Postfaktischer Adventskalender, Teil 9: Gene Drive

Postfaktischer Adventskalender, Teil 9: Gene Drive

Derzeit tagt in Cancun (Mexiko) die Weltbiodiversitätskonferenz (CBD COP 13). Bis zum 17. Dezember werden die Vertreter der Mitgliedsstaaten der Konvention über die Biodiversität beraten, wie die Übereinkunft umgesetzt werden soll. Für Deutschland sitzt Bundesumweltministerin Dr. Barbara Hendricks mit am Verhandlungstisch.

Im Vorfeld der Veranstaltung hatten verschiedene Umweltverbände und Anti-Gentechnik-Aktivisten einen Offenen Brief an Frau Dr. Hendricks geschrieben. Darin heißt es u.a.:

“Während bisher Kulturpflanzen oder Nutztiere im Zentrum der gentechnischen Anwendungen stehen, geht es jetzt darum, natürliche Populationen gentechnisch zu verändern. Freisetzungen gentechnisch veränderter Organismen, die dazu führen, dass sich deren Gene in natürlichen Populationen ausbreiten können, sind nicht zu verantworten. Wenn wir zulassen und gar anstreben, dass gentechnisch veränderte Organismen ihr Erbgut in natürlichen Populationen verbreiten, gleicht dies einem Eingriff in die „Keimbahn“ der biologischen Vielfalt, dessen Auswirkungen alle künftigen Generationen und deren Ökosysteme betreffen.”

Die Organisationen kritisieren die mögliche Anwendung von Organismen die via Gene Drive genetisch verändert worden sind. Eine mögliche Anwendung, die derzeit diskutiert wird, ist die Aussetzung gezielt veränderter Mücken. Diese sollen dazu beitragen, natürliche Vorkommen von Mücken zu einzudämmen, die Krankheiten wie Gelbfieber  und Denguefieber oder den Zika-Virus übertragen.

Das Wirkprinzip ist einfach: Die veränderten Mückenmännchen, die in die Umwelt entlassen werden, vererben genetische Eigenschaften, die ihre Nachkommen im Larvenstadium absterben lassen.

Die Ministerin hat geantwortet und stimmt den NGOs in wesentlichen Punkten zu:

“Ich teile Ihre Bedenken, dass “Gene Drive” erhebliche Auswirkungen auf Ökosysteme haben kann und dass daher besondere Vorsicht bei der Forschung  und Risikobewertung walten sollte. Eine Freisetzung von Organismen, bei denen “Gene Drive” verwendet wird, halte ich aus ökologischer Sicht zurzeit für nicht vertretbar.”

Dass der Einsatz von Gene Drive auf Ökosysteme wirkt, ist trivial: Das ist schließlich der Sinn der Sache. Die eigentliche Frage ist doch, ob man mit unerwünschten Folgen rechnen muss. Unerwünschte Folgen hat aber auch der Einsatz anderer Technologien. So hat 2010 ein Forscherteam gezeigt, dass der breite Einsatz des im Bio-Landbau verwendeten Insektizids Bacillus thuringiensis zur Moskito-Bekämpfung zu einer signifikanten Verschlechterung des Bruterfolgs bei Mehlschwalben in der Camarque (Südfrankreich) geführt hat. Dadurch dass das Öko-Insektizid wahllos auch Nicht-Zielorganismen dezimiert, verschlechterte sich die Nahrungsgrundlage der Vögel massiv. Es muss also abgewogen werden, in welchem Maße die Folgen, mit denen ich rechnen muss, im Verhältnis zum erwarteten Nutzen stehen.

Die Verwaltung der Florida Keys hat abgewogen und jetzt einen Versuchseinsatz der gentechnisch veränderten Mücke beschlossen. Zuvor hatte die Bevölkerung in einem Referendum mehrheitlich dem Einsatz der Gentec-Mücken zugestimmt. Die Behörde US Food and Drug Administration (FDA) hatte den geplanten Versuch bereits im Sommer genehmigt. Die FDA sieht keine Risiken, die dem Einsatz entgegenstehen:

“FDA has carefully considered the potential environmental impact of the proposed trial and the no action alternative, as described and evaluated in the EA. The consequences of escape, survival, and establishment of OX513A in the environment have been extensively studied: data and information from those studies indicate that the proposed investigational use of OX513A Ae. aegypti mosquitoes is not expected to cause any significant adverse impacts on the environment or human and non-target animal health beyond those caused by wild-type mosquitoes.”

