Leserbrief an “DER SPIEGEL” zu “Totgespritzt”, Heft 24, S. 118

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich bin enttäuscht, dass Sie die Forschungsergebnisse der genannten Wissenschaftler nicht für den Leser einordnen und gewichten. Prof. Dr. Monika Krüger stellt die Vermutung auf, dass Glyphosat für das Krankheitsbild des sogenannten Chronischen Botulismus bei Rindern verantwortlich ist. Sie steht mit dieser Hypothese in der deutschsprachigen Wissenschaftslandschaft alleine da. Eine große öffentlich finanzierte Studie über Botulismus konnte den Zusammenhang nicht bestätigen:https://ibei.tiho-hannover.de/botulismus/dokumente/Abstracts_Abschluss-Symposium_12.09.2014.pdf. Krügers Hypothese erklärt auch nicht, dass sich die Botulismus-Fälle in Niedersachsen und Schleswig-Holstein häufen. Denn Futtermittel, die pflanzliche Produkte enthalten, die irgendwann mit Glyphosat in Kontakt gekommen sind, werden bundesweit gleichermaßen gefüttert. Gleiches gilt übrigens für die Gesundheitsprobleme bei den Kühen von Bauer Voss oder die missgebildeten Ferkel von Schweinehalter Pedersen. Sojaextraktionsschrot gehört zur Standarddiät tragender Sauen. Missbildungen müssten dann überall vorkommen, ist aber nicht so. Die Genetik und Schimmelpilze im Futter könnten genauso gut Ursache sein. Es wird nicht klar, warum ausgerechnet Glyphosat für die Gesundheitsprobleme bei den Kühen und Schweinen verantwortlich sein soll. Wenn man sich ansieht, auf wie viele Stoffe die Futtermittel in Deutschland amtlich untersucht werden (http://www.bmel.de/SharedDocs/Downloads/Tier/Futtermittel/Futtermittel-Jahresueberwachung-2013-Lang.pdf?__blob=publicationFile), findet man Dutzende anderer Chemikalien oder Pilzgifte, die grundsätzlich auch als Übeltäter in Frage kommen.

Einer Studie von Frau Prof. Dr. Krüger über Milchkühe in Dänemark werden zudem methodische Mängel (z.B. fehlende Kontrollgruppe) nachgesagt. Hierzu gibt es eine Stellungnahme vom Bundesamt für Risikobewertung (BfR): http://www.bfr.bund.de/cm/343/erste-einschaetzung-von-glyphosatfunden-im-urin-von-milchkuehen.pdf. Gerne zitiert Frau Prof. Dr. Krüger auch Namen wie „Huber“, „Séralini“, „Carrasco“ und „Paganelli“. Das sind alles erklärte Glyphosat-Gegner, die mit einer Studie nach der anderen scheinbar endgültig die Schädlichkeit des Wirkstoffs beweisen wollen. Ihnen stehen allerdings Tausende von Arbeiten gegenüber, die ihren Generalverdacht nicht bestätigen können. Ach ja, die sind ja alle von Monsanto bezahlt … Glauben Sie im Ernst, dass man wissenschaftlichen Konsens kaufen kann? Immerhin schaffen es die Glyphosat-Gegner spielend leicht ins Fernsehen oder in die Presse, und zwar eigentlich ohne wirklich wissenschaftlich Bahnbrechendes geleistet zu haben. Séralini wird auch nicht nur „kritisiert“, mein Eindruck ist, er wird in der Fachwelt gar nicht mehr ernst genommen: So wird die in Ihrem Text ausführlich beschriebene Fütterungsstudie an Ratten von deutschen Statistikern in drei Absätzen einfach weggewischt: http://www.rwi-essen.de/unstatistik/11/. Der Vollständigkeit halber: Sikkation mit Glyphosat einfach nur zur Ernteerleichterung ist in Deutschland nicht mehr zulässig, siehe: http://www.bvl.bund.de/DE/04_Pflanzenschutzmittel/05_Fachmeldungen/2014/2014_05_21_Fa_Neue_Anwendung_Glyphosat.html.

Und noch ein Gedanke: Eventuell haben die großen Konzerne gar kein Interesse daran, den Wirkstoff Glyphosat weiter im Portfolio anzubieten: Die Patente sind lange abgelaufen, die Preise niedrig (günstiges Generika-Glyphosat aus China dominiert den Markt), Zeit für Innovation! Ein Verbot oder eine Anwendungseinschränkung von Glyphosat würde den großen Agrarchemiekonzernen nur in die Hände spielen. Eventuell könnte sich DER SPIEGEL mal mit dieser Facette des Themas auseinander setzen, alles andere habe ich eigentlich schon im Fernsehen gesehen.

2 thoughts on “Leserbrief an “DER SPIEGEL” zu “Totgespritzt”, Heft 24, S. 118

  1. Die ominöse Studie von Prof. Dr. Monika Krüger in dem zweifelhaften Journal hat Kevin Folta von der University of Gainesville, FL, hier auseinander genommen: http://kfolta.blogspot.de/2014/08/danish-pigs-accumulate-glyphosate.html Da die Studie gänzlich ohne Kontrollen auskommt und darüber hinaus zahlreiche andere Faktoren nicht berücksichtigt, ist sie schon deswegen unwissenschaftlich und vollkommen wertlos – wissenschaftlich jedenfalls. Für die Anti-GMO-Propaganda ist sie hingegen von großem Wert: “wissenschaftliche Veröffentlichung”. Da spielt es keine Rolle, dass die OMICS-Journals völlig ohne Peer Review auskommen.

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