“unter Krebsverdacht”

“unter Krebsverdacht”

Im Zusammenhang mit der Monsanto-Übernahme durch die Bayer AG sind mir bestimmte Formulierungen in der deutschsprachigen Presse aufgefallen: “Glyphosat steht unter Krebsverdacht” oder “Glyphosat steht im Verdacht, Krebs zu erzeugen” o.ä. heißt es da.

So meldet etwa die Tagesschau:

“Zudem steht Monsanto in Europa seit Jahren wegen seiner gentechnisch veränderten Produkte in der Kritik. Außerdem vertreibt das Unternehmen den Unkrautvernichter Glyphosat, der im Verdacht steht, krebserregend zu sein.”

Stimmt das eigentlich? Was steckt hinter dieser Formulierung und ist sie überhaupt gerechtfertigt?

Wir erinnern uns: Im März vergangenen Jahres hatte die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC), eine Unterorganisation der Weltgesundheitsorganisation (WHO), den Herbizid Wirkstoff Glyphosat als “wahrscheinlich krebserregend” (Gruppe 2A) klassifiziert. Was bedeutet diese Klassifizierung? Die IARC schreibt in der Pressemitteilung:

“Group 2A means that the agent is probably carcinogenic to humans. This category is used when there is limited evidence of carcinogenicity in humans and sufficient evidence of carcinogenicity in experimental animals. Limited evidence means that a positive association has been observed between exposure to the agent and cancer but that other explanations for the observations (called chance, bias, or confounding) could not be ruled out. This category is also used when there is limited evidence of carcinogenicity in humans and strong data on how the agent causes cancer.”

Hier wird deutlich, dass das IARC-Etikett “wahrscheinlich krebserregend” nichts mit der umgangssprachlichen Formulierung “Substanz xy ist wahrscheinlich krebserregend” zu tun hat. Es ist eine rein technische Festlegung, die den Grad der Evidenz beschreibt, den die Forscher in ihrem Studienmaterial vorfinden.

Deutlich wird dies, wenn man sich ansieht, auf welche weiteren Akteure der IARC-Titel “wahrscheinlich krebserregend” zutrifft: rotes Fleisch, Schichtarbeit, heiße Getränke (heißer als 65 °C), Tätigkeit als Friseur, Emissionen von Holzöfen. Würden wir sagen “der Friseurberuf steht im Verdacht, Krebs zu erzeugen”?

Der Wandel der Formulierungen vollzog sich unmerklich und allmählich. Ende Juni 2016 schrieb die Zeit zur Verlängerung der Glyphosat-Zulassung:

“Glyphosat ist hoch umstritten, das Mittel steht im Verdacht, das Krebsrisiko zu erhöhen. Es ist der weltweit am häufigsten eingesetzte Unkrautvernichter. Im März 2015 war der Streit über die Gefahren von Glyphosat neu entbrannt, als die Weltgesundheitsorganisation den Stoff als “wahrscheinlich krebserregend” klassifizierte.”

Diese Betrachtung ist noch relativ differenziert. Allein, dass die IARC mit der WHO gleichgesetzt wird, ist einfach falsch. Es geht noch weiter:

“Das deutsche Bundesamt für Risikobewertung (BfR) und mittlerweile auch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit stuften es hingegen als “nicht krebserregend” ein. Im Mai 2016 kam ein Fachgremium, an dem die WHO ebenfalls beteiligt ist, zu dem Ergebnis: “Glyphosat ist nicht krebserregend.””

So ergibt sich ein einigermaßen vollständiges Bild der Sachlage. Andere Medien gaben sich nicht so viel Mühe. Die Süddeutsche Zeitung meldet Mitte September 2015, als sich abzeichnete, dass die Erneuerung der Zulassung erstmals verschoben wird:

“Die Europäische Kommission will die Zulassung für das Pestizid Glyphosat, das unter Krebsverdacht steht, nach SZ-Informationen noch einmal um ein halbes Jahr verlängern – bis Sommer 2016.”

Weiter unten in dem Artikel heißt es:

“Die Krebswarnung der WHO hat den Fahrplan für die Neuzulassung von Glyphosat durcheinandergebracht.”