Die Gelbfiebermücke (Aedes aegypti, auch “Denguemücke” oder “Ägyptische Tigermücke”), die als Hauptübeträger des Zika-Virus gilt, ist in Florida ein Einwanderer, gehört dort also nicht zu den heimischen Arten. Der Eingriff ins dortige Ökosystem ist also überschaubar. Ein deutlicher Vorteil der Gentec-Mücke im Vergleich zu gesprühten Insektiziden jeder Art ist, dass Nicht-Zielorganismen nicht durch den Einsatz betroffen sind. Ich finde: Auch in Deutschland sollten wir neue Technologien nicht kategorisch ablehnen, sondern uns stets eine Einzelfallprüfung vorbehalten.

 

Bildnachweis: James Gathany, Centers for Disease Control

 

Postfaktischer Adventskalender, Teil 8: “Kükenschreddern”

Postfaktischer Adventskalender, Teil 8: “Kükenschreddern”

Auch heute geht es um Gefügel: Wie “Schnäbelschneiden” oder “-kupieren” ist auch der Ausdrück “Kükenschreddern ein Kampfbegriff, der in der öffentlichen Diskussion gerne verwendet wird, um gruselige Bilder im Kopf der Zuhörer zu erzeugen. Es ist richtig, dass männliche Legehennenküken direkt nach dem Schlupf getötet werden, weil ihre Aufzucht sich nicht wirtschaftlich gestalten lässt. Aber mit dem Schredder?

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Die Zeitschrift “FOOD & FARM” wollte der Sache auf den Grund gehen und organisierte ein Gespräch zwischen einem Verbraucher und dem Leiter einer Brüterei. Auf das Thema “Kükenschreddern” angesprochen antwortet Brütereileiter Werner Hockenberger:

“In Ihrer Frage ist schon das erste Missverständnis zwischen der Öffentlichkeit und unserer Arbeit in der Brüterei versteckt. Wenn Sie sich in meinem Betrieb umschauen, entdecken Sie keine Schredderanlage. Sie würden auch keine geschredderten Küken in einer anderen deutschen Legehennen-Brüterei finden. Das Schreddern wird fälschlicherweise als Synonym für das Töten der männlichen Küken verwendet. In Deutschland ist es gängige Praxis, die Küken mit Kohlendioxid zu betäuben – was in der Folge zum Erstickungstod führt.”

Die getöteten Küken würden auch nicht weggeworfen, wie häufig behauptet wird, sondern verwertet. Hockenberger führt aus:

“Die Küken landen nach dem Tod nicht auf dem Müll, sondern im Kühlhaus. Wir haben viele Anfragen von Falknereien, Wildtierparks und Zoos. (…) Für meinen Betrieb ist das ein wichtiger Absatzweg. So wie mir geht es den anderen Brütereien auch. In Deutschland schreddert niemand, da jeder die Chance nutzt, die Kadaver sinnvoll zu nutzen.”

Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt hat Forschungsprojekte gefördert, die eine Geschlechtserkennung schon im Ei möglich machen sollen. Erste Anlagen sollen im nächsten Jahr marktreif werden. Werner Hockenberger ist skeptisch:

“So eine Anlage ist erstens teuer, und zweitens lassen sich Fehldiagnosen damit nicht vermeiden. Ein weiteres Problem ist, dass ich die aussortierten Eier nicht weiterverwerten könnte – ein zusätzlicher Kostenfaktor.”

und er gibt zu bedenken:

“Würde die Politik langfristig das Kükentöten verbieten, müssten mindestens 50 Millionen Mäuse und Ratten als Tierfutter aufgezogen werden. Ich bezweifle mal, ob das die Sache besser macht.”

Naja, Mäuse und Ratten sind nicht so niedlich wie kleine gelbe Flauschbällchen. Vielleicht ist das der Öffentlichkeit ja leichter zu vermitteln …

 

 

Postfaktischer Adventskalender, Teil 7: “Schnäbelschneiden”

Postfaktischer Adventskalender, Teil 7: “Schnäbelschneiden”

Gestern haben wir Putenküken aufgestallt. Die Tiere sind morgens in der Brüterei geschlüpft und dann mit einem Lkw zu uns gebracht worden.

Die landläufige Meinung, die ich häufig lese und höre, ist, dass Mastputen der Schnabel abgeschnitten wird, um übermäßiges Beißen in der Mast zu unterbinden. Das ist so nicht richtig: Die Schnäbel werden behandelt, und zwar mit einer Infrarotlampe, nicht abgeschnitten. Ich habe das Procedere hier im Blog schon einmal genauer erklärt: Auf den Punkt: Sinn und Zweck der Schnabelbehandlung bei Puten.

