Happy New Year!

So ein Jahreswechsel bietet Anlass, um in Ruhe einmal ein paar Dinge zu betrachten: Bilanz ziehen über das vergangene Jahr, Pläne schmieden, Erwartungen formulieren, Standpunkte schärfen. Ich habe mir zwei Neujahrsansprachen von Regierungschefs angesehen:  die von „unserer Kanzlerin“ Angela Merkel und die von Großbritanniens frisch gekürtem Premierminister Boris Johnson. Die beiden Reden könnten unterschiedlicher nicht sein.

Zur Textfassung

Zur Textfassung (Achtung: Das gesprochene Wort ist wesentlich kürzer.)

Merkels Rede ist so ambitioniert wie das Grußwort eines Ortsvorstehers bei der Jahreshauptversammlung der örtlichen Feuerwehr: Ein wenig Rückblick, ein wenig Ausblick, Zuversicht und ganz viel Dankeschön sowie gute Wünsche für alle. Die Allgemeinplätze über Klimaschutz und Menschenwürde wären auch in keiner kirchlichen Sonntagspredigt fehl am Platze, irgendwie originell sind sie jedenfalls nicht. Die Ansprache ist insofern für Merkel typisch, dass sie keine Angriffsfläche bietet.

Johnsons über die Sozialen Medien verbreitete Video-Botschaft ist wesentlich kürzer und pointierter als die Textfassung auf der Website von 10 Downing Street. Die britischen Medien haben in ihrer Berichterstattung darüber nahezu geschlossen nicht unerwähnt gelassen, dass der Premier in der Karibik weilte, während die Botschaft verbreitet wurde. Kritisiert wurde zudem, dass die Textvorlage schlichtweg bestimmte längst widerlegte Claims aus dem Wahlkampf wiederholt („At long last we will take back control of our laws, borders, money and trade.“) Was mich beeindruckt hat, war die Zuversicht, die Johnson ausstrahlt – angesichts des Himmelfahrtskommandos, das er vor sich hat. Beginnend mit der Anrede „Hello folks“ („Hallo Leute“) hat das was von Hemdsärmel aufkrempeln und loslegen. Er betont die Einigkeit der Briten und verspricht Sicherheit („keine weiteren Wahlen, keine weiteren Referenden mehr“). Boris Johnson gibt einen recht konkreten Ausblick darauf, was er vorhat (das Gesundheitssystem NHS stärken, Bildung, Wissenschaft und Infrastruktur ausbauen), und erwähnt im Ausblick sowohl Sportereignisse als auch den nächsten Klimagipfel, der 2020 in Glasgow stattfinden wird. Zielvorgabe: „making our streets safer, our environment cleaner and your union stronger“, sein Appell: „Together, folks, let’s make 2020 the start of something special“ – und das alles in weniger als drei Minuten.

Natürlich ist fraglich, ob Boris Johnson seine Versprechen wird einlösen können. Ob es etwa in Schottland nicht noch ein weiteres Referendum zur Unabhängigkeit von Großbritannien geben wird, liegt letztlich gar nicht in seiner Hand. Aber der Premierminister bietet immerhin eine Art Fahrplan an, während Merkel mal wieder alles zu Brei redet. Beispiel Klimaschutz, die Kanzlerin sagt: „Das gerade beschlossene Gesetz bietet dazu den – im Wortsinne – Not-wendigen Rahmen.“ Aha, war’s das? Oder kommt da jetzt noch etwas? Wie so oft lässt sich Merkel alle Optionen offen. Diese Konturlosigkeit lähmt inzwischen eine ganze Republik. Aus den öffentlichen Debatten hält sich die Kanzlerin seit Jahren raus. Gut ist das nicht. So eine Haltung lässt die Bürger ohne Perspektive zurück.

Daher wünsche ich mir für 2020 mehr Politikerinnen und Politiker mit Rückgrat. Helfen könnte, wenn Pressevertreter und Medienschaffende nicht jeden Ausrutscher so gnadenlos ausschlachten würden. Fehler sind menschlich. Boris Johnson mag ein Populist sein, aber davor, dass er die Pattsituation im Parlament durch Neuwahlen aufgelöst hat, habe ich Respekt. Wir dürfen gespannt sein, ob und in welcher Funktion beide – Merkel und Johnson – auch zum nächsten Jahreswechsel Ansprachen halten werden.

 

 

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