Erstens hat hier nicht die WHO, sondern nur eine Unterorganisation der WHO agiert, und zweitens hat die IARC keine Warnung ausgesprochen. Warnungen der WHO sehen anders aus, zum Beispiel so:

Leider haben Journalisten die Angewohnheit, Formulierungen voneinander zu übernehmen – um nicht zu sagen: Sie schreiben voneinander ab. Spätestens wenn eine Sprachregelung es eine Ticker-Meldung der Deutschen Presse-Agentur (dpa) geschafft hat, kann sie als etabliert gelten. Als die EU-Kommission Ende Juni die Genehmigung für Glyphosat um 18 Monate verlängert hatte, war es so weit: Kaum einer machte sich noch die Mühe wie die Zeit-Journalistin auszuformulieren, welchen Hintergrund die Uneinigkeit bei der Glyphosat-Bewertung hatte. Die meisten schrieben “steht im Verdacht, krebserregend zu sein” o.ä., so wie die dpa das damals anbot, und waren fertig.

Bis heute ist die IARC die einzige Organisation, die Glyphosat in Zusammenhang mit Krebs bringt. Alle anderen für die Risikobewertung von Chemikalien zuständigen Institutionen und Behörden bestätigen, dass beim korrekten Umgang mit Glyphosat, nicht davon auszugehen ist, dass die Substanz Krebs erzeugt. Zuletzt die EPA, die Umweltschutzbehörde der USA.

Die Unterschiede bei der Bewertung haben einen Grund: Während die IARC aufgrund einer Mäuse-Studie, bei denen den Tieren Glyphosat hochdosiert verabreicht worden ist, einen Zusammenhang zur Krebsentstehung feststellt, ist diese Studie z.B. für das Bundesamt für Risikobewertung (BfR) nicht ausschlaggebend, weil in der Praxis diese hohen Dosierungen nicht vorkommen. Die IARC stellt grundsätzlich fest, ob ein Akteur das Potenzial besitzt, Krebs zu erzeugen – unter welchen Bedingungen auch immer. Das BfR muss abschätzen, ob in unserem Alltag ein Risiko von dieser Substanz ausgeht. Es geht hier um den Unterschied von Gefahr (“hazard”) und Risiko (“risk”).

Für diese ganzen Hintergrundinformationen ist einer kurzen Meldung für die Nachrichtenspalten natürlich kein Platz. Trotzdem wäre mehr Sorgfalt wünschenswert, denn die Diskussion über Glyphosat wird uns auch im kommenden Wahljahr begleiten und die Fakten, um die es eigentlich geht, fallen bei derartiger Schlampigkeit unter den Tisch.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte sich im August auf einer Wahlkampfveranstaltung vor Landwirten für eine Verlängerung der Glyphosat-Genehmigung ausgesprochen. Vertreter von Bündnis 90/Die Grünen reagierten – welch’ Überraschung – mit Empörung. Die FAZ berichtet auf Basis einer dpa-Meldung darüber:

“Glyphosat steht im Verdacht, Krebs zu erregen. Studien haben aber auch ergeben, dass es bei ordnungsgemäßem Gebrauch ungefährlich für Menschen ist.”

Das gibt, wie oben dargestellt, den Sachverhalt nur unzureichend wieder, und weiter:

“Als Wissenschaftlerin müsse die Kanzlerin wissen, dass die Risiken nicht abschließend geklärt seien, sagte Hofreiter, der selbst Biologe ist. Die Krebswarnung von Experten der Weltgesundheitsorganisation WHO stünden weiter im Raum.”

Das ist sie wieder die “Krebswarnung”, die es gar nicht gab. Einmal in die Welt gesetzt, wird damit jetzt Politik gemacht.

Würden Sie sagen: “Der Holzofen in meinem Wohnzimmer und das gute Rindersteak auf meinem Teller, stehen unter Verdacht, Krebs zu erzeugen.”? Nein? Dann müssen wir die Krebswarnungen der WHO vor Holzöfen, Steaks, Schichtarbeit und dem Friseurberuf wohl überhört haben …

 

 

 

Deal perfekt: Bayer übernimmt Monsanto

Deal perfekt: Bayer übernimmt Monsanto

Gestern haben Bayer und Monsanto offiziell bestätigt, dass der deutsche Weltkonzern aus Leverkusen den US-amerikanischen Gentechnik-Spezialisten übernehmen wird. Die Zustimmung der Monsanto-Aktionäre sowie der Kartellbehörden steht noch aus.

