Shiva, Künast und „The Great Reset“

„Vandana Shiva zeigt uns auf, wie wichtig es ist, Bedingungen und Folgen des Wirtschaftens zu kennen. Wissen ist der zentrale erste Schritt für unser eigenes Engagement. Dieses Buch bietet so viele spannende Beispiele von Mut und Kreativität zum gemeinsamen Handeln.“

Vorwort zu „Terra Viva. Mein Leben für eine lebendige Erde.“

Diese Zeilen schrieb die Ex-Landwirtschaftsministerin Renate Künast (Bündnis 90/Die Grünen) im August 2022. Künast verfasste das Vorwort zur deutschen Ausgabe von „Terra Viva“, der jetzt erschienenen Biographie der indischen Aktivistin Vandana Shiva. – Shiva macht sich gemein mit Impfgegnern und unterstützt deren Verschwörungstheorien. Sie betreibt Holocaust-Verharmlosung und hat die Regierung in Sri Lanka bei der Umstellung auf Ökolandbau unterstützt, was letztlich die Wirtschaft im Land zusammen brechen ließ und zu einer humanitären Krise führte. Und trotzdem beschreiben Grüne in Deutschland Vandana Shiva weiterhin als Glanzgestalt und Vorbild. Muss man das verstehen?

Der Reihe nach: Im Zuge der Corona-Pandemie entstanden verschiedene Verschwörungstheorien, wie die Pandemie von diversen Eliten für eigene Zwecke missbraucht werde, eine davon ist die vom sogenannten Great Reset („Großer Umbruch“). Was steckt dahinter? Das Weltwirtschaftsforum unter der Leitung seines Gründers Klaus Schwab wolle die Corona-Pandemie als Chance begreifen, die Entwicklungen in der Welt hin zu mehr Nachhaltigkeit zu gestalten und gründete eine Initiative mit dem Namen „The Great Reset„. Dieses Vorhaben wurde von verschiedenen Gruppen ausgenutzt, um daraus eine Verschwörungstheorie zu spinnen, die globalen Finanzeliten hätten die Corona-Pandemie geplant, um die Macht zu übernehmen. Der Begriff „Great Reset“ schaffte es sogar ins letzte Bundestagswahlprogramm der AfD (ebd. S. 174).

Das Ziel der ursprünglichen Initiative formulierte Klaus Schwab gemeinsam mit Co-Autor Thierry Malleret im seinem Buch „COVID-19: Der Große Umbruch“, das im Juli 2020 erschienen ist:

„Es geht darum, die Welt weniger gespalten, weniger verschmutzend, weniger zerstörerisch, integrativer, gerechter und fairer zu machen, als wir sie in der Zeit vor der Pandemie hinter uns gelassen haben.“

Das sind Ziele, die eine Aktivistin wie Vandana Shiva eigentlich unterschreiben müsste, doch ihr scheint eine Initiative, in der auch Wirtschaftsführer eingebunden sind, vermutlich suspekt und so bezeichnet sie das Projekt in einem Interview mit dem britischen Schauspieler Russell Brand unverwunden als „Projekt zur Ausrottung“:

Wer die rund neun Minuten geballten Schwachsinns nicht erträgt, der kann auch gerne diese deutschsprachige Zusammenfassung lesen: Vandana Shiva: Der Great Reset ist “ein Projekt zur Ausrottung”.

Screenshot „The Defender“

Die Plattform „The Defender“ wird von US-amerikanischen Impfgegnern betrieben. Die NGO Children’s Health Defense wurde gegründet und wird geleitet von Robert F. Kennedy Jr., Rechtsanwalt und Sohn des gleichnamigen US-Senators. In Deutschland fiel Robert F. Kennedy Jr. zuletzt negativ bei einer Demo von Corona-Leugnern auf.

