-grünen Narrativ auch von Übel. Die Grüne Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckhardt wird dieser Tage in der ZEIT zitiert:

“Dem widerspricht Göring-Eckardt. Deutschland habe noch eine andere Verantwortung, aus der heraus das Grundrecht auf Asyl begründet sei: “Viele Fluchtbewegungen kommen deswegen zustande, weil wir so leben, wie wir leben. Menschen fliehen auch, weil kein Wasser da ist, weil es Dürren gibt, weil sie ihre eigenen Lebensmittel nicht mehr anbauen können, weil sie das Soja für unsere Fleischproduktion anbauen”, sagt Göring-Eckardt.”

Weil wir zuviel Soja importieren, leiden die Menschen in den Anbauländern Not? Wo wird denn eigentlich das meiste Soja angebaut und welche Länder führen am meisten aus? Antworten geben Zahlen, die der Verband der Ölsaaten-verarbeitenden Industrie in Deutschland (OVID) bereithält:

sojaproduktion
Quelle: OVID

USA, Brasilien, Argentinien, China, Indien, Paraguay, Kanada, die EU, Mexiko und Japan sind die Top-Produzenten, beim Export verteilen sich die Anteile etwas anders. Fest steht, die Hauptherkunftsländer der Asylsuchenden bei uns sind nicht darunter. Wenn man sich anschaut, wohin das meiste Soja exportiert wird, stellt man fest, dass unsere Art zu leben, für den weltweiten Soja-Anbau immer unbedeutender wird:

sojaimporte
Quelle: OVID

Fast 30 Prozent der Welt-Sojaernte geht nach bzw. bleibt in China. Die Menge, die in die EU importiert wird, ist seit 2000 sogar etwas gesunken.

Nach Schätzungen des Population Reference Bureau (PRB) in Washington werden im Jahr 2050 rund 2,5 Milliarden Menschen in Afrika leben. Afrika ist damit der Kontinent mit dem weltweit größten Bevölkerungswachstum. Hieraus wachsen Herausforderungen, die uns alle angehen und die man nicht mit billiger Wahlkampfpolemik löst.

Postfaktischer Adventskalender, Teil 22: Die Macht der Bilder

Postfaktischer Adventskalender, Teil 22: Die Macht der Bilder

Jede Kommunikations-Kampagne arbeitet mit Bildern. Manche Bilder wirken nonverbal, ohne Erklärung. Ich habe mal Screenshots von den Google-Bildersuchen zu den Begriffen “Gentechnik”, “Glyphosat”, “Impfen” und “Ausländer”gemacht:

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Bilder, die Emotionen – vor allem Angst – vermitteln, erwecken leichter die Aufmerksamkeit als mühselig aufgedröselte Fakten. Und die Botschaften, die damit vermittelt werden, setzen sich auch viel leichter bei den Menschen fest – quasi übers Rückenmark.

Medienschaffende müssen deshalb verantwortlich mit Bildern umgehen, auch mit bildhafter Sprache: “Flüchtlingsstrom”, “Masseneinwanderung”, “Chlorhuhn”, “Massentierhaltung”, “Kükenschreddern”, “Schnäbelschneiden”, “Ackergift” – Zeitungen und TV-Sendungen sind voll davon. Die Begriffe sind schlagkräftig und damit eine nützliche Abkürzung, um nicht umständlich erklären zu müssen, was man eigentlich meint.

Prof. Dr. Edgar Wolfrum und Dr. Cord Arendes von der Universität Heidelberg schreiben bereits 2006 im Forschungsmagazin “Ruperto Carola“:

“Bilder und Fotos entfalten ihre eigene Dynamik mit unvorhersehbaren Folgen – je nachdem, auf welches Publikum sie stoßen. Vor diesem Hintergrund ist es eine wichtige Herausforderung für die Zeitgeschichte, Medienkompetenz bei den Bürgerinnen und Bürgern zu entwickeln und zu stärken. Die einstige Hegemonie der Druckschrift in der Aneignung von Wirklichkeit ist unwiederbringlich an ihr Ende gekommen.