Offenbar ging es auf der Zielgeraden nur noch um Details, denn mit der offiziellen Bekanntgabe der Einigung wurde auch gleich eine neue Website gelauncht: advancingtogether.com – heißt soviel wie “gemeinsam besser werden” oder “gemeinsam voranschreiten”. Dort sind eine Reihe von Hintergrundinfos zum Deal hinterlegt sowie das offizielle Statement als Video.

Die Versprechen, die Werner Baumann, der Vorstandsvorsitzende der Bayer AG, hier gibt, sind wahrlich vollmundig:

“We are fully committed to helping solve one of the biggest challenges of society – and that is how to feed a massively growing world population in an environmentally sustainable manner.

What we do is good for consumers. We help to produce sufficient, safe, healthy and affordable food.

It is also good for our growers. Because they have better choices to increase yields in a sustainable way.”

Er wird daran gemessen werden müssen. Insbesondere gilt es zu zeigen, dass Grüne Gentechnik mehr kann als Roundup Ready und LibertyLink. Der trockenheitstolerante Mais von Monsanto wäre ein Anfang, um die Prognosen einzulösen, dass die moderne Pflanzenzüchtung den Herausforderungen von Bevölkerungswachstum und Klimawandel begegnen kann.

Weniger euphorisch fallen natürlich die Reaktionen von Umweltverbänden, NGOs und Öko-Parteien aus. Anton Hofreiter, Vorsitzender der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, und Katharina Dröge, Sprecherin für Wettbewerbspolitik, meldeten sich in einer gemeinsamen Erklärung zu Wort:

“Diesen Deal darf es nicht geben. So entsteht ein übermächtiger Konzern, der den Welthunger nicht bekämpft sondern verstärkt. Das Übernahmegeld von Bayer entspricht fast 30 Jahresgewinnen von Monsanto. Wer bereit ist so viel zu zahlen, spekuliert auf sprudelnde Einnahmen nach der Fusion. Bauern und Verbraucher werden dabei die Zeche zahlen. Ohnmächtig stehen sie dann einem weiteren Saatgutriesen gegenüber, der Preise und Angebot diktieren kann.”

Die Begründung für dieses Horrorszenario bleibt die Erklärung schuldig. Zum Abschluss wird es richtig spannend:

“Die Kartellbehörden in Europa und den USA müssen diesen Deal verhindern. Im Sinne der Vielfalt, der Umwelt, der Bauern und der Verbraucher. Wenn sie die Fusion mit dem Argument durchwinken, dass beide Konzerne auf unterschiedlichen Märkten aktiv sind, müssen wir diskutieren, ob das Kartellrecht verschärft werden muss.”

Wenn Monsanto und Bayer gemeinsam keine den Markt beherrschende Stellung erlangen und somit die Kartellbehörden nichts zu beanstanden haben sollten, wie soll man denn dann das Kartellrecht verändern, so dass es doch noch etwas zu mokieren gibt? Welche Kriterien sollen das sein? Etwa, dass es Herrn Dr. Hofreiter nicht gefällt?

Monsanto hat in Deutschland nach Brancheninformationen bei Maissaatgut einen Marktanteil von 4 (in Worten: “vier”) Prozent, Bayer hat hierzulande gar kein Maissaatgut in seinem Portfolio. Zumindest beim Mais brauchen wir uns also garantiert keine Sorgen machen – vermutlich bei anderen Nutzpflanzen auch nicht.