Behandelt wird auch nur der Oberschnabel, weil der beim erwachsenen Tier einen Widerhaken ausbildet, mit dem sich die Tiere – vor allem bei Rangordnungskämpfen – beträchtliche Verletzungen zufügen können. Das Rivalitätsverhalten tritt – vor allem bei den männlichen Tieren – unabhängig von der Bestandsgröße auf: Uns hat vor ein paar Wochen ein Hobbyhalter um Rat gefragt, weil sich seine 20 (!) Putenhähne mit Einsetzen der Geschlechtsreife angefangen haben zu beißen.

Im neuen Stall angekommen, erkunden die Tiere ihre neue Umgebung sehr emsig. Alles, was optisch hervorsticht, wird vehement bepickt. Auf mich machen die Tiere nicht den Eindruck, dass sie durch die Behandlung beeinträchtigt wären. Man sieht deutlich, dass der Schnabel nicht kupiert worden ist. Das weiße Stippchen an der Schnabelspitze ist der Eizahn, mit dem das Küken die Eierschale geöffnet hat.

Postfaktischer Adventskalender, Teil 6: Kohle und Kommunikation

Postfaktischer Adventskalender, Teil 6: Kohle und Kommunikation

Der Ausstieg aus der Kernenergie ist in Deutschland beschlossene Sache. Gleichzeitig fordern Umweltorganisationen und die Grünen, dass hierzulande auch die Stromerzeugung mit Braun- und Steinkohle aufgegeben werden soll. Die Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen hat daher einen Fahrplan Kohleausstieg entwickelt. Mit dieser Roadmap wollen die Grünen aufzeigen, wie der Ausstieg aus der Kohle innerhalb der nächsten 20 Jahre gelingen soll. Darin heißt es im Anschnitt “Ökonomischer Rahmen”:

“Im Stromsektor hat dieser Bedeutungsverlust erst mit Beginn der Energiewende vor 16 Jahren begonnen. Damals wurde die Hälfte des Stroms aus Kohle gewonnen, je zu gleichen Teilen aus Braun- und Steinkohle. Heute sind es immer noch rund 40 Prozent Kohlestrom im deutschen Netz. Politik und Wirtschaft sind sich jedoch einig, dass dieser Anteil weiter schrumpfen wird und das Stromversorgungssystem künftig mehr Erneuerbare und vor allem Flexibilität erfordern wird. Die unflexiblen Kohlekraftwerke passen in diese neue Stromwelt nicht hinein. Sie erweisen sich mehr und mehr als Hindernis beim dringend erforderlichen Umbau des Stromversorgungssystems. Auch energiewirtschaftlich ist der schrittweise Ausstieg aus der Kohleverstromung daher geboten.”

Kohle wird also immer unbedeutender – nahezu von ganz allein. Nur eines verstehe ich daran nicht: Wo soll der ganze Strom denn dann herkommen? Die Organisation Agora Energiewende betreibt im Internet das sogenannte Agorameter. Dort kann sich der Internetnutzer ansehen, mit welchen Quellen bei uns Strom erzeugt wird. Die gelben Berge beschreiben den Solarstrom, den gibt es nur tagsüber, die blauen Wellen beschreiben die Windenergie, die gibt es nur, wenn der Wind weht. Diese Schwankungen sind das Problem. Denn man braucht entweder Speicher, um Strom in nennenswerten Mengen quasi zwischenzulagern, und/oder Kraftwerke, die man flexibel hoch- und runterfahren kann, um die Schwankungen auszugleichen und die Produktion dem Bedarf anzupassen.

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Agorameter vom 2. bis zum 4. Dezember 2016
Am Pfingstsonntag dieses Jahres waren die Wetterverhältnisse immerhin schon einmal so günstig, dass die Erneuerbaren Energien einen Anteil von 82 Prozent des Strombedarfs geleistet haben. Doch um über das gesamte Jahr Strom aus Erneuerbaren erzeugen zu können, fehlt es an Infrastruktur. In den letzten Jahren ist die Förderung für Photovoltaik- und Biogas-Anlagen so unattraktiv geworden, dass kaum noch Neuanlagen gebaut werden. Gegen die Windkraft regt sich vielerorts Widerstand, weil die Eingriffe in die Landschaft massiv sind. Anwohner, Vogelschützer und Waldliebhaber laufen Sturm und gründen Bürgerinitiativen.

Es ist m.E. nicht damit getan, einfach mehr Geld in die Erneuerbaren zu pumpen. Es fehlt einfach noch an Technologie und Infrastruktur. Markige Sprüche mit drolligen Bildern mögen witzig sein, aber wem hilft das? Die Strategie des Kohlefahrplans ist, die Kohlestromproduktion schlichtweg durch Verbote und Verschärfung der Auflagen zu verteuern. Wo der Strom herkommen soll, ist damit für mich nicht geklärt.

