Senf-Dazugabe


Meine Twitter-Timeline ist derzeit voll mit reuigen Beiträgen von mehr oder weniger betroffenen Journalist*innen, die sich jetzt zum Fall Relotius äußern, dem großen Fälschungsskandal beim Hamburger Nachrichtenmagazin Der Spiegel. Mein anfängliches Staunen über das Ausmaß des Branchen-Supergaus wandelte sich in den letzten Tagen in zunehmenden Ärger. Denn die Selbstanalyse der Medien offenbart ihr eigentliches Problem: Einen chronischen Mangel an Demut. Und mein Eindruck ist, dass der Fall Relotius an diesem Defizit mittel- und langfristig nichts ändern wird. Daher gebe ich jetzt auch mal meinen Senf dazu:

„Die gefährlichsten Unwahrheiten sind Wahrheiten mäßig entstellt“, schrieb Georg Christoph Lichtenberg in seinen Sudelbüchern. Nicht die großen Lügen sind m.E. heute das Problem, sondern die kleinen Schlampereien: Mangelnde Sorgfalt bei der Wahl der Wörter sowie der Formulierung von Sätzen, Gedankenlosigkeit bei der Bildauswahl, naive Kritiklosigkeit bei der Übernahme von NGO-Verlautbarungen und Agenturmeldungen, unambitioniertes Abschreiben bei den Kolleginnen und Kollegen anderer Blätter. Und darüber hinaus gibt die Gesinnungskrieger, die ihren Lesern und Zuschauern kompromisslos ihr Weltbild und ihre Perspektive aufdrängen.

Ich habe hier im Blog zahlreiche Beispiele aufgearbeitet, wo Presse, Funk und Fernsehen ungenau gearbeitet haben, und zwar so ungenau, dass sie die Wahrheit aus meiner Sicht verfälscht haben. Hier eine Auswahl:

Falls überhaupt Reaktionen der betreffenden Medienschaffenden zurückkamen, dann hatten die eines gemeinsam: Uneinsichtigkeit. Ich habe auch schon Beschwerden an den Deutschen Presserat verfasst oder Programmbeschwerden bei öffentlichen Rundfunkanstalten eingereicht. Bis auf eine Ausnahme wurden diese Eingaben alle abgewiesen.

bauernRadS

Quelle: Die Zeit

Die eine Ausnahme war ein Artikel in der Wochenzeitung Die Zeit, zu dem der Presserat einen Hinweis aussprach. Dieser Hinweis hat allerdings nicht verhindert, dass der Beitrag wenige Wochen nach der Entscheidung des Presserates mit dem Ernst-Schneider-Preis 2015 für den besten Wirtschaftsjournalismus in überregionalen Printmedien“ ausgezeichnet wurde.

Das wirft die Frage auf: Nimmt die Print-Branche das eigene freiwillige Selbstkontrollorgan überhaupt ernst? Oder: Nimmt sie diese Instanz überhaupt zur Kenntnis? So ein Bisschen ist der Presserat an seiner Bedeutungslosigkeit auch selbst schuld. Aus der Begründung der oben erwähnten Entscheidung:

„Bezüglich der Behauptung, Bauern kippten Antibiotika in ihren fast hermetisch abgeriegelten Ställen ins Trinkwasser der Schweine, stehen sich die gegensätzlichen Sichtweisen von Beschwerdeführern und Beschwerdegegner gegenüber. Der Beschwerdeausschuss kann nicht darüber entscheiden, welche dieser beiden Sichtweisen zutreffend ist. Die Tatsache, dass Antibiotika nur im Krankheitsfall nach Beschreibung zum Einsatz kommen dürfen, schließt jedenfalls nicht aus, dass sich einige Landwirte rechtswidrig verhalten oder in Grauzonen operieren. Da hier ausdrücklich nicht die Formulierung „alle Bauern“ verwendet worden ist, wird durch den Beschwerdegegner in seiner Darstellung nicht pauschalisiert allen Mitgliedern dieser Berufsgruppe ein rechtswidriges Verhalten unterstellt oder ein ganzer Berufsstand diskriminiert. (…) Ob schließlich einzelne Bauern, wenn auch rechtswidrig, „Antibiotika […] ins Trinkwasser der Schweine kippen“, ist mit den Mitteln des Presserats nicht aufklärbar.“

In den Beschwerdeausschüssen des Presserats sitzen erfahrene Journalistinnen und Journalisten. Nun frage ich mich: Wenn diese Experten nicht in der Lage sind, den Wahrheitsgehalt einer einfachen Aussage („Bauern kippen …“) zu überprüfen, wie können andere Journalisten überhaupt zu der Überzeugung gelangen, dass der beschriebene Sachverhalt zutrifft? Sprich: Was haben die da eigentlich recherchiert und warum ist diese Recherche nicht reproduzierbar? Und wenn eine Recherche nicht reproduzierbar ist, ist das nicht auch ein Grund, hier auf mangelnde Sorgfalt hinzuweisen?