Wer sich ein Bild von der Nutzpflanzen-Vielfalt bei uns machen will, dem empfehle ich zur Lektüre zum Beispiel die “Beschreibende Sortenliste: Getreide, Mais, Öl- und Faserpflanzen, Leguminosen Rüben, Zwischenfrüchte 2016” des Bundessortenamtes – ein PDF mit 315 Seiten. Beim Studieren dieser Liste bekommt man mal ein Gefühl dafür, welche Informationen ein Landwirt verarbeiten muss, bevor er eine Anbauentscheidung trifft. Die Seiten 92 bis 149 beschäftigen sich allein mit Weizen. Da gibt es Winterweichweizen, Sommerweichweizen, Winterhartweizen, Sommerhartweizen und Weizensorten für den ökologischen Anbau. Aufgelistet sind verschiedene Eigenschaften, z.B. Reife, Qualität, Halmlänge, Neigung zu Lager und die Anfälligkeit gegenüber bestimmten Krankheiten. Dutzende, nein Hunderte Sorten sind da aufgeführt und jedes Jahr kommen neue hinzu. Nein, wenn ich mir um eines keine Sorgen mache, dann um die Nutzpflanzen-Vielfalt in Europa und daran wird auch die Bayer-Monsanto-Fusion nichts ändern.

Auch global hat sich die Situation in den letzten Jahren stark verändert: Länder wie China, Indien, Uganda, Brasilien, Kenia, Indonesien, Argentinien und Australien haben gezielt öffentliche Forschung im Bereich Grüne Gentechnik betrieben und stehen in den Startlöchern mit Produkten, an denen kein Weltkonzern direkt verdienen wird. Indien hat jetzt Monsanto auch Grenzen aufgezeigt bei der Vermarktung von Baumwoll-Saatgut. Neue erschwingliche Verfahren wie das Genome Editing (Crispr/Cas9 & Co), deren Produkte in manchen Ländern bislang nicht unter die Gentechnik-Regulierung fallen,  werden diesen Prozess noch verstärken.

campact.pngCampact hat seit Bekanntwerden der Übernahmepläne gegen die Fusion getrommelt und zieht jetzt den Publikumsjoker. Die passende Meinungsumfrage lag wohl schon in der Schublade: 70 Prozent der Bevölkerung sorgen sich danach. Kein Wunder: Die Bildsprache der Kampagne war auch mehr als deutlich.

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Bild: Campact

“Wir sind Monsanto!” twittert Harald Schmidt und trifft dabei einen wichtigen Aspekt: Der latente Antiamerikanismus, der die Kampagnen gegen Monsanto stets genährt hat, wird bei einem neuen Unternehmen unter der Federführung von Bayer wegfallen. Die NGOs werden es da viel schwieriger haben. So gibt es seit mehr als 30 Jahren eine NGO, die sich komplett auf Bayer konzentriert, die Coordination gegen Bayer-Gefahren – das interessiert nahezu niemanden hierzulande, die Organisation fristet ein Schattendasein – überstrahlt von Greenpeace, BUND und Co., die einfach mit den richtigen Feindbildern arbeiten.

Man denke nur an Volkswagen (VW) und den Abgas-Skandal. Im Inland hat der Betrug dem Ansehen von VW wenig geschadet. Monsanto wird gerne als das gigantische Überunternehmen kurz vor Übernahme der Weltherrschaft dargestellt. Im Vergleich zu VW ist Monsanto allerdings ein Zwerg.

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Umsatz 2015 nach marketwatch.com

Ein Beispiel: 2015 hat sich mein Mann die “Wir haben es satt” Demo in Berlin angesehen. Zwei Demonstrantinnen breiteten ein großes Transparent “Keine Gentechnik” o.ä. in der Nähe des Kanzleramtes aus. Er machte sich den Spaß und fragte die Damen, ob sie ihm denn den Unterschied zwischen Gentechnik und strahleninduzierter Mutation erklären könnten. “Mutawas?”, kam da zurück und weiter: “Darum geht es doch gar nicht, es geht schließlich um Monsanto!” Diskussion Ende. Diese “argumentative” Abkürzung stünde nicht mehr zur Verfügung, wenn der Name “Monsanto” von der Bildfläche verschwindet. Millionen an Marketinggeldern der NGOs gingen dann den Bach runter. Daher auch die Versuche von Campact und Co, den schlechten Ruf von Monsanto auf Bayer zu übertragen. Auch für die aus dem Namen abgeleitete Teufelssymbolik (“Monsanto” -> “Monsatan”) muss man sich was Neues ausdenken. Wir dürfen gespannt sein, wie lange es dauern wird, bis der erste Bayer-Schriftzug auf der Bildfläche erscheint, bei dem ein Buchstabe durch einen Totenkopf ersetzt worden ist.