Postfaktischer Adventskalender, Teil 5: “Filterblase”, “Fake News” und “Big Data”

Postfaktischer Adventskalender, Teil 5: “Filterblase”, “Fake News” und “Big Data”

Die Sozialen Netzwerke haben Donald Trump den Sieg bei der US-Präsidentenwahl eingebracht. Diesen Vorwurf in Richtung Facebook, Twitter und Co liest man in diesen Tagen sehr häufig. Mir ist die Aussage zu einfach. Vor allem machen es sich die klassischen Medien wie Print, Hörfunk und Fernsehen zu einfach, wenn sie den Schwarzen Peter ans Internet weiterreichen. Ein Beispiel: Am Samstagabend gefiel Donald Trump das Abendprogramm im Fernsehen nicht, was er auch gleich über Twitter bekanntgab:

Der Schauspieler Alec Baldwin mimte den President-elect in einer Late-Night-Show. Trumps getwittertes Missfallen war dann umgehend Thema in den Morgennachrichten des US-Fernsehens. Wenn ich mich darauf verlassen kann, dass die Nachtschicht in den Redaktionen meine Online-Beiträge gleich in TV-Präsenz ummünzt, wäre es für einen Politiker dumm, das nicht zu nutzen. Die Frage ist, warum lassen sich die klassischen Medien auf diese Spielchen ein?

Filterblasen und Echokammern

Es heißt: Die Algorithmen von Facebook würden den Nutzern nur Inhalte anbieten, die eh schon ihren Interessen und Einstellungen entsprechen. So wird das Weltbild des Users zusehends verzerrt. Ja und Nein. Ja, weil man auf Facebook sich vor allem mit Menschen zusammenschließt, die ähnliche Dinge posten und vertreten. In vielen Diskussionen findet dann nur noch eine gegenseitige Bestätigung statt. Doch, tun wir das im Offline-Leben nicht auch? Der klassische Stammtisch findet sich vermutlich auch anhand ähnlicher Interessen zusammen. Und nein, weil gerade die “gesponserten” Inhalte aus meiner Erfahrung durchaus auch Weltanschauungen bereithalten, die ich nicht teile. Beispielsweise bekomme ich ständig Inhalte der Grünen und von Greenpeace serviert – vermutlich, weil mich die dort behandelten Themen interessieren.

Für die unter den Begriffen “Filterblase” und “Echokammer” beschriebenen Effekte gibt es zudem keinen empirischen Beleg. Christoph Behrens schreibt in der Süddeutschen Zeitung:

“Tatsächlich gibt es kaum Erkenntnisse darüber, wie stark sich die Filterblase konkret auf die Meinungsvielfalt auswirkt. Vorhandene empirische Studien lassen kaum auf eine extreme politische Polarisierung schließen, wie sie weithin angenommen wird.”

Doch wie war es früher eigentlich? Vor den sozialen Netzwerken, vorm Internet? War es damals um die Meinungsvielfalt wirklich besser bestellt? Michael Fleischhacker berichtet im österreichischen Onlineauftritt der Neuen Zürcher Zeitung:

“Wahr ist vermutlich das Gegenteil: Selbst der vorurteilsbeladenste Facebook-Nutzer bekommt heute eine größere Vielfalt an Meinungen präsentiert als der gebildete Kleinstadt-Arzt, der vor 20 Jahren zur österreichischen Bildungselite gehörte. Der hatte eine Regionalzeitung abonniert und eine überregionale Zeitung, und dort bekam er jeden Tag genau das serviert, was zwei Redaktionen dachten. So maßgeschneidert kann der Facebook-Algorithmus gar nicht sein, dass ein Rapid-Ultra, der sich auf Facebook anmeldet, heute nicht eine größere Vielfalt an medialen Meinungsäußerungen in seine Timeline gespült bekäme, als der Bildungsbürger des Jahres 1986 konsumierte.”

Eins steht fest: Die Netzwerke stehen in direkter Konkurrenz zu den klassischen Medien und gerade junge Mediennutzer bevorzugen die Online-Inhalte. Vor diesem Hintergrund wundert es nicht, dass reflexhaft auf das Internet gezeigt wird, wenn es um Schuldzuweisungen geht. Doch Print und Fernsehen müssen sich schon fragen lassen, worin ihre spezielle Leistung besteht. Schnelligkeit ist es jedenfalls nicht. Als im Frühsommer nach starken Regenfällen Ortschaften in Süddeutschland überschwemmt worden sind, wurden am Sonntagabend bereits Videos von Augenzeugen über Facebook weitergereicht, während im Fernsehen nichts von der Katastrophe zu sehen war. Erst am Montagmorgen machten sich Reporter auf den Weg. Die TV-Berichterstattung über den Amoklauf in München zog massiv die Tweets der Münchener Polizei als Quelle heran: “Auf Twitter heißt es …” – Na toll, Twitter habe ich selbst, dafür hatte ich nicht den Fernseher eingeschaltet.