Wir haben die Gutenberg-Galaxie hinter uns gelassen. Man wird sagen können: Nicht der Schriftunkundige ist der Analphabet der Zukunft, sondern der Bildunkundige. In einem Satz: Das Schlagbild hat das Schlagwort abgelöst!”

Besonders Fotografien sind verführerisch: Fotos geben vor, die Realität abzubilden, tun dies aber nicht, und das nicht erst, seit es Photoshop gibt. Und: Auch Fotos können lügen. Um Themen wie Gentechnik oder Pflanzenschutz zu veranschaulichen, wird häufig eine allegorische Bildsprache verwendet. Neben dem Maiskolben wird dann noch eine Spritze oder andere Laborutensilien sowie das Gefahrenzeichen für Biohazard zu einem Stillleben gemorpht. Beim Thema Glyphosat darf der Totenkopf bzw. das Gefahrenzeichen für “sehr giftig” nicht fehlen, obwohl das bei diesem Wirkstoff gar nicht anzuwenden ist. Hier wird suggeriert: “Das ist sehr giftig!” oder “Das ist gefährlich!”, dabei stimmt das gar nicht.

Es gibt also nicht nur Fake-News, sondern auch Fake-Botschaften in Bildform. Vielleicht sollte man dafür auch mal einen Warnhinweis einführen. Ich wüsste dafür auch schon ein Motiv: Das Gefahrenzeichen für “Hindernisse im Kopfbereich”.

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Links:

• Die Macht der Bilder

• Bild oder die Macht der Bilder

• 175 Jahre Fotografie. Die Macht der Bilder

 

 

Postfaktischer Adventskalender, Teil 20: Bio boomt

Postfaktischer Adventskalender, Teil 20: Bio boomt

“Bio boomt” ist eine beliebte Überschrift. Gerne wirbt der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft e. V. (BÖLW) mit zweistelligen Absatzzahlen beim Umsatz:

“2015 kauften deutsche Haushalte für 8,62 Mrd. € Bio-Lebensmittel- und Getränke und gaben damit rund 11% mehr für Bio-Produkte aus als noch im Vorjahr. Obwohl sich der Bio-Markt auch in den vergangenen Jahren sehr dynamisch entwickelte, konnten zweistellige Wachstumsraten zuletzt 2008 verbucht werden. Insbesondere das Engagement des Lebensmitteleinzelhandels (LEH) – und hier vor allem der Discounter – brachte 2015 mehr Bio-Produkte zu den Kunden, die ein größeres Sortiment gern annahmen.”

Was dabei geflissentlich verschwiegen wird: Der konventionelle Lebensmittelmarkt wächst ja auch. Und wenn ich den Bio-Anteil am Gesamtmarkt betrachte, wächst der wesentlich langsamer:

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Was dieser Dynamik auch so gar nicht recht folgen will, ist das Wachstum der nach den Prinzipien des Ökolandbaus bewirtschafteten Fläche (orange)in Deutschland. Allein betrachtet (links) lässt sich ein deutliches Wachstum erkennen, in Relation zur gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche in Deutschland (blau) gesetzt, folgt die Ernüchterung:

Auf ihre Präferenzen beim Lebensmitteleinkauf angesprochen, antworten Verbraucher überraschend desinteressiert am Bio-Label. Bei der SGS Verbraucherstudie von 2014 gaben gerade einmal 16 Prozent der Männer und 28 Prozent der Frauen an, dass sie beim Einkaufen darauf achten, dass es sich um Bio- oder Ökoprodukte handelt. Kriterien wie Frische, Qualität und Preis wurden als wichtiger angesehen:

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SGS Verbraucherstudie 2014, S. 23