 

Bildnachweis: Bayer AG, Niederlassung in Monheim am Rhein, der Hauptsitz von Crop Science, der Landwirtschaftssparte von Bayer

Qualitätsfernsehen

Qualitätsfernsehen

“Im Grunde ist nur das Falsche wirklich echt” – Dieser Ausspruch von Harald Schmidt (SWR UniTalk bei min 44:00) bringt auf den Punkt, wie viele Medien heute arbeiten. Harald Schmidt beschreibt in der Sequenz wie die Bildzeitung ein Foto von seinem Auftritt bei “Wetten Dass …” zwei Wochen nach dem Tod seines Vaters betitelt mit den Worten “Hier trauert Dirty Harry um seinen Vater” und dabei sei er nur gerade kurz vorm Einschlafen gewesen:

“Für mich ist es sozusagen der Inbegriff des Beispiels, dass dieses Bild sozusagen, wenn es als Trauer gilt, unerreichbar ist verglichen mit jeder echt dargestellten Trauer. Die vermittelt sich gar nicht. Aber wenn ich einfach so ein Bild habe, wie man sich Trauer vorstellt, und drunter steht “Hier trauert Dirty Harry um seinen Vater” – er ist aber nur kurz davor einzuschlafen, weil zwei Österreicher sich aufpumpen -,  dann ist das sozusagen für mich ein Musterbeispiel davon, wie segensreich Medien wirken können, wenn man sie nicht mit Prozessen belästigt und sagt, das ist aus dem Zusammenhang gerissen, sondern einfach sagt: Im Grunde ist nur das Falsche wirklich echt. Alles andere ist ein kümmerlicher Versuch, der zum Scheitern verurteilt ist.”

Scheitern wollte offensichtlich auch ein Redakteur nicht, der bei einer Leipziger TV-Produktionsfirma einen Beitrag für das ZDF-Magazin frontal21 vorbereitete. Auf Facebook wurde jetzt die folgende Anfrage veröffentlicht:

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Zum einen verwundert, warum der Autor ausgerechnet bei der Betreiberin der Website netzfrauen.org anfragt, denn diese Seite hat einen zweifelhaften Ruf als Clickbait-Maschine mit unseriösen Inhalten. Zum anderen hat er recht konkrete Vorstellungen, wie die O-Töne des oder der Befragten am Ende ausschauen sollen. Warum sucht er nicht gleich Schauspieler, wenn die Story vor dem Dreh schon fertig ist? Authentizität ist doch hier nicht mehr gegeben. Der Protagonist werde gesucht, um den Beitrag “mit Leben zu erfüllen” – aha, so als Deko also?

Nicht lebendig genug waren offensichtlich die O-Töne von interviewten Landwirten für einen Beitrag im ARD-Magazin Kontraste über die Haltung von Sauen. Sie fielen dem Schneidegerät zum Opfer. topagrar zitiert die Antwort der Redaktion:

“Im Zuge unserer Recherchen hat sich der Schwerpunkt des geplanten Beitrages deutlich verändert, so dass wir nicht alle (ebenso interessanten) Aspekte berücksichtigen konnten. Zudem wurde dem Beitrag nur eine erheblich kürzere Länge zugestanden als ursprünglich geplant. Deshalb bedauere ich sehr, dass wir in diesem Fall Passagen unseres Interviews mit Ihnen leider nicht berücksichtigen konnten – was partout nichts über die Bedeutung der von Ihnen ausgeführten interessanten Aspekte zu diesem umfänglichen Thema aussagt. Ich bedanke mich für Ihre Mühen, Ihre Zeit, Ihr Entgegenkommen und hoffe, Sie bleiben uns gewogen.”

Für die Landwirte ist das ein schwacher Trost, denn ihre fachliche Einschätzung der gezeigten Sauenhaltung kam im Fernsehbeitrag schließlich nicht vor. Die vergeudete Zeit ist zu verknusen, nicht aber die tendenziöse Berichterstattung. Ein offener Brief von drei Schweineexperten, der auf der Facebook-Seite “Frag den Landwirt” veröffentlicht wurde, gibt einen Eindruck, welche Versäumnisse sich die Redaktion zuschreiben lassen muss.