Fake News

Facebook verbreitet Fake News, heißt es. Das komme daher, dass keiner die Nachrichten auf Facebook kontrollieren würde. Zur Verbreitung von Fake News braucht es aber gar nicht Facebook, sondern nur die Deutsche Presse-Agentur (dpa) und unkritische Redaktionen, die die Tickermeldung einfach übernehmen. Als die Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen im Sommer 2015 meldete, bei einer Stichprobe den Herbizid-Wirkstoff Glyphosat in Muttermilch gefunden zu haben, war es vor allem der dpa zu verdanken, dass diese “Sensation” in Deutschland die Runde machte. Die Agentur-Redakteurin verlieh der Meldung erst den richtigen Spin, indem sie eine Einschätzung der emeritierten Wissenschaftlerin Irene Witte, Professorin am Institut für Toxikologie der Universität Oldenburg, einholte. Diese fand die Ergebnisse “untragbar” und besorgniserregend. Dadurch dass die “Experten”-Einschätzung mit dem Text mitgeliefert wurde, haben sich viele Journalisten das Gegenchecken erspart, falls sie das bei Agenturmeldungen überhaupt in Betracht ziehen. Dabei hätte ein Blick auf die Untersuchungsergebnisse gereicht, um stutzig zu werden: Es handelt sich nämlich um ein zweiseitiges Befundfax aus einem veterinärmedizinischem Labor und ist unterschrieben von einer Tierärztin. Bis auf wenige Ausnahmen, zum Beispiel der Tagesspiegel oder der Stern, haben die Redaktionen nicht selbst hinterfragt, inwieweit die Ergebnisse plausibel sind und ob eine Gesundheitsgefahr besteht. Als im Februar 2016 das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) mit eigenen Tests darauf aufmerksam machte, dass Glyphosat nicht in Muttermilch zu finden ist, mussten die Grünen zurückrudern.

Leider produzieren und verbreiten auch die klassischen Medien Fake News und viel von dem Blödsinn, der auf Facebook geteilt wird, ist zuvor von Journalisten verfasst worden. Heißt: Dieses Qualitätsproblem geht alle an, denn wenn die Schlagzeilen einmal um die Welt sind, holt sie niemand zurück.

Big Data

An vergangenen Wochenende machte im Netz der Artikel “Ich habe nur gezeigt, dass es die Bombe gibt” die Runde, in dem behauptet wurde, dass eine Profiling-Methode für Facebook-Nutzer der Firma Cambridge Analytica Donald Trump zum Wahlsieg verholfen hat:

“Aber wie gross war der Einfluss der psychometrischen Methoden auf den Ausgang der Wahl? Cambridge Analytica will auf Anfrage keine Belege für die Wirksamkeit der Kampagne liefern. Und es ist gut möglich, dass die Frage nicht zu beantworten ist. Und doch gibt es Anhaltspunkte: Da ist die Tatsache, dass Ted Cruz dank der Hilfe von Cambridge Analytica aus dem Nichts zum schärfsten Konkurrenten Trumps in den Primaries aufstieg. Da ist die Zunahme der ländlichen Wählerschaft. Da ist der Rückgang der Stimmenabgabe durch Afroamerikaner. Auch der Umstand, dass Trump so wenig Geld ausgab, könnte sich mit der Effektivität persönlichkeitsbasierter Werbung erklären. Und auch, dass er drei Viertel seines Marketingbudgets in den Digitalbereich steckte. Facebook erwies sich als die ultimative Waffe und der beste Wahlhelfer, wie ein Trump-Mitarbeiter twitterte.”

Der Münchener Computer-Journalist Christian Alt hält die Analyse für übertrieben und schreibt auf seiner Facebook-Seite:

“Generell ist mir das alles zu viel Mumbo-Jumbo. Eine typische Mischung aus deutscher Algorithmen- und Technologie-Skepsis und Angst vor Big Data. Es gibt in dem Artikel keine belastbaren Daten, keine Fakten, es gibt nur Spekulationen und PR-Quatsch von Cambridge Analytics. (…) Wir können nicht gleichzeitig alle von Fake News schwafeln und dann solche Texte massenhaft teilen, nur weil uns die Geschichte ins Weltbild passt.”