Die Attraktivität von Bio-Lebensmitteln ist letztlich auch eine Preisfrage: Da, wo das Preisgefälle zum konventionellen Äquivalent besonders groß ist wie etwa bei Fleisch dümpelt der Marktanteil bei ein zwei Prozent. Im hessischen Fulda wurde jetzt ein Fleischwarenhersteller verkauft, der auf Bio-Fleisch spezialisiert war. Die Kurhessische Fleischwarenfabrik (kff) hat vor allem tegut beliefert. Doch die Supermarktkette zog sich mehr und mehr aus der Zusammenarbeit zurück, die Verträge liefen Ende des Jahres aus. Wie jetzt bekannt wurde, wird die Deuerer-Gruppe die kff  übernehmen. Ab Februar steht dadurch ein Sortimentswechsel an: Statt hochwertiger Wurstwaren und Bio-Fleisch wird in Fulda dann Heimtiernahrung hergestellt werden:

Postfaktischer Adventskalender, Teil 10: Wort des Jahres

Postfaktischer Adventskalender, Teil 10: Wort des Jahres

Als ob ich es geahnt hätte: Die Gesellschaft für deutsche Sprache hat gestern bekanntgegeben, dass sie den Ausdruck “postfaktisch” zum Wort des Jahres erkoren hat. In der Begründung heißt es:

“Die Jahreswortwahl richtet das Augenmerk auf einen tiefgreifenden politischen Wandel. Das Kunstwort postfaktisch verweist darauf, dass es heute zunehmend um Emotionen anstelle von Fakten geht. Immer größere Bevölkerungsschichten sind in ihrem Widerwillen gegen »die da oben« bereit, Tatsachen zu ignorieren und sogar offensichtliche Lügen zu akzeptieren. Nicht der Anspruch auf Wahrheit, sondern das Aussprechen der »gefühlten Wahrheit« führt zum Erfolg.”

Auf den weiteren Plätzen landen “Brexit”, “Silvesternacht”, “Schmähkritik”, “Trump-Effekt”, “Social Bots”, “schlechtes Blut”, “Gruselclown”, “Burkiniverbot” sowie “Oh, wie schön ist Panama”. Zur Erinnerung: Das Wort des Jahres 2015 war “Flüchtlinge” gefolgt von “Je suis Charlie” und “Grexit”.

Die Wörter des Jahres sind die Begriffe, die nach Ansicht der Gesellschaft für deutsche Sprache den öffentlichen Diskurs im ablaufenden Jahr entscheidend geprägt haben:

“Wie in den vergangenen Jahren wählte die Jury, die sich aus dem Hauptvorstand der Gesellschaft sowie den wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zusammensetzt, aus diesmal rund 2000 Belegen jene zehn Wörter und Wendungen, die den öffentlichen Diskurs des Jahres wesentlich geprägt und das politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben sprachlich in besonderer Weise begleitet haben.

Nicht die Häufigkeit eines Ausdrucks, sondern seine Signifikanz bzw. Popularität stehen bei der Wahl im Vordergrund: Auf diese Weise stellen die Wörter eine sprachliche Jahreschronik dar, sind dabei jedoch mit keinerlei Wertung oder Empfehlung verbunden.”

Interessant an der Auswahl des Vereins ist, dass die einzelnen Begriffe m.E. zum Teil stark zusammenhängen. So war sowohl das Referendum zum EU-Austritt von Großbritannien als auch die US-Präsidentenwahl im Vorfeld deutlich von emotional geführten Debatten geprägt. Mit den Fakten nahmen die Akteure es dabei nachweislich nicht so genau. Der Begriff “Social Bots” beschreibt das Phänomen, dass in den Sozialen Netzwerken manchmal gar keine Menschen mehr agieren, sondern per Computerprogramm die Diskussion mit automatisch generierten Einträgen beeinflusst werden soll. “Silvesternacht” steht für die Übergriffe auf Frauen zum Jahreswechsel in Köln, die von offiziellen Stellen und den Medien erst gar nicht berücksichtigt worden sind und erst nach breiter Kritik mit ihrer gesamten Brisanz ins öffentliche Bewusstsein gedrungen sind.

Wollen wir hoffen, dass die Politiker hierzulande die Botschaft verstehen, sich fürs Wahljahr 2017 gute Vorsätze machen und sich letztlich auch daran halten.