Bereits die Anmoderation versteigt sich im Größenwahn:

“Eine Zuchtsau in der Massentierhaltung: Haben Sie eine Vorstellung, wie viele Ferkel so eine Sau pro Jahr in unseren Tierfabriken zur Welt bringt? – Es sind 180.”

Es gibt den schönen Spruch “Eine Sau trägt drei Monate, drei Wochen und drei Tage”. Zählt man nun auch noch die Säugezeit hinzu, kommt man auf nicht drei Würfe im Jahr. Rein rechnerisch geht der Fachmann von einem Durchschnitt von etwas weniger als 2,5 Würfen je Sau und Jahr aus. Selbst wenn ich mit drei Würfen pro Jahr rechne, sind 60 Ferkel pro Wurf selbst für den Laien schwer vorstellbar. Aber, was soll’s: “Im Grunde ist nur das Falsche …” (s.o.)

 

 

Bildnachweis: tillintallin.de, dort gibt es das Motiv auch als Bildschirmhintergrund zum Runterladen

Grüne Gentechnik: Diskussion unerwünscht

Grüne Gentechnik: Diskussion unerwünscht

Wenn einem ein Nutzer in den sozialen Netzwerken zu lästig wird, gibt es einfache technische Möglichkeiten, dem Einhalt zu gebieten: Man blockiert ihn bzw. sie. Und schon muss ich lästige Nachfragen oder als unverschämt empfundene Kommentare nicht mehr ertragen. So einfach ist das.

Auf Twitter wird mein Account @schillipaeppa derzeit meines Wissens von fünf Usern blockiert, drei davon sind oben in der Galerie dargestellt: Vandana Shiva (@drvandanashiva), Anti-Gentechnik-Aktivistin, Silvia Liebrich (@SilviaLiebrich), Wirtschafts-Redakteurin der Süddeutschen Zeitung, und Renate Künast (@RenateKuenast), Bündnis 90/Die Grünen, ehemalige Bundeslandwirtschaftsministerin und Mitglied des Bundestags. Na, was verbindet die Drei? Eine tiefe Abneigung gegen Grüne Gentechnik.

Besonders die Blockade durch den Account von Vandana Shiva ist verblüffend. Ich hatte nämlich bis dato nie einen Tweet oder eine Antwort an den Account adressiert. Die einzige Erklärung, die ich habe, ist, dass ich regelmäßig Beiträge (re)tweete, die die Vorteile Grüner Gentechnik unterstreichen.

Silvia Liebrich konnte mir wahrscheinlich nicht verzeihen, dass ich sie auf etwas aufmerksam gemacht habe. Ende April erschien von ihr ein Artikel, in dem sie Glyphosat mit DDT verglich. Das Fazit von “DDT – vom Wundermittel zum Teufelszeug” lautet:

“Aufgabe der Politik ist es, solche Risiken gegen den Nutzen aufzuwägen. Vor dieser schwierigen Aufgabe stehen nun auch die EU-Mitgliedsländer, wenn sie Mitte Mai über eine Neuzulassung von Glyphosat entscheiden müssen. Der Fall DDT kann dabei zumindest eine Hilfestellung sein.”

Was für eine Hilfestellung, bitteschön? Die WHO empfiehlt nach wie vor den Einsatz von DDT im Kampf gegen Malaria:

“DDT is still needed and used for disease vector control simply because there is
no alternative of both equivalent efficacy and operational feasibility, especially
for high-transmission areas.”

Die Nutzen-Risiko-Abwägung ist hier beileibe nicht so einfach wie Silvia Liebrich es gerne hätte. Das habe ich versucht, mit wenigen Zeichen zu erklären:

Zur Veranschaulichung verbirgt sich hinter dem Link diese Illustration:

Das war anscheinend schon zu viel.