Man muss sich hier auch fragen :”Cui bono?” Wem nützt so eine Kampagne gegen Facebook? Zum einem dem Unternehmen Cambridge Analytica natürlich, die so breit für ihre Big Data-Services werben kann, und irgendwo auch Facebook selbst, weil der Plattform irre Werbeeffekte zugeschrieben werden. Andererseits sind die klassischen Medien immer vorne dabei, wenn sich Gelegenheit bietet, die eigenen Hände rein zu waschen und die Konkurrenz in Verruf zu bringen.

Eines muss man dem Internet und den Sozialen Medien lassen: Sie stellen die öffentliche Diskussion auf eine breitere Basis. Journalisten haben ihre Gatekeeper-Funktion verloren, dadurch, dass wirklich jeder zum Beispiel in einem eigenen Blog oder youtube-Kanal publizieren kann. Es gibt zu der o.g. Big-Data-Trump-Geschichte innerhalb weniger Tage so viele gute sachliche Blog-Beiträge und Twitter- sowie Facebook-Posts, dass ich an dieser Stelle gar nicht darauf eingehen kann (siehe Link-Liste unter dem Text).  Und: Viele Informationen sind einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich: Musste man etwa früher die Zeitung Das Parlament abonnieren, um mitzubekommen, was im Bundestag passiert, so kann man heute die Protokolle und zugrundeliegenden Dokumente einfach im Netz abrufen. Auch ausländische Medien können über das Internet leicht rezipiert werden. “Die Neue Zürcher Zeitung ist das neue Westfernsehen” ist so ein Spruch, der die neue Vielfalt feiert.

Liebe Medienleute aus Funk, Fernsehen und Print: Das Internet ist das Medium der Zukunft. Lernt, damit zurecht zu kommen und – meinetwegen auch – da Euer Geld zu verdienen.

 

Links:

• Journalismus ist kein Umerziehungsprogramm

• Der Mythos von der Filterblase

• Persönlichkeitseigenschaften mit Facebook-Likes vorhersagen? Echt jetzt?

• HAT EIN BIG DATA PSYCHOGRAMM TRUMP WIRKLICH DEN SIEG GEBRACHT?

• Nach Cambridge Analytica: Vom kleinen Big Data deutscher Parteien

• Hat wirklich der große Big-Data-Zauber Trump zum Präsidenten gemacht?

• FACEBOOK IST NICHT SCHULD AN TRUMP

• NEIN, BIG DATA MANIPULIERT UNS NICHT ALLE ZU TRUMP-WÄHLERN

• Die Meinungsbildung verschiebt sich immer schneller ins Internet

 

Bildnachweis: Facebook

Postfaktischer Adventskalender, Teil 4: “Satt ist nicht genug”

Postfaktischer Adventskalender, Teil 4: “Satt ist nicht genug”

Gestern trudelte die alljährliche Spendentüte von Brot für die Welt, dem Hilfswerks der evangelischen Kirchen, bei uns ein. Diese Tüte wird leer bleiben. Das liegt unter anderem daran, dass Brot für die Welt einen aus meiner Sicht postfaktischen Ansatz bei der Hilfe zur Selbsthilfe für Menschen in Entwicklungsländern verfolgt.

Die Kampagne “Satt ist nicht genug” wurde im Advent des vergangenen Jahres mit einem Gottesdienst eröffnet. Mit von der Partei war die indische Anti-Gentechnik-Aktivistin Vandana Shiva. Kern der Kampagne ist die Aussage, dass herkömmliches “altes” Saatgut, den Menschen helfe, sich gut zu ernähren. Aus der Pressemitteilung zum Kampagnenauftakt vor gut einem Jahr:

Einen wichtigen Beitrag zur Überwindung von Mangelernährung leisten traditionelle Getreide-, Obst- und Gemüsesorten. Sie sind reich an Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen. Weil alte Sorten auch an die Boden- und Klimaverhältnisse angepasst sind, halten sie Klimaschwankungen, Dürreperioden oder anhaltende Regenfälle besser aus. Brot für die Welt fördert deshalb den Erhalt und die Wiederbelebung traditioneller und nährstoffreicher Kulturpflanzen auf vielen Kontinenten.

“Cornelia Füllkrug-Weitzel, Präsidentin von Brot für die Welt, sagt: „Mangelernährung behindert Entwicklung genauso wie Hunger. Deshalb brauchen Kleinbauern, die den Großteil der Nahrung produzieren, freien Zugang zu traditionellem Saatgut. Sie müssen es bewahren, vermehren und weitergeben dürfen wie sie es immer getan haben.“ Das von den Konzernen entwickelte und mit Marktmacht global verbreitete Saatgut verdrängt die Sorten- und damit Nahrungsvielfalt und trägt zur Mangelernährung wie zur Verarmung vieler Kleinbauern bei.”