Shiva und Kennedy verbindet der Hass auf Microsoft-Gründer Bill Gates und weitere Industrie- und Finanzunternehmen, wie ein Gespräch der Beiden auf „The Defender“ dokumentiert. Immerhin löste dieses Interview und der Auftritt Kennedys in Berlin bei Renate Künast zumindest einige Skrupel aus:

Skrupel hätte allerdings längst ein Interview auslösen sollen, das Shiva im Herbst 2019 im Französischen Fernsehen gab. Sie streitet mit dem Moderator über die Intention bei der Produktion von Pflanzenschutzmitteln, hier ein Auszug:

Shiva: „The entry of corporations into agriculture is so wrong because the corporations only bring poisons. Most of them have roots in Hitler‘s Germany in making gases to kill people in concentration camps.“
Perelman: „But that was not their aim, the aim was to give people enough…“
Shiva: „No, no, the aim was to make chemicals that kill people. After the wars they said. Why should we stop making these chemicals? Let’s see: Now they kill pests, they will give food fertilizer. Fertilizers were made in the same factories that made explosives and ammunition for Hitler’s Germany.“
Perelman: „But that is not the same goal.“
Shiva: „The companies are the same and the processes are the same. So, your rhetoric might change, but the goal does not, the materiality of a death making chemical doesn’t change when you say it’s now for feeding the world.“

Quelle (ab Minute 3:10): https://www.france24.com/en/20191023-bill-gates-is-continuing-the-work-of-monsanto-vandana-shiva-tells-france-24-1?

Shiva stellt hier die heutige Produktion von Pflanzenschutzmitteln gleich mit der Produktion des Gases, mit dem während des Holocausts Juden ermordet worden sind. Wenige Monate nach der Ausstrahlung dieses Interviews begleitete die „wunderbare“ Vandana Shiva Renate Künast auf der alljährlichen Demo „Wir haben es satt“ in Berlin:

Immerhin: Brot für die Welt, eine Einrichtung, die jahrelang mit Vandana Shiva zusammen gearbeitet hat, hat sich zumindest auf Twitter von der Aktivistin anlässlich ihrer Äußerungen im Gespräch mit Kennedy distanziert:

Wellen geschlagen hat dies allerdings nicht. Noch in diesem Sommer war Vandana Shiva zu Gast bei der Carl-von-Carlowitz-Gesellschaft e.V. und erhielt den Nachhaltigkeitspreis 2021 dieses Vereins – finanziell gefördert mit Steuergeldern des Landes Sachsen und gewürdigt von Wolfram Günther (Bündnis 90/Die Grünen), Sächsischer Staatsminister für Energie, Klimaschutz, Umwelt und Landwirtschaft. Prof. Dr. Hubert Weiger, langjähriger Vorsitzender des BUND, sonnte sich anlässlich dieser Veranstaltung in ihrem Glanze:

Äußerst irritierend dabei ist, dass Shiva auch immer gern gesehener Gast an Universitäten ist. So berichtet auch die Technische Universität Dresden von einem Besuch im letzten Sommer. Besonders bemerkenswert seien Dr. Vandana Shivas Bemerkungen zur zunehmenden Unsicherheit in unserer Zeit gewesen heißt es darin: „Sie betrachtet Unsicherheit als untrennbaren Bestandteil des Lebens, der immer auch eine Chance und einen Freiheitsgewinn darstellt.“ Das würde ein Klaus Schwab vermutlich glatt unterschreiben.

Vandana Shiva wählt ihre Worte sehr bewusst und orientiert sich stets an ihrer jeweiligen Zuhörerschaft. Ich glaube nicht, dass sie vor einem Auditorium in Deutschland Bezüge zum dritten Reich herstellen würde oder sich in Behauptungen versteigen würde, Bill Gates pflege über seine philanthropischen Bemühungen u.a. für Impfkampagnen in Entwicklungsländern, eine neue Form des Imperialismus („Philanthrocapitalism“). Man kann diese zahlreichen Entgleisungen aber leicht im Internet und in den sozialen Netzwerken finden – wenn man will.

Links

• Faktenfuchs: Die Verschwörungstheorie zu „The Great Reset“ – Doku von BR24
Seeds of Doubt – eine der wenigen kritischen Beiträge über Vandana Shiva (Michael Spector im „New Yorker“)

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