Renate Künast hatte im Zuge der Debatte um die Genehmigung von Glyphosat eklatante Wissenslücken zum Einsatz des Herbizids hierzulande offenbart. Da die Moderatorin im Morgenmagazin wohl überfordert war, da nachzuhaken, habe ich das gemacht:

Ich bemühe mich stets, sachorientierte Beiträge zu leisten und meine Behauptungen mit Quellenangaben zu belegen. Ohne Ironie ist der Aufenthalt auf Twitter unerträglich, aber Polemik versuche ich zu vermeiden. Eine Debatte, wie wir in Deutschland zukünftig mit Grüner Gentechnik umgehen wollen, ist notwendig. Der feuchtwarme Sommer hat mit seinem enormen Befallsdruck bei Kartoffeln, Weintrauben und Leguminosen gezeigt, dass auch wir dringend krankheits-resistente Nutzpflanzensorten brauchen. Neue Züchtungsmethoden müssen dringend rechtlich eingeordnet werden, damit die Forscher endlich wissen, woran sie sind. Wir müssen reden! Diese Dialogverweigerung geht speziell vor diesem Hintergrund nicht in Ordnung. Wer sich der Debatte entzieht, nährt den Verdacht, dass ihm die Argumente ausgegangen sind.

Unkraut abflämmen: ein Update

Unkraut abflämmen: ein Update

Im Juli hatte ich an dieser Stelle zur Diskussion gestellt, ob Unkraut abflämmen mit dem Gasbrenner so eine harmlose Alternative zu Glyphosat ist. Von den Klimaeffekten mal abgesehen scheint doch gerade bei trockener Witterung von dieser Methode ein gewisses Brandrisiko auszugehen. Ich will an dieser Stelle fortlaufend aktuelle Meldungen sammeln. Die Aufstellung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Für weitere Meldungen kann der Kommentarbereich genutzt werden. Ich werde die Liste gerne ergänzen.

17.08.2016, Delbrück (NRW): “Brandgefährliche Unkrautbeseitigung”

08.08.2016, Warburg (NRW): “Brandschaden durch Unkrautbeseitigung”, “Brandschaden durch Unkrautbeseitigung – 50-Jähirger verletzt”

03.08.2016, Schwellbrunn (Schweiz): “Brennendes Unkraut löste wohl den Brand aus”

Aktualisierung, 14:25 Uhr:

Diese Meldung stammt aus dem letzten Jahr:

08.08.2015, Göttingen (Niedersachsen): “Feuer am Nussanger in Göttingen”

 

So nicht, LIDL!

So nicht, LIDL!

faz_lidl ganzDer Discounter LIDL versucht mit einer neuen Greenwashing-Kampagne Kunden zu gewinnen: Frischmilch-Produkte werden seit Mitte Juli mit dem “Ohne Gentechnik”-Label verkauft. Heute erschien dazu eine ganzseitige Anzeige in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ).

Die Bauern sollen die Mehrkosten für die “gentechnikfreie” Fütterung ersetzt bekommen. So heißt es in einer Presseerklärung vom 7. Juli 2016:

“Für den Mehraufwand der Landwirte durch den Einsatz gentechnikfreier und bevorzugt heimischer Futtermittel zahlt Lidl einen gemeinsam vereinbarten Zuschlag an die Milchbauern.”

Dieser Aufschlag solle aber nicht an die Kunden weitergegeben werden:

“Diesen Zuschlag werden wir allerdings nicht an unsere Kunden weitergeben und freuen uns, zum gewohnt günstigen Preis echte Mehrwerte für unsere Kunden und Landwirte schaffen zu können”

zitiert die Presseerklärung Julian Beer, als Geschäftsführer verantwortlich für den Einkauf des Molkereisortiments. Im September solle “gentechnikfrei”-zertifizierter Käse folgen.

Mich ärgert diese Deklarierung, weil sie suggeriert, dass Gentechnik schlecht sei und man sie vermeiden müsse. Das ist meiner Ansicht nach nicht der Fall. Im Gegenteil: Gerade in Entwicklungsländern leistet Grüne Gentechnik gute Dienste, wenn es darum geht, Pestizide einzusparen und die Einkommen der kleinen Bauern zu verbessern. Das “Ohne Gentechnik”-Label betoniert den Aberglauben an die bösen Agrarkonzerne in den Köpfen der Bevölkerung und damit in der öffentlichen Meinung. Diese öffentliche Meinung wiederum beeinflusst die Politik, die ungern unpopuläre Entscheidungen trifft. Uns kostet es auch beinahe nichts, hierzulande auf Gentechnik zu verzichten. Diese Ideologie allerdings wird exportiert und in den armen Ländern schadet sie den Menschen.