 

Bildnachweis: Gesellschaft für deutsche Sprache e. V.

Postfaktischer Adventskalender, Teil 8: “Kükenschreddern”

Postfaktischer Adventskalender, Teil 8: “Kükenschreddern”

Auch heute geht es um Gefügel: Wie “Schnäbelschneiden” oder “-kupieren” ist auch der Ausdrück “Kükenschreddern ein Kampfbegriff, der in der öffentlichen Diskussion gerne verwendet wird, um gruselige Bilder im Kopf der Zuhörer zu erzeugen. Es ist richtig, dass männliche Legehennenküken direkt nach dem Schlupf getötet werden, weil ihre Aufzucht sich nicht wirtschaftlich gestalten lässt. Aber mit dem Schredder?

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Die Zeitschrift “FOOD & FARM” wollte der Sache auf den Grund gehen und organisierte ein Gespräch zwischen einem Verbraucher und dem Leiter einer Brüterei. Auf das Thema “Kükenschreddern” angesprochen antwortet Brütereileiter Werner Hockenberger:

“In Ihrer Frage ist schon das erste Missverständnis zwischen der Öffentlichkeit und unserer Arbeit in der Brüterei versteckt. Wenn Sie sich in meinem Betrieb umschauen, entdecken Sie keine Schredderanlage. Sie würden auch keine geschredderten Küken in einer anderen deutschen Legehennen-Brüterei finden. Das Schreddern wird fälschlicherweise als Synonym für das Töten der männlichen Küken verwendet. In Deutschland ist es gängige Praxis, die Küken mit Kohlendioxid zu betäuben – was in der Folge zum Erstickungstod führt.”

Die getöteten Küken würden auch nicht weggeworfen, wie häufig behauptet wird, sondern verwertet. Hockenberger führt aus:

“Die Küken landen nach dem Tod nicht auf dem Müll, sondern im Kühlhaus. Wir haben viele Anfragen von Falknereien, Wildtierparks und Zoos. (…) Für meinen Betrieb ist das ein wichtiger Absatzweg. So wie mir geht es den anderen Brütereien auch. In Deutschland schreddert niemand, da jeder die Chance nutzt, die Kadaver sinnvoll zu nutzen.”

Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt hat Forschungsprojekte gefördert, die eine Geschlechtserkennung schon im Ei möglich machen sollen. Erste Anlagen sollen im nächsten Jahr marktreif werden. Werner Hockenberger ist skeptisch:

“So eine Anlage ist erstens teuer, und zweitens lassen sich Fehldiagnosen damit nicht vermeiden. Ein weiteres Problem ist, dass ich die aussortierten Eier nicht weiterverwerten könnte – ein zusätzlicher Kostenfaktor.”

und er gibt zu bedenken:

“Würde die Politik langfristig das Kükentöten verbieten, müssten mindestens 50 Millionen Mäuse und Ratten als Tierfutter aufgezogen werden. Ich bezweifle mal, ob das die Sache besser macht.”

Naja, Mäuse und Ratten sind nicht so niedlich wie kleine gelbe Flauschbällchen. Vielleicht ist das der Öffentlichkeit ja leichter zu vermitteln …

 

 

Postfaktischer Adventskalender, Teil 6: Kohle und Kommunikation

Postfaktischer Adventskalender, Teil 6: Kohle und Kommunikation

Der Ausstieg aus der Kernenergie ist in Deutschland beschlossene Sache. Gleichzeitig fordern Umweltorganisationen und die Grünen, dass hierzulande auch die Stromerzeugung mit Braun- und Steinkohle aufgegeben werden soll. Die Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen hat daher einen Fahrplan Kohleausstieg entwickelt. Mit dieser Roadmap wollen die Grünen aufzeigen, wie der Ausstieg aus der Kohle innerhalb der nächsten 20 Jahre gelingen soll. Darin heißt es im Anschnitt “Ökonomischer Rahmen”:

“Im Stromsektor hat dieser Bedeutungsverlust erst mit Beginn der Energiewende vor 16 Jahren begonnen. Damals wurde die Hälfte des Stroms aus Kohle gewonnen, je zu gleichen Teilen aus Braun- und Steinkohle. Heute sind es immer noch rund 40 Prozent Kohlestrom im deutschen Netz. Politik und Wirtschaft sind sich jedoch einig, dass dieser Anteil weiter schrumpfen wird und das Stromversorgungssystem künftig mehr Erneuerbare und vor allem Flexibilität erfordern wird. Die unflexiblen Kohlekraftwerke passen in diese neue Stromwelt nicht hinein. Sie erweisen sich mehr und mehr als Hindernis beim dringend erforderlichen Umbau des Stromversorgungssystems. Auch energiewirtschaftlich ist der schrittweise Ausstieg aus der Kohleverstromung daher geboten.”

Kohle wird also immer unbedeutender – nahezu von ganz allein. Nur eines verstehe ich daran nicht: Wo soll der ganze Strom denn dann herkommen? Die Organisation Agora Energiewende betreibt im Internet das sogenannte Agorameter. Dort kann sich der Internetnutzer ansehen, mit welchen Quellen bei uns Strom erzeugt wird. Die gelben Berge beschreiben den Solarstrom, den gibt es nur tagsüber, die blauen Wellen beschreiben die Windenergie, die gibt es nur, wenn der Wind weht. Diese Schwankungen sind das Problem. Denn man braucht entweder Speicher, um Strom in nennenswerten Mengen quasi zwischenzulagern, und/oder Kraftwerke, die man flexibel hoch- und runterfahren kann, um die Schwankungen auszugleichen und die Produktion dem Bedarf anzupassen.

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Agorameter vom 2. bis zum 4. Dezember 2016
Am Pfingstsonntag dieses Jahres waren die Wetterverhältnisse immerhin schon einmal so günstig, dass die Erneuerbaren Energien einen Anteil von 82 Prozent des Strombedarfs geleistet haben. Doch um über das gesamte Jahr Strom aus Erneuerbaren erzeugen zu können, fehlt es an Infrastruktur. In den letzten Jahren ist die Förderung für Photovoltaik- und Biogas-Anlagen so unattraktiv geworden, dass kaum noch Neuanlagen gebaut werden. Gegen die Windkraft regt sich vielerorts Widerstand, weil die Eingriffe in die Landschaft massiv sind. Anwohner, Vogelschützer und Waldliebhaber laufen Sturm und gründen Bürgerinitiativen.

Es ist m.E. nicht damit getan, einfach mehr Geld in die Erneuerbaren zu pumpen. Es fehlt einfach noch an Technologie und Infrastruktur. Markige Sprüche mit drolligen Bildern mögen witzig sein, aber wem hilft das? Die Strategie des Kohlefahrplans ist, die Kohlestromproduktion schlichtweg durch Verbote und Verschärfung der Auflagen zu verteuern. Wo der Strom herkommen soll, ist damit für mich nicht geklärt.

Postfaktischer Adventskalender, Teil 3: Genmais ist grundsätzlich böse

Postfaktischer Adventskalender, Teil 3: Genmais ist grundsätzlich böse

Vorab: Natürlich enthält jeder Mais Gene. Deshalb ist der Ausdruck “Genmais” für “gentechnisch verbesserte Maissorte” eigentlich dumm. Aber gut: Ich denke, Sie wissen, was gemeint ist.

Gestern fiel das Wort “postfaktisch” im Bundestag. Stephan Albani, Forschungspolitiker der CDU, sprach zur Änderung des Gentechnik-Gesetzes.

Dem studierten Physiker macht das Wort “postfaktisch” Sorgen:

“Postfaktisch bedeutet, dass wir uns mehr von Emotionen, mehr von Sorgen und Ängsten leiten lassen als von den Fakten – in aller Gemütsruhe, diese zu bewerten.”