Wenn alte Sorten so toll sind, warum hungern Menschen dann überhaupt? Vandana Shiva behauptet, dass die Grüne Revolution und der Markteintritt großer Saatgut-Konzerne erst den Hunger in Indien verursacht hat. Sie empfiehlt daher traditionelle Sorten und betreibt eine Saatgutbank zum Erhalt derselben. Auch dieses Projekt wird von Brot für die Welt gefördert. Moderne Biotechnologie lehnt Vandana Shiva kategorisch ab und ist damit in der westlichen Welt nahezu zur Ikone der Anti-Gentechnik-Bewegung geworden. Aus meiner Sicht ist das ein Holzweg.

Zum einen haben u.a. der Göttinger Forscher Matin Qaim und sein Team mehrfach gezeigt, dass zum Beispiel der Einsatz gentechnisch verbesserter Baumwolle die Lebenssituation indischer Kleinbauern verbessert hat. Weitere Projekte wie die Einführung von Bt-Auberginen in Bangladesh lassen ähnliche Ergebnisse erwarten. Zum anderen bin ich der Meinung, dass Bauern durchaus selbst entscheiden können, welche Art von Saatgut ihnen am besten hilft.

Die Person Vandana Shiva ist noch ein ganz anderes Kapitel: Sie ist multifunktional einsetzbar, zum Beispiel als Testimonial für die Agrarwende beim Parteitag der Grünen oder zur Illustrierung der CRS (“Corporate Responsibility and Sustainability”) eines Edel-Einrichtungshauses in New York. Nur eines ist sie ganz bestimmt nicht: arm. Für einen Vortrag wird ein Honorar von 40.000 Dollar fällig plus Anreise in der Business-Klasse.

Mahaletchumy Arujanan vom Malaysian Biotechnology Information Centre äußerte in diesem Herbst auf einer Konferenz im Europäischen Parlament ihre Verwunderung, warum Vandana Shiva in Europa so idealisiert wird.

In Asien habe Shiva kein Standing, keine Glaubwürdigkeit und kein Podium. Sie appellierte, damit aufzuhören, ihr soviel Aufmerksamkeit zu schenken.

Dr. Stephanie Franck, Vorsitzende des Bundesverbandes Deutscher Pflanzenzüchter e.V, hielt am 12. April dieses Jahres in der Universität Göttingen einen Vortrag “Mit dem Saatgut fängt es an – Idylle und Wirklichkeit in der Pflanzenzüchtung”.

Sie schilderte aktuelle Herausforderungen der Pflanzenzüchtung angesichts der wachsenden Weltbevölkerung und vermuteter klimatischer Veränderungen in den nächsten Jahren. Sie beschrieb, welche Chancen moderne Züchtungstechnologien vor diesem Hintergrund bieten und welchen Schwierigkeiten die Züchter begegnen. Ihr Vortrag endete mit der Betrachtung eines Plakates von Brot für die Welt, das sie in einer Hamburger U-Bahn-Station entdeckt hatte.

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Im “Kleingedruckten” steht:

“Helfen Sie den Menschen in Kenia und vielen anderen Ländern, lebenswichtige Nahrungspflanzen aus eigenem Saatgut anzubauen. Wer sich selbst versorgen kann, führt ein Leben in Würde.”

Dr. Franck schloss ihren Vortrag mit dem Fazit:

“Stünde hier statt “eigenem Saatgut” “optimales Saatgut”, dann hätte Brot für die Welt den Nagel auf den Kopf getroffen.”

 

Links:

Vandana Shiva, Anti-GMO Celebrity: ‘Eco Goddess’ Or Dangerous Fabulist?

“Eco-Warrior” Vandana Shiva, at $40,000 a Speech, Rejoins Hawaii Anti-GMO Crusade, But Truth Is the Victim

SEEDS OF DOUBT. An activist’s controversial crusade against genetically modified crops.

SEEDS OF TRUTH – A RESPONSE TO THE NEW YORKER

New Yorker editor David Remnick responds to Vandana Shiva criticism of Michael Specter’s profile

The myth of India’s ‘GM genocide’: Genetically modified cotton blamed for wave of farmer suicides

The GMO-Suicide Myth

Green killers and pseudo-science

Vandana Shiva Achieves Amazing Feat Of Appropriating Her Own Culture

Postfaktischer Adventskalender, Teil 3: Genmais ist grundsätzlich böse

Postfaktischer Adventskalender, Teil 3: Genmais ist grundsätzlich böse

Vorab: Natürlich enthält jeder Mais Gene. Deshalb ist der Ausdruck “Genmais” für “gentechnisch verbesserte Maissorte” eigentlich dumm. Aber gut: Ich denke, Sie wissen, was gemeint ist.