Ein weiteres Problem des Presserates ist, dass die Forderung nach Trennung von Berichterstattung und Meinung nicht im Pressekodex aufgeführt ist. In der Schweiz zum Beispiel ist das anders. Im Journalistenkodex steht unter „Richtlinie 2.3 – Trennung von Fakten und Kommentar„:

„Journalistinnen und Journalisten achten darauf, dass das Publikum zwischen Fakten und kommentierenden, kritisierenden Einschätzungen unterscheiden kann.“

Wenn eine solche Passage auch im deutschen Pressekodex aufgeführt wäre, könnte man bei Beschwerden darauf verweisen. Die Leserinnen und Leser der in Deutschland erscheinenden Printprodukte müssen die zum Teil unverblümt dreiste Verquickung von Bericht und Meinung hinnehmen. So bekam ich als Antwort vom Presserat auf meine seitenlange Beschwerde zu einem unverschämt polemischen Bericht über den damaligen Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt im Spiegel („Der Ignorant„) den lapidaren Kommentar:

„Nach eingehender Prüfung der von Ihnen genannten Punkte sind wir überwiegend der Meinung, dass es sich um einen Expertenstreit handelt. Sie vertreten hier eine grundsätzlich andere Auffassung als die Autorin des Textes. Wesentliche Fakten, die falsch oder unsorgfältig recherchiert wären, konnten wir nicht ausmachen.“

Von den gut 30 Einzelpunkten, die ich aufgeführt hatte, hatte man sich 2 (in Worten: „zwei“) näher angesehen. Das ist – gelinde gesagt – ernüchternd.

Man sollte meinen, so ein Presserat wäre in der Lage, zu entscheiden, ob jemand seine Darstellung überzieht oder nicht. Oder: Warum können die nicht sagen, was ist? Die Frage drängt sich auf, ob das überhaupt gewollt ist. Aber solange die Selbstkontrolle zahnlos ist, bleibt auch den Medienkonsumenten wenig Möglichkeit, sich gegen mangelnde Qualität zur Wehr zu setzen. Das hinterlässt ein Gefühl der Ohnmacht und öffnet den „Lügenpresse“-Schreiern Tür und Tor. Die Medien-Akteure täten gut daran, mehr auf Leser und Zuschauer zu hören und die Kritik auch einmal anzunehmen.

Hätte die Verantwortlichen vom Spiegel die Tweets von Michele Anderson im April 2017 zur Kenntnis genommen, wäre Claas Relotius vielleicht deutlich eher aufgeflogen. Die NZZ veröffentlichte Anfang 2014 einen Beitrag von Claas Relotius und verzichtete auf die weitere Zusammenarbeit mit ihm, nachdem eine Leserin auf Unstimmigkeiten in diesem Beitrag hingewiesen hatte.

Überall, wo Menschen schaffen, passieren auch Fehler. Das ist verzeihlich, wenn Fehler eingestanden werden und sich bemüht wird, diese abzustellen. Das meine ich mit „Demut“: Es braucht wieder Demut der Aufgabe gegenüber, den Mächtigen auf die Finger zu sehen und sachliche Informationen zu liefern. Und es braucht wieder Demut den Zuschauern und Lesern gegenüber, für die schließlich die Medien produziert werden. Dass es jetzt mit Relotius einen Multi-Preisträger erwischt hat, lässt mich etwas hoffen, dass sich vielleicht doch etwas ändert. Denn hier wird eine im Journalismus wichtige Triebfeder tangiert: Eitelkeit. Das Schmücken mit Preisen hat sich als Holzweg erwiesen. Wie wäre es mit einer Rückbesinnung auf solides Handwerk?

Bildnachweis: Pitopia

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Kategorien:Journalismus allgemein, Medien, TransparenzSchlagwörter:, , , , , , , , ,

2 Kommentare

  1. Das ist eine gute „Verallgemeinerung“ dieses Presseskandals, der vielfach als „Relotius-Skandal“ verharmlost wird. Wir haben es, wie Schillipaeppa richtig feststellt, nicht mit einem „Ausnahmejournalisten“ zu tun, sondern mit einem deutlich breiteren, allgemeineren Problem.
    Dehalb erlaube ich mir eine kleine Kritik zu dem Artikel: Wenn man sich die „Literatur“ von Relotius und ähnlichen Kollegen ansieht, kann man keineswegs von „Schlamperei“ bei der Recherche sprechen. Die Fälschungen beruhen nicht etwa auf Nachlässigkeit oder auf Faulheit, journalistisch professionell nachzufragen. Sie beruhen auf sorgfältiger Manipulation von Kleinigkeiten, die, jede für sich genommen, als „Schlamperei“ oder Nachlässigkeit gelten könnte. In der Gesamtheit zeichnen sie aber ein perfektes Gesamtbild, das der Intention der entsprechenden Journalisten, nicht aber der Wahrheit entspricht. Das ist keine Schlamperei sondern professioneller manipulativer Journalismus.

    Ein etwas zynischer Kommentar: was ist eigentlich gegen den Ausdruck „Lügenpresse“ einzuwenden? Wendet man die Begründung des Presserat zum Thema Bauern und Antibiotika an, so wird damit keineswegs pauschalisierend die gesamt Presse bezeichnet, sondern sehr spezifisch die, welche Lügen verbreitet. Und die gibt es eindeutig.

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