Aus diesem Grund begrüßt Stephan Albani den von der Bundesregierung eingebrachten Entwurf zur Einführung einer Opt-Out-Option für gentechnisch verändertes Saatgut. Er schreibt auf seiner Facebook-Seite:

“Mit dem Gesetz setzen wir eine wichtige EU-Richtlinie um und schaffen ein faktenbasiertes, ideologiefreies und rechtssicheres Zulassungsverfahren für gentechnisch verändertes Saatgut. Dank der Opt-Out-Klausel können wir trotz EU-Zulassung den Anbau in Deutschland verbieten. Wichtig ist aber, dass dies nur erfolgt, wenn die Risiken zu groß erscheinen oder nicht absehbar sind. Wir dürfen die Forschung in diesem Bereich aber nicht postfaktisch von vornherein verbieten.”

In seiner Rede erinnerte Albani daran, dass wir in Deutschland schon einmal den Fortschritt haben vorbeiziehen lassen, als die hessische Landesregierung die Genehmigung einer Produktionsanlage für gentechnisch erzeugtes Insulin verwehrt hatte. Er verwies auf die Forderung von inzwischen mehr als 120 Nobelpreisträgern, Gentechnik nicht weiter zu blockieren. Albani mahnt:

“Es ist unsere Verantwortung, das Verhältnis zwischen Chancen und Risiken, Forschen und Folgenabschätzung, Hoffnung und Sorgen wieder ins Lot zu bringen – auf der Basis von Fakten.”

Was hat die Opposition für Argumente? Eigentlich keine, außer zu repetieren, dass Gentechnik irgendwie schlecht ist und flächendeckend verboten gehört.

Illustriert wird das mit Grimassen auf Maiskolben – postfaktisch halt: Bildchen reichen, um die negativen Ressentiments anzutriggern, die man mit Angstpropaganda während der letzen 20 Jahre aufgebaut hat.

Früher, so vor rund 20 Jahren, gehörte das Thema Gentechnik zum Bereich des forschungspolitischen Sprechers der Grünen Bundestagsfraktion in Person von Manuel Kiper. Der promovierte Molekularbiologe wurde 1997 mit einem bemerkenswerten Satz im Spiegel zitiert:

“Ich halte es für falsch, bei den Leuten Panik zu schüren. (…) Auf den Feldern wachsen keine Horrorpflanzen heran.”

Und weiter heißt es dort:

“In der Furcht vor Gentechnik sieht der Grüne Kiper eine Parallele zur früheren Ablehnung der Informationstechnik. “Vor elf Jahren beschlossen wir gleichzeitig einen Computerboykott und ein Verbot der Gentechnik, kompromißlos. Die Computer kamen trotzdem. Heute surfen alle im Internet – und lachen über den Computerboykott von gestern.” Nun müßten die Grünen auch endlich aufhören, fordert Kiper, die Gentechnik “pauschal zu verteufeln”.”

Jawohl, dem kann ich zustimmen: Jetzt, spätestens – knapp 20 Jahre nachdem diese Forderung geäußert wurde – sollten die Grünen dringend aufhören, Gentechnik pauschal zu verteufeln. Gute Gründe gibt es dafür nämlich nicht.

 

Links:

25 Jahre BMBF-Forschungsprogramme zur biologischen Sicherheitsforschung

A decade of EU-funded GMO research (2001 – 2010)

• Transgene Pflanzen für die Ernährungssicherung im Kontext der internationalen Entwicklung. Ergebnisse der Studienwoche der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften

UNION DER DEUTSCHEN AKADEMIEN DER WISSENSCHAFTEN: Memorandum erarbeitet im Auftrag der GMO Initiative des InterAcademy Panel. Gibt es Risiken für den Verbraucher beim Verzehr von Nahrungsprodukten aus gentechnisch veränderten Pflanzen?

Liste von mehr als 275 Organisationen und wissenschaftlichen Instituten, die bestätigen, dass Grüne Gentechnik sicher ist

Laureates Letter Supporting Precision Agriculture (GMOs)

 

Zum Bild: Sehen die Kolben nicht furchtbar künstlich aus? Das ist aber kein gentechnisch veränderter Mais, sondern Mais der Sorte Glass Gem aus meinem Garten.