Gestern fiel das Wort “postfaktisch” im Bundestag. Stephan Albani, Forschungspolitiker der CDU, sprach zur Änderung des Gentechnik-Gesetzes.

Dem studierten Physiker macht das Wort “postfaktisch” Sorgen:

“Postfaktisch bedeutet, dass wir uns mehr von Emotionen, mehr von Sorgen und Ängsten leiten lassen als von den Fakten – in aller Gemütsruhe, diese zu bewerten.”

Aus diesem Grund begrüßt Stephan Albani den von der Bundesregierung eingebrachten Entwurf zur Einführung einer Opt-Out-Option für gentechnisch verändertes Saatgut. Er schreibt auf seiner Facebook-Seite:

“Mit dem Gesetz setzen wir eine wichtige EU-Richtlinie um und schaffen ein faktenbasiertes, ideologiefreies und rechtssicheres Zulassungsverfahren für gentechnisch verändertes Saatgut. Dank der Opt-Out-Klausel können wir trotz EU-Zulassung den Anbau in Deutschland verbieten. Wichtig ist aber, dass dies nur erfolgt, wenn die Risiken zu groß erscheinen oder nicht absehbar sind. Wir dürfen die Forschung in diesem Bereich aber nicht postfaktisch von vornherein verbieten.”

In seiner Rede erinnerte Albani daran, dass wir in Deutschland schon einmal den Fortschritt haben vorbeiziehen lassen, als die hessische Landesregierung die Genehmigung einer Produktionsanlage für gentechnisch erzeugtes Insulin verwehrt hatte. Er verwies auf die Forderung von inzwischen mehr als 120 Nobelpreisträgern, Gentechnik nicht weiter zu blockieren. Albani mahnt:

“Es ist unsere Verantwortung, das Verhältnis zwischen Chancen und Risiken, Forschen und Folgenabschätzung, Hoffnung und Sorgen wieder ins Lot zu bringen – auf der Basis von Fakten.”

Was hat die Opposition für Argumente? Eigentlich keine, außer zu repetieren, dass Gentechnik irgendwie schlecht ist und flächendeckend verboten gehört.

Illustriert wird das mit Grimassen auf Maiskolben – postfaktisch halt: Bildchen reichen, um die negativen Ressentiments anzutriggern, die man mit Angstpropaganda während der letzen 20 Jahre aufgebaut hat.

Früher, so vor rund 20 Jahren, gehörte das Thema Gentechnik zum Bereich des forschungspolitischen Sprechers der Grünen Bundestagsfraktion in Person von Manuel Kiper. Der promovierte Molekularbiologe wurde 1997 mit einem bemerkenswerten Satz im Spiegel zitiert:

“Ich halte es für falsch, bei den Leuten Panik zu schüren. (…) Auf den Feldern wachsen keine Horrorpflanzen heran.”

Und weiter heißt es dort:

“In der Furcht vor Gentechnik sieht der Grüne Kiper eine Parallele zur früheren Ablehnung der Informationstechnik. “Vor elf Jahren beschlossen wir gleichzeitig einen Computerboykott und ein Verbot der Gentechnik, kompromißlos. Die Computer kamen trotzdem. Heute surfen alle im Internet – und lachen über den Computerboykott von gestern.” Nun müßten die Grünen auch endlich aufhören, fordert Kiper, die Gentechnik “pauschal zu verteufeln”.”

Jawohl, dem kann ich zustimmen: Jetzt, spätestens – knapp 20 Jahre nachdem diese Forderung geäußert wurde – sollten die Grünen dringend aufhören, Gentechnik pauschal zu verteufeln. Gute Gründe gibt es dafür nämlich nicht.

 

Links:

25 Jahre BMBF-Forschungsprogramme zur biologischen Sicherheitsforschung

A decade of EU-funded GMO research (2001 – 2010)

• Transgene Pflanzen für die Ernährungssicherung im Kontext der internationalen Entwicklung. Ergebnisse der Studienwoche der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften

UNION DER DEUTSCHEN AKADEMIEN DER WISSENSCHAFTEN: Memorandum erarbeitet im Auftrag der GMO Initiative des InterAcademy Panel. Gibt es Risiken für den Verbraucher beim Verzehr von Nahrungsprodukten aus gentechnisch veränderten Pflanzen?

Liste von mehr als 275 Organisationen und wissenschaftlichen Instituten, die bestätigen, dass Grüne Gentechnik sicher ist

Laureates Letter Supporting Precision Agriculture (GMOs)

 

Zum Bild: Sehen die Kolben nicht furchtbar künstlich aus? Das ist aber kein gentechnisch veränderter Mais, sondern Mais der Sorte Glass Gem aus meinem Garten.