In Entwicklungsländern erledigen häufig Kinder die Pflanzenschutzarbeiten, auch wenn es offiziell verboten ist. Wenn sich Pestizide sparen lassen, wie beim Anbau von gentechnisch verbesserten Auberginen in Bangladesch, ist das für die Gesundheit der Menschen vor Ort ein unschätzbarer Gewinn.

Bei Lichte betrachtet hat die “gentechnikfreie” Milch keinen Mehrwert für den Verbraucher. Sie ist aus ernährungsphysiologischer Sicht nicht in irgendeiner Weise wertvoller oder sicherer. Offensichtlich weiß der Verbraucher den angeblichen Mehrwert auch nicht zu würdigen, oder wie soll man die jetzige Preisoffensive – 42 Cent für den Liter Frischmilch 1,5 % – deuten?

Der Bauer kann bei der Fütterung seiner Kühe die Soja-Komponente durch Rapsschrot ersetzen oder er kauft teureres “gentechnikfreies” Soja ein. Futtermittel unterliegen allerdings Preisschwankungen. Ich habe LIDL per E-Mail gefragt, wie sie diese Varianz in der Vergütung ausgleichen, und habe folgende Antwort bekommen:

“Die Vergütung erfolgt über einen gemeinsam mit den Landwirten und Molkereien vereinbarten Aufschlag. Dieser wird – vertraglich klar geregelt – über die Molkereien direkt an die Landwirte weitergeleitet. Dieser Aufschlag überkompensiert die effektiven Kosten für gentechnikfreies Futter. Preisschwankungen sind nicht vorhersehbar. Jedoch führt LIDL im Rahmen von dem Regionalkonzept “Ein gutes Stück Bayern” seit etwa sieben Jahren gentechnikfreie Milch. Daher verfügt LIDL über sehr gute Erfahrungen in diesem Thema und konnten die Kosten bisher ausnahmslos in dieser Zeit überkompensieren.”

Bauer Willi hatte über das Projekt “Ein gutes Stück Bayern” in seinem Blog berichtet: Von anfangs 230 Betrieben sind 60 übrig geblieben, und selbst die produzierten Bauer Willis Recherchen zufolge mehr “gentechnikfreie” Milch, als am Markt untergebracht werden konnte.

Laut den Mediadaten der Faz  (Seite 15) hat LIDL für die heutige Anzeige 78.990,00 Euro (netto!) hingeblättert. Hätte der Discounter dieses Geld besser den Bauern gegeben!

Gen over? “Deal over!” würde ich sagen. Ich kaufe diese Milchprodukte nicht mehr.

Brennnesseln – die Raupenweide

Brennnesseln – die Raupenweide

Insektenhotels gehören inzwischen zum guten Ton in jedem naturnahen Garten, Bienenweiden sowieso. Beides hat auch einen gewissen dekorativen Wert für den Gärtner. Dabei wird häufig vergessen, dass nicht nur die erwachsenen Endstufen von Insekten Nahrung brauchen, sondern auch die Larven. Schmetterlingsraupen etwa fressen gerne Brennnesseln. Saatgutmischungen für bienenfreundliche Blumenwiesen wird man aber wohl kaum Brennnesselsamen beimengen. Die Pflanze gilt im Garten als unattraktiv, als ultimatives Unkraut per se. Wer sich über Schmetterlinge freut, sollte diese Haltung überdenken.

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Tagpfauenaugen, Kleiner Fuchs und Landkärtchen sind auf Brennnesseln angewiesen, sie sind monophag. Das Portal floraweb.de, betrieben vom Bundesamt für Naturschutzlistet 36 heimische Schmetterlingsarten auf, die die Große Brennnesseln als Futterpflanze nutzen, sieben davon sind monophag, können also nicht auf andere Pflanzen ausweichen. Der Schmetterlingsflieder ist somit schon mal ein guter Anfang, aber nicht genug, um den farbenfrohen Tieren eine Heimat zu bieten. Eventuell findet sich ja ein Eckchen auf dem Grundstück, wo die Brennnesseln niemanden stören.